44. Kap./2 * Natur-Triebe, Lust-Triebe

In der frühen Neuzeit wurde das, was man ab dem 19. Jahrhundert als „Sexualität“ oder „Sexualleben“ bezeichnete, zumeist als ein „Trieb der Natur“ umschrieben. Der diesbezügliche Artikel in Zedlers Universallexikon eignet sich vorzüglich, um die zeitgenössiche Einordnung des speziellen „Lust-Triebs“ nachzuvollziehen, den man nicht per se verpönte, sondern in gewissen Schranken als zweckvolle Sonderform akzeptierte.[1] Interessant sind die lateinischen Synonyme zu „Natur-Triebe“ oder „Triebe der Natur“: instinctus naturae, stimuli naturae oder auch – nach dem Sprachgebrauch der Stoiker – prima naturalia. Gott habe gewollt, dass der Mensch nicht nur erhalten werde, sondern auch „unter sich vergnügt und ruhig leben“ solle. So habe er dem Menschen drei unterschiedliche „Lust-Triebe“ gegeben: den Lust-Trieb zu essen, zu trinken und zu schlafen; sodann den, Kinder zu erzeugen, zu lieben und zu erziehen; und schließlich den Lust-Trieb „die Wahrheit zu erfinden“ und „sich untereinander zu lieben“. Diesen gottgefälligen natürlichen Lust-Trieben werden andere Lust-Triebe gegenübergestellt, die zwar auch natürlich, aber nicht gottgefällig seien und sich erst nach dem Sündenfall eingestellt hätten, wie „Schaden-Froh“, „Ehr-Geitz“ und „Geld-Geitz“. Da die Menschen den natürlichen, d. h. göttlichen Zweck der Lust-Triebe aus den Augen verloren hätten, seien sie zu „schändlicher Wollust, Hurerey, Völlerey und dergleichen“ verkommen. Daraus ergibt sich die Leitlinie, dass man den Lust-Trieben nur „mit gehöriger Mäßigung“ nachhängen dürfe.

Diese Leitlinie der Mäßigung der Triebe und der Wolllust im Sinne einer natürlichen Lebensordnung und gesunden Lebensführung wurde um 1800 von Hufeland am wirkungsvollsten vertreten. Typisch für die aufklärerische Einstellung gegenüber den zu bändigenden Trieben sind auch die Ausführungen des Leipziger Philosophen Karl Heinrich Heydenreich. Er geißelte die Entkoppelung des Geschlechtstriebes von der Vernunft, was „Wollüstlinge“ und „entartete Wesen“ hervorbringe.[2] Seine Klage war typisch für seine Zeit: „woher denn die ungeheure Schaar der jungen Wollüstlinge unsrer Zeit, woher die zahllosen unzeitigen Geburten von Männern, die […] Debauche [ausschweifendes Gelage] und thierische Lust zu ihrem Systeme gemacht haben?“[3] Er beklagte das Hervortreten des „Thieres im Menschen“ und sah eine tödliche Gefahr für die menschliche Gattung, wenn der Geschlechtstrieb mißbraucht und „unnatürlich“ befriedigt werde.[4] Die einzige zulässige Form der Befriedigung dieses Triebes erblickte er „in einem wohleingerichteten häuslichen Leben“ zum pflichtgemäßen Zwecke einer geglückten Fortpflanzung. Das Verderben der gegenwärtigen Gesellschaft liege darin, den „heiligen Trieb der Natur“ nur zu einem frivolen Spiele zu missbrauchen. Der Geschlechtstrieb sei „zu einem Spielwerke für unsere spaßhafte Laune“ gemacht, „mehr und mehr verunedelt“ worden.[5] Der Autor ging von einem natürlichen Kontrast zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht aus. Die Frauen hätten ihre häuslichen Pflichten zu erfüllen: „sie dienen dann eben so treu der Natur, und haben so viel Verdienst, als der Mann, wenn er für den Staat kämpft oder einen Planeten entdeckt.“[6]

Die normative Vorgabe war eindeutig, Abweichungen von der Geschlechterrolle klar definierbar: Es gebe „eine Menge Carrikaturen [sic] oder wohl gar förmlicher Unwesen“. Eine solche „Geschlechtskarrikatur [sic]“ sei „ein weibischer Mann und ein männisches Weib“.[7] Obwohl Heydenreich Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht auf den sich gerade entfaltenden Mesmerismus einging und stattdessen auf die „Einbildungskraft“ abhob, enthielt seine Darstellung der Geschlechterbeziehung Momente des animalischen Magnetismus, insbesondere die Vorstellung von Verschmelzung und Sympathie. Durch die Einbildungskraft „verschmelzen in den schönen Momenten der Sympathie Mann und Weib, und Weib und Mann in ein ander; sie vermittelt es, daß ihre Wesen sich identificiren, daß sie geistig Eins sind, daß im Ich das Du, und im Du das Ich liegt.“[8] Der Autor endete in zerrütteten Verhältnissen, das von ihm beschworene häusliche Lebens- und Liebesglück blieb ihm selbst versagt.

