49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

Zum Mithören mein Video/Audio auf Youtube

Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

49. Kap./7* Karezza für die Sexualreform [+ Audio Podcast]


Magic of Nature Lecture 40 K 7:

I read the (German) text below, here is the Audio Podcast.

This chapter (49/7) is the source for a Paper in English, given at the Annual Meeting of the History of Science Society (HSS) in Chicago, November 9, 2014:

„Mesmerism, Sexuality, and Medicine: ‘Karezza’ and the sexual reform movement“

Wie wir bei der Darstellung der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin festgestellt haben, spielte der Begriff „Karezza“ dort praktisch keine Rolle und fehlte fast gänzlich in den entsprechenden Standardwerken (Kap. 47). Dasselbe trifft auf die populärwissenschaftliche und graue Literatur sowie auf gegenwärtige Internet-Quellen zu, wo „Karezza“ gegenüber dem Stichwort „Tantra“ bei entsprechender Suche nur eine winzige Trefferquote aufweist. Der Begriff wurde in Anlehnung an das italienische Wort carezza“ (Liebkosung) von der US-amerikanischen Frauenärztin, Lebensreformerin und Frauenrechtlerin Alice Bunker Stockham geprägt, die sich der Ehe- und Sexualreform verschrieben hatte. Sie war die fünfte Frau, die in den USA einen medizinischen Doktorgrad erwarb. Sie betrieb in Chicago eine ärztliche Praxis, wobei sie sich für Frauenheilkunde und Geburtshilfe spezialisierte. Sie war karitativ tätig, interessierte sich stark für spirituelle Fragen, praktizierte Homöopathie, engagierte sich beim Kampf gegen den Alkoholismus, diente angeblich als Trancemedium und war eine aktive Frauenrechtlerin (suffragette).[1] 1883 veröffentlichte sie ein Aufklärungsbuch über die Gesundheit der Frau: „Tokology. A Book for Every Woman“, das hohe Auflagen und Übersetzungen in mehrere Sprachen erlebte und zu einem Standardwerk wurde. Tolstoi, zu dem Stockham freundschaftliche Kontakte pflegte, war so begeistert, dass er eine Übersetzung ins Russische veranlasste und ein Vorwort verfasste.[2]

Anmerkung vom 18.02.2015:

Stockham besuchte Tolstoi in Russland und beschrieb ihre Begegnung mit ihm und seinem familiären Umfeld in ihrer Schrift: „Tolstoi, a Man of Peace“ (1900).

Siehe Supplementary News Blog.

Anmerkung vom 27.12.2016:

Was verband Stockham und Tolstoi? Zunächst die schonungslose Analyse des sexuellen Elends in ihrer Zeit, sodann die Idee einer spirituellen Befreiung daraus. Aufschlussreich ist „Die Kreutzersonate“ von Tolstoi.

Näheres siehe Supplementary News Blog.

Stockham war eine Anhängerin des New Thought Movement und nahm 1886 am ersten Christian Science-Kurs von Emma Hopkins in Chicago teil. Überhaupt waren viele namhafte Frauen in dieser Bewegung aktiv, wobei sich zwei Lager voneinander unterscheiden lassen. Die einen strebten eine Abkehr vom sexuellen Begehren an, während die anderen, zu den Stockham zählte, gerade diesem Begehren einen würdigen Ausdruck verschaffen wollten.[3]

1896 veröffentlichte sie im Selbstverlag ein Büchlein mit dem Titel „Karezza. Ethics of Marriage“.[4]

Anmerkung vom 29.04.2017:

Demnächst erscheint bei BoD — Books on Demand die zweite Auflage dieses Buchs (Chicago 1903) mit einen Epilogue von mir. Das Cover kann hier bereits angesehen werden.

Eine deutsche Übersetzung erschien bereits im folgenden Jahr. Wie der Übersetzer in seiner „Vorbemerkung“ hervorhob, gehöre die Autorin zu den „durch ihre Wissenschaft legitimirten seelsorgenden Leibärzten der Menschheit“.[5]Ein gewisser „Dr. Hartung, pract. Arzt in Hermsdorf u. Kynast, Schlesien“, ein Anhänger der biochemisch fundierten Ernährungslehre von Julius Hensel, lobte in seinem Vorwort die „einfachen, jeder Mystik baren Heilprinzipien und Ernährungstheorien“, ohne auf Stockhams philanthropischen, naturphilosophischen und religiösen Ansichten einzugehen.[6] Der bekannte schweizerische Lebensreformer und Naturist Werner Zimmermann übersetzte das Buch fast 30 Jahre später noch einmal mit der in der Jugendbewegung verbreiteten Kleinschreibung ins Deutsche, an der ich mich im Folgenden orientiere.[7]

Anmerkung vom 18.08.2016

Mehr zu diesem Buch und seinen Illustrationen von A. Paul Weber siehe mein Supplementary Blog.

Für Stockham lagen zwischen der gewöhnlichen Begattung und der Karezza-Vereinigung Welten, wie sich aus der Gegenüberstellung der beiden folgenden Zitate aus ihrem Buch ersehen lässt: „Der gewöhnliche hastige und krampfartige vorgang einer begattung, auf die man sich nicht längere zeit vorbereitet hat und wobei die frau die passive rolle spielt, ist ebenso unbefriedigend für den mann wie für die frau. Er ist schädlich für den körper wie für den geist. Er enthält in sich keine folgerichtigkeit als eine äußerung der zuneigung und ist häufig eine ursache der entfremdung und trennung.“[8] Im Kontrast dazu erscheint die Karezza-Vereinigung als befriedigend, gesund erhaltend und als Himmel auf Erden: „Während einer längeren zeit völliger beherrschung sind beide wesenheiten völlig ineinander getaucht und erleben eine unvergleichliche erhöhung in den geist. Das mag begleitet sein durch eine ruhige bewegung, die ganz unter der botmäßigkeit des willens stehen muß, so daß bei keinem der beiden der schauer der leidenschaft die grenzen eines angenehmen gefühlsaustausches überfluten kann. […] Bei gegenseitiger übereinstimmung und genügender zeitlicher ausdehnung führt ein solcher verkehr ohne samenerguß und ohne krisis zu völliger befriedigung. Im verlaufe einer stunde klingt die körperliche spannung aus, die geistige verzückung wächst und führt nicht selten zum schauen höherer welten und zum bewußten erleben neuer kräfte.“[9]

Anmerkung vom 18.08.2016:

Matthias Wendt hat in einem Kommentar zum Karezza-Buch von Stockham eine interessante Umschreibung für die Technik gefunden, siehe mein Supplementary News Blog.

Während die Ärztin Stockham als Ehe- und Sexualreformerin anerkannt war und weit über esoterische Zirkel hinaus auch international Beachtung fand, wurde die theosophische Mystikerin Ida Craddock, deren emanzipatorische Aktivitäten eine ähnliche Zielrichtung wie die von Stockham hatten und auf deren Karezza-Begriff sie sich explizit bezog, Opfer reformfeindlicher Kräfte und ihrer Justiz. Während Stockham als Philanthropin sozialmedizinisch argumentierte, wollte Craddock als theosophisch Erleuchtete die alltägliche sexuelle Gewalt des Mannes in der Ehe bekämpfen. Dabei erlebte sie offenbar die „Himmlische Hochzeit“ recht handfest (Kap. 45).

Auf den kategorialen Unterschied zwischen der „gewöhnlichen Begattung“ und der „Karezza-Vereinigung“ wiesen alle Autoren hin, die für Karezza als Methode des Geschlechtslebens plädierten. So heißt es in einem Buch des mir unbekannten Autors Cesare A. Dorelli (siehe auch unten) mit dem Titel „Karezza-Liebe“, dass bei Karezza-Liebenden eine „nie gekannte Glückseligkeit“ den ganzen Körper „überrauschen“ würde, nicht nur die erogenen Zonen: „Diese Seligkeit ist grundverschieden von der animalischen, triebgebundenen, mit der Ejakulation verknüpften Begattung.“ Die unwillkürliche Vollendung des Geschlechtsakts werde dann sogar als störend empfunden, als „liebesfremd“.[10] Karezza wolle nicht Abtötung, sondern Steigerung der erotischen Kräfte, die „gleichsam von ihrem Entstehungs- und Kristallisationsort gelöst werden, damit sie überall nach unserem Wunsch und nach unserer Vornahme zur Verfügung stehen.“[11] Es gehe hierbei um die „seelische Ejakulation“ anstelle des Orgasmus. Die „Sexual-Urkraft“ soll auf den ganzen eigenen Körper und den des Liebespartners überstrahlen, die Ejakulation werde „umgewandelt als seelische Flut, als Beglückung, die fühlbar den ganzen Körper des oder der Geliebten befruchtet, überflutet, beseligt, verjüngt, stählt, verschönt, für alle Schönheit der Welt und alles Glück der Erden aufschließt und bereitet.“ Schließlich steht die Utopie vom Neuen Menschen im Raum: Karezza solle aus Menschen „Götterkinder“ machen.[12]

Doch zurück zu Stockhams Originalschrift. Die Autorin verband in ihrer Argumentation einen vitalistischen mit einem spirituellen Grundsatz: Die „schöpferische Kraft“ oder „Energie“ kann und soll geistig beherrscht und gelenkt werden. Der Mensch könne frei und bewusst einen der beiden Pfade wählen, „den des geistes oder den der materie“.[13] Freilich seien Religion und Philosophie „erforderlich, um leidenschaft zu heiligen.“[14] Der Schlüsselsatz lautet: „Auf keinem andern gebiete kann beherrschung den menschen reicher belohnen als in der meisterung und heiligung der sexuellen energie.“ Durch „liebe, übung und selbstbeherrschung“ könnten auch Verheiratete durch „vereinigung ihrer beiden seelen“ diese „schöpferische energie“ bedeutend steigern.[15] Sie könne auch als Heilkraft eingesetzt und absichtlich geleitet werden, um „einen freund von kummer und schmerzen zu befreien.“[16] „Karezza“ bedeutet, so Stockham, „zuneigung in worten wie in taten ausdrücken“. Sie verstand den Begriff „als technischen ausdruck im sinne einer gemeisterten sexualverbindung.“[17]

