44. Kap./7 * Gefährlicher Orgasmus

Studieren wir die Geschichte der Sexuallehren, so können wir grundsätzlich zwei gegensätzliche Einstellungen zum Orgasmus feststellen. Am Orgasmus schieden und scheiden sich sozusagen die Geister. Dabei stand fast immer der männliche Orgasmus in seiner Verbindung mit der Ejakulation im Mittelpunkt der Betrachtung. Im Unterschied zur biologistischen Sicht der modernen Sexualwissenschaft und -medizin, die in der vollständigen Entspannung durch einen möglichst gleichzeitigen Orgasmus der Sexualpartner ein physiologisches Ideal sah, gab es sowohl in der asiatischen, vor allem in der altindischen Tradition als auch in sozialutopischen und lebensreformerischen Ansätzen des 19. und 20. Jahrhunderts die Gewissheit, dass der Samenverlust des Mannes tendenziell immer zu Schwäche und Krankheit führe. Auf die Praktiken, die den Samenerguss im Sexualakt vermeiden sollten und die eine besondere Art des Orgasmus ohne Ejakulation anstrebten, kommen wir zurück (Kap. 49). Die radikalste Lösung war natürlich die Keuschheit, die sowohl Onanie als auch Sexualverkehr ausschloss. Dabei war seit der Aufklärung weniger das moralische Argument der Sünde, als vielmehr das physische Argument der Gesundheitsschädigung entscheidend. Der US-amerikanische Prediger und Vertreter des Natural Hygiene Movement Sylvester Graham veröffentlichte 1837 sein Plädoyer für die Keuschheit junger Männer, eine glühende Anti-Onanie-Schrift, deren deutsche Übersetzung unter dem Titel „Eine Vorlesung für junge Männer über Keuschheit“ bis 1900 sieben Auflagen erlebte.[1]  Graham propagierte vegetarische Kost als Mittel gegen Alkoholismus und sexuelle Gelüste.[2] Berühmt wurde er durch das bis heute produzierte „Graham-Brot“, ein ohne Treibmittel hergestelltes Vollkornweizenbrot.[3] Auch seine Vollkorn-Kekse, die Graham Cracker, waren ein Erfolg. Er war ein Verfechter der reinen Naturheilkunde, die im deutschen Sprachraum auch als „Physiatrie“ bezeichnet wurde (Kap. 8). Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1900 schrieb ein gewisser Griebel, “Naturarzt zu Lichtenthal-Bade”,  Graham sei „der größte Physiologe unseres Jahrhunderts“, dessen kenntnisreiche Schrift „von Jedermann gelesen zu werden verdient und gewiß viele Irregeleitete und Verzweiflungsvolle vom sicheren Verderben erretten wird.“[4]

Grahams Grundsatz entsprach dem der Naturheilkunde: „jede Krankheit und jedes Leiden, welches die menschliche Natur belastet, ergiebt sich aus der Verletzung der constitutionellen Gesetze unserer Natur.“ [5] Diese seien gut, alles Üble entspringe nicht „dem gesetzlichen und ruhigen Haushalte Ihrer [des Lesers] ursprünglichen Constitution“.“[6] Sein physiologisches Dogma besagte, dass der Samen „wie alle andern Säfte des Körpers in gewissem Grade wieder aufgesaugt wird“.[7] Somit erschien die Onanie als das „äußerst gefährliche Laster“, als die „unvergleichlich verwerflichste Form geschlechtlicher Befriedigung“.[8] Denn es verletze „in jeder Beziehung die Natur“ und Schwäche den Organismus. Insbesondere ruiniere es den heranwachsenden Organismus. Graham stellte einen Katalog von Ursachen der Selbstbefleckung auf:[9] Ungeeignete Diät wie Fleisch und Gewürze; Überernährung als „eine mächtige Ursache früher Wollust und Ausschweifung”; Mangel an gehöriger Bewegung erzeuge „unnatürliche Empfindsamkeit und Erregbarkeit“ in den Genitalien; Überanstrengung des Gehirns, durch dessen Überhitzung sympathetisch auch die Genitalien betroffen seien. Von diesem Ursachenkatalog leitete Graham seine diätetischen Gegenmaßnahmen ab.[10] Knaben und Studierende müssten, so lautete seine Grundregel, „immer von ungekünstelter, einfacher, nicht reizender vegetabilischer Diät und Wasser leben und dürfen nicht zu schnell und in übermäßiger Menge essen.“ Wenn Diät und allgemeine Lebensregeln eingehalten würden, habe man von Selbstbefleckung, Magenschwäche und Überanstrengung des Gehirns wenig zu befürchten, ja, die menschliche Rasse könne sogar „in allen ihren leiblichen, geistigen und sittlichen Fähigkeiten bedeutend verbessert werden.“

