Suggestion – Das Unbewusste als Zauberformel der Entzauberung [Überschrift und Motto für Kap. 15-21]

Seitdem die Welt besteht, ist sie [die moderne Suggestivtherapie] ausgeübt worden,  aber verknüpft mit den gröbsten Ausschweifungen der Unwissenheit, des Aberglaubens und des Betrugs, vesteckt wie eingesprengtes Gold mitten in einer dicken Schicht von taubem Gestein. Nichts anderes als Suggestivtherapie steckt hinter allem geheimen Kram der alten Magie, steckt noch jetzt hinter den magischen Künsten wilder Völker […]; sie war in den ebenso mannigfaltigen als unwissenschaftlichen Proceduren des thierischen Magnetismus enthalten, ja sie verbarg sich noch hinter den Hypnotisirmethoden Braid’s.[…]  Alle Wunder rühren von der menschlichen Phantasie her. Unserem Zeitalter blieb es vorbehalten, das volle Licht über diesen Gegenstand zu verbreiten, einen klaren Begriff der wissenschaftlichen Lehre von der Suggestion zu bilden, vor dem alle Verirrungen der Phantasie und alle Ausschweifungen des Aberglaubens, welche die arme Menschheit so lange verblendet haben, schwinden müssen.

Bernheim: Neue Studie über Hypnotismus,Suggestion und Psychotherapie (1892)[1]                   

 


[1] Bernheim, 1892, S. 15.

Advertisements

6. Kap./2 * Entzauberung als neue Verzauberung?

Die wissenschaftlichen Fortschritte der abendländischen Medizin werden im Allgemeinen mit dem Prozess der Entzauberung der Krankheit identifiziert. So heißt es in einer von Niklas Luhmanns Systemtheorie ausgehenden Studie: „Der Weg von supranaturalistischen zu naturalistischen Krankheitskonzepten war der Weg vom Theos zum Anthropos oder, systemtheoretisch formuliert, von fremdreferentieller zu selbstreferentieller Sichtweise des Daseins.“[1] Diese Vorstellung folgt der üblichen Auffassung, wonach sich die antike Heilkunde von ihren supranaturalistischen, d. h. theologischen und magischen Ursprüngen ab- und den naturalistischen Konzepten der Humoral- und Solidarpathologie zugewandt habe. Entzauberung wird somit als naturalistische Erklärung supranaturalistischer Konzepte verstanden. Das Aufblühen der Alchemie, Astrologie und natürlichen Magie in der frühen Neuzeit etwa erscheint in dieser Perspektive als Wiedereinführung supranaturalistischer Krankheitskonzepte, um „Nichterklärbares begreiflich zu machen.“[2] Kants Anthropologie wird als Herstellung der „Selbstreferenz“ des Menschen, seiner Autonomie, begriffen. Das selbstreferentiell operierende Bewußtsein habe dann – im Anschluss an die „Subjekt-Metaphysik“ von Schelling und Hegel – seine „aktuale Unendlichkeit im ‚Abgrund des Unbewußten’ (Luhmann)“ gefunden.[3]

Dieses glatte Verständnis von Entzauberung lässt allerdings deren aufregende Dialektik ganz außer Betracht. Wer von der Gegenüberstellung von supranaturalistischen und naturalistischen Konzepten ausgeht und dabei klar voneinander abgrenzbare Bereiche annimmt, kann Entzauberung nur als einen ein-linearen Prozess verstehen: Übernatürliche Krankheitsursachen werden als natürliche aufgeklärt, was „von außen“ (fremdreferentiell) kam, scheint nun „von innen“ (selbstreferentiell) zu kommen. In dieser Sicht erscheinen Alchemie und Astrologie im 16. Jahrhundert als Rückgriff auf supranaturalistische Konzepte oder der Mesmerismus um 1800 als irrationale, „spekulativ-mystische Theorie“.[4] Solche gegenläufigen Konzepte schienen also die bereits erreichte Entzauberung teilweise wieder rückgängig zu machen. Die Frage, ob und inwieweit Entzauberung per se nicht immer schon eine neue Art der Verzauberung darstellt, wird merkwürdigerweise ausgeblendet, obwohl sie sich nach meinem Eindruck aufdrängt und letztlich unabweisbar ist. Die Gegenüberstellung von Glauben und Wissen ist nicht so trennscharf, wie dies gerade jene Wissenschaftler annehmen, die sich dem Anspruch der Aufklärung und der Idee des wissenschaftlich-technischen Fortschritts verpflichtet fühlen. Der unliebsame Gedanke, dass die Wissenschaft, der man sich verschrieben hat, letztlich selbst ein religiöses Glaubensgebilde darstellen könnte, kann sich im Wissenschaftsbetrieb kaum artikulieren. Immerhin sprach Freud mit gewisser Selbstironie von „unser[em] Gott λόγος“, dem letzten Gott sozusagen, welcher der Wissenschaft geblieben sei.[5] Im Diskurs der Wissenschaften selbst spielte dieser Gedanke, der ein kritisches Sich-selbst-in-Frage-Stellen impliziert, allerdings kaum eine Rolle. Warum war (und ist) das so? Eine plausible Antwort wäre: Wissenschaft und Technik begriffen sich als Motoren des Fortschritts, die in der Tendenz frühere religiöse Jenseitsverheißungen und okkulte, magische Manipulationen im Diesseits erfüllbar und technisch herstellbar machten. Wenn Romantiker wie C. G. Carus noch von „Fernsehen“ im Sinne von Hellsehen, außersinnlicher Wahrnehmung entfernter Ereignisse, sprachen, scheint das „Fernsehen“ von heute als technisches Medium die somnambulen Ahnungen und Träume der Romantiker zu realisieren und in seiner Effizienz bei weitem zu übertreffen.

