49. Kap./9* „Mischung von Erotik und Mystik“ [+ Audio]

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Auch bei der „sexuellen Revolution“ und der Studentenbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entfalteten, spielte die Karezza-Idee keine nennenswerte Rolle. Die wenigen Publikationen waren in einem idealistisch-pädagogischen Tonfall verfasst und erreichten die Masse nicht, wenngleich einschlägige Schriften von Cesare A. Dorelli (zu dessen Biografie keine Informationen vorliegen, möglicherweise ein Pseudonym) zwischen 1955 und 1975 zahlreiche Auflagen erlebten. Er idealisierte die „Karezza-Liebe“ als „Himmel auf Erden“.[1] Denn „Karezzakraft ist Lebenselixier und Jungbrunnen in einem.“ Die kosmische Dimension wurde vom Autor in den Vordergrund gestellt. Es gehe um die Liebe, bei der die Liebenden „sich völlig dem anderen verschenken, indem sie sich selbst aufgeben, und ihm das Größte geben, das sie besitzen: Die vom Himmel stammende, geläuterte, schöpferische Kraft, die im Sexualorgan zentralisiert ist, aber durch Wunsch, Gefühl und Liebe gelöst und auf den ganzen Körper verteilt und auf den Liebespartner übertragen werden kann.“[2] Diese Ausbreitung der Karreza-Kraft auf den ganzen eigenen Körper und ihre Übertragung auf den des Liebespartners standen im Mittelpunkt der Technik. Ihr ging es um Aufsaugen, Umgestalten, Überströmen, um „eine Art Magnetismus, der von einem zum anderen überstrahlt.“ Freilich: „Die Gegenseitigkeit der Strahlungs-Aufnahme (also nicht nur der Überstrahlung) ist eine gebieterische Notwendigkeit.“[3] An anderer Stelle wird Karezza als „beiderseitiges, unbegrenztes Verströmen des Liebesodems“ bezeichnet, sodass die Liebe und Seligkeit mit jeder Karezza-Umarmung wachse.[4] Die betreffende Erbauungsschrift predigte die Erlösung vom irdischen Elend und das Erreichen geistigen Heils mittels dieser sexuellen Technik. Der Mensch solle zu einer anderen Persönlichkeit, der Liebespartner zu einem „kosmischen Partner“ werden.[5] Es gehe um „den Weg nach oben“, um die „Erhöhung“ des Menschen, „den Weg ins Paradies“.[6]

Neben den Publikationen von Dorelli erschien zu diesem Thema nur noch die kleine Schrift „Carezza“ einer gewissen Dr. med. Marie de Nannie, die in deutschen Bibliotheken Seltenheitswert hat.[7] Über die Biografie der Autorin ist nichts bekannt. Im Anschluss an die Erfahrungen der Oneida-Gemeinschaft und das Werk der US-amerikanischen Ärztin Alice Stockham plädierte sie für Karezza zur „Reinigung der Lebensgestaltung auf allen Gebieten der Natur.“[8] Liebe sei der „Gipfel der großen inneren Magie. Sie ist die letzte Heilkraft für alle seelischen Leiden.“[9] Durch die übliche Sexualität werde das Leben „sexuell ausgelaugt, geistig schal und leer“, unersetzliche Lebenskraft werde verschwendet.[10] Wie bei Dorelli soll „inniges Aneinanderschmiegen“ bei der Karezza-Liebe magnetische Kräfte auslösen, „die von dem einen zum andern überströmen und in einem anhaltenden, beseligenden Wohlgefühl die Höhen des menschlichen Daseins erreichen, den Himmel erahnen lassen.“[11] Somit wurde die „gegenseitige Stärkung in magisch belebender Kraft“ angestrebt.[12] Explizit bezog sich die Autorin auf Franz Anton Mesmer, welcher der Heilwirkung durch magnetische Berührung in Europa zum Durchbruch verholfen habe. Überhaupt erscheint der Mesmerismus hier als der wichtigste Bezugspunkt: „Wer Carezza [durchweg mit „C“ geschrieben] beherrscht, hat den Lebensmagnetismus in den Fingern, er strahlt ihm aus den Augen, schwingt in seinen Worten und überträgt seine Kraft oft sogar schon aus der Entfernung auf den geliebten Menschen.“[13] Die „magnetischen Kräfte“, die alle Körperorgane stärke, die „schenkend und empfangend“ beteiligt seien, werden in bunten Farben geschildert und in höchsten Tönen gelobt: „Im Austausch der magnetischen Kräfte fühlen sich die Liebenden ganz und gar eins, alles Trennende schwindet, der gleiche Blutstrom scheint in ihren Adern zu kreisen, Krankheit und Leiden werden durch die zielbewußten Wünsche des Gefährten gemildert, wunderbare Heilkräfte treten in Aktion.“[14] Diese würden auf der „Sublimierung der Begierden“ und auf „reiner Liebe“ aufbauen, niemals träten dabei „Übersättigung oder Monotonie“ ein, Karezza ermögliche eben „ein beliebig häufiges Beisammensein“.[15]

Als Ärztin wollte de Nannie vor allem die „primitive Einstellung zur Sexualität“ verändern, denn der Sexualtrieb sei entgegen der landläufigen Meinung durchaus beeinflussbar und besitze keine absolute Macht.[16] „Da aber der Geschlechtstrieb variabel ist, liegt es an uns, das Beste daraus zu machen und unser Liebesleben immer reicher auszugestalten, denn ‚jeder hat die Sexualität, die er verdient’.“[17] Sie kontrastierte die „trübe Trauer“ nach dem üblichen Koitus (gemäß dem Ausspruch des Aristoteles „post coitum omne animal triste est …“) mit der „frohen Beschwingtheit“ nach einer geglückten Karezza-Vereinigung.[18] Die gemeisterte Sexualverbindung in der „tiefsten Liebesverschmelzung“ führe im Gegensatz zum gewöhnlichen krampfartigen Vorgang der Begattung dazu, „die kosmische Intelligenz frei in uns strömen zu lassen.“[19] Die Autorin unterstrich noch einmal Stockhams These, dass bei richtiger Einstellung „ein solcher Verkehr ohne Samenerguß und ohne Krisis [Orgasmus]“ zu völliger Befriedigung führe.[20] Sie pries Karezza als „die große Kunst der Liebe“, die gerade auch von der Frau „Sanftmut und Geduld“ verlange. Ihre „zarte, magnetisch wirkende Berührung“ habe sowohl die Macht, „die stürmische Erregung zu dämpfen oder die beruhigten Fluten zu erneutem Strömen zu beleben.“[21] Freilich waren nicht die wunderbaren physiologischen Wirkungen das Hauptziel, sondern die Umwandlung der „in der Sexualzone aufgespeicherten Energien […] in schöpferische Gestaltungskräfte auf geistigem Gebiet.“[22] So strebte die Autorin nach der richtigen „Mischung von Erotik und Mystik“ unter der „Kontrolle der Geistseele“ und schwärmte in quasi theosophischer Manier von Wegen, „die aus der Finsternis der irdischen Bedrängnis in die Heimat des ewigen Lichtes führen.“

Ein Arzt und Psychoanalytiker ist schließlich noch zu erwähnen, der sich ausführlich mit Karezza auseinandersetzte und ihre wohltuende Wirkung mit einer erstaunlichen Theorie würdigte. So weit ich die Literatur überblicke, stellt er wahrscheinlich die einzige Ausnahme in seinem Berufszweig dar. Rudolf Urbantschitsch, ein Freud-Schüler, den wir bereits im Kontext der Onaniedebatte erwähnt haben (Kap. 44), war ab 1908 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und musste dreißig Jahre später in die USA emigrieren. In seinem 1949 publizierten Buch „Sex Perfection and Marital Happiness“ ging er ausführlich auf Karezza und ähnliche Sexualpraktiken ein.[23] Er hatte es nach 45jähriger Praxis als „psychologischer Berater“ dem Richter Henry G. Jorgensen gewidmet, „Richter des Oberen Gerichtshofes im Bezirk Menterey, Californien“. Das fünfte Kapitel („Die sechs Gebote im Geschlechtsverkehr“), „der wichtigste Teil dieses Buches“, enthielt die „Quintessenz von einer mehr als dreißigjährigen Erfahrung.“[24] Man spürt die Überwindung, mit der der Autor hier eine Art confessio ablegt. Dreißig Jahre habe der Autor gezögert, seine Entdeckungen zu veröffentlichen, „weil er sie nicht wissenschaftlich beweisen konnte, trotzdem sie sich in der Praxis vollkommen bewährt hatten. Jetzt aber ist er entschlossen, seinen Lesern gewisse Erfahrungen bekanntzugeben, so unglaublich sie auch scheinen mögen.“

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen betonte Urbantschitsch, dass seine technischen Ausdrücke „Elektrizität“, „Ausstrahlungen“ oder „bio-elektrische Potential-Differenz“ „eher vergleichsweise, denn wörtlich genommen werden [sollen].“ Denn die Theorie der Elektrizität sei, bezogen auf das Sexualleben, eben „noch nicht Allgemeingut der Wissenschaft geworden.“ Er ging von der Frage aus, warum ein Paar, das sich liebe, doch auseinandertreibe: „Warum wird die Frau frigid und reizbar und der Mann irritiert und nervös oder sogar impotent?“[25] Seine Antwort war schlicht und entsprach seinem naturalistisch-physiologischen Verständnis, das ihn zu erstaunlichen Schlussfolgerungen führen sollte: „Weil die Natur der Liebe und der Sexualität und die Gesetze, die ihre Äußerungen regieren, nicht verstanden worden sind.“ Urbantschitsch ging ausdrücklich von seiner eigenen Erfahrung aus, „daß zwischen den Körpern von Mann und Frau eine bio-elektrische Potenzialdifferenz herrscht, welche bei einem richtig geführten Sexualakt ausgeglichen werden kann, wonach sich beide Partner entspannt, glücklich und befriedigt fühlen.“ Um seine Auffassung zu belegen, führte er eine Reihe von „Tatsachen“ ins Feld. An erster Stelle schilderte er die „Erlebnisse eines orientalischen Ehepaars“, das er in seinem Tagebuch unter dem Datum des 6. Februar 1916 in Damaskus festgehalten hatte. Der Bericht stammte von einem gewissen Dr. A. B., einem ehemaligen Patienten seines „Cottage-Sanatoriums für Nerven- und Stoffwechselkranke“ im Wiener Gemeindebezirk Währing.

