49. Kap./1* Magia sexualis [+ Audio Podcast]

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In der Mitte des 19. Jahrhunderts initiierte der US-amerikanische Arzt und Okkultist Paschal Beverly Randolph eine magia sexualis, die auch als „rote Magie“ bezeichnet wurde. Randolph hatte bereits 1858 eine Bruderschaft der Rosenkreuzer (Fraternitas Rosae Crucis; FRC) gegründet, die – historisch unhaltbar – von sich behauptete, mit den Rosenkreuzern des frühen 17. Jahrhunderts identisch zu sein (Kap. 35).[1] Er war eine zentrale Figur des US-amerikanischen Okkultismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zahlreiche geheime Gesellschaften gründete, so die Hermetische Bruderschaft von Luxor und die Bruderschaft von Eulis. Somit übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die Lehren führender magischer Orden des 20. Jahrhunderts aus, etwa die Ordo Templi Orientalis (O. T. O.) und die Fraternitas Saturnis.[2] Randolph propagierte die Gleichberechtigung der Frau, die „freie Liebe“ und die selbstexperimentelle Praxis „im Dienste der Weiterentwicklung zu persönlicher Vervollkommnung.“[3] Um 1850 ließ er sich als Barbier in Neuengland nieder, war vom aufkommenden Spiritismus („Hydesville Rappings“) fasziniert und betätigte sich wahrscheinlich auch selbst als Medium. Er studierte Mesmers Schriften und entwickelte magnetische Apparaturen, die er „Volte“ und „Fluidkondensatoren“ nannte.[4] 1854 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Boston, wo er auch ein selbst hergestelltes Mittel zur Stärkung der Lebenskraft verkaufte, das er Proto-Ozon (Protozon) nannte. Daneben studierte er die Vodoo-Kulturen der Afroamerikaner. Sein Hauptinteresse galt der Theorie und Praxis der Sexualmagie. Er wurde deswegen inhaftiert, angeklagt und schließlich freigesprochen. Zwischen ihm und der russischen Okkultistin Helena Petrowna Blavatsky entzündete sich ein „magischer Krieg“: Während Letztere einen „moralisch reinen“ Spiritismus vertrat, wollte Randolph die Sexualmagie wissenschaftlich erforschen. Er starb 1875 unter mysteriösen Umständen − im selben Jahr, als Helena Blavatsky die Theosophische Gesellschaft gründete.[5]

Randolph verfasste seine sexualmagischen Schriften zwischen 1870 und 1872. Sie zirkulierten in geringer Auflage zum persönlichen Gebrauch für ausgewählte Studenten der Bruderschaft von Eulis und wurden erst 1931 in französischer Sprache unter dem Titel Magia Sexualis veröffentlicht. Die Schrift wurde von der nach Paris emigrierten russischen Aristokratin Maria de Naglowska zusammengestellt und übersetzt, worauf die hier zitierte deutsche Übersetzung beruht. Madame de Naglowska ernannte sich zur „Groß-Priesterin der Liebe“ und unterhielt in den 1930er Jahren einen „magischen Zirkel von zweifelhaftem Ruf“ in Paris, in dem sexualmagische Riten praktiziert wurden.[6] Sie beschrieb den Geschlechtsverkehr als ein satanisches Ritual, in dem der Mann selbst zur unbegrenzten Macht der Negation werde und sich dem blitzartigen Eindringen des weiblichen Lichtes hingebe – im sublimen Moment der „heiligen Hochzeit“, für die sich die Geliebte bereithält („à l’instant sublime du coït sacré, pour lequel l’Amante n’est pas endormie“).[7] Durch diese hohe magische Operation (Haute Magie d’Or) würde Satan – die kosmische Vernunft, die verneint und zweifelt – in die Unterwelt stürzen, das heißt: in die Sexualorgane des Mannes. Das bewirke eine Umwälzung, die sich nach einiger Zeit beruhige und ein neues Gleichgewicht finde: Ein neuer Mann (un homme nouveau) erscheine, dem man die Würde eines Ehrenwerten Ritters des Goldenen Zweiges (Guerrier Vénérable de la Flèche d’Or) verleihe. Doch zurück zu Randolphs „Sexualmagie“.

