44. Kap./5 * Versuche der Enttabuisierung

Der schweizerische Psychiater Auguste Forel, der seine biologische Darstellung der Sexualität mit normativen Vorstellungen des Sexuallebens verknüpfte (siehe oben), stellte allerdings die Onanie als schreckliche Krankheitsquelle in Frage. Man habe Ursache und Wirkung miteinander verwechselt: „Weil willensschwache Menschen leichter Onanisten werden, glaubt man, die Onanie sei die Ursache ihrer Willenschwäche!“[1] In den meisten Fällen handele es sich ohnehin – in Ermangelung der Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr – um eine „Notonanie“, sodass man nicht von einer „eigentlichen Abnormität“ sprechen könne. Sein Hauptargument gegen die aus dem 18. Jahrhundert stammende medizinische Verteufelung der Onanie beruhte auf der besagten Verwechslung der Ursache mit der Wirkung: „Die sexuelle Hypochondrie ist keineswegs die Folge der Onanie, sondern sie geht ihr voraus und ist mit ihre Ursache.“[2] Zwar hielt auch Forel an der traditionellen Lehre vom grundsätzlich schädigenden Samenverlust („Säfteverlust“) bei onanierenden Männern fest, stellte aber die oft beschriebenen direkten körperlichen Auswirkungen in Frage. Denn „Parforce-Onanisten“ müssten keineswegs ein Jammerbild abgeben, sondern könnten „ebenso schneidige und körperlich gewandte Leute sein wie andere, und sich zu allen Streichen und Tollheiten bereit finden.“ Zu einem ähnlich widersprüchlichen Ergebnis gelangte Forel bei onanierenden Frauen. Wenn auch der „Samenerguß“ und der entsprechende „Säfteverlust“ bei ihnen fehle, „so ist dafür die Wiederholung und Intensität des Nervenreizes stärker und diese schadet im ganzen mehr, als der Säfteverlust.“[3] Dies könne man nicht damit erklären, „daß onanierende Frauen moralisch minderwertigere Geschöpfe seien“. Ihre hohe Reizbarkeit des Geschlechtstriebes habe mit ihren sonstigen Charaktereigenschaften nichts zu tun, ja sie könnte sogar „mit höherer Begabung in ethischer, ästhetischer und intellektueller Beziehung“ einhergehen. Forel enttabuisierte damit als einer der ersten Mediziner von Rang die verteufelte Onanie.

Einen besonderen Beitrag zur Onaniedebatte im frühen 20. Jahrhundert leistete die Psychoanalyse. Freud „enttabuisierte“ keineswegs die Selbstbefriedigung schlechthin, sondern sah sie als Ausdruck eines anomalen und pathogenen Sexuallebens an. In zahlreichen seiner Schriften ging er auf die Problematik der Masturbation ein, so auch in der 1908 publizierten Abhandlung „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität“.[4] Seine zwiespältige Haltung ist typisch für die Einschätzung des Verhältnisses von Kultur und Sexualität. Die Masturbation und ähnliche Befriedigungen, „die an die autoerotischen Sexualtätigkeiten der frühen Kindheit anknüpfen“, seien „als Ersatzmittel zur sexuellen Befriedigung keineswegs harmlos; sie disponieren zu den zahlreichen Fromen von Neurosen und Psychosen, für welche die Rückbildung des Sexuallebens zu seinen infantilen Formen die Bedingung ist.“[5] Zugleich widerspreche die Masturbation der „kulturellen Sexualmoral“ und führe deshalb die jungen Menschen in dieselben Konflikte mit dem „Erziehungsideale“, denen sie durch die Abstinenz entgehen wollten. Interessanterweise legte Freud hier den Akzent aber weniger auf die Unterdrückung der Sexualität durch kulturelle Normen und deren krankmachendes Potenzial, als vielmehr auf die Gefahren der Masturbation für die Entwicklung des (heterosexuell und genital orientierten) Sexuallebens. Denn die Masturbation verderbe „den Charakter durch Verwöhnung auf mehr als eine Weise, erstens indem sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt durch energische Kraftanstrengung erreichen lehrt, also nach dem Prinzip der sexuellen Vorbildlichkeit, und zweitens, indem sie in den die Befriedigung begleitenden Phantasien das Sexualobjekt zu einer Vorzüglichkeit erhebt, die in der Realität nicht leicht wiedergefunden werden kann.“[6] 

