44. Kap./4 * „Todsünde“ gegen die Natur

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Die Gefährlichkeit der Onanie (wie des übermäßigen Geschlechtsverkehrs) ergab sich aus der Vorstellung, dass mit dem Verlust des Samens zugleich Lebenskraft verloren gehe. Diese Lehre konnte sich in der abendländischen Tradition auf Aristoteles berufen, der tatsächlich in „De generatione animalium“ festgestellt hatte, dass im allgemeinen bei den meisten Männern der Geschlechtsverkehr zu Erschöpfung und Schwäche führe.[1] Wir werden nun sehen, wie Christoph Wilhelm Hufeland um 1800 die oben skizzierte Lehre von der verderblichen Onanie unverändert aufgriff und höchst wirkungsvoll in seine „Makrobiotik“ einbaute. Sie eignete sich nämlich vorzüglich zur Demonstration als „Lebensverkürzungsmittel“. Der Titel von Hufelands populärer Programmschrift lautete „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“. Sie erschien erstmals 1796 bzw. 1797 und wurde in zahlreichen späteren Auflagen unter dem Obertitel „Makrobiotik“ in weiten Teilen der Bevölkerung auch als „Volksausgabe“ bekannt.[2] Es lohnt sich, das dem Abschnitt „Verkürzungsmittel des Lebens“ zugeordnete Kapitel „Ausschweifungen der Liebe. – Verschwendung der Zeugungskraft. – Onanie, sowohl physische als moralische“ etwas genauer in Augenschein zu nehmen.[3] Es stand bereits in der ersten Auflage an zweiter Stelle von ingesamt 12 Kapiteln, was die Wichtigkeit seiner Thematik von Anfang an unterstrich.[4] Auf wenigen Seiten malte Hufeland ein unüberbietbares Schreckensgemälde an die Wand. Die Ausschweifung sei das zerstörendste „von allen Lebensverkürzungsmitteln“: „Was kann aber wohl mehr die Summe der Lebenskraft vermindern, als die Verschwendung desjenigen Saftes, der dieselbe in der concentrirtesten Gestalt erhält, der den ersten Lebensfunken für ein neues Geschöpf, und den größten Balsam für unser eigenes Blut in sich faßt?“[5] Seelenorgane (Gehirn) und Zeugungsorgane seien eng miteinander verbunden und verbrauchten „beide den veredeltsten und sublimirtesten Theil der Lebenskraft“. Je mehr wir die Denkkraft anstrengen würden, desto weniger lebe unsere Zeugungskraft und „je mehr wir die Zeugungskräfte reizen und ihre Säfte verschwenden, desto mehr verliert die Seele an Denkkraft, Energie, Scharfsinn, Gedächtniß.“[6] Hufeland empfahl nun ein allgemeines therapeutisches Konzept gegen die triebhafte Säfteverschwendung, nämlich die Ehe, „die den Reiz des Wechsels ausschließt und den physischen Trieb höhern moralischen Zwecken unterwirft“. Somit könne „dieser Trieb auch physisch geheilt, d. h. unschädlich und heilsam gemacht werden.“[7] War nun die sexuelle Ausschweifung per se schon schlimm genug, so erschien die Onanie als der Gipfel der Schädigung, als Todsünde wider die Natur. Denn es gelte der Grundsatz, „daß die Natur nichts fürchterlicher rächt, als das, wo man sich an ihr selbst versündigt. – Wenn es Todsünden giebt, so sind es zuverlässig die Sünden gegen die Natur.“ Onanie schade bei beiden Geschlechtern „unendlich mehr […] als der naturgemäße Beischlaf.“ Hufeland malte ein entsprechendes Schreckensbild des „Sünders“ aus, der wegen seines Lasters so gut wie von allen Krankheiten, die seinerzeit diagnostiziert wurden, heimgesucht werden konnte. Es soll hier ausführlich wiedergegeben werden, da es jene medizinische Doktrin prägnant zusammenfasste, die erst im ausgehenden 20. Jahrhundert ihre Gültigkeit verlor.

