42.Kap./2 * Fortuna und Natura

Ein „Sinnbild“ im 1643 publizierten Emblembuch des gelehrten Schriftstellers Franz Julius von dem Knesebeck zeigt unter der Überschrift „Greiff, wans glücke steht bereit“ eine kräftige nackte Frau, die auf einer geflügelten Kugel steht und mit der Rechten eine wehende Fahne schwingt. (Abb. [i]) Sie wird von einem Ritter mit beiden Händen am linken Unterarm gepackt. Es handelt sich wohl um Fortuna, deren Gestalt und Stellung im Bild freilich auch an Natura erinnert. Der Begleittext lautet: „Ergreiff des glückes Zeit alsbalt mit beiden händen / Den eh du es vermeinst, wird dirs den rücken wenden / Und unergreifflich sein: verlieb [sic] nim diesen tag / Du weist nicht, ob hinfort ein gleicher kommen mag.“ Auf demTitelblatt des Emblembuchs des lutherischen Theologen Johannes Saubert von 1630 sind zwei Frauen in einer merkwürdigen Konstellation abgebildet. (Abb. [ii]) Die eine sitzt mit entblößter Brust in der Höhe auf dem Glücksrad neben der Mondsichel, die andere liegt vollständig bekleidet unten am Boden und hält ein aufgeschlagenes Buch hoch. Handelt es sich um eine Gegenüberstellung von Natura und Scientia? Die Inschrift lautet: „Frewe dich nit, meine Feindin, daß ich darnider Lige; ich werde wider aufkommen, und so ich im Finstern sitze, ist doch der Herr mein Liecht.“ Diese Gegenüberstellung von Oben und Unten, Licht und Finsternis, Luna und unsichtbarer Sonne lässt darauf schließen, dass Saubert als Lutheraner den Darniederliegenden Trost spenden wollte. Die Aufwertung des auf dem Bild unsichtbaren Licht Gottes geht allerdings mit einer Abwertung des sichtbaren Mondlichtes und der beteffenden Personifikation der Natura („meine Feindin“) einher, die in diesem Arangement zugleich die Sünde versinnbildlicht. So heißt es in der Umschrift: „Ich will deß herr zorn tragen dann ich hab wider ihn Gesündiget“.

Anmerkung zur ikonografischen Verschmelzung von Glück mit Natura und Maria im Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/08/04/anmerkung-zu-42-kap-2-fortuna-und-natura/

In der Emblemsammlung von George Wither, die in vier Teilen 1634/35 erschien, gibt es ein aufschlussreiches Sinnbild, das eine Verschmelzung von Fortuna und Luna darstellt. (Abb. [iii]) Die Umschrift lautet: Fortuna ut LUNA. Die mondhafte Glücksnatur hält einen fahnenartigen Umhang in der linken Hand fest, der ihre Gestalt halbmondartig umweht, während sie in der rechten eine kleine Mondsichel hält. Die Überschrift lautet: “Uncertaine, Fortunes Favours, bee, [/] And as the Moon, so changeth Shee.“ Hier erscheint Natura in Form der Fortuna-Luna als die Göttin der sublunaren Welt. Die geflügelte Kugel, worauf sie steht, soll ihre Flüchtigkeit symbolisieren, wie der Subtext erklärt: „Her Ball hath wings, that it may signifie [/] How apt her Favours are, away to flie.“ [1]

Anmerkung zu einer ähnlichen Darstellung der „Fortuna“ durch Nicoletto da Modena (ca. 1506) im Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/08/04/anmerkung-zu-42-kap-2-fortuna-und-natura-2/

Anmerkung vom 20.11.2014:

An diese Fortuna-Luna-Darstellung erinnert die Bronze-Statue „Whirlwind“ (11896) von Jonathan Scott Hartley.

Naheres siehe mein Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/20/308/

Anmerkung vom 28. Juli 2015:

Fortuna mit einem halbmondförmig geschwungenen Segel ist offenbar ein beliebtes Motiv gewesen. Auch Peter Paul Rubens hat es aufgegriffen, siehe Abbildung in meinem Supplementary News Blog.

