40.Kap./1* Natura mit Attributen der Maria

Eine Bilderserie zur Handschrift des „Anticlaudian“ von Alain de Lille (Alanus) aus dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts, die in der Schlossbibliothek Pommersfelden aufbewahrt wird, zeigt unter anderem, wie die göttliche Vernunft (Nus) die Idea (Ydea), die Seele des neuen Menschen schafft. (Abb. [i]) Die gekrönte Nus hält mit der Linken die Ydea, mit der Rechten ein Beil, vor ihr knien fünf Figuren (Hiob, David, Salomon, Absalom und Samson). Eine weitere Illustration zeigt, wie nun Natura in Begleitung von Ratio die Ydea der Maria in den Schoß schiebt (Abb. [ii]) – „eine gleichermaßen christologische wie phallische Auslegung“, wie die Kommentatorin anmerkt.[1] Dies ist einer der äußerst selten ins Bild gesetzten gemeinsamen Auftritte von Maria und Natura. Mir ist nur noch ein weiteres Beispiel begegnet. In einer illustrierten Handschrift, die eine Sammlung von Wettgesängen der Dichterzunft von Rouen („Chants royaux sur la Conception couronné au Puy de Rouen de 1519 à 1528“) aus dem frühen 16. Jahrhudert darstellt, sitzt die gekrönte Maria im Schoß der nackten und größeren Natura, die ihrerseits auf einem Thron sitzt. (Abb. [iii]) Eine abschließende Interpretation könne nicht gegeben werden, da die betreffenden Texte nicht publiziert seien.[2]

Anmerkung vom 22.09.2015

Die Darstellung der Maria im Schoße der Natura erinnert an eine andere Konfiguration: Maria auf dem Schoß der Heiligen Anna. Näheres sie mein Supplementary News Blog.

Die soeben erwähnten Konstellationen von Natura und Maria haben durchaus erotische bzw. sexuelle Anklänge, wie sie auch im „Marienleich“ des Heinrich von Meissen, genannt Frauenlob zu bemerken sind, in dem Gott direkt aktiv wird: „Der Schmied von Oberland (d. i. Gott) warf seinen Hammer in meinen (d. i. der Maria) Schoß.“[3] Die Schmiedemetapher diente aber auch zur Charaktersierung der aktiv schöpferischen Natura, wie uns die Illustrationen zum „Rosenroman“ vor Augen geführt haben (Kap. 36).

Vielleicht war Novalis der letzte Dichter, der die Verschmelzung von Maria und Natura zum Schlüssel seiner Dichtung machte. Die „blaue Blume“, „Gottes Mutter und Geliebte“ verschmelzen traumhaft in Heinrichs Phantasie und bilden das Kraftfeld, von dem der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ zusammengehalten wird. [4]  Diese Verschmelzung (Frau – Maria –Natura) war schon drei Jahrhunderte früher absehbar. Ein schönes Beispiel lieferte Jacopo Filippo Foresti, der in der damaligen querelle des femmes eher der misogynen Seite zuzurechnen war. In seinem bereits erwähnten Traktat „De plurimis claris selectisque mulieribus”, der erstmals 1497 in Ferrara publiziert wurde, konterkarieren manche Holzschnitt-Illustrationen offensichtlich die betreffenden Beschreibungen im Text (Kap. 38). Möglicherweise hatte der Illustrator andere Assoziationen als der Schriftsteller. Jedenfalls drücken einige Bilder eine gewisse positive Würdigung von Frauen aus, die im Text negativ beurteilt werden. Dies wird etwa beim Holzschnitt zu Eva deutlich, die der zugehörigen Legende nach gerade aus dem Paradies vertrieben wurde. (Abb. [iv])Aber Eva sieht auf dem Bild keineswegs wie eine Sünderin aus. Vielmehr erinnert die stattliche Muttergestalt einerseits an die personifierte Natura, die den Menschen nährt und an der Hand führt, andererseits an Maria mit Jesus und Johannes, ersteren auf dem Arm, letzteren an der Hand haltend, eine ikonographisch seit der Gotik bekannte Drei-Personen-Konstellation.