Einmal habe das Paar eine Stunde lang nackt auf einer Couch in einem verdunkelten Zimmer gelegen, „einander liebkosend, aber ohne die letzte Vereinigung zu vollziehen“. Als sie in völliger Dunkelheit aufstanden, sei die Frau plötzlich sichtbar gewesen: „Sie war von einem Schein grünlich-blauen, mystischen Lichts umgeben. Es war wie ein Heiligenschein, nur mit dem Unterschied, daß er nicht nur ihren Kopf, sondern ihren ganzen Körper umgab und nebelhaft dessen Umrisse zeigte.“ [26] Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, sei eine elektrischer Funke von ihr auf ihn übergesprungen: „sichtbar, hörbar und schmerzhaft. Wir schraken beide zurück.“ Damit schien Reichenbachs „Od“-Lehre (Kap. 28) bestätigt, die Urbantschitsch zunächst nicht ernst genommen hatte. Eine bio-elektrische Spannung zwischen zwei menschlichen Wesen könne demnach, so unglaublich es scheine, groß genug werden, um sichtbare Funken zu erzeugen. Urbantschitsch war neugierig geworden und spekulierte über physiologische Erklärungen dieses Phänomens. Auf seinen Rat hin unternahmen die „Jungvermählten“ in den folgenden Wochen eine Reihe von Experimenten, „von denen sie mir dann mit allen Einzelheiten erzählten. Ihre Berichte bildeten die Grundlage für eine vollkommen neue Auffassung vom Mechanismus des Geschlechtsverkehrs.“[27]

Die Versuche ergaben Folgendes: Eine fünf Minuten dauernde „vollständige, sexuelle Vereinigung“ nach einer Stunde „in innigem körperlichen Kontakt“ führte trotz der Befriedigung durch den Orgasmus zum späteren Überspringen von Funken, ein Zeichen also, „daß […] die elektrische Spannung zwischen ihnen noch bestand.“ Aber auch nach einem 15 Minuten dauernden Geschlechtsakt einige Tage später waren „nachher Funken sichtbar.“ In einem weiteren Versuch gab es schließlich nach einer 27 Minuten dauernden sexuellen Vereinigung „zwischen den Liebenden keine Funkenübertragung mehr. Die 27-Minuten-Periode war der entscheidende Faktor.“ Dauerte der Sexualakt kürzer, vergrößerte sich der Abstand, den die Funken übersprangen, „ein Zeichen dafür, daß die Potentialdifferenz zwischen den Körpern der jungen Leute durch jeden kurzfristigen Geschlechtsakt vergrößert wurde.“[28] Dauerte er eine halbe Stunde oder länger, war er „von einer vollständigen Entspannung gefolgt und das Verlangen nach einer Wiederholung des Vorgangs erwachte nicht vor fünf oder sechs Tagen“. Ein einstündiger Akt, so habe sich ergeben, befriedigte das Paar für eine Woche, ein zweistündiger für zwei Wochen. „die gleich anhaltende Entspannung wurde auch bei längerem körperlichem Kontakt, ohne sexuelle Vereinigung, hervorgerufen.“[29]

Urbantschitsch fand diese Ergebnisse durch „Beobachtungen gewisser, sexueller Praktiken mancher Eingeborenenstämme“ bestätigt.[30] Er bezog sich auf die seinerzeit viel diskutierte Sexualmoral der „Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln“, die vor allem durch den US-amerikanischen Sozialanthropologen Bronislaw Malinowski thematisiert worden war. Dieser hatte 1929 sein epochemachendes Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ veröffentlicht und damit ein großes Echo bei Ethnologen, Sexualwissenschaftlern und Psychoanalytikern hervorgerufen. Der innige Hautkontakt der Mütter mit den Kleinkindern, das Geschlechtsleben der Mädchen auf Probe nach der Pubertät mit verschiedenen Partnern und die besondere Methode des Sexualakts belegten nach Urbantschitschs Auffassung die Wirkung der Bioelektrizität. „Wenn der Geschlechtsakt beginnt, liegen die Liebenden − bevor sie irgend eine Bewegung machen − wenigstens eine halbe Stunde, manchmal auch länger, innig vereint und ruhig da. Nach dem Höhepunkt der Vereinigung bleiben sie noch eine lange Zeit beieinander, bis − um in unserer Theorie zu bleiben − die zwischen ihnen bestandene elektrische Spannung vollkommen ausgeglichen ist.“[31] Auch in diesem Zusammenhang übernahm Urbantschitsch die Freud’sche Lehre von dem vaginalen Orgasmus der Frau als Norm (Kap. 44). Der Mann berühre niemals „die Clitoris seiner Gattin“, auch müsse sich die Frau solchen Gefühlen entsagen, die für das Kind charakteristisch seien: „Nach der Pubertät konzentrieren sich die Gefühle normalerweise in der Vagina.“ Offenbar gab es eine religiöse Motivation für dieses Sexualverhalten. Die Trobriander nahmen an, dass nach einer Stunde der Vereinigung die Seelen der Vorfahren diese segnen würden. Die vollkommene körperliche Entspannung und die bequeme Haltung waren hierfür erforderlich, auch das übliche Zusammenschlafen ohne Geschlechtsverkehr, „die beiden geöffneten Beinpaare ineinander verschlungen, wie zwei Zangen, auf eine Weise, dass die Sexualorgane in innigsten Kontakt kommen, doch ohne Eindringen in die Vagina.“[32] In der damals üblichen Idealisierung dieser Sexualmoral als Quelle allen Lebensglücks kam Urbantschitsch zum Schluss: „Die Ehen verlaufen harmonisch, Scheidungen sind unbekannt und Neurosen existieren nicht.“[33]

Als weiteren Beleg für seine „bioelektrische“ Lehre zog Urbantschitsch die „Karezza-Methode“ heran. Dabei unterliefen ihm einige Fehler. So meinte er, das Wort „Karezza“ (Liebkosen) bedeute „Aufgeben“, „Entsagen“. Man habe nur der „männlichen Ejakulation“ zu entsagen, sonst ändere sich an der sexuellen Vereinigung nichts. Dies war nicht ganz zutreffend, da ja auch von der Frau eine zügelnde Kontrolle verlangt wurde. Im Übrigen aber sah Urbantschitsch in dieser Sexualpraktik eine Bestätigung seiner Lehre, nämlich „daß während dieser besonderen Art der Umarmung ein noch viel vollkommenerer Ausgleich [als beim normalen Geschlechtsakt] der elektrischen Spannung zwischen den beiden Partnern eintritt und sie sich deshalb nachher so befriedigt und beglückt fühlen wie nie zuvor.“[34] Im Hinblick auf Platons Ausführungen über die Liebe im „Symposion“ meinte Urbantschitsch schließlich, dieser Philosoph hätte, wenn er in der Gegenwart lebte, sich „vorstellen müssen, daß in dem Austausch der Ausstrahlungen zwischen zwei Liebenden eine köstlichere und tiefere Befriedigung liegt, als in dem Sexualakt selber. Denn dieser Austausch ruft ein Gefühl des Entzückens hervor, das nicht nur zwei oder drei Stunden, sondern oft auch taglang anhält.“[35] Gleichwohl war der undogmatische Analytiker weit davon entfernt, eine neue sexuelle Heilslehre für alle in die Welt zu setzen. Die „Karezza-Methode“ erforderte in seinen Augen große charakterliche Stärke. Sie könne „nur wenigen, auserwählten Männern empfohlen werden“.

Die soeben vorgestellten Publikationen von Dorelli, de Nannie und Urbantschitsch waren in der Nachriegszeit singulär. Die „bioelektrische“ Rationalisierung von „orientalischen“ Sexualpraktiken und Karezza durch Letzteren sowie die biologieferne Anlehnung an Mesmerismus und Mystik der beiden Ersteren widersprachen dem Zeitgeist und dem sexualwissenschaftlichen Credo von der unterdrückten Sexualität und ihrer Pathogenität. Denn befriedigende Sexualität ohne manifesten Orgasmus im Sinne des „Höhepunkts“ schien ein Widerspruch in sich darzustellen und mögliche Verbindungen zwischen Sexualität und Mystik zu sehen schien gänzlich abwegig zu sein. Solche esoterisch anmutenden Überlegungen abseits des main stream erhielten zwar durch die Hippie-Bewegung und die New Age-Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auftrieb. Ihre Impulse verebbten aber mehr oder weniger in der neuen Wellness-Kultur, die nicht zuletzt durch Massage-Techniken (sogenanntes „Tantra“) erotisch aufgeladen wurde. Auch gegenwärtige „Kuschelparties“ als erotische Gruppenereignisse gehören zu dieser neuen Wohlfühl- und Entspannungskultur, die man in Analogie zu „Neo-Nature“ (Kap. 13) und zu „Neosexualitäten“ (Kap. 34) als „Neo-Eroticism“ bezeichnen könnte. Die kosmischen Dimensionen der Liebe und ihr Aufspüren im (zwischen-) menschlichen Erleben, ein Generalthema in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von der antiken Mythologie bis hin zur neuzeitlichen magia naturalis, Alchemie und Theosophie werden zwar mitunter angesprochen, dann aber flugs an das Konsumangebot der Wellness-Industrie angepasst. Erotik wurde zu einer anscheinend verfügbaren und bezahlbaren Ware, in ihrer primitivsten Form in einem „Eros Center“ erhältlich.

Demgegenüber hat die sexuelle Enthaltsamkeit oder Keuschheit, die unterschiedlich definiert sein kann, heutzutage im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Sie wird nämlich als pathogene Unterdrückung des natürlichen Sexualtriebs angesehen. Dies gilt insbesondere für radikale Methoden der Askese, wie sie in hinduistischer Tradition als „Brahmacharya“ praktiziert werden. In dieser Lebensweise soll der menschliche Körper und Geist auf dem Wege zur göttlichen Erleuchtung von allen sexuellen Bedürfnissen und Begehrlichkeiten gereinigt werden. Die leitende Vorstellung dabei ist, dass die individuelle Liebe, etwa die zwischen Mann und Frau, in einer universellen göttlichen Liebe aufgehen soll. Mahatma Gandhi war wohl der prominenteste Vertreter dieser Lebensweise im 20. Jahrhundert. Er hatte als Ehemann und Vater mehrerer Kinder bereits 1906 im Alter von 37 Jahren sein Brahmacharya-Gelübde abgelegt.[36] Er stellte einmal Frage: „Wenn der Mann seine Liebe nur auf eine Frau richtet und eine Frau die ihre nur auf einen Mann, was bleibt dann an Liebe für die ganze übrige Welt?“[37]

Anmerkung vom 19.08.2016:

Es gibt einen interessanten Briefwechsel zwischen Gandhi und Leo Tolstoi kurz vor dessen Tod 1910 zum Verhältnis von Liebe und Gewalt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Die Beschränkung auf die Überwindung der sinnlichen Begierde, die Reduktion von Brahamacharya auf den sexuellen Aspekt, lehnte Gandhi jedoch ab: „Brahmacharya meint die Beherrschung aller Sinnesorgane. Wer nur ein Organ zu kontrollieren versucht und allen anderen freie Bahn lässt, wird feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich sind.“[38] Vor allem Nahrungsbeschränkungen und Fasten waren ihm wichtig. Allerdings könne, so Gandhi, ein Geist, „der wissentlich unrein gehalten wird, […] nicht durch Fasten gereinigt werden. […] Solange der Geist nicht Herr, sondern Sklave der Sinne ist, braucht der Körper immer reine, nichtstimulierende Nahrung und periodisches Fasten.“[39] Für Gandhi bedeutete umfassende Selbstbeherrschung eine Art Lebenselixier: „Bei einem wirklich selbstbeherrschten Menschen nehmen Kraft und innerer Friede von Tag zu Tag zu. Der allererste Schritt zur Selbstbeherrschung ist die Zügelung der Gedanken.“[40] Was Kritikern als Unterdrückung der natürlichen Triebe erscheint, bedeutet für einen solchen Asketen den Weg zur geistigen Freiheit, zur göttlichen unio mystica. Es kommt auf die Perspektive des Betrachters an, ob er dies als höchstes Liebesglück oder als pathologische Entartung, ja Perversion ansieht. Friedrich Nietzsche und mit ihm die westlich orientierte Kultur tendiert zur letzteren Einschätzung, wonach der „asketische Priester“, einer „lebensfeindliche[n] Spezies“ angehöre und „Leben gegen das Leben […] physiologisch […] einfach Unsinn“ sei, wie Nietzsches Verdikt in der „Genealogie der Moral“ (III/11 bzw. 8) lautet.

