# 43. Kap. Liebe: Mystische Gotteserfahrung [+ Audio]

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In der ideengeschichtlichen Literatur werden üblicherweise drei Begriffe voneinander unterschieden. Agape, Eros und Sex. Wie der israelische Religionshistoriker Moshe Idel ausführte, sei Agape „ein Begriff der uneigennützigen Liebe“ und bezeichne eine „spirituelle Anziehungskraft“, Eros benenne „einen Gefühlskomplex aus ontologischen Konstrukten und Verhaltensformen in einer bestimmten Kultur“ und Sex sei „die körperliche Befriedigung eines erotischen Impulses“[1] Eine solche Begriffsdefinition entspricht unausgesprochen der klassischen Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist, die auch der Seelenlehre des Aristoteles in „De anima“ zugrunde lag, der dort vegetatives, sensitives und intellektuelles Seelenvermögen voneinander unterschied. Diese Trias bot der neuzeitlichen Anthropologie auch in der Medizin ein oft gebrauchtes Gerüst. So positionierte Joseph Görres „das Seelische“ in der Mitte zwischen „den Geist oben und das Leben unten“, wo „der Knoten zwischen Geistigem und Vitalem“ geschlungen wird. [2] Aber solche Definitionen sind selbst Teil des Problems. Sie nehmen Abgrenzungen vor, die im konkreten Fall aufgehoben sind. Nirgendes wird die deutlicher als in mystischen und sexualmagischen Praktiken. Berninis berühmte Skulptur  „Die Ekstase der Hl. Teresa von Avila“ in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom, vollendet im Jahr 1652, ist hierfür ein illustres Beispiel. (Abb. [i]) Teresas Gesichtsausdruck und Körperhaltung wurden zumeist als „Orgasmus“ interpretiert.[3] Wenn wir ihre mystischen Erlebnisse zur Kenntnis nehmen (Kap. 45): Wer vermag da noch klar zwischen Agape, Eros und Sex zu unterscheiden?

Anmerkung vom 8. August 2015

Interessannt ist ein Gemälde von 1690, das eine Doppellevitation von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz darstellt und im Museum von Teresas ursprünglichem Kloster in Avila ausgestellt ist. Näheres in meinem Supplementary News Blog. 

Anmerkungen vom 5.09.2015

Im Kontrast zur levitierenden Teresa ist ihre Darstellung als Himmelskönigin, ihre Stilisierung als Heilige Jungrau Maira. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Interessant ist eine Gesichtplastik von Bernini, die Teresa in Ekstase zeigt. Hier wird noch einmal der Schwebezustand deutlich, in dem Agape, Eros und Sex kaum voneinander unterscheidbar sind. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

In diesem Kapitel wollen wir die Begriffe „Eros“ und „Liebe“ nur insoweit in Betracht ziehen, als sie die Idee von der Magie der Natur und insbesondere die des Heilens betreffen. Sigmund Freuds Definition des Eros als „Lebenstrieb“, den er dem „Todestrieb“ gegenüberstellte, thematisierte auch die kosmologische Dimension des Verhältnisses von Leben und Tod. Doch am Ende unserer Abhandlung soll es nicht um eine Freud-Exegese gehen, obwohl Freud im Unterschied zu fast allen seiner Epigonen die Todesproblematik in ihrer naturphilosophischen und anthropologischen Tiefe erkannte und mit dem „Nirwana-Prinzip“ sogar religionsphilosophische Gesichtspunkte in sein (auch) vom Biologismus geprägtes Menschenbild einführte. Vielmehr geht es – weit über Freuds Werk hinaus – um eine Untersuchung über die Bedeutung der Liebe, soweit sie in das Blickfeld der Medizingeschichtsschreibung rückt. Dabei werden wir mit bestimmten Problemen konfrontiert, die vorab nur stichwortartig angedeutet werden können: Die Liebe Gottes und die Heilkraft der Natur als Voraussetzung der Heilkunde, die Liebe als Heilfaktor in der Arzt-Patienten-Beziehung, die Liebe als Ursache und Ausdruck einer Krankheit („Liebeskrankheit“), die Sexualität als biologische Grundlage des „normalen“ und „pathologischen“ Liebeslebens sowie ihre Bedeutung für die Sexualmedizin und schließlich die spirituelle Macht der Liebe, die durch utopisch anmutende Praktiken einer erotischen Magie freigesetzt werden sollte und das biologistische Verständnis von Sexualität konterkarierte.

Doch wenden wir uns zunächst dem Eros in seiner Bedeutung der göttlichen Liebe (Agape) zu, einem beliebten Gegenstand philosophischer Betrachtung und künstlerischer Gestaltung. Dieser Eros war auch in Medizin und Naturforschung implizit immer ein zentrales Thema. Die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen und die Liebe des Menschen zu Gott wurden in ihrer Wechselwirkung aufeinander bezogen. Dies galt sowohl für die ärztliche Krankenbehandlung als auch für die Naturforschung. In dieser Sicht konnte Therapie nur gelingen und Forschung nur erfolgreich sein, wenn sie vom Eros beflügelt waren. Vor allem die Mystik war mehr oder weniger erotisch gefärbt. In der Medizin begegnen wir der Idee einer „Reinheit“ und „Keuschheit“, mit denen der Arzt den Kranken mit göttlicher Liebe begegnen sollte. Durchweg wurde dieser Eros mit dem Erringen von Wahrheit und Freiheit in Verbindung gebracht und als inneres Licht oder Feuer durch Naturforscher und Ärzte beschrieben. Eine tiefer gehende ideengeschichtliche Untersuchung des „Eros“ und seiner Bedeutung für die Medizin existiert bislang nicht. Zumeist lässt man die Geschichte erst im 19. Jahrhundert beginnen oder schlägt einen weiteren historischen Bogen zurück und vergisst aber dabei entscheidende Schlüsselkonzepte wie etwa den Mesmerismus.[4]  


[1] Idel [2005], 2009, S. 23-25. [2] Görres, 1836-1842, 3. Bd., S. 321. [3]http://en.wikipedia.org/wiki/Ecstasy_of_Saint_Theresa (3.08.2012) [4] Leibbrand-Wettley / Leibbrand, 1972.


[i] http://en.wikipedia.org/wiki/File:Teresabernini.JPG (3.08.2012); → Abb. Bernini Teresa

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