Die etwas später entstandene Grafik „Maria auf der Mondsichel“ (ca. 1511) von Albrecht Dürer zeigt die besondere Mischung von Natura and Maria an. (Abb. [v]) Es handelt sich unverkennbar um die Madonna mit dem Jesuskind. Gleichzeitig nimmt sie auf der Mondsichel den Ort der Natura als Vermittlerin göttlichen Lichts ein, von dem sie durchstrahlt wird und das sie dem Menschkind weitergibt. Wenn man sich das himmlische und kosmische Ambiente wegdenkt, erblickt man eine alltägliche Szene, in der eine besser betuchte Mutter oder Amme ihren Säugling stillt.

Eine ähnliche Mehrdeutigkeit kann man auch beim Holzschnitt zur legendären Päpstin Johanna von Foresti entdecken. (Abb. [vi]) Das Bild zeigt keineswegs eine verwerfliche Frau, wie Forestis Schilderung vorgibt. Vielmehr erinnert sie an eine weise Himmelskönigin, die gekrönt auf einem Thron sitzt und dem Betrachter die aufgeschlagene Heilige Schrift präsentiert. So erscheint sie eher als Personifikation der göttlichen Weisheit (Sophia), als eine Sonderform der Natura, wie in analogen Bildnissen jener Zeit häufiger zu beobachten. Im 17. Jahrhundert war Sophia in wissenschaftlichen Werken präsent. So griff Athanasius Kircher auf Pseudo-Dionysius Areopagita zurück, der die göttliche Weisheit (Sophia) als „Alles-Erschaffende“ (pantôn poietiké) bezeichnet hatte und sie als Lehrerin menschlicher Künste und Wissenschaft ansah.[5] Dies erinnert an Albrecht Dürers “Philosophia” (1502), die ebenfalls als gekrönte Herrscherin auf einem Thron sitzend drei geschlossen Bücher in einer Hand hält. (Abb. [vii]) Die Bildunterschrift lautet in der Übersetzung: „Was das Wesen von Himmel, Erde, Luft und Wasser ausmacht und was das Menschleben umfasst sowie was der feurige Gott im ganzen Weltkreis schafft: Alles trage ich, Philosophia, in meiner Brust.“[6]

Bei den Illustrationen zu Forestis Buch kommt die Überblendung der beiden Figuren Maria und Natura auch in dem Holzschnitt zu Sarah, Abrahams Frau, zum Ausdruck. (Abb. [viii]) Die Darstellung entspricht ihren im Text beschriebenen Tugenden. Sie ist als Heilige mit Heiligenschein versehen, die in einem Buch, wahrscheinlich der Heiligen Schrift, liest. Sie steht inmitten von Pflanzen, die vermutlich Heilkräuter darstellen. Insofern erscheint sie zugleich als Personifikation der weisen Natur, die mit dem Zeigefinger auf das Buch zeigt – als wollte sie sagen: „Lest in der Bibel der Natur, dann werdet Ihr die Weisheit Gottes erkennen.“ Diese Interpretation erscheint nahe liegend, wenn wir von der allgemeinen Überblendung religiöser und naturphilosophischer Motive in jener Epoche ausgehen.