Stockham beschrieb diese Liebestechnik ziemlich genau und grenzte sie von anderen ab, die man mit Karezza verwechseln könnte. Sie selbst hatte in ihrem Buch „Tokology“ irrtümlicherweise, wie sie schrieb, von „’Sedular Absorption’ (innere aufsaugung des samens)“, gesprochen.[18] Freilich sei bei Karezza kein Samen aufzusaugen, da ja „unter der herrschaft des willens der vorgang kurz vor der letzten stufe der samenausscheidung aufhört.“[19] Auch kritisierte sie den Ausdruck „’Male Continence’  (männliche mäßigung)“, da es bei Karezza ja ebenso auch um „weibliche mäßigung“ gehe. Für sie war Karezza „sinnbild einer vollkommenen vereinigung zweier seelen in der ehe, […] offenbarungen von kraft und stärke.“ Insofern handele es sich eher um eine „geistige als eine körperliche verbindung“. Karezza soll zum „geistigen wachstum“ beitragen und führe nicht „zu askese und unterdrückung, sondern zu verwendung und ausdruck.“[20] Stockham argumentierte wie alle zeitgenössischen Lebensreformer und Rassenbiologen ebenfalls naturalistisch und berief sich in Anlehnung an den englischen Evolutionstheoretiker Herbert Spencer auf die „wesensgesetze“, die zu befolgen Lust spende und die zu ignorieren Leiden verursache.[21] Sie betonte immer wieder, dass Karezza tatsächlich möglich sei und zitierte zum Beleg im Anhang des Buches aus Hunderten von Zuschriften einige „bestätigungen“.[22] Dass körperliche Begierden zu allen Zeiten dem Geiste untergeordnet werden könnten, sei eine „frage der erziehung, des wachstums in der erkenntnis der lebensgesetze − einer erkenntnis der macht des geistes“.[23]

Ohne im Einzelnen auf die seinerzeit wohlbekannten Techniken der Hypnose und Suggestion einzugehen, folgte Stockham deren Grundsätzen. Eine „selbstbbestimmende geistige tätigkeit“ könne unwillkürliche physiologische Körpervorgänge beeinflussen, überhaupt könnten alle physiologischen Funktionen und Lebensvorgänge durch bewusste Verstandestätigkeit beeinflusst werden.[24] Stockham kritisierte die Lehrmeinung, wonach diese automatisch funktionierten und starr festgelegt seien. Sie wusste um die Einbildungskraft, die man später dem „Placebo-Effekt“ zugeschrieben hat: „Der gedanke an ein reiz- oder arzneimittel hat eine ähnliche wirkung wie das mittel selber, wenn auch in geringerem Grade.“[25] Ihr ging es um „den höchsten sieg des willens über die sexualität“ und die „verwendung der schöpfungskraft“ zu erhabeneren Zwecken. Die Aufsaugung des männlichen Samens duch den Organismus sollte die „magnetischen, seelischen und geistigen kräfte des mannes stärken.“[26] Sie zog die Analogie zwischen Hoden und Tränendrüsen: „Ein mann kann vollkommen gesund sein, obschon er in fünf oder fünfzig jahren nicht ein einziges mal weint.“ Damit widersprach sie dem traditionellen Dogma, wonach die Aufstauung der Samenflüssigkeit schädlich sei (Kap. 47).

Karezza war in den Augen von Stockham ein Allheilmittel, dessen therapeutischer Wert „von keinem heilmittel der apothekerkunst und von keinem heilsystem“ erreicht werde. Sie besang das Ideal ehelicher Gattenliebe, eine „vereinigung in vollkommener freiheit und natürlichkeit.“[27] Letztlich ging es auch in ihrer Sexuallehre um die Erfüllung von Naturgesetzen, die „erfüllung des gesetzes“. Nicht Unterdrückung des Geschlechtstriebs, sondern Sexualität als Bestätigung der tiefen Verbindung des Menschen „mit dem weltganzen“, lautete ihr Motto. Karezza fördere „das wachstum an geist und charakter“ und ehre, verfeinere, verherrliche zugleich die Sexualfunktion.[28] Stockham war als praktizierende Ärztin in Fragen zu Ehe und Sexualität offenbar eine begehrte Ratgeberin. Die im Anhang ihres Buches abgedruckten Korrespondenzen belegen, dass sie zahlreiche Menschen dazu motiviert hat, die Karezza-Technik praktisch auszuüben. Stockham bezog sich auf eine Reihe von anderen Autoren, die um 1900 in den USA publizierten und von denen sie sich bestätigt sah. Offenbar war in diesem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ der Boden für Karezza günstig, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil dieses Konzept naturphilosophische, eugenische und religiöse Motive in sich vereinigte. So publizierte Stockham die bereits 1890 anonym erschienene Erzählung „The Strike of a Sex“ von George Noyes Miller, einem ehemaligen Mitglied der Oneida Community, aus der sie ausführlich zitierte.[29] Darüber hinaus verwies sie auch auf andere Vorkämpfer der Sexualreform wie Henry Wood (Kap. 17), Warren F. Evans und Ursula N. Gestefeld.

Millers Erzählfigur Immanuel Zugassent entdeckt die körperliche und geistige Wohltat durch die bewusste Kontrolle der Sexualfunktion. Der Autor stellte „Zugassent’s Discovery“ auf dieselbe Stufe wie die naturwissenschaftlich-technischen Neuerungen seiner Zeit, etwa Dampfmaschine, Elektrizität und Telefon.[30] Ja, sie stelle, so Miller, in ihrem Vermögen, die Summe des menschlichen Elends zu verringern, sogar die Entdeckungen eines Jenner, Harvey, Pasteur oder Koch in den Schatten.[31] Millers quasi religiöses Plädoyer für die geistige Disziplinierung des animalischen Triebs hatte vor allem das soziale Elend durch eine fehlende Geburtenregelung vor Augen. Zugleich stützte sich Miller auf die Praxis des Mesmerismus und Hypnotismus, deren Konzepte er, wie dies weithin in der Popularmedizin jener Zeit üblich war, nicht voneinander unterschied. Insofern hatte er eine sozialpolitische und sozialmedizinische Zielsetzung, die mit Stockhams Ansatz übereinstimmte. Wenn Zugassent meint, dass alle Erfahrungen „the power of the will over the involuntary processes of the body“ zeigten, so erinnert dies an James Braids zentrale Formel: „the power of the mind over the body“ (Kap. 17). Miller argumentierte im Sinne der Naturheilkunde und der Ehereform mit ihrem Ziel der bewussten Familienplanung. Die Verschleuderung von Lebens- und Nervenkraft durch sexuelle Unbeherrschtheit könnte eines Tages ebenso absurd erscheinen wie der allgemein praktizierte Aderlass in der Vergangenheit.[32] Anstelle einer solch abwegigen Gewohnheit solle der unschuldige magnetische Austausch (innocent magnetic exchange) zwischen den Ehepartnern treten, der auch als sexual magnetism bezeichnet wurde und zur höchsten spirituellen Entwicklung sowie zu „welfare and happiness of others“ führe und deshalb am Göttlichen teilhabe.[33] Die sexuelle Selbstkontrolle wird mit dem Verhalten eines Bootsmanns auf einem Strom verglichen, der zuerst stilles Wasser, danach Stromschnellen und schließlich einen Wasserfall aufweist. Es hängt nun vom Geschick des Bootsmanns ab, wie weit er sich in die Nähe des Wasserfalls vorwagt, ohne die Kontrolle zu verlieren und von diesem in die Tiefe gerissen zu werden – „confining his excursions to the region of easy rowing“.[34]

Anmerkung vom 22.05.2015:

Alice B. Stockham ist heute auch in Kreisen der Frauenbewegung weitgehend unbekkannt. Selbst dort, wo die Karezza-Methode explizit positiv gewürdigt wird, ist die nennung ihres Namens keineswegs selbstverständlich. Ein Beispiel ist die Schrift von Carmen Reiss „Orgasmus I“, siehe meinen Supplementary Blog.


[1] http://www.reuniting.info/wisdom/stockham_karezza (14.12.2010). [2] Sattler, 1999, S. 136. [3] Sattler, 1999: Graphik. [4] Stockham, 1896. [5] Stockham [1896], 1897, S. VII. [6] A. a. O., S. IX-XI. [7] Stockham [1896/1925], 1998. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 20. [10] Dorelli, 1961, S. 115. [11] A. a. O., S. 116. [12] A. a. O., S. 117. [13] Stockham, 1927, S. 10. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 17. [17] A. a. O., S. 18. [18] A. a. O., S. 20. [19] A. a. O., S. 21. [20] A. a. O., S. 22. [21] A. a. O., S. 23. [22] A. a. O., S. 77-102. [23] A. a. O., S. 24. [24] A. a. O., S. 25. [25] A. a. O., S. 26. [26] A. a. O., S. 31. [27] A. a. O., S. 57. [28] A. a. O., S. 58. [29] A. a. O., S. 90-94; Miller, 1905. [30] Miller, 1905, S. 109. [31] A. a. O., S. 103. [32] A. a. O., S. 111. [33] A. a. O., S. 118. [34] A. a. O., S. 113.

49. Kap./2* Sexualmagische Orden

Der schillernde englische Okkultist und Abenteurer Aleister Crowley lieferte skandalumwitterte Beiträge zur Sexualmagie. Er führte orgiastische Zeremonien in einem „weißen“ und „scharzen Tempel“ in seiner Wohnung in Schottland in der Nähe von Loch Ness durch. Er heiratete das Medium Rose Edith Kelly, durch deren Mund ihm angeblich Geistwesen das „Buch des Gesetzes“ diktierten. [1] Crowley interessierte sich stark für die Sexualmagie, die er als Magick bezeichnete, wobei das „k“ für das griechische Wort ktéis (Vagina) stehe. 1929 zog er die Summe seiner Philosophie in seinem Buch „Magick in Theory and Practice“, das sehr viel später auch in deutscher Übersetzung erschien.[2] Wir begegnen hier einem Sammelsurium von alten magischen Zauberformeln und -tricks, unterlegt mit kosmologischen und hermetischen bzw. kabbalistischen Ausführungen, ohne erkennbare Systematik und ohne Angabe von Quellen. Die magia sexualis wird nicht explizit erwähnt, auch von sexuellen Praktiken ist nirgends direkt die Rede. Crowley berief sich auf den Kerngedanken der magia naturalis, wie er im „Clavicula Salomonis“, dem sogenannten „Legemoton“ des Königs Salomon, einem anonym erschienenen Zauberbuch des 17. Jahrhunderts, formuliert wurde. Dort heißt es im ersten Teil, der „Goetia“: „Magie ist die Höchste, Unumschränkteste und Göttlichste Kenntnis der Naturphilosophie, fortschrittlich in ihren Arbeiten und wundervollen Operationen […]. Daher sind Magier gründliche und fleißige Erforscher der Natur; wegen ihres erlernten Geschicks verstehen sie es, wie eine Wirkung vorhergewußt werden kann, was dem gewöhnlichen Menschen wie ein Wunder erscheinen soll.“[3] Zugleich berief sich Crowley auf J. G. Frazers „Der goldene Zweig“, in dem die Analogie von magischen und wissenschaftlichen Konzeptionen der Welt hervorgehoben wurde. „In beiden ist die Abfolge der Ereignisse vollkommen regelmäßig und sicher, indem sie durch unwandelbare Gesetze bestimmt wird, deren Operation präzise vorhergesehen und berechnet werden kann.“[4]

