# 40. Maria – Natura: Bilder einer Mischperson

Als die Göttin Natura im hohen Mittelalter in den Schriften der Schule von Chartres auftauchte, wurde keine ausdrückliche Beziehung zur Muttergottes hergestellt, was aus dogmatischen Gründen wohl nicht möglich gewesen wäre. Doch für den, „der sich in diese Schriften einzufühlen vermag, [ist es] ein ‚offenbares Geheimnis’, das ihm ‚Ikonia’, als die Kraft der Imagination, enthüllen kann.“[1] In der Renaissance kam es zu gegenläufigen Bewegungen, die sich vor allem in der bildenden Kunst niederschlugen: Einerseits bekam die göttliche Maria menschliche Züge, andererseits schrieb man Frauen göttliche Qualitäten zu. Ähnliches lässt sich für die Figur der Natura feststellen: Sie war Ausdruck göttlicher Weisheit und als Himmelskönigin über die irdische Welt erhaben, zugleich aber konnten irdische Frauen als Inkarnation der göttlichen Natur erscheinen. Diese Verhältnisse werden in der Geschichtsschreibung im Allgemeinen zwei verschiedenen Sphären zugeordnet: Maria der religiösen Sphäre und Natura der naturphilosophisch-naturkundlichen. Das Faszinierende geht dabei verloren: Die Herausbildung einer Art weiblichen Mischperson, in der drei Bilder ineinander übergehen und eine Melange mit verschiedenen Varianten ausmachen: Das Bild der irdisch-menschlichen Frau, das der Gottesmutter und das der Natur. Literaturwissenschaftler gehen davon aus, dass der humanistische Ansatz des Alanus, der die Natur als positive Instanz gesehen hatte, von seinen (deutschen) Nachfolgern zugunsten einer christlich-religiösen Anschauung aufgegeben wurde. „Als Maria gefunden ist, veschwindet Natura gänzlich.“[2] Für die Wissenschaftsgeschichte ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Hier tritt Natura stolz und selbstbewusst in Erscheinung – vielfach mit unterschiedlichen Attributen der Maria ausgestattet. Die Religionsgeschichtsschreibung hat zwar die Bedeutung der Maria für die christliche Theologie herausgearbeitet („Mariologie“), nicht aber deren Impakt für die europäische Naturphilosophie erkannt, welche die neuzeitliche Naturforschung antrieb.[3] Insofern soll die ideengeschichtliche Trennung von Maria und Natura ein Stück weit synoptisch überwunden werden.

Anmerkung vom 10.11.2014:

Ein wunderschönes Beispiel für die Überblendung von Maria und Natura in der modernen Kunst ist das Gemälde von George Hitchcock – siehe Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/10/40-maria-natura-bilder-einer-mischperson/


[1] Modersohn, 1991, S. 76. [2] Krayer, zit. n. Krewitt, 1990, S. 33. [3] Eliade / Culiano, 1995, S. 228-230.

Advertisements