49. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten [+ Audio]

Dieser Beitrag ist auch gleichzeitig als Audio bzw. Video von Youtube abrufbar. Das dort zu sehende Foto blühender Wildrosen wurde von mir am 6. Juni 2015, dem Todestag meiner Mutter Ruth Schott (gestorben in Kirchheimbolanden/Pfalz), auf der Insel Borkum aufgenommen, nachdem ich von Ihrem Tod informiert worden war. Kurz zuvor hatte ich am selben Tag den Text diktiert. 

Siehe auch meinen Beitrag am Tag ihres 93. Geburtstags am 22. August 2015.

Sie auch meinen Beitrag zum ersten Jahrestag des Todes meiner Mutter am 6. Juni 2016 im Heinz Schott’s Reminiscenses Blog.

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.[2]

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. [i]) Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans (Kap. 36). Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[3] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben.[4] Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau.[5] Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen.[6] Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen.[7] In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. [8] Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[9] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[10] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex).[11] Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“.[12] Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“[13] Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force).[14] Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen.[15] Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“[16] Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula).[17] Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.[18]

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[19] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“.[20] Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe.[21] In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.


[1] White (Hg.), 2000, S. 16 [„Introduction“]. [2] A. a. O., S. 17 [„Introduction“]. [3] Varenne, 1977, S. 131. [4] Varenne, 1977, S. 129-138. [5] Ebd., S. 134. [6] A. a. O., S. 135. [7] A. a. O., S. 136. [8] A. a. O., s. 137. [9] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012). [10] Mookerjee, 1971. [11] Ebd., S. 35. [12] A. a. O., S. 36. [13] A. a. O., S. 37. [14] A. a. O., S. 61. [15] A. a. O., S. 62. [16] A. a. O., S. 61. [17] A. a. O., S. 62. [18] A. a. O., S. 65. [19] Urban, 2008, S. 402. [20] Urban, 2006, S. 127. [21] Urban, 2008, S. 404.


[i] Varenne, 1977: Frontispiz; → Abb. Khajuraho Cunnilingus