43. Kap./4 * Der „reine und keusche“ Arzt

Alle mir bekannten Inter­pretationen der ärztlichen Ethik des Paracelsus lassen sich im Koordinatenkreuz von christlichem Gebot einerseits und ärztlicher Kunst andererseits lokali­sieren. Diese Zweidimensionalität erscheint mir jedoch zu flach, um die Tiefendimen­sion des paracelsischen Ansatzes zu er­schließen. Die dritte Dimension, welche diesem erst seine Gestalt und Dynamik ver­lieh, entsprang dem naturphilosophisch-alchemistischen Denken des Paracelsus. „Also sol der arzt rein und keusch sein“, schrieb er im „Paragranum“.[1] Religionsgeschichtlich erinnert dies an die Redeweise vom reinen Herzen, einem in der frühen Neuzeit verbreiteten Syno­nym für Keuschheit. Wilhelm Matthießen hat in seiner Dissertation auf diesen Zusammenhang verwiesen. Er zitierte Paracelsus: „Gott hat uns begabt mit diesem angeborenen Licht, daß wir keiner Bücher bedürfen, allein eines reinen Herzens“ und meinte im Anschluss daran: „Auch hier ist ein bestimmter sittlicher Zustand Bedingung: Gebet und ein reines Herz ist die unerläßliche Grundlage der Erleuchtung.“[2]

Be­trachten wir die Begriffe Keuschheit und Reinheit etwas genauer. Zunächst ist anzu­merken, dass beide in der frühen Neuzeit offenbar als Synonyme verstanden wurden. Zur Keuschheit heißt es im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“: „Ähnlich dem althochdeutschen ‚kiuski’ und dem mittelhochdeutschen ‚kiush’ haben die entsprechenden lateinischen Ausdrücke ‚castus’ und ‚castitas’ die Grundbedeutung ‚rein, unberührt, unschuldig’; sie können von Personen und Dingen ausgesagt werden.“[3] Das Adjektiv „rein“ hat etymologisch die Bedeutung „ohne fremdartige Bestandteile, unvermischt, unverfälscht, frei von Schmutz, sauber frisch gewaschen, unberührt, keusch, voll­kommen, fehlerlos.“[4] Es lässt sich bereits im Althochdeutschen als „(h)reini“ (8. Jh.) nachweisen und ist mit dem altdhoch-deutschen „(h)ritara“ (um 800), d. h. »Sieb« verwandt, das im Englischen „riddle“ heißt. Gemäß dem „Corpus Hermeticum“ war die Reinigung nach dem Gebot: „Reinige dich (katharai seauton) von den unvernünftigen Strafen der Ma­terie“ die Bedingung für den Auf­stieg der Seele zu den Mysterien. Taufen, Waschungen und Purgatorien dienten wohl auch bei der gnostischen Sekte der Mandäer zur Reinigung der Seele von „allen Schlacken des Diesseits“ vor ihrem Eintritt in das „Lichtreich oder Pleroma“.[5]

Die Etymologie von „rein und keusch“ verweist also sowohl auf my­stisch-religiöse als auch auf magisch-natur­philosophische Quellen, die bei Paracelsus zusammenfließen – vor allem dort, wo die Natur als Magierin und der Arzt als ein Alchemist begriffen wird, der das Werk der Natur zu vollenden habe. Somit gelangen wir endlich zur weithin ignorierten Tiefendimension der ärztlichen Ethik bei Paracelsus. Das betreffende Schlüsselzitat lautet in voller Länge: „will sich einer mit warheit neren, so gibt im got in der warheit genug und gibt ime mit der warheit sein narung […]. wöllen wirs mit lügen haben, so werden die warheit lügen bei uns, und als lügner leben wir. nun gibt got den lügnern sein narung als wol als den warhaftigen; dan er muß uns alle neren und gut und bös, als ers mit der sonnen und erden und allen geschöpfen be­weist. also sol der arzt rein und keusch sein, das ist also ganz, das sein gemüt zu keiner geile, hoffart, argem etc. oder dergleichen stande, noch fürnemen sei. dan dieselbigen, so also in solcher lügen ston, offen­baren lugenhaftige werk, verlogne arbeit und alles, das da falsch ist, ist bei inen und neren sich also mit lügnerei, das kein grunt ist der arznei, sonder die warheit sol ein grunt sein, dieselbig ist rein und keusch und alle seine frücht aus disem gut bleiben, rein und keusch und kein makel an inen der hoffart, des neids, der geile, der unkeuscheit [sic], des ubermuts, des pompes, des prachts, des ansehens, des spiegels etc.“[6]

