40.Kap./4* Marienbilder mit Anspielungen auf Natura

Die Lichtmetaphorik spielte bei der Positionierung von Natura zwischen Himmel und Erde eine ähnliche Rolle, wie bei der von Maria. Beide Figuren hatten eine mediale Funktion und reflektierten göttliches Licht wie in einem Spiegel. So sagte Albertus Magnus von Maria, sie sei „durch das Licht ihres gottähnlichsten Wandels ein Spiegel […] und ein Vorbild der Abkehr von der Finsternis und Hinwendung zur Schau des ersten Lichts.“[1]  Der lichtvolle Zusammenhang von Gott, Sophia, Maria, Alma mater und Natura wird in einem großen Deckenfresco der barocken Kirche Maria de Victoria („Asamkirche“) in Ingolstadt bilderbuchmäßig demonstriert. (Abb. [i])

Anmerkung vom 4.02.2017

Im Sommer 2015 besuchte ich Ingolstadt und stand vor der Asamkirche. Siehe hierzu meinen anderweitigen Blog-Beitrag, in dem ich jene Seiten mit den Abbildungen des Deckengemäldes veröffentlicht habe, auf die hier in Klammern verwiesen wird.

Der von Gott ausgehende Lichstrahl wird von Sophia umgelenkt und über den Verkündigungsengel an Maria weitergeleitet. (Abb. [ii]) Sie  befindet sich im Zentrum des Tempels der Weisheit, das von sieben Säulen umrahmt ist, und erscheint als Lebensquelle. (Abb. [iii]) Unter ihr entspringt eine Quelle, deren Wasser sich nach unten wie bei einem Wasserfall ergießt. Maria leitet des göttliche Licht in zwei feinen Lichtstrahlen nach unten weiter, und zwar an Pallas Athene (links), die griechische Göttin der Weisheit und Kunst, und an die Königin von Saba (rechts), eine biblische Gestalt. Maria hat hier die Funktion der Natura als Vermittlerin der göttlichen Weisheit und Lebensquelle übernommen. Der gender-Aspekt ist interessant: Alle Figuren im Strahlengang sind weiblich. Maria-Natura richtet ihre Strahlen, was an die Aussendung von Milch erinnert, wiederum an zwei herausgehobene Frauengestalten, die mit göttlicher Weisheit unmittelbar in Verbindung stehen: Pallas Athene unmittelbar als Göttin, die Königin von Saba mittelbar als Verehrerin des Königs Salomo.

Der jesuitische Theologe Wilhelm Gumppenberg veröffentlichte 1659 eine reichhaltige Sammlung von Marienbildnisse unter dem Titel „ Atlas marianus“.  Sie enthält marianische Gnadenbilder aus der katholischen Welt, das betreffende Verzeichnis umfasste ca. 1200 Wallfahrtsorte der Marienverehrung.[2] Im Folgenden sollen einige Illustrationen mit der Frage vorgestellt werden, inwieweit Maria auch Eigenschaften der Natura aufweist. Zunächst betrachten wir das Frontispiz. (Abb. [iv]) Maria mit Kind sitzt auf dem Dach des Hauses der Kirche zwischen Himmel und Erde. Ihr Haupt, von einer Gloriole umgeben, berührt den Himmelskreis mit Sonne, Mond und Sternen. Aus dem Boden des Hauses dringen sechs kräftige Strahlen auf die Erdkugel, auf der einige europäische Länder verzeichnet sind. Die Madonna wird hier mit der Kirche identifiziert, die als Medium zwischen Himmel und Erde positioniert ist. Die göttliche Lichtquelle ist aber nicht im himmlischen Überbau lokalisiert, sondern im Haus der Kirche selbst. Die Schutzmantel-Madonna der Basilica di S. Maria di Monte Berico in Vicenza zeigt eine Himmelsgöttin mit einem entrückten, somnambulen Gesichtsausdruck, die zwei Hilfe suchende kniende Menschen unter ihren ausgebreiteten Mantel nimmt. (Abb. [v]) Ihr Heiligenschein stellt zugleich die Sonne dar, von der sie ihre Kraft bezieht.

Auf der „Imago B. V. Miraculosa Caravaggiana” erscheint die wundertätige Jungfrau vor einem betenden Mädchen, um sie zu segnen. (Abb. [vi]) Ein Setzling entsprießt als kleines Bäumchen zwischen ihnen aus dem Boden, ein Zeichen der Fruchtbarkeit. Auf der „Imago B. V. Miraculosa De Scala Messanae ist die mit Kopftuch und Gewand verhüllte Maria, die in ihrer linken Hand eine nach oben weisende Leiter hält. (Abb. [vii]) Diese Madona de Scala Messanae erinnert an die Jakobsleiter als Symbol des Aufstiegs zur göttlichen Weisheit durch Naturforschung (Kap. 34). Bei Robert Fludd stand die Leiter für sich, hier hält sie Maria in der Hand. Die deutsche Ausgabe von Gumppenbergs Sammlung erschien 1673 unter dem Titel „Marianischer Atlaß“.[3] Sie wich erheblich von der oben erwähnten lateinischen Ausgabe ab. Darin wurden nun weltweit die Marienbildnisse verzeichnet, einschließlich die in Asien und Lateinamerika. Auf einer Abbildung sehen wir die typische Hierarchie: Von Gott in der Höhe strahlt das himmlische Licht zu Maira, die auf einer Wolke kniet, von Engeln umgeben, unter ihr die Gemeinde auf der Erde, die ehrfürchtig aufschaut. (Abb. [viii]) Die Unterschrift lautet: „Te filiam Patris colunt Europae imperia (Die Reiche Europas verehren dich, Tochter des Vaters). In der dazu gehörigen Legende heißt es: „Unser L. Frau Bild / Vom Berg Serrat / Zu Rom in Welschland“. Im Hintergrund ist wohl der Berg zu sehen. Das Bild gehört zu einer Kirche, die der „Hispanischen Nation“ zugeordnet ist, auch dem Ignatius und seinen „neun ersten Gesellen“.[4] Der Geist, den Ignatius bei seiner „Bekehrung von der Mutter Gottes zu Monte Serrato in Hispanien erhalten / er widerumb in diser Kirch Montis Serrati ausgusse / und den Römern mitthailte […].“ Das Frontispiz des zweiten Bandes zeigt eine analoge Szene. (Abb. [ix]) An der Stelle Gottvaters sendet nun das Jesuskind das himmlische Licht aus, das Maria auf der Wolke mit ausgebreiteten Armen empfängt. Die Unterschrift lautet Te Matrem Filii Venerantur Asiae Regna (Die Königreiche Asiens beten dich an, Mutter des Sohnes). Die Meereslandschaft im Hintergrund, die stilisierten Palmen und die zum Teil morgenländisch aussehenden Menschen sollen die ferne Weltregion andeuten.