Es ist ein Unterschied, ob sich ein Mönch viele Jahre lang in einem Kloster geistigen Übungen unterzieht oder ob jemand an einem zweiwöchigen Meditationskurs teilnimmt, der ihm eine innere Wandlung als Kursziel verheißt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieser Unterschied auch auf dem Gebiet des Sexuallebens respektiert würde. Im Grunde gilt das für jede Art von Lebenskunst, die nicht mit gieriger Kurzatmigkeit, sondern nur mit langem Atem gelingen kann. Vor allem gilt es für das Gebiet von Erotik und Sexualität, das man dem umfassenderen Begriff der Liebe zuordnen kann. Die Ideengeschichte der Heilkunst führt uns in historischen Variationen wie in einem Kaleidoskop vor Augen, dass wir gerade auf diesem weiten Feld das Geheimnis und die Kunst des Heilens zu lokalisieren und neu zu entdecken haben, auch wenn wir sie nicht mit der Methodik der Evidenz-basierten Medizin feststellen können.


[1] Dorelli, 1962, S. 141. [2] A. a. O., S. 140. [3] A. a. O., S. 144. [4] A. a. O., S. 146 f. [5] A. a. O., S. 151. [6] A. a. O., S. 155. [7] Nannie, 1964. [8] Ebd., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 10. [11] A. a. O., S. 13. [12] A. a. O., S. 14. [13] A. a. O., S. 16. [14] A. a. O., S. 30. [15] A. a. O., S. 51 f. [16] A. a. O., S. 19. [17] A. a. O., S. 21. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a. O., S. 29. [20] A. a. O., S. 30. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 63 f. [23] Urbantschitsch [1949], 1951. [24] Ebd., S. 90. [25] A. a. O., S. 91. [26] A. a. O., S. 93. [27] A. a. O., S. 94. [28] A. a. O., S. 95. [29] A. a. O., S. 96. [30] A. a. O., S. 97. [31] A. a. O., S. 99. [32] A. a. O., S. 100. [33] A. a. O., S. 101. [34] A. a. O., S. 102. [35] A. a. O., S. 104. [36] Gandhi [1942], 2011, S. 338. [37] Gandhi [1932], 2011, S. 179. [38] A. a. O., S. 181. [39] Gandhi [1929], 2011, S. 360. [40] Gandhi [1927], 2011, S. 122.

49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

49. Kap./7* Karezza für die Sexualreform [+ Audio Podcast]


Magic of Nature Lecture 40 K 7:

I read the (German) text below, here is the Audio Podcast.

This chapter (49/7) is the source for a Paper in English, given at the Annual Meeting of the History of Science Society (HSS) in Chicago, November 9, 2014:

„Mesmerism, Sexuality, and Medicine: ‘Karezza’ and the sexual reform movement“

Wie wir bei der Darstellung der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin festgestellt haben, spielte der Begriff „Karezza“ dort praktisch keine Rolle und fehlte fast gänzlich in den entsprechenden Standardwerken (Kap. 47). Dasselbe trifft auf die populärwissenschaftliche und graue Literatur sowie auf gegenwärtige Internet-Quellen zu, wo „Karezza“ gegenüber dem Stichwort „Tantra“ bei entsprechender Suche nur eine winzige Trefferquote aufweist. Der Begriff wurde in Anlehnung an das italienische Wort carezza“ (Liebkosung) von der US-amerikanischen Frauenärztin, Lebensreformerin und Frauenrechtlerin Alice Bunker Stockham geprägt, die sich der Ehe- und Sexualreform verschrieben hatte. Sie war die fünfte Frau, die in den USA einen medizinischen Doktorgrad erwarb. Sie betrieb in Chicago eine ärztliche Praxis, wobei sie sich für Frauenheilkunde und Geburtshilfe spezialisierte. Sie war karitativ tätig, interessierte sich stark für spirituelle Fragen, praktizierte Homöopathie, engagierte sich beim Kampf gegen den Alkoholismus, diente angeblich als Trancemedium und war eine aktive Frauenrechtlerin (suffragette).[1] 1883 veröffentlichte sie ein Aufklärungsbuch über die Gesundheit der Frau: „Tokology. A Book for Every Woman“, das hohe Auflagen und Übersetzungen in mehrere Sprachen erlebte und zu einem Standardwerk wurde. Tolstoi, zu dem Stockham freundschaftliche Kontakte pflegte, war so begeistert, dass er eine Übersetzung ins Russische veranlasste und ein Vorwort verfasste.[2]

Anmerkung vom 18.02.2015:

Stockham besuchte Tolstoi in Russland und beschrieb ihre Begegnung mit ihm und seinem familiären Umfeld in ihrer Schrift: „Tolstoi, a Man of Peace“ (1900).

Siehe Supplementary News Blog.

Anmerkung vom 27.12.2016:

Was verband Stockham und Tolstoi? Zunächst die schonungslose Analyse des sexuellen Elends in ihrer Zeit, sodann die Idee einer spirituellen Befreiung daraus. Aufschlussreich ist „Die Kreutzersonate“ von Tolstoi.

Näheres siehe Supplementary News Blog.

Stockham war eine Anhängerin des New Thought Movement und nahm 1886 am ersten Christian Science-Kurs von Emma Hopkins in Chicago teil. Überhaupt waren viele namhafte Frauen in dieser Bewegung aktiv, wobei sich zwei Lager voneinander unterscheiden lassen. Die einen strebten eine Abkehr vom sexuellen Begehren an, während die anderen, zu den Stockham zählte, gerade diesem Begehren einen würdigen Ausdruck verschaffen wollten.[3]

1896 veröffentlichte sie im Selbstverlag ein Büchlein mit dem Titel „Karezza. Ethics of Marriage“.[4]

Anmerkung vom 29.04.2017:

Demnächst erscheint bei BoD — Books on Demand die zweite Auflage dieses Buchs (Chicago 1903) mit einen Epilogue von mir. Das Cover kann hier bereits angesehen werden.

Eine deutsche Übersetzung erschien bereits im folgenden Jahr. Wie der Übersetzer in seiner „Vorbemerkung“ hervorhob, gehöre die Autorin zu den „durch ihre Wissenschaft legitimirten seelsorgenden Leibärzten der Menschheit“.[5]Ein gewisser „Dr. Hartung, pract. Arzt in Hermsdorf u. Kynast, Schlesien“, ein Anhänger der biochemisch fundierten Ernährungslehre von Julius Hensel, lobte in seinem Vorwort die „einfachen, jeder Mystik baren Heilprinzipien und Ernährungstheorien“, ohne auf Stockhams philanthropischen, naturphilosophischen und religiösen Ansichten einzugehen.[6] Der bekannte schweizerische Lebensreformer und Naturist Werner Zimmermann übersetzte das Buch fast 30 Jahre später noch einmal mit der in der Jugendbewegung verbreiteten Kleinschreibung ins Deutsche, an der ich mich im Folgenden orientiere.[7]

Anmerkung vom 18.08.2016

Mehr zu diesem Buch und seinen Illustrationen von A. Paul Weber siehe mein Supplementary Blog.

Für Stockham lagen zwischen der gewöhnlichen Begattung und der Karezza-Vereinigung Welten, wie sich aus der Gegenüberstellung der beiden folgenden Zitate aus ihrem Buch ersehen lässt: „Der gewöhnliche hastige und krampfartige vorgang einer begattung, auf die man sich nicht längere zeit vorbereitet hat und wobei die frau die passive rolle spielt, ist ebenso unbefriedigend für den mann wie für die frau. Er ist schädlich für den körper wie für den geist. Er enthält in sich keine folgerichtigkeit als eine äußerung der zuneigung und ist häufig eine ursache der entfremdung und trennung.“[8] Im Kontrast dazu erscheint die Karezza-Vereinigung als befriedigend, gesund erhaltend und als Himmel auf Erden: „Während einer längeren zeit völliger beherrschung sind beide wesenheiten völlig ineinander getaucht und erleben eine unvergleichliche erhöhung in den geist. Das mag begleitet sein durch eine ruhige bewegung, die ganz unter der botmäßigkeit des willens stehen muß, so daß bei keinem der beiden der schauer der leidenschaft die grenzen eines angenehmen gefühlsaustausches überfluten kann. […] Bei gegenseitiger übereinstimmung und genügender zeitlicher ausdehnung führt ein solcher verkehr ohne samenerguß und ohne krisis zu völliger befriedigung. Im verlaufe einer stunde klingt die körperliche spannung aus, die geistige verzückung wächst und führt nicht selten zum schauen höherer welten und zum bewußten erleben neuer kräfte.“[9]

Anmerkung vom 18.08.2016:

Matthias Wendt hat in einem Kommentar zum Karezza-Buch von Stockham eine interessante Umschreibung für die Technik gefunden, siehe mein Supplementary News Blog.

Während die Ärztin Stockham als Ehe- und Sexualreformerin anerkannt war und weit über esoterische Zirkel hinaus auch international Beachtung fand, wurde die theosophische Mystikerin Ida Craddock, deren emanzipatorische Aktivitäten eine ähnliche Zielrichtung wie die von Stockham hatten und auf deren Karezza-Begriff sie sich explizit bezog, Opfer reformfeindlicher Kräfte und ihrer Justiz. Während Stockham als Philanthropin sozialmedizinisch argumentierte, wollte Craddock als theosophisch Erleuchtete die alltägliche sexuelle Gewalt des Mannes in der Ehe bekämpfen. Dabei erlebte sie offenbar die „Himmlische Hochzeit“ recht handfest (Kap. 45).

Auf den kategorialen Unterschied zwischen der „gewöhnlichen Begattung“ und der „Karezza-Vereinigung“ wiesen alle Autoren hin, die für Karezza als Methode des Geschlechtslebens plädierten. So heißt es in einem Buch des mir unbekannten Autors Cesare A. Dorelli (siehe auch unten) mit dem Titel „Karezza-Liebe“, dass bei Karezza-Liebenden eine „nie gekannte Glückseligkeit“ den ganzen Körper „überrauschen“ würde, nicht nur die erogenen Zonen: „Diese Seligkeit ist grundverschieden von der animalischen, triebgebundenen, mit der Ejakulation verknüpften Begattung.“ Die unwillkürliche Vollendung des Geschlechtsakts werde dann sogar als störend empfunden, als „liebesfremd“.[10] Karezza wolle nicht Abtötung, sondern Steigerung der erotischen Kräfte, die „gleichsam von ihrem Entstehungs- und Kristallisationsort gelöst werden, damit sie überall nach unserem Wunsch und nach unserer Vornahme zur Verfügung stehen.“[11] Es gehe hierbei um die „seelische Ejakulation“ anstelle des Orgasmus. Die „Sexual-Urkraft“ soll auf den ganzen eigenen Körper und den des Liebespartners überstrahlen, die Ejakulation werde „umgewandelt als seelische Flut, als Beglückung, die fühlbar den ganzen Körper des oder der Geliebten befruchtet, überflutet, beseligt, verjüngt, stählt, verschönt, für alle Schönheit der Welt und alles Glück der Erden aufschließt und bereitet.“ Schließlich steht die Utopie vom Neuen Menschen im Raum: Karezza solle aus Menschen „Götterkinder“ machen.[12]

