46. Kap./1* Erotomanie − «l’amour dans la tête»

Das Sich-Verlieben in einen anderen Menschen (franz. tomber amoureux de qn.; engl. to fall in love with somebody) als ein leidvolles, ja, krank machendes Erleben wurde traditionell in Volkskunde und Volksmedizin mit Liebeszauber und Verhexung in Verbindung gebracht, also mit magischen bzw. dämonologischen Vorstellungen erklärt. Die gelehrte Medizin dagegen machte für die „Liebeskrankheit“ seit der Antike vor allem somatische Ursachen verantwortlich, einerseits die Affektion des Unterleibs (der Geschlechtsorgane), andererseits die des Gehirns. Die Psychiatrie, die als medizinische Disziplin um 1800 entstand, knüpfte an diese traditionellen Lehren an, indem sie etwa Nymphomanie und Erotomanie dementsprechend unterschiedlichen Körperorganen zuordnete, um schließlich im Sinne der modernen Nosologie à la Kraepelin und Kretschmer den Begriff des Liebeswahns als Äquivalent bzw. Begleiterscheinung einer endogenen Psychose zu begreifen. Der „sensitive Beziehungswahn“ (Kretschmer) wurde somit als Ausdruck einer innerpsychischen Störung begriffen, als eine reine Projektion, die mit der „Realität“ angeblich nichts zu tun habe. Worin aber besteht die „normale“ Liebe in der „Realität“, wie lässt sie sich von der krankhaften – außerhalb der Realität – abgrenzen? Und inwieweit entzieht sich diese Frage letztlich dem psychiatrischen Zugriff?

Der italienische Philosoph und Arzt Marsilio Ficino benutzte, wie bereits dargelegt, den Begriff der „Bezauberung“ (fasciantio), um die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen wissenschaftlich zu erklären (Kap. 32) . Für ihn war Liebe letztlich eine durch natürliche Magie erzeugte Krankheit. Der niederländische Hermetismusforscher Wouter J. Hanegraaff hat die (homosexuell orientierte) „Sokratische Liebe“ Ficinos der (heterosexuell orientierten) „Platonischen Liebe“ Giordano Brunos gegenübergestellt.[1] Hundert Jahre nach Ficinos „De amore“ erschien Brunos Schrift „De gli eroici fuori“ (1585), in deutscher Übersetzung: „Von den heroischen Leidenschaften“. Bruno distanzierte sich von der zeitgenössischen Liebesliteratur, in der die moralische und physische Schönheit der Frauen als Abglanz des Göttlichen idealisiert wurde.[2] Er nahm zwar einen heterosexuellen, zugleich aber auch misogynen Standpunkt ein: Er attackierte nämlich die verführerischen Frauen, die unter dem Deckmantel ihrer Schönheit die Männer zu Sklaven und Idioten machen würden. Auf keinen Fall dürften Frauen zum Gegenstand religiöser Verehrung gemacht werden, so als seien sie göttlich.[3]

In diesem Sinne wollte Bruno die tatsächliche Natur von Liebeswahn und Liebestollheit der Männer aufdecken: Der wahre Liebhaber werde nicht durch eine verrückte Leidenschaft für eine Frau gequält, sondern durch eine „heroische“ Leidenschaft für das Göttliche. Das Adjektiv „heroisch“ spielte wohl nicht nur auf die Assoziation mit „Eros“ an, sondern auch auf den amor hereos (morbus amatoris), wie die Liebeskrankheit traditionell bezeichnet wurde. Diese war nach Bruno nur angemessen und unvermeidlich bei dem einzig wahrhaften und würdigen Gegenstand der Sehnsucht (if caused by the only true und worthy object of desire), wie Hanegraaff anmerkte. Der metaphysische Durst (metaphysical thirst) der heroischen Seele kann freilich nicht in dieser Welt der Sinne gestillt werden.[4] So war für Bruno die „grausame und schöne“ Göttin Diana für die „süße Pein“ des Liebhabers verantwortlich: „although the soul does not attain the end desired and is consumed by so much zeal, it is enough that it burns in so noble a fire.“[5] Es gibt Indizien dafür, dass Bruno seine „Eroici Furori“ auf das Hohelied Salomos bezog und diese Schrift zugleich als Reaktion auf eine unglückliche Romanze zu deuten ist. Ist Brunos mystische Erotik, sein quälender Liebesdurst, „brennend vor Leidenschaft“, der sich auf unerreichbare weibliche Gottheiten oder vergöttlichte Frauen bezog, wirklich dem Sadomasochismus (sadomasochistic eroticism) − auch im Hinblick auf seinen Feuertod − zuzuordnen, wie Hanegraaff meint?[6] Jedenfalls gibt uns Bruno eine klare Auskunft: Die einzige menschenwürdige Liebeskrankheit, bei der es auch wert ist, den Liebestod zu erleiden, ist das Begehren der göttlichen Natur – wie der Jäger Aktaion, der die nackte Göttin Diana beim Baden überraschte und dafür mit dem Leben büßte. Damit transzendierte er zugleich seine Lebenswelt und ging in die Natur ein.[7]

