44. Kap./3 * Onanie als Quelle allen Übels

Magic of Natur Lecture 44 K 3

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Das Klischee von der Leib- und Lustfeindlichkeit des Christentums wird bis heute eifrig gepflegt. Vor allem die Unterdrückung der Sexualität wird dabei beklagt, die gesundheitsschädigende Auswirkungen habe. Ab den 1950er Jahren wurden Störungen, die man der triebfeindlichen Erziehung nach rigiden Vorgaben der Kirche zuschrieb, als Symptome der „ekklesiogenen Neurose“ angesehen.[1] Ein herausragendes Zeugnis dieser Problematik stellte der autobiografische Bericht „Gottesvergiftung“ des Psychoanalytikers Tilmann Moser dar.[2] Es wird dabei allzuleicht übersehen, dass die „Triebfeindlichkeit“ seit der Aufklärung und der von ihr initiierten Medikalisierung primär nicht mehr von Religion und Kirche, sondern von Medizin und Gesundheitspolitik ausging. Die große Onanie-Debatte, die im 18. Jahrhundert in Gang kam, war in erster Linie keine Moralkampagne katholischer Priester, sondern ein Feldzug von aufgeklärten Ärzten zur Förderung der Volksgesundheit. Diese argumentierten zum einen physiologisch im Sinne der Humoralpathologie, wonach der Verlust an Samenflüssigkeit (der dem Schleim, dem phlegma im Gehirn zugordnet wurde) sowie die übermäßige Nervenreizung eine „Rückenmarksdarre“ verursachten. Zum anderen argumentierten sie psychologisch im Sinne der Imaginationslehre, wonach wollüstige Einbildungen zu Verirrungen des Geistes und des Körpers führen würden. Die Einschätzung der Onanie als krankheitsverursachendes Übel wurde letztlich erst mit der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren nach und nach aufgegeben. Kirchen- bzw. religionskritische Autoren wie Tilmann Moser traten just da auf den Plan, als die Medizin selbst sich wandelte und ihren dogmatischen Paternalismus aufgab. Aus dem Blickwinkel der Medizinhistoriographie ist es bemerkenswert, dass die Lehre von der „ekklesiogenen Neurose“, die durchaus eine gewisse Plausibilität hat, den Blick von der mindestens ebenso problematischen „iatrogenen Neurose“ ablenkte, die von einem – gerade auf sexuellem Gebiet – extrem normativen Menschenbild der Medizin ausging. Denn „Perversionen“ wurden insbesondere von der Psychiatrie unerbittlich gegeißelt und Homosexualität und Onanie oft in einem Atemzug als solche „Perversionen“ oder Kennzeichen der „Psychopathie“ gebrandmarkt.

Thomas Laqueur lässt die Onanie-Debatte über deren Schädlichkeit mit dem Jahr 1712 beginnen, als – Jahrzehnte vor Tissots Klassiker (siehe unten) – eine englische Schrift anonym unter dem Titel „Onania or the Heinous Sin of Self-Pollution“ erschien.[3] Das Buch sei „von einem Quacksalber und Pornografen aus Profitstreben verfasst“ worden, den er namentlich identifieren könne: John Marten, „der 1708 wegen Obszönität verklagte Chirurg und Quacksalber.“[4] Die deutsche Übersetzung erschien in der Erstauflage 1736 unter dem Titel „Onania oder die Sünde der Selbst-Befleckung, mit allen ihren entsetzlichen Folgen“.[5] Ihre Wirkung dieser Schrift war offenbar beachtlich, wurde sie doch bereits wenige Jahre später in dem betreffendenden Band von Zedlers „Universallexicon“ im Artikel „Selbst-Befleckung“ als eine Hauptquelle ausführlich zitiert – 17 Jahre vor dem Erscheinen von Tissots klassicher Schrift.[6] Bereits hier wurde dem großen Publikum das ganze Schreckenspanorama dieser „Sünde“ ausgemalt, die auch als „Onania“ und „Crimen onanitium“ bezeichnet wurde. Crimen war in jener Zeit ein Synonym für „Laster, Übelthat, Missethat, Verbrechen“, wobei die Onanie als ein Crimen occultum, ein „heimlich und verborgen Laster“ aufgefasst wurde.[7] Als verwerflich galt, dass sich die betreffenden Personen „in ihren Gedancken bemühen, der Natur nachzuäffen“ und sich die Empfindung selbst verschaffen, die Gott verordnet habe, um die „fleischliche Vermischung“ zum Zwecke der Fortpflanzung „angenehmer“ zu machen.[8] Mit Hinweis auf den biblischen Onan (Gen 18,9-10) wurde der zutiefst sündhafte Charakter der Onanie herausgestellt. „Die Selbst-Befleckung ist nicht nur eine Sünde wider die Natur, sondern auch eine solche Sünde, so die Natur umkehret, und gleichsam ausrottet, und wer sich deren schuldig machet, der bemühet sich um den Untergang seines Geschlechts, und suchet gleichsam der Schöpfung selbst Schaden zuzufügen.“[9]