Nachdem sich Crowley seinem „Großen Werk“ geweiht hatte, um „ein spirituelles Wesen zu werden“, wählte er – in Abgrenzung zu „Theosophie“, „Okkultismus“ und „Mystizismus“ – einen neuen Namen für seine Arbeit: nämlich „Magick“.[5] Wille, Gewalt, Selbstbehauptung und Selbsterkenntnis waren deren Kennzeichen. So heißt es in einem „Theorem“: „Magick ist die Wissenschaft, sich selbst und seine Bedingung zu verstehen. Sie ist die Kunst, dieses Verstehen in Handlung anzuwenden.“[6] Ziel war es, den richtigen, vom Schicksal vorgesehen Ort in der Welt zu finden. Wie die Ordnung der Natur „für jeden Stern eine Bahn“ vorsehe, so habe der Mensch standhaft „seine wahre Bahn“ einzuhalten.[7] Crowley wollte letztlich alle Menschen im Sinne seiner Magick verwandeln, sie durch seine praktische Methode befähigen, „sich selbst zu einem Magier zu machen.“[8] In diesem Zusammenhang kritisierte er die Freud‘sche Psychoanalyse, die das Leben missinterpretiere und das menschliche Wesen als „ein antisoziales, kriminelles und wahnsinniges Tier“ aufgefasst habe. Zentral war die Mikrokosmos-Makrokosmos-Theorie, wonach nicht nur die Aura des Naturforschers ein „magischer Spiegel des Universums“ sei, „sondern auch das Universum […] ein magischer Spiegel seiner Aura“.[9] Dementsprechend formulierte er die Zielsetzung des „magischen Rituals“: die Vereinigung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. „Das höchste und vollständige Ritual ist daher die Invokation des Heiligen Schutzengels; oder in der Sprache des Mystizismus, Einheit mit Gott.“[10] Da Gott über der Geschlechtlichkeit stehe, müsse der menschliche Mangel kompensiert, die „Balance wiederhergestellt“ werden, d. h.: Der männliche Magier habe jene weiblichen Tugenden zu kultivieren, an denen es ihm mangele. „Es wird dann für einen Magier rechtmäßig sein, Isis zu invozieren und sich mit ihr zu identifizieren“. „Invokation“ und „Evokation“ beschrieben traditionelle Techniken der magischen Rituale, der „Geisterbeschwörung“, auf die Crowley in eigenwilliger Diktion rekurrierte: „In der Invokation flutet der Makrokosmos die Bewußtheit. In der Evokation erschafft der Magier, zum Makrokosmos geworden, einen Mikrokosmos.“[11]

Der österreichische Experte für moderne esoterische Gruppierungen Ernst Thomas Hakl analysierte deren sexualmagische Praktiken. Er untersuchte vier Vereinigungen: die deutsche Bruderschaft Fraternitas Saturni, die von Eugen Grosche gegründet wurde; die Confraternita Terapeutica e Magica di Myriam und den Ordine Osirideo Egizio, die der italienische Okkultist Giuliano Kremmerz organisierte; die Gruppo di UR des italienischen faschistisch orientierten Esoterikers Julius Evola; und die Confrérie de la Flèche d’Or der in Paris wirkenden Russin Maria de Naglowska (siehe oben).[12] Wir wollen uns im Folgenden lediglich mit Eugen Grosche befassen, der sich 1925 von der Ordo Templi Orientis (O.T.O.) und damit von Aleister Crowley (siehe oben) lossagte und die Fraternitas Saturni gründete. Er war Buchhändler mit einem politisch sehr bewegten Leben: Als Kommunist floh er vor den Nazis in die Schweiz, wurde ausgeliefert, kam in Schutzhaft, wurde wieder freigelassen, trat der KPD bei, floh 1950 von Ost- nach Westberlin, weil er wegen seiner esoterischen Ansichten unter Druck geriet und baute dort die Fraternitas Saturni wieder auf, die er bis zu seinem Tod 1964 leitete.[13] In den 1920er Jahren publizierte er unter seinem Ordensnamen Gregor A. Gregorius „Magische Briefe“. Der „Achte Brief“ handelte von „Sexual-Magie“, der einen ausgezeichneten Einblick die spezifischen Sexualpraktiken gewährt.[14] Sicherlich kann aus dieser Schilderung noch nicht auf das Ausmaß der sexualmagischen Praxis der Fraternitas Saturni geschlossen werden. Hakl hat darauf hingewiesen, dass diese „Bruderschaft“ primär kein sexualmagischer Zirkel gewesen sei und im Unterschied zur O.T.O. Sexualrituale nur eine marginale Rolle gespielt hätten.[15]

Anmerkung vom 4.07.2016

Ein neue umfangreiche Studie zur Fraternitas Saturni ist kürzlich erschienen, Näheres siehe mein Supplementaries News Blog.

Gegorius begann mit einer These des stetigen kulturellen Verfalls, die dem Kulturpessimismus nach dem Ersten Weltkrieg entsprach: „Der kulturellen Entwicklung der Menschheit von dem Niveau der primitiven Völker bis in unsere Jetztzeit, in die heutigen Entwicklungsphasen, geht eine Verfallserscheinung unaufhaltsam parallel: der Niedergang der Sexualität in ihrer gesamten Auswirkung. Die reinen Urquellen des köstlichsten aller menschlichen Triebe sind verschüttet oder in unreine falsche Bahnen gelenkt.“[16] Während Christus in alchemistischer Manier als Hermaphrodit, Symbol des Steins der Weisen, gelobt wurde, verfiel das klerikale Christentum harscher Kritik: Seine „fanatische, irregeleitete Priesterschar zerstörte die alten Kulte fast restlos und damit die Blüte einer sinnlich-geistigen Kultur und Hochentwicklung der Menschheit. Jesus Christus, der selbst hermaphrodit war, über dem triebhaften Geschlechtstrieb stehend, hatte die lunare Beeinflussung gänzlich überwunden, und seine geistig-sinnliche Erotik schwang nur noch in subtiler Weise in der Freundeszuneigung zu seinem Lieblingsjünger Johannis.“[17]

Gregorius ging auf die Zeugung durch magische Imagination und kabbalistische Techniken ein und berief sich dabei auf Paracelsus, der auf die „iliastrische Zeugung“ hingewiesen habe, wobei „vorher eine zeitweise sexuelle Enthaltsamkeit nötig sei.“[18] Der Coitus interruptus sei für das Nervensystem beider Geschlechtspartner schädlich. Dagegen sei der Coitus reservatus „in der Form, daß die Ejakulation während einer berächtlichen Zeit zurückgehalten wird, innerhalb derselben die Frau mehrere Male Orgasmus haben kann, keineswegs schädlich, sondern gewährt vor allen Dingen der Frau volle Befriedigung.“ [19] Diese Methode solle „sorgfältig kultiviert werden“.  Im heraufziehenden „Wassermannzeitalter“ werde die veraltete Einehe überwunden und es komme zu einer neuen Ethik: „Wer erkannt hat, daß die dauerhafte Bindung an ein Weib durch dessen lunare Kräfte in den meisten Fällen nur den geistigen logischen Aufbau des männlichen Verstandes hindert, daß besonders die frühen Heiraten der frühzeitige Ruin der gesamten Mannespersönlichkeit auf physischer und psychischer Grundlage sind, wird das Eheproblem ohne weiteres lösen durch vollständige Verneinung der bürgerlichen Ehe überhaupt.“[20]

Gregorius gab eine interessante praktische Anleitung zur sexuellen „Bannmagie“.[21] Im Unterschied zur „niederen Magie“, die sich hypnotischer und magnetischer Kräfte des Menschen bediene, „arbeitet die Bannmagie unter Zuhilfenahm [sic] reiner Willensschulung nur mit der Vorstellungskraft und mentaler Wunschkraft des Magiers“, mit einer Einstellung, „die man als mentale Ekstase bezeichnet.“[22] Nach Herstellen des „Rapport“ durch „Handübertragung“ und Angleichung des Atems soll der Magier in stehender Position nacheinander durch seine Willenskraft den „Solarplexus“ (Oberbauch) sowie das „Geschlechts- und Intuitionszentrum“ (Genital- und Stirnregion) des liegenden „Mediums“ bestrahlen. (Abb. [i]) Die Zeichnung verdeutlicht, wie die genannten Zentren „in geistigen Kontakt“ kommen sollten: „Dein Geschlechtszentrum muß das Intuitionszentrum des Mediums hemmen, der Solarplexus das gleiche, während Dein Intuitionszentrum das Geschlechtszentrum des Mediums belebt.“[23] Auf diese Weise könne man sich ein Medium „derart heranbilden, daß sie durch bestimmte Handgriffe jederzeit körperlich in Katalepsie fällt.“[24] Die Od-Ausstrahlung des Magiers mache das Medium „willen- und bewegungslos ohne eigentliche Hypnose.“[25] Die Psyche sei derart zu schulen, um eine „sexuelle Hörigkeit“ zu erzielen, insbesondere „durch sorgfältig vorher gewählte Stunden, in denen du den Koitus mit dem Medium ausführst.“[26] Beim sexuellen Verkehr habe der Magier „stets die priesterliche Weihe“ zu wahren und dürfe „nie zum begehrenden Sinnessklaven des Weibes“ herabsinken. Im heutigen Sprachgebrauch würden wir eine solche Einstellung aus dem Blickwinkel männlicher Überlegenheit als Machismo bezeichnen.

