# 39. Kap. Maria: Quelle göttlicher Heilkraft

Jesus von Nazareth, der als „großer Arzt“ (Christus medicus) nach dem Neuen Testament wunderbare Heilungen vollbrachte, wurde im christlichen Abendland auch im medizinischen Denken zur alles bestimmenden Leitfigur, insbesondere in der Klostermedizin.[1] Die vier Evangelien berichten, wie Jesus u. a. Gelähmte und Blinde durch seine bloße Anwesenheit oder durch köperliche Berührung von ihren Leiden befreit hat. Was hier beschrieben wird, gehört zum Kern christlicher Überlieferung. Er ist theologisch auszulegen, entzieht sich aber dem historiographischen oder psychologischen Zugriff. Jesus wandte seine Exorzismus-Rituale bei denjenigen an, deren Erkrankung er als Ausdruck von Besessenheit begriff: „Fahre aus, du unsauberer Geist, von dem Menschen! […] Und es war daselbst an den Bergen eine große Herde von Säuen auf der Weide. Und die Teufel baten ihn alle und sprachen: ‚Lass uns in die Säue fahren!’ Und alsbald erlaubte es ihnen Jesus. Da fuhren die unsauberen Geister aus und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich von dem Abhang ins Meer“.[2] Heilen wurde fortan zu einem christlichen Missionsauftrag, zum Handeln in der Nachfolge Christi. Diese Imitatio Christi stand – neben Gebet, Heiligenverehrung und Reliquienkult – in der religiösen Heilkunde des Abendlands im Mittelpunkt.

Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass die Figur des Christus medicus in der Tradition der antiken Heilgötter stand und gewissermaßen in die Fußstapfen von Asklepios trat. Für unsere Thematik wichtiger aber ist Maria als Muttergottes, die eine überragende Bedeutung für die christliche Heilkunde erlangte. Maria wurde als göttliche Vermittlerin verehrt, die sich für Menschen in Not bei Gott einsetzte und ihnen half. Ausmaß und Intensität ihrer Verehrung übertraf bei weitem die der Heiligen. Sie wurde vor allem in der bildenden Kunst und in der Volksfrömmigkeit in verschiedener Gestalt verehrt und mit unterschiedlichem Begehren angerufen. Ihre Popularität dauert ungebrochen bis heute an und ist im römisch-katholischen Selbstverständnis fest verankert.[3] In den beiden nachfolgenden Kapiteln soll zum einen der Figur der Maria die der Natura gegenübergestellt, zum anderen die merkwürdige Vermischung beider Figuren in der Literatur der Medizin und Naturforschung aufgezeigt werden.


[1] Fichtner, 1982; J. Neumann, 1996. [2] Mk 5,8 u. 11-13; http://www.godrules.net/library/IndoEuropean/germanL/germanLmar5.htm (16.07.2012) [3] Grün, 2006.

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