48. Kap./1* „Physiologie der Ehe“

Gegenüber dem viel beklagten sexuellen Elend in der Ehe − der Eintönigkeit des Geschlechtsverkehrs, der Gewaltanwendung des Mannes gegenüber der Frau, der Herabwürdigung der Frau zur Gebärmaschine etc. − revoltierten sowohl Romantiker um 1800 als auch Anhänger der Lebensreform 100 Jahre später. Neben hedonistischen Strömungen für die „freie Liebe“ gab es auch Versuche, das als weithin desolat empfundene Eheleben zu reformieren, es gewissermaßen zu veredeln. In der Regel beriefen sich die betreffenden Protagonisten eines idealen ehelichen Sexuallebens auf die Natur, mit deren Gesetzmäßigkeiten es in Einklang zu bringen sei. Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac nahm einen anderen Standpunkt ein, indem er sich auf Napoleons Ausspruch berief: „Die Ehe läßt sich durchaus nicht aus der Natur ableiten. […] Der Mensch ist ein Werkzeug der Natur, die Gesellschaft aber drängt sich ihr auf. – Das Gesetz ist um der Sitten Willen da, und die Sitten wandeln sich. – Folglich kann die Ehe an der stufenweisen Vervollkommnung teilnehmen, die für alle menschlichen Einrichtungen möglich ist.“[1] Balzac veröffentlichte 1829 ein mit praktischen Ratschlägen angereichertes Buch mit dem Titel: „Physiologie der Ehe“, in dem „alles Beobachtung und Analyse“ sei. [2] Seine Erkenntnisse fasste er in 92 „Grundsätzen“ zusammen, die er blockweise in den gesamten Text einfügte. Die Grundsätze 27 bis 54 bezeichnete er als „Ehekatechismus“.[3] Sie bilden Aphorismen über die geglückte Liebe, die Balzac als Ausdruck von Kunst und Bildung ansah. So meinte er unter anderem: Die Frau sei „in der Liebe gleich einer Leier, die nur dem ihre Geheimnisse offenbart, der gut darauf spielen kann“.[4] „Leichte Auffassungsgabe für die Nuancen der Wollust, ihre Ausübung, sowie Stilbildung und Originalität der Ausdrucksweise begründen das Genie eines Gatten.“[5] „Zwischen zwei Wesen, die einander nicht lieben, bedeutet dieses Genie Zügellosigkeit; Liebkosungen jedoch, die die Liebe regiert, sind niemals lasziv“.[6]

Der niederländische Gynäkologe und Direktor der Frauenklinik in Haarlem Theodor Hendrik van de Velde nahm im Gegensatz zu Balzac einen biologistischen Standpunkt ein, auch wenn er sich zustimmend auf dessen oben zitierten „Ehekatalog“ bezogen hat. Sein in zahlreichen Auflagen und viele Sprachen übersetztes Buch „Die vollkommene Ehe“, erstmals 1926 in niederländischer Sprache erschienen, machte wegen seiner freizügigen Darstellungen Furore und gelangte sogar auf den Index des Vatikan.[7] Für den Autor waren normative Vorstellungen entscheidend, ging es ihm doch einzig und allein um die idealtypische heterosexuelle Konstellation in der „Hoch-Ehe“. Homosexualität oder „Perversionen“ waren für ihn kein Thema. Für ihn war das Hauptproblem der „Kampf zwischen instinktiver geschlechtlicher Abstoßung und triebhafter sexueller Anziehung“.[8] Als ein Mittel der Rettung der Ehe sei deshalb „die rechtzeitige Verstärkung der sexuellen Anziehungskräfte, so daß die entgegengesetzten überhaupt nicht in die Lage kommen, sich zu offenbaren.“ Auf diesem Wege sollte die „Hoch-Ehe“ erreicht werden, und zwar „durch Ausbildung der Technik der gegenseitigen Geschlechtsbefriedigung, weit über das in der jetzigen Ehe Übliche hinaus.“[9] Van de Velde gab eine minutiöse Beschreibung des „normalen, ‚gesunden’ Coitus“, die an die Gebrauchsanleitung für einen technischen Apparat erinnert: Bei einem solchen Koitus soll „der beiderseitige Orgasmus unbedingt annähernd gleichzeitig eintreten, d. h. normalerweise fängt die Ejakulation beim Manne an, und die Lustlösung setzt beim Weibe sofort darauf ein, − genauer gesagt, nach so viel Zeit, als nötig ist, um den durch die Ejakulation erweckten Gefühlseindruck dem Zentralnervensystem zuzuleiten und ihn dort in die Entladung umzusetzen, das ist also […] in weniger als einer Sekunde.“[10] So entwarf van de Velde Verlaufskurven der „Vergattung“, die den „Erregungskurven“ des Orgasmus von Wilhelm Reich entsprechen (siehe unten).

