48. Kap./3* Männerfantasien und Faschismus

Der Germanist und Schriftsteller Klaus Theweleit hat mit seinem Bestseller „Männerphantasien“ in der nach-68er Zeit wie kein anderer an Wilhelm Reich und seinen Ansatz der psychoanalytischen Faschismuskritik angeknüpft.[1] Obwohl er sich der kritischen Beurteilung von Wilhelm Reich durch die französischen Analytiker Gilles Deleuzes und Félix Guattari anschloss, bieb seine Analyse monoman auf die Produktion des faschistischen Mannes mit ihrem Höhepunkt im Nationalsozialismus gerichtet. Jene hatten in ihrem „Anti-Ödipus“ formuliert: „Er [Reich] als erster hatte es versucht, die analytische und die revolutionäre Maschine gemeinsam funktionieren zu lassen. Und am Ende hatte er nurmehr seine eigenen Wunschmaschinen, seine paranoischen, wundersamen, zölibatären Kästen mit ihren woll- und baumwollbesetzten Metallwänden.“[2] Aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten erscheint mir Theweleits Analyse − „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“, wie Rudolf Augstein 1977 in „Der Spiegel“ schrieb − zwar als eine fulminante Leistung, aber zugleich auch als ein typischer Ausdruck damals vorherrschender Klischees: Engführung psychoanalytischer Konstrukte, die zur Erklärung sozialpolitischer Verhältnisse herangezogen wurden; die Frau im Fluss, als „Menschin aus dem Wasser“, gegenüber dem Mann, der sich einen „Panzer gegen die Frau“ zugelegt hat; die absolute Fixierung auf die Ausmalung der Facetten der totalen Katastrophe ohne die utopischen Momente der Befreiung und Erleuchtung einzelner Menschen oder Menschengruppen auch in der schlimmsten Diktatur. Mit anderen Worten: Die Befangenheit im zeitgenössischen Diskurs erlaubte keinen kulturhistorisch geweiteten Blick über den ideologischen Tellerrand. Sie war seinerzeit nicht erstaunlich, da die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und seinen Folgen, konkret: mit der Generation der eigenen Eltern und insbesondere Väter, gerade erst begonnen hatte und die Blickrichtung fesselte.

Die diversen Versuche, Marx und Freud miteinander zu kombinieren, waren trotz ihrer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und Staatssozialismus nicht dazu angetan, religiöse und kulturhistorische Betrachtungen anzustellen und die eigenen Denkmodelle historisch zu relativieren. So blieben die mystischen wie mythischen Aspekte der Sexualität ebenso außer Betracht wie die frühneuzeitlichen Ideen von der Magie der Natur und der Macht des Geistes. Die 68er Vordenker mochten sich einfach nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als nur um „Männerphantasien“ à la Theweleit gehandelt haben könnte. Die nach-68er Debatte über Sexualität und Gesellschaft war von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Man wollte „Emanzipation“ und verfiel biologistischen Normvorstellungen, man wollte „Triebbefriedigung“ und sah diese an bestimmte Formen der Sexualität gebunden. Auch die professionelle Sexualwissenschaft konnte keine Lösung anbieten, wie das „Drama der Sexualität“ des Frankfurter Sexualwissenschaftlers Martin Danecker offenbart.[3] Die Abhandlung führt vor Augen, wie gut gemeintes emanzipatorisches Pathos ohne eine tiefer gehende ideengeschichtliche und kulturanthropologische Verankerung ins Leere läuft.

Inzwischen ist die von Wilhelm Reich inaugurierte Theorie von der unterdrückten Sexualität als Ursprung des faschistischen Massenmenschen, der mit seinem „Muskelpanzer“ die „emotionale Pest“ verursacht habe (siehe oben), widerlegt. Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog kritisierte in ihrer Studie zur Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die These der Neuen Linken bzw. der Studentenbewegung um 1968, dass die sexuelle Repression „nicht nur ein Charakteristikum dieser Bewegung [des Faschismus], sondern ihre Ursache“ gewesen sei.[4] Noch unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei es die Meinung der Zeitgenossen gewesen, „die Nationalsozialisten hätten im Gegenteil sexuelle Freizügigkeit gefördert und diese sexuelle ‚Unmoral’ sei sogar untrennbar mit dem barbarischen Völkermord verbunden gewesen.“ Aus diesem Blickwinkel sei die sexual-konservative Nachkriegskultur keine Fortführung des angeblich sexuell repressiven Faschismus gewesen, sondern habe sich „zumindest teilweise als Gegenreaktion zum Nationalsozialismus“ entwickelt: „gerade die von NS-Seite betriebene Ermunterung zu vor- und außerehelichen heterosexuellen Kontakten – nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern auch zur Lustbefriedigung – wurde in der Nachkriegszeit geflissentlich vergessen.“[5] Herzog hat für dieses Verhalten eine plausible Erklärung: Angesichts des NS-Regimes, das eine ungeheuerliche Vernichtungspolitik betrieben hatte, schien es ratsam, „die Erinnerung an die Empfänglichkeit der Bevölkerung für die lustfördernden Aspekte des Nationalsozialismus auszulöschen.“ Die Verbindung der sexuellen Tabubrüche mit denen beim Völkermord ließ es nach Herzog aus psychologischen wie politischen Gründen opportun erscheinen, „in der Rückschau gewisse Elemente auszublenden und andere herauszustellen.“ So sei es um 1960 zu einer „Reihe von Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen“ gekommen, wonach beispielsweise im Nationalsozialismus keinerlei Mittel und Informationen zur Empfängnisverhütung zur Verfügung gestellt worden seien, um die Geburtenrate zu steigern.

