49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

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Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

49. Kap./7* Karezza für die Sexualreform [+ Audio Podcast]


Magic of Nature Lecture 40 K 7:

I read the (German) text below, here is the Audio Podcast.

This chapter (49/7) is the source for a Paper in English, given at the Annual Meeting of the History of Science Society (HSS) in Chicago, November 9, 2014:

„Mesmerism, Sexuality, and Medicine: ‘Karezza’ and the sexual reform movement“

Wie wir bei der Darstellung der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin festgestellt haben, spielte der Begriff „Karezza“ dort praktisch keine Rolle und fehlte fast gänzlich in den entsprechenden Standardwerken (Kap. 47). Dasselbe trifft auf die populärwissenschaftliche und graue Literatur sowie auf gegenwärtige Internet-Quellen zu, wo „Karezza“ gegenüber dem Stichwort „Tantra“ bei entsprechender Suche nur eine winzige Trefferquote aufweist. Der Begriff wurde in Anlehnung an das italienische Wort carezza“ (Liebkosung) von der US-amerikanischen Frauenärztin, Lebensreformerin und Frauenrechtlerin Alice Bunker Stockham geprägt, die sich der Ehe- und Sexualreform verschrieben hatte. Sie war die fünfte Frau, die in den USA einen medizinischen Doktorgrad erwarb. Sie betrieb in Chicago eine ärztliche Praxis, wobei sie sich für Frauenheilkunde und Geburtshilfe spezialisierte. Sie war karitativ tätig, interessierte sich stark für spirituelle Fragen, praktizierte Homöopathie, engagierte sich beim Kampf gegen den Alkoholismus, diente angeblich als Trancemedium und war eine aktive Frauenrechtlerin (suffragette).[1] 1883 veröffentlichte sie ein Aufklärungsbuch über die Gesundheit der Frau: „Tokology. A Book for Every Woman“, das hohe Auflagen und Übersetzungen in mehrere Sprachen erlebte und zu einem Standardwerk wurde. Tolstoi, zu dem Stockham freundschaftliche Kontakte pflegte, war so begeistert, dass er eine Übersetzung ins Russische veranlasste und ein Vorwort verfasste.[2]

Anmerkung vom 18.02.2015:

Stockham besuchte Tolstoi in Russland und beschrieb ihre Begegnung mit ihm und seinem familiären Umfeld in ihrer Schrift: „Tolstoi, a Man of Peace“ (1900).

Siehe Supplementary News Blog.

Anmerkung vom 27.12.2016:

Was verband Stockham und Tolstoi? Zunächst die schonungslose Analyse des sexuellen Elends in ihrer Zeit, sodann die Idee einer spirituellen Befreiung daraus. Aufschlussreich ist „Die Kreutzersonate“ von Tolstoi.

Näheres siehe Supplementary News Blog.

Stockham war eine Anhängerin des New Thought Movement und nahm 1886 am ersten Christian Science-Kurs von Emma Hopkins in Chicago teil. Überhaupt waren viele namhafte Frauen in dieser Bewegung aktiv, wobei sich zwei Lager voneinander unterscheiden lassen. Die einen strebten eine Abkehr vom sexuellen Begehren an, während die anderen, zu den Stockham zählte, gerade diesem Begehren einen würdigen Ausdruck verschaffen wollten.[3]

1896 veröffentlichte sie im Selbstverlag ein Büchlein mit dem Titel „Karezza. Ethics of Marriage“.[4]

Anmerkung vom 29.04.2017:

Demnächst erscheint bei BoD — Books on Demand die zweite Auflage dieses Buchs (Chicago 1903) mit einen Epilogue von mir. Das Cover kann hier bereits angesehen werden.

Eine deutsche Übersetzung erschien bereits im folgenden Jahr. Wie der Übersetzer in seiner „Vorbemerkung“ hervorhob, gehöre die Autorin zu den „durch ihre Wissenschaft legitimirten seelsorgenden Leibärzten der Menschheit“.[5]Ein gewisser „Dr. Hartung, pract. Arzt in Hermsdorf u. Kynast, Schlesien“, ein Anhänger der biochemisch fundierten Ernährungslehre von Julius Hensel, lobte in seinem Vorwort die „einfachen, jeder Mystik baren Heilprinzipien und Ernährungstheorien“, ohne auf Stockhams philanthropischen, naturphilosophischen und religiösen Ansichten einzugehen.[6] Der bekannte schweizerische Lebensreformer und Naturist Werner Zimmermann übersetzte das Buch fast 30 Jahre später noch einmal mit der in der Jugendbewegung verbreiteten Kleinschreibung ins Deutsche, an der ich mich im Folgenden orientiere.[7]

Anmerkung vom 18.08.2016

Mehr zu diesem Buch und seinen Illustrationen von A. Paul Weber siehe mein Supplementary Blog.

Für Stockham lagen zwischen der gewöhnlichen Begattung und der Karezza-Vereinigung Welten, wie sich aus der Gegenüberstellung der beiden folgenden Zitate aus ihrem Buch ersehen lässt: „Der gewöhnliche hastige und krampfartige vorgang einer begattung, auf die man sich nicht längere zeit vorbereitet hat und wobei die frau die passive rolle spielt, ist ebenso unbefriedigend für den mann wie für die frau. Er ist schädlich für den körper wie für den geist. Er enthält in sich keine folgerichtigkeit als eine äußerung der zuneigung und ist häufig eine ursache der entfremdung und trennung.“[8] Im Kontrast dazu erscheint die Karezza-Vereinigung als befriedigend, gesund erhaltend und als Himmel auf Erden: „Während einer längeren zeit völliger beherrschung sind beide wesenheiten völlig ineinander getaucht und erleben eine unvergleichliche erhöhung in den geist. Das mag begleitet sein durch eine ruhige bewegung, die ganz unter der botmäßigkeit des willens stehen muß, so daß bei keinem der beiden der schauer der leidenschaft die grenzen eines angenehmen gefühlsaustausches überfluten kann. […] Bei gegenseitiger übereinstimmung und genügender zeitlicher ausdehnung führt ein solcher verkehr ohne samenerguß und ohne krisis zu völliger befriedigung. Im verlaufe einer stunde klingt die körperliche spannung aus, die geistige verzückung wächst und führt nicht selten zum schauen höherer welten und zum bewußten erleben neuer kräfte.“[9]

Anmerkung vom 18.08.2016:

Matthias Wendt hat in einem Kommentar zum Karezza-Buch von Stockham eine interessante Umschreibung für die Technik gefunden, siehe mein Supplementary News Blog.

Während die Ärztin Stockham als Ehe- und Sexualreformerin anerkannt war und weit über esoterische Zirkel hinaus auch international Beachtung fand, wurde die theosophische Mystikerin Ida Craddock, deren emanzipatorische Aktivitäten eine ähnliche Zielrichtung wie die von Stockham hatten und auf deren Karezza-Begriff sie sich explizit bezog, Opfer reformfeindlicher Kräfte und ihrer Justiz. Während Stockham als Philanthropin sozialmedizinisch argumentierte, wollte Craddock als theosophisch Erleuchtete die alltägliche sexuelle Gewalt des Mannes in der Ehe bekämpfen. Dabei erlebte sie offenbar die „Himmlische Hochzeit“ recht handfest (Kap. 45).

Auf den kategorialen Unterschied zwischen der „gewöhnlichen Begattung“ und der „Karezza-Vereinigung“ wiesen alle Autoren hin, die für Karezza als Methode des Geschlechtslebens plädierten. So heißt es in einem Buch des mir unbekannten Autors Cesare A. Dorelli (siehe auch unten) mit dem Titel „Karezza-Liebe“, dass bei Karezza-Liebenden eine „nie gekannte Glückseligkeit“ den ganzen Körper „überrauschen“ würde, nicht nur die erogenen Zonen: „Diese Seligkeit ist grundverschieden von der animalischen, triebgebundenen, mit der Ejakulation verknüpften Begattung.“ Die unwillkürliche Vollendung des Geschlechtsakts werde dann sogar als störend empfunden, als „liebesfremd“.[10] Karezza wolle nicht Abtötung, sondern Steigerung der erotischen Kräfte, die „gleichsam von ihrem Entstehungs- und Kristallisationsort gelöst werden, damit sie überall nach unserem Wunsch und nach unserer Vornahme zur Verfügung stehen.“[11] Es gehe hierbei um die „seelische Ejakulation“ anstelle des Orgasmus. Die „Sexual-Urkraft“ soll auf den ganzen eigenen Körper und den des Liebespartners überstrahlen, die Ejakulation werde „umgewandelt als seelische Flut, als Beglückung, die fühlbar den ganzen Körper des oder der Geliebten befruchtet, überflutet, beseligt, verjüngt, stählt, verschönt, für alle Schönheit der Welt und alles Glück der Erden aufschließt und bereitet.“ Schließlich steht die Utopie vom Neuen Menschen im Raum: Karezza solle aus Menschen „Götterkinder“ machen.[12]

Doch zurück zu Stockhams Originalschrift. Die Autorin verband in ihrer Argumentation einen vitalistischen mit einem spirituellen Grundsatz: Die „schöpferische Kraft“ oder „Energie“ kann und soll geistig beherrscht und gelenkt werden. Der Mensch könne frei und bewusst einen der beiden Pfade wählen, „den des geistes oder den der materie“.[13] Freilich seien Religion und Philosophie „erforderlich, um leidenschaft zu heiligen.“[14] Der Schlüsselsatz lautet: „Auf keinem andern gebiete kann beherrschung den menschen reicher belohnen als in der meisterung und heiligung der sexuellen energie.“ Durch „liebe, übung und selbstbeherrschung“ könnten auch Verheiratete durch „vereinigung ihrer beiden seelen“ diese „schöpferische energie“ bedeutend steigern.[15] Sie könne auch als Heilkraft eingesetzt und absichtlich geleitet werden, um „einen freund von kummer und schmerzen zu befreien.“[16] „Karezza“ bedeutet, so Stockham, „zuneigung in worten wie in taten ausdrücken“. Sie verstand den Begriff „als technischen ausdruck im sinne einer gemeisterten sexualverbindung.“[17]

