41.Kap./4 * Himmlische matrix [+ Audio]

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Jakob Böhme benutzte den Begriff der matrix im Kontext seiner Theosophie. In der Schrift „Mysterium Magnum“ konfrontierte der die natürliche mit der göttlichen Magie. Die magische Kunst sei bei den Heiden geblieben “biß auf das Reich Christi / biß die Göttliche Magia aufging / so ging die natürliche bei den Christen unter / welches im Anfang wol gut war daß sie untergieng / dann der Heydnische Glaube verlosch darmitte / und wurden die Magischen Bilder der Natur / welche sie für Götter ehreten / darmitte auß der Menschen Hertze gereuttet.”[1] Böhme berief sich auf Josephs Deutungskunst, die allein in der Macht Gottes gelegen habe, „daß es jhme allein Gott gebe zu wissen / daß er weder Kunst noch Magische Bilder darzu dörffet/ sondern Gott würde Pharao durch jhn gutes deuten.“[2] So ergreife ein „rechter Göttlicher Magus“ das Wort Gottes und führe „mitten in die Figur der Natur“ ein. „Wer anders hierinnen handele / der ist ein falscher Magus / wie der Teuffel unnd seine Hexen solche seyndt.“ Er unterschied zwischen guter natürlicher Magie, schlechtem Götzendienst und göttlicher Magie. Die „Magia naturalis“ sei wieder zu stärken, „auff daß doch der Titul-Christenheit jhre selbgemachte Götzen / durch die Natur offenbar und erkant werden / daß man in der Natur erkenne / das außgesprochene geformbde Wort Gottes“.[3] Böhme warnte vor den bösen, falschen Magi und mahnte, Magie „in einem rechten Glauben unnd Demut gegen Gott“ zu brauchen.[4]

Mit Maria sei die „Himmlische Matrix“ wieder hergestellt worden: „Unnd das ist Marien benedeyung unter allen weibern / daß sie die erste von Adam her ist / in welcher ist die Himmlische Matrix wieder eröffnet worden / in der die dürre Ruthe Aaronis [„Aaronstab“ als Zeichen der Erwählung Aaorons zum Hohepriester durch Gott] recht grünete / als das Reich Gottes: Sie ist die erste / in welcher das verschlossene offenbahr ward dañ in jhr stundt das Ziel des Bundes im Geistlichen Bilde am Ende / und in jhr ward es mit unser Menschheit erfüllet.“ [5] In der geschwängerten Maria breche das Reich Gottes an. In ihrer Gebärmutter vollziehe sich ihre Wandlung zur Gottesmutter. Böhme identifizierte Maria mit der Natur, zumindest sind beide im Hinblick auf ihre „Anzündung“ durch den „Will des ungrundes“, also Gott, nicht klar voneinander abgrenzbar. So beschrieb er – unter dem Vorzeichen des Sonnensymbols – als „4. Gestalt zur Natur […] des Fewers anzündung / da erst das fühlende und verstendige Leben auffgehet / und sich der verborgene Gott offenbaret / denn ausser der Natur ist er allen Creaturen verborgen. Aber in der Ewigen und Zeitlichen Natur ist er Empfindlich und offenbahr.“[6] Mariä Empfängnis durch den Heiligen Geist entspricht hier der Anzündung der Natur durch das ewige Feuer. So brauche Gott die Natur „zur Eröffnung seiner Wunder der Weißheit auß Liebe und Zorn / zur Gebährerin seiner Wunder: Also ist uns auch mit der bösen angebohrnen Eygenschafft im Menschen zu verstehen / welche die Seele nicht richten mag.“[7]

