39. Kap./4* Pro und contra Maria

Die Abkehr der protestantischen Reformation von der Heiligenverehrung und insbesondere vom Marienkult hatte viele Gesichter, vom radikalen Bildersturm bis zur Fortsetzung der Tradition in erneuertem Gewand. Der Wittenberger Reformator Andreas Rudolf Bodenstein („Karlstadt“) entfachte durch seine Predigten den Bildersturm. Er plädierte vehement für ein „Abtun“ der Bilder in den Kirchen, die „geschnitzen und gemalten Olgotzen vff den altarien stehend“ seien teuflisch. Die Heilige Schrift sollte zur einzigen Richtschnur werden.[1] Freilich sollte man heute nicht vergessen, dass im katholischen Bereich durch die starken Veränderungen der Kirchen während der Barockzeit vermutlich mehr aus dem Mittelalter stammende künstlerische Zeugnisse zerstört wurden als durch den protestantischen Bildersturm, wie der niederländische Religionswissenschaftler Jan Bremmer anmerkte: „outbursts of destruction may in the end be far less damaging than a process of creeping destruction.”[2] Ein simples Argument gegen die Marienverehrung lautete, dass Christus und nicht Maria für uns gestorben sei. Die Herzen seien den Seligen verborgen, deshalb sei ihre Anrufung vergeblich und fruchtlos („keyn frocht“). Der dominikanische Prior und Theologieprofessor Johannes Dietenberger argumentierte dagegen, dass durch das Schmähen der Maria auch Christus, ihr Kind, geschmäht würde. Durch das Salve regina würden die Christen „ zu andacht vnd danckbarkeit der gut that gottes bewegt werdeñ.“[3] Das Anrufen der Maria als Fürsprecherin verleugne keineswegs Christus „als ein mitler oder fursprechê aller menschen.“[4] In einer Predigt forderte der volkstümliche Straßburger Prediger Johann Geiler von Kaysersberg gegen „die narren von dem Ave Maria“, wie er die Papstkirche umschrieb, dass das Ave Maria kein Amen haben solle.[5] Das hinderte ihn freilich nicht daran, die Krönung Mariens in ihrer Herrlichkeit auf dem Holzschnitt „Am Pfingsttag“ darzustellen. (Abb. [i]) Man sieht Maria auf einer Wolke schweben, während ihr von Gottvater und Christus eine Krone aufgesetzt wird, darüber die Pfingsttaube in einer Gloriole, die den heiligen Geist symbolisiert. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli wies in seiner Predigt „von der Ewig reinen magt Maria“ die Unterstellung zurück, er habe gepredigt, Maria sei „ein torcht wyb“ gewesen.[6] Maria sei eine Dienerin des Herrn und das Ave Maria ein Gruß, kein Gebet. Man solle Maria wegen ihrer „reingikeit / vnschuld / vnd vestem glouben“ verehren und nachfolgen.[7]

Martin Luther verdammte es, „das man die verstorbenn Heiligen vmb furbit anruffe“.[8] Ebenso kritisierte er falsche Übersetzungen, die kein Deutscher verstehen könne, etwa den Gruß des Engels: „Gegrüsset seistu Maria vol gnaden / der Herr mit dir“. Bei „voll Gnaden“ müsse der deutsche Mann „an ein vas vol bier / oder beutel vol geldes“ denken, deshalb wolle er, Luther, lieber sagen: „du holtselige Maria / du liebe Maria“.[9] Das Papsttum habe die Heiligen zu Göttern gemacht, die man anrufen solle, so dass Gott wohl müßig sein müsse, wenn er die Heiligen „an seiner stadt wircken vnd schaffen“ lasse.[10] In dieser Perspektive rückte Christus als einziger Vermittler zwischen Gott und Mensch ins Zentrum der Betrachtung. So wurde etwa die Verehrung des Heiligen Franziskus kritisiert, der als der „vermeinte Jesus“ höher eingeschätzt werde als Christus selbst.[11] Denn dieser sei, wie in einem Traktat formuliert, „allein ein eyniger vereyniger zwischen Got vñ dem menschen“.[12] Christus sei die Tür in den Schafstall, der Heilige Geist der Türhüter, „die Ewige weyßheit“.[13] Der protestantische Prediger Jakob Andreae, der Großvater des Inaugurators der Rosenkreuzerbewegung Johann Valentin Andreae, begründete in einem anonym veröffentlichten „Sendbrief“ den Austritt aus dem klösterlichen Orden und die nachfolgende Konversion.[14] Darin sprach er sich gegen die Heiligenverehrung und das Ave Maria aus. Gott kenne die verborgensten Gedanken, der Mensch habe keine Heiligen als Fürsprecher nötig.[15] Man solle sich also direkt an Gott wenden, das Ave Maria sei „ein grus vñ kein Gebet“. [16]