Stockham beschrieb diese Liebestechnik ziemlich genau und grenzte sie von anderen ab, die man mit Karezza verwechseln könnte. Sie selbst hatte in ihrem Buch „Tokology“ irrtümlicherweise, wie sie schrieb, von „’Sedular Absorption’ (innere aufsaugung des samens)“, gesprochen.[18] Freilich sei bei Karezza kein Samen aufzusaugen, da ja „unter der herrschaft des willens der vorgang kurz vor der letzten stufe der samenausscheidung aufhört.“[19] Auch kritisierte sie den Ausdruck „’Male Continence’  (männliche mäßigung)“, da es bei Karezza ja ebenso auch um „weibliche mäßigung“ gehe. Für sie war Karezza „sinnbild einer vollkommenen vereinigung zweier seelen in der ehe, […] offenbarungen von kraft und stärke.“ Insofern handele es sich eher um eine „geistige als eine körperliche verbindung“. Karezza soll zum „geistigen wachstum“ beitragen und führe nicht „zu askese und unterdrückung, sondern zu verwendung und ausdruck.“[20] Stockham argumentierte wie alle zeitgenössischen Lebensreformer und Rassenbiologen ebenfalls naturalistisch und berief sich in Anlehnung an den englischen Evolutionstheoretiker Herbert Spencer auf die „wesensgesetze“, die zu befolgen Lust spende und die zu ignorieren Leiden verursache.[21] Sie betonte immer wieder, dass Karezza tatsächlich möglich sei und zitierte zum Beleg im Anhang des Buches aus Hunderten von Zuschriften einige „bestätigungen“.[22] Dass körperliche Begierden zu allen Zeiten dem Geiste untergeordnet werden könnten, sei eine „frage der erziehung, des wachstums in der erkenntnis der lebensgesetze − einer erkenntnis der macht des geistes“.[23]

Ohne im Einzelnen auf die seinerzeit wohlbekannten Techniken der Hypnose und Suggestion einzugehen, folgte Stockham deren Grundsätzen. Eine „selbstbbestimmende geistige tätigkeit“ könne unwillkürliche physiologische Körpervorgänge beeinflussen, überhaupt könnten alle physiologischen Funktionen und Lebensvorgänge durch bewusste Verstandestätigkeit beeinflusst werden.[24] Stockham kritisierte die Lehrmeinung, wonach diese automatisch funktionierten und starr festgelegt seien. Sie wusste um die Einbildungskraft, die man später dem „Placebo-Effekt“ zugeschrieben hat: „Der gedanke an ein reiz- oder arzneimittel hat eine ähnliche wirkung wie das mittel selber, wenn auch in geringerem Grade.“[25] Ihr ging es um „den höchsten sieg des willens über die sexualität“ und die „verwendung der schöpfungskraft“ zu erhabeneren Zwecken. Die Aufsaugung des männlichen Samens duch den Organismus sollte die „magnetischen, seelischen und geistigen kräfte des mannes stärken.“[26] Sie zog die Analogie zwischen Hoden und Tränendrüsen: „Ein mann kann vollkommen gesund sein, obschon er in fünf oder fünfzig jahren nicht ein einziges mal weint.“ Damit widersprach sie dem traditionellen Dogma, wonach die Aufstauung der Samenflüssigkeit schädlich sei (Kap. 47).

Karezza war in den Augen von Stockham ein Allheilmittel, dessen therapeutischer Wert „von keinem heilmittel der apothekerkunst und von keinem heilsystem“ erreicht werde. Sie besang das Ideal ehelicher Gattenliebe, eine „vereinigung in vollkommener freiheit und natürlichkeit.“[27] Letztlich ging es auch in ihrer Sexuallehre um die Erfüllung von Naturgesetzen, die „erfüllung des gesetzes“. Nicht Unterdrückung des Geschlechtstriebs, sondern Sexualität als Bestätigung der tiefen Verbindung des Menschen „mit dem weltganzen“, lautete ihr Motto. Karezza fördere „das wachstum an geist und charakter“ und ehre, verfeinere, verherrliche zugleich die Sexualfunktion.[28] Stockham war als praktizierende Ärztin in Fragen zu Ehe und Sexualität offenbar eine begehrte Ratgeberin. Die im Anhang ihres Buches abgedruckten Korrespondenzen belegen, dass sie zahlreiche Menschen dazu motiviert hat, die Karezza-Technik praktisch auszuüben. Stockham bezog sich auf eine Reihe von anderen Autoren, die um 1900 in den USA publizierten und von denen sie sich bestätigt sah. Offenbar war in diesem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ der Boden für Karezza günstig, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil dieses Konzept naturphilosophische, eugenische und religiöse Motive in sich vereinigte. So publizierte Stockham die bereits 1890 anonym erschienene Erzählung „The Strike of a Sex“ von George Noyes Miller, einem ehemaligen Mitglied der Oneida Community, aus der sie ausführlich zitierte.[29] Darüber hinaus verwies sie auch auf andere Vorkämpfer der Sexualreform wie Henry Wood (Kap. 17), Warren F. Evans und Ursula N. Gestefeld.

Millers Erzählfigur Immanuel Zugassent entdeckt die körperliche und geistige Wohltat durch die bewusste Kontrolle der Sexualfunktion. Der Autor stellte „Zugassent’s Discovery“ auf dieselbe Stufe wie die naturwissenschaftlich-technischen Neuerungen seiner Zeit, etwa Dampfmaschine, Elektrizität und Telefon.[30] Ja, sie stelle, so Miller, in ihrem Vermögen, die Summe des menschlichen Elends zu verringern, sogar die Entdeckungen eines Jenner, Harvey, Pasteur oder Koch in den Schatten.[31] Millers quasi religiöses Plädoyer für die geistige Disziplinierung des animalischen Triebs hatte vor allem das soziale Elend durch eine fehlende Geburtenregelung vor Augen. Zugleich stützte sich Miller auf die Praxis des Mesmerismus und Hypnotismus, deren Konzepte er, wie dies weithin in der Popularmedizin jener Zeit üblich war, nicht voneinander unterschied. Insofern hatte er eine sozialpolitische und sozialmedizinische Zielsetzung, die mit Stockhams Ansatz übereinstimmte. Wenn Zugassent meint, dass alle Erfahrungen „the power of the will over the involuntary processes of the body“ zeigten, so erinnert dies an James Braids zentrale Formel: „the power of the mind over the body“ (Kap. 17). Miller argumentierte im Sinne der Naturheilkunde und der Ehereform mit ihrem Ziel der bewussten Familienplanung. Die Verschleuderung von Lebens- und Nervenkraft durch sexuelle Unbeherrschtheit könnte eines Tages ebenso absurd erscheinen wie der allgemein praktizierte Aderlass in der Vergangenheit.[32] Anstelle einer solch abwegigen Gewohnheit solle der unschuldige magnetische Austausch (innocent magnetic exchange) zwischen den Ehepartnern treten, der auch als sexual magnetism bezeichnet wurde und zur höchsten spirituellen Entwicklung sowie zu „welfare and happiness of others“ führe und deshalb am Göttlichen teilhabe.[33] Die sexuelle Selbstkontrolle wird mit dem Verhalten eines Bootsmanns auf einem Strom verglichen, der zuerst stilles Wasser, danach Stromschnellen und schließlich einen Wasserfall aufweist. Es hängt nun vom Geschick des Bootsmanns ab, wie weit er sich in die Nähe des Wasserfalls vorwagt, ohne die Kontrolle zu verlieren und von diesem in die Tiefe gerissen zu werden – „confining his excursions to the region of easy rowing“.[34]

Anmerkung vom 22.05.2015:

Alice B. Stockham ist heute auch in Kreisen der Frauenbewegung weitgehend unbekkannt. Selbst dort, wo die Karezza-Methode explizit positiv gewürdigt wird, ist die nennung ihres Namens keineswegs selbstverständlich. Ein Beispiel ist die Schrift von Carmen Reiss „Orgasmus I“, siehe meinen Supplementary Blog.


[1] http://www.reuniting.info/wisdom/stockham_karezza (14.12.2010). [2] Sattler, 1999, S. 136. [3] Sattler, 1999: Graphik. [4] Stockham, 1896. [5] Stockham [1896], 1897, S. VII. [6] A. a. O., S. IX-XI. [7] Stockham [1896/1925], 1998. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 20. [10] Dorelli, 1961, S. 115. [11] A. a. O., S. 116. [12] A. a. O., S. 117. [13] Stockham, 1927, S. 10. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 17. [17] A. a. O., S. 18. [18] A. a. O., S. 20. [19] A. a. O., S. 21. [20] A. a. O., S. 22. [21] A. a. O., S. 23. [22] A. a. O., S. 77-102. [23] A. a. O., S. 24. [24] A. a. O., S. 25. [25] A. a. O., S. 26. [26] A. a. O., S. 31. [27] A. a. O., S. 57. [28] A. a. O., S. 58. [29] A. a. O., S. 90-94; Miller, 1905. [30] Miller, 1905, S. 109. [31] A. a. O., S. 103. [32] A. a. O., S. 111. [33] A. a. O., S. 118. [34] A. a. O., S. 113.

