46. Kap./3* Kunst des Bezauberns [+ Audio]

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Der rumänische Religions- und Kulturhistoriker Ioan Peter (Petru) Couliano (auch Culianu) rekonstruierte auf brillante Art Giordano Brunos Analyse der praktischen Magie als Kunst des Bezauberns, deren massenpsychologische Bedeutung er mit Macchiavellis „Il Principe“ gleichsetzte. Couliano wurde 1991 vermutlich vom rumänischen Geheimdienst Securitate auf dem Campus der University of Chicago Divinity School erschossen, an der er als Professor lehrte.[1] Sein Buch „Eros und Magie in der Renaissance“[2] erschien im französischen Original 1984.[3] Ich verdanke seiner Lektüre wichtige Anregungen und möchte ihn deshalb ausführlicher referieren. Ich verwende im Folgenden die englische Übersetzung.[4] Couliano sah in Ficino den Vater der Gleichung Eros = Magie („Eros = magic“) und führte aus: „Love is, to be sure, a magician – the creation of this formula is also Ficino’s.”[5]Denn die ganze Macht der Magie gründe auf Eros. Wegen und durch Eros verwandle sich die Natur in eine große Zauberin.[6]Brunos Schrift „De vinculis in genere“ komme ein herausragender Ehrenplatz unter den Theorien der Massenmanipulation zu. [7]Niemals vor oder nach Bruno habe ein anderer Autor diesen Gegenstand so empirisch und frei von ethischen, religiösen oder sozialen Bedenken behandelt wie er.[8] Gustave LeBon und Sigmund Freud wollten psychologische Mechanismen aufzeigen und nicht lehren, wie eine Masse zu kontrollieren sei. Heute, so Couliano, werde kein Führer der westlichen Welt wie Macchiavellis “Principe” handeln, sondern eher Methoden von „De vinculis“ gebrauchen: “methods of persuasion and manipulation as subtle as those the brain trusts are able to place at his or her disposal.“[9] Magier, die die Massen faszinieren wollten, müssten also subtil vorgehen und nicht wie die Sowjetpropaganda. Brunos Magier sei sich immer bewusst, dass er, um beim Einzelnen wie bei der Masse Folgsamkeit zu erreichen, eine “total illusion of giving unicuique suum schaffen müsse. Deshalb erforderte Brunos Manipulation vollständiges Wissen über die Wünsche des Subjekts, ohne das kein Bann, kein Zauber (vinculum) möglich sei. Dabei diene Eros als ein großes Werkzeug für die Manipulation. Es sei völlig offensichtlich, so Bruno in der letzten seiner Theses de magia, dass „das höchste, wichtigste und allgemeinste Zauberband [vinculum summum, praecipium et generalissimum] Eros gehört; und deshalb bezeichneten ihn die Platoniker als Großen Dämon [daemon magnus]“.[10]

Plastisch schilderte Bruno, wie der Magier, der „Jäger der Seele“ (animarum venator), durch drei Tore – „Das Sehen, das Hören und den Verstand oder die Vorstellungskraft“ – eintritt [invectione], eine Verbindung herstellt [copulatione], sein Band schlingt [ligatione] und anzieht [attractio].[11] Die Hauptpforte aller magischen Prozesse aber ist die Fantasie, sie „ist das Tor und der wichtigste Zugang zum ganzen Wollen, Erleben und Empfinden eines Lebewesens.“[12] Sie ist der einzige Zugang (sola porta) zu inneren geistigen Zuständen und das stärkste Zauberband (vinculum vinculorum).[13] Die Fantasie oder Einbildungskraft habe die sinnlichen Eindrücke zusammenzufassen und zu ordnen. Dies geschehe willkürlich wie beim Dichter, Maler oder Schriftsteller, oder aber unwillkürlich: mittelbar durch Menschen oder unmittelbar durch „Geistiges, Vernünftiges oder durch einen Dämon, der auf die Phantasie im Traum oder auch im Wachzustand einwirkt“.[14] Bruno beschrieb den Vorgang der Projektion, des Wahns, der Halluzination sehr genau, gewissermaßen ganz modern: Die inneren Eindrücke würden auf eine solche Weise erzeugt, „daß es scheint als habe etwas von den äußeren Sinnen Besitz ergriffen. […] Dies ist nicht verwunderlich, denn nicht ihre [dieser Menschen] Sinne wurden getäuscht, sondern ihre Vernunft.“ Die unwillkürliche Aktivierung der Einbildungskraft nach Bruno entsprach genau der späteren Unterscheidung von Suggestion und Autosuggestion, wie wir sie bei Liébeault und Bernheim kennengelernt haben (Kap. 15). Die mittelbare Aktivierung durch andere Menschen bedeutet Suggestion, die unmittelbare Aktivierung Autosuggestion, die – im Guten wie im Bösen – dämonischen Charakter hat.