Dies wird noch deutlicher bei Ejakulation und Sperma, die für Gregorius entscheidende Bedeutung hatten. Man solle bei dem „persönlichen, nicht magischen Zwecken dienenden Liebesverkehr“ nie innerhalb der Vagina ejakulieren und das Sperma „sorgfältig unter Beeinflussungs-Denkkonzentrationen auf dem Solarplexus des Weibes“ verreiben. Auch müsse das Medium dazu angehalten werden, regelmäßig „monatlich in den Tagen ihrer Reinigung ebenfalls unter beidseitiger Gedankeneinstellung“ das Sperma zu trinken − Gregorius drückte dies, wie seinerzeit in sexualkundlichen Texten nicht unüblich, auf Lateinisch aus: „spermam tuam biberet.“ Denn dann werde das Medium „vollständig mit Deinen Influenzen und Odstrahlen durchtränkt sein und nur dir allein gehorchen, so nicht nur als Weib, sondern auch in seinen astralen Spaltungen.“ Gregorius identifizierte das Sperma mit der „Prima-Materie der Alten“, wobei es ihm auf die „Influenz des lebensfähigen Sperma“ ankam. Jedenfalls war für ihn klar, dass es „für den Magier eines der wichtigsten magischen Hilfsmittel“ sei.[27] So seien Incubi und Succubi „aus den spermatischen Fluidalkräften von im Imaginationszustande befindlichen Menschen“ entstanden. Diese könnten sich jahrhundertelang durch Vampirismus am Leben erhalten. Daraus leitete Gregorius eine eigenartige Dämonologie ab. Er rechnete auch mit „Blutdämonen“, die sich von dem Menstrualblut nährten, „solange sie noch sexuell schwingen und von dem Schweiße der Genitalien.“ Das Sperma diente beim sexualmagischen Ritual als äußerst wichtiges Zaubermittel. Es solle, wenn es die die Vagina verlässt, mit Weingeist vermischt werden: „Also vollzieht sich die mystische Vereinigung innerhalb des gebildeten Gedankenwesens. Tränke das Pergament mit dem Weingeist und dem Sperma und menge dazu drei Blutstropfen deines linken Saturnfingers, dann trockne das Pergament über dem Rächergefäß und die Zeremonie ist damit beendigt.“[28]


[1] Alexandrian, 1983, S. 378 f. [2] Crowley, 1996. [3] Zit. ebd., S. XI. [4] Zit. ebd. [5] A. a. O., S. XIII. [6] A. a. O., S. VIII. [7] A. a. O., S. XIX. [8] A. a. O., S. XXI. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 7. [11] A. a. O., S. 9. [12] Hakl, 2008. [13] http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_A._Gregorius (23.04.2012). [14] Gregorius, 1927. [15] Hakl, S. 2008, S. 447. [16] Gregorius, 1927, S. 5. [17] A. a. O., S. 6. [18] A. a. O., S. 10 f. [19] A. a. O., S. 48. [20] A. a. O., S. 60. [21] A. a. O., S. S. 69-77. [22] Ebd., S. 69. [23] A. a. O., S. 70. [24] A. a. O., S. 72. [25] A. a. O., S. 74. [26] A. a. O., S. 75. [27] A. a. O., S. 77. [28] A. a. O., S. 94.


[i] Gregorius, 1927, S. 71; → Abb. Gregorius Bannmagie

# 49. Kap. Erotische Magie: Konkrete Utopien vom sexuellen Paradies

Sexualität erscheint heute in zweierlei Hinsicht enttabuisiert. Zum einen wird der Mensch als biologisch fassbares Triebwesen verstanden, der auch noch im letzten seiner Gemütswinkel vom Geschlechtstrieb bedrängt wird; zum anderen wird Sexualität als Bühne der öffentlichen performance benutzt, auf der der Mensch seine Bedürfnisse endlich offen ausleben kann. Damit geraten zwei Dimensionen des Eros ins Abseits: die von der biologischen Sexualsphäre scheinbar unabhängige Macht des Geistes und die existenziell-private Erfahrung des Erotischen. In der Medizin wird, wie wir gesehen haben, Sexualität biologistisch verengt und letztlich der Sphäre des Vegetativen zugerechnet, das sich unwillkürlich jenseits des menschlichen Geisteslebens abspiele. Ähnliches geschieht aber auch mit der individuellen Erfahrung des Erotischen, die hinter statistisch erfassten äußerlichen Parametern, etwa der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, aus den wissenschaftlichen Berechnungen verschwindet. Die magia naturalis implizierte jedoch, wie wir gesehen haben, durchaus erotische Momente, insbesondere in ihrer alchemistischen Variante. Der Naturforscher, der mehr oder weniger aus den Brüsten der Natura Milch saugte, oder die Konjunktion von Sonne und Mond bzw. Gold und Silber, die als kopulierendes Paar dargestellt wurde, sind Beispiele hierfür. Die sinnlich-erotischen Annäherungen an die vorgestellte Gottnatur geschahen am intensivsten in der mystischen Verschmelzung (unio mystica). Vor allem im Ausgang von altindischen religiösen Lehren entfaltete sich eine Tradition der Sexualmagie (magia sexualis), in der kosmisches Vereinigungserleben mit bestimmten Sexualpraktiken erreicht werden sollte. Die Zurückhaltung des Samens spielte hierbei eine zentrale Rolle.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie „magische“ Sexualpraktiken in einer Zeit propagiert und auch in die Tat umgesetzt wurden, als biologistisches Denken auch den Begriff der Sexualität beherrschte. Insbesondere soll die Technik der Karezza vorgestellt werden, die in der Lebensreformbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – wenn auch nur am Rande der Debatte über Sexualität – eine gewisse Bedeutung erlangte. Magia naturalis und magia sexualis sind kaum voneinander zu trennen. Letztere kann als die intensivste Stufe der Ersteren aufgefasst werden. In der Sexualität soll jene „Heilige Hochzeit“ (Kap. 45) aufscheinen, die in der unio mystica am eigenen Leib vollzogen wird. Gegenüber der herrschenden Auffassung einer biologisch fixierten Sexualität sind wir hier mit einem alternativen Ansatz des Sexuallebens konfrontiert, nämlich einem Sexualleben als einem geistigen Agieren, einem spirituellen Handeln, das nach Überzeugung der Promotoren dieser magia sexualis befreit und zugleich beglückt. Die Gratwanderung zwischen Scharlatanerie, Missbrauch und Verblendung einerseits und religiösem Wahn, Schwärmerei und Geisteskrankheit andererseits ist gerade auf dem Gebiet der Sexualität schwierig und gefährlich. Angesichts der „sexuellen Not“, die als conditio humana auch nach allen „sexuellen Revolutionen“ nicht verschwunden ist, erscheint diese Gratwanderung gleichwohl als konkrete Utopie verlockend.

45. Kap./6 * Hierosgamos in der Moderne

Die von der Theosophie inspirierte Braut-Mystik, insbesondere die Vereinigung mit Sophia, wie sie im Gefolge von Jakob Böhme zunächst von Johann Georg Gichtel geschildert wurde, erlebte im Kontext lebens- und sexualreformerischer Strömungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA eine beachtliche Renaissance. Sie ist andeutungsweise auch in der Vorstellungswelt der Heilsarmee (Salvation Army) zu finden, die 1865 in London gegründet wurde. Bilder können oft mehr über ideengeschichtliche Hintergründe einer Lehre aussagen als Texte und ihre Mehrdeutigket zum Ausdruck bringen. Als Beispiel sei hier eine in verschiedenen Auflagen erschienene Broschüre von Emma Booth-Tucker genauer betrachtet, der Tochter von William Booth, dem Gründer der Heilsarmee. (Abb. [i]) Das vorliegende Exemplar wurde 1904 veröffentlicht und trägt den Titel „Rules and Regulations for the Rescue Officers“. Man sieht eine bürgerlich gekleidete Frau im Türrahmen einer hell erleuchteten Pforte stehen. Am Fuße des Treppenaufgangs, den man als Himmels- oder Jakobsleiter deuten kann, steht eine junge Frau mit langem Kleid und einem Hut auf dem Kopf, die ihr Gesicht hingebungsvoll der obens stehenden Frau zuwendet. Diese hat ihre Handflächen auf die unten Stehende gerichtet, von denen Strahlen ausgehen. Auf dem Blatt ist zu lesen: „Light out of darkness comes, and the full glory Shines on Salvation’s sea, boundless and wide, Still in god’s mercy a limitless tide”. Die Frau in der Lichtpforte tritt hier als Medium zwischen der göttlichen Lichtquelle und der jungen Frau auf der Straße in Erscheinung. Sie übernimmt in gewisser Weise die Rolle der Natura. Zugleich deuten ihre Strahlenhände auf den Mesmerismus und die Übertragung des magnetischen Fluidums hin (Kap. 28). „Salvation’s sea“ und „limitless tide“ unterstreichen das mesmeristische Motiv. Insofern übernimmt sie die Rolle eines Magnetiseurs. Bei der in den 1870er Jahren gegründeten Christian Science wird der mesmeristische Hintergrund noch deutlicher: Mary Baker-Eddy wurde direkt von dem Magnetiseur Phineas Quimby, der sie als Patientin behandelte, beeinflusst − ein vielbeachtetes Thema in Religionsgeschichte und Esoterik, worauf wir hier nicht näher eingehen wollen.[1]

Einzelne esoterische Gemeinschaften und „Orden“ entwickelten außergewöhnliche und zum Teil als „magisch“ bezeichnete Sexualpraktiken, worauf das letzte Kapitel ausführlicher eingehen wird (Kap. 49). An dieser Stelle sei nur die Geschichte einer weniger bekannten Mystikerin erwähnt, die auf religiöser Grundlage höchst praktische Ratschläge für ein reformiertes Sexualleben propagierte: Ida Craddock. Streng puritanisch erzogen und schon von Kindheit an in  intensivem Bibelstudium geübt, wandte sie sich als junge Frau den bislang ausgeklammerten Themen wie Sexualität, Okkultismus und Freiheit im Allgemeinen zu.[2] Um 1887 beschäftigte sich Craddock mit theosophischen Themen und studierte alle möglichen Quellen zum Okkultismus. Neben der biblischen Tradition berücksichtigte sie auch hinduistische Lehren, griechische Philosophie und zeitgenössiche Auffassungen des Okkultismus. Einmal bezeichnete sie sich sogar als „Priestess and Pastor of the Church of Yoga“.

Sie behauptete, mit einem Engel namens Soph − wohl dem männlichen Pendant zu Sophia  − verheiratet zu sein, wie sie in ihrer Schrift „Heavenly Bridegrooms“ (Himmlische Bräutigame) darlegte, die der „Sexualmagier“ Aleister  Crowley (Kap. 49) in einer Besprechung 1919 in höchsten Tönen lobte: This book is of incalculable value to every student of occult matters. No Magick library is complete without it.“[3] Obwohl sie nie verheiratet oder öffentlich mit einem Mann liiert war, hatte sie zwischen 1889 und 1891 nach Auskunft eines Vertrauten zwei Liebhaber, die recht unterschiedlich waren.[4] Der erste konnte sie in seiner konventionellen Art sexuell nicht befriedigen, während der zweite, ein „heretical mystic“, mit der Karezza-Technik wohlvertraut war und durch sein Können Ida in eine bis dahin nicht gekannte sexuelle Ekstase versetzte. Sie interessierte sich zunehmend für Formen religiöser Sexualität, die sie eklektizistisch sehr unterschiedlichen kulturgeschichtlichen Quellen entnahm. Ihre diesbezügliche Schrift war mit „Lunar & Sex Worship“ betitelt. Das Kreuz, das auch weit über die Christenheit hinaus in allen Kulturen und Religionen der Welt als Zeichen beachtet werde, sei, so legte sie in einer Folgeschrift dar, grundsätzlich ein Symbol der sexuellen Vereinigung, das überall als Quintessenz jeglicher Religion verehrt würde.

