44. Kap./6 * „Einsame Lust“ mit Zuschauer

Thomas Laqueur hat die soeben skizzierte Onanie-Debatte in seine global angelegte „Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung“ eingeordnet, die er mit dem Erscheinen des Buches „Onania“ um 1712 beginnen lässt (siehe oben). Alle früheren Darstellungen und Anspielungen rechnete er zur Vorgeschichte der Selbstbefriedigung, die er bis zu den Anfängen der Kulturgeschichte zurückverfolgte. Er warf die zentrale Frage auf, warum die Selbstbefriedigung ab dem 18. Jahrhundert zu einem Problem geworden sei. Seine Antwort ist einfach: Weil die Einsamkeit zum Ort der ursprünglichen Reinheit geworden sei, „wo wir uns nach einer verlorenen Unschuld und Unabhängigkeit sehnen“. Selbstbefriediger würden lernen, dass sie potenziell autarke Wesen seien „und sie nehmen dieses schmutzige Geheimnis in ihre Einsamkeit mit, an jenen Ort der angeblichen Reinheit, den sie auf diese Weise beflecken. Ihre Welt ist die auf den Kopf gestellte richtige Welt.“[1] So werde der Onanist in der Morgenröte der Aufklärung „zum Alter ego, zum ungezogenen bösen Bruder oder zur bösen Schwester des modernen Selbst und ist das bis heute geblieben.“ Interessant ist die Bilderserie, mit der Laqueur sein Buch illustrierte, von Tizians „Venus von Urbino“ über erotische Darstellungen im 18. Jahrhundert bis hin zu einer rezenten Fotografie „Annie Sprinkle with Cigarette and Clitoris“, auf der die bekannte US-amerikanische Performance-Künstlerin und Porno-Darstellerin ihren Unterleib präsentiert.[2]

Auf einer lasziven Karikatur zur 1848er Revolution, die Klaus Theweleit in „Männerphantasien“ reproduzierte, zeigt sich eine nackte Frau in onanistischer Gebärde vier Herren, die an vier Ecken stehen und durch ihre Attribute erkenntlich „Republik“, „Communismus“, „Parlament“ und Priestertum („Ruh“) symbolisieren. Die Unterschrift lautet: „Ihr seid Narren alle vier / was ihr wollt, das findt ihr hier.“ (Abb. [i]) In diesem Zusammenhang bedeutet  Onanie jedoch nicht einsame Lust, sondern öffentliche Prostitution. Die Frau desavouiert die diversen Ideale der Männerwelt als närrisch und unterstellt ihr ein gemeinsames geheimes Motiv: den Sexualverkehr mit ihr. (Dies erinnert an die spätere psychoanalytische Ableitung der „Neurose“ aus dem verdrängten Sexualtrieb.) Sie erscheint jedoch nicht als Hure – entsprechende Attribute fehlen –, sondern als Natur-Frau: einen Fuß im Wasser, lässig an eine Böschung angelehnt, eingerahmt von schilfartigem Gras; die natürliche Umgebung der Frau weist ihrerseits gewisse Züge einer Vulva auf.

Anmerkung vom 14.02.2017

In einem Gemälde von Markus Schinwald erinnert ein riesiger Wandteppich oder -vorhang an eine Vulva, vor der eine nackte Frau posiert. Näheres sie mein Supplementary Blog.

Offenbar sind wir hier mit einer kryptischen Natura-Darstellung konfrontiert, die vordergründig von einer sinnlich-sexuellen Pose überlagert wird, womit die Akteure der 1848er Revolution verspottet werden.

