* 43. Kap./2 * Liebe „von oben“

Die Schwerkraft bedeutete für Simone Weil das „Niedrige“, das Naturgesetzliche, „alle natürlichen Bewegungen der Seele“.[1] Die einzige Gegenkraft sei die Gnade, das Licht. Die lebenspraktische Aufgabe lautete: „wie kann man die den niederen Beweggründen zugefallene Energie auf die höheren überleiten?“[2] Denn bei den niederen zu verharren, der Schwerkraft zu gehorchen, sei die größte Sünde. Die Befreiuung daraus könne nicht aus eigener Kraft geschehen, man könne nur „von oben“ befreit werden. Simone Weils Denkmodell geht von einer anschaulichen Dynamik aus: Von einer „Abwärtsbewegung“ durch die Schwerkraft und einer „Aufwärtsbewegung“ durch die Gnade.[3] Sie formulierte diesen Gedanken in zwei Sätzen: „Die Gnade ist das Gesetz der herabsteigenden Bewegung.“ Und: „Sich erniedrigen, heißt hinsichtlich der geistigen Schwerkraft steigen. Die Schwerkraft des Geistes läßt uns nach oben fallen.“ Sie betonte die Grenze, die man ohne „übernatürliche Hilfe“ nicht überschreiten könne, „nicht ohne hernach mit einer furchtbaren Erniedrigung dafür bezahlen zu müssen.“[4] Immer wieder forderte sie – von sich selbst ausgehend – die Potenzierung der Energie im Sinne des Nach-oben-Fallens. Denn: „Die niederen Gefühle [Neid, Ressentiment] sind degradierte Energie“.[5] An anderer Stelle sprach sie von „Umwandlung der Energie“. Man solle „unbeweglich und aufmerksam“ den Versuchungen widerstehen, dann würden diese vergehen und „man empfängt die aufgestaute Kraft“.[6] Denn bei der Betrachtung des Guten träte ein Augenblick ein, „wo man nicht mehr umhin kann, als es zu vollbringen.“

Simone Weil formulierte in ihren thesenartigen Aphorismen provokante und oftmals luzide Aussagen, wie z. B. „Das Sein des Menschen hat seinen Ort hinter dem Vorhang, auf seiten der Übernatur. […] Hoffärtig sein, heißt vergessen, daß man Gott ist … Der Vorhang, das ist das menschliche Elend: selbst für Christus gab es einen Vorhang.“[7] Das Sich-zurückziehen Gottes war ein wichtiger Begriff, den Simone Weil vermutlich der kabbalistischen Lehre und ihrem Begriff des „Zimzum“ entlehnt hatte.[8] Er beschrieb eine „doppelte Operation“ der Liebe: So wie der Schöpfer sich von seiner Schöpfung zurückgezogen habe, „um uns ein Sein zu lassen“, sei es nun an uns, „uns zurückzuziehen, um ihn hindurchzulassen“.[9] Denn alles, was „ich“ in mich aufnehme, allem, dem ich begegne, „beraube ich seiner Berührung mit Gott“. Also lautet die Forderung: „mich zurückziehen, um das Beisammensein nicht zu stören.“ Denn die Anwesenheit sei zudringlich, „als ob ich mich zwischen zwei Liebenden oder zwei Freunden befände. Ich bin nicht das junge Mädchen, das einen Bräutigam erwartet, sondern der lästige Dritte, der mit zwei Brautleuten zusammen ist und erst fortgehen muß, damit sie wahrhaft beieinander seien. Wenn es mir nur gelänge, zu verschwinden, so wäre die liebende Einigung vollkommen, zwischen Gott und der Erde, auf der ich gehe, dem Meer, das ich höre …“.[10]