Craddocks theosophische und spiritualistische Anschauungen standen in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu ihren sehr praktischen Ratschlägen für ein sexuell befriedigendes Eheleben. Was heute als „Vergewaltigung in der Ehe“ problematisiert wird, hatte sie als schreckliches Alltagserleben unzähliger Frauen vor Augen. Sie kannte aus einschlägigen Berichten das sexuelle Elend, das mit den Redeweisen von „Hochzeitsnacht“ und „ehelichen Pflichten“ umschrieben wurde. So verfasste sie emanzipatorische Aufklärungsschriften wie „The Wedding Night“ und „Right Marital Living“, in denen sie konkrete Ratschläge erteilte, die von ihren Feinden als obszön angesehen wurden und Anlass zu ihrer juristischen Verfolgung gaben. Sie betonte die Notwendigkeit der sexuellen Selbst-Kontrolle. Wer den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau erzwingt, ohne dass diese Verlangen danach verspürt, vergewaltige sie. Stattdessen empfahl Craddock, den Geschlechtsverkehr mindestens eine halbe bis eine Stunde andauern zu lassen, um der Frau genügend Zeit zu geben, zum Orgasmus zu gelangen. Das erigierte Glied sei abstoßend, eine „monstrosity“, wenn die Frau nicht entsprechend sexuell erregt sei. Umso mehr gelte dies für eine junge Braut: „how much more must the sight and touch of that apparent monstrosity in a man shock and terrify the inexperienced young bride!“[5] Sie empfahl, der Natur mit Einfühlungsvermögen beim Liebesspiel ihren Lauf zu lassen: „if you are patient and loverlike and gentlemanly and considerate and do not seek to unduly precipitate matters, you will find that Nature will herself arrange the affair for you most delicately and beautifully.” Sie beschrieb die physiologischen Reaktionen der Frau auf die Liebkosungen des Mannes, so dass sich die Erregung reflexartig von der Brüsten auf die Genitalien übertragen könne und die Vagina feucht werde. Der Penis könne dann nicht nur ohne Schmerzen, sondern mit einer Verzückung (rapture) eingeführt werden.

Craddock identifizierte sich bezüglich ihres himmlischen Bräutigams mit Maria, die ja ebenfalls durch einen solchen, nämlich den Heiligen Geist, befruchtet worden sei. Sie beschrieb drei Stufen der Initiation durch sexuelle Mittel: (1) Der „Alphaism“ als erste Stufe untersagte die geschlechtliche Vereinigung außer einer beabsichtigten Zeugung; (2) der „Dianism“ bedeutete die absolute Selbstkontrolle beim Geschlechtsverkehr, wobei in der ersten Phase die Ejakulation hinausgezögert und die Vereinigung unbegrenzt verlängert werden sollte, während in der zweiten Phase die Fähigkeit erworben werden sollte, durch die Ekstase des Orgasmus ohne Ejakulation zu kommen; auf der dritten und letzten Stufe sollte eine Vereinigung mit Gott (comunion with Deity) als dem „dritten Partner bei der ehelichen Vereinigung“ erzielt werden, wobei auch hier zwei Phasen zu unterscheiden seien: zunächst sei während der sexuellen Ekstase die Vereinigung mit Gott anzustreben, und sodann sei der Zustand der Freude zu erhalten, der Gott und den menschlichen Sexualpartnern durch diese Vereinigung zufließe. Craddocks spezielle Art, Brautmystik mit innovativer Sexualpraktik zu kombinieren, wurde vor allem in ihrer Schrift „Heavenly Bridegrooms“ deutlich.[6] Solche Himmlischen Bräutigame seien viel häufiger, als allgemein angenommen.

Sie wehrte sich gegenüber vehement vorgebrachten Verdächtigung: Entweder habe sie verbotene Erfahrungen gemacht und sei verdorben − oder sie sei schlichtweg verrückt. Sie identifizierte als die beiden himmlischen Bräutigame den Heiligen Geist und Christus, denen als Braut Maria bzw. die christliche Kirche gegenüberstand. Sie verwies auf Teresa von Avila, die Christus als Bräutigam der Seele verstanden habe, und auf den volkstümlichen Choral: „Jesus, Lover of my soul, / Let me to Thy bosom fly!“ Auch hob sie, wie viele andere, die religiöse Erotik im Hohelied Salomos hervor (siehe oben). Sie forderte ihre prüde Umwelt auf doppelte Weise heraus: spiritualistisch als angebliche Braut eines Engels und sexualreformerisch als Ratgeberin für einen befriedigenderen Geschlechtsverkehr. So stand sie mit einem Bein im Irrenhaus, mit dem anderen im Gefängnis und wurde von ihren Verfolgern gehasst, vor allem von dem selbsternannten Sittenrichter Anthony Comstock.[7] 1902 beging sie im Alter von 45 Jahren Suizid, nachdem man ihr angeboten hatte, ihr eine drohende Gefängnisstrafe zu erlassen, wenn sie sich für geisteskrank erklären würde.

Auch in Europa regte die Idee der Himmlischen oder Heiligen Hochzeit bestimmte  okkultistische Zirkel zu „sexualmagischen“ Praktiken an. So ging der Opernsänger und Okkultist Theodor Reuß, der vorübergehend auf dem Monte Verità aktiv war, in seinen religionshistorischen Betrachtungen auch auf die Heilige Hochzeit ein, insbesondere auf den hinduistischen Lingam-Yoni-Kult.[8] Offenbar handelt es sich hier um den ersten Teil eines geplanten Werks, dessen nicht erschienene „zweite Abteilung“ die Beziehungen des Lingam-Yoni-Kults zum Marienkult und den Symbolen der Rosenkreuzer behandeltn sollte.[9] Reuß war Mitglied und zum Teil Mitbegründer zahlreicher esoterischer Orden und ging recht unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Sein Buch „Lingam-Yoni“ entstammte nicht, wie auf dem Titelblatt angegebenen, „alten Geheimschriften eines Ordens“, sondern stellte eine Übernahme des 1889 in London anonym erschienenen Privatdrucks „Phallism: A Description of the Worhip of Lingam-Yoni“ dar.[10] Biographen mutmaßten, dass der Inhalt etwas mit dem „Geheimnis“ des Orientalischen Templer Ordens (Ordo Templis Orientalis, O.T.O.), den Reuß mitbegründet hatte, zu tun habe.[11] Treibende Kraft der Ordensgründung war der Wiener Fabrikant Carl August Kellner, der sich seit den 1890er Jahren mit Yoga-Techniken beschäftigt hatte. Er praktizierte in seinem Haus alleine oder mit seiner Frau „some form of tantric goddess worship“, wie die niederländische Religionswissenschaftlerin Albertina Nugteren mitteilte.[12] Allerdings seien in seinem Fall die biographischen Tatsachen von Fiktionen verdeckt, wie eine Urenkelin von Kellner monierte.[13] 1912 war in der „Oriflamme“, dem amtlichen Organ des O.T.O., zu lesen, dass der Orden die Schlüssel für „alle maurerischen und hermetischen Geheimnisse“ besitze, nämlich „die Lehre von der Sexual-Magie, und diese Lehre erklärt restlos alle Rätsel der Natur“.[14]    

Das Aufnahmeritual des O.T.O. war erotisch gefärbt. Der Aufzunehmende hatte es mit verbundenen Augen zu absolvieren. In einer Geschichte des Monte Verità heißt es: „Unklare Weihehandlungen, süßlich duftende Dämpfe, teilweise Entkleidungen, aufpeitschende Musik schufen eine Schwüle, die den Teilnehmern bald den Rest der Besinnung raubte. Sie gerieten in einen Taumel, durch den alles weitere Geschehen, das, bei Licht besehen, einfältig und schamlos angemutet hätte, sublimiert wurde. […] Manche ehrbaren Frauen gaben sich den Brüdern in Verzückung hin und waren später der festen Meinung, Gott sei der Vater ihres Kindes“.[15] Reuß galt als „Frauenfresser“, dem alle Frauen verfallen waren, was schließlich dazu führte, dass er den Monte Verità nach einjährigem Treiben 1917 verlassen musste.

Reuß berief sich auf tradierte Formen des Phallus-Kultes bei Indern, Griechen und Römern und das transkulturelle Symbol Lingam-Yoni, das die Geschlechtsvereinigung in Steinskulpturen zeigt, wobei Lingam (oder Linga) das männliche und Yoni das weiblich Geschlechtsorgan symbolisiert: „das Symbol der göttlichen sacti [sic]oder vereinigten aktiven Energien, die zeugende und gebärende Kraft, durch welche die ganze Summe der irdischen Wesen entsteht und besteht.“[16] Offenbar sollte dieser Bezug auf ehrwürdige kulturhistorische Zeugnisse die Dignität seiner „Sexual-Magie“ belegen. Eine besondere Bedeutung hatte die so genannte Linga-Puja-Zeremonie in Indien: „In jedem Dorfe ist ein Tempel, und in jedem Tempel ist ein Linga, gewöhnlich zwei oder drei Fuß hoch, der sich aus einer Art breiten Basis in konischer Form gerade zum Himmel emporhebt. Junge Mädchen, die Liebhaber oder Ehemänner zu bekommen wünschen, versammeln sich am frühen Morgen in diesen Tempeln zur Vornahme feierlicher Zeremonien und Anbetung der Gottheit. Diese Zeremonie wird ‚Linga-Puja’ genannt […]. Zuerst bespritzen die jungen Mädchen das Symbol mit Wasser aus dem Ganges […], dann dekorieren sie den Linga mit Guirlanden aus Tulvablumen, […] schließlich reiben sie ihren Unterleib gegen das Symbol und flehen die Gottheit an, sie fruchtbar zu machen.“[17] Da die Nachkommenschaft in Indien aus religiösen Gründen einen hohen Stellenwert habe, würden Ehemänner, deren Frauen kinderlos geblieben sind, in einen speziellen „Hochzeitstempel“ schicken, um zu Linga zu beten.[18] Reuss schilderte auch ausführlich die mythologisch und kulturhistorisch bedeutenden Projektionen von Linga und Yoni auf alle mögliche natürlichen und künstlich hergestellte Dinge, etwa die Vereinigung beider bei einem Schiff, wobei Yoni den Schiffskörper und Linga den Schiffsmast darstellt[19] − was an manche (vulgär-)psychoanalytische Symboldeutung erinnert.

