40.Kap./3* Marienlob mit Naturmystik

In der frühen Neuzeit gab es im katholischen Bereich und vereinzelt auch im protestantischen Lager eine Marienverehrung, die sich nicht zuletzt in geistlichen Gedichten und Liedern niederschlug. So wurde ein 1608 veröffentlichter christlicher Traktat mit einem „schön Gebet / von unserer lieben Frawen“ abgeschlossen:

„O MARIA, Königin der Himmel / vnd Mutter der Barmhertzigkeit / ein zuflucht vnnd Mitlerin der Sünder / versöhne mich mit deinem eingebornen lieben Sohn […].

O MARIA ein Helfferin in allen ängsten und nöthen/ komme mir zuhülff mit deiner fürbit in allen meinen nöthen und leiden …[…].

O MARIA, eine Erleuchterin / die da geboren hat das Liecht der Welt / erleuchte meine unweise erkanntnuß / das ich nicht gehe in die Finsternuß des ewigen Todes / Amen“[1]

Auf Frauenlobs „Marienleich“ sind wir bereits eingegangen (siehe oben). In diesem Werk werden die Anspielungen auf die Natur, die Natur-Allegorese, deutlich sichtbar.[2] Offenbar war der Autor stark von der Naturphilosophie des Alanus beeinflusst, wie der Mediävist Rudolf Krayer dargelegt hat: „Maria erscheint hier [in der 17. Strophe des Marienleichs] im Bild der Natura als domina mundi und Inkarnation der ewigen Ordnungen […] Mittlerin zwischen den geistigen und stofflichen Lebensprinzipien, zwischen mundus mentalis und sensilis [sic], eigentlicher Ursprung und mütterliche Hüterin aller geschaffenen Wesen.“[3] Die Verbindung von Natura und Maria habe offensichtlich ihren Grund nicht nur darin, daß beide die kosmische Ordnung repräsentierten und die Sphären bewegten, „sondern sie entspringt vor allem dem Bestreben, den Lebensprozeß als creatio continua […] unmittelbar in den sakralen Raum des Heilsgeschehens hineinzustellen.“[4] So bilde Maria den „Schlußstein, der dem zwischen Gott und Welt gespannte Bogen seine Tragfähigkeit gibt“. Sie sei für Frauenlob die „Mittlergestalt“ gewesen: Natura und Sapientia (dei) in einem, „die Erfüllerin und Überwinderin der Natur zugleich.“[5] Die Weisheit Gottes erscheine „als empfangender Keimgrund und Mutterschoß des Schöpfungsentwurfs“, sodass nach dem Ausspruch Bonaventuras alle Vernunft im Mutterschoß (vulva) der Sapientia gezeugt werde („omnes enim rationes exemplares concipiuntur ab aeterno in vulva [!] aeternae sapientiae“).“[6] Die Weisheit empfange, wie es in einer anderen Übersetzung heißt, „alle ihre urbildlichen Gründe von Ewigkeit her in ihrem Schoß“.[7] So wurden Maria und Natura als Instanzen der Mittlerschaft miteinander verschmolzen: Maria als „mystische Verkörperung der Schöpfung, Natura als vicaria dei und Sinnbild Marias.“[8]

Das „Niederrheinische Marienlob“ charakterisierte Maria in „sieben Gleichnissen“.[9]  Sie sei (1) der „hohe Himmel“, „oberstes Himmelreich“ und (2) „‚die Erde’, die rein war vor dem Sündenfall“. (3) Sie versinnbildliche Mond und Sterne: wie erster letztere überstrahlt, „so überstrahlt Marias Heiligkeit die aller Heiligen, und ist doch wieder aber nur der Abglanz des göttlichen Sonnenlichts.“ (4) Maria sei  die ‚Überwinderin der Schlange’ und (5) der „’verschlossene Garten’ […], den Gott selbst behütet“. Im Garten steht der Baum des Lebens: „des Baumes Blätter sind Arznei, d. i. die christl. Lehre. Die Frucht ist das ewige Leben “. (6) Maria sei der „versiegelte Brunnen“, von dem sieben Ströme fließen: „Wasser der Bescheidenheit, Milch der Weisheit, Honig der Süssigkeit, Wein der Freude, Oel der Barmherzigkeit, Balsam beharrlicher Minne, ‚Lautertrank’ der Tugend.“ (7) Schließlich sei Maria die „hl. Altarstätte“. Mariens Herz sei dieser Altar, „geziert mit Gold, d. i. Weisheit und Minne, und Edelsteinen, d. i. die Reinheit.“ Kurzum: In ihrer Verbindung von Himmel und Erde, ihrer göttlichen Heiligkeit und Reinheit und mit ihrer heilsamen Lebenskraft weist sie alle Wesensmerkmale der Natura auf. Maria wurde in vielen Gleichnissen gerühmt. In diesem „Marienlob“ erschien sie auch als „Ofen“, ein traditionelles Symbol für die Gebärmutter, womit die göttliche Empfängnis illustriert wurde: „dine sele inde din lif is gar ein oven. […] In sie was gevallen des viures [Feuers] gewalt“.[10]