Der Traktat „Hermetico-Spagyrisches Lustgärtlein“ enthält eine Reihe von „chymico-sophischen“ Emblemen, die die Trias Gott – Natur – Mensch betreffen.[7] Drei große Tafeln sind hier aufschlussreich. Die erste zeigt das göttliche Licht (bonum infinitum vel lumen gratiae) mit dem Tetragramm in einem Dreieck, umschrieben mit mundus achetypus. (Abb. [ix]) Darum herum lagern sich konzentrisch die Welten der Engel an, umschrieben mit mundus intelligentiarum. Die zweite Tafel mit der Überschrift mundus elementaris betrifft die Welt der Natur, wobei hier nicht explizit von „Licht“ die Rede ist. (Abb. [x]) Im Brennpunkt steht hier nicht das Verhältnis von Mikrokosmos und Makrokosmos schlechthin, sondern das Verhältnis des Menschen zu Wissenschaften und Künsten, die konzentrisch um den inneren Kreis mit der Bezeichnung NATURA angeordnet sind. Der von zwei Schutzengeln (Genien) geleitete kindliche Mensch steht in der Mitte des Kreises der Natur, mit der Umschreibung „Magna dignitas fideliū anima / ut unaque habeat ab ortū nativitatis in custodia sui Angelū, deputatum.“ Auf der dritten Tafel ist die Schöpfungsgeschichte dargestellt. Am Ende erscheint die Schöpfung des Menschen am sechsten Tag[8] in einer Kreiszeichnung in Form eines von einem Strahlenkranz umgegebenen Menschenpaares, in der Genitalregion als Sol und Luna geschlechtsspezifisch gekennzeichnet. (Abb. [xi]) Auf einer anderen Vignette ist das Menschenpaar ohne solche symbolische Kennzeichnung in einer Phiole zu sehen. (Abb. [xii]) Die dem „Philosophen“ (philosophus) Helisardes zugeschriebene alchemistische Umschrift lautet in der deutschen Übersetzung: „Von dem weg der Meisterschafft wird derjenige nicht abweichen / welcher die namen / und farben in acht nehmen wirdt.“

Das Emblem auf einer anderen Tafel zeigt eine Frau mit Krone, die in einem Boot sitzt. Aus ihren Brüsten ergießen sich Milchströme ins Wasser.(Abb. [xiii]) Die Unterschrift lautet: Avrora consurgens philosophica“ mit der Legende (in deutscher Übersetzung): „Alle ding haben ihren angebornen Geist in sich / Dardurch er zunimbt vnd wächset.“[9] Damit wird wohl auf den bekannten alchemistischen Traktat „Aurora consurgens“ aus dem 15. Jahrhundert angespielt.[10] Auf einem anderen Emblem sehen wir eine nackte Frau vor einer Flusslandschaft mit langen Haaren und Kind im Uterus. (Abb. [xiv]) Die Unterschrift lautet: „Melchior Cibinensis Vngar. Philos:“. Sie bezieht sich also auf den ungarischen alchemistischen Schriftsteller Melchior Cibinensis, dessen Identität heute fraglich ist.[11] Die ins Deutsche übersetzte Umschrift lautet: „Der Philosophen Philosophische Stein muß / gleichsamb als ein junges Kind / mit Jungfrawen Milch ernehret werden.“ Schließlich sei noch auf ein Emblem verwiesen, auf dem eine nackte Frau mit Heiligenschein (Strahlenkranz) aus dem Wasser steigt und auf einen sitzenden Kranken (?) auf der rechten Seite zugeht, während auf der linken zwei weitere weibliche Gestalten am Wasser zu sehen sind. (Abb. [xv]) Die Unterschrift lautet: „Iohannes de Padua, Philosophus“ (vermutlich Giovanni Padovani). In der übersetzten Umschrift steht: „Aquarum sind wunderbar: vnnd vnzehliche Tugenden. Doch ist keine wunderbarlicher / als Wasser dieses Balnei.“ Wasser, Natura und Maria sind in diesem Bild zu einer „wunderbaren“ Heilquelle verschmolzen.