In der libertinen französischen Literatur des 18. Jahrhunderts [wurde übrigens der Phalluskult bildlich dargestellt. Inwieweit hierbei indische Einflüsse eine Rolle spielten, sei dahingestellt. Die lasziven Illustrationen gehören zur Vorgeschichte der Pornographie, deren Begriff erst im frühen 19. Jahrhundert geprägt wurde. So ist auf dem Titelblatt des anonym veröffentlichten Gedichtbandes „Parapilla“, der von dem französischen Dichter Charles Bordes verfassst wurde, ein erotisches Fest mit nackten Frauen dargestellt. (Abb. [ii]) Sie beten einen blumenbekränzten Phallus mit Flügeln an, der auf einem monumentalen Sockel nach oben ragt. Über ihm hängt ein Blumenkranz, Symbol des weiblichen Geschlechtsorgans („Hymen“) und der Hochzeit, die in der griechischen Mythologie unter der Botschaft des Gottes Hymenaios stand. Eine analoge Illustration zeigt das Titelblatt des zweiten Teils französischen Übersetzung (Nouvelle Traduction de Woman of Pleasur [sic]) „von „Fanny Hill“, einem erotischen Briefroman von John Cleland, der erstmals 1749 in London erschien.[20]  (Abb. [iii]) Allerdings huldigen hier anstelle von Frauen Putten dem Phallus und umtanzen eine Blumengirlande tragend das Monument. Auch diese Illustration vermittelt den festlichen Charakter eines Ritus.

Moderne Okkultisten werteten die Heilige Hochzeit auf, indem sie auf tantrische und taoistische Lehren zurückgriffen. Hierbei ging es um Sexualpraktiken, die eine ekstatische Verschmelzung des Einzelnen mit dem Kosmos zum Ziel hatten. Ein wichtiges Moment war nach dem tantrischen Yoga die Praxis des maithuna. Hierbei sollte der Samen (des Mannes) beim Koitus zurückgehalten werden und dann rückläufig zum Scheitelpunkt des Gehirns aufsteigen und dort zur Erleuchtung führen.[21] Der Samen galt als Träger der Lebenskraft, der auch zur Heilung von Krankheiten und zur Langlebigkeit beitrug. Der Mann stand dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Frau hatte ihm als Instrument für seine Zwecke zu dienen, was soweit führte, dass nach dem Kult des Sahajiva sogar eine imaginäre Frau, ein succubus, die reale ersetzen konnte.[22] Im abendländischen Okkultismus wurden dagegen Techniken entwickelt, die beide Geschlechtspartner gleichermaßen befriedigen sollten, was nicht zuletzt auf die säkulare Sexualpraktik der Karezza zutrifft (Kap. 49).

Albert Camus schilderte in seiner Erzählung „Die Ehebrecherin“, wie eine ungeliebte und frustrierte Ehefrau, die verhärmt und erstarrt neben ihrem Mann dahinvegetiert, eines nachts unter nordafrikanischem Himmel ganz alleine eine Art himmlische Vermählung erlebt, die ihre Lebenslage völlig verändert. Diese poetisch wunderbar beschriebene unio mystica führt zum Orgasmus, der eine Erlösung der Frau von ihrer Not bedeutet. Der Ehebruch wird in einem quasi religiösen Akt der Hingabe an den Himmel, die Natur, die Nacht vollzogen: „Da begann mit unerträglicher Milde das Wasser der Nacht Janine zu erfüllen, es begrub die Kälte unter sich, vom geheimen Mittelpunkt ihres Wesens stieg es nach und nach empor und drang in ununterbrochener Flut bis in ihren von Stöhnen übergehenden Mund. Im nächsten Augenblick breitete der ganze Himmel sich über ihr, die rücklings auf der kalten Erde lag.“[23] Man könnte sagen: Janine gehört nun nicht mehr ihrem Ehemann, sondern dem Himmel.

Anmerkung vom 14. Mai 2015:

Auf die Besonderheit dieser Erzählung hat die Camus-Biografin Iris Radisch in ihrem großartigen Werk von 2013 hingewiesen — „der einzige Sexualakt im gesamten Œuvre Camus'“. Näheres in meinem Supplementary Blog.  


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_Science (9.02.2013) [2] Chappell, 1999.  [3]http://en.wikipedia.org/wiki/Ida_Craddock (31.05.2012) [4] Chappell, 1999. [5] Zit. ebd. [6] Craddock, 1918; http://www.idacraddock.com/bridegrooms.html (4.06.2012) [7] Chappell, 2010. [8] Reuß [1906], 1983. [9] Ebd., S. 128. [10] A. a. O., S. IV. [11] A. a. O., S. V. [12] Zit. n. Zander, 2007, S. 978. [13] http://www.parareligion.ch/sunrise/sigrid.htm (8.02.2013) [14] Zit. ebd. [15] Zit. a. a. O., S. IX f. [16] A. a. O., S. 55. [17] A. a. O., S. 60. [18] A. a. O., S. 63. [19] A. a. O., S. 73. [20] http://de.wikipedia.org/wiki/Fanny_Hill  (10.08.2012) [21] Alexandrian, 1983, S. 373. [22] A. a. O., S. 375. [23] Camus, 1966, S. 125.


[i] Satter, 1999, S. 24: figure 1; Quelle: The Salvation Army National Archives; → Abb. Pamphlet Booth Tucker [ii] Brunn, 1989, 2. Bd., S. 273; → Abb. Geflügelter Phallus [iii] Brunn, 1989, 1. Bd., S. 363; → Abb. Cleland 1777 Titelblatt mit Phallus

45. Kap./5 * Psychologisierung der Heiligen Hochzeit

Die umfassende Studie des evangelischen Theologen und Mystikforschers Gerhard Wehr zur abendländischen Geschichte der Heiligen Hochzeit lässt zweierlei erkennen: Zum einen – was der Autor im Blick hat – die tiefenpsychologischen Prozesse, die den betreffenden theosophischen, magischen oder alchemistischen Anschauungen zugrunde lagen; zum anderen – was der Autor nicht problematisiert – eine weitest gehende Reduktion der historischen Theorien und Praktiken auf  die von C. G. Jung geprägte tiefenpsychologische Interpretation.[1] Jung interessierte sich bekanntermaßen für die Auswirkung archetypischer Bilder im „kollektiven Unbewussten“ auf  das individuelle Seelenleben, seine sinnliche Wahrnehmung und Theoriebildung. Diese Fragestellung griff der Quantenphysiker Wolfgang Pauli im Dialog mit Jung (im Hinblick auf Kepler und Fludd) auf und widmete ihr eine eingehende Studie.[2] Wehr ging legitimerweise hinter Jung zurück und verweist auf die frühe Arbeit „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ des frühen Freud-Anhängers Herbert Silberer, der bereits lange vor Jung die psychoanalytische Deutungsmethode auf historische Überlieferungen der Alchemie und Mystik anwandte und somit – ursprünglich von der Freudschen Psychoanalyse ausgehend – die archetypische Tiefenpsychologie C. G. Jungs antizipierte.[3] Er stand am Anfang der von der Psychoanalyse Freuds angestoßenen Psychologisierung von Literatur und Kunst längst vergangener Zeiten. Seine Deutungen demonstrieren  beispielhaft wie das, was als Magie der Natur in der Ideengeschichte imponierte, nun im 20. Jahrhundert als Seelendrama ins Innere des Menschen verlegt und zum Gegenstand der Psychologie gemacht wurde.

Allgemein ist festzustellen, dass die Inhalte von Naturphilosophie, Magie und Alchemie im psychoanalytischen Diskurs einer radikalen Umdeutung unterzogen wurden. Sie gehörten nicht länger einer alles umfassenden kosmischen Wirklichkeit an, sondern waren auf die „psychische Realität“ beschränkt, wie der Freudsche Terminus lautete: sie waren zu einem Stück Psychologie geworden. Silberer behandelte das Thema „Heilige Hochzeit“ nicht explizit, befasste sich aber ausführlich mit der unio mystica, die ja unmittelbar dieses Thema berührt. Er unterzog die esoterische Erzählung „Parabola“ aus einer Schrift über die Rosenkreuzer, die im ausgehenden 18. Jahrhunderts erschienen war, einer psychoanalytischen Deutung. [4] Von vornherein bekannte er sich zu seinem „einseitigen“ Vorgehen: „Wir werden versuchen, die Erfahrung der psychoanalytischen Traumdeutung auf die Parabola anzuwenden und werden finden, daß diese, als Phantasieprodukt, bis in die Tiefen ihres Aufbaus dieselbe Struktur aufweist, wie die Träume. Ich wiederhole nachdrücklich: wir gehen bei dieser Untersuchung vorderhand höchst einseitig vor, indem wir uns bloß durch die Psychoanalyse leiten lassen.“[5] Da bei einem historischen Zeugnis eine direkte Psychoanalyse der Person nicht möglich sei, kämen nur drei „abgeleitete Methoden“ in Frage: (1) eine Vergleichung mit typischen Traumbildern; (2) die Berücksichtigung der völkerpsychologischen Parallele, nämlich die innere Verwandtschaft von Traum und Mythos; und (3) das „Schließen aus Struktureigentümlichkeiten des Traumes (Mythos, Märchens) selbst“.[6]

Silberer stieß auf einen eigenartigen Widerspruch: Einerseits führe uns die Analyse „Elemente eines rücksichts- und vernunftlosen Trieblebens vor Augen, die sich in den Phantasien der Parabola austoben“; andererseits sei die „Parabola“– Erzählung als alchemistischer Text „eine Anleitung zu mystisch-frommem Leben“. Silberer machte nun eine klassische Unterstellung, die der Psychoanalyse systemimmanent zu sein scheint: Er unterstellte, dass der Verfasser des Traktats sich selber im Unklaren darüber gewessen sei, was in ihm überhaupt vorgehe: „denn gleich wie der psychoanalytisch herausgelesene Inhalt der Phantasie ihm nicht deutlich vor Augen gestanden ist, so kann ihm möglicherweise auch der zu begehende mystische Weg bloß nebelhaft vorgeschwebt haben.“[7] Gleichwohl reduzierte Silberer seine Deutung nicht einzig und allein auf die psychoanalytische Methode. Vielmehr sah er drei Deutungsmöglichkeiten: (1) „Die psychoanalytische, die uns in die Tiefen des Trieblebens führt“; (2) „die mit ihr lebhaft konstrastierende hermetisch-religiöse, die uns gleichsam aufwärts zu hohen Idealen leitet und die ich deshalb fortan kurz die anagogische nennen werde“; und (3) „die naturwissenschaftliche (chemische), die sozusagen in der Mitte liegt“.[8]