Doch zurück zu Stockhams Originalschrift. Die Autorin verband in ihrer Argumentation einen vitalistischen mit einem spirituellen Grundsatz: Die „schöpferische Kraft“ oder „Energie“ kann und soll geistig beherrscht und gelenkt werden. Der Mensch könne frei und bewusst einen der beiden Pfade wählen, „den des geistes oder den der materie“.[13] Freilich seien Religion und Philosophie „erforderlich, um leidenschaft zu heiligen.“[14] Der Schlüsselsatz lautet: „Auf keinem andern gebiete kann beherrschung den menschen reicher belohnen als in der meisterung und heiligung der sexuellen energie.“ Durch „liebe, übung und selbstbeherrschung“ könnten auch Verheiratete durch „vereinigung ihrer beiden seelen“ diese „schöpferische energie“ bedeutend steigern.[15] Sie könne auch als Heilkraft eingesetzt und absichtlich geleitet werden, um „einen freund von kummer und schmerzen zu befreien.“[16] „Karezza“ bedeutet, so Stockham, „zuneigung in worten wie in taten ausdrücken“. Sie verstand den Begriff „als technischen ausdruck im sinne einer gemeisterten sexualverbindung.“[17]

Stockham beschrieb diese Liebestechnik ziemlich genau und grenzte sie von anderen ab, die man mit Karezza verwechseln könnte. Sie selbst hatte in ihrem Buch „Tokology“ irrtümlicherweise, wie sie schrieb, von „’Sedular Absorption’ (innere aufsaugung des samens)“, gesprochen.[18] Freilich sei bei Karezza kein Samen aufzusaugen, da ja „unter der herrschaft des willens der vorgang kurz vor der letzten stufe der samenausscheidung aufhört.“[19] Auch kritisierte sie den Ausdruck „’Male Continence’  (männliche mäßigung)“, da es bei Karezza ja ebenso auch um „weibliche mäßigung“ gehe. Für sie war Karezza „sinnbild einer vollkommenen vereinigung zweier seelen in der ehe, […] offenbarungen von kraft und stärke.“ Insofern handele es sich eher um eine „geistige als eine körperliche verbindung“. Karezza soll zum „geistigen wachstum“ beitragen und führe nicht „zu askese und unterdrückung, sondern zu verwendung und ausdruck.“[20] Stockham argumentierte wie alle zeitgenössischen Lebensreformer und Rassenbiologen ebenfalls naturalistisch und berief sich in Anlehnung an den englischen Evolutionstheoretiker Herbert Spencer auf die „wesensgesetze“, die zu befolgen Lust spende und die zu ignorieren Leiden verursache.[21] Sie betonte immer wieder, dass Karezza tatsächlich möglich sei und zitierte zum Beleg im Anhang des Buches aus Hunderten von Zuschriften einige „bestätigungen“.[22] Dass körperliche Begierden zu allen Zeiten dem Geiste untergeordnet werden könnten, sei eine „frage der erziehung, des wachstums in der erkenntnis der lebensgesetze − einer erkenntnis der macht des geistes“.[23]

Ohne im Einzelnen auf die seinerzeit wohlbekannten Techniken der Hypnose und Suggestion einzugehen, folgte Stockham deren Grundsätzen. Eine „selbstbbestimmende geistige tätigkeit“ könne unwillkürliche physiologische Körpervorgänge beeinflussen, überhaupt könnten alle physiologischen Funktionen und Lebensvorgänge durch bewusste Verstandestätigkeit beeinflusst werden.[24] Stockham kritisierte die Lehrmeinung, wonach diese automatisch funktionierten und starr festgelegt seien. Sie wusste um die Einbildungskraft, die man später dem „Placebo-Effekt“ zugeschrieben hat: „Der gedanke an ein reiz- oder arzneimittel hat eine ähnliche wirkung wie das mittel selber, wenn auch in geringerem Grade.“[25] Ihr ging es um „den höchsten sieg des willens über die sexualität“ und die „verwendung der schöpfungskraft“ zu erhabeneren Zwecken. Die Aufsaugung des männlichen Samens duch den Organismus sollte die „magnetischen, seelischen und geistigen kräfte des mannes stärken.“[26] Sie zog die Analogie zwischen Hoden und Tränendrüsen: „Ein mann kann vollkommen gesund sein, obschon er in fünf oder fünfzig jahren nicht ein einziges mal weint.“ Damit widersprach sie dem traditionellen Dogma, wonach die Aufstauung der Samenflüssigkeit schädlich sei (Kap. 47).

Karezza war in den Augen von Stockham ein Allheilmittel, dessen therapeutischer Wert „von keinem heilmittel der apothekerkunst und von keinem heilsystem“ erreicht werde. Sie besang das Ideal ehelicher Gattenliebe, eine „vereinigung in vollkommener freiheit und natürlichkeit.“[27] Letztlich ging es auch in ihrer Sexuallehre um die Erfüllung von Naturgesetzen, die „erfüllung des gesetzes“. Nicht Unterdrückung des Geschlechtstriebs, sondern Sexualität als Bestätigung der tiefen Verbindung des Menschen „mit dem weltganzen“, lautete ihr Motto. Karezza fördere „das wachstum an geist und charakter“ und ehre, verfeinere, verherrliche zugleich die Sexualfunktion.[28] Stockham war als praktizierende Ärztin in Fragen zu Ehe und Sexualität offenbar eine begehrte Ratgeberin. Die im Anhang ihres Buches abgedruckten Korrespondenzen belegen, dass sie zahlreiche Menschen dazu motiviert hat, die Karezza-Technik praktisch auszuüben. Stockham bezog sich auf eine Reihe von anderen Autoren, die um 1900 in den USA publizierten und von denen sie sich bestätigt sah. Offenbar war in diesem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ der Boden für Karezza günstig, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil dieses Konzept naturphilosophische, eugenische und religiöse Motive in sich vereinigte. So publizierte Stockham die bereits 1890 anonym erschienene Erzählung „The Strike of a Sex“ von George Noyes Miller, einem ehemaligen Mitglied der Oneida Community, aus der sie ausführlich zitierte.[29] Darüber hinaus verwies sie auch auf andere Vorkämpfer der Sexualreform wie Henry Wood (Kap. 17), Warren F. Evans und Ursula N. Gestefeld.

Millers Erzählfigur Immanuel Zugassent entdeckt die körperliche und geistige Wohltat durch die bewusste Kontrolle der Sexualfunktion. Der Autor stellte „Zugassent’s Discovery“ auf dieselbe Stufe wie die naturwissenschaftlich-technischen Neuerungen seiner Zeit, etwa Dampfmaschine, Elektrizität und Telefon.[30] Ja, sie stelle, so Miller, in ihrem Vermögen, die Summe des menschlichen Elends zu verringern, sogar die Entdeckungen eines Jenner, Harvey, Pasteur oder Koch in den Schatten.[31] Millers quasi religiöses Plädoyer für die geistige Disziplinierung des animalischen Triebs hatte vor allem das soziale Elend durch eine fehlende Geburtenregelung vor Augen. Zugleich stützte sich Miller auf die Praxis des Mesmerismus und Hypnotismus, deren Konzepte er, wie dies weithin in der Popularmedizin jener Zeit üblich war, nicht voneinander unterschied. Insofern hatte er eine sozialpolitische und sozialmedizinische Zielsetzung, die mit Stockhams Ansatz übereinstimmte. Wenn Zugassent meint, dass alle Erfahrungen „the power of the will over the involuntary processes of the body“ zeigten, so erinnert dies an James Braids zentrale Formel: „the power of the mind over the body“ (Kap. 17). Miller argumentierte im Sinne der Naturheilkunde und der Ehereform mit ihrem Ziel der bewussten Familienplanung. Die Verschleuderung von Lebens- und Nervenkraft durch sexuelle Unbeherrschtheit könnte eines Tages ebenso absurd erscheinen wie der allgemein praktizierte Aderlass in der Vergangenheit.[32] Anstelle einer solch abwegigen Gewohnheit solle der unschuldige magnetische Austausch (innocent magnetic exchange) zwischen den Ehepartnern treten, der auch als sexual magnetism bezeichnet wurde und zur höchsten spirituellen Entwicklung sowie zu „welfare and happiness of others“ führe und deshalb am Göttlichen teilhabe.[33] Die sexuelle Selbstkontrolle wird mit dem Verhalten eines Bootsmanns auf einem Strom verglichen, der zuerst stilles Wasser, danach Stromschnellen und schließlich einen Wasserfall aufweist. Es hängt nun vom Geschick des Bootsmanns ab, wie weit er sich in die Nähe des Wasserfalls vorwagt, ohne die Kontrolle zu verlieren und von diesem in die Tiefe gerissen zu werden – „confining his excursions to the region of easy rowing“.[34]

Anmerkung vom 22.05.2015:

Alice B. Stockham ist heute auch in Kreisen der Frauenbewegung weitgehend unbekkannt. Selbst dort, wo die Karezza-Methode explizit positiv gewürdigt wird, ist die nennung ihres Namens keineswegs selbstverständlich. Ein Beispiel ist die Schrift von Carmen Reiss „Orgasmus I“, siehe meinen Supplementary Blog.


[1] http://www.reuniting.info/wisdom/stockham_karezza (14.12.2010). [2] Sattler, 1999, S. 136. [3] Sattler, 1999: Graphik. [4] Stockham, 1896. [5] Stockham [1896], 1897, S. VII. [6] A. a. O., S. IX-XI. [7] Stockham [1896/1925], 1998. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 20. [10] Dorelli, 1961, S. 115. [11] A. a. O., S. 116. [12] A. a. O., S. 117. [13] Stockham, 1927, S. 10. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 17. [17] A. a. O., S. 18. [18] A. a. O., S. 20. [19] A. a. O., S. 21. [20] A. a. O., S. 22. [21] A. a. O., S. 23. [22] A. a. O., S. 77-102. [23] A. a. O., S. 24. [24] A. a. O., S. 25. [25] A. a. O., S. 26. [26] A. a. O., S. 31. [27] A. a. O., S. 57. [28] A. a. O., S. 58. [29] A. a. O., S. 90-94; Miller, 1905. [30] Miller, 1905, S. 109. [31] A. a. O., S. 103. [32] A. a. O., S. 111. [33] A. a. O., S. 118. [34] A. a. O., S. 113.

49. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten [+ Audio]

Dieser Beitrag ist auch gleichzeitig als Audio bzw. Video von Youtube abrufbar. Das dort zu sehende Foto blühender Wildrosen wurde von mir am 6. Juni 2015, dem Todestag meiner Mutter Ruth Schott (gestorben in Kirchheimbolanden/Pfalz), auf der Insel Borkum aufgenommen, nachdem ich von Ihrem Tod informiert worden war. Kurz zuvor hatte ich am selben Tag den Text diktiert. 

Siehe auch meinen Beitrag am Tag ihres 93. Geburtstags am 22. August 2015.

Sie auch meinen Beitrag zum ersten Jahrestag des Todes meiner Mutter am 6. Juni 2016 im Heinz Schott’s Reminiscenses Blog.

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.[2]

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. [i]) Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans (Kap. 36). Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[3] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben.[4] Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau.[5] Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen.[6] Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen.[7] In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. [8] Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[9] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[10] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex).[11] Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“.[12] Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“[13] Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force).[14] Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen.[15] Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“[16] Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula).[17] Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.[18]

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[19] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“.[20] Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe.[21] In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.


