39. Kap./3 * Helferin und Heilerin par excellence [+ Audio]

Audio on Youtube: http://youtu.be/kLzBnITcHYc

Die Marienverehrung hatte im Spätmittelalter einen Höhepunkt erreicht, was kunsthistorisch anhand der Madonnendarstellungen, insbesondere den „schönen Madonnen“, leicht nachzuvollziehen ist.[1] Ihre Interperatation aus heutiger Sicht blendet häufig kultur- und ideengeschichgtliche Bezüge aus. Man stützt sich auf Systemtheorie oder auf das „hermeneutische Konzept des Faszinationstyps Hagiographie“ und spricht von Funktionsambivalenzen in der Rolle des Heiligen als „Tugendvirtuose oder als magischer Helfer“.[2] Doch solche Interpretationen können kaum erklären, warum die Marienverehrung bis auf den heutigen Tag mehr oder weniger ungebrochen fortlebt, nicht nur in katholischen Regionen Südeuropas oder Lateinamerikas. Doch kehren wir zurück zum ausgehenden Mittelalter.

Die Verehrung der Maria als „Heil der Kranken“ (salus infirmorum) war damals im profanen Bereich stark verankert und hinterließ in Brauchtum und Kunst eindrucksvolle und vielfältige Zeugnisse.[3] Vor allem in der Volksmedizin ist die Reichweite der Marienverehrung kaum zu überschätzen, wie Ferdinand Stadlbauer in seinem einschlägigen Handbuchartikel dargelegt hat.[4] Gerade ihre typologische Ausprägung als advocatrixmediatrix, Vermittlerin zwischen Gott und dem Menschen, sowie als mater dolorosa, Schmerzensmutter, prädestinierte Maria zum „Heil der Kranken“. Der Glaube an die grundsätzliche Hilfsbereitschaft Marias wurde durch kirchliche und profane Rituale gestärkt. Kranke, Wallfahrer und Geheilte richteten ihre Bitt- und Dankgebete an Maria, etwa in der Ehinger Litanei (1762): „Du allgemeine Mutter des Lebens, Du helles Licht der Blinden, Du Gesundmachung der Krummen und Lahmen“ und bezeichneten Maria als „Gnadenhebamme, wunderbare Augenärztin, Gnadenapotheke, Wundarzt, Lebenserhalterin, G’sundmadonna“.[5] Der „Mariensegen“ konnte bei allen möglichen äußerlichen Wunden und inneren Krankheiten sowie bei Problemen in der Geburtshilfe verwendet werden. Besondere volkskundliche Bildzeugnisse von Hilfe und Heilung durch die Anrufung Marias stellen Votivtafeln und andere Weihegegenstände dar.[6] Maria wurde auch direkt als „himmlische Arznei“ und medicina infirmorum bezeichnet. So formulierte Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob um 1300: „des himels arzenie du bist, die wandels vrie, din vrühtic vreude senden siechen heilen kan“.[7] (Du bist des Himmels Arznei, frei von allem Wandel, Deine Leibesfrucht, eine Freudengeschenk, vermag Kranke zu heilen.)[8]

Mit der Verehrung Marias als himmlischer Medizin – „eyn viel heylsam medicin“, wie es im Marienlied des Dichters „Bruder Hans“ aus dem 14. Jahrhundert heißt[9] – gingen magische Rituale einher. Ein markantes Bespiel sind die Schluckbilder, die noch im 19. Jahrhundert an verschiedenen Wallfahrtsorten an Heil suchende Pilger verteilt wurden. Diese kleinen zusammengerollten Zettel mit aufgedrucktem Marienbild oder Gebets- und Zauberformeln wurden geschluckt, womit die in ihnen vermutete Heilkraft auf den Kranken übergehen konnte (Kap. 31).[10] Solche „Eßzettel“, deren Vorläufer bereits in der Antike zu finden sind, wurden schließlich als Bildzauber von der katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts verworfen.[11]