Als besondere Ursachen – abgesehen den „Ursachen der Unreinigkeit überhaupt“ wie „ärgerliche Bücher, böse Gesellschaft, […] unzüchtige Gespräche“ – wurden drei genannt: (1) die Unwissenenheit über die „Erschrecklichkeit des Lasters“, seine gesundheitsruinierende Folgen; (2) die „Heimlichkeit dieser Sünde“, die ohne Zeugen begangen wird; und (3) die „fälschlich eingebildete Straflosigkeit“, da die das Laster nicht, wie die Hurerei, Geld koste und eine Ansteckungsgefahr mit sich bringe. Der Katalog der „erschrecklichen Folgen und Plagen“ ist lang und betrifft beide Geschlechter. Es sei hier nur eine Auswahl von Stichwörtern wiedergegeben: Verhinderung des Wachstums bei beiden Geschlechtern; bei Männern und Knaben werden u. a. Phimosen, Strangurien, Priapismus, Gonorrhöen, Ohnmachten, Fallsucht, Schwindsucht, körperliche Abzehrung, Penisschwäche, Unfruchtbarkeit, kränkliche und schwache Kinder genannt; bei Frauenzimmern führe die Onanie zum Ausfluss, zu bleichem bzw. schwarzgelbem und bleifarbenem Aussehen, hysterischem Paroxysmus, „Mutter-Beschwerung“, Abzehrung des Leibes und Unfruchtbarkeit. Der Artikel in Zedlers „Universallexicon“, der mit einer religiösen Brandmarkung des Lasters begonnen hat, greift diese im Schlussteil noch einmal auf und verstärkt sie: Dieses Laster, die „Gewohnheit der Unreingkeit durch die Selbst-Befleckung“, sei besonders gefährlich, da sie den anderen, wie Ehebruch und Hurerei, den Weg bahne. Im Grunde können auch alle andern Laster von der „ersten Schooß-Sünde“ hervorgerufen werden, wie Lügen, Schwören, „ja vielleicht Mord und Todtschlag.“[10] Es erscheint auf den ersten Blick paradox und absurd, dass die Onanie just im Zeitalter der Aufklärung ihre intensivste und penetranteste Unterdrückung erfuhr. Die tatsächliche Durchschlagskraft des Onanie-Verbots verdankte sich wie gesagt weniger theologischen Verdikten, als vielmehr der strikt medizinischen Argumentation, welche die schrecklichen Folgen der Sünde für Leib und Leben im Diesseits höchst dramatisch auf der öffentlichen Bühne darzustellen wusste und diese performance im Namen der Wissenschaft mit religiöser Sündenrhetorik einrahmte.

Der schweizerische Arzt und medizinische Schriftsteller Samuel Auguste Tissot veröffentlichte schließlich 1860 seine berühmte Abhandlung „L’Onanisme“[11]. Im selben Jahr erschien bereits die erste Ausgabe der deutschen Übersetzung.[12] Auf der Rückseite des Titelblatts sind folgende bedrohlich klingenden Verse des Friedrich Rudolph Ludwig Freiherrn von Canitz zu lesen, die in der französischen Ausgabe fehlen und von der originalen Fassung abweichen:

Wenn schnöde Wollust dich erfüllt,

So werde durch ein Schrökenbild

Verdorrter Todenknochen

Der Küzel unterbrochen.