Entzauberung kann neue Verzauberung bedeuten. Letzterer können die Akteure nicht nur selbst unbewusst erliegen, sondern auch bewusst als Kalkül bei anderen einsetzen. Paradigmatisch für diese Strategie der neuen Verzauberung wäre das Handlungsmodell, das Friedrich Schiller im „Geisterseher“ entworfen hat (siehe oben). Für die Placebo-Problematik näher liegt das Beispiel der Suggestivtherapie, die Ende des 19. Jahrhunderts von dem französischen Internisten Hippolyte Bernheim klinisch etabliert wurde und die später noch eingehend dargestellt wird (Kap. 15). Ich möchte hier im Vorgriff auf den ausführlich abzuhandelnden Schlüsselbegriff der Suggestion aufzeigen, wie es zu einem Formwandel der Verzauberung kam und wie eng Verzauberung und Entzauberung beieinander liegen. So ist es hochinteressant, dass ausgerechnet Bernheim, der alle religiösen Rituale, magischen Praktiken und mesmeristischen einschließlich hypnotischen („braidistischen“) Manipulationen auf die Wirkung der Suggestion zurückführte und somit gewissermaßen entzauberte, selbst auf die von ihm entwerteten Methoden zurückgriff, ja zurückgreifen musste, um Behandlungserfolge zu erzielen. Der Placebo-Begriff war seinerzeit unbekannt, aber Bernheim erfasste die Problematik in aller Schärfe. So berichtete er, dass er bei Gegnern der Suggestion die „Suggestion ohne Hynose“ nicht anwende: „ich verberge die Suggestion unter irgend einem harmlosen Verfahren, wie Elektricität, Massage, einer Einreibung oder einem Medicament.“[6] Gerade die Elektrizität eignete sich als „versteckte suggestive Psychotherapie“, wenn die Suggestivtherapie durch „Gegensuggestionen von anderer Seite“ gestört wurde. Bernheims Vorgehen würde heute als „Placebo-Therapie“ eingestuft werden (Kap. 7). „Ich habe Schmerzen, Neuralgien, Krämpfe, nervöse Aphonie, functionelle Impotenz und Anderes durch suggestives Elektrisiren beseitigt, indem ich dem Kranken versicherte, dass ich ihn so heilen würde, […] bis dass ich die Idee der Heilung in seinen Geist eingeführt hatte. Was ich so geübt hatte, war nichts als versteckte suggestive Psychotherapie gewesen.“

Was Bernheim mit genialer Souveränität inszenierte, war die bewusste Anwendung von technischen Verfahren, die den wahren Charakter seiner suggestiven Psychotherapie verschleiern sollten, um die „Idee der Heilung“ in den Geist des Kranken einzuführen. Er griff nicht mehr auf die traditionellen religiösen oder magischen Verfahren zurück und verzichtete auch auf mesmeristische Manipulationen. Dafür setzte er in der zeitgenössischen Medizin gängige Heilmethoden ein, die nun die Stelle der „magischen“ oder „abergläubischen“ Behandlungsweisen einnahmen. Nichts anderes bedeutet Placebo-Therapie im modernen Zuschnitt. Bernheim schilderte ein Fallbeispiel, wie „durch die suggestive Anwendung des Santonins“ die Empfindung aufgehoben wurde, dass ein Spulwurm im Leibe aufsteigt.[7] Eine 17jährige Patientin hatte im Verlaufe eines „gutartigen Typhus“ einen Spulwurm erbrochen. Die Unterleibsschmerzen, die sich daraufhin einstellten, konnten durch Suggestionen beseitigt werden, nicht jedoch die Empfindung, ein Wurm steige zur Kehle auf. „Um den Wurm zu tödten oder richtiger die Vorstellungen des Wurms und die damit verbundenen Empfindungen zu entwurzeln“, verordnete Bernheim sechs Pillen des gängigen Wurmmittels Santonin. Die störenden Empfindungen verschwanden, ohne dass ein Wurm abgegangen wäre.