Die heutige Marienverehrung in der katholischen Kirche kulminiert in Marianischen Jahren anlässlich bestimmter Jubiläen. Wenngleich dabei von Natura nicht explizit die Rede ist, so ist doch eine Art „sophianische Naturmystik“ spürbar, die insbesondere in der russisch-orthodoxen Kirche Anhänger hat.[11] Sie erblickt in Sophia die Weltseele: Demnach sei „das ganze Universum belebt und untereinander in vitaler Kommunikation und seinsmäßiger Verbindung. Jedes Wesen wird von einer Entelechie, Seele, von einem Geist oder Engel (Genius) belebt und gesteuert.“ Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. So meint Thomas Schipflinger, Verfasser populärer religionshistorischer Schriften zum Verhältnis von Maria und Sophia, man müsse wider zu dieser „Naturmystik“ zurückfinden: „Da weist uns die Lehre von der Sophia als Weltseele den richtigen Weg.“[12] Durch liebevollen, ehrfürchtigen Kontakt mit den Naturwesen“, den „Entelechien“, könne man auf sie einwirken, worin „die Tatsache der sogenannten Magie“ bestehe. Nach Schipflingers Verständnis bilden „Sophia-Maria“ eine Einheit: Maria sei die menschgewordene Sophia, so die These: „Wie der volle Name des menschgewordenen Logos Jesus Christus heißt, so lautet der Name der menschgewordenen Sophia SophiaMaria.“[13] Und wie Maria „die bräutlich-mütterliche Mitarbeiterin Christi“ sei, so sei Sophia „die Braut des Logos (Sponsa verbi) und dessen Mitwirkerin bei der Schöpfung und Erhaltung der Welt“.

Nach Schipflinger könnten drei Dimensionen der Marienverehrung voneinander unterschieden werden: (1) Evangelische und reformatorische Kirchen verehren bei Maria vor allem die „natürlich-menschliche Dimension”; (2) Orthodoxe und Katholiken verehren „übernatürlich-himmlische, hyperdulische Dimension“ [cultus hyperduliae = Hochdienst]; und (3) die russische Tradition der Ostkirchen die „kosmische, sophianische Dimension“, die auch in der heutigen Wissenschaft immer mehr Anhänger gewinne.[14] Wissenschaftshistorisch interessant ist die Abbildung einer „Sophia-Regina-Alma Mater“ mit den 7 Wissenschaften und Künsten, einer Art universitas litterarum. (Abb. [i]) Die göttliche Frau trägt eine Krone und hält in ihrer rechten Hand als Zeichen ihrer königlichen Herrschaft ein Zepter und in ihrer linken die beiden Bücher der Heiligen Schrift als Zeichen ihrer göttlichen Weisheit. Aus ihrer stilisierten Brust strömt die Milch in die Münder der sieben Artes liberales, die traditionell als Musen dargestellt werden. Sophia ist umrahmt von einer Laubgirlande und scheint zwischen der angedeuteten Sternenwelt und der irdischen Welt erhöht auf einem Thron zu sitzen. Körperhaltung und Insignien entsprechen der Darstellung der „Philosophia“ auf dem Holzschnitt von Albrecht Dürer (siehe oben). Freilich hat der wenig naturalistisch dargestellte Milchstrahl aus der unter dem Kleid versteckten Brust eher die Form eines vom Herzen ausgehenden Lichtbündels, das auf ein Cicero und Virgil, „Latinorum poetae et rheoters“,  gewidmetes Medaillon gerichtet ist.


[1] Rudolph, 1608. [2] Krayer, 1960. [3] Ebd., S. 175. [4] A. a. O., S. 176 f. [5] A. a. O., S. 177 f. [6] A. a. O., S. 179. [7] Brun, 2005, S. 459. [8] Krayer, 1960, S. 180. [9] Prönnecke, 1904, S. 57. [10] Zit. n. A. Müller, 1907, S. 104. [11] Schipflinger, 1998, S. 308-310 [12] Ebd., S. 308. [13] A. a. O., S. 328. [14] A. a. O., S. 329.


[i]Schipflinger, 1998, S. 238; Abb. Sophia Regina Alma Mater

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