Im Hinblick auf die unio mystica bezog sich Silberer vor allem auf den US-amerikanischen Offizier und Schriftsteller Ethan Allen Hitchcock, der sich intensiv mit der Deutung der Alchemie befasst hatte.[9] Silberer, der im Kreise der Analytiker als Träumer und Phantast galt, „wahrscheinlich ein feiner Dégéneré“, wie Freud einmal 1909 in einem Brief formulierte[10], hatte ein Gespür für mystisches Erleben und interessierte sich für die einschlägige Erfahrungs- und Erbauungsliteratur. Das „ethische Ideal“ des Mystikers sah er darin, „daß er mehr und mehr das beschränkte Ich abstreife und dafür die Eigenschaften Gottes in sich aufnehme, um zu Gott zu werden.“[11] Hierbei wurde für Silberer der Begriff der „Sublimation“ wichtig, den Freud − generell den Terminus „Sublimierung“ benutzend − bereits 1905 in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ eingeführt hatte. Silberer schrieb: „Die ethische Arbeit der Alchemie wie des gemeinen Lebens ist eine Sublimation; es ist wichtig, daß die Materia jeweils nur so viel aufnimmt, als sie sublimieren kann.“[12] Ausführlich zitierte er die Begegnung der englischen Mystikerin Jane Leade mit der göttlichen Sophia, die sich ihr als „Gottes ewige Jungfrau der Weißheit“ vorgestellt hatte (Kap. 29).[13] Er verstand sich wohl selbst als ein von der Alchemie inspirierter Mystiker, als ein Wanderer, dem erst „nach so mancher Zirkulation im philosophischen Ei“ ein Licht dämmere und der ein gewisses sanftes Feuer nicht vergessen dürfe, „das von Anfang bis zu Ende wirken muß: die Liebe.“[14] Im Gegensatz zu diesem Idealbild der geistigen Vervollkommnung endete Silberers Leben tragisch. Er erhängte sich 1923 im Alter von 40 Jahren „im Zustande geistiger Überreiztheit“, wie die Presse berichtete.[15]

An dieser Stelle sei die grundsätzliche Frage aufgeworfen, wie wir uns mit historischen Quellen auseinandersetzen wollen, die uns mit Tatbeständen konfrontieren, welche mit unserer heutigen Weltanschauung nicht kompatibel erscheinen. Die magia naturalis wäre eine solche fragliche Quelle. Die Antwort von modernen naturwissenschaftlich ausgerichteten Autoren ist eindeutig: Es handele sich um spekulative Phantasieprodukte, um Resultate kollektiver Suggestionen bzw. Autosuggestionen. Im Falle des hierosgamos und entsprechender sexualmagischer Rituale gab es von seiten der psychoanalytisch geschulten Autoren ein analoge Antwort: Es handele sich um Projektionen des Sexualtriebs. So tut sich heute angesichts des historischen Materials, das es zu bearbeiten gilt, eine fragwürdige Dichotomie der Perspektiven auf: nämlich die von „emischer“ und „etischer“ Betrachungsweise. „Emisch“ (emic) bedeutet aus Sicht des ursprünglichen Autors aus gesehen und „etisch“ (etic) aus Sicht des aktuellen Interpreten. Die Problematik dieser Aufspaltung sei an einem Beispiel erläutert. Der niederländische Hermetismus-Forscher Wouter Hanegraaff betonte in seiner Analyse der „mystischen Erotizismen“ bei Ficino und Bruno, er wolle eine „etische“ Perspektive entwickeln, die „mehr Sinn“ ergeben könne (that might help us make more sense of what we are studying).[16] Er wollte erklärtermaßen nicht bei einer Exegese stehen bleiben, sondern einen „kritischen“ Ansatz der Analyse und Hermeneutik verfolgen. Fast während des ganzen Mittelalters sei die spirituelle Liebe zu Gott (caritas) scharf von der bloß sinnlichen Liebe (cupiditas) unterschieden worden, seit dem 12. Jahrhundert aber habe im Kontext des ritterlichen Ideals der höfischen Liebe eine Vermischung stattgefunden. Die sinnliche Liebe sei in ein neues spiritiualisiertes Konzept „sublimiert“ worden, „were the male poet is entirely devoted of his idealized lady.“ [17] Dies würde heute als sadomasochistische erotische Beziehung mit der freiwilligen Sklavenrolle (submissive role) des Mannes eingeschätzt werden, wobei allerdings die Frau zur Zeit des Minnesangs als unerreichbares Wesen von überirdischer Vollkommenheit angesehen und verehrt, aber niemals berührt wurde. Durch das Leiden sei der Liebhaber gereinigt und schließlich auf jene höhere spirituelle Stufe gehoben worden, die die geliebte Frau repräsentiert habe.

Anmerkung vom 12.11.2014:

Die als Engelsfrau personifierte Caritas ist ein beliebtes Bildmotifv, das noch um 1900 benutzt wird. Beispiel ist die Skuptur „Amor Caritas“ von Augustus Saint-Gaudens.

Näheres im Supplementary News Blog:

http://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/12/anmerkung-zu-45-kap-5-psychologisierung-der-heiligen-hochzeit-caritas-als-engelsfrau-um-1900/

Soweit Hanegraaffs explizit „etische“ Betrachtung. Was entgeht ihr, was blendet sie aus? Den springenden Punkt! Nämlich das Auftauchen der „Göttin Natura“ im ausgehenden Mittelalter sowie die naturphilosophische Neuausrichtung der Ärzte und Naturforscher. Für sie wurde Natura als Frauengestalt zum Gegenstand einer neuartigen unio mystica (Kap. 36). Diesen wissenschafts- und kulturhistorisch einmaligen Umbruch in der Menschheitsgeschichte, der in der Renaissance gipfelte, als Verwandlung von sinnlicher in geistige Erotik begreifen zu wollen und dann von einer „verhüllten Erotik“, einem „verborgenen Geschlechtsverkehr“ auszugehen, greift zu kurz. Diese Auffassung bestätigt nur die biologistische Annahme, dass körperliche Wollust und Geschlechtstrieb (cupiditas) des Pudels Kern ausmachen und göttliche Liebe (caritas) nur ein Epiphänomen darstellt, zum „Überbau“ gehört, wie der marxistische Terminus lautet. Bei einer „kritischen“ Analyse, wie sie Hanegraaff fordert, stellt sich die Frage, inwieweit sie der Selbstaffirmation dient – etwa die Bestätigung psychoanalytischer Theoreme – und inwieweit sie die Selbstgewissheit des Interpreten in Frage stellen und verändern kann, zum Beispiel die für die moderne Sexualpathologie fundamentale Gegenüberstellung von „Homoerotik“ (Plato; Ficino) und „Heteroerotik“ (Bruno).


[1] Wehr, 1986. [2] Westman, 1984; Pauli, 1952. [3] Silberer, 1914.[4] Ebd, S. 7-17; Geheime Figuren […], 1785-1787, 2. Heft. [5] Silberer, 1914, S. 33.[6] A. a. O., S. 33 f.[7] A. a. O., S. 137.[8] A. a. O., S. 138.[9] Hitchcock, 1857. [10] Freud/Jung, 1974, S. 267. [11] Silberer, 1914, S. 213. [12] A. a. O., S. 214. [13] A. a. O., S. 237; Leade, 1697-1701, I, S. 14. [14] A. a. O., S. 258. [15] Neue Freie Presse (Wien), 12. Januar 1923; http://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Silberer#Biographie (18.06.2009). [16] Hanegraaff, 2008, S. 176. [17] A. a. O., S. 194.

45. Kap./4 * Celestial bed, die Heilige Hochzeit auf Erden [+Audio]

Audio on Youtube: http://youtu.be/vBpQ98e90yk

Wie bereits dargelegt, enthielt der Mesmerismus stark erotische Momente, die sowohl sexuelle Begierde als auch spirituelle Erleuchtung freisetzen konnten. Durch die Fluidumtheorie wurden magnetische Verschmelzungserlebnisse und Wollustgefühle beflügelt. Es ist jedoch nicht bekannt, dass Mesmer selbst oder einer seiner Anhänger den (körperlichen) Geschlechtsverkehr therapeutisch in sein Heilritual eingebaut hätte, obwohl immer wieder Kritiker des Mesmerismus bis zum heutigen Tag den sexuellen Missbrauch von magnetisierten Patientinnen durch ihre Magnetiseure unterstellten und anprangerten, wie dies in jüngerer Zeit der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist in seinem Mesmer-Roman getan hat.[1] Mit der Logik des Mesmerismus wäre sicher eine Art Paartherapie vereinbar gewesen, wie sie die moderne Sexualtherapie – freilich mit einem anderen Menschenbild – praktiziert. (Kap. 47) Es ist faszinierend zu beobachten, wie ein Zeitgenosse Mesmers die Idee der Heiligen Hochzeit in einem säkularen Ambiente aufleben ließ, das ausdrücklich mit religiösen Symbolen aufgeladen war. Der schottische Arzt James Graham wird in der Medizingeschichtsschreibung zumeist den Scharlatenen und Kurpfuschern zugerechnet. So hat ihm Roy Porter in „Quacks“ eine ausführliche Darstellung seines Wirkens gewidmet.[2] War Graham wirklich ein Quacksalber, “one of the most notorious quacks of the 18th century”?[3] Immerhin hatte er bei Robert Whytt und William Cullen in Edinbourgh Medizin studiert, welche erstmals die Neuropathologie ins Zentrum der medizinischen Krankheitslehre rückten und den Begriff „Neurose“ Ende des 18. Jahrhunderts in die medizinische Fachsprache einführten.

Die quellenreiche Studie der englischen Journalistin Lydia Syson über Graham versuchte, ihn von dem bis dahin vorherrschenden Geruch der Scharlatanerie zu befreien.[4] He was the world’s first sex therapist”, war in einer reißerisch aufgemachten Buchbesprechung zu lesen.[5] Der Koitus war für ihn ein elektrischer Vorgang (electrical operation), wobei die Männer den Pluspol und die Frauen den Minuspol darstellten. Demnach floss das heilsame Lebensfeuer (balmy fire of life), das balsamische, leuchtende, aktive Prinzip (balmy, luminous, active principle) vom Mann zur Frau.[6] Das Reiben der fleischig aussehenden Lederpolster an den Glaskolben der Elektrisiermaschienen mochte das Publikum an die weiblichen Geniatlien erinnern.[7] Graham predigte eine gesunde Lebensführung: frühes Aufstehen, körperliche Ertüchtigung, vegetarische Kost und vor allen Dingen die Hygiene der Geschlechtsorgane, insbesondere durch kaltes Wasser.[8] Er materialisierte sozusagen die 1780 in vielfältiger Weise elektrisierende Atmosphäre mit ihren Offenbarungen und Heilsversprechen in einer handfesten therapeutischen Einrichtung.