Ein wichtiger Grundsatz für die magische Praxis war, dass sich der Manipulator selbst nicht manipulieren lassen durfte. Er musste versuchen, jede Befangenheit zu vermeiden. Um andere zu kontrollieren, müsse man erst einmal sicher vor der Kontrolle durch andere sein. Für Bruno gab es nur eine Wahrheit, ein Prinzip, nach den Worten Coulianos: „everything is manipulable, there is absolutely no one who can escape intersubjective relationships, whether these involve a manipulator, a manipulated person, or a tool. [[15]] Theology itself, the Christian faith, and all other faiths are only beliefs of the masses set up by magic processes.” [16] Glaube und Vertrauen sind Voraussetzung jeglicher Magie: “Weshalb jeder, der wirken will, sei es ein Magier, ein Arzt oder Prophet, ohne vorher erworbenes Vertrauen nichts ausrichtet […]. Deshalb ist der Satz des Hippokrates allgemein bekannt: ‚Jener ist der beste Arzt, dem die meisten glauben.’“[17] Der Glaube, so Bruno, sei das große Band (vinculum magnum), das Band der Bänder (vinculum vinculorum), von dem alle anderen abhängen (sequuntur) und abstammen: „Hoffnung, Liebe, Religion, Frömmigkeit, Furcht, Geduld, Vergnügen, […] Empörung, Hass, Zorn, Verachtung”.[18] Es sei wesentlich, dass der Magier einen aktiven und das bezauberte Subjekt einen passiven Glauben hätte. Ohne Letzteren könne keine magische Praxis irgendetwas bewirken.[19] In Brunos Perspektive beruhte die Religion auf einer Art Massenmanipulation.

Couliano hob die dreifache Bedeutung der „chain of chains“ hervor: „Eros, phantasy, and faith. […] the vinculum vinculorum is the synthesizer, receiver, and producer of phantasms.[20]Er verwies auf den “magischen Zirkel” bei Bruno: „The assumption is that no one can escape the magic circle: everyone is either manipulated or a manipulator.” Die Suggestionstheoretiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren sich dieser Problematik bewusst: Niemand kann dem suggestiven Zirkel entkommen, der durch Erziehung und kulturellen Kontext vorgegeben ist und keinen objektiven Haltepunkt außerhalb der sozialen Kommunikation bereitstellt (Kap. 1).

Was bezweckte Bruno mit seiner Beschreibung des vinculum cupidinis, des libidinösen Bandes (libidinal bond) ? Couliano bot vier Hypothesen an: (1) Indem Bruno die Liebe als natürliches Band behandelte, wollte er ein Paradigma für jedes künstliche oder magische Band etablieren; (2) Bruno beschrieb einfach die Phänomenologie des Eros wie Ficino und Pico. Die vincula erscheinen sehr konkret und Eros wird zum Paradigma der vincula in genere; (3) die Kenntnis der erotischen Phänomenologie macht den Manipulator immun: er ist der Mann, der alles über die Liebe kennt, „in order to learn not to love“; und (4) Brunos Motiv könnte gewesen sein, die Leseschüler mit medizinischem Wissen zu versorgen, „to ‚unbind’ and break the imaginary vincula that attach his patients to him.“ [21] Es ging ihm in diesem Fall nicht darum, dass der Manipulator magnetischen Einfluss auf den Patienten ausübt, sondern um das Gegenteil: dass er nämlich die vincula, an denen der Patient leidet, zerbricht, ihn davon löst. Somit ergab sich für Bruno die Schlussfolgerung: “vinculum quippe vinculorum amor est“ (Die Liebe nämlich ist die höchste aller Bannkräfte).[22]