Die Erhebung kann nach Simone Weil nicht durch eine „Übertragung“ von niederen Neigungen, etwa sich vor anderen auszuzeichnen, auf höhere Gegenstände bewirkt werden. Das Gegenteil treffe zu: „man würde sich erheben, wenn man höhere Bestrebungen auf niedere Gegenstände richtete.“[11] Diese Bemerkung sei nicht zuletzt auch für das Sexuelle bedeutsam, wie Simone Weil in ihrer Kritik der Freuschen Psychoanalyse darlegte. Diese sei von dem gleichen Vorurteil durchtränkt, das sie bekämpfen wolle, „dem Vorurteil nämlich, das Geschlechtliche sei niedrig.“[12] Denn der Wille, ein Vorurteil zu bekämpfen, sei ein sicheres Zeichen, dass man von diesem Vorurteil durchdrungen sei. Sie unterschied zwischen dem Mystiker, der sein Liebesvermögen, seine „geschlechtliche Energie“ auf Gott richtet, und „der falschen Nachahmung des Mystikers“, der diesem Vermögen seine natürliche Richtung belasse und einem imaginären Gegenstand „den Namen Gottes anheftet.“[13] Sie nannte, wohl wiederum gegen die Psychoanalyse gerichtet, die Idee der Sublimierung „die Dummheit unserer Zeit“. Ihr Ausgangspunkt war die Höhe der göttlichen Liebe, sie blickte gleichsam von oben auf die Welt und nicht von unten, den Niederungen der fleischlichen Liebe: „In den Augen Platos ist die fleischliche Liebe ein degradiertes Bild der wahrhaften Liebe. Die keusche menschliche Liebe [eheliche Treue] ist ein minder degradiertes Bild.“[14] Gleichwohl findet sich auch bei ihr die Idee der Sublimierung, wenn sie den Begierden ihre Energie dadurch entziehen möchte, „daß man ihnen ihre Richtung auf zeitliche Ziele nimmt.“[15] Es gelte, den „Biß der Begierde“ wie ein Leiden zu ertragen und zugleich die Aufmerksamkeit „unverwandt auf das Gute“ gerichtet halten: „Dann findet auf der Qualitätsleiter der Energien eine Erhöhung statt.“

Simone Weil fasste noch eine andere Qualität der „Übertragung“ ins Auge: „Jedes Verbrechen überträgt das Böse von dem Handelnden auf den Erleidenden. Die ungesetzliche Liebe wie der Mord.“[16] Aber die „Maschinerie der Strafgerichtsbarkeit“ sei derart mit dem Bösen verseucht, „daß eine Verurteilung sehr oft das Böse des Strafapparates auf den Verurteilten überträgt, und dies sogar dann, wenn er schuldig und die verhängte Strafe angemessen ist.“ Wie kann man sich von dem Bösen befreien? Hier kommt die Idee einer Selbst-Übertragung ins Spiel: „Man muß es [das Böse] aus dem unreinen Teil in den reinen Teil seiner selbst übertragen und es derart umwandeln in reines Leiden. Das Verbrechen, das in einem ist, muß man sich selber antun.“[17]

Das „Prinzip des Aufsteigens“ sei keine Wirkung der Suggestion, die ja nur etwas meine, „was ich mir in meiner augenblicklichen Unvollkommenheit unter diesem Namen vorstelle“, also auf der gleichen Ebene verbleibt.[18] „Nur indem ich meinen Sinn auf etwas richte, das besser ist als ich, zieht dieses Etwas mich nach oben.“ Sie bezeichnete die Erfahrung, dass einen ein „Etwas“ wirklich zieht, den „ontologischen Experimentalbeweis.“ Denn eine eingebildete Vollkommenheit befände sich „auf der gleichen Höhe wie ich, der sich einbildet, nicht höher oder tiefer.“ Die „Aufmerksamkeit“ sei der Weg zur Wahrheit, nicht der Wille: „Auf der höchsten Stufe ist die Aufmerksamkeit das gleiche wie das Gebet. Sie setzt den Glauben und die Liebe voraus. Die von jeder Beimischung ganz und gar gereinigte Aufmerksamkeit ist Gebet.“[19] Dies entsprach der buddhistischen Vorstellung von „Achtsamkeit“ als Praxis der Meditation, mit der sich Simone Weil auseinandergesetzt hatte. Ziel sei es nicht „die Muskeln zu verkrampfen und die Kiefer zusammenbeißen“, sondern nach der höchster Aufmerksamkeit zu streben, die immer eine religiöse sei.[20] Dies werde nicht vom Willen, sondern vom Verlangen, von der „Einwilligung“ motiviert. Das „Ich“ habe sich dabei passiv zu verhalten: „Von mir wird nichts gefordert als die Aufmerksamkeit, daß das ‚ich’ verschwindet.“[21] Nicht auf das „ich“ sei das „Licht der Aufmerksamkeit“ zu richten, sondern auf das „Unvorstellbare“. Wenn wir auf das Gute und das Böse gleichermaßen das „Licht der Aufmerksamkeit“ richten, gewinnt „automatisch das Gute die Oberhand. Dies ist die wesentliche Gnade.“ Jedes Studium sei eine „Gymnastik der Aufmerksamkeit“, ein „Widerschein des geistlichen Lebens.“[22] So solle man bei der Methode zum Verständnis der Bilder und Symbole nicht versuchen, „sie auszudeuten, sondern sie so lange betrachten, bis das Licht herausbricht.“[23] Die Aufmerksamkeit solle kein „Anhaften“, sondern ein „Schauen“ sein.