Um 1900 war die Sexualität im akademischen Diskurs naturalisiert bzw. biologisiert. Naturgesetzlich festgelegte biologische Abläufe hatten gemäß der wissenschaftlichen Weltanschauung grundlegende Gültigkeit. Sie waren der Maßstab für alle Bewertungen des Sexuallebens und alle therapeutischen Maßnahmen, seine Störungen zu beheben und pathologischen Abweichungen zu bekämpfen. Die Naturalisierung der Erotik, das heißt die Reduktion der Geschlechterrollen auf die biologisch fixierten Unterschiede, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem Hauptwerk der neu entstehenden Sexualmedizin bzw. Sexualwissenschaft mustergültig zu beobachten. Der Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing definierte in seiner „Psychopathia sexualis“ den Natur-Trieb in seinen geschlechtsspezifischen Varianten lapidar: „Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfniss als das Weib. Folge leistend einem mächtigen Naturtrieb, begehrt er von einem gewissen Alter an ein Weib. […] Dem mächtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und stürmisch in seiner Liebeswerbung.“[9] Anders sei das Weib veranlagt. „Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, müsste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, der das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenusse nachgeht, abnorme Erscheinungen.“ Somit unterscheide sich das Weib in der Wahl des Lebensgefährten fundamental vom Mann: Des Weibes „seelische Richtung“ sei „eine monogame, während der Mann zur Polygamie hinneigt.“[10]

Für Krafft-Ebing war die stärkste Wurzel der Liebe die Sinnlichkeit und die Platonische Liebe galt ihm als „ein Unding, eine Selbsttäuschung“.[11] Da die Liebe also sinnliches Verlangen voraussetze, sei sie „normaliter nur denkbar zwischen geschlechtsverschiedenen und zu geschlechtlichem Verkehr fähigen Individuen. Fehlen diese Bedingungen, so tritt an die Stelle der Liebe die Freundschaft.“ Krafft-Ebing hing der in der damaligen Psychiatrie vorherrschenden Theorie an, dass alle geistigen und seelischen Störungen durch pathologische Hirnprozesse verursacht seien („Gehirnpsychiatrie“) und dass es die Aufgabe der Hirnforschung sei, die entsprechenden Funktionen bzw. Funktionsstörungen im Gehirn zu lokalisieren. In dieser Perspektive formulierte er: „Der Sexualtrieb als Fühlen, Vorstellung und Drang ist eine Leistung der Hirnrinde. Ein Territorium in dieser, das ausschliesslich sexuale Empfindungen und Dränge vermittelte (Centrum des Geschlechtssinns), ist bis jetzt nicht nachgewiesen.“[12]

Diese normative Fixierung des „naturgemäßen“ Sexualverhaltens war unerbittlich. Alles, was sich ihr nicht fügte, galt als eine „Perversion“: „Als pervers muss – bei gebotener Gelegenheit zu naturgemässer geschlechtlicher Befriedigung – jede Aeusserung des Geschlechtstriebs erklärt werden, die nicht den Zwecken der Natur, i. e. der Fortpflanzung entspricht.“[13] Dies betraf vor allem die Homosexualität oder „conträre Sexualempfindung“. Das Erstaunliche sei, dass – anders als beim Zwitter – „vollkommen differenzierte Zeugungsorgane“ vorhanden seien, „so dass also, gleichwie bei allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens, die Ursache im Gehirn gesucht werden muss (Androgynie und Gynandrie).“[14] Homosexualität wurde demnach als eine Gehirnkrankheit begriffen. Die homosexuelle Einstellung, „diese eigenartige Geschlechtsempfindung“, erschien Krafft-Ebing als „ein funktionelles Degenerationszeichen und als Theilerscheinung eines neuro(psycho)pathischen, meist hereditär bedingten Zustands“.[15] Vielfach lasse sich dieser Zustand auch durch „anatomische Entartungszeichen“ bemerken, fast immer sei „Neurasthenie“ nachweisbar. „Geweckt und unterhalten wird sie durch Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz“, so dass sich eine „Neurasthenia sexualis“ ausbilde, die sich „in reizbarer Schwäche des Ejaculationscentrums“ kundgebe.[16]

