46. Kap./2* Nymphomanie und ihre Kur

Die Geschichte der Liebeskrankheit lässt sich auch erzählen als eine Geschichte kultureller Stigmatisierungen unzeitgemäßer Formen von Liebe und Erotik, die nach jeweiliger gesellschaftlicher Übereinkunft als moralisch verwerflich, als kriminell oder eben nur als krankhaft angesehen wurden. Dabei übernahmen Ärzte und vor allem Psychiater in ihren wissenschaftlich verbrämten Werturteilen quasi die Rolle von Sittenwächtern oder Richtern, welche die öffentliche Ordnung zu wahren hatten. Gerade die diversen Phänomene von Liebe und Eros stellten z. T. schwer verkraftbare Herausforderungen für deren Ordnungsdenken dar. Dies sei an einem Fallbeispiel aus der Zeit um 1800 erläutert, als sich die Psychiatrie als Fachgebiet etablierte, nämlich an Heinrich von Kleists „Käthchen von Heilbronn“. Dieses Stück, von Kleist als “Ein großes historisches Ritterschauspiel“ bezeichnet, enthält durch den direkten Einfluss des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert deutlich mesmeristische Phänomene.[1]Graf Wetter vom Strahl erscheint dem Käthchen als eine Art Lichtgestalt, mit der sie in engem Rapport steht. Schon sein Name verweist auf die blitzende Elektrizität bei Gewittern oder die elektrischen Funken, die durch künstliche Elektrizität erzeugt werden. Erwähnenswert ist auch der „konsensuelle“ Traum: Käthchen und der Graf vom Strahl träumen in der selben Sylvesternacht weit voneinander entfernt, wie sie von einem Engel zusammengeführt werden, einer strahlenden Erscheinung: „Mit Flügeln, weiß wie Schnee, auf beiden Schultern, und Licht – oh Herr! das funkelte! das glänzte! – Der führt‘, an seiner Hand dich zu mir ein.“[2]

Sind wir hier mit einem Liebeswahn, einer Erotomanie konfrontiert?[3] Oder haben wir es sogar mit einer Art von Sadomasochismus zu tun, mit „Folter und Fremdbestimmung“, wie ein Literaturwissenschaftler einmal behauptete?[4] Hat Kleist nur eine zeitgenössische Krankengeschichte des Heilbronner Stadtarztes Eberhard Gmelin literarisiert, wie manche Interpreten vermuteten? Die Frage ist zu verneinen: Denn Käthchens Verhalten offenbart letztendlich einen unbewussten Rapport, eine innere („sympathetische“) Beziehung zu Wetter vom Strahl. Die beiden sind durch ein geheimes Band miteinander schicksalhaft verbunden. So konstruiert Kleist keine solipsistisch-wahnhafte, letztlich autistische Projektion einer Kranken, ebenso wenig einen „symbiontischen Wahn“ (folie à deux), sondern – im Sinne der romantischen Naturphilosophie – eine sympathetische Wechselwirkung zwischen einem füreinander bestimmten Paar. Folgerichtig endet Käthchen nicht im Irrenhaus, sondern entpuppt sich beim happy end als Kaisertochter.

Anmerkung vom 5.10.2015

Zum wissenschafts- und medizinhistorischen Kontext des Kleist’schen „Ritterschauspiels“ siehe den Artikel „Erotik und Sexualität im Mesmerismus. Anmerkungen zum Käthchen von Heilbronn“ (2000) in meinem Blog Schott’s Published Writings Online.

Wir sind beim „Käthchen von Heilbronn“ also weniger mit einem Fall fürs Irrenhaus konfrontiert, als vielmehr mit dem, was der Schriftsteller Alfred Wien enthusiastisch als „Liebeszauber der Romantik“ bezeichnet hat.[5] Dieser Buchtitel war im Ersten Weltkrieg – „im blutigen Flammenzeichen des Kriegsgottes“ – und danach offenbar äußerst zugkräftig.[6] Die betreffende Publikation erlebte – im „Felde Frühjahr 1916“ abgeschlossen – innerhalb weniger Jahre zahlreiche Auflagen.[7] Dieser „Liebeszauber“ wurde durch zahlreiche biografische Fallbeispiele dargestellt, wobei u. a. auch Novalis und Ludwig Tieck nicht fehlten. Er konnte tragische, abgründige, tödliche Züge aufweisen, wie im Falle von Caroline de la Motte Fouqués Roman „Magie der Natur“ (Kap. 22). Eingerahmt und getragen wurde er freilich von einer naturphilosophisch-religiösen Einstellung, die Wunder und ekstatische Zustände nicht von vornherein als fantastischen (Selbst-)Betrug ansah, sondern als Bestätigung von geheimen Zauberkräften. So heißt es im genannten Buch: „Schauen wir in den Kelch der Blauen Blume tiefer hinein, so beginnt sie sich zu verändern. Glänzender werden die Blätter und schmiegsamer. Sie bilden einen ausgebreiteten Kragen, der ein zartes Antlitz umrahmt; Liebeszauber der Romantik.“