Marienbildnisse waren ein wichtiges Element der mittelalterlichen und neuzeitlichen Volksfrömmigkeit in Europa. Sie haben in der Kunstgeschichte eine große Resonanz gefunden.[5] Nicht zuletzt befassten sich das volkstümliche Kunsthandwerk und die Kirchenmalerei mit der Heiligen Jungfrau in Form von “Gnaden-“ oder “Andachtsbildern”, zu denen gebeten und gesungen wurde.[6] Beispielhaft seien hier einige schwäbische Klosterarbeiten aus dem 18. Jahrhundert vorgestellt.[7] Das Gnadenbild von Wessobrunn ist aus verschiedenen Materialien gefertigt. (Abb. [x]) Wahrscheinlich wurde es von einer Oberschönenenfleder Nonne als Spitzenbild hergestellt.[8]Über Maria “Sine Macula” (Maria immaculata) ist das Dreifaltigkeitsymbol mit dem Auge Gottes zu sehen, wie es in der frühen Neuzeit in zahlreichen naturphilosophischen und theosophischen Illustrationen auftauchte. Das Gnadenbild von Einsiedeln besteht aus Pergament mit dem Stanzmodel gestochen. (Abb. [xi]) Die stehende Madonna mit Kind, umgeben von einem Strahlenkranz, schwebt majestätisch als Himmelskönigin über dem Kloster Einsiedeln. Die Bildtafel “Hl. Anna, Maria das Lesen lehrend” ist aus verschiedenen Materialien gefertigt, u. a. aus Papier, verschiedenem Draht, farbigen Glasperlen und violetter Seide.[9] (Abb. [xii]) Um die ovale Miniatur herum sind sechs Reliquien angeordnet, die in Verbindung zu großblättrigen Blumen in den Ecken stehen. Die Konstellation der drei Personen lässt sich auch naturphilosophisch deuten. Gott im Hintergrund, die Hl. Anna als die Lehrerin und Vermittlerin der Heiligen Schrift, nimmt hier die Position der göttlichen Natura ein und Maria als die deutlich kleinere (menschliche) Schülerin übernimmt die Rolle als Ars, die die Zeichen der göttlichen Natur  lesen zu lernen hat.

Anmerkung vom 22.09.2015

Nach meinem Eindruck sind die Hl. Anna und Maria nur selten in einer Art Madonna-Konfiguration dargestellt: Erstere sitzend oder stehend, die kleine Maria im Arm haltend. Ein entsprechende Skulptur findet sich im lutherhaus in Wittenberg. Näheres siehe mein Supplementary Blog.


[1] Albertus Magnus, 1932, S. 39. [2] Gumppenberg, 1659. [3] Gumppenberg, 1673. [4] Ebd., S. 368. [5] Maria – Mater fidelium […], 1987; Mariabilder, 1989. [6] Kremer [1939], 1989. [7] Ritz / Schiedermair, 1990. [8] Ebd., S. 100. [9] A. a. O., S. 92.

[i] Schipflinger, 1988, S. 114; Abb. Asamkirche Überblick [ii]Schipflinger, 1988, S. 115; Abb. Asamkirche Sophia [iii]Schipflinger, 1988, S. 115; Abb. Asamkircher Maria [iv] Gumppenberg 1659: Frontispiz; → Abb. Gumppenberg 1659 Frontispiz [v]Gumppenberg 1659, vor S. 69; → Abb. Gumppenberg 1659 Schutzmantelmadonna [vi]Gumppenberg 1659, vor S. 107 [vii] Gumppenberg 1659, nach S. 144 ; → Abb. Gumppenberg 1659 Miraculosa De Scala Messanae [viii] Gumppenberg, 1973, nach S. 368; Abb. Gumppenberg 1673 Te filiam patris [ix] Gumppenberg, 1973: Frontispiz; → Abb. Gumppenberg 1673 Te matrem filii [x] Ritz / Schiedermair, 1990, S. 65; → Abb. Gnadenbild von Wessobrunn [xi] Ritz / Schiedermair, 1990, S. 65; → Abb. Gnadenbild von Einsiedeln [xii] Ritz / Schiedermair, 1990, S. 92; → Hl. Anna und Maria

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