41.Kap./2 * Matrix als „die kleinste Welt“

Der Romanist Ernst Robert Curtius nannte in seiner „historischen Topik“ der (spät)mittelalterlichen Personifikationen der Göttin Natura den Topos „Natura plasmatrix terrae et locorum“ an vierter Stelle von insgessamt 14 Topoi, was bereits an anderer Stelle ausgeführt worden ist (Kap. 36). Die Natur als erd- und ortebildende Mutter oder matrix war also bereits ein literararischer Topos lange bevor er in der paracelsischen Naturphilosophie auftauchte, wo er zentrale Bedeutung erlangen sollte. Diese „plasmatrix“ wurde als kosmische Gebärmutter angesehen, die göttliches Licht und göttlichen Samen empfängt. Es lag nahe, sie mit Maria als Gottesmutter zu identifizieren, die Christus empfangen hat. Der franziskanische Mystiker Bonaventura brachte diese Sicht im 13. Jahrhundert zum Ausdruck. Die eigene Seele solle Christus wie Maria empfangen: „Aber dies ist zu beachten, andächtige Seele: Wenn diese freudevolle Geburt dich beseligt, so ist es an dir, vorher Maria zu sein. ‚Maria’ wird nämlich übersetzt als ‚bitteres Meer’, als ‚Erleuchterin’ und als ‚Herrin’. […]. Von dieser Maria geistig geboren zu werden […] verschmäht Jesus Christus nicht.“[1]

Im Folgenden wollen wir uns dem Schlüsselbegriff der matrix bei Paracelsus zuwenden. Er war für die paracelsische Naturphilosophie und Anthropologie fundamental. Vor allem war er für die Geschlechterdifferenz (gender) entscheidend und begründete den Strukturunterschied zwischen Mann und Frau, woraus sich auch eine für beide Geschlechter unterscheidliche Heilkunde ergab.[2] Walter Pagel verwies auf die Verwendung des Begriffs der matrix bei Paracelsus. Die Erde war für den Menschen wie für alle „Erdgewächse“ eine „Mutter“, aber die fruchtbarste „Matrix aller Creaturen“ war das Wasser, das mit dem Mond vergleichbar war − im Kontrast zu Feuer und Sonne als deren „Väter“.[3]  Pagel konnte zeigen, dass Paracelsus hier gnostische und alchemistische Vorstellungen übernommen hatte: „In der Gnosis und der von ihr ausgehenden Alchemie war der Abgrund der dunklen Materie dem Wasser gleichgesetzt worden“.[4] Er zitierte einschlägige Textstellen: „dis wasser war matrix; dan in dem wasser ward beschaffen himel und erden und in keiner anderen matrix nicht. In deren ward der geist gottes tragen“.[5]  In der pseudo-paracelsischen Schrift „Liber Azoth“ ist von „drei matrices“ die Rede: „die erste ist das wasser, auf dem der geist gottes getragen ward und das selbige wasser ist die matrix, in dem himel und erden beschaffen worden. danach ward himel und erde und die matrix Adae, der durch die hant gottes gemacht ward. Und aus dem manne ward die frau, eine matrix aller menschen bis an das ende der welt.“[6]

Die Einstellung des Paracelsus gegenüber den verschiedenen Wissenssystemen seiner Zeit wie Astrologie, Magie, Alchemie und Dämonologie oder auch gegenüber der humo­ral-pathologischen Krankheitslehre, der religiösen Heilkunde, volksmedizinischen Zauberpraktiken etc. ist anhand zahlreicher Studien im Einzelnen erforscht worden. Bei der Durchsicht einschlägiger Bibliographien fällt jedoch auf, dass der Begriff der Erde dabei kaum berücksichtigt wurde.[7] So fehlt dieser Terminus gänzlich im ausführlichen Sachregister zur Paracelsus-Bibliographie von Karl-Heinz Weimann.[8] Die Bedeutung der Erde ist jedoch in der Naturphilosophie des Paracelsus kaum zu überschätzen und eng mit ihrem fundamentalen Begriff der matrix verknüpft, einem Angelpunkt der paracelsischen Anthropologie. Denn für Paracelsus war der springende Punkt aller Überlegungen, wie Mensch und Erde sich zueinander und in ihrer Beziehung zum Himmel verhalten. Am Begriff der Erde kann exemplarisch gezeigt werden, daß sich Paracclsus auf verschiedenen Ebenen bewegte, in heterogenen Dimensionen dachte und diese durch Analogien miteinander verbinden wollte.