[1] White (Hg.), 2000, S. 16 [„Introduction“]. [2] A. a. O., S. 17 [„Introduction“]. [3] Varenne, 1977, S. 131. [4] Varenne, 1977, S. 129-138. [5] Ebd., S. 134. [6] A. a. O., S. 135. [7] A. a. O., S. 136. [8] A. a. O., s. 137. [9] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012). [10] Mookerjee, 1971. [11] Ebd., S. 35. [12] A. a. O., S. 36. [13] A. a. O., S. 37. [14] A. a. O., S. 61. [15] A. a. O., S. 62. [16] A. a. O., S. 61. [17] A. a. O., S. 62. [18] A. a. O., S. 65. [19] Urban, 2008, S. 402. [20] Urban, 2006, S. 127. [21] Urban, 2008, S. 404.


[i] Varenne, 1977: Frontispiz; → Abb. Khajuraho Cunnilingus

49. Kap./1* Magia sexualis [+ Audio Podcast]

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In der Mitte des 19. Jahrhunderts initiierte der US-amerikanische Arzt und Okkultist Paschal Beverly Randolph eine magia sexualis, die auch als „rote Magie“ bezeichnet wurde. Randolph hatte bereits 1858 eine Bruderschaft der Rosenkreuzer (Fraternitas Rosae Crucis; FRC) gegründet, die – historisch unhaltbar – von sich behauptete, mit den Rosenkreuzern des frühen 17. Jahrhunderts identisch zu sein (Kap. 35).[1] Er war eine zentrale Figur des US-amerikanischen Okkultismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zahlreiche geheime Gesellschaften gründete, so die Hermetische Bruderschaft von Luxor und die Bruderschaft von Eulis. Somit übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die Lehren führender magischer Orden des 20. Jahrhunderts aus, etwa die Ordo Templi Orientalis (O. T. O.) und die Fraternitas Saturnis.[2] Randolph propagierte die Gleichberechtigung der Frau, die „freie Liebe“ und die selbstexperimentelle Praxis „im Dienste der Weiterentwicklung zu persönlicher Vervollkommnung.“[3] Um 1850 ließ er sich als Barbier in Neuengland nieder, war vom aufkommenden Spiritismus („Hydesville Rappings“) fasziniert und betätigte sich wahrscheinlich auch selbst als Medium. Er studierte Mesmers Schriften und entwickelte magnetische Apparaturen, die er „Volte“ und „Fluidkondensatoren“ nannte.[4] 1854 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Boston, wo er auch ein selbst hergestelltes Mittel zur Stärkung der Lebenskraft verkaufte, das er Proto-Ozon (Protozon) nannte. Daneben studierte er die Vodoo-Kulturen der Afroamerikaner. Sein Hauptinteresse galt der Theorie und Praxis der Sexualmagie. Er wurde deswegen inhaftiert, angeklagt und schließlich freigesprochen. Zwischen ihm und der russischen Okkultistin Helena Petrowna Blavatsky entzündete sich ein „magischer Krieg“: Während Letztere einen „moralisch reinen“ Spiritismus vertrat, wollte Randolph die Sexualmagie wissenschaftlich erforschen. Er starb 1875 unter mysteriösen Umständen − im selben Jahr, als Helena Blavatsky die Theosophische Gesellschaft gründete.[5]

Randolph verfasste seine sexualmagischen Schriften zwischen 1870 und 1872. Sie zirkulierten in geringer Auflage zum persönlichen Gebrauch für ausgewählte Studenten der Bruderschaft von Eulis und wurden erst 1931 in französischer Sprache unter dem Titel Magia Sexualis veröffentlicht. Die Schrift wurde von der nach Paris emigrierten russischen Aristokratin Maria de Naglowska zusammengestellt und übersetzt, worauf die hier zitierte deutsche Übersetzung beruht. Madame de Naglowska ernannte sich zur „Groß-Priesterin der Liebe“ und unterhielt in den 1930er Jahren einen „magischen Zirkel von zweifelhaftem Ruf“ in Paris, in dem sexualmagische Riten praktiziert wurden.[6] Sie beschrieb den Geschlechtsverkehr als ein satanisches Ritual, in dem der Mann selbst zur unbegrenzten Macht der Negation werde und sich dem blitzartigen Eindringen des weiblichen Lichtes hingebe – im sublimen Moment der „heiligen Hochzeit“, für die sich die Geliebte bereithält („à l’instant sublime du coït sacré, pour lequel l’Amante n’est pas endormie“).[7] Durch diese hohe magische Operation (Haute Magie d’Or) würde Satan – die kosmische Vernunft, die verneint und zweifelt – in die Unterwelt stürzen, das heißt: in die Sexualorgane des Mannes. Das bewirke eine Umwälzung, die sich nach einiger Zeit beruhige und ein neues Gleichgewicht finde: Ein neuer Mann (un homme nouveau) erscheine, dem man die Würde eines Ehrenwerten Ritters des Goldenen Zweiges (Guerrier Vénérable de la Flèche d’Or) verleihe. Doch zurück zu Randolphs „Sexualmagie“.

Randolph sah den Geschlechtsverkehr als ein gemeinsames Gebet an, eine Vereinigung der Seelen, die Selbstbeherrschung und Unterwerfung der Leidenschaften unter den Willen voraussetzte. „Wie jedes Gebet, so ist auch dieses immer erschöpfend. Es ist jedoch notwendig, daß das Ziel des Gebets, der Wunsch oder das Begehren klar formuliert und kräftig imaginiert wird.“[8] Das Ziel solle gemeinsam imaginiert werden, doch könne das Gebet auch nur in einer der beiden Seelen wirksam sein, „da sie [die Seele] in der Ekstase des Orgasmus die schöpferische Kraft des anderen mit sich reißt.“ Er nannte diese geistige Vereinigung „blending“ (Vermischung, Verschmelzung) und hielt sie für den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums und die Kraftquelle schlechthin: „Thus it happens that a loving couple grow [sic] youthful in soul, because in their union they strike out this divine spark, replenish themselves with the essence of life, grow stronger and less brutal, and draw down to them the divine fire from the aereal spaces.“[9]  Der geschlechtlich imaginierte Verkehr mit den kosmischen Geistern war die höchste Stufe, die Randolph „Sleep of Sialam“ nannte, und die das Einziehen, Einatmen des „Aeth“, der feinen spirituellen, göttlichen Essenz ermögliche.[10] Diese Atemmethode sollte himmlische Kräfte inkorporieren und während des Sexualaktes deren Samen in den menschlichen Fötus einpflanzen, um ein höherwertiges Kind zu schaffen. Randolph spann diesen Gedanken der mentalen Durchdringung während des Sexualaktes bis zur letzten Konsequenz aus: dem Geschlechtsverkehr mit dem Geist einer verstorbenen Person![11]

Randolph führte eine Reihe von Verhaltensregeln an, um sein sexualmagisches Ziel, das „Glück der Seele“, zu erreichen, damit der sexuelle Akt „zu einer Quelle spiritueller und materieller Kraft […], zum Urquell von Gesundheit, Heiterkeit und Frieden“ wird.[12] Hierzu gehörten vor allem hygienische und diätetische Ratschläge: Körperpflege, Schweigen, kühles Schlafzimmer, frühes Zubettgehen. Die geistige Einstellung im Augenblick der Zeugung sei entscheidend: „Wenn der Mann zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluß fleischlicher Lust oder tierischer Instinkte steht“, so sei das Kind, „das er zeugt, […] ein elendes Wesen und zum Mörder oder geistigen Krüppel bestimmt.“[13] Dagegen sei ein „in der Harmonie gegenseitiger Liebe“ gezeugtes Kind „ein Kind höherer Kräfte“.[14]

Randolph ging von der „Polarität der Geschlechter“ als einem Gesetz aus, „das den Schleier der Isis“ lüftet.[15] Er unterschied fünf grundlegende Positionen des Geschlechtsverkehrs, „die das Paar bei der Durchführung von sexualmagischen Operationen zum Gebet der Liebe einnehmen kann.“[16] Er symbolisierte sie mit Strichzeichnungen, wobei dem Mann negative Ladung (Minus-Zeichen im Kopfkreis) und der Frau positive Ladung (Plus-Zeichen im Kopfkreis) zugesprochen wurde. Randolph glaubte voller Naivität daran, das Geschlecht eines Kindes beim Zeugungsakt magisch bestimmen zu können: „Zum Zeitpunkt der Vereinigung erzeugt die Frau in der mentalen Sphäre das Bild eines Mannes, während der Mann das Bild einer Frau erzeugt. Gemäß der Tendenz, die überwiegt, wird das Kind entweder männlich oder weiblich.“[17] Nach diesem „Gesetz“ sei es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen vorherzusagen, indem man untersuche, welcher der beiden Elternteile die stärkere Vorstellungskraft besitze. In der Praxis sei es jedoch schwer, die Vorstellungskraft zu variieren und deshalb riet Randolph, bestimmte Regeln zu beachten. Hier griff er auf altbekannte geschlechtsspezifische Korrespondenzen der magia naturalis sowie die Imaginationslehre zurück: Um einen Knaben zu zeugen, solle man den Raum „mit dem Parfum des Mars“ parfümieren und in rotem Licht arbeiten, um ein Mädchen zu zeugen, solle man das „Parfum der Venus“ in grünem Licht anwenden. Außerdem sei es hilfreich, das Bild eines Mannes oder einer Frau aufzustellen, je nachdem, „ob die Zeugung eines Knaben oder eines Mädchens gewünscht wird.“[18]

Nach Randolph hatten die sexualmagischen Praktiken sieben Ziele: Aufladung von fluidalen Kondensatoren wie z. B. Amuletten; magnetische Beeinflussung des Partners; Realisierung eines bestimmten Vorhabens; die Geschlechtsdetermination des Kindes bei der Empfängnis; Verfeinerung der Sinne; Erneuerung der Lebensenergie; Hervorrufen übermenschlicher Visionen.[19] Der französische Arzt und Homöopath Adrien Péladan[20] nahm zwischen den heterosexuellen Geschlechtspartner eine umgekehrte Polarität an: Bei der Frau sei der Kopf positiv, die Geschlechtsorgane negativ geladen, beim Manne verhalte es sich umgekehrt. Deshalb befruchte der Mann die Frau psychisch, die Frau dagegen den Mann spirituell. „Sous la projection de la pensée de la femme, le cerveau féminin de l’homme se met à concevoir.[21]Daran anknüpfend entwickelte die russische Okkultistin Maria de Naglowska die Idee einer moralischen Befruchtung des Mannes durch „Priesterinnen der Liebe“ (prêtresses d’amours). Sie gründete 1932 die Confrérie de la  flèche d’or mit dem Ziel, das Zeitalter des Paternalismus durch die Herrschaft der Mutter abzulösen. Das Böse sollte mit religiösen Geschlechtsakten, die von heiligen Prostituierten angeleitet wurden, überwunden werden.[22]

„Sexualmagie“ wurde im frühen 20. Jahrhundert mit nordischer, arischer Ideologie und unverhohlenem Nationalismus verknüpft und erschien als Methode der Rassenhygiene. In einem einschlägigen Buch wurde der „Saeming“ (die Besamung) als „Sexual-Magie der Zukunft“ vorgestellt.[23] Das betreffende Frontispiz von Fidus zeigt die Besamung als von Spermien strahlenförmig umgebene Eizelle, in die von oben ein sonnenhaftes Spermium mit Gesicht (eine Art Sonnengott) eindringt. (Abb. [i]) Im Ei sieht man die Oberkörper eines sich umarmenden Paares. In dieser Programmschrift findet sich ein völkisches Plädoyer für „deutsche Kunst“, die „aus der Tiefe des nationalen Volkslebens […], aus seiner Natur, aus seiner Geschichte und vor allem aus seiner Sage“ zu schöpfen sei.[24] Sie zielte auf die „Menschenzüchtung“, die im Anhang zusammenfassend dargestellt wurde.[25] Die Züchtung habe schon in der Schwangerschaft zu beginnen, wie das Beispiel Mozarts zeige: „die Mutter Mozarts beschäftigte sich in den ersten Jahren ihrer Ehe leidenschaftlich mit Musik und gebar Wolfgang. Später gab sie diese Beschäftigung auf – und ihr zweiter Sohn war ohne jegliches Talent für Musik.“[26]