Kommen wir zur profanen Liebeskrankheit, mit der sich Ärzte auseinanderzusetzen hatten, und machen wir einen Sprung zu den Versuchen der entstehenden Psychiatrie im frühen 19. Jahrhundert, die Liebeskrankheit als eine medizinisch definierbare Gruppe von Störungen aufzuschlüsseln. Für das „Dictionaire des sciences médicales“, der französischen Standard-Enzyklopädie der Medizin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, verfasste kein Geringerer als die Leitfigur der jungen französischen Psychiatrie J. E. D. Esquirol den Artikel über „érotomanie“, wofür er u. a. auch die Synonyme délire érotique“,“ mélancholie amoureuse“ und amor insanus de Sennert“ anführte.[8] Hierbei unterschied er grundsätzlich die Erotomanie von der Nymphomanie (einschließlich der Satyriasis). Erstere gehe von der Imagination im Kopf, Letztere von physischen Störungen der Geschlechtsorgane aus: „Dans l’érotomanie, l’amour est dans la tête. La nymphomane et le satyriaque sont victimes d’un désordre physique; les érotomaniaques sont le jouet des leur imagination.˝ [9]Esquirol ließ jedoch den genauen Ursprungsort der Erotomanie im Zentralnervensystem (Gehirn, Kleinhirn, Rückenmark) offen. Ähnlich argumentierte der Psychiater Jacques-Joseph Moreau de Tours in seiner Monografie „Des aberrations du sens génésique“.[10]Auch für ihn beruhten Nymphomanie und Satyriasis auf einer Störung der Geschlechtsorgane, welche rückwirkend (quasi sympathetisch) das Gehirn irritierten.[11]

Auch im deutschen Pendant zum eben zitierten Dictionaire, nämlich dem Encyclopädischen Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften, ist ein umfangreicher Artikel über „Nymphomania, Mutterwuth“ enthalten, der von dem Psychiater Peter Willers Jessen, seit 1820 Direktor der Irrenanstalt Schleswig, verfasst wurde.[12] Die Nymphomanie gehe von der Gebärmutter aus. Insofern wird hier auf den antiken Begriff der Hysterie zurückgegriffen. Der krankhaft gesteigerte Geschlechtstrieb ohne Delirien wird als Pruritus uteri bezeichnet, das vergebliche Bemühen, diesen Trieb zu unterdrücken, führe zur Melancholia ex utero. Die Begriffsgeschichte ist verwirrend. Die mit Delirien verbundene Nymphomanie sei „in älterer Zeit“ auch als Furor uterinus oder Amor insanus bezeichnet worden. Nach dem im frühen 17. Jahrhundert wirkenden Wittenberger Arzt Daniel Sennert, so führte Jessen aus, habe man drei Hauptformen geschlechtlicher Krankheiten unterschieden: Man „verstand unter Salacitas eine vorherrschende oder ausschließliche Affection der Genitalien, unter Erotomania oder Melancholia erotica eine vorherrschende Affektion des Gehirns, unter Nymphomania eine Vereinigung von Beiden.“[13] So erschienen – wie bei Esquirol – die Formen der Erotomanie („Liebesweh“) als „in dem geistigen Organismus wurzelnde[…] Krankheiten, Nymphomanie dagegen Störungen des Seelenlebens, die „aus übermäßigem oder unbefriedigtem Geschlechtstriebe“ entstünden.[14]