In der Schrift „Von der Menschwerdung Jesu Christi“ setzte sich Böhme mit dem Motiv der „Jungfrau Maria“, mit göttlicher Reinheit, Schwangerschaft und Geburt auseinander. Das Frontispiz zeigt einen großen Kreis von Augen, wobei das oberste geschlossen ist, während die nach unten hin sich öffnen. (Abb. [i]) Die Friedenstaube schwebt in der Mitte über dem knienden Jesuskind mit ausgebreiteten Armen, eingepasst in ein nach unten gerichtetes Dreieck, das von sieben Flammen umgeben ist. Unterhalb des Augenkreises befindet sich ein kleinerer Halbkreis mit der Mondsichel, auf der bloße Füße stehen, die Unterschenkel sind mit einem Gewand bedeckt. Offenbar steht unsichtbar hinter dem großen Kreis Maria, denn direkt oberhalb des obersten Auges befindete sich ein Sternenkranz. In der betreffenden Legende ist zu lesen: „ Im Leibe der irdischen Mariae / und zugleich im Chao [Chaos] und Circulo der Göttlichen unendlichen Sophiae […].“ [8] Die Interpretation des Bildes liegt auf der Hand: Das Dreieck mit Kind bedeutet den Uterus der Maria (Matrix), der große Kreis die Sophia, die Dreieinigkeit steht im Mittelpunkt: Das Jesuskind nimmt eine Haltung wie der Gekreuzigte (Christus) ein, die strahlenden Flammen und Augen symbolisieren Gott und die Taube stellt den Heiligen Geist dar. Sophia ist also nicht mit dem Heiligen Geist identisch.[9] Sie verkörpert vielmehr die göttliche Natur, den „Leib Gottes“.[10] Es geht Böhme um die christliche Wiedergeburt des Menschen im Akt einer neuen Imagination: „Weil uns aber GOtt aus seiner Gunst und Liebe zu uns hat sein helles Angesicht in der Menschwerdung Christi wieder eröffnet / so ligets nur an dehme / dass gleichwie wir in Adam haben in die irdische Sucht imaginiret / davon wir irdisch worden/ dass wir nun in unsern begehrenden Willen wieder in die himmlische Jungfraw setzen / und unsere Lust darein führen / so gehet unsere Bildnüß aus der irdischen Frawen aus / und empfähet jungfräwliche Essentz und Eigenschafft / darin GOtt wohnet / da der Seelen Bildnüß mag wieder das Angesichte GOttes erreichen.“[11]

Die Natur als Gebärerin der Wunder Gottes: Hier erweist sich Böhmes Darstellunskunst, Naturphilosophie und Theosophie in eins zu setzen und sie als Momente einer individuell erfahrbaren Psychologie zu begreifen. Wenn die Seele in ihrer Bosheit bleiben wolle, liege ihre „Verdamniß […] in jrh selber / und nicht außer jhr / sie machet jhr die Hölle in jhr selber / das ist / sie erwecket in jhr auß dem Centro der ewigen Göttlichen Natur Gottes Grimm / als die Eygenschafft der finstern Fewr-Welt / in welcher sie nicht Gottes Liebe-Kind ist / sondern seines Zornes / dessen Wesens sie selber ist.“[12] Im Grunde hat der Mensch selbst die Wahl zwischen der finsteren und der lichten Feuerwelt in seinem Inneren. Jeder Mensch, so könnte man mit Böhme sagen, hat mit seiner Seele teil an der matrix und ist selbst dafür verantwortlich, ob diese Natur in ihm zur „Gebärerin der Wunder Gottes“ oder ihm zur Hölle wird.


[1] J. Böhme, 1640, S. 587. [2] A. a. O., S. 591. [3] A. a. O., S. 587 f. [4] A. a. O., S. 47. [5] A. a. O., S. 464. [6] A. a. O., S. 8. [7] A. a. O., S. 307. [8] J. Böhme, 1682 [b]: „Andeutung der Titul-Figur“.  [9] Ingen, 1994, S. 162. [10] Deghaye, 1994. [11] A. a. O., S. 83. [12] J. Böhme, 1640, S. 307 [= 40/32].


[i] J. Böhme, 1682 [b]; → Abb. Böhme 1682 Menschwerdung Christi