Jakob Böhme wäre in diesem Zusammenhang noch zu nennen. In den kurzen Ausführungen über „einige speciale Claves oder Erklärungen / Theils eigener / Theils Paracelsischer geheimen Namen und Wörter“ im Anhang seine Schrift „De signatura rerum“ erläuterte er katechismusartig einige naturphilosophische Schlüsselbegriffe.[12] Auffallenderweise identifizierte er die „himmlische Jungfrau“ indirekt mit Natura: „Die Himmlische Jungfrau ist ein Glast und Spiegel des Heil. Geistes. Dieser ist das Sehen in Ihr. Sie / siehet selber nicht: ist das Wunder / die Farben. Der Heil. Geist / ist die Krafft darinn. Wäre sie die Krafft / so wäre sie die Gebährerin.“[13] Die „Jungfrau“ sei die „Tinctura […] als das Leben der Weißheit: hat fliegend geistlich Leben / ist der scharffe Geist in der Weißheit: ist in der Wesenheit / die ander Eröffnung der Weißheit nach dem Geist GOttes: Ist der Weißheit Glantz: Ist des Heil. Geistes oder der Gottheit Liebe. […] Gehöret zu den Wundern.“[14] Diese Charakterisierung der „Jungfrau“ passt trefflich auf die der Natura in der paracelsischen Lehre, wo das „Licht der Natur“ als eine „ander Eröffnung der Weißheit“, wie Böhme es formulierte, verstanden wurde. Ähnlich setzte der alchemistische Arzt und Kabbalist Heinrich Khunrath die materia prima in Analogie zur Jungfräulichkeit Marias. Wie Maria den geistlichen Erlöser in sich trägt, so die prima materia das natürliche Heilmittel.[15] Der Begriff der Matrix im Sinne der Gebärmutter wurde deshalb so wichtig, weil er Natura ebenso wie Maria als Empfängerinnen göttlicher Weisheit charakterisierte (Kap. 41).


[1] Modersohn, 1997, S. 40. [2] Ebd. [3] Zit. n. Modersohn, 1997, S. 40. [4] Novalis, 2008,  [1799/1800], S. 343. [5] Leinkauf, 1993, S. 111. [6] Zit. n. Roob, 1996, S. 507. [7]Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625. [8] Gen 1,24-31. [9] Ebd, S. 22.[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Aurora_consurgens (17.07.2012) [11] http://en.wikipedia.org/wiki/Melchior_Cibinensis (28.01.2012) [12] J. Böhme, 1682 [a], S. 253-267. [13] A. a. O., S. 264. [14] A. a. O., S. 265. [15] H.-P. Neumann, 2004, S. 153


[i] Handschrift “Anticlaudian“, Schlossbilbiothek Pommersfelden, HS 215, fol. 162v;  Modersohn, 1997, S. 298; → Abb. Anticlaudian Nus erschafft Idea [online: http://www.bildindex.de/#|6] [ii] Handschrift “Anticlaudian“, Schlossbilbiothek Pommersfelden, HS 215, fol. 162v; Modersohn, 1997, S. 298;→ Abb. Anticlaudian Natura und Maria [iii] Modersohn, 1997, S. 187; Bibl. Nat. Paris, fr 1537, fol. 102; → Abb. Maria im Schoß von Natura [iv] Kolsky, 2005, S. 138 → Abb. Foresti Eva. [v]  Maria auf der Mondsicher; Titelholzschnitt des Zyklus „Marienleben“ von Albrecht Dürer (Nürnberg, 1511); → Abb. Dürer Maria auf der Mondsichel 1511 [vi] Kolsky, 2005, S. 139; → Abb. Foresti Päpstin Johanna [ii] Kolorierter Holzschnitt von Albrecht Dürer in: Celtis, 1502, S. 12; http://www.bsb-muenchen.de/Albrecht-Duerer-Die-Philosoph.2528.0.html (8.05.2009); → Abb. Dürer Philosophia 1502 [viii] Kolsky, 2005, S. 141; → Abb. F [ix] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 1 (nach S. 4); → Abb. Lustgärtlein 1625 Tafel 1 [x] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 2 (nach S. 4); → Abb. Lustgärtlein 1625 Tafel 2  [xi] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 3 (nach  S. 4 [Vorrede]); http://diglib.hab.de/drucke/nd-779/start.htm?image=00253 (17.07.2012); → Abb. Lustgärtlein Sol und Luna [xii] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 3, 12. Vignette (nach S. 16); → Abb. Lustgärtlein 1625 [xiii] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 9, 12. Vignette (nach S. 22);  Abb. Lustgärtlein 1625 Aurora [xiv] Hermetico-SpagyrischesLustgärtlein, 1625, Tafel 8, 7. Emblem (nach S. 20);Abb. Lustgärtlein 1625, Tafel 8 [xv] Hermetico-Spagyrisches Lustgärtlein, 1625, Tafel 4, 8. Emblem (nach S. 12); Abb. Lustgärtlein 1625, Tafel 4

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