Wir sind bereits auf die paracelsische Lehre von den „zwei leibern“ eingegangen, wonach der Mensch als Mikrokosmos in innigster Wechsel­wirkung mit dem Makrokosmos stehe und er selbst aus einem unsichtbaren himmlischen und einem sichtbaren irdischen Leib zusammengesetzt sei (Kap. 35). Die Erde erschien in diesem Kontext als der passive Widerpart des Himmels, als die dunkle und kalte Hülle, als der schmutzige Ballast, ja, als faeces. In der Hierarchie stand sie unten, das Irdische im Men­schen wurde als vergänglich, „viehisch“, bezeichnet – ohne Seele, ohne Licht. Denn die Erde galt als der vegetative Gegenpol zur geistigen Sphäre des Himmels. So erschien der Mensch als ein Schauplatz, auf dem heterogene Welten — eben Himmel und Erde — aufeinandertreffen: eine Bühne, auf dem Tier und Engel auftreten, Vergängliches und Ewiges sich offenbaren konnten.

Doch Paracelsus ordnete dem Himmel keineswegs per se das Gute und Göttliche zu, und der Erde das Minderwertige und Böse. Denn der Himmel mit seinen Gestirnen konnte für den Menschen, der ja einen inneren Himmel, eine inneres Gestirn („ die stern in uns“), in sich trug, durchaus gefährlich werden.[9] So könnten, wie Paracelsus darlegte, Aszendenten die heranwachsenden Frauen zu Hexen machen und mit ihnen eine Hexenbuhlschaft eingehen oder auch im Falle des Wahnsinns „haupt und hirn“ zerrütten. Der irdische Leib des Menschen konnte also zum einen unter die Botmäßigkeit der Sterne (des „Gestirns“) fallen, was nach Paracelsus ein verfehltes Leben bedeutete; zum anderen konnte er unter dem Einfluss der göttlichen Vernunft stehen, so dass der Mensch seine Aufgaben im „Lichte der Natur“ bzw. im „Lichte der Heiligen Schrift“ erfüllen konnte.

Das Verhältnis von Mensch und Erde wurde von Paracelsus vor allem mit dem Schlüsselbegriff der matrix definiert.[10] Dieser Begriff bedeutete grundsätzlich Gebärmutter, die freilich drei verschiedene „Welten“ ausmache: (1) die „kleineste welt“ sei die Gebärmutter der Frau; (2) die „kleine welt“, der Mikrokosmos, sei der Mensch in seinem Prototyp als Mann; (3) die „große welt“, der Makrokosmos, sei die Mutter Erde als Gebärmutter des Kos­mos.[11] Paracelsus begründete seine Lehre von den drei Welten oder „monarchien“ biblisch. Die Schöpfungsgeschichte verlaufe nämlich in drei Hauptstufen: „die welt ist und war die erste creatur, der mensch [d.h. Mann] war die ander, die frau die drit. also ist die welt die größte, der mannen die nechste, der frauen die kleineste und hinderste.“[12] Das Wasser war demnach die erste Matrix, die den Geist Gottes empfing, wodurch die Welt erschaffen wurde. Die ganze große Welt wurde sodann zur Matrix für den Menschen (d. h. für den Mann, „matrix Adae“), wonach aus dem von Gott erschaffenen Menschen sein „eigen matrix“ geschaffen wurde, nämlich die Frau. Dementsprechend gebe es drei Arten von Krankheiten und somit seien auch drei Arten von Ärzten notwendig: der kosmische Arzt (Gott), der Arzt für Männer und der Arzt für Frauen. Denn “der frauen apoplexia kompt in seiner wurzen her aus der matrix, die also ligt in irem subiecto.“[13] So sei für Männer und Frauen „die arznei gescheiden [sic].“[14] Paracelsus sprach sogar explizit von „Frauenkrankheiten“, die jedoch im Unterschied zum heutigen Verständnis alle denkbaren Krankheiten der Frau meinten und nicht nur die Störungen der weiblichen Geschlechts- und Fortpflanzungsorgane.[15]