49. Kap./6* Sexual magnetism [+ Audio]

Der Text wird von mir gelesen auf Youtube

Im Gegensatz zur pragmatischen Ausrichtung der Oneida Community, die religiöse und säkulare Motive miteinander verband, agierte Noyes’ Landsmann Thomas Lake Harris, ein Spiritualist und Swedenborgianer. Er gründete 1859 in England eine christliche Kommune „Brotherhood of the New Life“ und ließ sich 1861 in den USA mit seiner Gruppe in dem Dorf Brocton (US-Bundesstaat New York) nieder. Darüber hinaus gründete er eine Niederlassung in Kalifornien, wohin er und der innere Zirkel seiner „Brotherhood“ übersiedelte. Die Kooperative betrieb Landwirtschaft und produzierte Waren, wobei Harris selbst auch Wein anbaute, der angeblich mit göttlichem Atem (divine breath) angereichert war und alle schädlichen Stoffe neutralisierte.[1] Er hatte in den USA und Großbritannien zeitweilig bis zu 2000 Anhänger.  Harris schöpfte aus älteren esoterischen Quellen, insbesondere dem Swedenborgianismus, der in den USA seinerzeit Konjunktur hatte. In geringerem Umfang bezog er sich auch auf die christliche Theosophie in der Tradition Jakob Böhmes. Heutigen Betrachtern erscheint sein Ansatz eher fremd und, verglichen mit Noyes, weniger zugänglich.[2] Angeblich empfing er in seinen Visionen direkt Swedenborgs Segen und erreichte höhere Stufen der Offenbarung (revelation). Die theosophischen Ideen der Himmlischen Hochzeit und der Brautmystik waren für Harris entscheidend: Die innere geistige Hochzeit mit einem himmlischen Partner ließ die irdische Ehe und Sexualität in den Hintergrund treten. So führte Harris mit seiner zweiten Frau vorsätzlich über drei Jahrzehnte hinweg mit deren Einverständnis eine zölibatäre Ehe.[3] Denn die geistige Vermählung mit einer himmlischen Macht, die der Idee der „ehelichen“ Liebe bei Swedenborg entsprach, als dessen Nachfolger er sich ansah, stand für ihn im Mittelpunkt.[4] Diese Macht bezeichnete er als himmlische „Lily Queen“, in Anspielung auf Böhmes Prophezeiung einer bevorstehenden “Lilienzeit“ und dessen mystische Vorstellung einer Hochzeit der Seele mit Sophia. (Kap. 45).

Harris schöpfte offenbar ausschließlich aus den Quellen der westlichen esoterischen Tradition. So war seine Empfehlung des „inneren Atmens“ (internal respiration), die an buddhistische Meditationstechniken erinnert, von Swedenborgs „respiratio interna“ abgeleitet und die Idee einer Vereinigung mit einem himmlischen „counterpart“, die an den asiatischen Tantrismus denken lässt, wurzelte in der christlichen Theosophie. Trotz dieser spiritualisierten Transformation sexueller Gefühle spielten diese in der Gemeinschaft durchaus eine manifeste Rolle. Interessant sind die anonym verfassten Briefe einer „Sister in the New Life“ aus dem Jahr 1881. Die Briefschreiberin berichtete von vibrierenden Empfindungen in den Armen, die sich auf den ganzen Körper ausbreiteten. Beim ersten Mal seien diese wohl durch die Geschlechtsorgane in den Körper gekommen, „and with it came the thought, this is like sexual intercourse, only infinitely more so, in that every atom of your frame enters into union with another atom to the furthest extremity of your body.”[5]Sie fühlte sich daraufhin voller Dankbarkeit unendlich ruhig und friedlich. Einige Tage später fühlte sie ihren “counterpart” in sich, ihren “inner husband or angel”, und spürte mit Ehrfurcht den „Tempel der Mutter“ (the Mother’s temple) in sich selbst und dass die Gebärmutter (womb) und Leben spendenden Organe sehr heilig sein müssten. Sie kultivierte diese ekstatischen Sensationen und fühlte die Lebensströme durch sich hindurchfließen.[6] Mit der Frauenärztin Alic Bunker Stockham und ihrem Konzept der Karezza werden wir gegenüber Noyes und Harris auf einen weiteren Typ sexueller Spiritualität stoßen, den Versluis zutreffend als „a more secular sexual mysticism of human creativity“ bezeichnet hat (siehe unten).[7]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der Mesmerismus in den USA eine spezifische Blüte, die eine einzigartige Melange aus dem Streben nach Gesundheit, persönlichem Glück, sozialer Harmonie und religiösem Heil darstellte.[8] Auch die Probleme der Sexualität schienen nach dem Vorbild des Mesmerismus lösbar zu sein. Es ist zu vermuten, dass er in der „grauen Literatur“ der Gesundheitsratgeber und Erbauungsbroschüren eine herausragende Bedeutung hatte. Vor allem spielte er eine Rolle in sozialutopischen Reformansätzen, in denen biologisches, sozialreformerisches, medizinisches und religiöses Denken miteinander verwoben war. Beispielhaft kann hier der US-amerikanische Schriftsteller und Sozialutopist Albert Chavannes genannt werden, der als Farmer in Knoxville, Tennessee, lebte und in den 1880er und 1890er Jahren eine Reihe von Schriften veröffentlichte, darunter auch – inspiriert von Edward Bellamys seinerzeit berühmtem Roman „Looking Backward“ (1888) – zwei utopische Romane. Er vertrat einen „naiven Marxismus“ und versuchte, die darwinistische Evolutionstheorie mit einer dynamischen Soziologie zu verbinden. In der von ihm angestrebten wissenschaftlich begründeten neuen Gesellschaft sollten sich Individualismus und Kommunismus optimal ergänzen.[9] Sein Büchlein „Vital Force and Magnetic Exchange“ erschien 1888. Es ist heute bibliothekarisch nur noch ein Exemplar in der U. S. National Library of Medicine nachweisbar.[10] Chavannes verknüpfte in dieser Schrift mesmeristische mit neurophysiologischen Ideen zu einer Lehre vom „sexuellen Magnetismus“ als Grundlage für eine humane Gesellschaft. Zentrales Reservoir für die Gesundheit, für das perfekte Arbeiten aller Teile der Körpermaschine (machine), sei die Lebenskraft (vital force).[11] Lebenskraft, Elektrizität und Magnetismus seien alle Manifestationen einer spirituellen Substanz und unterschieden sich nur hinsichtlich ihrer Funktionen.[12] Die Lebenskraft werde nicht nur für die je eigenen Bedürfnisse benötigt, sondern auch für den Austausch (exchange) mit anderen. Für diesen magnetischen Austausch müssten alle Hindernisse für den magnetischen Strom (flow of magnetism) beseitigt, alle Kanäle (channels) geöffnet werden, was eine kontinuierliche Praxis zur Voraussetzung habe.[13] Chavannes setzte diese interpersonellen Austauschverhältnisse in Analogie mit den Verhältnissen der technischen Zivilisation. Genauso, wie eine zivilisierte Nation Kapitalakkumulationen, Eisenbahn, Dampfschiffe, Banken und Geschäfte zum freien Warenaustausch benötige, würden gesunde, aktive Menschen einen großen Vorrat an Lebenskraft akkumulieren, ihr gesamtes System zu einem höheren Wirkungsgrad der Transferleistung trainieren und gegen alle Hindernisse eines freien Austauschs ankämpfen.

Chavannes unterschied drei Speicher (storehouses) der Lebenskraft: Im Gehirn sei der „intellectual magnetism“, im „sympathischen Nerv“, einem Nervenzentrum, das hinter dem Herzen liege, sei der „emotional magnetism“ und in den Genitalien sei der „sexual magnetism“ gespeichert. Was Mesmer als „Magnetisieren“, als Übertragung des Fluidums oder als „Mitteilung des Lebensfeuers“ bezeichnete, schilderte nun Chavannes als „Überfluss dieser Lebenskraft“ (overflow of this vitality), die von einem auf den anderen übertragen (transferring) werden könne.[14] Der „sexuelle Magnetismus“ sei jene Lebenskraft (vital force), wodurch sich die Geschlechter anziehen. So würde der Magnet Eisen anziehen und der magnetische Strom die Muskeln kontrahieren – und dieselbe Kraft würde auch die Individuen zusammenziehen.[15] Der Antrieb zum Geschlechtsverkehr (coition) entspringe nicht dem Wunsch nach Reproduktion, sondern vielmehr dem Bestreben, den sexuellen Magnetismus zu übertragen (transfer of sexual magnetism).[16] Chavannes benutzte hier die Metapher der Batterie, um die Dynamik der Kraftübertragung zu illustrieren: „A manly man und a womanly woman, in good health and in the strength of life, are sexual magnetic batteries, always loaded, and always ready to give off their magnetism. Through the eye, through the voice the exchange is often carried on, and can be made very effectively through kisses, holding of hands and caresses.”

Chavannes Schlüsselbegriff für die Übertragung des „sexuellen Magnetismus“ war „magnetation“. Er hatte ihn auf Anregung des US-amerikanischen Anarchisten John William Lloyd übernommen, mit dem er offenbar in den 1880er Jahren in Kontakt stand, worauf dieser in einer Jahrzehnte später erschienenen Publikation hingewiesen hat (siehe unten).[17] Der springende Punkt war die Annahme, dass die Sexualkraft (sexual force) nicht nur auf die Nachkommen übertragen werde, sondern auch zum eigenen Wohl verwandt werden könne, um die eigene Lebenskraft zu stärken und womöglich die Lebensdauer zu verlängern. Magnetation erzeuge durch den sexuellen Magnetismus immer ein Gefühl der Anziehung. Freilich besagte der Kernsatz „Magnetation leads to procreation, but procreation kills magnetation“, dass eine magnetische Übertragung von Lebenskraft nur mit einer strikten Familienplanung gewährleistet sei.