Maria wurde im hohen Mittelalter mit der duftenden Apotheke verglichen, wobei vor allem die Aromen als magische Stoffe erschienen. So pries im 12. Jahrhundert der bereits erwähnte Konrad von Würzburg (Kap. 36) in seinem Lobgedicht „Die Goldene Schmiede“ die Gottesmutter: „Apotheke wünneclich, der tugent auromatwürze dich geblüemet hant in manger wis.“[12] Dieses Marienlob mit genau 1000 Reimpaaren sprach alle Sinnbilder und Bezeichnungen für Marie an, die bis dahin in der christlichen Kirche literarisch oder bildnerisch in Erscheinung getreten waren.[13]  Auch Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob formulierte dementsprechend: „Du apoteca, reich mit aromat gezieret, din schoen ist übervieret“.[14] Maria wurden mit der Metapher der Apotheke jene Eigenschaften zugeschrieben, die später der Natura zukommen sollten: als Apotheke Gottes wunderbare Heilkräfte für den Menschen bereit zu halten.

Marianische Quellkulte spielten in der religiösen Heilkunde bis zur Gegenwart eine bedeutende Rolle. „Brunnen des Gartens“ oder „Brunnen lebendigen Wassers“ galten als traditionelle Mariensymbole. Entsprechende Kulte konnten sich auf zweierlei Weise herausbilden: Entweder wurden als heilkräftig bekannte Brunnen unter Marias Schirmherrschaft gestellt, oder Brunnen im Umfeld eines Marienkults wurden nachträglich als heilkräftig anerkannt. Der 1858 von einer Marienerscheinung ausgelöste Kult um die Quelle in der Grotte von Lourdes bedeutete ein Wiederaufleben dieser Ausprägung religiöser Heilpraxis.[15] Auf die überaus große Bedeutung Marias als Namensgeberin in der Botanik, wo ihr Name mit zahlreichen Heilkräutern in Verbindung gebracht wurde, von „Frauenmantel“ („Muttergottesmäntele“), „Marienkraut“, „blaue Marienglocke“ oder „Mariennessel“ bis hin zu „Frauenminze“, „Marienrose“ oder „Marienkerze“ kann hier nicht eingegangen werden.[16]

Maria wurde schon im frühen Mittelalter in Form von Ikonen verehrt, Bildnissen, in den die göttliche Macht gegenwärtig schien und von denen man Heil und Rettung erwartete. So wird in der „Legenda aurea“ berichtet, wie eine Bittprozession von Papst Gregor dem Großen (669-731) mit der Ikone „Salus populi Romani“ Rettung gebracht habe: „Und siehe, alle Unreinigkeit der Luft floh sichtbarlich vor dem Bild, als könne es seine Gegenwart nicht ertragen; und lautere Klarheit folge ihm nach. Und es wird erzählt, daß man in der Luft, nahe bei dem Bild, Engelstimmen hörte “.[17] Solche wundertätigen Marienbilder gaben Anlass für zahlreiche Legenden. So galt nach dem Alten Passional, der Sammlung von gereimten mittelhochdeutschen Legenden von Heiligen, ein verhülltes „Marienbild in Konstantinopel“ als Orakel: Jeden Freitag habe sich das Seidentuch, mit dem die Ikone der Blachernenkirche verhängt gewesen sei, von selber gehoben und als öffentliches Orakel gedient. Blieb das allwöchentliche Wunder aus, war das ein schlechtes Vorzeichen. Byzantinische Kaiser hätten demnach den Beginn von Feldzügen verschoben, wenn sich der Vorhang nicht lüftete.[18]

Es gab zahlreiche an Maria zu richtende Bittgebete. Zu den bekanntesten Grundgebeten der katholischen Tradition, die auch Ignatius von Loyola in seine „Geistlichen Übungen“ integrierte, gehört das „Ave Maria“ (Gegrüßet seist Du, Maria) und das „Salve Regina“ (Sei gegrüßt, o Königin), in denen die Mutter Gottes (mater dei) als Fürsprecherin der sündigen und elenden Menschen angerufen wird.[19] Der heilige Germanus von Auxerre verfasste im fünften Jahrhundert den Hymnus „Salve mundi medicina“, in der Maria allgemein als lebenserhaltende Macht ohne direkten Bezug auf Medizinisches umschrieben wird. Die zweite von fünf Strophen lautet:

„Sei gegrüßt, fruchtbare Erde,

Und als Gedeons Vließ Bewährte;

