48. Kap./4* „Neosexualitäten“ auf dem Vormarsch

Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch prägte in den 1990er Jahren den Begriff der neosexuellen Revolution. Er konstatierte drei sexuelle Revolutionen, die sich gegenwärtig als „Strukturschichten der Sexualität“ gleichzeitig bemerkbar machten: (1) Die mit Freuds Sexualtheorien einhergehende Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts; (2) die mit der 68er „Studentenrevolte“ verbundene sexuelle Emanzipation, die durch die „Antibabypille“ ermöglicht wurde − die „sexuelle Revolution“ im üblichen Sprachgebrauch; und schließlich (3) die in den späten 1970er Jahren schleichend einsetzende „neosexuelle Revolution“, die eine lean sexuality, eine Auflösung und Fragmentierung der Einheit Sexualität zur Folge gehabt habe.[1] Die „sexuelle Revolution“ der „68er“ war noch existenziell aufgeladen. Sie ging einher mit innerfamiliären Zerwürfnissen, Experimenten mit psychedelischen Drogen, libertären Wohngemeinschaften. Die Erfahrungen schlugen sich nicht zuletzt in diversen literarischen und künstlerischen Zeugnissen nieder, etwa in Gedichtbänden mit Illustrationen wie „Orgasme à cœur ouvert“.[2] Nach Sigusch führte die weitere Entwicklung zum „Self-sex“, d. h. zur Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung der Individuen.[3] So gelangte Sigusch zu seinem Begriff der Neosexualität(en), mit dem er vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels die vielfältigen Formen der Sexualität in der Gegenwart analysieren und zugleich die Gesellschaft kritisch durchleuchten wollte.[4] Die Neosexualität der jungen Leute, die eher Wohllust als Wollust anstrebten, stellte er dem „Hohen Lied der Liebe“ gegenüber. Die Liebe throne über allem und sei „stabiler als alle Sexualformen, wiedersteht im neosexuellen Prozess weitgehend dem Zwang zur Vielfalt, beweist, dass es nicht nur um Wandel geht, sondern ebenso um Kontinuität.“[5] Die Neosexualität lasse den kulturellen Stellenwert der Sexualität geringer als früher erscheinen, „selbstverständlicher, ja banaler“: „Weil sie nicht mehr die große Überschreitung ist, kann sie auch unterbleiben.“[6]

Sigusch plädierte für die Akzeptanz der Gleichwertigkeit der Geschlechter, für ein Ende der „Zurücksetzung und Herabsetzung des weiblichen Geschlechts“ und erblickte im Kapitalismus unserer Tage ein großes Paradox im Hinblick auf das Sexualleben: „Je brutaler und allumfassender der Kapitalismus wird, desto größer werden die Freiräume für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten. Das Geheimnis: ‚dem’ Kapital ist vollkommen wurscht, was die Gesellschaftsmitglieder außerhalb der Selbstbewegungs- und Profitsphäre tun, solang das, was sie dort tun, nicht mit dieser Sphäre interferiert.“[7] Ein weiteres Paradox fiel ihm auf: Durch die kulturelle Inszenierung, beinahe lückenlose Kommerzialisierung und elektronische Zerstreuung würde heutzutage sexuelle Lust wirksamer ausgetrieben, als durch die alte Unterdrückung durch Verbote. Früher seien die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung Ziel von Reformbestrebungen gewesen, heute seien die egoistischen und unsozialen Ausprägungen von Selfsex und Selfgender zu beklagen.

Es bleibt zu fragen, ob die drei oben genannten „sexuellen Revolutionen“ auch von unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern motiviert waren und ob die „neosexuelle Revolution“ unserer Tage wirklich eine nie da gewesene Banalisierung des Sexuallebens bedeutet. Die Begrenzung der historischen Betrachtung auf die letzten hundert Jahre, die in sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zu Medizin und Gesundheitswesen häufig anzutreffen ist, ignoriert vormoderne Perspektiven, die im 20. Jahrhundert keineswegs spurlos verschwanden, etwa religiöse, lebensreformerische oder romantische Thematisierungen von Liebe und Sexualität. So ist Sigusch demselben Zeithorizont verhaftet wie die anderen Historiker der Sexualwissenschaft, wenngleich er mit seiner marxistisch grundierten Gesellschaftskritik über diese hinausgeht und mit gewissem Recht die „Furie des Somatischen, die die heutige Sexualmedizin wieder so sehr fasziniert“, schon vor geraumer Zeit heftig attackierte.[8]

In seinem umfassenden Alterswerk „Geschichte der Sexualwissenschaft“ spiegelt sich seine ideologische Engführung wider, die vormoderne und außereuropäische Konzepte außer Acht lässt.[9] Alternative Sexualpraktiken wie etwa Karezza und mentale erotische Erfahrungen (die durchaus körperlich waren) wie etwa die „Brautmystik“ liegen außerhalb seines Horizonts. Es fällt besonders auf, dass er die reichhaltige Literatur des Mesmerismus und seiner Folgen gänzlich ignoriert und mesmeristische Spekulationen, die ja Sexualität und Erotik intensiv berühren, nur an einer einzigen Stelle streift, nämlich dort, wo Karl Heinrich Ulrichs, ein Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen, von einem entsprechenden Erlebnis berichtete: einem „glänzenden Funken“ auf seiner Eichel.[10] Die Lichtmetaphorik im Kontext des Mesmerismus haben wir an anderer Stelle abgehandelt (Kap. 28). Sigusch will die Geschichte der Sexualwissenschaft nicht wie üblich mit Iwan Bloch und Richard Krafft-Ebing um 1900 beginnen lassen, sondern hebt auf zwei Pioniere ab, die zwischen 1850 und 1870 die Weichen in Richtung auf eine „Wissenschaft von der Wonne und von der Liebe“ gestellt hätten: den katholischen Norditaliener Paolo Mantegazza und den soeben erwähnten protestantischen Norddeutschen Karl Heinrich Ulrichs. „Gemeinsam ist beiden Kulturkritikern der Kampf für eine breite Aufklärung. Zugleich aber glaubten sie an die befreiende Wirkung der aufkommenden, angeblich rationalen Wissenschaften.“[11]

Eine Geschichte der Sexualwissenschaft hätte freilich den ideengeschichtlichen Impakt der „Magie der Natur“ zu berücksichtigen, wenn sie den Begriff der Sexualität und den der sexuellen Revolution des 20. Jahrhunderts darstellen will. Wer mit seiner Analyse erst im ausgehenden 19. Jahrhundert einsetzt, blendet die kulturhistorischen Aufladungen von Sexualität und Erotik aus, die unterschwellig weitergewirkt haben und als Kontrastfolie für die gegenwärtige (insbesondere biologistische) Eindimensionalität heuristisch hilfreich wären.


[1]http://de.wikipedia.org/wiki/Neosexuelle_Revolution#Drei_sexuelle_Revolutionen (11.09.2009). [2] Galizot, 1970. [3] Sigusch, 1998. [4] Sigusch, 2005[a]. [5] Ebd., S. 8. [6] A. a. O., S. 22. [7] A. a. O., S. 169. [8] Sigusch, 1991. [9] Sigusch, 2008. [10] Ebd., S. 156. [11] A. a. O., S. 11 f.

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