39. Kap./2 * „Mutterherz Gottes“

Maria wurde auch als „Mutter-Hertze Gottes“ verehrt. So formulierte der protestantische Prediger Martin Hyller in seinem Gebetbuch: „Und kan denn iemand weniger eines Kindes vergessen / und sich mehr über ein Kinde erbarmen / als eine Mutter? Denn Kinder kommen ja von Hertzen / und gehen wieder zu Hertzen.“[4] Das Titelblatt zeigt ein flammendes Herz auf einem altarartigen Postament, neben dem links Christus und rechts Maria mit Kind auf dem Arm stehen. (Abb. [iii]) Mutterliebe sei essentieller als Vaterliebe, ein Argument für Marias „süße Liebesflamme“: „Aber nimmermehr brennet die süsse Liebesflamme so gewaltig und heiß in dem lieben Vaterhertz / als in dem hochgerühmten und liebelichen Mutterhertz / darunter sie das liebe Kind getragen / und ihm auch mit der Mütterlichen Nahrung/ ihre holdselige Liebesflämlein aus ihrem Hertzen zugleich mit einflöst und einpflantzet.“[5]

Ab dem 19. Jahrhundert spielte Maria als die himmlische Frau zwar noch eine gewisse Rolle im theologischen Diskurs, aber die Intensität der Marienverehrung – sehen wir einmal von spektakulären Marienerscheinungen wie der in Lourdes ab (siehe unten)  – wie sie noch in der frühen Neuzeit zu spüren war, hatte durch die Philosophie der Aufklärung nachgelassen. So tauchten in der Mitte des 18. Jahrhunderts nüchterne pragmatische Ratgeber „zu einem frommen und heiligen Leben“ auf dem Büchermarkt auf, wie zum Beispiel der des englischen Theologen William Law. Als die deutsche Übersetzung seiner Schrift von 1726 im Jahre 1756 erschien – die ersten fünf Seiten wurden von Gotthold Ephraim Lessing übersetzt[6] –, war darin von Marienverehrung oder mystischen Spekulationen à la Jakob Böhme nichts zu finden.[7] Der Autor hatte aber inzwischen durch die Begegnung mit Böhmes Schriften eine Wende zur Theosophie vollzogen, wie sein Spätwerk zeigt.[8]

Im Deutschen Idealismus verlor die Marienverehrung gewissermaßen ihren Heiligenschein. Hegel mochte schließlich keine Gemeinsamkeit mehr zwischen Isis mit dem Horusknaben und Maria mit dem Jesuskinde sehen. Der innere, geistige Sinn der Ägypter sei „noch so verdumpft, daß er nicht das Bedürfnis der Präzision einer wahren und lebendigen, bis zur Bestimmtheit durchgeführten Darstellung hegt, zu welcher das anschauende Subjekt nichts hinzuzutun, sondern sich nur, da vom Künstler alles gegeben ist, empfangend und reproduzierend zu verhalten braucht.“[9] Hegel, der im „Bilderdienst“ und „Reliquiendienst“  einen Ausdruck der absoluten Unfreiheit sah, da durch sie das Vermittelnde zwischen Mensch und Gott nur „als etwas Äußerliches“ aufgefasst worden sei, entkleidete Maria ihres göttlichen Glanzes: „Sie ist allerdings das schöne Bild der reinen Liebe, der Mutterliebe“, worüber jedoch der Geist und das Denken, die „Anbetung Gottes im Geiste“ verloren gegangen sei.[10] In dieser Sicht erschien Maria letztlich als ein Trugbild, als Symbol der Unfreiheit, des Un-Geistes.

Gegenwärtig ist ein Wandel im theologischen Marienbild festzustellen: Im Vordergrund steht nicht mehr das Ideal der Keuschheit und der Mutterschaft, nicht mehr ihr Frau-Sein, vielmehr erscheint Maria als „Paradigma des glaubenden Menschen schlechthin.“[11] Das Gläubig-Sein „unserer Schwester im Glauben“ wird somit zum entscheidenden Merkmal.[12] So imponiert sie im Ausgang von Dei Verbum, der dogmatischen Erklärung des II. Vatikanischen Konzils von 1965, in Kreisen von missionarischen Gemeinschaften weniger als Muttergottes und Himmelskönigin in der traditionellen Perspektive der „Privilegien-“ bzw. „Miterlöserschaftsmariologie“, als vielmehr in ihrer Bedeutung als „Urbild der Kirche“, als „exemplarische Jüngerin ihres Sohnes“ und somit als „Idealfall kirchlicher Berufung“.[13]