Freilich war bei den Reformatoren das Marienlob keineswegs gänzlich verstummt, wie der schweizerische Kirchenmusiker Walter Tappolet nachgewiesen hat.[17] Zahlreiche Schriften, häufig Predigttexte, belegen, dass die Marienverehrung der Reformatoren sehr viel stärker war, als im Allgemeinen angenommen. So habe auch Luther Maria als der Mutter Christi zeitlebens „große Verehrung und Liebe“ dargebracht.[18] Am 2. Juli 1536 predigte er von Maria: „Dann läßt er sich tragen in ihren Armen, ferner nähren von der Milch der Jungfrau, dann ist sie Mutter und Jungfrau. Und soll alle heiligen Frauen überragen, so daß die Engel staunen.“[19] Und am 18. Jan. 1545 sagte er: „Ja, Christus ist Bräutigam, die Kirche ist die Mutter, der(en) Kinder sind wir.“[20] Allerdings geht die evangelische Theologie bis heute auf Distanz zu Maria. Ihr „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“ Karl Barth kritisierte die Mariologie grundsätzlich. Er lehnte sie nicht nur wegen ihrer mangelhaften Begründung in der Bibel und in der frühen Tradition ab, sondern beklagte darüber hianus „eine Verdunkelung der Offenbarungswahrheit“, eine „Irrlehre“: „Mir scheint, daß die Kirche bzw. die kirchliche Theologie dieser Magd ihr Bestes nahm, indem man sie zur einer Königin […] macht.“[21] Auch Barth katholischer Gegenspieler Karl Rahner meinte einschränkend: „Über Maria kann nur von Jesus Christus her etwas gewußt werden.“[22] Es ist eine rein hypothetische Frage, ob die modernen Theologen zu anderen Einsichten über Maria gelangen könnten, wenn sie sich mit der Natura in der Wissenschafts- und Ideengeschichte befassen würden. Die Distanzierung der modernen Theologie von Maria hat eine auffallende Parallele in der Distanzierung der modernen Naturwissenschaften von der Natura.


[1] Bodenstein, 1522, A ii. [2] Bremmer, 2008, S. 17. [3] Dietenberger, 1526, Bjj, S. 3. [4] A. a. O., Djj, S. 3 [r]. [5] Geiler von Kaysersberg, 1517, S. LXXXVI. [6] Zwingli, 1522, S. 3 f. [7] A. a. O., eiij, S. 2. [8] Luther, 1530, Cij, S. 2. [9] A. a. O., Bij, S. 2. [10] A. a.O., Cij. [11] Alber, 1542, “vorred […]” [12] Zeyleiss, 1524, B. [13] A. a. O., Bij. [14] Kommer, 2002. [15] Ebd., S. 275. [16] A. a. O., S. 279. [17] Tappolet, 1962. [18] Ebd., S. 36. [19] Zit. a.. a. O., S. 42.  [20] Zit. a. a. O., S. 91. [21] Zit. n. Riesenhuber, 1973, S. 21. [22] Zit. a. a. O., S. 69.


[i] Geiler von Kaysersberg, 1517, S. LXXXVI [v]; → Abb. Geiler 1517 Krönung Mariens