Was aber hatte „vinculum“ zu bedeuten? Zunächst bedeutete es Schönheit im weitesten Sinne. Freilich kann auch ein weniger schönes Mädchen jemanden stärker bezaubern als ein perfekt schönes, was Bruno mit einer geheimen Kommunikation (ex spiritu vero occulta est vinculi ratio interdum) zwischen dem Liebhaber und dem Objekt seiner Liebe erklärte.[23] Wie funktioniert es? Es werde durch die Fantasie verursacht und habe eine eigene Autonomie und Realität. Die Fantasie könne das Objekt wirklich beeinflussen und auch durch das Tor der Imagination eindringen: Ja, die Einbildung könne „ohne Wirklichkeit tatsächlich bannen und den durch Einbildung Gebannten tatsächlich binden. Denn auch wenn es keine Hölle gibt, so bereitet doch der Glaube an die Hölle und die Einbildung, daß es eine Hölle gibt, wirklich eine wahre Hölle auch ohne zugrundeliegende Wirklichkeit.“[24]

Couliano verwies auf Brunos Unterscheidung von natürlicher und abstrakter Liebe, Letztere ausgeübt vom „masturbierenden Eremiten“: „Primus amor est physicus seu naturalis / est abstractus seu mathematicus, et est amor heremitae masturbantis“.[25] Bruno habe auch eine sehr kryptische Regel zur Kontrolle der Sexualität aufgestellt und die Idee einer quasi sublimierten Sexualität durch Zurückhaltung des Samens propagiert: “Ejaculation of semen releases bonds, whereas its retention strengthens them. […] Look: continence is the beginning of the bondage, abstinence precedes hunger, and hunger leads to victuals.”[26] Wenn der Samen teilweise ausgestoßen wird, verschwindet auch die Kraft des Bandes teilweise: „Cupids bonds [Cupidinis vincula], which were strong before mating, were dissipated after the moderate ejaculation of semen, and the ardor was diminshed even though the attractive object did not cease to be.”[27] Brunos Hinweis auf den coitus reservatus erinnere an den Taoismus, etwa das “embryonic breathing” zur Stärkung der Vitalität, sowie die Tantriker, die schlafende kosmische Energien wecken und zum Kopf lenken wollten, dem “Lotus of thousand leaves”.[28] Freilich sei dies, so Couliano, nicht die Intention Brunos gewesen: „What interests him […] is the way we can seduce, create bonds and attachments. Now, he observes that once pleasure has been had, the bonds dissolve. That is why, to maintain the strength of the bond, it must not be enjoyed.”

Bruno gehe es also bei der Zurückhaltung des Samens um eine Verstärkung des Bandes, was in folgendem Schlüsselzitat zum Ausdruck komme: „There is a bond by means of prolific semen, which is attracted, strives, and approaches its act.“[29]Wer glühend begehre, habe die Macht, das Objekt seiner Begierde in seinen Bannkreis zu ziehen. Couliano interpretiert: „That is why the manipulator is supposed to strenghten the bond, retains the sperm, for ‚he who wishes to bind is obliged to develop the same emotions as he who must be bound.’ […] to arouse an emotion the manipulator must develop it in himself, whence it will not fail to be transmitted to the phantasmic mechanism of his victim.”  Stimme und Sperma seien die einzigen Modalitäten, durch die der Geist den Körper in einer beobachtbaren Weise verlasse. Couliano stützt seine Interpretation auf Allison Coudert, die sich mit Mercurius van Helmonts  Lehre von der „natürlichen Sprache“ auseinandersetzte und auf dessen Rückgriff auf die in der Renaissance gängige medizinische Theorie hinwies, wonach die Ejakulation von Samen wie das Sprechen mit der Aussendung von geistiger Kraft (spiritus) einhergehe.[30] Wenn demnach der Samen nicht ausgestoßen wird, verwandelt er sich in eine geistige Kraft, die ihrerseits die reproduktive Kraft des Samens bewahrt und den Atem beim Sprechen belebt. Ein übermäßiger Verlust von Samen wird nicht nur die Stimme, sondern auch die geistigen Kräfte des Subjekts betreffen, Ähnliches trifft auf übermäßiges Reden zu. Van Helmont zeigte dies am krassen Beispiel eines Gefolterten, „welcher / wenn er sehr schreiet / so entkräfftet wird / dass er alles bekennen muss“.[31] So erscheint sexuelle Enthaltsamkeit als ein Mittel, um dem Verlust von pneuma oder spiritus entgegenzuwirken und sie zu akkumulieren. Nach van Helmont hängen Sprache und Fortpflanzungsfähigkeit zusammen. Denn um zu sprechen, seien die „sacht-verfliessenden / süss-schmeckenden / weissen schleimichten feuchtigkeiten“ nötig, die er mit dem Samen identifizierte. So erschienen ihm die Stimme und Wörter wie Kinder, wie der Ausfluss von Geistern (spiritus) und Engel. Deshalb müsse sich der Mensch Rechenschaft über seine Worte ebenso ablegen, wie über seine Taten und Gedanken.