Der Ausdruck „rein und keusch“ taucht in diesem Zitat dreimal auf und wird jeweils einem anderen Adressaten zugeschrieben: (1) zunächst dem Arzt, (2) sodann der Wahrheit als Grund der Arznei und (3) schließlich dessen Früchten, den Früch­ten der wahren ärztlichen Kunst. Dass die Wahrheit als Grund der Arznei „rein und keusch“ sein soll, macht der Begriff „Licht der Natur“, der seinerseits mit dem Begriff „Licht des Geistes“ korrespondiert, unmittelbar einsichtig. Dieses Licht der Wahr­heit ist rein und keusch – wie die „arcana“, die geheimen, verborgenen Arzneimittel in der Natur, jener „Apotheke Gottes“. Sie seien „tugent und kreft […] und seind in der gewalt des gestirns.“[7] Es sei nun die Kunst des Arztes, die arcana, die er den verborgenen, okkulten Naturkräfte zurechnete, vor allem mit Hilfe der Alchemie hervorzulocken (Kap. 34). Dass auch die Früchte der wahren ärztlichen Kunst „rein und keusch“ sein sollen, lässt sich leicht einsehen. Der Alchemist solle die Natur voll­enden und die Naturkörper von ihren Schlacken befreien: „also ists auch mit der erznei, die ist beschaffen von got, aber nicht be­reit bis aufs ende sonder im schlacken verborgn. iezt ist es dem vulcano befolen, den schlacken von der erznei zutun.“ Wir kommen nun zur entscheidenden Frage: Wie kann der Arzt selbst rein und keusch werden? Interessanter­weise bezieht Paracelsus den Begriff „Tugend“ (virtus) nicht nur auf die geistige Heilkraft des (gereinigten) Arzneimittels, auf das arcanum, sondern auch auf die Person des Arztes. Tugend meint hier u. a. „Redlichkeit“, „Wahrheit“, „Liebe“, „guten Glauben“, „Treue“, „Kunst“, „Erfahren­heit“. Mit anderen Worten: „dan die großen arcana sind von den klugen aufgestigen“.[8] Analog wie das „arcanum“ Ergebnis des alchemistischen Reife­prozesses ist, so ist der tugendreiche Arzt Ergebnis eines Wachstums- und Bildungsprozesses: Die „art des leibs sol mit der art des natürlichen liechts aufwachsen […] also sol der grunt ston und befestet werden von jugent auf, und was nit geseet wird zu seiner zeit, da wird kein guter belz [Pelz] aus.“[9]

Rein und keusch werden wie ein „arcanum“ bedeutet, sich selbst zum Gegenstand seiner Scheidekunst zu machen und alle dunklen, unreinen Anteile aus seinem Gemüt (seinem „Herzen“) aus­zuscheiden. Dieser Bildungsprozess ist ein Reinigungsprozess, der wie bei der alchemistischen Arzneimittelzube­reitung Wissen und Erfahrung (scientia et experientia) voraussetzt. Paracelsus begründete also die ärztliche Ethik letztlich naturphilosophisch. Die Heilkraft des „reinen und keuschen“ Arztes resultiert aus einer radikalen Selbsterziehung im „Lichte der Natur“ und im „Lichte des Geistes“. Liebe und Barmherzigkeit ge­genüber dem Kranken folgten in dieser Perspektive nicht nur dem christlichen Gebot der Nächstenliebe in der Tradition der Benediktinerregel, sondern bedeuteten auch einen Zustand geistiger Reinheit, der durch einen wissenschaftlich begrün­deten systematischen Erziehungsprozess erreicht werden sollte. Die ärztlichen Tugenden, die Liebe zur ärztlichen Kunst, kann man nicht schlechthin dem hippokratischen Arztideal zuord­nen. Vielmehr konnten sie sich nach Paracelsus nur dann entfalten, wenn sich der Arzt in seiner alltäglichen Praxis zugleich einem ständigen Prozess der Selbstreinigung unterzog. Ziel war eine Vervollkommnung seiner natür­lichen Gaben, eine Vergeistigung seiner ärztlichen Fähigkeiten. Seine Tugend würde sich dann, so die Annahme des Paracelsus, als ärztliche Heilkraft eigener Qualität – einem arcanum gleich – bemerkbar machen.

Es ist sehr schwer zu beurteilen, inwieweit Paracelsus „Keuschheit“ auch im heute geläu­figen Wortsinn als sexuelle Enthaltsamkeit reflektiert hat – wie wir überhaupt über sein Sexualleben so gut wie nichts wissen. In Kulturwissenschaft und Ethnologie ist der Zusammenhang von Keuschheit und Heil­kraft immer wieder diskutiert worden. Hierüber spekulierte einmal der Kieler Medizinhistoriker Fridolf Kudlien: „Es wäre natürlich sehr interessant, darüber nachzudenken, inwieweit Jesus seine Heil­kraft als ein Keuscher, der er ja war, be­saß“. In antiken Zeugnissen jedenfalls, so Kudlien, stoße man auf die Auffassung vom „Koitus/Orgasmus als einem ‚Kraftverlust’, einer ‚Schwächung’ (für den Mann), ‚Keuschheit’ des Heilers, der Mittelsperson oder des Patienten wäre demnach ein Bewahren bzw. eine Konzentration von ‚Kraft’, speziell von Heilkraft.“[10] Diese Vorstellung spielte nicht nur in der Onaniedebatte, insbesondere seit dem 18. Jahrhundert, eine große Rolle, sondern auch bei bestimmten Sexualpraktiken, bei denen der Samenerguss vermieden wurde, um die Intensität des Geschlechtsverkehrs zu steigern und zugleich eine spirituelle Verwandlung zu erfahren. Auf die Bedeutung dieser Vorstellung für traditionelle wie moderne Sexualpraktiken kommen wir später noch einmal zurück (Kap. 49).


[1] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 8, S. 210. [2] Matthießen 1917, S. 173 f. [3] R. Hauser, 1976, Sp.817. [4] Etymologiches Wörterbuch, 1990, S. 1108. [5] Arndt / Niehoff /Sturlese, 1992, S. 540.[6] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 8, S. 210 f. [7] A. a. O., S. 186. [8] A. a. O., S. 215. [9] A. a. O., S. 212 f.  [10]Kudlien, 1984, S. 105.

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