Auch für Chavannes waren die Begriffe „Mesmerismus“ und „Hypnotismus“ Synonyme und verwiesen auf jene „wunderbare Kraft“ (wonderful power), auf die Mesmer als Erster aufmerksam gemacht habe und die nichts anderes sei, als die Lebenskraft, die in uns allen stecke und die wir zu unserem Wohle einsetzen könnten.[18] Er widmete der „magnetischen Heilweise“ (magnetic cures) ein eigenes Kapitel, wobei er hierunter auch die Geistheilung (mind cures) subsumierte. Er ging von zwei unterschiedlichen Heilmethoden aus: Die traditionelle Methode setze „chemische Kräfte“ ein und sei bei akuten Krankheiten angezeigt, die magnetische Methode, welche auf die Stärkung der „Lebenskraft“ baue, solle bei chronischen Krankheiten angewandt werden.[19] Er betonte, dass nicht der „Überfluss“ an Lebenskraft bei den magnetisierenden Ärzten (magnetic doctors) ausschlaggebend sei, da diese zumeist eine recht empfindliche Konstitution (very sensitive organizations) aufwiesen und keine Lebenskraft erübrigen könnten.[20] Vielmehr seien sie als „Medien“ (mediums) zu betrachten – „persons peculiarly organized, so as to enable them to recieve and dispense some occult – unknown – power or force which is latent in the universe.”

Chavannes vermutete, dass der Patient nur das schwächste Mitglied in einer Familie mit mangelnder Lebenskraft sei und als Sündenbock herhalten müsse. Deshalb habe der Arzt die gesamte Familie zu therapieren, gerade da, wo ein Mitglied durch Missachtung der „Gesundheitsgesetze“ (laws of health) selbst Lebenskraft vergeude und von anderen aufsauge.[21] Die Lebenskraft müsse als ein Wirkstoff (actual substance) begriffen werden, wertvoller als Gold und Silber, Grundlage allen Lebens und Glücks. Chavannes verwies auf analoge Begriffe anderer Autoren, wie z. B. „Animo-Vital Electricity“ eines gewissen Dr. Foot oder „Nervous Ether“ eines gewissen Dr. Richardson. Bei Letzterem handelte es sich wohl um Benjamin Ward Richardson, den Pionier der Anästhesiologie, der eine unsichtbare, ätherartige Substanz annahm, die sich über die Nerven verbreite, als „Band und Medium der Kommunikation“. Offenbar war auch Chavannes von der ungemein populären Theorie der „Nervenschwäche“ aufgrund zivilisatorischer Überreizung überzeugt, obwohl er explizit weder von „neurasthenia“ noch von „American nervousness“ sprach und den maßgeblichen US-amerikanischen Neurologen George Miller Beard namentlich nicht erwähnte.[22] Seine kritischen Bemerkungen zur sozialen Lage zielten jedoch in dieselbe Richtung: „The waste of vital force in this country is enormous. No people produce so much as the American people, or waste so recklessly as they. […] It fills the land with invalids, and supports a host of physicians and of medicine venders.”[23]

Es sei hier noch einmal hervorgehoben, dass gerade in den USA der Nährboden für sozialreformerische, religiöse und esoterische Bewegungen, die im 19. Jahrhundert vielfältig aufblühten, besonders fruchtbar war und bis heute seine Nachwirkungen zeigt. Spiritualismus, New Thought, Mind Cure movement und Theosophie hätten eine nachhaltige Tradition in außerkirchlicher amerikanischer Spiritualität (in unchurched American spirituality) geschaffen, wie der US-amerikanische Religionswissenschaftler Robert Fuller darstellte.[24]

Anmerkung vom 5.10.2015

Robert wies schon in den 1980er Jahren in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der „American Mesmerists“ hin. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Ihr wichtigstes Erbe sei vielleicht gewesen, eine breite Schicht der Mittelklasse in „exotische Philosophien“ einzuführen, die östliche Religionen, Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und heidnische Lehren umfassten. „Spiritual, but not religious“ lautet Fullers Befund, um die gegenwärtige geistige Situation zu kennzeichnen. Sie wurde von Vordenkern und religiösen Revolutionären − einige von ihnen haben wir bereits ausführlich behandelt − herbeigeführt, die eine spezifische „American metaphysical religion“ schufen: „Together they have given rise to a variety of unchurched forms of American spirituality“.[25] Ohne diese Vorgeschichte sind das New Age und seine sozialen Ausdrucksformen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, von der Hippie-Bewegung bis zu den „Sannyasins“ unter der Führung von Bhagwan Shree Rajneesh kaum verständlich.[26] Die USA, insbesondere die kalifornische Westküste, war die Schaltstelle, von der solche, zum Teil durch östliche Weisheiten angereicherte spirituelle Bewegungen ins ferne Europa ausstrahlten. Die Folgen zeigen sich auf dem Esoterik-Markt und hier vor allem im Bereich der so genannten Alternativmedizin, die unter diesem schillernden Sammelbegriff alle möglichen „magischen“ Heilweisen und Gesundheitslehren anzubieten hat.


[1]http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Lake_Harris (17.04.2012). [2] Versluis, 2008, S. 336. [3] A. a. O., S. 337. [4] A. a. O., S. 338. [5] Zit. a. a. O., S. 344. [6] A. a. O., S. 345. [7] A. a. O., S. 349. [8] Fuller, 1985. [9] Roper, 1989. [10] Chavannes, 1888. [11] Ebd., S. 14. [12] A. a. O., S. 17. [13] A. a. O., S. 18. [14] A. a. O., S. 21. [15] A. a. O., S. 24. [16] A. a. O., S. 25. [17] A. a. O., S. 27; Lloyd, 1930, S. 14. [18] Chavannes, 1888, S. 42. [19] A. a. O., S. 39. [20] A. a. O., S. 40. [21] A. a. O., S. 41. [22] Beard, 1869; 1881. [23] Chavannes, 1888, S. 45. [24] Fuller, 2001, S. 11. [25] Fuller, 2004,  S. 149. [26] http://de.wikipedia.org/wiki/Neo-Sannyas (19.05.2012).

23. Kap./1 * Dämonische Natur in einer „Revolutions-Geschichte“

Erst vor dem Hintergrund der natürlichen Harmonie, wie sie Caroline de la Motte Fouqué der ideal gebildeten Frau zuschrieb (Kap. 22), wurde die dämonische Natur als zerstörerische Verirrung sichtbar, als gewaltsame Zerreißung der Gott gewollten Ordnung. Im Folgenden wollen wir uns der Gegenüberstellung von harmonischer und dämonischer Natur in Carolines Roman „Die Magie der Natur“ zuwenden. Sie wird an den Zwillingsschwestern Marie und Antonie aufgezeigt, die den polaren Gegensatz von Hell und Dunkel, Göttlichem und Teuflischem verkörpern. Es ist bemerkenswert, dass dieser Gegensatz auf zwei Personen verteilt wurde. Dass er in ein und derselben Person verankert sein könnte, war dem romantischen Denken des frühen 19. Jahrhunderts – zumindest der Romanschriststellerin Caroline – eher fremd. Zwar kam es in Antonies somnambulen Zuständen ebenfalls zu einer Bewusstseinsspaltung – sie konnte sich dann daraus erwacht an nichts mehr erinnern –, aber sie hatte auch im normalen Leben eine unheimliche und gefährlich wirkende Ausstrahlung. Erst im Zeitalter des Hypnotismus, der Psychologie des Unbewussten und der wissenschaftlich sich begreifenden Parapsychologie rückte die Problematik der Bewusstseinsspaltung, des Doppel-Ich und der multiplen Persönlichkeit in den Mittelpunkt des Interesses (Kap 18). Das literarische Paradigma für Gut und Böse in ein und derselben Person lieferte der schottische Schriftsteller Robert Stevenson mit seiner Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, der in der Originalfassung 1886 erschien, dem Jahrzehnt also, in dem die (natur)wissenschaftliche Auseinandersetzung mit psychopathologischen und paranormalen Phänomenen einen ersten Höhepunkt erreichte. Just in dieser Zeit, nämlich 1882, wurde auch die Society for Psychical Research (SPR) gegründet, die erste Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung parapsychologischer Phänomene.

Carolines Roman „Die Magie der Natur“ ist für unsere Studie nicht nur wegen seines Titels von herausragender Bedeutung. Die Begriffe „Magie“ und „Natur“ werden hier in einer höchst kunstvollen Weise miteinander verknüpft und stellen einen markanten Knotenpunkt in der Ideengeschichte des Heilens dar. Es geht um die äußere und innere Natur des Menschen, um seine heilsamen und unheilvollen Einstellungen und Handlungen, um die magischen Fähigkeiten im Guten wie im Bösen und nicht zuletzt um die Frage nach dem Wert des Mesmerismus und dem Sinn der Revolution. Wir wollen uns vor allem mit den Leitbegriffen „Magie“ und „Natur“ im Roman auseinandersetzen, auf die Romanhandlung selbst und ihre literaturwissenschaftliche Bewertung kann hier nicht en detail eingegangen werden.[1]

Der Marquis von Villeroi lebt um die Zeit der Französische Revolution auf seinem Schloss an der Rhône: „Ein Schüler Mesmers, rang er mit durstiger Seele nach dem geheimnißvollen Zusammenhang der Dinge. Von dämmernder Ahndung getrieben, dem Wunderbaren ganz rücksichtlos offen, ohne Sinn für das größte Wunder der Welt, Gott in den Dingen, ja ohne Ehrfurcht vor dem Gesetzlichen in der Wissenschaft, und deshalb ohne ruhiges Entfaltungsvermögen, griff er rasch in das aufgerollte Netz, dessen Schlingen sich eben so plötzlich über ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten.“[2] Der Marquis wollte „das große Rätsel mit einem Schlage lösen“ und selbst Mesmer übertreffen. Im Jahre 1779 starb seine Frau im Wochenbett nach der Geburt der Zwillingsschwestern, nachdem er sie mit dem Magneten behandelt hatte, was möglicherweise ihre Lebenskraft „gewaltsam zerbrach“.[3] Im weiteren Verlauf der Erzählhandlung berichtet „die Baronin“, die Schwester der verstorbenen Mutter, ihrer Nichte Antonie über die Verstrickungen ihres Schwagers in die mesmeristischen Umtriebe im vorrevolutionären Paris. „Er beherrschte das Gemüth seiner Frau, und hielt ihr Herz in Händen. Sie war froh, seine leidenschaftliche Zweifel stillen zu können, und öffnete ihm in Stunden der Crisen willig ihr reines Innre.“[4] Bereits der Blick des Marquis habe seine schwangere Frau in „convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatürlichen Schlaf“ versetzt. Als sie, die Tante, einmal anwesend gewesen sei, habe sie das Gefühl gehabt, zwischen dem „todten Leib und der geschiedenen Seele“ ihrer Schwester zu stehen.[5] Alle Forderungen der Baronin, von diesen magnetischen Experimenten abzulassen, fruchteten nichts: Ihre Schwester „wollte so wenig von ihm [dem Marquis], als er von ihr lassen, ja sie war in dem Maaße an ihn gebannt, als sein Nähern zerstörend auf sie wirkte.“ In einer dieser Krisen habe sie dann die Zwillingsschwestern geboren: „Die Natur aber ward durch den doppelten Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.“