Die Ärzte im ausgehenden 19. Jahrhundert fühlten sich nicht weniger zur Volksbelehrung und Volkserziehung berufen, wie ihre Vorgänger 100 Jahre zuvor. Dies galt vor allem für die Psychiater, die es als ihre politische Mission ansahen, gegen Alkoholismus, Degeneration, Sittenverfall (auch in politischer Hinsicht) sowie sexuelle Unarten und Perversionen zu Felde zu ziehen. Positive Vorbilder des richtigen, d. h. naturgemäßen Lebens sollten in der Öffentlichkeit für eine vernünftige Lebensführung gerade auf dem Gebiet des Geschlechtslebens werben. Paradigmatisch für dieses Vorhaben war das umfangreiche Werk „Die sexuelle Frage“ des schweizerischen Psychiaters August Forel.[17] Als volkstümliches Aufklärungsbuch und Gesundheitsratgeber erlebte es seit seinem Erscheinen 1905 in knapp vier Jahrzehnten zahlreiche Auflagen. Im Geiste des ausgehenden 19. Jahrhunderts verschmolz Forel alle maßgeblichen Strömungen der Zeit zu einem klaren Plädoyer für die „Einführung des biologisch-wissenschaftlichen Geistes […] in den Massen der Menschheit“.[18] So stützte er seine Argumentation auf Fortpflanzungsbiologie, Evolutionslehre, Ethnologie, Sexuelle Psychopathologie, Suggestionslehre, soziale und politökonomische Verhältnisse, Sexualhygiene und last but not least auch auf sozial- und sexualreformerische Ideen, wie etwa die „sozialrechtliche Gleichstellung der Frau“.[19] Der Mann dürfe Frau und Kinder eben nicht als „Besitz oder als Naturgegenstände“ betrachten. Er wandte sich also dagegen, die von ihm durchweg betonten natürlichen bzw. biologischen Geschlechtsunterschiede zur Legitimation sozialer Ungleichheit heranzuziehen.

Der Geschlechtstrieb war für Forel primär ein Naturtrieb zum Zwecke der Fortpflanzung. Naturtriebe aber seien „tiefererbte Instinkte, die weit in die Stammesgeschichte unserer Tierahnen zurückreichen.“[20] So gehöre die geschlechtliche Liebe des Menschen zur „Großhirnseele“ und beruhe auf „einer sekundären Ausstrahlung des tierischen Sexualtriebes“.[21] Damit kehrte Forel – entgegen seiner sozialreformischeren Ideen – wieder zur klassischen Rollenzuschreibung zurück, die offenbar biologisch ein für allemal im sexuellen Rollenverhalten fixiert zu sein schien: der aktive Mann gegenüber der passiven Frau. „Beim Mann, als dem aktiven Teil im Begattungakt, ist die direkte sexuelle Begierde, d. h. die Begierde zum Koitus, zunächst am stärksten. Sie entwickelt sich auch bei ihm am spontansten, denn seine Rolle bei der Begattung ist ja seine wichtigste sexuelle Betätigung. Auch strahlt dieselbe gewaltig in sein Seelenleben herein, obwohl sie darin eine viel geringere Rolle spielt als beim Weibe.“[22] Demgegenüber unterschied sich in den Augen Forels die Frau beim Geschlechtsakt wesentlich vom Mann, „nicht nur durch die ihr zufallende natürliche Passivität bei der Begattung, sondern durch das Fehlen des Vorganges der Samenentleerung.“[23] Immerhin gestand er der Frau einen gewissen analogen Vorgang zu. Zwar gebe es bei ihr keine Anhäufung von Samen, aber doch „im Zentralnervensystem eine Art Ansammlung des libidinösen Triebes bei längerer Enthaltung.“ Die biologischen Unterschiede bestimmten in dieser Sicht die unterschiedlichen Verhaltensweisen. So mache die geringere Körperkraft und -größe der Frau, „verbunden mit ihrer passiven Rolle bei der Begattung, […] die Sehnsucht nach einer kräftigen Stütze infolge einer natürlichen Anpassung durchaus erklärlich.“[24] Und schließlich der Schlüsselsatz in diesem Zusammenhang: „Im allgemeinen sind die Frauen noch größere Sklavinnen ihrer Instinkte und Gewohnheiten als die Männer.“