Künstler und Schriftsteller interessierten sich im frühen 20. Jahrhundert besonders für Ethnologie, Psychoanalyse, Anthroposophie und Parapsychologie („Okkultismus“), wobei auch sexualmagische Ideen und Praktiken eine gewisse Rolle spielten. Rudolf Steiners Beziehung zu Reuß und die Frage, inwieweit dessen sexualmagische Techniken (siehe oben) in seine maurerischen Praktiken Eingang fanden, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.[27] Aus diesem Umfeld wäre der Architekt und Kulturtheoretiker Heinrich Goesch zu nennen, ursprünglich ein Steiner-Anhänger, der sich aber dann von der Anthroposophie lossagte. Er war mit dem umstrittenen Psychoanalytiker Otto Groß befreundet und experimentierte offenbar auch auf sexuellem Gebiet, was ihn „zu einer polygamen Praxis mit sexualmagischen Zügen führte.“[28]Seine Frau Gerdrud, eine Cousine von Käthe Kollwitz, „musste sich als Trägerin dieser Ideen ihren Möglichkeiten unterwerfen. Doch waren ihre Nerven solchen Erschütterungen wohl schlecht gewachsen.“[29] In seiner Intimbeziehung mit Hannah Tillich, der Frau des Theologen Paul Tillich, versuchte er, vermutlich von der Theosophie angeregt, Reinkarnationserinnerungen zu wecken. Wie der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Zander dargelegt hat, ist auf diesem nebulösen Feld „das Verhältnis von Theorie und Praxis kaum zu bestimmen“.[30]

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Sexualmagie“ im Umfeld esoterischer Selbstverwirklichungsstrategien auf. Er war nun nicht mehr auf rassenbiologische, sondern auf esoterische und zugleich sexualbiologische Ziele ausgerichtet, wie dies das „Handbuch der Sexualmagie“ eines gewissen „Frater V:., D:.“ zeigt. Der Autor sei angeblich in Heliopolis/Ägypten geboren, sei schon als Kind zur Esoterik gelangt und habe Sprachen und Literatur an den Universitäten Bonn und Lissabon studiert. Er sei als freier Schriftsteller tätig und „Begründer der pragmatischen Magie“ bekannt. Medizinhistorisch interessant ist die geschilderte „Praxis der Energieübertragung zwecks Heilung und Kräftigung eines Partners“.[31] Der Autor gab eine Methode der Energiespende an, die der traditionellen „Gerokomik“ entspricht: Atemsynchronisation, unbekleidetes Nebeneinanderliegen. Der Energie spendende Partner solle keine eigene Energie abgeben. „Sie machen sich also zum Kanal für diese Energie, behalten Ihre eigene Energie aber für sich. Alles andere wäre der reinste Selbstmord!“ Woher sind aber nun die Heilenergien zu beziehen? „Sie können sich mit Runenübungen energetisieren, Energie aus der Sonne oder von der Erde nehmen, von den vier Elementen, von Bäumen, Tieren, Steinen usw. Entsprechende Techniken haben sie teils schon geübt“. Der „Energievampirismus“ sei zu vermeiden, wenn man „um seine eigene Energieaufladung weiß und es auch versteht, die also gespeicherte Energie an den anderen weiterzugeben“.

Die Ausführungen dieses geheimnisvollen Autors stellten eine perfekte Mischung aus handfesten Gebrauchsanweisungen und höchst esoterischen Spekulationen dar. So verkündete er beispielsweise: „Sollten Sie einen Tal- oder Ganzkörperorgasmus erfahren, wird der Astralaustritt zu einem Kinderspiel. Wenn Sie Ihre Sexualmagie entsprechend beherrschen, können Sie plötzlich astral aus dem physischen Körper herausschießen wie eine Rakete!“[32] Dementsprechend sei auch der Verkehr mit dem imaginierten Partner möglich, wenngleich es sich um eine „autoerotische Praktik“ handele: „doch wenn der Partner hinreichend kraftvoll imaginiert wird, wird der – sofern er generell dazu geeignet und willens ist – an diesem Astral- bzw. Mentalverkehr aufs intensivste teilhaben.“ Viele Liebende würden diesen ohnehin erfahren, rein zufällig, während ihn der Magier „wie willentlich und kontrolliert herbeizuführen“ verstehe. Im Rückgriff auf Rosenkreuzer, Kabbala und Alchemie sollte nun die „praktische Sexualmystik“ ermöglicht werden: „Unio mystica und Chymische Hochzeit“.[33] Der Leser erhält hier eine handfeste Gebrauchsanleitung für das sexualmystische Ritual, in dem es u. a. heißt: „Gott und Göttin steigern ihre Ekstase immer weiter, suchen dabei aber nicht bewusst nach dem Gipfelorgasmus. Der Gott erkennt in der Göttin sich selbst in seinem weiblichen Aspekt, die Göttin erkennt sich in ihrem männlichen Aspekt im Gott. Ein eventuell eintretender sexueller Höhepunkt sollte diese Ekstase so weit steigern, bis das Bewußtsein gänzlich ausgeschaltet ist und nur noch die reine Energie strömt.“[34] Die „chymische Hochzeit“ erfahre ihre höchste Stufe „durch die autoerotische Arbeit“.[35] „Die Chymische Hochzeit des Magiers mit sich selbst“ gleiche der „Chymischen Hochzeit“ für Paare, „nur dass der Magier eben beide Rollen wahrnimmt“: „Der Magier empfindet sich zunehmend als Verkörperung der männlichen und weiblichen Energie. Schon diese Erkenntnis allein wird ihn in Ekstase versetzen.“[36]

„Magie“ ist heute ein wichtiges Thema der praktischen Lebenshilfe. Es macht einen erheblichen Teil der Ratgeberliteratur zur Selbsthilfe (Do it yourself) aus. Als Beispiel sei hier das Buch „Magie für den Alltag“ (Everyday Magic) des englisch-australischen Schriftstellers Nevill Drury genannt, der zahlreiche Publikationen zur westlichen Magie verfasste.[37] Er gab eine Reihe von Gebrauchsanweisungen für Zaubereien in verschiedenen Lebenslagen. So beschrieb er einen Liebeszauber mit Hilfe von Blumen, die man sich liebevoll über Kopf und Gesicht streichen solle: „Öffnen Sie sich ganz der Liebesenergie der Blume und spüren Sie, wie sich eine solche Offenheit und die von der Blume verströmte Liebe anfühlen.“[38] Dann halte man die Hand mit Blume über verschiedene Körperregionen und spreche einen bestimmten Spruch: „Ich atme Liebe“, „Ich halte Liebe in der Hand, „Ich spüre Liebe“ etc. „Und dann lassen Sie sich überraschen, was in Ihrem Leben vielleicht so alles geschehen wird.“[39] Im Kapitel „Die Magie der Liebe und Sexualität“ bezog er sich auf die Idee der Heiligen Hochzeit und bemühte vor allem Wicca und Tantra, um die praktischen Übungen zu begründen.[40] Der große Ritus im Wicca-Kult schließe mit der Initiation „in der heiligen sexuellen Vereinigung zwischen Hohepriesterin und dem Hohepriester“ ab. „In diesem Ritual rufen die Hohepriesterin und der Hohepriester den Gott und die Göttin in den Körper des jeweils anderen herab, so dass ihre Vereinigung nicht die von zwei individuellen, sich liebenden Menschen ist, sondern von zwei zu Einem vereinten Gottheiten. Ihre sexuelle Vereinigung findet gleichzeitig auf physischer und auf spiritueller Ebene statt; sie wird zu einer heiligen Handlung, die die Schöpfung und die universale Lebenskraft an sich symbolisieren.“

In einem „Handbuch zur Sexualmagie für Fortgeschrittene“ werden die „Rituale des Baumes der Ekstase“ in einer Mischung von kulturhistorischen Versatzstücken und praktischen Ratschlägen präsentiert. Vorbild ist der kabbalistische „Baum des Lebens“, der Sephirot-Baum.[41] Die britische Autorin Dolores Ashcroft-Nowicki ist angeblich Anhängerin der „Servants of light“ (SOL), einer „Schule der okkulten Wissenschaft“.[42] Die tantrische Kundalini-Übung sollte die „Macht der Schlange“, der Schlangengöttin, hervorrufen: „Der Hauptzweck des Tantra besteht bei Männern darin, die Energie der Samenflüssigkeit umzukehren und ins Gehirn zu lenken. Bei Frauen liegt diese Energie im Menstrualblut. Kundalini, die Schlangengöttin, ruht bei den meisten Menschen an der Basis der Wirbelsäule. Wenn sie aufgeweckt wird, beginnt sie ihren Aufstieg zur Erleuchtung.“[43] Die Gebrauchsanleitung für diverse „Rituale“ wird mitgeliefert. Man benötige folgende Dinge: „zehn Kerzen, fünf dunkelgrüne und fünf goldfarbene; Räuchermittel; Körperöle; eine Schale Kräuter und zerquetschte Blätter, zwei Tontassen [etc. etc.]“.[44]  Das Unverfrorene und Ärgerliche an solchen Ratgebern ist, dass hier höchste und tiefste Geheimnisse mystischer Erfahrungen, die sich nur einem lebenslang ernsthaft Geschulten erschließen können, als verfügbare Ware vorgegaukelt werden, die jedermann rasch und problemlos erwerben kann. In Anlehnung an die „Neosexualitäten“ (Sigusch) (Kap. 48) könnte man hier von einer „Neo-Magie“ sprechen.


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paschal_Beverly_Randolph (8.05.2010). [2] Randolph, 1992, S. 7 [„Vorwort“ des Übersetzers]. [3] A. a. O., S. 8. [4] A. a. O., S. 11 [„Einleitung“ des Übersetzers]. [5] A. a. O., S. 15  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [6] A. a. O., S. 19  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [7] Naglowska [1932], 1993, S. 137. [8] Randolph, 1992, S. 69. [9] Zit. n. Deveny, 2008, S. 360. [10] A. a. O., S. 363. [11] A. a. O., S. 364. [12] Randolph, 1992, S. 70. [13] A. a. O., S. 71. [14] A. a. O., S. 72. [15] A. a. O., S. 80. [16] A. a. O., S. 72. [17] A. a. O., S. 80. [18] A. a. O., S. 81. [19] Alexandrian, 1983, S. 376. [20]http://homeopathy.wildfalcon.com/archives/2009/01/19/adrien- peladan-1844-1885/ (8.05.2010). [21] Zit. n. Alexandrian, 1983, S. 376; Péladan, 1886. [22] Alexandrian, 1983, S. 377. [23] Herman, 1905, S. 259-512. [24] Ebd., S. 435. [25] A. a. O., S. 502-512. [26] Ebd., S. 508. [27] Zander, 2007, S. 978. [28] A. a. O., S. 1006. [29] Zit. ebd. [30] A. a. O., S. 980. [31] V., D., 1986, S. 222-223. [32] V., D., 2008, S. 247. [33] A. a. O., S. 366-375. [34]  Ebd., S. 371. [35] A. a. O., S. 372. [36] A. a. O., S. 375. [37] Drury, 2004. [38] Ebd., S. 120. [39] A. a. O., S. 121. [40] A. a. O., S. 125-151. [41] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 100. [42] A. a. O., S. 281  [Nachwort]; http://www.servantsofthelight.org/aboutSOL/bio-Dolores.html (3.8.2011). [43] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 91. [44] A. a. O., S. 110.