 Bei dem 1699 gestorbenen Diplomaten und Lyriker von Canitz lautet der erste Vers (aus den „Geistlichen Gedichten“ entnommen): „Wenn schnöde Wollust mich erfüllt“. [13] Das reuevolle In-Sich-Gehen wurde vom Tissot-Übersetzer zur pädagogischen Ermahnung anderer umgemünzt. Diese Verse erschienen auch in leicht veränderter Schreibweise als Legende zu einem Kupferstich, der in einer 1787 erschienenen Abhandlung gegen die Onanie als Frontispiz vorangestellt wurde.[14] (Abb. [i]) Es zeigt einen Erzieher, der seinen Zögling offenbar vor einem Skelett schwören lässt. Ein solches setting, das an den Einsatz von Skeletten zur Abschreckung in der Irrenheilkunde erinnert, war im ausgehenden 18. Jahrhundert offenbar recht bekannt. So schrieb der Pietist Georg Sarganeck: „Ich kenne einen Freund, der ein Sceleton oder Todtengerippe von einem Weibsbilde, so ihrer Unzucht und Kindsmordes wegen am Leben erst vor 5 Jahren bestraft worden, besitzet und selbiges zu dergleichen Vorstellungen für sich und ander gebrauchet.“[15] Mit diesem Bild illustrieren übrigens heutige Autoren im Bereich der Kulturwisseschaften gerne ihre Studien zur Geschichte der Sexualität.[16]

Zurück zu Tissot: Er schilderte vor allem eigene Fallbeispiele für krankmachende, ja tödliche Ausschweifung bzw. Onanie, etwa die Geschichte eines älteren Mannes, der wegen zu häufigen Beischlafs mit seiner jüngeren Frau zu Tode gekommen sei: „Ich kenne einen sehr gelehrten aber dabei zärtlichen und pflegmatischen [sic] Mann / der in seinem neun und fünfzigsten Jahre eine junge und sehr geile Frau heurathete, in der dritten Woche nach der Hochzeit von wegen des allzufleißigen Beischlafs in eine plözliche und gänzliche Blindheit verfallen ist / in dem vierten Monat gieng er den Weg alles Fleisches.“[17] Die Schreckensbilder der Onanie bzw. der sexuellen Ausschweifung gleichen denen, die uns bereits in Zedlers „Universallexicon“ begegnet sind. Interessant ist Tissots Schilderung der weiblichen Onanie und seine Begründung ihres geringeren Gefahrenpotentials. Die Frauen bewegten sich sozusagen im Windschatten der Männer. Zunächst stellte er fest, „daß auch selbst das schöne Geschlecht von der Schändlichkeit der Selbstbefleckung nicht völlig frei ist“, wobei ihm die „weibliche Schändung, welche mit dem Küzler geschiehet“, besonders am Herzen lag.[18] Aber Frauen seien sowohl durch übermäßigen Geschlechtsverkehr als auch durch Onanie weniger gefährdet als Männer, was eine physiologische Ursache habe: „weil der sogenannte weibliche Samen keine belebende Kraft hat, mit weit weniger Zubereitung und Umständen abgesondert wird, und von geringerem Werth ist, als der rechte Hoden-Samen der Männer“.[19] Immerhin zählte Tissot eine Reihe von Krankheiten auf, welche durch weibliche Onanie hervorgerufen würden: „grausame Mutter Beschwerden, peinliches Zuken, die gelbe Sucht […] , grose und hartnäkige Verstopfung des Leibes, […] weisen Flus, […], die geile Wuth und dergleichen mehr.“[20] 