Randolph sah den Geschlechtsverkehr als ein gemeinsames Gebet an, eine Vereinigung der Seelen, die Selbstbeherrschung und Unterwerfung der Leidenschaften unter den Willen voraussetzte. „Wie jedes Gebet, so ist auch dieses immer erschöpfend. Es ist jedoch notwendig, daß das Ziel des Gebets, der Wunsch oder das Begehren klar formuliert und kräftig imaginiert wird.“[8] Das Ziel solle gemeinsam imaginiert werden, doch könne das Gebet auch nur in einer der beiden Seelen wirksam sein, „da sie [die Seele] in der Ekstase des Orgasmus die schöpferische Kraft des anderen mit sich reißt.“ Er nannte diese geistige Vereinigung „blending“ (Vermischung, Verschmelzung) und hielt sie für den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums und die Kraftquelle schlechthin: „Thus it happens that a loving couple grow [sic] youthful in soul, because in their union they strike out this divine spark, replenish themselves with the essence of life, grow stronger and less brutal, and draw down to them the divine fire from the aereal spaces.“[9]  Der geschlechtlich imaginierte Verkehr mit den kosmischen Geistern war die höchste Stufe, die Randolph „Sleep of Sialam“ nannte, und die das Einziehen, Einatmen des „Aeth“, der feinen spirituellen, göttlichen Essenz ermögliche.[10] Diese Atemmethode sollte himmlische Kräfte inkorporieren und während des Sexualaktes deren Samen in den menschlichen Fötus einpflanzen, um ein höherwertiges Kind zu schaffen. Randolph spann diesen Gedanken der mentalen Durchdringung während des Sexualaktes bis zur letzten Konsequenz aus: dem Geschlechtsverkehr mit dem Geist einer verstorbenen Person![11]

Randolph führte eine Reihe von Verhaltensregeln an, um sein sexualmagisches Ziel, das „Glück der Seele“, zu erreichen, damit der sexuelle Akt „zu einer Quelle spiritueller und materieller Kraft […], zum Urquell von Gesundheit, Heiterkeit und Frieden“ wird.[12] Hierzu gehörten vor allem hygienische und diätetische Ratschläge: Körperpflege, Schweigen, kühles Schlafzimmer, frühes Zubettgehen. Die geistige Einstellung im Augenblick der Zeugung sei entscheidend: „Wenn der Mann zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluß fleischlicher Lust oder tierischer Instinkte steht“, so sei das Kind, „das er zeugt, […] ein elendes Wesen und zum Mörder oder geistigen Krüppel bestimmt.“[13] Dagegen sei ein „in der Harmonie gegenseitiger Liebe“ gezeugtes Kind „ein Kind höherer Kräfte“.[14]