Antonie zieht jedoch aus der gehörten Geschichte gänzlich andere Schlüsse als ihre Tante. Letztere entlarvt die Vergewaltigung der Natur als Ursache des Übels: Wenn Menschen die Natur „recht derb anfassen und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben“, entschlüpfe diese plötzlich ihren Händen und gehe „gelassen ihren gemessenen Gang“ über sie hinweg.[6] Die Natur heiße die Menschen, „sie geschichtlich begleiten, wenn wie im freundschaftlichen Verkehr mit ihr bleiben wollen.“ Demgegenüber zeigte sich Antonie fasziniert von der geheimnisvollen Kraft, sie fühlte „die Gewalt tiefer, unergründlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie sich leise“. Hier deutet sich schon ihr späterer Entschluss an, ihre Liebe zu Adalbert gewaltsam, auf magische Weise, durchzusetzen.

Die „Revolutions-Geschichte“ lebt von der Spannung zwischen zwei gegensätzlichen Magien: Die Magie der Natur bedeutet Harmonie und kreatives Schaffen, die Magie des Menschen dagegen Gewalt und Desktruktion. Dies betrifft sowohl die persönliche Ebene, auf der der Marquis und seine Tochter Antonie gewaltsam die Natur bezwingen wollen, als auch die kollektive Gewalt in der Revolution, die auf den Umsturz der Herrschaftsverhältnisse abzielt. In beiden Fällen zeigt sich aber die Magie der Natur stärker als die der Menschen: Antonie begeht Selbstmord, die Revolution beruhigt sich. Gewalt und Destruktion finden ein Ende. Wir wollen nun die unheimliche Magie näher beleuchten, die von Antonie und ihrem Vater ausgeht. Der Marquis entwickelte zurückgezogen auf dem Schloss ein „fremdartiges Wesen“.[7] Er scheute die Gesellschaft, wurde zu einem „immer verborgenerem Umgang mit dem Geheimnisvollen“ getrieben und gab „seinem Tun und Erscheinen ein fremdes, ja unheimliches, Ansehn“.[8] Sein Kleidung war exotisch, um den Hals trug er etwas in einem Beutelchen „nach Art geweiheter Amulete“, er führte stundenlange Selbstgespräche und strafte seine Leute, die sich nach seinem Befinden erkundigten, „mit einem fürcherlichen Blick […], den er aus dem glühenden Augenpaar auf  sie niederschoß“.[9] Auch später wird von seiner merkwürdigen Sprechweise berichtet: schnell und leise „mit kaum geöffneten Lippen“, so dass sein Reden einem „fernen Säuseln“ glich, einem eigentümlich wogenden „Strom der Rede“ mit prophetischem Inhalt.[10] Eine Szene in der Abenddämmerung veranschaulicht die Spannung zwischen dem magischen Bestreben des Marquis und der magischen Erhabenheit der Natur: Das weiße Gewölk wallte wie ein weiter Schleier auf, „hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen, wunderbaren Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem schwarzen Throne Platz nahm. Dem Marquis war es, als sähe die strenge Naturgöttin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkürlich zusammen, und schloß die geblendeten Augen.“[11] Auch hier kam das Motiv der Enthüllung der Isis, das um 1800 in seinen unterschiedlichen Varianten aktuell war, zur Darstellung. Das Schaudern des Betrachters resultierte aus der Blendung, die durch die Selbstenthüllung der Göttin beim gewaltsam Suchenden bewirkt wurde. „Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er früher der Natur abzutrotzen meinte. Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen!“[12]

Caroline schilderte diese „Verwirrung“ anhand merkwürdiger Ereignisse. Ein heftiger Donnerschlag zerbricht die Scheiben und „wie durch einen elektrischen Schlag entzaubert“, tritt nun ein mechanischer Vogel aus einer alten Uhr. Der Marquis glaubt, die „Stunde seiner Wiedergeburt“ habe geschlagen und er sei zu einem „höchst wundervollen Berufe“ bestimmt.[13] Er sieht in einer Figur, der „Bildung eines Mannes mit großem Buch und goldenem Schlüssel“ einen verborgenen Hinweis, findet dazu passend einen „Folianten“ in unbekannter Sprache sowie einen Schlüssel und „träumte sich im Besitz vom Steine der Weisen, ohne diesen jemals zu finden“.[14] So baut er sich eine „eigene Magie“ zusammen, „in welcher er sich selbst als Herr und Meister feierte.“ Er ist nun davon überzeugt, dass die Natur „in jeder ihrer Offenbarungen“ eine Stimme habe, die zumeist unverständlich bleibe, der „entbundenen Seele“ aber durch einen „Rapport mit der geheimnißvollen Innenwelt “ verständlich gemacht werden könne: „Das große Phänomen  des Somnambülismus und der Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen.“[15]

So entwickelt der Marquis ein „verzücktes Wesen“ und „stillen Wahnsinn“. Konfrontiert mit revolutionären „Bürgern“ erlitt er einen Krampfanfall „und fiel, wie die überreitzte Natur sich jetzt oft so in ihm zerriß, in Haaransträubenden [sic] Zuckungen zur Erde.“[16] Trotz herannahender revolutionärer Gewalt blieb er in seinem Schloss, doch sein Inneres wurde bereits von ihr ergriffen: „Unwillkürlich schloß Frankreichs Boden díe Welt in sich, das eigene, enge Dasein umfaßte die große Angelegenheit der Menschheit“.[17] Als ihn die Nachricht erreichte, dass seine Töchter in einem entfernt liegenden Kloster nicht mehr sicher seien und er sie abholen solle, war es mit seinem Stillhalten vor Ort vorbei: „Die Luft im Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrücken, überall, was er anfaßte, traf es ihn wie mit elektrischen Schlägen!“[18] Die erste Begegnung mit seinen Töchtern im Kloster machte ihm deren Unterschied sofort deutlich – Marie: „ein überaus zartes, fast kindisches Wesen, mit blondem Lockenköpfchen und schmeichelndem Augenpaar“; Antonie: „eine hohe Gestalt von überaus großer Schönheit, blendendem Auge und strenger Regelmäßgkeit in Wuchs und Gang“.[19] Der sich treffende Blick des Vaters und Antonies „brannte in stummen [sic] schauervollem Erkennen ineinander.“[20] Diese geheime Sympathie zwischen beiden zeigte sich auch etwas später, als ein marodierender Haufen das Kloster heimsuchte, in dessen Kellergewölben sich die Gesellschaft versteckt hatte. Auf ein „lautes Commandowort“ dicht neben ihnen zogen die bedrohlich näher kommenden Kumpane ab. Wer es ausgesprochen hatte, blieb unklar. Antonie und ihr Vater traten vor, „und als nun alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die Hände.“[21]

Die Äbtissin, die bislang die Mädchen betreute hatte und sie nun dem Vater übergibt, schildert Antonies Krankengeschichte. Sie stehe allen Menschen fern, ihre Nähe ängstige − am Tag träumend und in der Nacht umherschweifend und merkwürdige Dinge tuend, an die sie sich nicht mehr erinnerte, wenn man sie weckte. Durch strenge Züchtigungen auf ärztlichen Rat habe man zwar ihren krankhaften Schlaf heilen können, aber sie falle „zu Zeiten, am Tage, in jenen dem Nachtwandeln ähnlichen Zustand“.[22] Bei der Weihung einer Novizin habe, wie die Äbtissin berichtet, Antonie hellseherische Fähigkeit gezeigt: Sie verfiel in Somnambulismus, „sank wie todt zu meinen Füßen“ und sprach mit einer Stimme „tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine: heißt ihr das Bildnis wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trägt, es drückt mir das Herz entzwei!“[23] Sie forderte, das Bild wegzuwerfen, „es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht länger!“ Tatsächlich trug die Novizin ein Bild auf der Brust, das, wie sich später herausstellen wird, Adalbert, den späteren von Antonie geliebten und von ihrer Schwester Marie geheirateten Mann, darstellte. Man habe daraufhin Antonie, die sich später an nichts erinnern konnte, „wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen.“

Der Vater kehrt mit den Töchtern spät am Abend in sein Schloss zurück. Marie und Antonie durchstreifen die Gemächer „in ungewohnter Vertraulichkeit“. Die „tiefe Ruhe der Natur“ wirkt auf sie ein, „Antoniens Herz war wunderbar erweicht.“[24] Sie gibt ihr Innerstes der Schwester preis. Was sie liebe, flöße ihr plötzlich Schauder und Entsetzen ein, „und fast muß ich glauben, die Natur habe ein unglücklich weissagend Gefühl in meine Brust gelegt, und diese solle sich strenge dem verschließen, was die Welt schön und freundlich nennt. Denn wie leicht, daß ich nur zerstörend lieben könnte!“ An dieser Stelle wird noch eine andere, dunkle Magie der Natur deutlich: Eine Veranlagung, ein Drang im Menschen, das zu zerstören, was er liebt. Caroline de la Motte Fouqué ließ somit die Schwarz-Weiß-Malerei hinter sich: Hier weiße Magie im harmonischen Einklang mit der Natur, dort schwarze Magie als gewaltsame Aneignung der Natur. Antonie kann ihre innere Natur nicht beherrschen, sondern wird von ihr beherrscht, sie ist krank. Auch wenn ihr Vater ähnlich krankhafte Züge aufweisen mag, so verkörpert er doch den aktiven, gewaltsamen Magier und nicht wie seine Tochter eine dämonisch besessene Somnambule.   