Doch zurück zu Bruno. Der Manipulator muss zwei gegensätzliche Aktionen zuwege bringen: Er muss selbst immun gegen Liebe sein; und er muss selbst beträchtliche (sterile, abgespaltene) Leidenschaften entfachen. „For there is no way to bewitch other than by experimenting in himself with what he wishes to produce in his victim.”[32]Couliano wollte die Magie als eine allgemeine Psychosoziologie (general psychosociology) begreifen.[33] Die Existenz eines Individuums liege in einer Sphäre natürlicher Magie. Alle Beziehungen zwischen den Individuen würden von – im weitesten Sinne – erotischen Kriterien der menschlichen Gesellschaft kontrolliert und auf all ihren Ebenen sei Magie am Werk, an der alle beteiligt seien.[34] Es sei eben ein Irrtum der Historiker, dass die Magie mit der Entwicklung der „quantitativen Wissenschaft“ verschwunden sei. Letztere diente einfach als Ersatz für einen Teil der Magie, indem sie mit technologischen Mitteln deren Träume und Ziele ausdehnte. „Technology, it can be said, is a democratic magic that allows everyone to enjoy the extraordinary capabilities of which the magician used to boast.”[35]Couliano sympathisierte mit dem anarchischen Charakter der Magie, indem er dem Polizeistaat, den er in Form des Ceauşescu-Regimes in seinem Herkunftsland Rumänien vor Augen hatte, den “Magierstaat” (magician state) gegenüberstellte. Die magischen Ressourcen seien so reichhaltig, dass sie die verrottete Polizei-Ideologie überwinden könnten.[36] Die gewaltsame Machtausübung habe sich dem subtilen Prozess der Magie zu ergeben, „science of the past, of the present and of the future.”[37]


[1] Anton, 1992. [2] Couliano, 2001. [3] Couliano, 1984. [4] Couliano, 1987. [5] Ebd., S. 87. [6] A. a. O., S. 106 f. [7] Bruno, 1962 [b]: Bruno, 1999 [b]. [8] Couliano, 1987, S. 89. [9] A. a. O., S. 90. [10] Bruno, 1962 [a], S. 491 (dt. Übers. H. S.). [11] Bruno, 1962 [b], S. 669; Bruno 1999 [b], S. 101. [12] Bruno, 1999 [a], S. 58. [13] Couliano, 1987, S. 92. [14] Bruno, 1999 [a], S. 54. [15] Bruno, 1962 [b], S. 654; Bruno, 1999 [b], S. 84. [16] Couliano, 1987, S. 93. [17] Bruno, 1999 [a], S. 58 f. [18] Bruno, 1962 [a], S. 490 (dt. Übersetzung H. S.); Couliano, 1987, S. 93. [19] Couliano, 1987, S. 94. [20] A. a. O., S. 95. [21] A. a. O., S. 94 f. [22] A. a. O., S. 97. [23] Bruno, 1962 [b], S. 682; Couliano, 1987, S. 98. [24] Bruno, 1962 [a], S. 117 f. [25] Bruno, 1962 [b], S. 644; Couliano, 1987, S. 99. [26] Bruno, 1962 [b], S. 645; Couliano, 1987, S. 100. [27] Bruno, 1962 [b], S. 663. [28] Couliano, 1987, S. 100. [29] Zit. a. a. O., S. 101. [30] Coudert, 1978, S. 63. [31] Zit. a. a. O., S. 64. [32] Couliano, 1987, S. 102. [33] A. a. O., S. 102-106. [34] A. a. O., S. 103. [35] A. a. O., S. 104. [36] A. a. O., S. 105. [37] A. a. O., S. 106.

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