Randolph ging von der „Polarität der Geschlechter“ als einem Gesetz aus, „das den Schleier der Isis“ lüftet.[15] Er unterschied fünf grundlegende Positionen des Geschlechtsverkehrs, „die das Paar bei der Durchführung von sexualmagischen Operationen zum Gebet der Liebe einnehmen kann.“[16] Er symbolisierte sie mit Strichzeichnungen, wobei dem Mann negative Ladung (Minus-Zeichen im Kopfkreis) und der Frau positive Ladung (Plus-Zeichen im Kopfkreis) zugesprochen wurde. Randolph glaubte voller Naivität daran, das Geschlecht eines Kindes beim Zeugungsakt magisch bestimmen zu können: „Zum Zeitpunkt der Vereinigung erzeugt die Frau in der mentalen Sphäre das Bild eines Mannes, während der Mann das Bild einer Frau erzeugt. Gemäß der Tendenz, die überwiegt, wird das Kind entweder männlich oder weiblich.“[17] Nach diesem „Gesetz“ sei es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen vorherzusagen, indem man untersuche, welcher der beiden Elternteile die stärkere Vorstellungskraft besitze. In der Praxis sei es jedoch schwer, die Vorstellungskraft zu variieren und deshalb riet Randolph, bestimmte Regeln zu beachten. Hier griff er auf altbekannte geschlechtsspezifische Korrespondenzen der magia naturalis sowie die Imaginationslehre zurück: Um einen Knaben zu zeugen, solle man den Raum „mit dem Parfum des Mars“ parfümieren und in rotem Licht arbeiten, um ein Mädchen zu zeugen, solle man das „Parfum der Venus“ in grünem Licht anwenden. Außerdem sei es hilfreich, das Bild eines Mannes oder einer Frau aufzustellen, je nachdem, „ob die Zeugung eines Knaben oder eines Mädchens gewünscht wird.“[18]

Nach Randolph hatten die sexualmagischen Praktiken sieben Ziele: Aufladung von fluidalen Kondensatoren wie z. B. Amuletten; magnetische Beeinflussung des Partners; Realisierung eines bestimmten Vorhabens; die Geschlechtsdetermination des Kindes bei der Empfängnis; Verfeinerung der Sinne; Erneuerung der Lebensenergie; Hervorrufen übermenschlicher Visionen.[19] Der französische Arzt und Homöopath Adrien Péladan[20] nahm zwischen den heterosexuellen Geschlechtspartner eine umgekehrte Polarität an: Bei der Frau sei der Kopf positiv, die Geschlechtsorgane negativ geladen, beim Manne verhalte es sich umgekehrt. Deshalb befruchte der Mann die Frau psychisch, die Frau dagegen den Mann spirituell. „Sous la projection de la pensée de la femme, le cerveau féminin de l’homme se met à concevoir.[21]Daran anknüpfend entwickelte die russische Okkultistin Maria de Naglowska die Idee einer moralischen Befruchtung des Mannes durch „Priesterinnen der Liebe“ (prêtresses d’amours). Sie gründete 1932 die Confrérie de la  flèche d’or mit dem Ziel, das Zeitalter des Paternalismus durch die Herrschaft der Mutter abzulösen. Das Böse sollte mit religiösen Geschlechtsakten, die von heiligen Prostituierten angeleitet wurden, überwunden werden.[22]

„Sexualmagie“ wurde im frühen 20. Jahrhundert mit nordischer, arischer Ideologie und unverhohlenem Nationalismus verknüpft und erschien als Methode der Rassenhygiene. In einem einschlägigen Buch wurde der „Saeming“ (die Besamung) als „Sexual-Magie der Zukunft“ vorgestellt.[23] Das betreffende Frontispiz von Fidus zeigt die Besamung als von Spermien strahlenförmig umgebene Eizelle, in die von oben ein sonnenhaftes Spermium mit Gesicht (eine Art Sonnengott) eindringt. (Abb. [i]) Im Ei sieht man die Oberkörper eines sich umarmenden Paares. In dieser Programmschrift findet sich ein völkisches Plädoyer für „deutsche Kunst“, die „aus der Tiefe des nationalen Volkslebens […], aus seiner Natur, aus seiner Geschichte und vor allem aus seiner Sage“ zu schöpfen sei.[24] Sie zielte auf die „Menschenzüchtung“, die im Anhang zusammenfassend dargestellt wurde.[25] Die Züchtung habe schon in der Schwangerschaft zu beginnen, wie das Beispiel Mozarts zeige: „die Mutter Mozarts beschäftigte sich in den ersten Jahren ihrer Ehe leidenschaftlich mit Musik und gebar Wolfgang. Später gab sie diese Beschäftigung auf – und ihr zweiter Sohn war ohne jegliches Talent für Musik.“[26]