Die Freiburger Germanistin Sabine Mödersheim interpretierte Michael Maiers alchemistische Sinnbilder der Mutter vor dem Hintergrund der „matrix“ bei Paracelsus.[16] Das zweite Emblem in der „Atalanta fugiens“ zeigt anschaulich die Erde als Mutter: Sie stellt den Torso einer Frau dar, die einem Kind die Brust gibt. (Abb. [i]) Die Überschrift lautet: „Sein Säugmutter ist die Erden“ (Nutrix ejus terra est). Wie die Subscriptio erläutert, sieht man im Vordergrund links Jupiter, „gesäuget von einer Geiß“, und rechts Romulus (mit Remus) „von einer Wöffin“: „So dann die Thier gespeiset han solche grosse Helden gewiß / Wie groß mag dann der seyn / dessn die Erd Säugmutter ist?“[17] Nicht nur unterschwellig erinnert „Mutter Erde“ an Maria lactans, die den göttlichen „Menschensohn“ an ihrer Brust nährt.

Die Erde wurde zur Metapher für den Leib der Frau, für die als „matrix“ definierte Frau schlechthin – und vice versa. Paracelsus drückte dies in folgendem Gleichnis aus: „so wissent das die ganze frau die erden ist und alle element. dise matrix ist der baum der da wechst aus der erden, das kind ist die frucht so aus dem bäum wachst.“[18] So empfange die matrix die Krankheit „wie ein baum, den die erden verderbet, nimpt im seine grüne, sein art, sein kraft, […] dermaßen ists auch mit den frauen. so ir leib nicht gut ist, nicht gesunt, […] so ist alle matrix verderbet […] und mit allen andern zufallenden krankheiten beladen.“[19] Von der Mutter Erde wird auf die Mutter Frau analogisch zurück geschlossen: „das ein gute erden gute frucht bringt, so ferne das nichts einfalle von den umbstenden, das ist von dem eußern himel“, so möge auch die Frau „gute frucht tragen aus dem so sie eine gute erden ist.“[20] Vor dem schlechten Mann möge sie behütet werden, „das sie nit inficirt wird von dem undern himel, das ist vom man“, der die Leibesfrucht verderben könne. Dieser eugenische und zugleich hygienische Ratschlag klingt einfach und einleuchtend.

Im „Liber meteororum“[21] erklärte Paracelsus eine Ursache des Erdbebens, wie er einschränkend hinzufügte, recht eingängig: Der Wind, der durch die Poren der Erde wehe und keinen Ausgang mehr finde, werde in sich selbst „consumirt“ und verursache so das Erdbeben [„ertbidmen“], auf dieselbe Weise, wie er im Wasser die Wellen erzeuge.[22] Als Metapher verwandte Paracelsus das Erdbeben häufiger, um bestimmte Krankheits­ursachen zu erklären. Gemäß seiner Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre gab es nicht nur äußere Gewitter, sondern auch innere im Leibe des Menschen, womit er an einer Stelle den Schüttelfrost bei der Erkältung erklärte: „das in so einem kleinen leib der ganzen welt eigenschaft beschlossen ligen, und dieweil der mensch so wol einverschlossen ist, das nichts von im mag, folget aus demselbigen ein erzittern und erbidmen [sic] des ganzen leibs.“[23] Vor allem aber diente das Erdbeben als Metapher für die Fallsucht (Epilepsie), die Krampfanfälle, den „paroxysmus“: „und wie der erdbidem [sic] die erden erzittert und aufwirfet und auferhebt und erschüttet [sic], also wird diser leib auch hin und her geworfen.“[24]

