49. Kap./4* Tantra im Westen

Die westliche Aneignung des Tantra war also in erster Linie den Fantasien westlicher Orientalisten und den sexuellen Obsessionen (sexual obsessions) der modernen westlichen Gesellschaft geschuldet.[1] In dieser Perspektive erscheint heute Tantra in der populären US-amerikanischen Literatur als Methode des „spiritual sex“ im Dienste der „sexual liberation“.[2] In der New Age-Bewegung erwachte in den 1980er Jahren von Neuem das Interesse an esoterischen Sexualpraktiken. Der schillernde Begriff „Tantra“ bot sich als Projektionsfläche der verschiedenen Sehnsüchte und Bedürfnisse an. Man wollte sich in diversen Zirkeln, die sich häufig um einen bestimmten (zumeist indischen) „Guru“ scharten, vom technisch-rationalen Denken des Westens lösen und wandte sich den religiösen Lebensweisheiten des Ostens und seinen Ritualen zu, insbesondere hinduistischen und buddhistischen Traditionen. Besonders faszinierend für die westlichen Sucher waren die im Westen höchst ungewöhnlichen Sexualpraktiken, die den Geschlechtsverkehr willkürlich lenken sollten, um körperliche Lust zu verstetigen und zugleich spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Dies widersprach dem biologistischen Verständnis des Sexualakts im Westen, der nach dem Modell triebhafter Entspannung im Orgasmus als „Höhepunkt“ zu gipfeln hatte. Doch analog zum Import der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder des indischen Ayurveda nahm der Westen eine typische Anverwandlung vor: Die philosophischen und religiösen Inhalte wurden ausgeblendet und die praktischen Rituale in einer Form operationalisiert, die dem eigenen Denken und Handeln entsprach. Tantra wurde für den westlichen Menschen zu einer bestimmten Sexualtechnik zurechtgestutzt, die von jedem erlernt werden konnte, der nur entsprechende Ratgeber las und praktische Kurse besuchte. Seriöse und allgemeinverständliche Darstellungen des Tantra für den westlichen Laien, die die sprachlichen Quellen des Sanskrit, den ideen- und religionsgeschichtlichen Hintergrund und die rituelle Vielfalt berücksichtigen, sind eher die Ausnahme.[3]

Ein Beispiel für die Reduktion des Tantra auf eine reine Technik der Lustmaximierung lieferte der in Ceylon geborene Ashley Thirleby, Sohn eines englischen Teeplantagen-Betreibers. Sein Buch „Tantra. The Key to Sexual Power“ erschien 1978 und fand große internationale Verbreitung. Eine weitere Schrift, „The Tantra Circle“, erschien unter dem deutschen Titel „Tantra-Reigen der vollkommenen Lust“.[4] Solche Buchtitel sind bezeichnend. Sie verweisen auf das Hauptanliegen: Tantra soll als sexuelle Kraft- und Lustquelle genutzt werden. Wie das in Praxis geschehen kann, wird in einer detaillierten  Gebrauchsanleitung vermittelt. Im „Tantra-Reigen“ werden die „Sieben Nächte des Chakrapuja“ dargestellt, ein bis in die Einzelheiten festgelegtes sexuelles Ritual, an dem mehrere Paare teilnehmen, die „die Freuden himmlischer und zugleich sehr irdischer Liebe“ miteinander teilen, wie der Werbetext auf dem hinteren Buchdeckel verheißt. Das Buch ist garniert mit einer Serie von erotischen Illustrationen zum Geschlechtsverkehr aus der indischen Tradition, die nicht genauer nachgewiesen werden und keinen inhaltlichen Bezug zum Text haben. Sie sollen wohl dessen kulturhistorische Dignität belegen. „Chakrapuja“ bedeutete ursprünglich ein „Treffen der Meister und Schüler“: „Versammelt waren die tantrischen Meister, die Tantriker (die Tantra geübt und ausgeführt, es aber noch nicht gemeistert hatten) und jene Anfänger, für die die Rituale, ihre Bedeutungen und Ergebnisse noch neu waren.“[5] In der westlichen Welt könne man aber kaum einen tantrischen Meister in einem Tempel auftreiben, der „klassische Chakrapujas“ abhalte.[6] Dem wollte Thirleby abhelfen: „’Der Kreis’ ist eine moderne Deutung der klassischen Rituale des Chakrapuja, die angepaßt und abgestimmt wurden auf den Menschen von heute.“ Der Autor versprach, die „Lust und Kräfte, die im Chakrapuja wohnen“, ungeachtet aller Neugestaltung zu erhalten und sie dem modernen (westlichen) Menschen erlebbar zu machen. „An die Stelle des Tempels ist das Center getreten, an die Stelle des Meisters der ‚Führer’“.[7]

Die Vorschriften für jede kleinste Berührung und Fingerbewegung, das Sprechen bestimmter Mantras, das „Farbprogramm“ für die einzelnen Zeremonien und die zu reichenden Speisen und Getränke sind in ihrer Stringenz frappierend. Sie versprechen den Teilnehmern bei ihrer Befolgung vollen Erfolg, etwa wie eine Bauanleitung einem Bastler die Herstellung eines Möbelstücks verspricht. Der „indische Weg“ fasziniert offenbar den westlichen Menschen und die als Sex- oder Esoterikratgeber angepriesenen Schriften zum Tantra füllen eine Marktlücke. Sie verkünden eine Doppelbotschaft: Einerseits sei der im Osten praktizierte „Original-Tantra“ dem westlichen Menschen verschlossen und für ihn ungeeignet, andererseits aber gebe es für ihn „geeignete tantrische Rituale“, die praktikabel seien − im „rechtshändigen Tantra“ die symbolische, im „linkshändigen Tantra“ die geschlechtliche Vereinigung der Gottheiten Shiva und Shakti.[8]