[i] Herman, 1905; → Abb. Fidus in Herman 1905 

48. Kap./1* „Physiologie der Ehe“

Gegenüber dem viel beklagten sexuellen Elend in der Ehe − der Eintönigkeit des Geschlechtsverkehrs, der Gewaltanwendung des Mannes gegenüber der Frau, der Herabwürdigung der Frau zur Gebärmaschine etc. − revoltierten sowohl Romantiker um 1800 als auch Anhänger der Lebensreform 100 Jahre später. Neben hedonistischen Strömungen für die „freie Liebe“ gab es auch Versuche, das als weithin desolat empfundene Eheleben zu reformieren, es gewissermaßen zu veredeln. In der Regel beriefen sich die betreffenden Protagonisten eines idealen ehelichen Sexuallebens auf die Natur, mit deren Gesetzmäßigkeiten es in Einklang zu bringen sei. Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac nahm einen anderen Standpunkt ein, indem er sich auf Napoleons Ausspruch berief: „Die Ehe läßt sich durchaus nicht aus der Natur ableiten. […] Der Mensch ist ein Werkzeug der Natur, die Gesellschaft aber drängt sich ihr auf. – Das Gesetz ist um der Sitten Willen da, und die Sitten wandeln sich. – Folglich kann die Ehe an der stufenweisen Vervollkommnung teilnehmen, die für alle menschlichen Einrichtungen möglich ist.“[1] Balzac veröffentlichte 1829 ein mit praktischen Ratschlägen angereichertes Buch mit dem Titel: „Physiologie der Ehe“, in dem „alles Beobachtung und Analyse“ sei. [2] Seine Erkenntnisse fasste er in 92 „Grundsätzen“ zusammen, die er blockweise in den gesamten Text einfügte. Die Grundsätze 27 bis 54 bezeichnete er als „Ehekatechismus“.[3] Sie bilden Aphorismen über die geglückte Liebe, die Balzac als Ausdruck von Kunst und Bildung ansah. So meinte er unter anderem: Die Frau sei „in der Liebe gleich einer Leier, die nur dem ihre Geheimnisse offenbart, der gut darauf spielen kann“.[4] „Leichte Auffassungsgabe für die Nuancen der Wollust, ihre Ausübung, sowie Stilbildung und Originalität der Ausdrucksweise begründen das Genie eines Gatten.“[5] „Zwischen zwei Wesen, die einander nicht lieben, bedeutet dieses Genie Zügellosigkeit; Liebkosungen jedoch, die die Liebe regiert, sind niemals lasziv“.[6]

Der niederländische Gynäkologe und Direktor der Frauenklinik in Haarlem Theodor Hendrik van de Velde nahm im Gegensatz zu Balzac einen biologistischen Standpunkt ein, auch wenn er sich zustimmend auf dessen oben zitierten „Ehekatalog“ bezogen hat. Sein in zahlreichen Auflagen und viele Sprachen übersetztes Buch „Die vollkommene Ehe“, erstmals 1926 in niederländischer Sprache erschienen, machte wegen seiner freizügigen Darstellungen Furore und gelangte sogar auf den Index des Vatikan.[7] Für den Autor waren normative Vorstellungen entscheidend, ging es ihm doch einzig und allein um die idealtypische heterosexuelle Konstellation in der „Hoch-Ehe“. Homosexualität oder „Perversionen“ waren für ihn kein Thema. Für ihn war das Hauptproblem der „Kampf zwischen instinktiver geschlechtlicher Abstoßung und triebhafter sexueller Anziehung“.[8] Als ein Mittel der Rettung der Ehe sei deshalb „die rechtzeitige Verstärkung der sexuellen Anziehungskräfte, so daß die entgegengesetzten überhaupt nicht in die Lage kommen, sich zu offenbaren.“ Auf diesem Wege sollte die „Hoch-Ehe“ erreicht werden, und zwar „durch Ausbildung der Technik der gegenseitigen Geschlechtsbefriedigung, weit über das in der jetzigen Ehe Übliche hinaus.“[9] Van de Velde gab eine minutiöse Beschreibung des „normalen, ‚gesunden’ Coitus“, die an die Gebrauchsanleitung für einen technischen Apparat erinnert: Bei einem solchen Koitus soll „der beiderseitige Orgasmus unbedingt annähernd gleichzeitig eintreten, d. h. normalerweise fängt die Ejakulation beim Manne an, und die Lustlösung setzt beim Weibe sofort darauf ein, − genauer gesagt, nach so viel Zeit, als nötig ist, um den durch die Ejakulation erweckten Gefühlseindruck dem Zentralnervensystem zuzuleiten und ihn dort in die Entladung umzusetzen, das ist also […] in weniger als einer Sekunde.“[10] So entwarf van de Velde Verlaufskurven der „Vergattung“, die den „Erregungskurven“ des Orgasmus von Wilhelm Reich entsprechen (siehe unten).

Beim Betrachten der Verlaufskurven wird van de Veldes normative Auffassung der „Vergattung“ besonders deutlich. Die Graphiken erinnern an zwei aufeinander bezogene Fieberkurven, die eine angeblich gesunde Idealkonstellation fixieren und alle davon abweichenden Konstellationen als ungenügend oder „abnormal“ definieren. So wird „A. Ideale Vergattung“ (Abb. [i]) kontrastiert mit „B. Coitus ohne Vorbereitung der erfahrenen Frau“ und „C. Coitus mit einer unerfahrenen Frau nach vorhergehendem Reizspiel“ (Abb. [ii]) sowie „D. Coitus mit einer unerfahrenen Frau ohne genügende Vorbereitung“ (Abb. [iii]) und „E. Coitus interruptus“. (Abb. [iv]) Letzterer gehöre eigentlich nicht mehr zur Physiologie, da er eine „abnormale geschlechtliche Handlung“ darstelle. Denn für „sexuell vollwertige Menschen“ bedeute der „systematische Coitus interruptus […] eine Abwürgung der Ehe, eine Gefahr für die Gesundheit des Mannes und ein Verbrechen an der Frau.“[11]

Van de Velde polemisierte auch gegen die Verzögerung des Eintritts der Ejakulation und bezweifelte im Hinblick auf asiatische Sexualpraktiken, dass es dadurch zur Erhöhung der Lustgefühle bei der Frau komme: „ob die den Hindus, Javanern und anderen Bewohnern des Morgenlandes nicht ungewohnte Übertreibung dieser Methode dennoch der Frau die (von dem Manne beabsichtigte) Gelegenheit gibt, die erwünschte, stark vergrößerten örtlichen Reize durch Phallosreibungen tatsächlich auch unverändert zu bekommen?“ Das erscheine eher unwahrscheinlich, „weil diese Reibungen bei einem derartigen Verhalten des Mannes wahrscheinlich ziemlich stark an Frequenz und Intensität einbüßen werden. Was ich aber wohl als sicher betrachte, ist, daß dieses Verfahren für Kulturmenschen der weißen Rasse schon aus ästhetischen Rücksichten nicht in Frage kommt, – es sei denn ausnahmsweise und in larvierter Form nach schon vorhergegangener richtiger Vergattung.“[12] Nach van de Veldes Theorie der „richtigen Vergattung“ bedeutete die Immissio penis ohne Ejakulation ein „wirklicher Exzeß“, „eine Vergattung – die keine ist.“

Beiläufig ging er in diesem Zusammenhang auf die „Oneida-Gemeinde“ und „Karezza“ ein, wobei er die einschlägige Literatur offenbar nur bruchstückhaft zur Kenntnis genommen hatte (Kap. 49).[13] Er zitierte lediglich das höchst einflussreiche Buch „Married Love“ der britischen Paläobotanikerin und Frauenrechtlerin Mary Stopes, das 1918 erschien und in den USA bis 1931 wegen des anstößigen Inhalts verboten war.[14] Stopes hatte behauptet, dass die Karezza-Methode einer Frau mit starkem Geschlechtstrieb „das Gefühl der Geschlechtsvereinigung und der körperlichen Nervenberuhigung“ schenken könne. [15] Das sei aber physiologisch völlig widersinnig, so van de Velde, denn ohne „orgastische Befriedigung als naturgewollte Abreaktion“ könne es keine Beruhigung „von normalen Menschen“ geben. So möchte er „vor der ‚Karezza’ dringend warnen“. Freilich wolle er zugeben, „daß eine derartige Vergattung, die keine ist, gelegentlich für einen stark untererregbaren Mann und seine ebenso untererregbare Gattin […] ohne Gefahr für Schaden in Betracht kommen kann, wenn ihr seelisches Liebesbedürfnis eine möglichst innige Berührung der Körper wünscht, während dennoch ein ausgesprochener Geschlechtsbefriedigungstrieb fehlt.“[16]

Ausführlich schilderte van de Velde „Stellung und Haltung beim Coitus“ und entwarf eine „Tabula positionum“. Diese „Synousiologie“ als „Lehre vom Coitus“ sei für Ärzte und Laien gleichermaßen wichtig.[17] Er stellte die möglichen Koitushaltungen in einer doppelseitigen Tabelle zusammen.[18] „Auf Wunsch des Verlags in lateinischer Übersetzung“, merkte er in einer Fußnote an.[19] Darin verzeichnete er zu den einzelnen Stellungen die Art der sexuellen Reizung bei beiden Geschlechtern, die jeweilige Indikation und Kontraindikation sowie die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis. In Krankheits- und Problemfällen solle der Arzt hinsichtlich des Eheglücks „durch genaue, auf der Physiologie fußende, technische Ratschläge segensreich eingreifen können.“[20] Der Begriff „Physiologie“ erinnerte ihn offenbar an die „Physiologie du Mariage“ und den „Ehekatechismus“ von Balzac, der allerdings unter diesem Begriff etwas ganz anderes verstanden hatte.


[1] Zit. n. Balzac [1829], 1951, S. 11. [2] Balzac [1829], 1951, S. 22. [3] A. a. O., S. 82-84. [4] Ebd., S. 82 [Grundsatz 31]. [5] A. a. O., S. 83 [Grundsatz 38]. [6] Ebd. [Grunsatz 39]. [7] Velde [1926], 1937. [8] Ebd., S. 18. [9] A. a. O., S. 19. [10] A. a. O., S. 169. [11] A. a. O., S. 179. [12] A. a. O., S. 188. [13] A. a. O., S. 189. [14] http://en.wikipedia.org/wiki/Married_Love (15.06.2011). [15] Zit. n. Velde, 1929, S. 190. [16] A. a. O., S. 191. [17] A. a. O., S. 219. [18] A. a. O., S. 220 f.  [19] A. a. O., S. 219. [20] A. a. O., S. 222.