Das Ausleben des Geschlechtstriebs sollte vor allem eugenischen Zielen nicht widersprechen. Um diesen gerecht zu werden, wurden sogar gewisse Perversionen in Kauf genommen. So war die „Sodomie“ oder „Bestialität“, der sexuelle Umgang mit Tieren, in den Augen Forels „eine der harmlosesten Formen der pathologischen Verirrungen des Sexualtriebs“.[25] Denn es werde beim Geschlechtsverkehr mit großen Tieren niemand geschädigt und keine Nachkommenschaft oder Infektion riskiert. „Es ist für die menschliche Gesellschaft wohl doch besser, wenn ein Idiot oder ein Schwachsinniger sich an einer Kuh sexuell vergeht, als wenn er ein Mädchen schwängert und für Weitererzeugung von Idioten sorgt; die Kuh frißt gemütlich weiter und alles bleibt beim alten.“

Forels „utopische Gedanken über die Zukunftsehe“ am Ende seines Werkes enthalten lebenspraktische Ratschläge.[26] Diese kreisen um zwei Techniken. Einerseits um die „Kunst, lange zu lieben“, sozusagen um eine erotische Variante von Hufelands „Makrobiotik“. Hierbei ging es dem Autor vor allem um das Problem, wie „verirrte Liebesleidenschaft in das Ehebett zurückgeleitet“ werden kann – durch „geistige“ oder „höhere Liebe“, welche die sexuelle zu begleiten habe. Andererseits sollte die Kunst der Ablenkung hierzu dienen: „Die Arbeit sowie die Verfolgung sozialer Lebensideale sind und bleiben die gesündeste Ablenkung für den Geschlechtstrieb. Müßiggang, Luxus und großstädtische Sittenkorruption sind es besonders, die den Geschlechtstrieb durch einseitige Züchtung als Selbstzweck zur individuellen Entartung führen, wie man es bei den Helden beider Geschlechter in modernen Romanen sieht. Außerdem frischt die Arbeit die Liebe auf und läßt zum Ehestreit wenig Zeit.“[27] Forels Plädoyer für „Arbeit“ erscheint hier als ein sexualpädagogisches Analogon zu Sebastian Kneipps „Abhärtung“ durch die Kaltwasserkur (Kap. 8).

Forels großes Aufklärungsbuch liest sich wie ein Kompendium der Sexualwissenschaft unter dem Vorzeichen des Biologismus und seiner sozialhygienischen (rassenhygienischen) Zielsetzung, den „Verfall unserer Rasse“ nicht tatenlos hinzunehmen.[28] Der Geschlechtstrieb wurde in dieser Perspektive als Naturtrieb evolutionsbiologisch fixiert. Als eingeborenen Instinkt konnte man ihn nur mit psychologischen oder geistigen Mitteln in Schach halten oder aber durch „Arbeit“ von ihm ablenken. Die romantische Idee, Sexualität mit kosmischen oder religiösen Vorgängen in Beziehung zu setzen und ihre Ausdrucksformen auch als Produktionen des menschlichen Geistes zu begreifen, lag Forel und seiner Generation fern.


[1] Zedler, Bd. 23, 1740, Sp. 1225 f. [2] Heydenreich, 1798, S. 2. f. [3] A. a. O., S. 4. [4] A. a. O., S. 11. [5] A. a. O., S. 27. [6] A. a. O., S. 100. [7] A. a. O., S. 102. [8] A. a. O., S. 38. [9] Krafft-Ebing [1886], 1894, S. 14. [10] A. a. O., S. 15. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 24. [13] A. a. O., S. 56. [14] A. a. O., S. 231 f. [15] A. a. O., S. 233. [16] A. a. O., S. 234. [17] Forel [1905], 1942. [18] Ebd., S. 435. [19] A. a. O., S. 325. [20] A. a. O., S. 70. [21] A. a. O., S. 71. [22] A. a. O., S. 72. [23] A. a. O., S. 87. [24] A. a. O., S. 88. f. [25] A. a. O., S. 229. [26] A. a. O., S. 445-455. [27] A. a. O., S. 447 f. [28] A. a. O., S. 455.