[1] Hoffmeister, 1989. [2] Motte Fouqué, 1812, S. 4. [3] A. a. O., S. 5. [4] A. a.O., S. 110. [5] A. a. O., S. 111. [6] A. a. O., S. 112. [7] A. a. O., S. 9. [8] A. a. O., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 37. [11] A. a. O., s. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 13. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 21. [17] A. a. O., S. 23. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a.  O., S. 34. [20] A. a. O., S. 35. [21] A. a. O., S. 43. [22] A. a. O., S. 39. [23] A. a. O., S. 40 f. [24] A. a. O., S. 63.

17. Kap./6 * „Lucider Schlaf“

Freilich war auch Braid nicht „der Erste“, der die Quelle der magnetischen Phänomene nicht im Magnetiseur und seiner Fluidum-Übertragung erblickte, sondern im Magnetisierten selbst. Bereits Jahrzehnte vor ihm hatte der aus dem indisch-portugiesischen Goa stammende Priester José Custódio de Faria („Abbé Faria“; portugiesisch: Abade Faria)  die moderne Erklärung der magnetischen Phänomene im Sinne der Neurophysiologie und Suggestionslehre antizipiert, wahrscheinlich beeinflusst vom indischen Brahmanismus, den er in Goa kennengelernt hatte.[1] Für Bernheim war mit Farias Demonstrationen in Paris ab 1815 „die Lehre von der Suggestion in’s Leben getreten“, ein interessanter Aspekt in der Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse.[2] Farias Schlüsselbegriff war der „luzide Schlaf“ (sommeil lucide), worüber er 1819 eine Monographie veröffentlichte, der er ein Sendschreiben an den von ihm verehrten Marquis de Chastenet de Puységur voranstellte.[3] Er hoffte trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen auf dessen öffentliche Unterstüztung. Der Somnambulismus stelle dasselbe Phänomen wie der luzide Schlaf dar. Dieser sei aber kunstvoll entwickelt, klug gelenkt und umsichtig kultiviert, vergleichbar einer Pflanze in einem kultivierten Garten im Verhältnis zu einer Pflanze in der Wildnis.[4] Seine Hauptkritik an der Doktrin des Mesmerismus richtete sich gegen die widersinnige Annahme (l’absurdité), dass ein „äußerer Wille“ (volonté externe) den luziden Schlaf hervorrufen könne. Die heftigen Gegenangriffe eines Mesmeristen wertete er als Ausdruck eines Magnétismomane.[5] Niemand werde zum Somnambulen – Faria benutzte hierfür die griechische Bezeichnung épopte –ohne natürliche Anlage (épopte naturel). Faria bezog sich hier auf die Tradition der Eleusinischen Mysterien, bei denen die völlig Eingeweihten als „Epópten“, Schauende oder Seher bezeichnet wurden.[6] Kein Magnetiseur der ganzen Welt könne jemanden einschläfern, ohne dass dieser die erforderlichen Dispositionen dazu habe. Er spielte die einzelnen Szenarien durch um zu beweisen, dass kein äußerer Wille den luziden Schlaf bewirken könne. Aus der Tatsache, dass Somnambule (époptes) ohne Willensbekundung des Magnetiseurs – Faria bezeichnete diesen auch als concentrateur – durch dicke Wände und über weite Distanzen erfolgreich magnetisiert werden könnten und einschliefen, habe man voreilig ohne genauere Beweisführung geschlossen, dass der luzide Traum allgemein von einem äußeren Willen verursacht werde[7]. So sei der berühmte Spruch „Croyez et veuillez“ (Puyeségur) beim Studium des luziden Schlafs für allein zutreffend gehalten worden. Allerdings zeige die Erfahrung, dass man die époptes, die sich weit entfernt von ihren concentrateurs befinden, mit und ohne deren Willen, ja, sogar gegen ihn, sofern er nicht ausgedrückt werde, einschläfern könne.[8] Denn die époptes würden den Ideen folgen und nicht der unwirksamen Aktion eines äußeren Willens (volonté externe).

Faria formulierte eine Theorie der Überredung (persuasion). Diese sei nur ein Anhängen des Geistes an den Glauben (adhésion de l’esprit à sa foi). Auf keinen Fall beruhe dieses Anhängen auf einem inneren Zwang. Es folge nur den Gepflogenheiten und Vereinbarungen. Keine äußere Aktion könne jemals den Menschen seiner inneren Freiheit berauben, sondern nur der natürlichen Grundlagen (causes naturelles).[9] Die Seele herrsche souverän in ihrem Bereich, könne aber niemals außerhalb des Körpers ohne den Körper agieren.[10] Wie könne also ein äußerer Wille nicht nur den luziden Schlafe, sondern auch noch die entsprechenden Bewegungen der Somnambulen verursachen? Wie könne ein Magnetiseur diese beherrschen, ohne seine eigenen kontrollieren zu können? Oder wie könne er wissen, was bei den Antipoden passiere, wenn er nicht einmal wisse, was sich hinter seinem Rücken befinde? Faria bezweifelte, dass der menschliche Wille über die Entfernungen hinweg in der gleichen Weise wirken kann wie die Elektrizität, die (magnetische) Anziehung und der Galvanismus.[11] Er argumentierte bisweilen sophistisch, um die direkte Wirksamkeit des äußeren Willens zu widerlegen. Dieser sei nichts anderes als eine absolute Macht gegenüber einem anderen ohne dessen Wissen und trotz seines ganzen Widerstands (dépit de toute sa résistance). Wenn man aber unterstelle, dass dieser Tyrann nur mit Einverständnis des Patienten herrschen könne, negiere man ihn als wirksame Ursache.[12] Farias Urteil war apodiktisch: Die Aktion eines äußeren Willens ist ebenso befremdlich, wie die Landwirtschaft im Hinblick auf die Kriegskunst. Die Quelle des luziden Schlafs sei einzig und allein in den Somnambulen selbst (les époptes mêmes) zu suchen.[13] Die Magnetiseure hätten nicht die Macht einzuschläfern, wenn die Betreffenden es nicht wollten: „L’ordre des concternateurs n’est donc qu’une cause occasionelle et non efficiente.[14] Diese Idee, durch die Wirkung eines äußeren Willens den luziden Schlaf zu induzieren, schien ihm völlig absurd zu sein. So fielen Klienten bereits beim Betreten seinen Salons in Schlaf, wenn sie ihn nur sähen, bevor er sie überhaupt bemerkt habe.[15] Auch während seiner Vorlesungen seien zahlreiche Personen nur wegen seiner Anwesenheit in Schlaf gefallen, während er andere eingeschläfert habe.

Faria diskutierte auch telekinetische Experimente. So habe la baronne de Staël von Versuchen in Deutschland berichtet, den Willen oder die Seele auf Metalle einwirken zu lassen, etwa auf einen aufgehängten Goldring, um ihn in eine gewollte Richtung zu bewegen.[16] Da die Seele aber nicht außerhalb des Körpers wirken könne, sondern nur durch einen Mittelköprer (intermédiaire), kämen wohl nur Luftbewegungen durch Stimmen oder Gesten in Frage. Dies hätte absolut nichts zu tun mit dem Einschläfern auf Distanz und durch alle Hindernisse hindurch. Wenn Frauen regelmäßig beim Anblick von Mäusen, Spinnen oder Reptilien in Ohmmacht fielen oder Personen beiderlei Geschlechts angesichts der Todesstrafe durch Köpfen sich verkrampften, so würden die widerwärtigen Emfindugen doch auch nicht durch den Willen der Mäuse, Spinnen, Reptilien oder der hingerichteten Verbrecher hervorgerufen.[17]

Faria wies auch die Annahme eines „magnetischen Fludiums“ (la supposition d’un fluide magnétique) als widersinnig zurück.[18] Ein Fluidum sei ein flüssiger Körper, der sich gleichmäßig über der Erdoberfläche verteile. Magnete und Elektrisiermaschine produzierten Effekte, die sich als besondere Emanationen zu erkennen gäben, aber keineswegs Flüssigkeiten (fluides) seien. Die Magnetiseure propagierten mit ihrem magnetischen Fluidum eine gigantische Idee, nämlich die eines Ozeans, der aus dem Universum entspringe. Sie behaupteten, dieses Fluidum, das die Kraft zum Einschläfern habe, durch ihren Willen lenken zu können. Wie aber, so fragte Faria, kann der menschliche Wille eine Flüssigkeit (fluide) lenken, die ohnehin schon alles untertaucht, das existiert? « L’eau, qui a la vertu de mouillir, mouille tout ce qui s’y plonge sans aide d’aucune action externe. »[19]Wenn also das magnetische Fluidum alles, was eingeschläfert werden kann, umschließt – wie kann dann ein äußerer Wille nach Belieben auf jemanden wirken, der ohnehin schon durch das Fluidum mit jedermann verbunden ist?[20] Die Beobachtung, dass das magnetische Fludium sehr unterschiedlich auf die Menschen wirkt, wurde von den Magnetiseuren damit erklärt, dass es nur auf Kranke Einfluss habe. Dem widersprach Faria, denn unter seinen èpoptes befanden sich auch solche in gesundem Zustand und unter denen, die sich nicht Einschläfern ließen, waren Kranke, die an Verstopfung litten. Faria zog daraus einen radikalen Schluss: Wenn das magnetische Fluidum, durch den äußeren Willen lenkbar, nicht gleichermaßen auf alle wirke, so nicht deshalb, weil es nicht die geeigneten Subjekte finde, sondern weil es in der Natur (dans la nature) gar nicht existiere.[21] Der common sense lehne es ab, dass Emanationen aus dem Körper und Gedankenlesen – was durchaus möglich sei – Schlaf bei anderen induzieren könne, wie die Magnetiseure behaupteten.[22]