Seine „Beobachtungen von Suggestion durch Metallo- und Magnetotherapie“, die er neben der „Suggestion durch Medicamente, Instrumente, Elektrizität u. dgl.“ ausübte, sind bemerkenswert.[8] Drei frühe Krankengeschichten, in denen er Magnete einsetzte, dokumentieren Bernheims Behandlungsmethode, als er das Wort „Suggestion“ noch nicht geprägt hatte. Er habe damals im Jahre 1881dem Magneten eine Wirkung zugeschrieben, „die ich heute als eine rein suggestive auffasse.“ Wir wollen hier nur die erste dieser Magnetbehandlungen referieren. In dieser Krankengeschichte beschrieb Bernheim ausführlich, wie er bei einer Lumpensammlerin von 55 Jahren, die vier Jahre an einer rechten Halbseitenlähmung mit sensitiv-sensorieller Hemianästhesie infolge eines Schlaganfalls litt, durch den Magneten eine „allmähliche Heilung in einigen Tagen“ erzielte.[9] Er stellte eingehend den klinischen Zustand der Patientin und den neurologischen Befund dar. Durch das stundenlange Auflegen von zwei langen Magnetstäben abwechselnd an verschiedenen rechtsseitigen Körperregionen (Oberschenkel – Unterschenkel; Oberschenkel – Gesicht; Gesicht – Achselhöhle; Gesicht – Unterleib) konnte die schwere Symptomatik der vollständigen Hemianästhesie „vollkommen geheilt“ werden.[10] Zur Wiederherstellung der Geschmacksempfindlichkeit der Zunge gab Bernheim der Kranken „einen kleinen, hufeisenförmigen Magneten“ mit der Aufforderung, ihn auf die Zunge zu legen: „Nach Verlauf einiger Stunden war die Function wiederhergestellt.“

Die Interpretation dieser Magnetkur ist interessant. Es sei unzweifelhaft gewesen, dass die Hemianästhesie „an eine organische Erkrankung des Gehirns geknüpft war, und dass der Magnet sie zur Heilung gebracht hat.“[11] Wie er dies bewerkstelligen konnte, war für Bernheim plausibel: Die Erregung des Magneten würde den „peripherischen Eindrücken“ neue Wege eröffnen, indem er „die lebendige Kraft der sensiblen Erregung verstärkt.“ Folgendes Zitat zeigt, wie selbst Bernheim 1881 noch ganz im mesmeristischen Denken befangen war: „Der an die Peripherie angelegte Magnet steigert die lebendige Kraft dieser Bewegungen so sehr, dass sie im Stande sind, sich durch das nichterkrankte Nervengewebe hindurch einen Weg bis zu den Wahrnehmungscentren zu bahnen.“ Diese Kraft des Magneten, so merkte Bernheim nochmals in einer Fußnote an, fasse er heute „als eine rein suggestive“ auf.[12] Im Falle der Heilung einer hysterischen Anästhesie „durch suggestive Metallotherapie“ im Jahre 1889 setzte Bernheim, im Unterschied zur eben dargestellten Magnettherapie, bewusst eine Metallmünze als suggestives Hilfsmittel ein, um das Tastgefühlt und die Schmerzempfindlichkeit zunächst am Unterarm und dann durch hypnotische Suggestion am ganzen Körper wiederherzustellen.[13]

Auch der englische Psychiater Daniel Hack Tuke, dessen Urgroßvater und Großvater 1796 als Quaker das berühmte York Retreat gegründet hatten, antizipierte – weniger prominent als Bernheim – die Theorie des Placebo-Effekts. Seine „Studien über die Wirkung der Einbildungskraft“ sind in diesem Zusammenhang erwähnenswert.[14] In der gegenwärtigen Literatur zur Geschichte des Placebo-Effekts werden sie ebenso ignoriert wie in unzähligen anderen Studien zur Suggestion einschließlich der „Mentalsuggestion“ (Kap. 21). Tuke referierte im Vorwort einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1869, der die plötzliche „Heilwirkung eines Eisenbahn-Zusammenstoßes“ auf einen Rheumakranken schilderte. Er wollte zeigen, dass der Einfluss des Geistes auf den Körper nicht bloss das Vermögen besitzt, „bei gesunden Personen Störungen der Sinnesempfindungen, der Bewegung und der organischen Functionen zu erzeugen, sondern auch als Heilmittel gegen Krankheiten, in der Praxis, Bedeutung hat.“[15] Eindrucksvoll beschrieb er in einem eigenen Kapitel den „Einfluss des Geistes auf den Körper in seiner Anwendung auf die ärztliche Praxis“, eine meisterhafte Skizzierung des Placebo-Effekts.[16] Diesen begriff er als die „systematische Erregung einer bestimmten Erwartung oder Hoffnung bezüglich des guten Erfolges gänzlich wirkungsloser Substanzen“.[17] Die Hoffnung könne spezifisch geweckt und dirigiert werden, indem man den Kranken dazu bringe, „einen sicheren Erfolg von Arzneien zu erwarten, zu denen er Vertrauen hat, die aber vollständig wirkungslos sind.“

