# 45. Kap. Heilige Hochzeit: Himmlische Vermählung mit irdischem Abglanz [+ Audio]

Audio on Youtube: http://youtu.be/ME96Q3cpyfM

Die Heilige Hochzeit (griech. hierós gámos), vielfach auch als Himmlische Hochzeit bezeichnet, ist ein elementarer Bestandteil in den Zeugnissen von Mythologie und Mystik, Hermetismus und Kabbala, Alchemie und Naturphilosophie. Sie handelt von göttlicher Vermählung, unio mystica, himmlischer oder „chymischer“ Hochzeit. Hierbei geht es um eine Vereinigung von Göttern, von Göttern und Menschen oder auch von Menschen untereinander.

Anmkerung vom 28. Juli 2015:

Ein Musterbeispiel für die himmlische Hochzeit liefert die antiken Mythologie. Die  Vereinigung von Amor und Psyche wurde zu einem in unzähligen Variationen ausgearbeiteten Motiv in Literatur und Kunst, wie eine Werkskizze von Pietro Bardellino von 1780 zeigt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog

Insofern die Natur als göttlich angesehen wurde, konnte auch die Naturmystik als Heilige Hochzeit aufgefasst werden. In der Wissenschafts- und Medizingeschichte waren solche Verschmelzungserlebnisse von Naturforschern und Ärzten mit den Naturdingen für bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse und Theoriebildungen oft von entscheidender Bedeutung. Bei keinem anderen Thema der Ideen- und Kulturgeschichte ist die Versuchung, historischen Zeugnissen das gegenwärtige, von Biologie und Psychologie geprägteMenschenbild überzustülpen, so groß wie bei der Heiligen Hochzeit. Sie wird heutzutage biologisiert, indem man sie als einen ins Kosmische projizierten Sexualakt ansieht, und sie wird psychologisiert, indem man sie zu einem innerpsychischen Prozess der Reifung oder „Individuation“ nach C. G. Jung erklärt. Der US-amerikanische Psychiater Edward F. Edinger knüpfte als Anhänger von C. G. Jung an dessen Psychologisierung der alchemistischen Symbolik an, um durch die Bildwelt der Alchemie ein „objektive Basis“ (objective basis) für Träume und andere Hervorbringungen des Unbewussten zu gewinnen.[1] Es ging ihm um das Einordnen von „psychic facts based on the method of Jung“ und so identifizierte er die „Individuation“ mit dem siebenstufigen alchemistischen Prozess, der in der „coniunctio“ gipfelt. Beide moderne Betrachtungsweisen, die biologistische wie die psychologistische Sicht, entsprechen und ergänzen sich. Erstere erblickt in der alchemistischen Symbolik verdrängte Sexualität, letztere geistig-seelische Reifung. So zwängen beide ihren Gegenstand ins Korsett ihrer jeweiligen Dogmatik. Die Thematik der Heiligen Hochzeit verleitete zu mancherlei Spekulationen. So deutete die Soziologieprofessorin Gerburg Treusch-Dieter in einer für den Leser kaum nachvollziehbaren Argumentation die Heilige Hochzeit als Totenhochzeit, und die Heilige Braut als „Totenbraut“.[2]

Zumeist wird übersehen, das die Thematik der Heiligen Hochzeit auch in der Medizingeschichte höchst bedeutsam war. Zunächst zielte sie auf das „Zusammengehen“ (Coitus) ab, das Ganzwerden voneinander getrennter, komplementärer Wesen, was von Wollust und Entzücken begleitet ist. Sodann konnte dieses Zusammengehen unter bestimmten Voraussetzungen neues Leben zeugen, ein Menschenkind oder ein göttliches Kind. Die Heilige Hochzeit war aber auch Inbegriff des Heils und Heilens. Sie setzte Heilkräfte frei, erzeugte in alchemistischer Vorstellung den Stein der Weisen, die quinta essentia, als wunderbares Allheilmittel. In der christlich-abendländischen Tradition wurde die „Liebe“ zum Generalschlüssel der Heilkunde erklärt: von Jesus Christus bis zu Paracelsus. Das Gebot der Nächstenliebe war nicht in erster Linie eine abstrakte moralische Forderung, als vielmehr eine Aufforderung, dem elenden kranken Mitmenschen seine Kraft mit ganzer Hingabe zu widmen, um Wunder wirkende Heilkräfte zu mobilisieren. Die medizinische Ethik des Paracelsus zielte vor allem auf diese therapeutische Mobilisierung durch Liebe ab (Kap. 43). Wir werden, wenn wir bestimmte Konzepte der Medizin im Einzelnen betrachten, einsehen, wie gerade das Arzt-Patienten-Verhältnis immer auch eine erotisch-religiöse Komponente implizierte, die der Idee der Heiligen Hochzeit – zumeist unausgesprochen – mehr oder weniger nachempfunden war. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn wir uns klarmachen, dass jede zwischenmenschliche Begegnung und Kommunikation untergründig von einer solchen Idee der Vereinigung – körperlich wie geistig – gespeist wird. Die Begegnung von Arzt und Patient ist dabei nur ein Sonderfall zwischenmenschlicher Kommunikation.


[1] Edinger, 1985: Preface. [2] Treusch-Dieter, 1997.

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