Maria ist bis zum heutigen Tage Gegenstand des theologischen Diskurses geblieben. Erst 1950 verkündete Papst Pius XII das Dogma der Aufnahme Marias in den Himmel (assumptio corporalis), womit ihr endgültig göttlicher Rang zugesprochen wurde.[14] Neuere russische Theologen vertreten eher eine kosmologische Theologie und verbinden die Weisheit Gottes (sophia) mit der Muttergottes.[15] Die feministische Mariologie schwankt zwischen verschiedenen Typisierungen, insbesondere zwischen Maria, dem von der Männerkirche gepflegten repressiven Idealbild der Frau einerseits, und Maria, dem schwesterlichen Symbol der Befreiung andererseits.[16] Maria als Symbol der Befreiung zu sehen, bedeutete gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Umkehrung der traditionellen Sichtweise, in der sie als „Symbol der Unterdrückung weiblicher Bedürfnisse“ wahrgenommen wurde.[17] In diesem Sinne meinte Simone de Beauvoir im Hinblick auf die nur passive Aufnahme Marias in den Himmel: „Der höchste Sieg der Männlichkeit vollendet sich im Marienkult: er bedeutet die Rehabilitierung der Frau durch die Vollkommenheit ihrer Niederlage.“[18] Sie erblickte in der christlichen Mariologie eine Erniedrigung: „Zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit kniet die Mutter vor dem Sohne und erkennt aus freien Stücken ihre Unterlegenheit an.“[19] Nur als „Magd“ erhalte die Frau „ein Recht auf die strahlendsten Apotheosen.“ Freilich wird Maria als Himmelskönigin in feministisch-theologischer Sicht inzwischen eher wieder positiv gesehen, was mit dem Interesse an matriarchalen Religionen und dem Einfluss neopaganer Naturreligionen wie  z. B. Wicca zusammenhängen mag (Kap. 13). Im Zusammenhang damit wird auch innerhalb der christlichen Theologie  die These von der „Weiblichkeit Gottes“ diskutiert.[20] In dieser Perspektive wird die Himmelfahrt Marias sogar als eine Art Heilige Hochzeit gesehen, als Symbol für die transzendentalen weiblichen Kräfte, die in den Kosmos reichen und Irdisches mit Überirdischem vermählen.[21] Von der Sächlichkeit Gottes auszugehen („das liebe Gott“) und ihn insofern als Neutrum darzustellen, wie die Bundesfamilienministerin Kristine Schröder 2012 beiläufig verlautbart hat, ist ein Novum.[22]

Visionäre Marienerscheinungen, die dann zur Gründung von lokalen Kultstätten führten, verschwanden keineswegs mit dem Anbruch der Moderne in Europa. Im Gegenteil: Der berühmteste christliche Wallfahrtsort Lourdes verdankt seine Entstehung den Marienerscheinungen der 14-jährigen Bernadette Soubirous im Jahre 1858.[23]

Anmerkung vom 14.10.2015

Erst nach Veröffentlichung meiner „Magie der Natur“ (20149  bin ich auf den Roman von Franz Werfel „Das Lied von Bernadette“ (Stockholm 1941) gestoßen. Näheres hierzu in meinem Supplementary News Blog

Die damals von ihr freigelegte Quelle in der Grotte Massabielle gilt seither als heilkräftig. Jährlich strömen Millionen von Besuchern an diesen heiligen Ort, aber nur verschwindend wenige der angeblichen Wunderheilungen wurden von der katholischen Kirche offiziell anerkannt. Die Marienerscheinungen von Marpingen (Saarland), von denen drei achtjährige Mädchen 1876/77 berichteten, lösten eine Massenbewegung aus, die im Kulturkampf zu Auseinandersetzungen mit der preußischen Obrigkeit, teilweise unter Einsatz von Militär, führte.[24] Das „deutsche Lourdes“ erreicht freilich nie die Bedeutung des französischen Vorbildes. Analoge Vorkommnisse ereigneten sich auch noch im 20. Jahrhundert. Heute werden sie zumeist als psychiatrische Phänomene aufgefasst.[25] Letztlich werden dabei die visionären Erlebnisse auf Psychopathologie (Halluzination, Wahn) zurückgeführt und entsprechend diagnostiziert, wenngleich manchmal der „religiöse Charakter der Halluzinationen“ doch eine gewisse Scheu entstehen ließ, diese Visionen ausschließlich psychiatrisch zu bewerten.[26] Für heutige Untersucher liegt die psychologische Interpretation nahe, für die Hippolyte Bernheim mit seinem Begriff der Suggestion die Grundlage schuf (Kap. 15). So seien insbesondere suggestive Faktoren bei den Marienerscheinungen wirksam gewesen, last but not least die „Autosuggestion bzw. Konzentration und Warten auf visionäre Erlebnisse, denen religiöse, das persönliche Leben beeinflussende Bedeutung beigemessen wird.“[27]