Tukes Überlegungen waren in den zeitgenössischen Diskurs über die Macht der Einbildung und die Heilkraft der Hoffnung eingebettet. Diese könne man zwar nicht erklären, aber sie seien ein mächtiger Hebel der Heilkunst. Dabei verwies er auf einen Autor namens Leslie, der einem hypochondrischen Patienten „Brodpillen“ gegeben habe und dadurch nicht nur dessen starke Verstopfung beheben, sondern ihn auch von seinen „krankhaften Vorstellungen“ befreien konnte. Offenbar stammte der Bericht von einem Schiffsarzt (naval surgeon), der den Einfluss der Naturheilkraft und der Imagination bei der Krankenbehandlung mit eigenen Fallbeispielen demonstrieren wollte.[18] Dieser wollte keine Erklärungen abgeben und schon gar keine Spekulationen anstellen: „Ich bin nicht genug Deutscher oder Metaphysiker, um mich in diese dunklen Gebiete zu begeben. Lieber gestehe ich meine Unwissenheit […]. Die Thatsache liegt vor mir, klar und unbestreitbar; und dies genügt mir.“[19]

Der schottische Internist John Forbes, Herausgeber der international bedeutenden Zeitschrift The British and Foreign Medical Review, gab die Empfehlung, unter Umständen Arzneimittel nur zum Schein, pro forma, zu geben. „Die Verordnung einfacher, schwacher oder gänzlich wirkunsloser Medicamente ist in allen Fällen anzurathen, wo Arzneimittel pro forma zu geben sind, um den Geist des Patienten zu befriedigen, und nicht in der Absicht, directe Heilwirkungen hervorzurufen.”[20] Schließlich zitierte Tuke auch James Braid (allerdings mit einer falschen Quellenangabe), der empfohlen habe, die Aufmerksamkeit auf eine betimmte Körperregion zu lenken und damit eine Amenorrhoe beheben konnte.[21] Im Konflikt zwischen Mesmerismus und „Braidismus“ ergriff Tuke für Letzteren Partei, wie fast alle Ärzte und Psychiater in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[22] Er benutzte in diesem Zusammenhang − übrigens ein Jahrzehnt vor Bernheim − ausdrücklich den Terminus „Psychhotherapie“ (psycho-therapeutics) (Kap.15).[23]


[1] Steinebrunner, 1987, S. 495. [2] A. a. O., S. 503. [3] A. a. O., s. 511. [4] A. a. O., S. 507. [5] Freud, 1927, S. 378. [6] Bernheim, 1892, S. 161. [7] A. a. O., S. 202 f. [8] A. a. O., S. 351. [9] A. a. O., S. 352. [10] A. a. O., S. 356. [11] A. a. O., S. 357. [12] A. a. O., S. 358. [13] A. a. O., S. 351 f. [14] Tuke, 1888. [15] Ebd., S. IV. [16] A. a. O., S. 265-286. [17] Ebd., S. 270. [18] Anonymus, 1847, S. 267. [19] Zit. n. Tuke, 1888, S. 270. [20] Zit. a. a. O., S. 271. [21] A. a. O., S. 272. [22] A. a. O., S. 276-286. [23] Tuke, 1872, S. 381-417.

6. Kap./1 * Der Topos von der Entzauberung

Nehmen wir zunächst noch einmal Max Webers Formel von der „Entzauberung der Welt“ etwas genauer in den Blick, wobei wir uns an dem Heidelberger Soziologen und Weber-Experten Wolfgang Schluchter orientieren wollen.[1] Möglicherweise ließ sich Weber bei seinem Schlüssselbegriff der Entzauberung von Emil Cohns pseudonym erschienenem Buch „Wagner oder die Entzauberten“ von 1913 anregen, als er selbst erstmals öffentlich von Entzauberung sprach.[2] Ihm ging es freilich nicht um die psychologische Entzauberung einer vergöttlichten Person, sondern um die Entzauberung langfristiger Prozesse der Kulturgeschichte, genauer gesagt: zweier Prozesse: „erst die Entzauberung der Welt durch Religion, dann durch Wissenschaft. In diesem zweiten Prozess aber wird die Religion selbst entzaubert.“[3] Freilich: „entzaubert kann nur werden, was einmal verzaubert war.“ (Schluchter) Der Mensch zeichne sich nach Weber dadurch aus, dass er sich selbst eine „symbolische Hinterwelt“ schaffe, die als eine Welt übernatürlicher Mächte anthropomorph vorgestellt werde.[4] Damit enstünden Seelen, Götter und Dämonen, „welche in die Geschicke der Menschen eingreifen können, ähnlich wie ein Mensch in die Geschicke seiner Außenwelt.“[5] Der erste Funktionär, der zwischen Welt und Hinterwelt vermittle, sei der Zauberer, der erste Charismatiker der Religionsgeschichte. Webers Unterscheidung zwischen Göttern und Dämonen, zwischen Religion und Magie oder Zauberei war einfach: Als „Götter“ würde man „diejenigen Wesen bezeichnen, welche religiös verehrt und gebeten, als ‚Dämonen’ diejenigen, welche magisch gezwungen und gebannt werden.“[6] Freilich seien die Übergänge fließend, merkte Weber an, auch der religiöse Kultus „enthält fast überall massenhafte magische Bestandteile.“