Freuds Dogmatik der Sexualität gründete auf einer vom Darwinismus geprägten biologischen Entwicklungslehre, wie er sie bereits 1906 in den „Drei Abhandlunden zur Sexualtheorie“ dargelegt hatte.[7] Die so genannten Entwicklungsphasen der genitalen Organisation waren naturgesetzlich vorgegeben. Die erste „prägenitale Sexualorganisation ist die orale, oder wenn wir wollen, kannibalische. […] Die zweite prägenitale Phase ist die der sadistischanalen Organsiation.“[8] In der Pubertät komme es dann zum „Primat der Genitalzone“, dem sich die „erogenen Zonen“ unterzuordnen hätten.[9] Vor dem Hintergrund dieser Evolutionstheorie der Sexualität konnte Freud eine besondere Pointe anbringen: Das „Weibwerden des kleinen Mädchens“ sei nur dadurch möglich, dass es die „Klitorissexualität“, die der phallischen Phase entspreche, verdränge und damit „ein Stück männlichen Sexuallebens“.[10] Auf den diesbezüglichen Begriff des Penisneids wollen wir hier nicht eingehen. Es geht also um die „Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den Scheideneingang, die „gleichsam die infantile Männlichkeit beseite schafft“. In diesem Geschehen  lägen „die Hauptbedingungen für die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie.“[11] Damit glaubte Freud das „Wesen der Weiblichkeit“ erkannt zu haben. Damit war jedoch eine normative Setzung gegeben: Die Orgasmus des Weibes hatte sich in der Vagina und nicht an der Klitoris zu entzünden.

Das Problem der Masturbation kam in der Wiener Psychoanaltischen Vereinigung durchaus zur Sprache, wie die „Protokolle der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft bei Prof. Freud“ belegen. So referierte am 15. Januar 1908 ein gewisser „Dr. Urbantschitsch“ zum Thema „Meine Entwicklungsjahre bis zur Ehe“.[12] Aus der Reaktion der Diskutanten lässt sich schließen, dass der Referent von einer gesundmachenden Wirkung der Onanie bei sich selbst berichtete. So meinte Wilhelm Stekel, das Referat habe seine eigene Auffassung von der „Unschädlichkeit der Onanie bestätigt.“ Freud widersprach laut Protokoll: „Entgegen der Meinung Stekels sei er von der Harmlosikeit der Onanie keineswegs überzeugt.“[13] Rudolf Urban von Urbantschitsch, dessen Namen in verschiedenen Versionen auftaucht, gehörte zu Freuds Umfeld und musste als Jude in die USA emigrieren, wo er als praktizierender Analytiker die Psychoanalyse popularisierte. Bereits 1928 war sein Buch „Psychoanalysis for All“ erschienen, eine überarbeitete und übersetzte Fassung seines wenige Jahr zuvor in der Urania in Wien gehaltenen Vortrags  mit dem Haupttitel „Psychoanalyse“.[14] Seine 1949 in New York erschienene Schrift „Sex Perfection and Marital Happiness“ behandelte eingehend „Das Problem der Masturbation“.[15] 

Für Urbantschitsch war die Masturbation des Kindes eine physiologisch gänzlich ungefährliche Angelegenheit, sie werde „von 90 Prozent aller Kinder auf der ganzen Welt“ ausgeübt.[16] Die restlichen 10 Prozent, die „niemals masturbiert haben, entwickeln sich später zu Neurotikern, Pervertierten oder leiden an Impotenz oder Frigidität.“ Alle Drohungen und Bestrafungen zur Bekämpfung der Masturbation seien nicht nur wirkungslos, sondern regelrecht krank machend. Denn die Schädigung entstehe nicht durch die unmittelbare Handlung, sondern durch die Furcht, die man im Kind erwecke, „indem man ihm die angeblich schrecklichen Folgen seiner Tat vor Augen hält.“[17] Wie bereits Jahrzehnte zuvor in der „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ (siehe oben) vertrat hier der Autor einen klaren Standpunkt. Allerdings folgte er dem Meister Freud in einem Punkt: Die sexuelle Reifung der Frau erfordere die Verlegung des Lustzentrums von der Klitoris zur Vagina. Mit Blick auf die seinerzeit idealisierte Sexualmoral der Trobriander auf den „Melanesischen Inseln“ schrieb er: „Ein Mädchen, das unfähig ist, beim Sexualakt einen starken erlösenden Orgasmus zu erreichen, oder nicht gelernt hat, ihre unreifen Empfindungen in der Clitoris zugunsten der reifen, erwachten Gefühle in der Scheide aufzugeben, müßte alle Hoffnung auf eine Ehe verlieren, denn sie würde als minderwertig angesehen werden.“ In einer Fußnote schob er gegen etwaige Einwände eine physiologische Begründung nach: „Wenn auch ein Clitoris-Orgasmus ebenso stark sein kann wie ein vaginaler, so macht doch die lokale Clitoris-Entspannung beim Sexualakt die viel wirkungsvollere Entspannung des Gesamtorganismus unmöglich“.  