Illustrationen aus dem 18. Jahrhundert betreffen fast ausschließlich die weibliche Masturbation in Kombination mit Buch- bzw. Romanlektüre. Laqueur interpretierte sie als Beispiele „einsamer Lust“. Sie sind aus meiner Sicht zunächst Beispiele für den männlichen Voyeurismus, von dem sich offenbar auch Laqueur anstecken ließ. Zumindest die tendenziösen Legenden, die kaum Raum für anderweitige Interpretationen lassen, wollen sozusagen mit einem desavouierenden Augenzwinkern die sexuelle Bedeutung des Dargestellten demonstrieren. Bei dem „Schlaf der Philosophie“ (1777) von Jean-Michel Moreau d. J., dem Kupferstecher und Buchillustrator des französischen Rokoko, wird diese Engführung deutlich. (Abb. [ii]) Im Folgenden soll das Bild aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden. Der „matt-zufriedene Blick“, den Laqueur ausmachen will, ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Die Frau hat die Augen geschlossen, sie träumt, ihr Gesicht strahlt eine Innerlichkeit aus, die keineswegs „matt-zufrieden“ ist. Ihre Umhüllung erinnert an den Schleier der Isis. Das Schoßhündchen muss keineswegs einzig und allein als „Punzenlecker“ gedeutet werden. Er taucht in der Kunstgeschichte auch als Symbol des Schutzes und der Heilkraft auf und begleitet manche Götter und Heilige. So könnte hier die Philosophie als Personifikation der Natura erscheinen, die in Schlaf und Traum mit ihrer göttlichen Quelle vereint ist. Nur handelt es sich hier nicht um eine göttlich erhabene Natura, wie etwa bei Robert Fludd, sondern um eine irdische junge Frau. Der Künstler ahnte gewissermaßen den um 1800 viel diskutierten Somnambulismus voraus, der vor allem bei Frauen spontan auftrat oder durch magnetische Manipulationen hervorgerufen wurde. Die Frauen schienen im Kontext der Romantik die verborgene Natur par excellence zu verkörpern. (Kap. 26) Laqueurs thematische Engführung der Selbstbefriedigung verfehlt andere Deutungsperspektiven, die im historischen Kontext mindestens ebenso naheliegen.

Die Titelvignette „Hymne auf den Kuss“ (Hymne au Baiser) eines 1770 publizierten Buches zeigt eine Dame in lässiger Haltung halb bekleidet auf einem Himmelbett. (Abb. [iii]) Sie hält mit der einen Hand ein Buch, in das sie aufmerksam schaut, die andere Hand liegt auf ihrem vom Hemd bedeckten Schoß. Für Laqueur ist es „offensichtlich“, wo das hinführt: zur „einsamen Lust“. Beachten wir jedoch die naturphilosophischen und wissenschaftshistorischen Implikationen, so können wir dem Bild – gewissermaßen „nebenbei“ – auch noch andere Bedeutungen abgewinnen. Immerhin schwebt ein geflügeltes Wesen, höchstwahrscheinlich Eros persönlich, am lichten Himmel, zudem ist das Bild von einer Blumengirlande eingerahmt und das Bett befindet sich, von den Säulen zu schließen, in einer großen Tempelanlage, einem sakralen öffentlichen Raum, der so gar nicht zur Einsamkeit der sich selbst Befleckenden passt. Vor allem aber weist der Hymnus selbst auf den intensivsten zwischenmenschlichen Kontakt hin, nämlich den Kuss. Dieser wird als „himmlisches Geschenk“, „süßer Stachel der Natur“, bezeichnet, als „Blitz, der alles brennt, was er berührt, durch ein glückliches Signal des Mundes“. Es geht hier um jenen Vorgang, der in den zeitgenössischen Schauexperimenten als „elektrischer Kuss“ vorgeführt und später im Mesmerismus als „Mitteilung des Lebensfeuers“ begriffen wurde. So hat das Bild durchaus etwas mit Sexualität zu tun, aber auf eine noch ganz andere Weise, als Laqueur vermutet.

