# 42. Kap. Luna: Spiegel für die sublunare Welt

 

Die kosmologische gender-Problematik kreiste um die beiden beherrschenden Himmelskörper Sonne und Mond. Die helle und warme Sonne wurde zum Symbol des Männlichen und Geistigen, der dunklere und kühlere Mond zum Symbol des Weiblichen und Materiellen. So wurden schon in der Antike die Sonne mit dem göttlichen Vater und der Mond mit der göttlichen Mutter gleichgesetzt. Damit wurden zugleich Tag und Nacht entsprechend charakterisiert: der Tag als aktive Phase der Kreation, die Nacht als passive Phase der Rekreation. Ideengeschichtlich entscheidend war die Zuordnung der Natura zur Nacht und zum Irdischen: Sie war somit die nächste übergeordnete Instanz für das irdischen Leben und insbesondere den Menschen, oder, wie die spezielle Bezeichnung lautete: für die „sublunare“ Welt. Diese erschien je nach Blickwinkel in ganz unterschiedlichem Licht: Bei Tage waren unter dem Sonnenlicht sozusagen die Nachtschatten verschwunden und so konnte die eine Partei behaupten, dass diese ohnehin nichtig seien, während die andere dagegen meinte, dass gerade die bei Tage unsichtbar gewordenen Dinge die wichtigeren seien. Wir sind hier mit einer grundlegenden Kontroverse der Ideengeschichte konfrontiert, die bereits in den unterschiedlichen Lehren eines Platon und Aristoteles angelegt war und mit der Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und Romantik um 1800 wohl ihren letzten großen Höhepunkt erreichte. Der springende Punkt war nun, dass die Romantiker das Seelenleben kosmologisch deuteten und, wie der Jenaer Medizinprofessor Dietrich Georg Kieser, der bereits im Zusammenhang mit dem „Selbstmagnetisieren“ erwähnt wurde (Kap. 24), dies auch graphisch darstellte. (Abb. [i]) Er ging von der komplementären Dualität von „Tag- und Nachtseite“ des Seelenlebens aus, welcher er alle psychischen Phänomenen zuordnete. Es lag insbesondere im Hinblick auf den Traum nahe, das „Unbewusste“ der Nachtseite zuzuordnen, was in der damaligen Medizin bedeutete: dem vegetativen oder autonomen Nervensystem,. Im Folgenden wollen wir die Identifizierung von Nacht und Mond mit dem weiblichen Prinzip ein Stück weit beleuchten. Vor allem interessiert uns, wie zwei göttliche Instanzen als Frauen personifiziert wurden, deren Gestalt vielfach ineinander überging: Natura einerseits und Maria (Virgo) andererseits.


[i] Kieser, 1822, Bd. 2, nach S. 118; → Abb. Kieser Tellurismus

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