# 46. Kap. Liebeskrankheit: Somatische Ursachen und magische Verstrickungen

Die Liebeskrankheit taucht in der Medizingeschichte unter verschiedenen Termini als Krankheitsbezeichnung auf, wobei vor allem Autoritäten der arabischen Medizin wie Rhazes und Avicenna zu erwähnen wären.[1] Dabei wurde die Liebe als solche vielfach als eine Art sympathetischer Krankheitszustand begriffen, wie wir bei Ficino feststellen konnten (Kap. 32). Der Begriff der folie à deux, der in der Psychiatrie geläufig ist, zeigt diese Einschätzung der Liebe als „Wahnsinn zu zweit“. Auch Sigmund Freuds Reflexionen über die psychologische Verwandtschaft von „Verliebtheit und Hypnose“, wobei Letztere „einer Massenbildung zu zweien“ gleichkomme, und sein Begriff der „Übertragungsliebe“ lassen diese psychopathologische Kehrseite der Liebe als positiver zwischenmenschlicher Beziehung erkennen. [2]  Der neurosenpsychologischen Begründung hierfür wollen wir nicht nachgehen. Liebe erschien wegen der fließenden Übergänge zum „Liebeswahn“ suspekt, und gerade aus psychiatrischer Sicht war die Grenze zwischen normal und pathologisch nicht immer eindeutig zu ziehen. Die Liebe sprengte im Menschenbild der Medizin das individuelle Für-sich-Sein, die auf eine Person zu beziehende Rationalität oder auf einen Organismus beschränkte Funktionalität. Die Phänomene des mesmeristischen Rapport“ führten zu mental-erotischen Verschmelzungen von Individuen. Neben der Auffassung der Liebe als Krankheit schlechthin war jedoch in der Medizingeschichte immer auch die Idee präsent, durch Liebe, in welchen ihrer Spielarten auch immer, heilen zu können: durch geistige oder körperliche Formen der Liebe, vom Gebet über die karitative Zuwendung zum Anderen bis hin zum therapeutischen Geschlechtsverkehr. Freilich wollen wir die therapeutische Bedeutung von Liebespraktiken hier nur streifen, da wir im letzten Kapitel darauf zurückkommen werden. Von der heutigen Biomedizin wird die „Liebeskrankheit“ nicht mehr als eine eigene Krankheitseinheit angesehen, wenngleich zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine neue Sensibilität in Medizin und Psychologie festzustellen ist und das „’Broken Heart’ Syndrome“ als Ausdruck der love sickness in der Wissenschaft (wieder) ernst genommen wird.[3]


[1] Schott, 1993 [a], S. 79. [2] Freud, 1921, S. 126; Freud, 1915. [3] http://en.wikipedia.org/wiki/Broken_heart (30.01.2013).

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