Kommen wir zurück zur Medizin. Die „Kur der Nymphomanie“, wie sie der oben bereits erwähnte Psychiater Jessen skizzierte, richtete sich ganz nach der Therapeutik der zeitgenössischen Irrenheilkunde. Er unterschied dementsprechend drei Ansätze: (A) Die psychische Kur soll „die Herbeiführung einer richtigen Selbsterkenntniss [sic]“ des Kranken anstreben. In hartnäckigen Fällen werde man jedoch „ohne Strafen und Zwangsmittel […] schwerlich zum Ziele kommen. […] Die Kranke muß thun, was der Arzt haben will, und muß sich gewöhnen, es zu thun, weil er es will.“[8] (B) Diät und Lebensweise seien zur Unterstützung der Kur von großer Wichtigkeit. „Namentlich ist körperliche Arbeit bis zur Ermüdung eins der wirksamsten Mittel zur Bekämpfung und Unterdrückung des Geschlechtstriebes.“ Gründlicher Unterricht in Naturwissenschaften wird empfohlen, vor dem „Lesen schlechter und unpassender Romane“ wird gewarnt. (C) Somatische Behandlung und Heilmittel orientieren sich ganz am bekannten Arsenal der humoralpathologischen Korrektur- und Ableitungsmaßnahmen: Aderlass;  Blutegel (auch zur Beförderung von Menstruation und Hämorrhoiden);  Brechmittel; Blut verdünnende Medikamente; Blasen ziehende Methoden; lauwarme und kalte Bäder; eventuell Amputation, Brennen oder „Excision der Clitoris“, wenn diese vergrößert sei; Schröpfköpfe, Blutegel, kalte Umschläge hinter den Ohren und im Nacken nach Galls Empfehlung; und schließlich die „systematische Wasserkur nach der Prießnitzischen Methode“, von der Jessen so überzeugt war, dass er sie selbst in seiner Schleswiger Irrenanstalt in großem Umfang anwandte. (D) Verheiratung erschien schließlich als bestes Heilmittel, um nach traditioneller Auffassung „die aufgeregten Lebensgeister des Uterus zu beschwichtigen“. „Außer dem günstigen Erfolge der Verheirathung beruft man sich auch auf specielle Beobachtungen einer schnellen Heilung durch ausgeübten Coitus.“[9] Manchmal weiche aber der übermäßige Geschlechtstrieb erst in einer Schwangerschaft.

Bemerkenswert ist Willers’ Hinweis auf die „Excision der Clitoris“. Die Klitoridektomie wurde als therapeutische Maßnahme bei übermäßigem Geschlechtstrieb im 19. Jahrhundert verschiedentlich praktiziert, was heute im globalen Kontext als „weibliche Genitalverstümmelung“ angeprangert wird.[10] Die Entfernung von weiblichen Geschlechtsorganen aus psychiatrischer Indikation, insbesondere bei „gewohnheitsmäßiger Onanie“, Nymphomanie und Hysterie, erlebte mit den Fortschritten der Chirurgie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa einen Aufschwung. Neben der Klitoridektomie und der Entfernung der kleinen Schamlippen („Nymphen“) schien auch die Entfernung der Eierstöcke (Ovarektomie) und der Gebärmutter (Hysterektomie) in schweren Fällen angezeigt. So berichtete der französische Psychiater Valentin Magnan in einer seiner Vorlesungen „Ueber die Geistesstörungen der Entarteten“ von der Krankengeschichte eines 12jährigen Mädchens, bei dem die „geschlechtliche Verkehrung“ im Vordergrund gestanden sei. Schon als kleines Kind sei es zu einem Koitusversuch mit dem Bruder gekommen und mit vier Jahren habe sie zu onanieren begonnen: „Jede ärztliche Behandlung war erfolglos. Als sie elf Jahre alt war, wurde die Clitorektomie [sic] ausgeführt. Kaum war der Verband abgenommen, so begann sie von Neuem zu reiben. Schliesslich war die Ueberführung in die Anstalt unumgänglich.“[11]

Am historischen Leitfaden der Onaniedebatte (Kap. 44) kann die Ideengeschichte der Sexualmedizin und deren naturalistische Grundlage sichtbar gemacht werden. Der normative Begriff der Natur, der die physiologische Gesetzmäßigkeit der Sexualität im Organismus bestimmte, bildete den ideologischen Dreh- und Angelpunkt. Alles, was dieser Gesetzmäßigkeit widersprach, erschien als unnatürlich, widernatürlich (pervers), gesundheitsgefährdend und krank machend. Damit lieferte die Onanie das Paradigma für ein missratendes Geschlechtsleben. Ähnlich verheerend wie die Onanie galten dann auch andere Sexualpraktiken, die angeblich eine Verschleuderung von Lebenskraft und Lebenssaft zur Folge hatten, wie etwa die Nymphomanie. Das humoralpathologische Denken hatte aber auch den Gegenpol im Blick: Nicht nur der übermäßige Verlust an Saft und Kraft erschien als eine Gefahr für Leib und Leben, sondern auch deren übermäßige Zurückhaltung und Aufstauung. Die Medizin hatte dann nicht mehr die Aufgabe der Unterbindung, sondern die der Ableitung des Geschlechtstriebs. Damit entstand die Idee der Sexualtherapie, die Praxis sexueller Befriedigung und Befriedung als therapeutische Methode, die wir im folgenden Kapitel im Rahmen der Sexualmedizin ein Stück weit beleuchten wollen.


[1] H. Schott, 2000. [2] 4. Akt, 2. Auftritt.  [3] Giedke, 1983, S. 88 ff. [4] Barkhoff, 1995, S. 256.[5] Wien, 1920. [6] Ebd., S. VII. [7] A. a. O., S. X. [8] Jessen,  1841, S. 406. [9] A. a. O., S. 413. [10] Hulverscheidt, 2002. [11] Magnan, 1892, S. 120.