„Schrecklich ist das Gepräge, was die Natur einem solchen Sünder aufdrückt! Er ist eine verwelkte Rose, ein in der Blüthe verdorrter Baum, eine wandelnde Leiche. Alles Feuer und Leben wird durch dieses stumme Laster getödtet, und es bleibt nichts als Kraftlosigkeit, Unthäthigkeit, Todtenblässe, Verwelken des Körpers und Niedergeschlagenheit der Seele zurück. Das Auge verliert seinen Glanz und seine Stärke, der Augapfel fällt ein, die Gesichtszüge fallen in das Länglichte, das schöne jugendliche Ansehen verschwindet, eine blassgelbe bleyartige Farbe bedeckt das Gesicht. Der ganze Körper wird krankhaft, empfindlich, die Muskelkräfte verlieren sich, der Schlaf bringt keine Erholung, jede Bewegung wird sauer […]. Knaben, die Genie und Witz hatten, werden mittelmässige oder gar Dummköpfe; die Seele verliert den Geschmack an allen guten und erhabnen Gedanken; die Einbildungskraft ist gänzlich verdorben. Jeder Anblick eines weiblichen Gegenstands erregt in ihnen Begierden, Angst, Reue, Beschämung und Verzweiflung an der Heilung des Uebels macht den peinlichen Zustand vollkommen.“[8]

Der Onanist sei auch von „Anwandlungen zum Selbstmord“ wegen peinigender Gefühle und geheimer Vorwürfe bedroht: „Das schreckliche Gefühl des lebendigen Todes macht endlich den völligen Tod wünschenswerth.“ Aber auch andere schreckliche Leiden der Körperorgane und des Organismus insgesamt könnten entstehen: „Überdies ist die Verdauungskraft dahin, Winde und Magenkrämpfe plagen unaufhörlich, das Blut wird verdorben, die Brust verschleimt, es entstehen Ausschläge und Geschwüre in der Haut, Verdrocknung und Abzehrung des ganzen körpers, Epilepsie, Lungensucht, schleichendes Fieber, Ohnmachten und früher Tod.“[9] Das Übel werde noch komplettiert durch die Folgen der „moralischen Onanie“, der „Anfüllung und Erhitzung der Phantasie mit lauter schlüpfrigen und wollüstigen Bildern“. Dies könne zur „Gemüthskrankheit“ führen, zu einem schwächenden Reizfieber, einer „Reizung ohne Befriedigung“.[10] Hufeland sah besonders drei Gruppen von der „moralischen Onanie“ betroffen: „Wollüstlinge“, Menschen „im religiösen Cölibat“, die ihre „Geistesonanie“ hinter heiligen Entzückungen verstecken könnten, sowie ledige Frauen, die durch die Lektüre von Romanen „oft im innern gewaltig ausschweifen“.

Auf der anderen Seite sang Hufeland ein Loblied auf die „Enthaltsamkeit von dem Genuss der physischen Liebe in der Jugend und ausser der Ehe“, wie das vierte Kapitel von insgesamt 17 im Abschnitt „Verlängerungsmittel des Lebens“ überschrieben ist.[11] Zwei Gründe waren für ihn ausschlaggebend: Zum einen die Vergeudung von Lebenskraft durch übermäßigen Samenverlust und zum anderen die Gefahren einer Ansteckung durch das „venerische Gift“. Beides konnte durch die Enthaltsamkeit vermieden werden. Als Lohn winkte dann ein „glücklicher Ehestand“, der Hufeland im darauffolgenden Kapitel mit rosigen Farben häuslichen Glücks ausmalte. Ein neuer Gesichtspunkt kam nun hinzu: Der Mensch sei gegen den physischen Schaden, „den die Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebs erregen könnte, gesichert, es existirt keine unwiderstehliche blos thierische Nothwendigkeit desselben“.[12] Es gebe „natürliche Ableitungen“ – „Pollutiones nocturnae beym männlichen und Menstrua beym weiblichen Geschlechte“.[13] Daraus schloss Hufeland, dass die Enthaltsamkeit keinen Schaden anrichte, im Gegenteil: die Säfte seien „nicht bloß zur Ausleerung sondern am meisten zur Wiedereinsaugung ins Blut und zu unserer eigenen Stärkung bestimmt“. Gerade diese Idee der Wiedereinsaugung bzw. Zurückhaltung des Samens spielte in asiatischen Sexualpraktiken und ihren westlichen Adapationen, wie etwa Karezza, die freilich ein gänzlich anderes Verständnis von „Enthaltsamkeit“ als Hufeland hatten, ein wichtige Rolle (Kap. 49).