Auf einem anderen Emblem sieht man eine festlich gekleidete Frau zwischen zwei Männern auf einer Kugel stehen. (Abb. [iv]) Wie die Überschrift andeutet, möchte sich die Dame nicht dem mächtigen König und seinem Zepter, sondern dem einfachen Volk und seiner Musik zuwenden: „a fickle Woman wanton growne, [/] Preferres a Crowd before a Crowne“. Dies wird in der Umschrift noch weiter konkretisiert: Non sceptro sed plectro ducitur.“ (Nicht durch das Zepter sondern duruch das Plektrum [Plättchen für Zupfinstrumente] wird sie geführt.) Im Subtext heißt es: “A Fiddle sticke shall winne her heart from thee. [/] To Youth and Musicke, Venus leaneth most”. Hier wird also ein Ratschlag erteilt, wie man eine ambivalent-schillernde Frau (fickle woman) für sich gewinnen kann: Nicht durch Macht oder gar Gewalt, sondern durch jugendliche Geschmeidigkeit und Musik. Doch es geht nicht nur um die zwischenmenschliche Annäherung eines Mannes an eine bloß irdische Frau. Diese wird nämlich mit der Liebesgöttin Venus identifiziert, die mit mit Musik umworben werden will. Möglicherweise griff der Autor hier auf die Tradition des mittelalterlichen Minnesangs zurück. Das Emblem mag auch als Anspielung auf die frühneuzeitliche Naturforschung im Sinne der magia naturalis verstanden werden. Die Natur wurde dort ja als die große Lehrerin und Führerin des Menschen personifiziert, die ihre Geheimnisse nur dem demütig liebenden Adepten preisgibt. Dabei stellte sich eine Dialektik des Führens heraus: Es war nämlich gerade die Aufgabe des Naturforschers, die Natur durch seine Kunst hervorzulocken und spielerisch zu erreichen, dass sie sich ihm enthüllt.

Schließlich sei noch auf ein Emblem von Wither hingewiesen, das eine ungewöhnliche Szene darstellt. (Abb. [v]) Ein alter Mann kniet auf einem Friedhof, der durch Spaten, Sense und Totenschädel gekennzeichnet ist, und liest andächtig in einem Buch, das von den Strahlen des Mondes beleuchtet wird. Die Überschrift lautet: „To Learning, I a love should have, [/] Although one foot were in the Grave.” Man könnte das frei übersetzen mit dem geflügelten Wort: „Zum Lernen ist es nie zu spät.“ Das Erstaunliche ist, dass die Sonne ebenfalls scheint, aber tiefer als der Mond steht und weniger Leuchtkraft als dieser hat. Damit wird das gängige Muster von der Sonne als Zentralgestirn der wissenschaftlichen Aufklärung durchkreuzt, wie es sich etwa im Wappen der Leopoldina zeigt (Kap. 34). Der Sichelmond (horned Cynthia) als Verkörperung der Natura hat hier die Funktion der Sonne übernommen und soll den Lebensabend symbolisieren – zugleich aber auch als Gestirn der sublunaren Welt Natura als die Lehrmeisterin. Insofern könnten wir dieses Emblem als einleuchtende Illustration für den paracelsischen Topos „Im Lichte der Natur“ auffassen.

In der Ikonographie der frühneuzeitlichen Naturphilosophie hatte Natura eine Mittlerfunktion und stand in der kosmologischen Hierarchie unterhalb der göttlichen Lichtquelle − analog Maria in der religiösen Bildwelt. Andererseits verhielten sich Sonne und Mond in der alchemistischen Symbolik auch wie gleichwertige Geschlechtspartner zueinander − im Sinne der coniunctio oder „chymischen Hochzeit“. (Kap. 35). Eine merkwürdige Kombination von Sonne und Mond fällt in der Darstellung des Hermes Trismegistos im „Chymischen Lustgärtlein“ des böhmischen Alchemisten Stoltzius von Stoltzenberg auf.[2] (Abb. [vi]) Der Meister mit Welkugel in der rechten Hand verweist mit der linken auf Sonne und Mond, die als Gesichter untereinander stehen und durch Feuerflammen vereint sind. Zwar entspricht die vertikale Anordnung von Sonne und Mond der überlieferten Hierarchie, in ihrer Gestalt und Ausstrahlung erscheinen sie jedoch als gleichwertige Instanzen.