Künstler und Schriftsteller interessierten sich im frühen 20. Jahrhundert besonders für Ethnologie, Psychoanalyse, Anthroposophie und Parapsychologie („Okkultismus“), wobei auch sexualmagische Ideen und Praktiken eine gewisse Rolle spielten. Rudolf Steiners Beziehung zu Reuß und die Frage, inwieweit dessen sexualmagische Techniken (siehe oben) in seine maurerischen Praktiken Eingang fanden, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.[27] Aus diesem Umfeld wäre der Architekt und Kulturtheoretiker Heinrich Goesch zu nennen, ursprünglich ein Steiner-Anhänger, der sich aber dann von der Anthroposophie lossagte. Er war mit dem umstrittenen Psychoanalytiker Otto Groß befreundet und experimentierte offenbar auch auf sexuellem Gebiet, was ihn „zu einer polygamen Praxis mit sexualmagischen Zügen führte.“[28]Seine Frau Gerdrud, eine Cousine von Käthe Kollwitz, „musste sich als Trägerin dieser Ideen ihren Möglichkeiten unterwerfen. Doch waren ihre Nerven solchen Erschütterungen wohl schlecht gewachsen.“[29] In seiner Intimbeziehung mit Hannah Tillich, der Frau des Theologen Paul Tillich, versuchte er, vermutlich von der Theosophie angeregt, Reinkarnationserinnerungen zu wecken. Wie der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Zander dargelegt hat, ist auf diesem nebulösen Feld „das Verhältnis von Theorie und Praxis kaum zu bestimmen“.[30]

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Sexualmagie“ im Umfeld esoterischer Selbstverwirklichungsstrategien auf. Er war nun nicht mehr auf rassenbiologische, sondern auf esoterische und zugleich sexualbiologische Ziele ausgerichtet, wie dies das „Handbuch der Sexualmagie“ eines gewissen „Frater V:., D:.“ zeigt. Der Autor sei angeblich in Heliopolis/Ägypten geboren, sei schon als Kind zur Esoterik gelangt und habe Sprachen und Literatur an den Universitäten Bonn und Lissabon studiert. Er sei als freier Schriftsteller tätig und „Begründer der pragmatischen Magie“ bekannt. Medizinhistorisch interessant ist die geschilderte „Praxis der Energieübertragung zwecks Heilung und Kräftigung eines Partners“.[31] Der Autor gab eine Methode der Energiespende an, die der traditionellen „Gerokomik“ entspricht: Atemsynchronisation, unbekleidetes Nebeneinanderliegen. Der Energie spendende Partner solle keine eigene Energie abgeben. „Sie machen sich also zum Kanal für diese Energie, behalten Ihre eigene Energie aber für sich. Alles andere wäre der reinste Selbstmord!“ Woher sind aber nun die Heilenergien zu beziehen? „Sie können sich mit Runenübungen energetisieren, Energie aus der Sonne oder von der Erde nehmen, von den vier Elementen, von Bäumen, Tieren, Steinen usw. Entsprechende Techniken haben sie teils schon geübt“. Der „Energievampirismus“ sei zu vermeiden, wenn man „um seine eigene Energieaufladung weiß und es auch versteht, die also gespeicherte Energie an den anderen weiterzugeben“.