Mystisches Erleben übersteigt die Vernunfteinsicht. Es erfährt das „Übernatürliche“ als „übernatürliches Licht“. Der Gegenstand der Forschung solle aber nicht dieses Übernatürliche sein, sondern die Welt: „Das Übernatürliche ist das Licht: macht man es zu einem Gegenstand, so erniedrigt man es.“[24] Die Vernunft solle ihre Tätigkeit nur ausüben, „um zu den wahren Mysterien zu gelangen […]. Das Unbegriffene verbirgt nur das Unbegreifliche, und deshalb soll es beseitigt werden.“[25] In dieser Perspektive erschien ihr nach dem Vorbilde des Pythagoras und seiner mystischen Auffassung der Geometrie die Wissenschaft nur als notwendige Vorstufe mystischer Weisheit und nicht umgekehrt. Dass die Chemie aus der Alchemie und die Astronomie aus der Astrologie hervorgegangen seien, werde irrtümlicherweise als ein „Fortschritt“ angesehen, „während es sich um einen Verfall der Aufmerksamkeit handelt.“ Astronomie und Chemie seien nur „Verfallserscheinungen“, Astrologie und Alchemie als magische Praktiken „noch niedrigere Verfallserscheinungen. Die Fülle der Aufmerksamkeit wird nur in der religiösen Aufmerksamkeit erreicht.“

Simone Weil sah im „Großen Tier“, wie es Platon im neunten Buch der „Politeia“ vorstellte (in „Gestalt eines mannigfach zusammengesetzten und vielköpfigen Ungeheuers“, wie es dort heißt)[26], die Gefahr für die menschliche Person. Das Kollektiv besitze für sie eine Art von Transzendenz: „Aller Götzendienst gilt dem Kollektiv; dieses fesselt uns an die Erde.“[27] Verschiedene soziale Faktoren seien beteiligt: Ehrgeiz, Macht, Wissenschaft, Kunst. Die Gesellschaft sei die Höhle, und wer sie verlassen will, „muß in die Einsamkeit gehen.“[28] Das Soziale „unter der Aufschrift des Göttlichen“ sei der „verkappte Teufel.“[29] Deshalb sei die Meditation über den sozialen Mechanismus „ein Läuterung von höchster Wichtigkeit.“ Sie verabscheute Rom und Israel gleichermaßen: „Rom: das atheistische, materialistische Große Tier, das nur sich selbst anbetet. Israel: das religiöse Große Tier. Keines von beiden ist liebenswert. Das Große Tier ist immer abstoßend.“[30] Vielleicht habe in Rom die Schwerkraft alleine geherrscht, vielleicht auch bei den Hebräern: „Ihr Gott war schwer und plump.“ So war es für Simone Weil als Vorkämpferin für ein vom Nationalsozialismus befreites Frankreich klar, dass eine Nation „kein Gegenstand der übernatürlichen Liebe“ sein könne. Denn: „Sie [die Nation] hat keine Seele. Sie ist ein Großes Tier.“[31]

Mit Blick auf Christus am Kreuz meinte sie, dass die unbedingte Liebe kein anderes Objekt als das unbedingte Gute habe, nämlich Gott: „Seul l’amour inconditionné peut forcer l’âme à s’exposer à la mort morale, et l’amour innconditionné n’a n’a pas d’autre objet que le bien inconditionné, qui est Dieu. C’est pourquoi il est tout à fait sûr que seule une âme tuée, consciemment ou non, par l’amour de dieu, peut faire vraiment attention au malheur des malheureux. […] Le christ en croix, abandonné corps et âme. Seul il pouvait dans cet état aimer le Père. Seul le Père pouvait l’aimer dans cet état.“[32]

In der Textsammlung „Die Einwurzelung“, ihrem politischen Vermächtnis, die im englischen Exil in  der Zeit der Zusammenarbeit mit Maurice Schuman 1942/43 verfasst wurde, kämpfte sie vor allem gegen die lügenhafte Propaganda, die sie im Kapitel „Die Wahrheit“ ins Visier nahm.[33] Ihre These lautete: „jeder weiß, daß der Journalismus, wenn er von der organisierten Lüge nicht mehr zu unterschieden ist, ein Verbrechen darstellt. Dennoch glaubt man, dieses Verbrechen sei nicht strafbar.“ Sie rief nach drastischen Strafen für die „Verbreitung jeder wie immer gearteten Propaganda“, ja, man sollte sie grundsätzlich verbieten. Damit würde das „heiligste Bedürfnis der menschlichen Seele […] befriedigt: das Bedürfnis nach Schutz vor Suggestion und Irrtum.“ Es seien Richter gefordert, die sich daran gewöhnt hätten, „die Wahrheit zu lieben“. Nur so könnte das „Bedürfnis nach Wahrheit bei einem Volke“ befriedigt werden.