Mir ist im Kontext der frühen Neuzeit nie die Darstellung von Sonne und Mond als einem kosmischen  Zwillingspaar in Gestalt von göttlichen Augensternen begegnet. Eine solche Auffassung kam offenbar bei den Ägyptern zum Ausdruck, wie die Schritstellerin Maragarete Riemschneider anmerkte: „So wie der Sichelbogen des Mondes mit dem Stiergehörn gleichgesetzt wird, so gelten […] Sonne und Mond als Augen des Himmelsgottes. Nicht etwa die Sterne, sondern allein Sonne und Mond. Noch in einem späten Hymnus von Komombo [Kom Ombo] heißt es von dem ägyptischen Gott Chentirti:

            Sonne und Mond sind in seinem Antlitz,

            Sein rechtes und sein linkes Auge sind Aten und Atmew,

            Seine beiden heiligen Augen streuen Licht am Morgen und Abend.“[3]

In der Naturlyrik werden über die Zeiten hinweg Sonne und Mond als ein Paar von gleichgewichtigen Partnern besungen, die für den Wechsel von Tag und Nacht zuständig sind und insofern Hand in Hand arbeiten. Je nach Standpunkt des Betrachters konnten sich die Sympathien mehr dem einen oder dem anderen zuwenden. So besang man nicht nur die „güldene Sonne“, sondern auch den „goldenen  Mond“, ungeachtet seiner alchemistischen Zuordnung zu Silber. In Kultur- und Wissenschaftsgeschichte wurde in der Regel der Mond mit geheimnisvollen Zauberkräften in Verbindung gebracht. Luna war das (weibliche) Gestirn, das wie kein anderes die Magie der Natur verkörperte und vielfach mit Natura gleichgessetzt wurde. Diese Einstellung ist auch heute noch präsent, wenn auch nicht in der Naturwissenschaft, so doch in der Poesie. Als Beispiel sei eine Strophe aus dem Gedicht „Ansichten der Natur“ von Klaus Demus zitiert, der laut Wikipedia „pantheistische Naturlyrik“ schreibt.[4]

 „Wenn überm Weltmehr der Mond steht −

Selige Breiten sind wach

In Stille, und schaumaufgerüstet,

niedergestrahlt durch ein Himmelsloch,

meilenweit Zauberei −

es greift aus dem Raum auf die Erde,

das niemand sieht, ein Erglänzen

nächtlich noch sonneher −

abseitig Schiffender Fahrt

mag sich darin bewegen:

unvorstellbar bleibt dennoch,

ungesehn, unbezeugt,

was auf der Weltseele der Mond

lichtberührend hervorruft.“[5]

Anmerkung vom 8.12.2014:

Ein weiteres Beispiel zeitgenössischer Naturlyrik ist das Lied „Moon River“ aus dem US-amerikanischen Film „Breakfast at Tiffany’s“.

Siehe meinen Supplementary News Blog: https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/12/08/347/


[1] Ebd. [2] Stoltzius von Stoltzenberg, 1624. [3] Riemschneider, 1953, S. 12. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Demus (31.07.2012) [5] Demus, 2007, 466.

[i] Höpel, 1987, S. 307; Knesebeck, 1643: Sinnbild 38; → Abb. Knesebeck 1643 [ii] Höpel, 1987, S. 314; Saubert, 1630: Titelbatt; Saubert [1630] 1977: Nr. 40; http://www.gbv.de/vd17-cms/vd17_image_full_view?zuid=d463c5df-b1ba-416d-ac75-bef40e277e06 (27.02.2012); → Abb. Saubert zwei Frauen [iii] Wither [1635], 1975, S. 174; http://emblem.libraries.psu.edu/withe174.htm (27.02.2012); → Abb. Wither Fortuna [iv] Wither [1635], 1975, S. 7; http://emblem.libraries.psu.edu/withe007.htm(28.02.2012); → Abb. Wither sickle woman [v] Wither [1635], 1975, S. 87; http://emblem.libraries.psu.edu/withe087.htm (28.02.2012); → Abb. Wither Learning [vi] Stoltzius von Stoltzenberg, 1624; http://wiki.anthroposophie.net/Hermes_Trismegistos(2.08.2012); → Abb. Hermes Trismegistos

Advertisements