Die Ausführungen dieses geheimnisvollen Autors stellten eine perfekte Mischung aus handfesten Gebrauchsanweisungen und höchst esoterischen Spekulationen dar. So verkündete er beispielsweise: „Sollten Sie einen Tal- oder Ganzkörperorgasmus erfahren, wird der Astralaustritt zu einem Kinderspiel. Wenn Sie Ihre Sexualmagie entsprechend beherrschen, können Sie plötzlich astral aus dem physischen Körper herausschießen wie eine Rakete!“[32] Dementsprechend sei auch der Verkehr mit dem imaginierten Partner möglich, wenngleich es sich um eine „autoerotische Praktik“ handele: „doch wenn der Partner hinreichend kraftvoll imaginiert wird, wird der – sofern er generell dazu geeignet und willens ist – an diesem Astral- bzw. Mentalverkehr aufs intensivste teilhaben.“ Viele Liebende würden diesen ohnehin erfahren, rein zufällig, während ihn der Magier „wie willentlich und kontrolliert herbeizuführen“ verstehe. Im Rückgriff auf Rosenkreuzer, Kabbala und Alchemie sollte nun die „praktische Sexualmystik“ ermöglicht werden: „Unio mystica und Chymische Hochzeit“.[33] Der Leser erhält hier eine handfeste Gebrauchsanleitung für das sexualmystische Ritual, in dem es u. a. heißt: „Gott und Göttin steigern ihre Ekstase immer weiter, suchen dabei aber nicht bewusst nach dem Gipfelorgasmus. Der Gott erkennt in der Göttin sich selbst in seinem weiblichen Aspekt, die Göttin erkennt sich in ihrem männlichen Aspekt im Gott. Ein eventuell eintretender sexueller Höhepunkt sollte diese Ekstase so weit steigern, bis das Bewußtsein gänzlich ausgeschaltet ist und nur noch die reine Energie strömt.“[34] Die „chymische Hochzeit“ erfahre ihre höchste Stufe „durch die autoerotische Arbeit“.[35] „Die Chymische Hochzeit des Magiers mit sich selbst“ gleiche der „Chymischen Hochzeit“ für Paare, „nur dass der Magier eben beide Rollen wahrnimmt“: „Der Magier empfindet sich zunehmend als Verkörperung der männlichen und weiblichen Energie. Schon diese Erkenntnis allein wird ihn in Ekstase versetzen.“[36]

„Magie“ ist heute ein wichtiges Thema der praktischen Lebenshilfe. Es macht einen erheblichen Teil der Ratgeberliteratur zur Selbsthilfe (Do it yourself) aus. Als Beispiel sei hier das Buch „Magie für den Alltag“ (Everyday Magic) des englisch-australischen Schriftstellers Nevill Drury genannt, der zahlreiche Publikationen zur westlichen Magie verfasste.[37] Er gab eine Reihe von Gebrauchsanweisungen für Zaubereien in verschiedenen Lebenslagen. So beschrieb er einen Liebeszauber mit Hilfe von Blumen, die man sich liebevoll über Kopf und Gesicht streichen solle: „Öffnen Sie sich ganz der Liebesenergie der Blume und spüren Sie, wie sich eine solche Offenheit und die von der Blume verströmte Liebe anfühlen.“[38] Dann halte man die Hand mit Blume über verschiedene Körperregionen und spreche einen bestimmten Spruch: „Ich atme Liebe“, „Ich halte Liebe in der Hand, „Ich spüre Liebe“ etc. „Und dann lassen Sie sich überraschen, was in Ihrem Leben vielleicht so alles geschehen wird.“[39] Im Kapitel „Die Magie der Liebe und Sexualität“ bezog er sich auf die Idee der Heiligen Hochzeit und bemühte vor allem Wicca und Tantra, um die praktischen Übungen zu begründen.[40] Der große Ritus im Wicca-Kult schließe mit der Initiation „in der heiligen sexuellen Vereinigung zwischen Hohepriesterin und dem Hohepriester“ ab. „In diesem Ritual rufen die Hohepriesterin und der Hohepriester den Gott und die Göttin in den Körper des jeweils anderen herab, so dass ihre Vereinigung nicht die von zwei individuellen, sich liebenden Menschen ist, sondern von zwei zu Einem vereinten Gottheiten. Ihre sexuelle Vereinigung findet gleichzeitig auf physischer und auf spiritueller Ebene statt; sie wird zu einer heiligen Handlung, die die Schöpfung und die universale Lebenskraft an sich symbolisieren.“