In diesem Zusammenhang wäre die Aufklärungsschrift des sozialmedizinisch interessierten Arztes Bernhard Christoph Faust zu erwähnen, der bis 1785 in Rotenburg an der Fulda praktizierte: „Wie der Geschlechtstrieb der Menschen in Ordnung zu bringen und die Menschen besser und glücklicher zu machen“.[21] Die Gewährsleute des Autors waren Tissot und Rousseau. Er prangerte die Selbstbefleckung als das größte Übel an und sah in ihr ein Zeichen des allgemeinen Sittenverfalls. Seit zwei Generationen seien Zucht und Ordnung angesichts von Üppigkeit, Wollust und Weichlichkeit verloren gegangen. „Ginge dies fürchterliche um sich greifende Uebel, in eben der Progression, mit der es angefangen hat, steigend fort: so würde es um das Menschengeschlecht, das schon jetzt so sehr verfallen ist, bald gänzlich gethan seyn.“[22] Er meinte, die weibliche Ordnung bzw. Unordnung würde dem männlichen Vorbild folgen. Deshalb müsse man die erste und größte Sorge auf das männliche Geschlecht verwenden: „Mit dem männlichen kommt auch das weibliche Geschlecht in Ordnung.“[23] Sein Rezept war die „Abhärtung“, das auch die Forderung nach Abschaffung der Kopfbedeckung einschloss.[24] Faust schlug eine detaillierte Kleiderordnung vor, eine „Landesordnung über künftige einförmige Kleidung der Kinder der Landleute“.[25] Der Zweck dieser Uniformierung war, die Geschlechtsteile „vorzüglich des männlichen Geschlechts, in den ersten 14 bis 15 Jahren des Lebens kühl und frei zu halten“ und die Kinder „wieder in den Stand der Kindheit einzusetzen – und so einen Anfang zur Ordnung und zum Glück im Menschengeschlechte zu machen“.[26]

Faust schickte sein Buch an zahlreiche „weise, edle Männer“ in Europa, darunter auch an den Naturforscher und Jakobiner Georg Forster und den Anatomen Samuel Thomas Sömmerring. Er legte es pathetisch vor dem „Altar der Menschheit“ nieder, was er entsprechend illustrierte – ein schönes Beispiel für die Sakralisierung profan gewordener Wissenschaft, die sich dann im 19. Jahrhundert im „Tempel der Wissenschaft“ wähnte (Kap. 4). (Abb. [ii]) Johann Heinrich Campe, ein Vertreter der Aufklärungspädagogik in Deutschland, lobte in seiner „Vorrede“ die lauteren Absichten des Autors, dem es um das Wohl der Menschheit und nicht um sich selbst gehe. Auch er machte ungünstige „Beinkleider“ der Knaben für die Sittenverderbnis verantwortlich. Campe wollte den Einwurf dagegen, dass auch frühere Zeiten solche Kleidungsstücke ohne Schaden in Gebrauch waren, entkräften: „Was das rohe, unverderbte und durch jede Art von Abhärtung gestählte Kind der Natur, ohne merklichen Schaden erträgt, das kann für den durch Kunst und Ueppigkeit verweichlichten und verkrüppelten Schwächling die gefährlichsten Folgen haben.“[27]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiogene_Neurose (22.10.2009) [2] Moser, 1976. [3] Onania [c. 1712], 1759. [4] Laqueur, 2008, S. 416 bzw. S. 33. [5] Onania, 1736. [6] Zedler, Bd. 36, 1743, Sp. 1586-1590. [7] Zedler, Bd. 6, 1733, Sp. 1645 f. [8] Zedler, Bd. 36 (1743), Sp. 1586. [9] A. a. O., Sp. 1587. [10] A. a. O., Sp. 1590. [11] Tissot, 1760 [a]. [12] Tissot, 1760 [b] [13] Canitz, 1727, S. 45. [14] Rötger, 1787: Frontispiz. [15] Zit n. K. Braun, 1995, S. 218; Sarganeck, 1740, S. 500 f. [16] Wernz, 1993 [quasi Frontispiz]; K. Braun, 1995 S. 217. [17] Tissot, 1760 [b], S. 17. [18] A. a. O., S. S. 38 f. [19] A. a. O., S. 41. [20] A. a. O., S. 42. [21] Faust, 1781. [22] Ebd., S. 1. [23] A. a. O., S. 3: Fußn. [24] A. a. O., S. 134. [25] A. a. O., S. 67-157. [26] Ebd., S. 66. [27] Campe, 1781, S. XXIII.


[i] Rötger, 1787: Frontispiz; http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10764023_00006.html [20.07.2012); → Abb. Rötger 1787  [ii] Faust, 1781, S. 226; → Abb. Faust Altar der Menschheit

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