Der Kupferstich „Eine Nonne erkundet sich“ aus einem mehrbändigen französischen Roman, der in den 1760er Jahren erschien, ist für Laqueur wiederum ein klarer Fall. (Abb. [iv]) Aber die Nonne, die ihr Habit in die Höhe hebt und sich ihren nackten Unterleib im Spiegel betrachtet, der auf dem Boden liegt, ist nicht in masturbatorischer Aktion dargestellt. Vielmehr betrachtet sie sich selbst. Auf dem Tisch liegt ein größeres aufgeschlagenes Buch. Möglicherweise will sie das, was sie dort gelesen hat, bei sich selbst erkunden. Was das ist, geht aus dem Bild selbst nicht hervor. So können wir die Nonne auch als Naturforscherin verstehen, welche die kirchlich verhüllte Wahrheit an sich selbst entschleiern will – ob sie dabei onaniert oder nicht, erscheint dann nebensächlich. Auf dem Bild tut sie es jedenfalls nicht. Schließlich sei noch das Bild „La Dormeuse“ von Jean Michel Moreau erwähnt, einer Illustration aus einem 1764 erschienenen Buch. (Abb. [v]) Laqueur deutet die herabgefallenen Bücher und die Körperhaltung der Schlafenden dahin gehend, dass sie ihre Befriedigung alleine gefunden habe. Diese Vermutung zeugt von der Onanie-Brille des Autors, seinem erkenntnisleitenden Interesse, die Onanie dingfest zu machen. Indes deutet nichts auf Selbstbefriedigung hin, weder die entspannte Körperhaltung der Schlafenden noch ihr ordentlich auf den Boden fallendes und bis zu den Fußknöcheln reichendes Kleid. So erscheint die Schlafende als die natürliche Unschuld in Person, während der sich nähernde Galan diese Szene der Reinheit mit seiner Gestik der Geilheit gewissermaßen befleckt. Das ist jedenfalls das, was zu sehen ist. Laqueur aber spekuliert auf das, was nicht zu sehen ist, aber doch, wie er meint, zu vermuten sei: die Onanie, die diesen entspannten Schlaf erst ermöglicht habe.

Noch krasser ist seine Deutung der ersten Illustration aus dem dreibändigen pornografischen Werk von André Nerciat „Le diable au corps“. (Abb. [vi]) Hier lässt sich die „Marquise“ von ihrem Schoßhündchen Médor mit gespreizten Beinen ihre Vulva lecken. Es sei dahingestellt, inwieweit animalsex oder bestiality, wie heute der Geschlechtsverkehr mit Tieren international bezeichnet wird, überhaupt der Onanie zugeordnet werden kann. Jedenfalls berichtet die Geschichte nur davon, dass die Marquise erwache, den Bettvorhang wegziehe und ihren Schoßhund seine „Aufwartung“ machen lasse, bevor sie der Kammerdienerin schelle.[3] Es ist also keine Rede von Romanlektüre und Masturbation, wie Laqueur insinuiert, stattdessen in der französischen Originalausgabe von „gamahucher“, oralem Sex, in diesem Falle mit einem Schoßhund. In welchem Kontext steht nun das besprochene Bild? Nerciats Sittengemälde zum ancien régime ist mit einer eindrucksvollen Serie von pornografischen Abbildungen ausgestattet, auf denen Gruppensex, Sex mit Tieren (Hund und Esel) sowie verschiedene andere Praktiken des Geschlechtsverkehrs vorgestellt werden. Es handelt sich um ein buntes geselliges Treiben, das Gegenteil von „einsamer Lust“! Folgerichtig ist diese selbst auf keiner einzigen Illustration zu sehen. Man wird hier unwillkürlich an den Aphorismus von Karl Kraus erinnert, den er im Hinblick auf die Psychoanalyse prägte: „Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohne weiteres in seine Lage zu versetzen“. Der Aphorismus ließe sich vielleicht dahin gehend abwandeln: „Ein guter Kulturhistoriker ist imstande, den befremdlichen Gegenstand ohne Weiteres in seine eigene Welt zu übertragen.“ Eine ganz andere Art der „kognitiven Verzerrung“ (cognitive bias) ist bei der deutschen Übersetzung von Nerciats Buch zu beobachten, die in der Endphase der DDR neu herausgegeben wurde. Sie liefert ein bemerkenswertes Beispiel für editorische Manipulation. Sie entstellt nicht nur die originäre Vulgärsprache (etwa „Röslein pflücken“ statt „gamahucher“, „die Fotze lecken“), sondern unterschlägt auch – ohne editorischen Hinweis – die zahlreichen pornografischen Darstellungen, die man im Jahr 1986 offenbar dem Volk noch nicht zumuten wollte.