In einem „Handbuch zur Sexualmagie für Fortgeschrittene“ werden die „Rituale des Baumes der Ekstase“ in einer Mischung von kulturhistorischen Versatzstücken und praktischen Ratschlägen präsentiert. Vorbild ist der kabbalistische „Baum des Lebens“, der Sephirot-Baum.[41] Die britische Autorin Dolores Ashcroft-Nowicki ist angeblich Anhängerin der „Servants of light“ (SOL), einer „Schule der okkulten Wissenschaft“.[42] Die tantrische Kundalini-Übung sollte die „Macht der Schlange“, der Schlangengöttin, hervorrufen: „Der Hauptzweck des Tantra besteht bei Männern darin, die Energie der Samenflüssigkeit umzukehren und ins Gehirn zu lenken. Bei Frauen liegt diese Energie im Menstrualblut. Kundalini, die Schlangengöttin, ruht bei den meisten Menschen an der Basis der Wirbelsäule. Wenn sie aufgeweckt wird, beginnt sie ihren Aufstieg zur Erleuchtung.“[43] Die Gebrauchsanleitung für diverse „Rituale“ wird mitgeliefert. Man benötige folgende Dinge: „zehn Kerzen, fünf dunkelgrüne und fünf goldfarbene; Räuchermittel; Körperöle; eine Schale Kräuter und zerquetschte Blätter, zwei Tontassen [etc. etc.]“.[44]  Das Unverfrorene und Ärgerliche an solchen Ratgebern ist, dass hier höchste und tiefste Geheimnisse mystischer Erfahrungen, die sich nur einem lebenslang ernsthaft Geschulten erschließen können, als verfügbare Ware vorgegaukelt werden, die jedermann rasch und problemlos erwerben kann. In Anlehnung an die „Neosexualitäten“ (Sigusch) (Kap. 48) könnte man hier von einer „Neo-Magie“ sprechen.


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paschal_Beverly_Randolph (8.05.2010). [2] Randolph, 1992, S. 7 [„Vorwort“ des Übersetzers]. [3] A. a. O., S. 8. [4] A. a. O., S. 11 [„Einleitung“ des Übersetzers]. [5] A. a. O., S. 15  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [6] A. a. O., S. 19  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [7] Naglowska [1932], 1993, S. 137. [8] Randolph, 1992, S. 69. [9] Zit. n. Deveny, 2008, S. 360. [10] A. a. O., S. 363. [11] A. a. O., S. 364. [12] Randolph, 1992, S. 70. [13] A. a. O., S. 71. [14] A. a. O., S. 72. [15] A. a. O., S. 80. [16] A. a. O., S. 72. [17] A. a. O., S. 80. [18] A. a. O., S. 81. [19] Alexandrian, 1983, S. 376. [20]http://homeopathy.wildfalcon.com/archives/2009/01/19/adrien- peladan-1844-1885/ (8.05.2010). [21] Zit. n. Alexandrian, 1983, S. 376; Péladan, 1886. [22] Alexandrian, 1983, S. 377. [23] Herman, 1905, S. 259-512. [24] Ebd., S. 435. [25] A. a. O., S. 502-512. [26] Ebd., S. 508. [27] Zander, 2007, S. 978. [28] A. a. O., S. 1006. [29] Zit. ebd. [30] A. a. O., S. 980. [31] V., D., 1986, S. 222-223. [32] V., D., 2008, S. 247. [33] A. a. O., S. 366-375. [34]  Ebd., S. 371. [35] A. a. O., S. 372. [36] A. a. O., S. 375. [37] Drury, 2004. [38] Ebd., S. 120. [39] A. a. O., S. 121. [40] A. a. O., S. 125-151. [41] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 100. [42] A. a. O., S. 281  [Nachwort]; http://www.servantsofthelight.org/aboutSOL/bio-Dolores.html (3.8.2011). [43] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 91. [44] A. a. O., S. 110.


[i] Herman, 1905; → Abb. Fidus in Herman 1905