Du des Himmels Tau empfingest,

Drum die Blüt’ des Lebens bringest

Du hervor den Schmachtenden.“[20]

Um die „Mutter der Barmherzigkeit“ (mater misericordiae) rankten sich im Mittelalter viele Mirakelerzählungen. Sie half den (armen) Kranken, die sich keinen Arzt leisten konnten, schützte vor (dämonischen) Krankheiten und heilte unmittelbar durch ihr körperliches Erscheinen auf wunderbare Weise. So berichtet eine Legende aus dem 15. Jahrhundert, wie Maria einen Kranken mit ihrer Milch heilte: „Nun ließ Gott über den Priester [der „ein wenig sittenlos war“] eine Krankheit kommen, daß er sich vor unerträglichen Schmerzen die Zunge abbiß und noch andere Glieder, an die er gelangen konnte. / Da erscheint ihm die Gottesmutter, reichte ihm die Brust und ließ ihre Milch auf seine Zunge und auf die anderen Glieder fließen. Davon wurden sie alle wieder gesund und stark.“[21] Plastischer kann man sich kaum die Heilung durch Maria vorstellen: Sie säugt den Kranken mit ihrer Brust und erfüllt damit die Funktion einer nährenden Mutter, einer Amme (alma mater), wobei die Milch für den Kranken pure Arznei bedeutete. Von wunderbaren Heilungen ist verschiedentlich die Rede.[22]

Das Milchsaugen aus Marias Brust ist ein beliebter literarischer Topos, der gewissermaßen eine imitatio des Jesuskindes auf dem Schoße der Madonna darstellt, eine Szene, die in der Kunstgeschichte häufig abgebildet wurde, nicht zuletzt von Albrecht Dürer.[23] Man könnte sie als Urszene der Lebenskräftigung des Schwachen und Heilung des Kranken bezeichnen. Novalis dichtete in seine „Geistlichen Liedern“, die 1799 entstanden: „Du weißt, geliebte Königin, / Wie ich so ganz dein eigen bin. / […] / Als ich kaum meiner noch bewusst, / Sog ich schon Milch aus deiner selgen Brust.“[24] Die erotische Inbrunst des Autors ist in diesem Lied unverkennbar, in dem unter anderem auch von „inbrünstig lieben“, küssen und „himmelsüße Zeit“ die Rede ist. Die drängende Geschlechtlichkeit wird freilich in die infantile Unschuld zurückübersetzt nach dem Motto: „Und mache mich zu deinem Kinde“.[25] Diese Einstellung war wohl Voraussetzung der unio mystica, worauf an anderer Stelle einzugehen wäre (Kap. 45).

Der Schutz, den Maria gewährte, wurde verschiedentlich in Form eines Mantels dargestellt, unter den sich die Hilfesuchenden flüchten konnten. Das Motiv der „Schutzmantel-Madonna“, wie es z. B. als Glasmalerei am Karlsfenster im Dom zu Halberstadt zu sehen ist, war durchaus populär. (Abb. [i])

Anmerkung vom 17.11.2014:

Das Bildmotiv der Schutzmantel-Madonna lässt sich bis ins 20. Jahrhundert verfolgen. Ein Bespiel liefert das Propagandaposter des US-amerikanischen Roten Kreuzes „Motherless, Fatherless, Starving“ während des Ersten Weltkriegs, das im Supplementary News Blog veröffentlicht wurde. 

Anmerkung vom 6.06.2016:

Als vor wenigen Tagen in der Region um Bad Neuenahr-Ahrweiler ein Unwetter hereinbrach, stellten Bürger eine Madonna auf einer Straße auf. Näheres im Supplementary News Blog.

So lautete die erste Strophe zu einem fünfstrophigen Andachtslied: „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus! Laß uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm vorübergehn! Patronin voller Güte, uns allezeit behüte!“[26] Der Schutz bezog sich insbesondere auf dämonische Bedrohungen von außen. So konnte Maria vor allem Sterbende vor dem Teufel bewahren, wie die Legende von einem Sterbenden berichtet, der von einer großen Schar von Teufeln bedrängt wurde: „Da erschien die Gottesmutter mit einer großen Schar Engel und sprach zu den Teufeln: ‚Freut euch nicht, diese Seele in die Hölle zu führen. Ich werde ihr beistehen, so daß sie keinen Schaden nehmen kann.’“ Sie riet dem Sterbenden zur Beichte, der diesem Rat folgte und „ein seliges Ende“ nahm.[27] Maria half insbesondere den armen Kranken, wie eine Legende aus Montpellier, dem Standort einer berühmten mittelalterlichen Medizinschule, berichtet. Die akademischen Ärzte schickten die Armen, die ihnen kein Honorar bezahlen konnten, in die Kirche „Unserer Lieben Frau“. Diese wurden von Maria „stets gnädig erhört und ihrer Gebrechen ledig.“[28]