Die Verzauberung der Welt habe darin bestanden, dass mit allen möglichen Zaubermitteln, mit Zwang und Bestechung, auf die Hinterwelt eingewirkt werden sollte. Erst die Erlösungsreligion habe von diesem Zauber befreit und ‚unter Umständen in Wunder verwandelt.“ (Schluchter)[7] Das Wunder druchbreche die Naturkausalität und sein Wirken lasse sich nicht mehr naturalistisch deuten. „Jesus zaubert nicht, er tut Wunder, und dadurch zeigt er zugleich, dass er der von Gott Gesandte ist.“ So erscheint Verzauberung als Magisierung und Entzauberung als Entmagisierung. Letztere hat nach Weber – nachdem sie in der altjüdischen Prophetie begann und sich im hellenistischen wissenschaftlichen Denken fortsetzte – im „asketischen Protestantismus“ ihren Abschluss gefunden. Die Entmagisierung der Heilswege war für Weber ein Vorgang religiöser Rationalisierung: „die gänzliche Entzauberung der Welt war nur hier [im asketischen Protestantismus] in aller Konsequenz durchgeführt.“[8] Max Webers Clou war der Hinweis auf eine zweite Quelle der Entzauberung, nämlich das Entstehen der modernen Wissenschaft, die in der griechischen Philosophie ihre Wurzeln habe. „Jerusalem und Athen“, lautete die entsprechende Formel, die die „Spannung zwischen der Wertsphäre des religiösen Heils und der des denkenden Erkennens“ (Schluchter) zum Ausdruck brachte.[9] Schließlich habe nach Weber die Wissenschaft das Reich des Rationalen monopolisiert und die Religion – und damit auch Zauber und Wunder – vollends daraus verdrängt. Diese wissenschaftliche Weltanschauung lehne die Sinnfrage und damit jede Betrachtungsweise ab, „welche überhaupt nach dem ‚Sinn’ des innerwetlichen Geschehens fragt.“[10]

Im Gegensatz zum Monismus (Kap. 11) ging Weber jedoch nicht davon aus, dass die Wissenschaft die Religion ersetze bzw. ersetzen könne oder solle. Denn die Aufdeckung von Kausalzusammenhängen beantworte keineswegs die Frage, wie der Mensch leben solle. Die Entzauberung der Welt durch moderne Wissenschaft bedeute die Überzeugung, dass es „prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbare Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnung beherrschen könne.“[11] Insofern handele es sich hier um eine Absage an jede Form von Magie. Gleichwohl griffen viele Menschen nach wie vor zu magischen Mitteln, um ihr Leben zu bewältigen. Schluchter stellte hierzu fest: „Offenbar bringt die Entzauberung der Welt das Bedürfnis nach ihrer Widerverzauberung hervor.“ Der moderne Mensch sei in einem neuen Polytheismus, dem Kampf zwischen abstrakten Werten, unausweichlich verstrickt und müsse sich entscheiden, sein eigenes Schicksal wählen.[12] Die Wissenschaft kann einem nicht sagen, was man tun soll. Seinen Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ schloss Weber mit dem Postulat, man soll der Forderung des Tages menschlich und beruflich genügen, das bedeute „schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Faden hält.“[13] In einer solchen Redeweise lässt sich ein gewisses Bedürfnis nach Wiederverzauberung bei Max Weber herausspüren.