Beim Betrachten der Verlaufskurven wird van de Veldes normative Auffassung der „Vergattung“ besonders deutlich. Die Graphiken erinnern an zwei aufeinander bezogene Fieberkurven, die eine angeblich gesunde Idealkonstellation fixieren und alle davon abweichenden Konstellationen als ungenügend oder „abnormal“ definieren. So wird „A. Ideale Vergattung“ (Abb. [i]) kontrastiert mit „B. Coitus ohne Vorbereitung der erfahrenen Frau“ und „C. Coitus mit einer unerfahrenen Frau nach vorhergehendem Reizspiel“ (Abb. [ii]) sowie „D. Coitus mit einer unerfahrenen Frau ohne genügende Vorbereitung“ (Abb. [iii]) und „E. Coitus interruptus“. (Abb. [iv]) Letzterer gehöre eigentlich nicht mehr zur Physiologie, da er eine „abnormale geschlechtliche Handlung“ darstelle. Denn für „sexuell vollwertige Menschen“ bedeute der „systematische Coitus interruptus […] eine Abwürgung der Ehe, eine Gefahr für die Gesundheit des Mannes und ein Verbrechen an der Frau.“[11]

Van de Velde polemisierte auch gegen die Verzögerung des Eintritts der Ejakulation und bezweifelte im Hinblick auf asiatische Sexualpraktiken, dass es dadurch zur Erhöhung der Lustgefühle bei der Frau komme: „ob die den Hindus, Javanern und anderen Bewohnern des Morgenlandes nicht ungewohnte Übertreibung dieser Methode dennoch der Frau die (von dem Manne beabsichtigte) Gelegenheit gibt, die erwünschte, stark vergrößerten örtlichen Reize durch Phallosreibungen tatsächlich auch unverändert zu bekommen?“ Das erscheine eher unwahrscheinlich, „weil diese Reibungen bei einem derartigen Verhalten des Mannes wahrscheinlich ziemlich stark an Frequenz und Intensität einbüßen werden. Was ich aber wohl als sicher betrachte, ist, daß dieses Verfahren für Kulturmenschen der weißen Rasse schon aus ästhetischen Rücksichten nicht in Frage kommt, – es sei denn ausnahmsweise und in larvierter Form nach schon vorhergegangener richtiger Vergattung.“[12] Nach van de Veldes Theorie der „richtigen Vergattung“ bedeutete die Immissio penis ohne Ejakulation ein „wirklicher Exzeß“, „eine Vergattung – die keine ist.“

Beiläufig ging er in diesem Zusammenhang auf die „Oneida-Gemeinde“ und „Karezza“ ein, wobei er die einschlägige Literatur offenbar nur bruchstückhaft zur Kenntnis genommen hatte (Kap. 49).[13] Er zitierte lediglich das höchst einflussreiche Buch „Married Love“ der britischen Paläobotanikerin und Frauenrechtlerin Mary Stopes, das 1918 erschien und in den USA bis 1931 wegen des anstößigen Inhalts verboten war.[14] Stopes hatte behauptet, dass die Karezza-Methode einer Frau mit starkem Geschlechtstrieb „das Gefühl der Geschlechtsvereinigung und der körperlichen Nervenberuhigung“ schenken könne. [15] Das sei aber physiologisch völlig widersinnig, so van de Velde, denn ohne „orgastische Befriedigung als naturgewollte Abreaktion“ könne es keine Beruhigung „von normalen Menschen“ geben. So möchte er „vor der ‚Karezza’ dringend warnen“. Freilich wolle er zugeben, „daß eine derartige Vergattung, die keine ist, gelegentlich für einen stark untererregbaren Mann und seine ebenso untererregbare Gattin […] ohne Gefahr für Schaden in Betracht kommen kann, wenn ihr seelisches Liebesbedürfnis eine möglichst innige Berührung der Körper wünscht, während dennoch ein ausgesprochener Geschlechtsbefriedigungstrieb fehlt.“[16]

Ausführlich schilderte van de Velde „Stellung und Haltung beim Coitus“ und entwarf eine „Tabula positionum“. Diese „Synousiologie“ als „Lehre vom Coitus“ sei für Ärzte und Laien gleichermaßen wichtig.[17] Er stellte die möglichen Koitushaltungen in einer doppelseitigen Tabelle zusammen.[18] „Auf Wunsch des Verlags in lateinischer Übersetzung“, merkte er in einer Fußnote an.[19] Darin verzeichnete er zu den einzelnen Stellungen die Art der sexuellen Reizung bei beiden Geschlechtern, die jeweilige Indikation und Kontraindikation sowie die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis. In Krankheits- und Problemfällen solle der Arzt hinsichtlich des Eheglücks „durch genaue, auf der Physiologie fußende, technische Ratschläge segensreich eingreifen können.“[20] Der Begriff „Physiologie“ erinnerte ihn offenbar an die „Physiologie du Mariage“ und den „Ehekatechismus“ von Balzac, der allerdings unter diesem Begriff etwas ganz anderes verstanden hatte.


[1] Zit. n. Balzac [1829], 1951, S. 11. [2] Balzac [1829], 1951, S. 22. [3] A. a. O., S. 82-84. [4] Ebd., S. 82 [Grundsatz 31]. [5] A. a. O., S. 83 [Grundsatz 38]. [6] Ebd. [Grunsatz 39]. [7] Velde [1926], 1937. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 19. [10] A. a. O., S. 169. [11] A. a. O., S. 179. [12] A. a. O., S. 188. [13] A. a. O., S. 189. [14] http://en.wikipedia.org/wiki/Married_Love (15.06.2011). [15] Zit. n. Velde, 1929, S. 190. [16] A. a. O., S. 191. [17] A. a. O., S. 219. [18] A. a. O., S. 220 f.  [19] A. a. O., S. 219. [20] A. a. O., S. 222.


[i] Velde, 1929, S. 169; → Abb. Velde 1929, S. 169 [ii] Velde, 1929, S. 173; → Abb. Velde 1929, S. 173 [iii] Velde, 1929, S. 175; → Abb. Velde 1929, S. 175 [iv] Velde, 1929, S. 178; → Abb. Velde 1929, S. 178