Aber auch außerhalb der theologischen Literatur und des Milieus der Volksfrömmigkeit kann man bei manchen modernen Autoren eine explizite Marienverehrung ausfindig mache. So bemerkte Hermann Hesse: „sie [die Madonna] ist im Tempel meiner Frömmigkeit neben der Venus und neben Krischna aufgestellt, aber als Symbol der Seele, als Gleichnis für den lebendigen, erlösenden Lichtschein, der zwischen den Polen der Welt, zwischen Natur und Geist, hin und wieder schwebt und das Licht der Liebe entzündet“.[28] Und der niederländische Schriftsteller Cees Noteboom erblickte während einer Prozession auf seinem „Umweg nach Santiago“ in der gezeigten Maria-Figur „nicht nur den ‚Meerstern’ aus den Litaneien meiner Jugend, sondern auch die Nachfahrin von Isis und Astarte, der ‚aus dem Meeresschaum geborenen’ Aphrodite, der Meeresgöttin und Gemahlin Poseidons.“[29] Die literarische Verarbeitung von Marias Gestalt, die im Mittelalter begann und im Umfeld der Romantik einen poetischen Höhepunkt erreichte, setzt sich also ungeachtet des theologischen Diskurses bis in unsere Zeit fort. Maria sei, so der Theologe Karl-Josef Kuschel, nicht nur für die Theologie „unverzichtbare, archetypische Grundfigur […], um die Beziehung Gottes zu den Menschen zum Ausdruck zu bringen“. Auch für die Literatur sei sie „immer wieder unverzichtbare Urgestalt menschlicher Selbsterfahrung – gerade angesichts von Brüchen, Ängsten und Krisen der jeweiligen Zeit.“[30]


[1] Gebweiler, 1523. [2] Ebd., S. A ii [r] [3] A. a. O., S. Ciii. [4] Hyller, 1657. S. 83. [5] Hyller, 1657, S. 84. [6] http://sunny.biblio.etc.tu-bs.de:8080/DB=2/SET=3/TTL=1/SHW?FRST=3(7.04.2010). [7] Law, 1756. [8]http://en.wikipedia.org/wiki/William_Law (7.04.2010). [9] Hegel, 1935-1938, III./III.3.a. (“Ägyptische Skulptur”); http://www.textlog.de/5926.html (27.01.2012). [10] Hegel, 1837, S. 387. [11] M. Wagner, 1999, S. 377. [12] A. a. O., S. 382. [13] Eggemann, 1993, S. 67 f. [14] A. a. O., S. 379. [15] Ebd. [16] A. a. O., S. 438-453. [17] Mulack, 1985, S. 8. [18] Zit. a. a. O., S. 236 f.; Beauvoir, 1972, S. 182. [19] Beauvoir, 1972, S. 194. [20] Barz / Leistner, 1993, S. 218-220. [21] A. a. O., S. 137. [22] Sirleschtov, 2012. [23] http://de.wikipedia.org/wiki/Marienerscheinungen_und_Wallfahrt_in_Lourdes (28.05.2011). [24] http://de.wikipedia.org/wiki/Marpinger_Marienerscheinungen#Die_Marpinger_Marienverehrungsst.C3.A4tte (28.05.2011). [25] Schallenberg [1977], 1979. [26] Ebd., S. 382. [27] A. a. O., S. 383. [28] Hesse, 1924, S. 231; vgl. Kuschel (Hg.), 1990,  S. 87 f. [29] Nootebomm, 1992, S. 240. [30] Kuschel (Hg.), 1990, S. 16.


[i] Haag et al., 2004, S. 153; http://no.wikipedia.org/wiki/Fil:El_Greco_006.jpg#file (17.07.2012) ; → Abb. El Greco Ausgießung des Heiligen Geistes / Museo el Prado [ii] El Greco : Coronacion de la Virgen, Monasterio de Guadalupe, Cáceres, Spain, 1591 ; http://en.wikipedia.org/wiki/File:Coronacion_de_la_Virgen.jpg (17.07.2012) ; → Abb. El Creco Die Krönung Mariens (http://2008remodel.files.wordpress.com/2008/05/elgreco-virgin.jpg [iii] Hyller, 1657; → Abb. Hyller Mutter-Hertze; http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/content/pageview/126754 (1.05.2009)

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