Es ist zu vermuten, dass sich bereits in vorgeschichtlichen Zeiten sowie in den frühen Hochkulturen Impulse der Entzauberung bemerkbar machten, die etwa gegen die Autorität der Priester- und Heilerkaste gerichtet waren und deren magisch-religiösen Riten als Betrug entlarven wollten. Solche Impulse konnten dann unter bestimmten Voraussetzungen zu Bewegungen anwachsen, welche die traditionellen Machtstrukturen in Frage stellten und umstürzten, um selbst wiederum Herrschaft auszuüben. Inwieweit sich so etwas beispielsweise im alten Ägypten oder Mesopotamien abspielte, kann ich wegen mangelnder Fachkenntnis nicht beurteilen. Eindeutig aber kann man bei der griechischen Medizin die Tendenz der Entzauberung ausmachen. So legt die hippokratische Schrift „Von der heiligen Krankheit“, die von der Epilepsie (im traditionellen Sinn von „Fallsucht“) handelt, explizit dar, dass diese Krankheit nicht heiliger oder göttlicher sei als andere, wie „Zauberer, Entsühner, Bettelpriester und Schwindler“ auch jetzt noch behaupteten: „Diese Menschen nahmen die göttliche Macht als Deckmantel ihrer Ratlosigkeit, weil sie nicht wußten, wie sie den Kranken helfen sollten; und damit ihre Unwissenheit nicht offenbar würde, brachten sie auf, daß diese Krankheit heilig sei“. Tatsächlich aber habe sie wie die anderen Krankheiten eine natürliche Ursache: „Schuld an diesem Leiden ist das Gehirn.“[14] Deshalb sei zu ihrer Therapie auch keine Zauberei nötig, diätetische Maßnahmen genügten. Damit ist jenes Argumentationsmuster vorgegeben, das im Laufe der Medizingeschichte immer wieder auftaucht und besonders im 18. Jahrhundert unter dem Vorzeichen der Aufklärung größte Bedeutung erlangte.

Die Entzauberung magisch-religiöser Auffassungen und Praktiken im Dienste der Wissenschaft berief sich auf „natürliche“ Gegebenheiten. In der frühen Neuzeit rückte dabei die „natürliche Magie“ in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung, wie wir im Einzelnen noch sehen werden (Kap. 29). Wir wollen hier nur einige wenige Beispiele aus dem Zeitalter der Aufklärung vorstellen, das den umwälzenden Entzauberungsprozess der Moderne einleitete und das oben angedeutete Argumentationsmuster illustriert. So wurde die bereits in der Antike entstandene Theorie vom destruktiven und Schmerzen verursachenden „Zahnwurm“, in der sich dämonologische und parasitologische Vorstellungen mischten, im 18. Jahrhundert experimentell widerlegt. Es zeigte sich, dass die traditionellen Räucherungen mit Bilsenkraut nicht zur Folge hatten, dass die vermuteten Würmer aus den Zähnen getrieben wurden. So konnte der Regensburger Superintendent und Naturforscher Jakob Christian Schäffer experimentell nachweisen, dass es sich bei den „eingebildeten Würmern“ um den Samen des Krautes handelte.[15] Ein weiteres Beispiel liefert das „Versehen der Frau“, wonach sich plötzliche oder schreckliche Gesichtseindrücke von Schwangeren direkt auf die Leibesfrucht übertragen könnten, womit Missbildungen bis hin zur sensationellen Geburt von Tieren erklärt werden sollten. Kein geringerer als der schweizerische Arzt und Naturforscher Albrecht von Haller verwarf diese Theorie von der mütterlichen Einbildungskraft als „Hirngespinst“. Er argumentierte vor allem neuroanatomisch und gab zu bedenken, „daß eine Verbindung von Nerven statt finden müßte, wenn sich von der Seele der Mutter Eindrüke auf ihre Leibesfrucht fortpflanzen sollten, und wir zu diesem Behuf in der Nabelschnur einen Nerven antreffen müßten, welchen aber auch die gespannteste Aufmerksamkeit der Zergliederer noch nicht hat entdeken können.“[16]

Sicher war das Zeitalter der Aufklärung auch eines der Entzauberung – aber eben auch der Wiederverzauberung, wie wir am Beispiel von Schillers „Geisterseher“ mustergültig erkennen können (siehe unten). Das Genre der Aufklärungsschriften blühte auf. So verfasste der evangelische Pfarrer Georg Wilhelm Wegner unter dem Pseudonym Tharsander eine Schrift zur „falsch berühmtem Kunst Alchimie“.[17] Wegner lehnte die Allheilmittel oder Universalmedizin ab, da sie der komplizierten Struktur des Körpers nicht gerecht werden könne: „Denn daß in dem menschlichen Cörper diese oder jene Würckungen geschehen können, kommt von seiner Structur und Beschaffenheit der Theile her. Daher kann man sich demselben als eine Machine, oder auch Uhrwerck vorstellen, die durch die Art ihrer Zusammensetzung gewiße Würckungen zu verrichten geschickt sind. […] Wer die Natur des Leibes stärcken will, muß seine verdorbene Structur wieder in Ordnung bringen, und den Schaden, der an den vielfältigen und verschiedenen Theile deßselben entstanden, heben und heilen.“ Es können flüssige oder feste Teile des Körpers verletzt werden: „wie wenn etwas an den Rädern, Zähnen oder andern Theilen einer Uhr bricht, sie nicht mehr ordentlich gehet, sondern stillstehen muß.“[18] In diesem Denken war kein Platz mehr für sympathetisch wirkende Medizin, etwa „einer gewissen Kugel, die in giftigen Kranckheiten unter das Haupt gelegt, alles Gift an sich ziehen, und davon kohlschwarz werden soll, durchs Feuer aber wieder gereinigt werden [soll].“[19]

Gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts, im Vorfeld und Umfeld der Französischen Revolution, konnte sich ein Prozess der Entzauberung unter der Hand als Prozess einer neuen, noch raffinierteren Verzauberung entpuppen. Medizinhistorisch besonders illuster ist der Massenexorzismus, wie ihn der in einer Pfarrei am Arlberg tätige katholische Pfarrer Franz Joseph Gassner in den 1770er Jahren in Süddeutschland ausübte. Sein Verfahren wurde offiziell von Franz Anton Mesmer, dem Begründer des „thierischen Magnetismus“, beurteilt. Seine sensationellen Kuren seien weder Betrug noch Wunder, so Mesmer, vielmehr offenbarten sie nur die Wirkungen des tierischen Magnetismus: Gassner sei „nichts als ein bloßes Werkzeug der Natur“.[20] Mesmers Lehrer an der Wiener Medizinischen Fakultät Anton de Haen, eine Leitfigur der so genannten Alten Wiener Schule, setzte sich zur selben Zeit in seinem Buch über die Magie („De magia liber“) kritisch mit Gassner auseinander. Seine Kommentare waren unvergleichlich bissiger als die Mesmers. Gegen Gott komme kein Teufel an, er allein genüge, uns an Leib und Seele gesund zu erhalten.[21] Er argumentierte im Sinne der Aufklärung, die gegenüber magischen Praktiken skeptisch eingestellt war und dies nach Möglichkeit desavouierte.[22] De Haen veröffentlichte zwei Jahre später ebenfalls ein Buch über Wunder („De miraculis liber“), indem er sieben Kriterien eines Wunders aufzählte, darunter die Notwendigkeit von anwesenden Zeugen.[23] Schließlich setzte er sich noch einmal ausführlich mit Gassner auseinander.[24] Voller Sarkasmus meinte er zum Schluss,  da dessen Werke weder von Gott noch von der Natur kämen, seien sie des Teufels („ut dicamus Gassneri portenta opera Diaboli esse.)[25]

Vor allem mit der künstlichen Elektrizität kam ab der Mitte des 18. Jahrhunderts die Mode auf, durch technische Tricks scheinbar magische Wirkungen zu erzielen und insofern einen „faulen Zauber“ zu veranstalten. Elektrische Schaustücke zur öffentlichen Belustigung waren verbreitet. In seinem einzigen, unvollendeten Roman „Der Geisterseher“ (1789) hat Friedrich Schiller diese neuen Möglichkeiten grandios verarbeitet.[26] Darin werden durch technische Tricks mit Hilfe elektrischer und optischer Apparaturen glaubhafte Geistererscheinungen für den naiven Romanhelden inszeniert, die dann von den üblen Drahtziehern ihm gegenüber als Tricks entlarvt werden, um sein Vertrauen zu gewinnen und ihn umso gründlicher hinters Licht führen zu können. Schillers Thema ist nicht die Entzauberung der Magie, sondern die Verzauberung durch eine Schein-Magie, deren Entzauberung ebenfalls nur zum Schein vorgenommen wird und letztlich auf eine unlösbare Verstrickung des Opfers abzielt. Dies art von Aufklärung stellte insofern eine Pseudo-Aufklärung dar, als sie befangen machen und gefangen nehmen sollte. Es ist viel darüber spekuliert worden, warum Schiller diesen Roman nicht vollendet hat. Die Gründe sind bis heute unklar. Eine mögliche Erklärung wäre, dass er – im Jahre der Französischen Revolution – die Verkehrung der Aufklärung zu einer gigantischen Verblendung, die ein Terrorregime zur Folge hatte, vorausahnte und vor dieser Ungeheuerlichkeit zurückschauderte. Eine harmlosere, jedoch wenig überzeugende Vermutung ist, dass er befürchtete, durch eine Fortsetzung seines Romans von den Lesern nur noch als Sensationsschriftsteller wahrgenommen zu werden.[27] Eine handfestere Erklärung lautet, Schiller habe wegen einer „Todesdrohung“ auf eine Vollendung seines Romans verzichtet.[28] Bis heute kreisen um Schilleres Nichtvollendung seines Romanfragments, fast wie um Mozarts Tod, geheimnisumwobene Spekulationen und mehrere Versuche wurde unternommen, es zu vollenden.[29] Ausgehend von Schillers „Geisterseher“ wäre im Hinblick auf unser Thema allgemein zu fragen, ob die angebliche Entzauberung der Magie im Kern nicht eine systematische Verblendung mit sich brachte, eine neue raffinierte Verzauberung, die sich als Aufklärung ausgab – eine bereits um 1800 sich abzeichnende „Dialektik der Aufklärung“ lange vor Horkheimer und Adorno.[30]

