# 44. Kap. Sexualität: Ein „Trieb der Natur“

Bevor der Begriff der Sexualität im 19. Jahrhundert allgemein in die medizinische Terminologie eingeführt wurde− von einer „Sexualität der Pflanzen“ ist in der Botanik schon um 1700 die Rede −[1], sprach man von „Naturtrieben“ oder „Naturinstinkten“ und unterschied dabei zwischen den von Gott gewollten und den widernatürlichen, sündhaften. Bereits in der frühen Neuzeit wurde somit das Raster für die moderne Einteilung in normales und pathologisches Sexualleben vorgegeben. Was als normal galt, wurde mit der von Gott gegebenen „Natur“ und ab dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der von den biologischen Naturgesetzen abgeleiteten „Physiologie“ begründet. Mit dem Degenerationsgedanken und der rassenbiologisch argumentierenden Ziviliationskritik am Fin de siècle breitete sich ein moderner Topos der medizinischen Anthropologie aus: Die Zivilisation mache krank und stelle selbst eine Krankheit dar. Nietzsche und Freud spitzten diesen Topos auf ihre je eigene Weise zu: Ersterer erblickte in der Unterdrückung der physiologischen Lebendigkeit durch die „asketischen Priester“ die Ursache für die „moderne Krankheit“ schlechthin, letzterer machte die Unterdrückung der Sexualtriebe durch kulturelle Verbote für die alle Menschen betreffende „Neurose“ verantwortlich. Beide Ansätze begriffen Krankheit nicht als eine pathologische Normabweichung von der gesunden Normalität, sondern behaupteten, dass alle Menschen mehr oder weniger krank seien und sich in ihrer Symptomatik nur graduell voneinander unterscheiden würden. Man befand sich eben im „Zeitalter der Nervosität“.[2]

Die frühneuzeitliche Dichotomie in natürliche (gottgefällige) und widernatürliche (sündhafte) Lust-Triebe ließ das Pathologische als einen Abweg, als Folge einer Abweichung vom richtigen Weg erscheinen und begründete somit ein Devianzmodell. Die Zivilisations- bzw. Kulturkritik um 1900 beklagte die Verworfenheit einer degenerierten und zugleich degenerierenden Zivilisation bzw. Kultur, die als Folge eines fundamentalen Sündenfalls, nämlich der Verletzung eherner Naturgesetze, aufgefasst wurde. Man könnte dies als Erbsünden-Modell bezeichnen. Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, wie problematisch es wäre, im Sinne eines „Paradigmenwechsels“ (Thomas Kuhn) die Erbsünden-Theorie der vormodernen, und die Devianz-Theorie der modernen Epoche zuzuschreiben. Tatsächlich laufen beide Denkmodelle, das Devianz- und das Sündenfallmodell, in der Ideengeschichte der Medizin nicht nur nebeneinander her, sondern sind oft untrennbar miteinander verwoben. Gerade der Krankheitsbegriff war von dieser ideologischen Gemengelage geprägt. Was dies für den Begriff der Sexualitüät zu bedeuten hat, ist im Folgenden aufzuzeigen.


[1] Camerarius, 1694. [2] Radkau, 1998.

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