Um die Sexualität im Dritten Reich zu verstehen, zog Herzog den Begriff der repressiven Entsublimierung heran, den der Vordenker der 68er Studentenbewegung Herbert Marcuse in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ geprägt hatte.[6] Sie würdigte dessen Verdienst: Er habe als einer der Ersten dargelegt, „dass und auf welche Weise der überhebliche NS-Rassismus untrennbar mit dem Bemühen des Regimes verbunden war, das Sexualleben seiner Bürger neu zu organisieren; von welch zentraler Bedeutung die Politisierung des vormals eher privaten Bereichs der Sexualität für die politische Tagesordnung der Nationalsozialisten war “.[7] Dass die „repressive Entsublimierung“ für diverse „sexuelle Revolutionen“ im 20. Jahrhundert einschließlich ihrer sexualwissenschaftlichen Begleitung ein Grundproblem markiert, ist augenfällig.

Es ist bemerkenswert, dass auch im „Dritten Reich“ das Motiv der Natura, wie wir es vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jugendstil um 1900 verfolgt haben, in Illustrationen immer wieder auftaucht. Der naturphilosophisch-religiöse Hintergrund tritt zurück, wird gleichsam über dem ideologischen und propagandistischen Alltagsgeschäft vergessen. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen. Im Kampfblatt der SS „Das Schwarze Korps“ wurden im Oktober 1938 unter der Überschrift „SCHÖN UND REIN“ eine Serie von Fotografien abgebildet, die eine junge, schöne, nackte Frau in einer natürlichen Umgebung („Strandlandschaft“) zeigen. (Abb. [i]) Ihre göttliche Unnahbarkeit und Unschuld wird demonstriert, was an klassische Darstellungen der Natura erinnert. In der antisemitischen Wochenzeitung “Der Stürmer” wurde im April 1929 eine Karikatur mit der Legende „Nieder mit der Wahrheit!!!“ veröffentlicht. (Abb. [ii]) Sie zeigt eine nackte Frau, die gerade von Staatsanwalt und Polizei gefesselt wird und „die Wahrheit“ des Nationalsozialismus symbolisieren sollte, die von der staatlichen Gewalt niedergehalten wurde. Die Aufforderung an den Betrachter ist eindeutig: Diese gefesselte Wahrheit ist zu befreien, zu entfesseln. Interessant ist der angedeutete Heiligenschein der blonden Frau mit germanischen Gesichtszügen, der mit der Inschrift „Die Wahrheit“ versehen ist. Dies erinnert an „La Nature“, der man in der Französischen Revolution ein Monument errichtete und die man mit der raison und damit implizit mit der vérité identifizierte (Kap. 11) Dieses Motiv der gefesselten Wahrheit wurde noch einmal vom Stürmer“ im Februar 1930 mit unüberbietbarer religiöser Symbolik verschärft. Die Karikatur „Die Wahrheit am Kreuz“ zeigt anstelle von Christus eine nackte Frau mit Lendenschurz, deren Mund verbunden ist und die von „jüdischen Dunkelmännern“ lüstern angestarrt wird. (Abb. [iii]) Die antisemitische Hetze bediente sich hier des christlichen Antijudaismus, der sich traditionell an dem Umstand festmachte, dass Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen worden war.

Nach der „Machtergreifung“ trat dann die „Wahrheit“ als strahlende Göttin auf. (Abb. [iv]) Unter der Überschrift „Seltsame Auswirkung“ erschien im „Stürmer“ im Januar 1935 eine vielsagende Karikatur. Die übergroße stattliche nackte Frau mit langem blondem Haar hält in ihrer rechten Hand einen Spiegel, der ein Lichtbündel nach unten reflektiert, wo entsetzte jüdische „Untermenschen“ stehen, denen der Satz in den Mund gelegt wird: „Das haben mer nu davon, mit unserm Geschrei machen mer bloß Reklame für die Wahrheit“. Mit der Rechten zieht die „Wahrheit“ einen Vorhang beiseite und enthüllt damit ein antisemitisches Schriftrelief an der Wand.

Anmerkung vom 16.01.2016

Die „Wahrheit“ als nackte Frau, umgeben von Dunkelmännern, ist auch in zwei Gemälden von Ferdinand Hodler zu sehen. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Auch hier bediente sich – wahrscheinlich den Machern selbst nicht bewusst – die Hetzpropaganda kulturhistorischer Versatzstücke. Die Frau personifiziert hier Isis-Natura, wobei der Spiegel an die göttliches Licht vermittelnde Natura in der frühneuzeitlichen Emblematik und der zurückgezogene Vorhang an die sich enthüllende Isis erinnert. Das viel besagte „kulturelle Gedächtnis“ war also im Nationalsozialismus keineswegs ausgeschaltet – im Gegenteil: Es wurde zu spezifischen Zwecken aktiviert.


[1] Theweleit [1977/78], 1980. [2] Zit. ebd., S. 405. [3] Dannecker, 1987. [4] Herzog, 2005, S. 10. [5] A. a. O., S. 80. [6] Marcuse, 1967, S. 76; Reiche, 1968, S. 45. [7] Marcuse, 1967, S. 26.


[i] Herzog, 1945, S. 48; → Abb. Schön und Rein 1938 [ii] Herzog, 1945, S. 29; → Abb. Nieder mit der Wahrheit 1929 [iii] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Wahrheit am Kreuz 1930 [iv] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Seltsame Auswirkung 1935