Die Brandmarkung der Onanie als naturwidrige und zu Krankheit und Tod führende Handlung durch ärztliche Autoritäten war zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert Legion. Sie bezeugen, wie religiöse Vorstellungen, vor allem die von Sünde, Schuld und Strafe (vor allem der „Natur“) ungebrochen in den medizinischen Diskurs einflossen bzw. diesen überhaupt erst ermöglichten. Die Sünde bestand nun weniger darin, dass Gottes Gebot verletzt wurde – entsprechend der Geschichte des Onan im Alten Testament, die allerdings den Coitus interruptus und nicht die „Onanie“ problematisiert –, als vielmehr in der Missachtung der physiologischen, naturgegebenen Ordnung des menschlichen Organismus: Die Vergeudung der Lebenskraft, die Schwächung des Körpers und im Falle der „moralischen Onanie“ die Überreizung der Seele. Letztlich galt die Onanie als potenzieller Selbstmord – und der war für Ärzte wie Seelsorger gleichermaßen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Inwieweit ihr pädagogisches Wirken selbst dazu beitrug, dass solche Selbstmordgedanken bei Jugendlichen überhaupt erst entstehen konnten, lag außerhalb der zeitgenössischen Denkgewohnheit.

Der Kampf gegen die Onanie wurde mit allen möglichen Mitteln geführt. Zu den drastischen gehörten bestimmte Bandagiertechniken, wie sie der norddeutsche Arzt und Initiator des Seebades Heiligendamm Samuel Gottlieb Vogel empfahl. In seiner Aufklärungsschrift über das „unglaubliche gemeine Laster der zerstörenden Selbstbefleckung“ empfahl er u. a. das Hochbinden der Unterarme auf den Rücken zur Verhütung der Onanie.[14] Auch Apparate zur Verhütung der Onanie in Form altbekannter Keuschheitsgürtel wurden bei beiden Geschlechtern eingesetzt.[15] Der Pädagoge und Philantrop Johann Heinrich Campe berichtete zur selben Zeit von einem Erzieher, dem als Jugendlicher Tissots Buch in die Hände gefallen sei und der sich von seinem vermeintlichen Leiden durch einen gekrümmten Draht befreit habe, den er sich an seinen zwei ringförmig gebogenen Enden durch die Vorhaut zog, so dass die Krümmung auf der Eichel lag. Um die Löcher in der Vorhaut anzubringen, legte er sie „etwas vorgezogen auf den Tisch, setzte den Nagel darauf und – man bewundere den tugendhaften Heldenmuth des Knaben! – nagelte sich, indem er einen derben Schlag mit einem Buche [Tissots Buch!] darauf versetzte fest.“[16] Campe beschrieb den vielfachen Nutzen einer solchen Drahtvorrichtung, die er, wie er beteuerte, auch am eigenen Sohn einsetzen würde und die zu seinem Bedauern nur bei Jungen Anwendung finden könne: „Erstens macht er [der Draht] die Selbstschändung schlechterdings unmöglich; zweitens verhindert er auch die bloße Erection durch den Schmerz, der in dem nemlichen Augenblicke, da dieselbe sich ereignen will, alle wollüstigen Empfindungen sogleich unterdrückt; und hierdurch wird er drittens ein vollkommen sicheres Verwahrungsmittel auch gegen alle unwillkürlichen Schwächungen [Pollutionen] im Schlafe.“[17] Im Kampf gegen die Onanie sollten sich der Knabe oder Mann als Helden profilieren, die ihren Geschlechtstrieb mit aller Härte kontrollieren konnten – als Erziehungsprodukt im Sinne einer Modellierung des „männlich-bürgerlichen Körpers“, wie es aus heutiger Sicht erscheint.[18] Es sei hier angemerkt, dass Keuschheitsgürtel noch Mitte des 19. Jahrhunderts propagiert und hergestellt wurden. So veröffentlichte der schottische Chirurg John Moodie 1848 eine einschlägige Schrift, die Baupläne entsprechender Apparate für beide Geschlechter zur Bekämpfung dieses „tödlichen Lasters“ enthielt.[19]


[1] Buch I, 18. 724a; Reinisch / Kaufman, S. 254

[2] Hufeland, 1796; 1797; 1869.

[3] Ebd., S. 49-53.

[4] Hufeland 1797, S. 340-351

[5] Hufeland, 1869, S. 49.

[6] A. a. O., S. 50.

[7] A. a. O., S. 51.

[8] A. a. O., S. 51 f.

[9] A. a. O., S. 52.

[10] A. a. O., S. 52 f.

[11] Hufeland, 1797, S. 513-544.

[12] Ebd., S. 523.

[13] A. a. O., S. 522.

[14] Todt, 2007, S. 242: Abb. 1 u. 2.; Vogel, 1786.

[15] Todt, 2007, S. 344: Abb. 3.; Vogel [1786], 1789.

[16] Zit. n. Todt, 2007, S. 252.

[17] Zit. a. a. O., S. 253.

[18] A. a. O., S. 255.

[19] A. a. O., S. 258; Moodie, 1848, S. 7, 10, 13, 69 [Fig. 1-4].