Die biologische Gefährlichkeit der Onanie stand bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gerade bei nichtärztlichen Autoren weiterhin außer Frage. Freilich gab es vereinzelt auch Stimmen, die sozusagen den Spieß der biologistischen Argumentation umdrehten und die Onanie mit Hinweis auf das Tierreich zu einer natürlichen, gesunden Betätigung erklärten. Die unter dem Pseudonym P. N. Teulon veröffentlichte Schrift eines englischen „Naturwissenschaftlers, Psychologen und Erziehers“ wäre hier zu erwähnen, der auch über eine fragwürdige Methode der „sexuellen Heilbehandlung“ an einem eigenen Fallbeispiel berichtete (Kap. 47).[18] Gegen die überlieferten Schreckensbilder ging Teulon von der These aus, dass die Onanie weder unnatürlich noch krankhaft sei, sondern „ein sinnvolles und normales Geschehen“.[19] Dies lasse sich naturwissenschaftlich durch Tierbeobachtung bestätigen. Bei vielen Säugetierarten lasse sich beobachten, dass die Mütter die Geschlechtsteile ihres Nachwuchses mit der Zunge leckten. Das Belecken und Kratzen von kranken oder verletzten Körperstellen werde von Lustgefühlen begleitet und stelle zugleich eine „heilende Handlung“ dar.[20] Das Reiben bedeute der Natur eine Unterstützung des Heilprozess, und analog sei die Selbsbefriedigung zu betrachten. Sie könne dazu dienen, „in jungen Jahren den Blutumlauf in den betreffenden Organen zu erhöhen und ihre Entwicklung zu ermutigen, sowie in reiferem Alter ihre Tätigkeit zu verlängern und zu vertiefen.“[21] Die Natur wird als scharfsinnige Agentin gesehen, die ihre Wesen durch „Lustprämien“ dazu verlocke, die „Riesenarbeit der Arterhaltung“ letztendlich auf sich zu nehmen.[22] Das Belecken der äußeren Geschlechtsteile erscheint in dieser Perspektive als vernünftige Natureinrichtung. Beim cunnilingus gehe es im Wesentlichen um die „Schlüpfrigmachung der Scheide“ und der Zweck der fellatio bestehe „fast rein in einer Unterstützung der männlichen Reinheitspflege [!]“.[23] Teulons Legitimierung der „Masturbation“, die er hier nur als gegenseitige sexuelle Stimulierung ohne Koitus verstand, stützte sich letztlich auf das Argument, dass der natürliche Zweck die masturbatorischen Mittel heilige.  


[1] Forel [1905], 1942, S. 201. [2] A. a. O., S. 205. [3] A. a. O., S. 206. [4] Freud, 1908. [5] Ebd., S. 162. [6] A. a. O., S. 163. [7] Freud, 1906. [8] Ebd., S. 98 f. [9] A. a. O., S. 108. [10] A. a. O., S. 122. [11] A. a. O., s. 123. [12] Nunberg / Federn (Hg.), Bd. 1 [1906-1908], 1976, S. 264. [13] A. a. O., S. 266. [14] Urbantschitsch, 1924. [15] Urbantschitsch [1949], 1951,  S. 59-89. [16] Ebd., S. 59. [17] A. a. O., S. 65. [18] Teulon, 1930 [b]; Teulon, 1930 [a], S. 5 [Vorwort des Herausgebes]. [19] Teulon, 1930 [a], S. 6. [20] A. a. O., S. 9. [21] A. a. O., S.  11 f. [22] A. a. O., S. 14. [23] A. a. O., S. 15 f.

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