Der Wandel, der sich im 20. Jahrhundert vollzog, sozusagen der Übergang von Tissot und Rousseau zu Freud und der (nur relativ) liberalen Sexualwissenschaft, machte nach Laqueur die Selbstbefriedigung, von deren körperlichen Unschädlichkeit man nun ausging, zur „totipotente[n] erotische[n] Stammzelle, aus der sich alles Spätere entwickelt. Im neuen Jahrhundert sollten statt blankem Terror nun die richtige Ernährung, Maßhalteappelle, Sublimierung und vor allem die Erziehung sicherstellen, dass die Selbstbefriedigung auch wirklich in die geeigneten Bahnen gelenkt wurde, um ins gesellschaftliche Ideal gesunden Erwachsenenseins zu münden.“[4] Diese Neuausrichtung des Diskurses über die Selbstbefriedigung zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde durch das Internet an dessen Ende radikal verändert: Die Masturbation, so Laqueur, sei im Zeitalter des Internet „nicht nur zu einer Quelle der individuellen Selbsterfahrung geworden, sondern auch zur Basis einer neuen Form der sexuellen Geselligkeit.“ Im neuen „Alternativuniversum der Geselligkeit“ organisieren sich in der Tat virtuelle Gemeinschaften der Onanisten, wie zum Beispiel Jackinworld, The Ultimate Male Masturbation Resource.[5]

Was bedeutet diese irritierende „potenziell autarke, einsame Geschlechtslust“?[6] Manche Kultur- und Wissenschaftshistoriker haben sich einen Tunnelblick auferlegt, der im Grunde den Voyeurismus noch einmal wiederholt, den unzählige Künstler – von der Malerei in der Renaissance bis hin zur Produktion von pornografischen Filmen in unserer Zeit – ins Bild gesetzt haben. Offenbar handelt es sich hierbei vorwiegend um ein männliches Vergnügen, um „Männerphantasien“, wie der Titel des einschlägigen Bestsellers im Geiste der „68er“ lautete.[7] Denn wie im 18. Jahrhundert interessiert auf den heutigen Webseiten vor allem die masturbierende Frau, wie sie von Männern gerne heimlich ausgespäht und belauscht wird. Dieser Tunnelblick durchs Schlüsselloch (peephole) ist sogar in Echtzeit ohne Wissen der Ausgespähten mit Hilfe von spycams im Internet jedermann möglich.[8] Er hat jedoch einen entscheidenden Fehler: Er blendet synchrone Phänomene des kulturellen Umfeldes ebenso aus, wie diachrone intellektuelle Strömungen, in denen das jeweils aktuelle Geschehen eingebettet ist. Wie stand es einst mit der einsamen Lust der Liebespaare, die sich nur heimlich treffen konnten? Was ist von der Unio mystica zu halten, die äußerlich, vom Körpergeschehen und seinem Ort her betrachtet, möglicherweise von der Selbstbefriedigung kaum unterscheidbar ist? Welche Rolle spielt die „Liebe“, insbesondere das Verhältnis von „Selbstliebe“ und „Nächstenliebe“, bei diesem Geschäft? Vor allem eines fällt auf: Die historischen Analysen des „Anti-Onanie-Diskurses“ bedienen sich eines Schlagworts (Onanie, Masturbation, Selbstbefriedigung), das vermeintlich völlig klar und selbstverständlich ist. Es scheint, wie das sexualmedizinische Verständnis von „Orgasmus“ (Kap. 47), vollständig aus der Biologie abgeleitet und objektiv definiert werden zu können. Doch wie sich die Qualität eines „Koitus“ von Fall zu Fall himmelweit voneinander unterscheiden mag, so auch die Qualität der „Selbstbefriedigung“.

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[1] Laqueur, 2008, S. 346. [2] A. a. O., S. 404. [3] Nerciat, 1986, S. 43. [4] Laqueur, 2008, S. 349. [5] http://www.jackinworld.com/ (10.11.2009). [6] Laqueur, 2008, S. 416. [7] Theweleit [1977/78], 1980. [8] http://www.peepholecam.com/peepholecam.html (10.05.2011).

[i] Theweleit, Bd. 1, 1977, S. 79; → Abb. Ihr seid Narren [aus Buch gescannt; keine nähere Quellenanabe, nicht im Netz gefunden] [ii] Laqueur, 2008, S. 333; → Abb. Moreau Schlaf der Philosophie. [iii] Laqueur, 2008, S. 340; → Abb. Dorat 1770. [iv] Laqueur, 2008, S. 341; → Abb. Nougaret Eine Nonne erkundet sich. [v] Laqueur, 2008, S. 339; → Abb. Moreau La Dormeuse. [vi] Nerciat, 1803/1980, vor S. 1; hier: Laqueur, 2008, Abb. 5.14; → Abb. Nerciat 1803/1980 Schoßhund.

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