# 48. Kap. „Sexuelle Revolution“: Illusionäre Emanzipation

Der Begriff der sexuellen Revolution wird vor allem mit der Einführung der „Antibabypille“ und der „Studentenrevolte“ in den 1960er Jahre in Verbindung gebracht. Die Sexualmoral änderte ihr Gesicht. Frühere Einstellungen wurden kritisiert und als lustfeindlich und pathogen infrage gestellt. Dies betraf die Masturbation, vorehelichen Geschlechtsverkehr und „sexuelle Perversionen“, d. h. „widernatürliche“ Sexualpraktiken wie vor allem die Homosexualität. Solche Themen wurden schon um 1900 von der entstehenden Sexualwissenschaft aufgegriffen. Dabei fanden insbesondere psychoanalytisch inspirierte Sexualtheorien große Beachtung. Von der Geschichtsauffassung des Marxismus geprägt setzten bestimmte Gesellschaftskritiker den herrschenden Kapitalismus mit der Unterdrückung der Sexualität und die politische Revolution mit der sexuellen gleich. Entsprechende Vorstellungen entstanden bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Arbeiterbewegung Ziele der Lebensreformbewegung für ihre Zwecke adaptierte. Wir wollen uns hier auf die Betrachtung der modernen Situation beschränken. Sexuelle Revolutionen gab es auch davor, wenn soziale Umbrüche tief greifende Änderungen im Sexualverhalten zur Folge hatten. Als Beispiel wäre hier der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu nennen, als grassierende Seuchen wie Pest und Syphilis große Umwälzungen auch auf sexuellem Gebiet verursachten. Wir wollen uns in diesem Kapitel aber auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränken und die angeblichen sexuellen Revolutionen kritisch unter die Lupe nehmen. Es wird sich zeigen, dass sie weitgehend dem Biologismus oder Naturalismus verhaftet waren. Im darauf folgenden letzten Kapitel sollen dann jene Ansätze und Strömungen ins Auge gefasst werden, die einen ideellen Bezug zur Magia naturalis aufweisen und die man als Magia sexualis bezeichnen könnte. Letztere trieben im 19. und 20. Jahrhundert in esoterischen und eskapistischen Zirkeln merkwürdige Blüten. Dieser Umstand sollte jedoch nicht davon abhalten, alternative Vorstellungen von Eros und Sexualität sowie ihre kritische Potenz gegenüber dem real existierenden Sexismus wahrzunehmen und zur Diskussion zu stellen.             

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