Insofern nun die matrix, die Gebärmutter, die kleinste Welt in der kleinen Welt sei, gelte für sie Entsprechendes: „das kind in matrice lebt im firmament matricis, das außerhalb in dem eußern firmament. also ist matrix mundus minor und hat in ir all art der himel und erden. […] so ist sie auch allem donner und erdbidem unterworfen“[25] Damit wollte Paracelsus die „hinfallenden siechtage der mutter, so allein den frauen anhangt“ erklären, wie die Überschrift des Traktats lautet, was im traditionellen Verständnis „Hysterie“ als spezifische Frauenkrankheit bedeutete. [26] Die Hysterie wurde somit als Erdbeben der Gebärmutter aufgefasst. Auch hier seien es die spezifischen „astra“, die „den caducum matricis machen… als ir erdbidem, stral [Blitz] etc., das mit nichte vermischt wird mit der anderen microcosmischen art.“[27] Darüberhinaus aber war das Erdbeben für Paracelsus, wie er insbesondere in der „Astronomia magna darlegte, auch Gegenstand der übernatürlichen, d. h. himmlischen Magie (magica coelestis), Ereignisse „wider die natur“, die der „magus coelestis“ gewissermaßen als Prophet aus seiner „himmlischen astronomei“ zu deuten habe.[28] Paracelsus rechnete das Erdbeben neben anderen Naturerschei­nungen zu den „magica signa“, den magischen Zeichen: „aus der magica colesti gehen mer dan die natur vermag und als oft ein solches ist, als oft ein jamer hernach, von dem kein astronomus sagt noch sagen kan im liecht der natur, alein im liecht der himlischen eigenschaft.“[29] Ohne Zweifel respektierte Paracelsus die Rolle des Propheten. Das Erdbeben könne nämlich auch als zukünftiges himmlisches Zeichen verstanden werden, das der magus colestis weissagen könne.[30] Er verstand das Erdbeben per se als religiöses Zeichen der Zeitenwende, des Umbruchs, der Auferstehung; und verwies an einer Stelle auf das Erdbeben während der Kreuzigung Christi.[31]

So spielte die Erde gerade in den mantischen Schriften des Paracelsus eine beachtliche Rolle. Das Erdbeben wurde als Ausdruck der himmlischen Magie (magica coelestis), als Vorzeichen zukünfigter Ereignisse gedeutet, die dem Eingeweihten über die Zu­kunft Auskunft geben könne. In den von Sudhoff im neunten Band seiner Paracelsus-Ausgabe gebündelten „Schriften über Kometen, Erdbeben, Friedbogen, Himmelszeichen“ (1531/l 534) befindet sich ein nur fünf Seiten langer Text unter dem Titel: „Uslegung der Erdbidem, beschehen nach usgang des Cometens in den Alpischen birgen im M. D. xxi [1531]“.[32] In diesem Text diente die Metapher des Erdbebens sogar dazu, den Krieg als soziale Krankheit zu veranschaulichen. Erdbeben würden „bella intestina“ symbolisieren, gleichsam Bürgerkriege: „dan ein ietlicher erdpidem [sic] ist ein irdischer comet, des bedütung alein inhalt bella intestina, das sind die krieg, da das husgesint selbs wider einander ist.“[33] So zeige es „alein uneinikeit in den selbigen regionen“ an, „die das volk selbs under inen haben wird.“[34] Wir stoßen hier auf den interessanten Tatbestand, daß der Krankheitsbegriff nicht auf den Leib des Einzelnen, sondern auf das Verhalten des Volkes bezogen wird, wie es sich angeblich im Verhalten der Erde anzeige.


[1] Bonaventura, 1923, S. 18 f. [2] Druschky, 1967. [3] Pagel, 1982, S. 96. [4] Pagel, 1962, S. 77. [5] Paracelsus, Ed. Sudfhoff, Bd. 9, S. 191. [6] A. a. O., Bd. 14, S. 571. [7] Sudhoff, 1932; Weimann, 1961. [8] Weimann, 1963. [9] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 60. [10] Pagel, 1982,  S. 95-100 u. S. 129 f.; L. Braun, 1995. [11] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 11, S. 178. [12] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 9, S. 179. [13] A. a. O., S. 181. [14] A. a. O., S. 182. [15] A. a. O., S. 186. [16] Mödersheim, 1996. [17] Maier, 1618 [a], S. 16. [18] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 9, S. 209 f. [19] A. a. O., S. 212. [20] A. a. O., S. 221. [21] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 13, S. 127-206. [22] Ebd., S. 167. [23] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 10., S. 302. [24] A. a. O., Bd. 8, S. 354. [25] A. a. O., S. 327. [26] A. a. O., S. 319-368. [27] Ebd., S. 337. [28] A. a. O., Bd. 12, S. 333. [29] A. a. O., S. 373. [30] A. a. O., S. 341. [31] A. a. O, Bd. 8, S. 251; a. a. O., Bd. 9, S. 398. [32]A. a. O., Bd. 9, S. 397-402. [33] Ebd., S. 397. [34] A. a. O., S. 401.


[i] Maier, 1618 [a], S. 17; Mödersheim, 1996, S. 41; → Abb. Atalanta fugiens 2