Graham sah analog zur Onanie auch durch den Orgasmus im Geschlechtsverkehr eine Gefahrenquelle. Je leidenschaftlicher dieser ausgeführt werde, um so gefährlicher für die Gesundheit.[11] Deshalb sollten die Leidenschaften gezügelt und alle außerehelichen Abenteuer vermieden werden, um die schädliche Erregung zu minimieren. Eine züchtige Ehe reduziere die Leidenschaftlichkeit in der ehelichen Beziehung und der Orgasmus würde dadurch weniger schädlich sein. Grahams Ideen wurden vor allem vom US-amerikanischen Naturheilarzt John Harvey Kellog begeistert aufgegriffen, dem Miterfinder der Cornflakes, die er zusammen mit seinem Bruder in einem gemeinsamen Unternehmen ab 1897 als Kellog’s Cornflakes herstellte. Er war überzeugt, dass er damit eine geeignete Diät produzierte, die das sexuelle Begehren reduziere und insbesondere zur Bekämpfung der Onanie geeignet sei. Denn wie Graham erblickte er in der Onanie die Quelle allen Übels. Den Orgasmus verstand er als einen der Epilepsie ähnlichen Krampf, dessen exzessives Erleben tatsächlich Epilepsie und andere Krankheiten verursachen könne.[12]

Dieser Gedanke war in der medizinhistorischen Tradition durchaus verankert. Bereits antike Autoren setzten die Epilepsie mit dem Koitus bzw. Orgasmus gleich, so „daß man in der Antike Epileptikern nicht nur sexuelle Enthaltsamkeit empfahl, sondern soweit ging, an Kastration zu denken.“[13] Für Kellog war Geschlechtsverkehr überhaupt nur als Zeugungsakt zulässig. Er heiratete 1879 eine Krankenpflegeschülerin seines Sanatoriums Battle Creek (Michigan), wobei die Ehe wegen seiner Überzeugung von der Schädlichkeit des Geschlechtsverkehrs angeblich nie vollzogen wurde.[14] Dieses Verhalten verlockte den aus Neuseeland stammenden US-amerikanischen Sexualwissenschaftler John Money zu einer „wildcat speculation“ über Kellogs eigene Sexualität: Er habe sich jeden Morgen in seinem Sanatorium von einem Krankenpfleger ein Klistier verabreichen lassen, obwohl dies vermutlich wegen der Diät gar nicht nötig gewesen sei. Dies sei symptomatisch für die „klismaphilia“, eine sexuelle Perversion (paraphilia), in der ein Einlauf den Sexualverkehr ersetze.

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[1] S. Graham, 1837; 1900. [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Sylvester_Graham (8.05.2012). [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Grahambrot (10.05.2012). [4] Graham, 1900, S. 3. [5] A. a. O., S. 18. [6] A. a. O., S. 19. [7] A. a. O., S. 26. [8] A. a. O., S. 40. [9] A. a. O., S. 65-67. [10] A. a. O., S. 67-70. [11] Reinisch / Kaufman, 1991, S. 257. [12] A. a. O., S. 260. [13] Kudlien, 1984, S. 102. [14] Reinisch / Kaufman , 1991, S. 261.

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