In London eröffnete er im Mai 1780 an prominenter Stelle einen Temple of Health and Hymen, der mit elektrischen und magnetischen Apparaten ausgestattet war. Musik, Düfte und Gase (im Sinne der pneumatic medicine), Elektrizität und Magnetismus wurden eingesetzt. Graham wollte damit vor allem Impotenz und Unfruchtbarkeit kurieren. Er hielt medizinische Vorlesungen, publizierte medizinische Ratgeber und verkaufte seine Arzneien wie etwa „Electrical Aether” oder „Nervous Aetherial Balsam”.[9] Gaham inszenierte Aufritte mit schönen jungen Frauen, welche die Rolle von Heilgöttinnen zu spielen hatten, darunter auch Emy Lyon, die später als Emma Hamilton bekannt wurde und – wohl in Anlehnung an die römische Göttin Vesta – als „Vestina“ auftrat und unter diesem Namen publizierte.[10] Grahams publikumswirksamer Auftritt und öffentlicher Erfolg in London waren mit denen Mesmers in Paris vergleichbar, wenngleich sich die Lebenswege der beiden Zeitgenossen fundamental voneinander unterschieden.

Grahams Hauptattraktion war das celestial bed, ein himmlisches Bett, das alle Attribute religiöser Dignität aufwies und als Ort des (ehelichen) Geschlechtsverkehrs diente, der als eine performance zur Imitation der Heiligen Hochzeit verstanden werden kann – ein polarer Gegensatz zu einer „Verrichtungsstätte“, wie der regulierte Straßenstirch im heutigen Amtsdeutsch heißt. (Abb. [i]) Graham verfasste selbst 1781 eine Werbebroschüre in Gedichtform, die in Fußnoten seine Behandlungstechnik ausführlich eräuterte und bestimmte Produkte wie imperial pills und aetherical balsam zum Kaufen anpries.[11] Gleichzeitig erschien eine satirische Gegendarstellung, ebenfalls in Versform, die Graham als Scharlatan entlarven sollte.[12] Die faszinierenden und zugleich provozierenden Ereignisse in dem und um das celestial bed sowie die öffentlichen Reaktion darauf wurden von Lydia Syson minutiös nachgezeichnet.[13] Das celestial bed war ein multimediales technisches Wunderwerk, wie ein rezente, nicht unbedingt exakte Konstruktionszeichnung erahnen lässt. (Abb. [ii]) Es war überwölbt von einer Kuppel mit Musikautomaten, Blumen und sogar einem lebenden Paar Turteltauben. „Ätherische Gase“ wurden eingeleitet. Eine Wippvorrichtung am Bett ermöglichte die opitmale Position für die Konzeption, die Beischlafbewegungen setzten himmlische Orgeltöne (celestial sounds) frei, welche die Inbrunst der geschlechtlichen Begegnung widergeben sollten. Die elektrische und magnetische Installation wurde von 40 Kristallpfeilern abgeschirmt. Am Kopfende über einem Glockenspiel, das „Hymen“, den Gott der Hochzeit, feierte, waren die mit elektrischen Funken illuminierten biblischen Worte: „Be fruitful, multiply and replenish the earth!“ zu lesen.[14]

Graham wird heute als „erster Sexualwissenschaftler“ (sexologist) oder „erster Sexualtherapeut“ gefeiert. Sicherlich ist es richtig, ihn vom pauschalierenden Verdikt der Scharlatanerie und Quacksalberei zu befreien (siehe oben). Mit der modernen Sexualtherapie hat er vielleicht so wenig und so viel zu tun wie Mesmer mit der modernen Psychotherapie und Psychoanalyse: Nach wissenschaftlicher Dogmatik nichts, in phänomenaler Hinsicht sehr viel. Auffälligerweise erwähnte Graham Mesmers Namen mit keinem Wort, obwohl er ihn während seines Pariser Aufenthalts 1779, bei dem er wissenschaftliche Berühmtheiten wie Benjamin Franklin traf, kaum ignorieren konnte, da Mesmer damals schon öffentliche Aufmerksamkeit erregte.[15] Möglicherweise wollte Graham vermeiden, mit Mesmer in Verbindung gebracht zu werden, gegen dessen magnetische Praxis bereits feindselige Artikel in medizinischen Journalen erschienen waren. Nach Syson sind jedoch die medizinischen und wissenschaftlichen Parallelen zwischen den beiden Ärzten unübersehbar, die dramatische Inszenierung, die Übertragung natürlicher Heilkräfte, die Anziehung eines heterogenen Publikums und die Denunziation als Scharlatan.[16] Die Unterschiede zwischen beiden sind jedoch ebenfalls signifikant: Mesmer suchte die wissenschaftliche Anerkennung und war wohlhabend genug für seine aufwendigen Inszenierungen, während Graham als einsamer Exzentriker kaum Anhänger gewinnen konnte und seine Projekte stets seine Besitzverhältnisse überforderten.

Das Spannende an Grahams celestial bed ist weniger die (vermutete) Antizipation der modernen Sexualtherapie, als vielmehr die Gemengelage von apparativer Technologie, naturphilosophischen Anschauungen, mythologischen Personifizierungen und religiösen Maximen. Der Temple of Health and Hymen war von Graham nicht als witzige Karikatur gedacht, wie er als solche gerne belächelt worden ist. Vielmehr sollte er im Verständnis seines Schöpfers einen sakralen Raum in einer säkularen Umgebung bilden, in dem so etwas wie Heilungswunder geschehen konnten. Selbstverständlich war diese Inszenierung assoziativ verknüpft mit dem antiken Asklepioskult, in dessen Tempel im Innersten (abaton) das Bett (kline) für die „Inkubation“, die mystisch-traumhafte Begegnung mit dem Heilgott stand. Im Unterschied zu diesem Heilkult kreierte Graham jedoch eine handfeste Imitation der Heiligen Hochzeit, indem er die menschliche Hochzeit in himmlische Gefilde erhob und zugleich die himmlischen Mächte ins irdische Geschäft involvierte. Insofern ist das „Himmelbett“, das heute in manchen Romantikhotels für verliebte Paare angeboten wird, nur ein schwacher Abglanz von Grahams celestial bed.

Grahams erotische Phantasie war in seiner Zeit keineswegs singulär. Freilich ist niemand in ihrer öffentlichen Realisierung so weit gegangen wie er. Die Stilisierung des wollüstigen Geschlechtsverkehrs als himmlische Hochzeit war vor allem im französischen „erotischen Jahrhundert“[17] verbreitet, was die Illustrationen zu libertinen Schriften belegen, von denen einige in London publiziert wurden. So enthält das illustrierte Buch des französischen Schrifstellers und Juristen Nicolas Chorier „L’Académie des dames“ eine Serie von erotischen Dialogen.[18] Die Mischung von purer Sexualtiät und mythologischer Sinngebung zeigt eine Abbildung besonders deutlich. (Abb. [iii]) Die Konstellation und Lokalisierung des kopulierenden Paares zeigen Merkmale einer himmlischen, heiligen Hochzeit: Der gekrönte Mann als König, das als Blumenkrone erscheinende gewellte Haar der Frau, ihr Liebeslager in himmlischen Wolken, der den Geschlechtsakt beobachtende Phönix, mythologisches und alchemistische Symbol der Wiedergeburt. Eine ganz ähnliche Situation zeigt eine Illustration aus der französischen Übersetzung des erotischen Briefromans „Fanny Hill“ von John Cleland, die 1776 in London erschien − freilich nun im Stil des Rokoko.[19] (Abb. [iv]) Unter der Überschrift „Les joies célestes“ zelebriert ein himmlisches Paar die „himmlischen Freuden“ vor strahlender (aufgehender) Sonne auf einer Wolke. Es handelt sich dabei wohl um den geflügelten Merkur (Hermes) und Venus (Aphrodite), die eine sie schmückende Blumengirlande mit der linken Hand hält. Man müsste hier Ikonographie und Lesetext miteinander vergleichen. Vermutlich spiegelt sich im libertinen (pornographischen) Text die mythologisch-kosmologische Aussage des Bildes nicht wider, ein Widerspruch, der sich bei Buchillustrationen immer wieder zeigt.

Dies mag auch auf eine Illustration aus dem französischen Roman „Thérèse Philosophe“ zutreffen, der erstmals 1748 anonym erschien.[20] (Abb. [v]) Die Geschichte geht auf einen Prozeß in den 1730er Jahren zurück, in dem ein Jesuitenpater angeklagt worden war, sein Beichtkind verführt zu haben. Das Frontispiz zeigt eine naturphilosophisch aufgeladene Szene. Ein kopulierendes Liebespaar liegt in idyllischer Natur, von einer großen Blumengirlande gemeinsam umgürtet, vor einer Pyramide, auf deren Spitze ein Phallus steht, worauf ein Puttenpaar tanzt. Auf der linken Seite der Pyramide lehnt eine erhabene Frauengestalt mit einer Sternengloriole. Sie richtet mit ihrem rechten Unterarm einen Spiegel auf das Liebespaar, dessen Strahlen den Jüngling treffen, der Gesicht und Oberkörper der spiegelnden Frau zugewandt hat. Auf dem Spruchband unterhalb des Bildes ist zu Lesen: „L’homme baise la volupté par gout / il aime la Philosophie par raison“. Hier erscheint also die personifizierte „Philosophie“, die als Himmelskönigin mit Sternenkrone und Spiegel zugleich Merkmale der Natura und Maria aufweist. Die Inschrift auf der Pyramide „Voluptas hominis felicitas“ ist als Mahnung an den Mann zu verstehen, die „Philosophie“ mit seiner Vernunft (raison) zu lieben und die Glückseligkeit nicht nur in der Wollust (volupté) zu suchen. Man könnte die Illustration auch als Botschaft interpretieren, über dem Geschäft des irdischen Geschlechtsverkehrs nicht die „himmlische Hochzeit“ mit Sophia zu vergessen.


[1] Enquist, 2002. [2] Porter, 2001, S. 140-159. [3] http://www.museumofhoaxes.com/graham.html (9.05.2012) [4] Syson, 2008. [5]http://www.dailymail.co.uk/femail/article-1058583/Doctor-love-A-new-book-tells-tale-Dr-James-Graham-sex-clinic-scandalised-18th-century-society.html (21.05.2011) [6] Syson, 2008, S. 4. [7] A. a. O., S. 5. [8] A. a. O., S. 6. [9]http://en.wikipedia.org/wiki/James_Graham_%28sexologist%29 (17.11.2009) [10] Vestina, 1782. [11] J. Graham, 1781. [12] Hailstone, 1781. [13] Syson, 2008, 161-194. [14] Gen 1,28: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde“. [15] Syson, 2006, S. 135. [16] A. a. O., S. 137 f. [17] Jacobson, 1989. [18] Chorier, 1691. [19] Cleland, [1749], 1776. [20] http://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9r%C3%A8se_philosophe (11.08.2012)