Der Begriff der (natürlichen) Magie war in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Nachklang zur romantischen Naturphilosophie und zum Mesmerismus durchaus noch positiv in Gebrauch. Als Musterbespiel könnte man hier die Monographie des Dresdner Arztes und Landschaftsmalers Carl Gustav Carus „Ueber Lebensmagnetismus und über die magischen Wirkungen überhaupt“ nennen.[31] Aber just zu dieser Zeit setzte der Umschwung zur pejorativen Verwendung des Begriffs ein: „Magie“ als Ausdruck von Aberglauben und Betrug. Dieser folgenschwere Bedeutungswandel des Magiebegriffs spiegelte sich in der populärwissenschaftlichen Literatur wider. So heißt es in technokratischen Aufklärungsschrift mit dem Titel „Die natürliche Magie“: „Dem Unwissenden scheint jeder Vorgang, der außerhalb seiner Beobachtungen liegt, als etwas Wunderbares, Geheimnißvolles und Unbegreifliches. […] Für den Naturkundigen gibt es kein Wunder in der gewöhnlichen Annahme des Ausdrucks.“[32] In diesem Sinne ließen sich alle wunderbaren Erscheinungen durch „Optik, Akustik, Chemie und andere Naturwissenschaften“ erklären. Entsprechend stellte der Autor dann den Mechanismus von Camera obscura, Zauberlaterne (Laterna magica), magischem Spiegel, Kaleidoskop, Bauchrednerei, Magnetismus und anderen Methoden im Einzelnen dar, um den im „Aberglauben“ Befangenen und vom Betrug Gefährdeten zu desillusionieren – ging es dem Autor doch darum, die wunderbaren Erscheinungen „unter ein Naturgesetz“ zu bringen.[33]


[1] Schluchter, 2010. [2] Ebd., S. 9 f. [3] A. a. O., S. 11. [4] A. a. O., S. 13. [5] Weber zit. ebd. [6] Weber zit. a. a. O., S. 15. [7] A. a. O., S. 17. [8] Weber zit. a. a. O., S. 21. [9] A. a. O., S. 22. [10] Weber zit. a. a. O., S. 23. [11] Weber zit. a. a. O., S. 25. [12] A. a. O., S. 27. [13] Weber zit. a. a. O., s. 28. [14] Hippokrates in Diller (Hg.), 1962, S. 134. [15] J. C. Schäffer, 1757. [16] Haller, 1782, S. 88 f. [17] Wegner, 1744. [18] Ebd., S. 418 f. [19] A. a. O., S. 477. [20] Mesmer, 1781, S. 29. [21] Haen, 1774, S. 315. [22] Cichon, 1971. [23] Haen, 1776, 18 f. [24] A. a. O., S. 194-208. [25] A. a. O., s. 208. [26] Schiller [1787/88], 1996;  Schott (Hg.), 1998, S. 345 ff. [Nachwort]. [27] Postma, 2010, S. 53 f. [28] Pitti, 2002. [29] Postma, 2010. [30] Horkheimer / Adorno [1947], 1980. [31] Carus, 1857. [32] Kottenkamp, 1847, S. 1. [33] A. a. O., S. 40.

# 6. Kap. „Entzauberung“ der Magie: Zur wissenschaftlichen Weltanschauung

Die „Entzauberung der Welt“ war für Max Weber das Wesensmerkmal des wissenschaftlichen Forstschritts. Die zunehmende „Intellektualisierung und Rationalisierung“ habe zu einem Wissen oder Glauben geführt, dass es keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge durch Berechnen beherrschen könne: „Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.“[1] Die Weber’sche Formel lässt sich auch auf die Medizin anwenden: Durch Entzauberung der religiösen und magischen Heilkunde ist Medizin nicht mehr auf Priester und Zauberer angewiesen, sondern kann durch naturwissenschaftliche Methodik auf berechenbare Weise Mittel und Techniken der rationalen Diagnostik und Therapie bereitstellen. In der Tat wurde der naturwissenschaftliche Umbruch der Medizin im 19. Jahrhundert von einer solchen Generalformel begleitet, die den „Okkultismus“ als historisch überwundene Weltanschauung entschieden zurückwies. So der Siegeszug der naturwissenschaftlichen Medizin als ein glorreicher Entzauberungsprozess gefeiert, auf den im Zusammenhang mit der Einführung der Suggestionslehre noch einzugehen ist (s. Kap. 15).


[1] M. Weber, 1922.