Es ist bezeichnend, dass der anachronistische Alchemist und Dichter Alexander von Bernus noch im 20. Jahrhundert ausdrücklich seine Verehrung der Maria in poetischer Form mitteilte. Dies entsprach der frühneuzeitlichen Assoziation von Maria mir Natura im Bereich der Naturphilosophie und Naturforschung. In seinen romantisch inspirierten Heidelberger Kindheits- und Jugenderinnerungen berichtete er auch vom „Ave-Maria-Läuten“, das er als Kind auf Stift Neuburg bei Heidelberg erlebte: „Vom Kirchturm der dem Landsitz zugehörigen Kapelle läutete die Glocke übers Tal wie zum Empfang: Ave Maria!“ Die erste Strophe zum betreffenden Gedicht lautet:

„Ave-Maria-Läuten,

Als käm aus hellen Höhn

Von leisen lichten Bräuten

Ein Grüßen weit und schön:

O blühendes Getön.

Du Güldnes Ave Maria!“[29]

Bereits 1909 hatte Alexander von Bernus ein bibliophiles großformatiges Bändchen mit Lobeshymnen auf Maria und Illustrationen im Jugendstil veröffentlicht. Es ist ein Beispiel für die esoterisch-gelehrte Marienverehrung um 1900.[30] Zu jedem Monat des „Annus Marianus“ hatte er eine Strophe verfasst, in der naturphilosophische Anklänge herauszuhören sind. Die Strophe zum Januar lautete:

„Maria / Himmlische und uns Gewogene/

Dem ersten Aufblick des erwachten Jahres

Geselle sich der Dank für das entflogene.

Bereit uns wieder ein gereiftes / Klares!

Die Strophe zum Dezember lautete:

„An der weihnachtlichen Krippe

Steht das Jahr als ein Gerippe,

Doch ein neues sprengt die Haft /

Göttliche / aus Deiner Kraft.“


[1] Suckale (Hg.), 2009. [2] Spangenberg, 1987, S. 59. [3] Haag et al., 2004. [4] Stadlbauer, 1997. [5] Zit. ebd., S. 527. [6] A. a. O., S. 528. [7] Zit. a. a. O., S. 529. [8] http://www.histpharm.org/40ishpBerlin/PL6P.pdf (25.01.2013). [9] Zit. ebd. [10] A. a. O., S. 530 f. [11] Hindringer, 1931. [12] Zit. n. Stadlbauer, 1997, S. 531. [13] Konrad von Würzburg, 1926, S. 84. [14] Zit. n. Stadlbauer, 1997, S. 531. [15] A. a. O., S. 538 f. [16] A. a. O., S. 539-552. [17] Zit. n. Schreiner, 1994, S. 260. [18] Schreiner, 1994, S. 272. [19] Ignatius von Loyola, 1988, S. 157 bzw. 160. [20] Scheeben, 1946 [1860], S. 64 f. [21] Zit. n. Lemmer (Hg.), 1987, S. 179; Bolte, 1889, S. 17. [22] A. a. O., S. 200f. [23] Panofsky [1943], 1977, Abb.en 100; 181; 250. [24] Novalis, 2008, S. 160 f. [Lied Nr. XIV]. [25] Ebd. [26] Zit. n. Kremer [1939], 1989, S. 174. [27] A. a. O., S. 84 (nach Bolte, s. o., S. 22). [28] Zit. n. Lemmer (Hg.), 1987, S. 203. [29] Bernus, 1973, S. 22. [30] Bernus, 1909.


[i] Lemmer (Hg.), 1987, nach S. 144; → Abb. Schutzmantel-Madonna Halberstadt

Advertisements