Faria war offenbar ein begnadeter Erwecker des „luziden Schlafs“. Er übte seine Kunst auf Massensitzungen aus, auf denen er viele neue èpoptes gewann. Ein einziges Wort „dormez“ oder eine einzige Geste mit der Hand genügten schon, um mehrere Personen in den luziden Schlaf zu versetzen, so dass sie fähig waren, ihre Mitteilungen (consultations) zu machen.[23] Die angeblich von einem épopte gesehenen Strahlen, die von den Fingern des concentrateur auszugehen schienen, wurden nun als Beispiel für die in der Natur zu beobachtenden elektrischen Lichterscheinungen in der Atmosphäre gedeutet, die willentlich von den concentrateurs gelenkt werden konnten.[24] Nach Faria könne man nicht, wie es der animalische Magnetismus tue, von einem fluidalen Ozean ausgehen, in den alles eingetaucht sei, sondern müsse die sehr unterschiedlich aufgeladenen Teilen berüksichtigen, die sich stärker an Gewässern konzentrierten als im Binnenland. Da das leuchtende Fluidum (fluide lumineux) allen Menschen zukomme und nur von solchen époptes wahrgenommen würde, die den einschläfernden Einfluss erwarteten, sei es weder „magnetisch“ noch „animalisch“, da es selbst bei sich aneinander reibendenden Mineralien zu beobachten sei.[25] Die Funktionen der inneren Sinne (sens internes) die auf den Gebrauch der äußeren Organe reagieren, würden auf einer innerlichen Überzeugung (conviction intime) und nicht auf einem magnetischen Fluidum beruhen.[26] Freilich seien diese inneren Sinne keineswegs organischer Natur. Sie seien auch keine Eigenschaft der menschlichen Seele, sondern gehörten zum Körper als ein Zusatz (addition), der den Gipfel der Vollkommenheit seines Aufbaus ausmache.[27] Denn sie entwickelten sich in allen Körperteilen. So zog Faria den Schluss, dass die inneren Sinne eine unumstössliche Tasache darstellten und die Annahme eines magnetischen Fludiums in jeder Hinsicht gänzlich absurd (tout-à-fait absurde) sei.[28] Gleichwohl hatte Faria doch die Vorstellung einer Art psychischen Infektion, eines contagion humaine:  Die époptes würden manchmal ihre eigenen Leiden verstärken und ihre Luzidität verlieren, wenn sie Kranke berührten. Wegen ihrer gesteigerten Sensibiltität könnte der leichteste Einfluss von äußeren Miasmen (miasmes externes) zu einem heftigen Anfall führen, da sich nichts dem Eindringen der flüchtigen Substanzen (substances volatiles) durch ihre Poren entgegenstelle.[29]

In der Wissenschaftsgeschichtsschreibung wurde Faria seit dem Aufkommen des Hypnotismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtiger Wegbereiter der modernen Psychotherapie gefeiert.[30] Hippoyle Bernheim erblickte in ihm den Ersten, der das Phänomen des Somnambulismus aus dem „Infantilismus“ der Magie und des Truges herausgelöst und das Phänomen des Hypnotismus richtig erkannt habe. Wie später Liébeault habe Faria gewusst, dass der Glaube und die psychische Beeindruckbarkeit den hypnotischen Schlaf verursachen würden. Es ist erstaunlich, wie diese Einordnung Farias in die wissenschaftliche Fortschrittsgeschichte der medizinischen Psychologie auch gegenwärtig noch anhält – ohne das Problem zu berühren, dass mit dem Hypnotismus bestimmte („parapsychologischen“) Phänomene, die der Mesmerismus ausgiebig studiert und dokumentiert hat, weitgehend aus dem Gesichtsfeld der Wissenschaft verbannt wurden. In dieser Perspektive erscheint Faria schlicht als „the sole and true founder of the doctrine of suggestion in hypnotism.”[31]


[1] Stubbe, 2000 [a]. [2] Bernheim, 1888, S. 102; Stubbe, 2000 [b]. [3] Faria, 1819. [4] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 89. [5] Faria, 1819 [Vorwort]. [6]http://www.zeno.org/Brockhaus-1911/A/Ep%F3pten (10.11.2010). [7] Faria, 1819, S. 403. [8] A. a. O., 404. [9] A. a. O., S. 406. [10] A. a. O., S. 409. [11] A. a. O., S. 410. [12] A. a. O., S. 411. [13] A. a. O., S. 413. [14] A. a. O., S. 415. [15] Faria ed. Carrer, 2004, S. 277. [16] Faria, 1819, S. 420. [17] A. a. O., S. 423. [18] A. a. O., S. 430. [19] A. a. O., S. 431. [20] A. a. O., s. 432. [21] A. a. O., S. 433. [22] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 297. [23] A. a. O., S. 436. [24] A. a. O., S. 437. [25] A. a. O., S. 439. [26] A. a. O., S. 460. [27] A. a. O., S. 461. [28] A. a. O., S. 463. [29] A. a. O., S. 451. [30] Carrer, 2004, S. 82-88. [31] Ebd., S. 87.

17. Kap./5 * Kraft von außen oder innen?

Um die paradigmatische Bedeutung von Braids „Hypnotismus“ zu ersehen, ist es hilfreich, Esdailes Verteidigung des klassischen Mesmerismus zur Kenntnis zu nehmen, auf den wir im nächsten Hauptabschnitt näher eingehen werden (Kap. 22–28). Um 1850 griff Esdaile wie kein anderer Autor in jener Zeit noch einmal Mesmers Fluidum-Theorie auf: Die mesmeristische Beeinflussung geschehe durch die physische Kraft, die ein Lebewesen auf ein anderes ausübe. Er sprach hier sogar von einer „diabolic theory“. Die Patienten wurden mit geschlossenen Augen, in einem dunklen Raum liegend und gänzlich ohne Wissen, was man mit ihnen vorhatte, mesmerisiert.[1] Er berief sich auf den berühmten französischen Anatomen Georges Cuvier, der festgestellt hatte, dass ein menschlicher Körper einen anderen in seiner Nähe direkt beeinflussen könne. Dies sei auf eine Kommunikation der beiden Nervensysteme zurückzuführen.[2] Cuvier hatte tatsächlich in seinen Leçons d’Anatomie Comparées darauf hingewiesen, dass es sehr schwierig sei, die Imagination einer Person von dem physischen Effekt (effect réel) einer anderen, die auf erstere einwirkt, zu unterscheiden. Solche Effekte seien Ausdruck einer « communication quelqonque qui s’établit entre leurs systêmes nerveux. »[3]

Esdaile führte auch Beispiele von mesmerisierten Tieren ins Feld, um seine „diabolic theory“ zu untermauern, etwa indianische Gebräuche, um verwaiste Büffelkälber oder wilde Pferde durch Pferde-Flüsterer (horse-whisperers) einzufangen. Aber seine Hauptargumente bezog er aus seiner ärztlichen Praxis und seinen zahlreichen experimentellen Erfahrungen, die systematisch darauf angelegt waren, den direkten Einfluss unter Umgehung jeder Imagination, Erwartung oder Suggestion nachzuweisen. So berichtete er, wie er aus anderen Räumen und über größere Entfernungen hinweg Patienten in Trance versetzt habe, ohne dass diese von seinem Vorhaben etwas wissen konnten. Höhepunkt seiner Experimente stellte das Mesmerisieren eines blinden Mannes dar, „to test the imagination theory“.[4] Angeblich konnte Esdaile diesen innerhalb des Krankenhauses aus jeder Entfernung in Trance versetzen. Sein erster Versuch zielte darauf ab, diesen Blinden aus einer Entfernung von 20 Yards Abstand über eine Wand hinweg zu beeinflussen, während dieser sein Abendessen einnahm: „He gradually ceased to eat, and in a quarter of an hour was profoundly entranced and cataleptic.“[5] Deshalb könne die Theorie der Suggestion, Erwartung und Imagination (suggestion, expectation, and imagination) die Phänomene nicht befriedigend erklären. Die Wirkung des magnetisierten Wassers war für ihn ein weiterer Beweis dafür, dass dem Wasser ein lebendiges Fluidum (vital fluid) zugesetzt werden könne. Ausführlich zitierte er Karl von Reichenbachs Experimente mit Sensitiven (Kap. 28).[6] Und er verwies auf den antiken Sophisten Älian, der von den „Psylli“ als Wunderheilern berichtet habe, die gegen extreme Schmerzen bei Verwundungen Wasser zu trinken gaben, das sie zuvor selbst im Mund gehalten hatten.[7]