Im Gegensatz zur westlichen Tantra-Rezeption spielten in der asiatischen Tradition die manifesten Sexualakte, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle und standen keineswegs im Mittelpunkt der Rituale und geistigen Übungen, wie etwa bei Randolph, der nur im gemeinsamen Orgasmus eine Möglichkeit sah, sich mit göttlicher Kraft (the breath of God) aufzutanken und magische Operationen durchzuführen.[9] Durch die Verschmelzung westlicher und östlicher Esoterik sollte nach der Vorstellung der Protagonisten des O.T.O. die alte westliche Welt des Christentums mit ihrer viktorianischen Prüderie niedergerissen werden und eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anbrechen. So hat sich nach Urbans Einschätzung Tantra auf seinem Weg in den Westen von einer ursprünglich äußerst esoterischen und konservativen Form in eine der machtvollsten Symbole sinnlichen Vergnügens und sexueller Befreiung verwandelt.[10] Die „Fetischisierung des Tantra“ durch Reuss habe die „sexuelle Revolution“ der 1960er Jahre antizipiert und den Weg für die neo-freudianischen Sexualtheorien wie die von Wilhelm Reich oder Herbert Marcuse geebnet (Kap. 48).[11] Es ist sicher zutreffend, Tantra in seiner heutigen westlichen Form als „life-affirming technique of self-improvement“ zu begreifen, die recht gut in die Konsumwelt des kapitalistischen Markts passt. Es fällt auf, dass Urban in seiner umfassenden Darstellung der Magia sexualis der Moderne mit keinem Wort auf die Oneida Community, Karezza und Alice Bunker Stockham (siehe unten) eingeht, jenen sexualreformerischen Ansatz, der Tantra zwar nicht erwähnte, aber seiner ursprünglichen Idee vielleicht näher kam, als die skandalumwitterte „Sexualmagie“ à la Randoph, Reuss oder Crowley.

Angeblich tantrische Sexualpraktiken stellten ein Begleitphänomen der sexuellen Revolution in den 1960er Jahren dar und erschienen als die sanftere Art, den Geschlechtsverkehr auszuüben. Der religiöse Zauber trug sicher zum Nimbus bei, nicht zuletzt die Faszination des tibetischen Buddhismus, wie er vom Dalai Lama personifiziert wird. Manch ein Kritiker sieht allerdings in der tantrischen Sexualmagie weniger die geistige Emanzipation vom biologischen Geschlechtstrieb, als vielmehr eine frauenverachtende Praxis. Denn die Frau sei in der traditionellen Auffassung des Buddhismus minderwertig und nur Mittel zum Zweck der Erleuchtung des Mannes: „Das Weibliche wird vom Yogi absorbiert und manipuliert, um dann in männliche Energie umgewandelt zu werden.“[12] Der Vorwurf eines „sexuellen Vamipirismus“ liegt nahe. Der Mann müsse seinen Samenerguss verhindern und sogar „den ‚Samen’ der Frau im Sexualakt ‚aufsaugen’. Es findet also kein gegenseitiger oder gleichwertiger Austausch sexueller Energien statt. Vielmehr begegnet uns hier eine Art ‚sexueller Vampirismus’.“[13] Insofern gehe es also nicht um eine „Harmonisierung männlicher und weiblicher Teile innerhalb der eigenen Persönlichkeit“, als vielmehr „um die Überwindung und Unterjochung des weiblichen Prinzips unter das männliche.“[14]

Es sei dahingestellt, ob diese vor allem von Mythologie und alten Lehrtexten abgeleitete Kritik des Tantrismus die tatsächliche Sexualpraktik von heute trifft. Auf jeden Fall wurde mit der Kunst des Samen-Aufsaugens ein Leitbild der Sexualität vorgegeben, das der westlichen Tradition, in ihrer sexualfeindlichen Version ebenso wie in ihrer libertinären, fremd blieb. Freilich gibt es einen interessanten Berührungspunkt zwischen tantrischer Sexualpraktik und traditioneller westlicher Medizin: nämlich die Auffassung, dass vor allem im männlichen Samen Lebenskraft stecke, die nicht vergeudet werden dürfe. Von daher wird verständlich, dass auch im Westen, wenn auch nur marginal und ohne spirituelle Zielsetzung, die Vorstellung artikuliert wurde, die „Wiedereinsaugung des Samens“, wie Hufeland es ausdrückte, sei gesund und kräftigend.[15] Das bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichende strikte Onanieverbot wurde damit begründet, dass ein übermäßiger Samenverlust das Rückenmark schädige und im Sinne der Humoralpathologie alle möglichen gesundheitlichen Übel verursachen könne (Kap. 44). Die tantrische Idee dagegen wollte eine Sublimierung, eine Vergeistigung erreichen. Hier stand aber weniger die Angst vor einem krank machenden Verlust an Lebenskraft im Vordergrund, als vielmehr die Hoffnung auf geistige Erleuchtung.


[1] A. a. O., S. 405. [2] A. a. O., S. 406. [3] Mookerjee / Khanna (1987). [4] Thirleby, 1986. [5] Ebd., S. 19. [6] A. a. O., S. 20. [7] A. a. O., S. 21. [8] King, 1987, S. 185-199. [9] Urban, 2008, S. 417 f.   [10] A. a. O., S. 437. [11] A. a. O., S. 439. [12] Waldvogel-Frei, 2002, S. 21. [13] A. a. O., S. 22. [14] A. a. O., S. 27. [15] Hufeland, 1797, S. 522.

 
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