Simone Weil fragte unerbittlich nach der Wahrheit in Politik und Wissenschaft. Ihr zentraler Bezugspunkt war die mystische Kontemplation, die, wie sie unter Hinweis auf die Traktate des Johannes vom Kreuz feststellte, „was wissenschaftliche Genauigkeit anbelangt, sämtlichen Schriften unserer neuereren Psychologen oder Pädagogen weit überlegen ist.“[34] Denn je höher der logos hinaufsteige, umso geauer und strenger würde die Ordnung der göttlichen Weisheit erkennbar.[35] Sie kritisierte Henri Bergsons Schlüsselbegriff des élan vital als einen Götzen. Denn das Wunderbare bei den Mystikern und Heiligen bestehe nicht darin, „daß sie stärker leben, ein intensiveres Leben haben als die andern, sondern daß in ihnen die Wahrheit Leben geworden ist. In dieser Welt hier ist das Leben, der Bergson so teure élan vital, nur Lüge, und der Tod allein ist wahr. Denn das Leben zwingt, das zu glauben, woran zu glauben ein Lebensbedürfnis ist; diese Knechtschaft wurde unter dem Namen Pragmatismus zu einer Lehre erhoben; und Bergsons Philosohie ist eine Form des Pragmatismus.“[36] Die moderne Naturwissenschaft sei „keine Frucht des Geistes der Wahrheit“, auch wenn die Gelehrten von der Öffentlichkeit forderten, dass man „der Wissenschaft jene religiöse Ehrfurcht zolle, die man der Wahrheit schuldet“. Aber ihre Bemühungen könnten nicht „die Liebe zur Wahrheit als Triebkraft haben.“ [37] Simone Weil beklagte die verlorengegangene religiöse Verwurzelung der Wissenschaft. Für sie war das Ziel des Gelehrten „die Vereinigung seines eigenen Geistes mit der dem Weltall eingeprägten geheimnisvollen Weisheit.“[38] Und insofern sei die wissenschaftliche Forschung „nur eine Form der religiösen Kontemplation.“ Auch das Interesse am Symbol sei aus der modernen Wissenschaft verschwunden, dabei sei der Weg „vom modernen Denken zur antiken Weisheit […] kurz und direkt, wenn man ihn nur einschlagen wollte.“[39] Simone Weils Botschaft war  klar und eindeutig: Die Wissenschaft solle umkehren, ihren „Götzendienst“ aufgeben, zu den historischen Quellen zurückkehre – im Lichte mystischer Kontemplation. Ihre Überlegungen, die „théologie weilienne“,[40] stimmten in verblüffender Weise mit dem naturphilosophischen Denken der frühneuzeitlichen magia naturalis überein und waren zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ein absoluter Anachronismus.


[1] A. a. O., S. 59. [2] A. a. O., S. 61. [3] A. a. O., S. 63. [4] A. a. O., S. 68. [5] A. a. O., S. 69. [6] A. a. O., S. 120. [7] A. a. O., S. 106 f. [8] http://de.wikipedia.org/wiki/Tzimtzum (9.05.2011) [9]Weil [1948], 1952, S. 110. [10] A. a. O., S. 111. [11] A. a. O., S. 129. [12] A. a. O., S. 130. [13] A. a. O., S. 131. [14] A. a. O., S. 139. [15] A. a. O., S. 216. [16] A. a. O., S. 154. [17] A. a. O., S. 155. [18] A. a. O., S. 189. [19] A. a. O., S. 209. [20] A. a. O., S. 210. [21] A. a. O., S. 212. [22] A. a. O., S. 214. [23] A. a. O., S. 215. [24] A. a. O., S. 229. [25] A. a. O., S. 231 f. [26] http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Der+Staat/Neuntes+Buch (10.05.2011) [27] A. a. O., S. 265. [28] A. a. O., S. 266. [29] A. a. O., S. 267. [30] A. a. O., S. 268. [31] A. a. O., S. 272. [32] Weil, 1950, S. 297 f. [33] Weil, 1956, S. 62-67. [34] A. a. O., S. 276. [35] A. a. O., S. 277. [36] A. a. O., S. 362. [37] A. a. O., S. 365. [38] A. a. O., S. 380. [39] A. a. O., s. 423 f. [40] Krogmann, 1970, S. 132.

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