Doch trotz aller Bemühungen um eine Differenzialdiagnose (Nymphomanie – Erotomanie) blieb die nosologische Gemengelage verwirrend und widersprüchlich. Nachdem Esquirol im oben erwähnten Artikel anfangs strikt behauptet hatte, der Sitz der Erotomanie sei „dans la tête“, gab er doch am Ende zu, dass man nicht wisse, ob sie im Gehirn oder im Kleinhirn zu lokalisieren sei: „nous avouons notre ignorance, nous n’en savons rien“. Man wisse nur, dass das Denkvermögen (les fonctions de l’organe de la pensée) gestört sei.[15] Für Esquirol ist die Erotomanie eine monomanie und deshalb klar von der Hysterie abzugrenzen. In der manie hysterique bezögen sich die Liebesfantasien auf alle möglichen Objekte, die sie erregen könnten, während sie bei der manie érotique auf ein einziges Objekt fixiert seien.[16] Jessen fasste die Nymphomanie als eine Krankheitseinheit auf, die sich in drei Stadien entwickeln kann: (1) Das „Stadium libidinosum s. Salacitatis“ (krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb ohne Delirium); (2) das „Stadium melancholicum“ (Melancholie mit wollüstigen Gefühlen und Gedanken); und (3) „Stadium maniacum“ (Vorherrschen wollüstiger Ideen mit dem ungezügelten Bestreben, sie zu realisieren).

Sowohl das bereits vor 1800 populäre Dogma – besonders propagiert von aufklärerischen Pädagogen und Ärzten –, wonach die Onanie Ursache der schlimmsten Krankheiten sein könne, als auch die nach 1800 wirkmächtige Gall’sche Schädellehre fanden im psychiatrischen Diskurs über die Nymphomanie starke Resonanz. Franz Joseph Gall lokalisierte den „Sitz des Geschlechtstriebes und der Nymphomanie“ im Kleinhirn, was sich durch einen „breiten und starken Nacken und durch eine beträchtliche Wölbung des Hinterhauptes“ anzeige.[17] Jessen referiert ausführlich Franz Joseph Galls Argumentation, insbesondere dessen Axiom: „die Entwicklung des kleinen Gehirns steht immer in directem und constantem Verhältnisse zu der Entwicklung der Genitalien und des Geschlechtstriebes.“ Denn das Kleinhirn sei stärker entwickelt „bei dem Manne und allen männlichen Thieren, deren Geschlechtstrieb ungestümer, heftiger, gebieterischer und activer ist“.[18] Dementsprechend waren die Hinterhauptshöcker ein beliebtes Objekt für die phrenologische Diagnostik (Kap. 33).

Werfen wir noch einen Blick auf den Mediumismus im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Er war offenkundig recht stark mit erotischen Phänomenen konfrontiert. So unterhielten insbesondere weibliche Medien intensive Liebesbeziehungen mit ihren inkubischen (männlichen) „Kontrollgeistern“ oder „geistigen Führern“. Der deutsche Verlagsschriftsteller und Autor Hans Freimark, der enge Beziehungen zu Sexualwissenschaftlern, Theosophen und Anthroposophen unterhielt und zugleich die zeitgenössische Psychotherapie und Psychoanalyse einschließlich ihrer mesmeristischen Vorgeschichte kannte, schilderte in historischer Perspektive ausführlich „das erotische Element im Okkultismus“ in seinem gleichnamigen Hauptwerk.[19] Er merkte an, dass der Zulauf zu Mesmers Kuren auch auf dem Umstand beruht habe, „daß die Krisen, die seine Behandlung herbeiführten, ein erotisches Äquivalent waren.“[20] Er verwies auch auf die Symptome der „sexuellen Besessenheit“ vom früheren „Hexenproblem“ bis zum modernen Spiritismus, ohne explizit auf den Begriff der Liebeskrankheit einzugehen. Er berichtete unter anderem von einem weiblichen Medium, das er selbst beobachtet habe und das in völlige Abhängigkeit „von dem Bilde seines Kontrollgeistes geriet, das es sich auf mediale Weise gezeichnet hatte. Mit diesem Bild hatte das Medium täglich und nächtlich lange Unterredungen […]. Dahinein mischten sich Liebesanträge, die sich infolge des ablehnenden Verhaltens der Betreffenden zu Liebesdrohungen steigerten.“ Beim Zeichnen habe dieses Medium „nicht nur seelische, sondern auch sinnliche Befriedigung“ empfunden.[21]


[1] Hanegraaff, 2008. [2] Ebd., S. 197. [3] A. a. O., S. 199. [4] A. a. O., S. 200. [5] Zit. ebd. [6] A. a. O., S. 201. [7] A. a. O., S. 202 f. [8] Esquirol, 1815. [9] Ebd., S. 186. [10] Moreau, 1883. [11] Wettley / Leibbrand, 1959, S. 43. [12] Jessen, 1841. [13] Ebd., S. 358. [14] Ebd., S. 359. [15] Esquirol, 1815, S. 192. [16] Ebd., S. 191. [17] A. a. O., S. 375. [18] A. a. O., S. 383. [19] Freimark, 1922. [20] Ebd., S. 7. [21] A. a. O., S. 6.