Im Grunde behauptete Esdaile, dass er auf eine Weise beeinflussen könne, die später als Telepathie oder Mentalsuggestion bezeichnet wurde (Kap. 21). Dabei argumentierte er elektrophysiologisch und evolutionsbiologisch. Wenn der elektrische Fisch Elektrizität absondern könne, „and project it in the direction desired by the will, why should not man possess a modification ot the same power?[8] Der Mensch enthalte alle niedereren Stufen der Natur in sich, die oft latent seien, die sich aber unter außergewöhnlichen Umständen plötzlich und überraschend manifestieren könnten. Vital fluid, nervous fluid und animal electricity waren für ihn analoge, voneinander kaum abgrenzbare Kräfte – Medien, Überträgersubstanzen. Wie der göttliche Geist (Divine Mind) nur durch verschiedene Medien wirken können, wie etwa Hitze, Licht, Magnetismus und Elektrizität, so müsse man auch ein Nerven-Fluidum (nervous fluid) annehmen, durch welches das Gehirn auf den Körper einwirkte.[9] Auf diesem Boden entwickelte Esdaile sein Modell, wie ein fremder Wille von außen so verinnerlicht wird, dass er die Herrschaft über den eigenen übernimmt. Das Nerven-Fluidum könne nämlich bei fortgesetzter Willensanstrengung in einem (aktiven) Nervensystem über den eigenen Körper hinausfließen und mesmeristische Phänomene (mesmeric phenomena) bei einem anderen (passiven) Nervensystem hervorrufen.[10] Die Nervenimpulse von außen würden dann an den äußeren Nervenendigungen genauso akzeptiert, als wenn sie von den zerbralen Endigungen im eigenen Gehirn kommen würden. Die Übersendung (transmission) fremder Nervenimpulse vom Gehirn des Magnetiseurs zum Gehirn des Patienten geschehe durch das Nervensystem des letzteren. Es komme also zu einer Verkehrung (inversion) des normalen nervösen Prozesses.[11] Der magnetische Schlaf (coma) erschien somit also Folge der unnatürlichen Ausrichtung (preternatural determination) des Nerven-Fluidums zum Gehirn, „the influence of the master-will“. Dieses werde dann gleichsam überflutet. Die elektrische Telegraphie, eine zeitgenössische technische Innovation, lieferte für Esdaile das Erklärungsmodell. Das Gedanken-modifizierte Nerven-Fluidum des aktiven Gehirns werde vom passiven Gehirn des Patienten reflektiert und verstanden −„exactly as the passive end of an electric telegraph records the impulses recieved from the active extremity of the battery“.[12]

Esdaile war ein Draufgänger, der mit handgreiflichen Experimenten den Mesmerismus als Tatsache demonstrieren und therapeutisch nutzen wollte. Für ihn offenbarten sich damit die großen Geheimnisse der Natur (Nature’s great secrets), deren Gesetze es zu entdecken galt.[13] Unvoreingenommen wollte er experimentieren – wie ein Chemiker, der von der Entdeckung eines neuen Elements gehört habe und dieses nun selbst nachweisen wolle.[14] Betrug und Täuschung sollten durch wiederholte Emperimente, Anwesenheit seriöser Zeugen und genaues Protokollieren der Vorgänge ausgeschlossen werden. Sein erstes Experiment, das er als Chirurg im April 1845 an einem hinduistischen Strafgefangenen vornahm, war bezeichnend für seine Einstellung. Dieser litt an einer doppelseitigen Hycrocele und spürte starke Schmerzen nach der Operation. Esdaile magnetisierte ihn mit Handstrichen, wie er sie aus der Literatur kannte. Er erzeugte damit nach einiger Zeit eine völlige Gefühl- und Bewusstlosigkeit. Selbst auf Schmerzreize reagierte der Patient nicht mehr, etwa auf das Stechen mit der Nadel und Brennen der Haut. Die „Nadelprobe“ diente ja von den Hexenprozessen bis zur modernen Neurologie als diagnostische Methode. Nach dem Erwachen klagte der Patient mehr über schmerzhafte Folgen des Stechens und Brennens, als über seine ursprünglichen Schmerzen im Scrotum.[15] Esdaile schämte sich seiner Ungläubigkeit: “I will never put a patient to the ‚question’ in this way.”

Der Mesmerismus war für Esdaile wie gesagt ein rein physikalisches Phänomen, eine Realität wie die Gravitation oder die Eigenschaften von Opium.[16] Für ihn stand unumstößlich fest, dass keine Imagination, keine geistige Sympathie (mental sympathy), kein Einverständnis (consent) zwischen den Beteiligten bestehen muss und die Augen des Patienten geschlossen bleiben können. Der Mesmerismus war für ihn eine natürliche Kraft des menschlichen Körpers, die Nerven und Muskeln beeinflussen, Schmerzen ausschalten, bei funktioneller Nervenschwäche helfen und auch Entzündungen besiegen kann. Er bestägte die mesmeristische Überzeugung, dass der Einfluss auch in die Ferne und durch dichte Materialien übertragen werden könne.[17]

Wir wollen nun noch einmal auf die Gegenposition von James Braid zurückkommen. Solche Spekulationen, wie sie Esdaile im Sinne des Mesmerismus bilderbuchmäßig vortrug, wollte er grundsätzlich widerlegen, wobei er manchmal ähnlich wie sein Gegenspieler, jedoch in entgegengesetzter Absicht, mit detektivischer Schläue vorging. In einer Abendgesellschaft sollte eine Dame, die angeblich versteckte Magnete an ihrer Ausstrahlung erkennen und fühlen konnte, ihre außerordentliche Fähigkeit unter Beweis stellen. Braid saß als geladener Gast neben der Dame mit einem doppelt so starken Magneten in der Tasche als derjenige, den die Dame vergeblich im Zimmer suchte, ohne dass diese etwas von Braides Magneten bemerkte – Beweis genug für ihn, dass die beeinflussende Kraft nicht von außen einstrahlte.[18] Was später als „psychische Epidemie“ diskutiert werden sollte, kannte Braid aus der medizinhistorischen Literatur. Er bezog sich vor allem auf die Darstellung der mittelalterlichen Epidemien durch den Berliner Internisten J. C. F. Hecker, der die „Tanzwut“ (Veits- und Taranteltanz) unter die „Psychopathien des Mittelalter“ rechnete und auf den „Trieb der Nachahmung“ zurückführte.[19] Braid merkte hierzu an: „Die wunderbare Macht, welche Sympathie und Nachahmungstriebe auf eine gewisse Klasse von Personen ausüben, ist jedem Arzte bekannt.“[20]

Aus heutiger Sicht mag es Braids größtes Verdienst gewesen sein, dass er am eigenen Leib Selbsthypnose und Autosuggestion einsetzte und damit die Bedeutung von Selbsterfahrung und Selbsttherapie unterstrich. So schilderte er seine bereits 1843 angegebene Methode, wie sich Patienten in vielen Fällen selbst in Schlaf versetzen könnten: „Sobald sie eine bequeme Lage im Bett eingenommen haben, schließen sie die Augenlider und geben den Augapfel [sic] eine solche Stellung, als wollten sie nach einem entfernten Objekt, etwa einem Stern sehen, der sich etwas über oder hinter der Stirn befindet. […] Noch sicherer wird bei manchen Individuen der Schlaf herbeigeführt, wenn sie in der nämlichen Richtung einen kleinen, hellen, von einer entfernten Lichtquelle beleuchteten Gegenstand mit anhaltender Aufmerksamkeit und bei etwas verhaltenem Athem fixiren.“ [21] Braid verwies unter anderem auch auf seinen schottischen Landsmann, den Physiker David Brewster, den Erfinder des Kaleidoskops, der an sich selbst erfolgreich diese Methode angewandt habe, um sich willkürlich in Schlaf zu versetzen. Die Beobachtung, dass Patienten sich gegenseitig wie beim „gewöhnlichen Mesmerisiren“ hypnotisieren können, war für Braid ein weiterer Beweis gegen die Annahme von „magnetischen Polen“ und einer Übertragung von magnetischen Kräften: „Ich habe einmal 22 Patienten sich im Halbkreis aufstellen und sich gegenseitig bei den Händen fassen lassen und sämmtliche 22 fielen rasch in Schlaf.“[22] Nach mesmeristischer Lehre, so Braid, hätten ja nur diejenigen in Schlaf versetzt werden können, in welchen sich die angebliche magnetische Kraft angehäuft hätte.

Als Wissenschaftler wollte Braid seinem Selbstverständnis nach induktiv vorgehen. Er beanspruchte für seine Lehre die Wahrheit: „Unter allen Umständen glaube ich annehmen zu können, daß meine Anschauungen einen Fortschritt bezeichnen und sich der Wahrheit mehr nähern als die Theorie der Mesmeristen und der Elektro-Biologen.“[23] Bei näherer Betrachtung der Braid’schen Lehre zeigt sich, wie scharfsichtig sie die Probleme der modernen Psychotherapie erkannte und deren Begrifflichkeit wie Suggestibilität, posthypnotischer Auftrag, Widerstand oder Autosuggestion vorwegnahm. Sie trug entscheidend dazu bei, das Menschenbild der modernen Medizin und darüber hinaus zu prägen. Der einzelne Organismus mit seinem Nervensystem als Schaltzentrale war nun die Grundeinheit, die scharf von seiner Umwelt abgrenzbar schien. Psychosomatik imponierte als bio-psychologisches Kräftespiel, das zwar von außen angestoßen wurde, aber immer im Einzelorganismus verblieb. Die Aufhebung seiner Individualität und Verschmelzung mit anderen, was für den Mesmerismus charakterisch war, schien völlig ausgeschlossen.


[1] Esdaile [1852], 1975, 222 f. [2] A. a. O., S. 223. [3] Cuvier, 1805, S. 107 f. [4] Esdaile [1852], 1975, S. 227. [5] A. a. O., S. 228: Fußn. [6] A. a. O., S. 230. [7] A. a. O., S. 231. [8] A. a. O., S. 233. [9] A. a. O., S. 234. [10] A. a. O., s. 235. [11] A. a. O., S. 236. [12] A. a. O., S. 238. [13] A. a. O., S. 35. [14] A. a. O., S. 59. [15] A. a. O., S. 54. [16] A. a. O., S. 58. [17] A. a. O., S. 271 f. [18] Braid, 1882, S. 164. [19] Hecker, 1865, S. 121. [20] Braid, 1882, S. 163. [21] A. a. O., S. 169 f. [22] A. a. O., S. 172. [23] A. a. O., S. 175.