[i] Velde, 1929, S. 169; → Abb. Velde 1929, S. 169 [ii] Velde, 1929, S. 173; → Abb. Velde 1929, S. 173 [iii] Velde, 1929, S. 175; → Abb. Velde 1929, S. 175 [iv] Velde, 1929, S. 178; → Abb. Velde 1929, S. 178

46. Kap./3* Kunst des Bezauberns [+ Audio]

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Der rumänische Religions- und Kulturhistoriker Ioan Peter (Petru) Couliano (auch Culianu) rekonstruierte auf brillante Art Giordano Brunos Analyse der praktischen Magie als Kunst des Bezauberns, deren massenpsychologische Bedeutung er mit Macchiavellis „Il Principe“ gleichsetzte. Couliano wurde 1991 vermutlich vom rumänischen Geheimdienst Securitate auf dem Campus der University of Chicago Divinity School erschossen, an der er als Professor lehrte.[1] Sein Buch „Eros und Magie in der Renaissance“[2] erschien im französischen Original 1984.[3] Ich verdanke seiner Lektüre wichtige Anregungen und möchte ihn deshalb ausführlicher referieren. Ich verwende im Folgenden die englische Übersetzung.[4] Couliano sah in Ficino den Vater der Gleichung Eros = Magie („Eros = magic“) und führte aus: „Love is, to be sure, a magician – the creation of this formula is also Ficino’s.”[5]Denn die ganze Macht der Magie gründe auf Eros. Wegen und durch Eros verwandle sich die Natur in eine große Zauberin.[6]Brunos Schrift „De vinculis in genere“ komme ein herausragender Ehrenplatz unter den Theorien der Massenmanipulation zu. [7]Niemals vor oder nach Bruno habe ein anderer Autor diesen Gegenstand so empirisch und frei von ethischen, religiösen oder sozialen Bedenken behandelt wie er.[8] Gustave LeBon und Sigmund Freud wollten psychologische Mechanismen aufzeigen und nicht lehren, wie eine Masse zu kontrollieren sei. Heute, so Couliano, werde kein Führer der westlichen Welt wie Macchiavellis “Principe” handeln, sondern eher Methoden von „De vinculis“ gebrauchen: “methods of persuasion and manipulation as subtle as those the brain trusts are able to place at his or her disposal.“[9] Magier, die die Massen faszinieren wollten, müssten also subtil vorgehen und nicht wie die Sowjetpropaganda. Brunos Magier sei sich immer bewusst, dass er, um beim Einzelnen wie bei der Masse Folgsamkeit zu erreichen, eine “total illusion of giving unicuique suum schaffen müsse. Deshalb erforderte Brunos Manipulation vollständiges Wissen über die Wünsche des Subjekts, ohne das kein Bann, kein Zauber (vinculum) möglich sei. Dabei diene Eros als ein großes Werkzeug für die Manipulation. Es sei völlig offensichtlich, so Bruno in der letzten seiner Theses de magia, dass „das höchste, wichtigste und allgemeinste Zauberband [vinculum summum, praecipium et generalissimum] Eros gehört; und deshalb bezeichneten ihn die Platoniker als Großen Dämon [daemon magnus]“.[10]

Plastisch schilderte Bruno, wie der Magier, der „Jäger der Seele“ (animarum venator), durch drei Tore – „Das Sehen, das Hören und den Verstand oder die Vorstellungskraft“ – eintritt [invectione], eine Verbindung herstellt [copulatione], sein Band schlingt [ligatione] und anzieht [attractio].[11] Die Hauptpforte aller magischen Prozesse aber ist die Fantasie, sie „ist das Tor und der wichtigste Zugang zum ganzen Wollen, Erleben und Empfinden eines Lebewesens.“[12] Sie ist der einzige Zugang (sola porta) zu inneren geistigen Zuständen und das stärkste Zauberband (vinculum vinculorum).[13] Die Fantasie oder Einbildungskraft habe die sinnlichen Eindrücke zusammenzufassen und zu ordnen. Dies geschehe willkürlich wie beim Dichter, Maler oder Schriftsteller, oder aber unwillkürlich: mittelbar durch Menschen oder unmittelbar durch „Geistiges, Vernünftiges oder durch einen Dämon, der auf die Phantasie im Traum oder auch im Wachzustand einwirkt“.[14] Bruno beschrieb den Vorgang der Projektion, des Wahns, der Halluzination sehr genau, gewissermaßen ganz modern: Die inneren Eindrücke würden auf eine solche Weise erzeugt, „daß es scheint als habe etwas von den äußeren Sinnen Besitz ergriffen. […] Dies ist nicht verwunderlich, denn nicht ihre [dieser Menschen] Sinne wurden getäuscht, sondern ihre Vernunft.“ Die unwillkürliche Aktivierung der Einbildungskraft nach Bruno entsprach genau der späteren Unterscheidung von Suggestion und Autosuggestion, wie wir sie bei Liébeault und Bernheim kennengelernt haben (Kap. 15). Die mittelbare Aktivierung durch andere Menschen bedeutet Suggestion, die unmittelbare Aktivierung Autosuggestion, die – im Guten wie im Bösen – dämonischen Charakter hat.

Ein wichtiger Grundsatz für die magische Praxis war, dass sich der Manipulator selbst nicht manipulieren lassen durfte. Er musste versuchen, jede Befangenheit zu vermeiden. Um andere zu kontrollieren, müsse man erst einmal sicher vor der Kontrolle durch andere sein. Für Bruno gab es nur eine Wahrheit, ein Prinzip, nach den Worten Coulianos: „everything is manipulable, there is absolutely no one who can escape intersubjective relationships, whether these involve a manipulator, a manipulated person, or a tool. [[15]] Theology itself, the Christian faith, and all other faiths are only beliefs of the masses set up by magic processes.” [16] Glaube und Vertrauen sind Voraussetzung jeglicher Magie: “Weshalb jeder, der wirken will, sei es ein Magier, ein Arzt oder Prophet, ohne vorher erworbenes Vertrauen nichts ausrichtet […]. Deshalb ist der Satz des Hippokrates allgemein bekannt: ‚Jener ist der beste Arzt, dem die meisten glauben.’“[17] Der Glaube, so Bruno, sei das große Band (vinculum magnum), das Band der Bänder (vinculum vinculorum), von dem alle anderen abhängen (sequuntur) und abstammen: „Hoffnung, Liebe, Religion, Frömmigkeit, Furcht, Geduld, Vergnügen, […] Empörung, Hass, Zorn, Verachtung”.[18] Es sei wesentlich, dass der Magier einen aktiven und das bezauberte Subjekt einen passiven Glauben hätte. Ohne Letzteren könne keine magische Praxis irgendetwas bewirken.[19] In Brunos Perspektive beruhte die Religion auf einer Art Massenmanipulation.

Couliano hob die dreifache Bedeutung der „chain of chains“ hervor: „Eros, phantasy, and faith. […] the vinculum vinculorum is the synthesizer, receiver, and producer of phantasms.[20]Er verwies auf den “magischen Zirkel” bei Bruno: „The assumption is that no one can escape the magic circle: everyone is either manipulated or a manipulator.” Die Suggestionstheoretiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren sich dieser Problematik bewusst: Niemand kann dem suggestiven Zirkel entkommen, der durch Erziehung und kulturellen Kontext vorgegeben ist und keinen objektiven Haltepunkt außerhalb der sozialen Kommunikation bereitstellt (Kap. 1).

Was bezweckte Bruno mit seiner Beschreibung des vinculum cupidinis, des libidinösen Bandes (libidinal bond) ? Couliano bot vier Hypothesen an: (1) Indem Bruno die Liebe als natürliches Band behandelte, wollte er ein Paradigma für jedes künstliche oder magische Band etablieren; (2) Bruno beschrieb einfach die Phänomenologie des Eros wie Ficino und Pico. Die vincula erscheinen sehr konkret und Eros wird zum Paradigma der vincula in genere; (3) die Kenntnis der erotischen Phänomenologie macht den Manipulator immun: er ist der Mann, der alles über die Liebe kennt, „in order to learn not to love“; und (4) Brunos Motiv könnte gewesen sein, die Leseschüler mit medizinischem Wissen zu versorgen, „to ‚unbind’ and break the imaginary vincula that attach his patients to him.“ [21] Es ging ihm in diesem Fall nicht darum, dass der Manipulator magnetischen Einfluss auf den Patienten ausübt, sondern um das Gegenteil: dass er nämlich die vincula, an denen der Patient leidet, zerbricht, ihn davon löst. Somit ergab sich für Bruno die Schlussfolgerung: “vinculum quippe vinculorum amor est“ (Die Liebe nämlich ist die höchste aller Bannkräfte).[22]

Was aber hatte „vinculum“ zu bedeuten? Zunächst bedeutete es Schönheit im weitesten Sinne. Freilich kann auch ein weniger schönes Mädchen jemanden stärker bezaubern als ein perfekt schönes, was Bruno mit einer geheimen Kommunikation (ex spiritu vero occulta est vinculi ratio interdum) zwischen dem Liebhaber und dem Objekt seiner Liebe erklärte.[23] Wie funktioniert es? Es werde durch die Fantasie verursacht und habe eine eigene Autonomie und Realität. Die Fantasie könne das Objekt wirklich beeinflussen und auch durch das Tor der Imagination eindringen: Ja, die Einbildung könne „ohne Wirklichkeit tatsächlich bannen und den durch Einbildung Gebannten tatsächlich binden. Denn auch wenn es keine Hölle gibt, so bereitet doch der Glaube an die Hölle und die Einbildung, daß es eine Hölle gibt, wirklich eine wahre Hölle auch ohne zugrundeliegende Wirklichkeit.“[24]

Couliano verwies auf Brunos Unterscheidung von natürlicher und abstrakter Liebe, Letztere ausgeübt vom „masturbierenden Eremiten“: „Primus amor est physicus seu naturalis / est abstractus seu mathematicus, et est amor heremitae masturbantis“.[25] Bruno habe auch eine sehr kryptische Regel zur Kontrolle der Sexualität aufgestellt und die Idee einer quasi sublimierten Sexualität durch Zurückhaltung des Samens propagiert: “Ejaculation of semen releases bonds, whereas its retention strengthens them. […] Look: continence is the beginning of the bondage, abstinence precedes hunger, and hunger leads to victuals.”[26] Wenn der Samen teilweise ausgestoßen wird, verschwindet auch die Kraft des Bandes teilweise: „Cupids bonds [Cupidinis vincula], which were strong before mating, were dissipated after the moderate ejaculation of semen, and the ardor was diminshed even though the attractive object did not cease to be.”[27] Brunos Hinweis auf den coitus reservatus erinnere an den Taoismus, etwa das “embryonic breathing” zur Stärkung der Vitalität, sowie die Tantriker, die schlafende kosmische Energien wecken und zum Kopf lenken wollten, dem “Lotus of thousand leaves”.[28] Freilich sei dies, so Couliano, nicht die Intention Brunos gewesen: „What interests him […] is the way we can seduce, create bonds and attachments. Now, he observes that once pleasure has been had, the bonds dissolve. That is why, to maintain the strength of the bond, it must not be enjoyed.”

Bruno gehe es also bei der Zurückhaltung des Samens um eine Verstärkung des Bandes, was in folgendem Schlüsselzitat zum Ausdruck komme: „There is a bond by means of prolific semen, which is attracted, strives, and approaches its act.“[29]Wer glühend begehre, habe die Macht, das Objekt seiner Begierde in seinen Bannkreis zu ziehen. Couliano interpretiert: „That is why the manipulator is supposed to strenghten the bond, retains the sperm, for ‚he who wishes to bind is obliged to develop the same emotions as he who must be bound.’ […] to arouse an emotion the manipulator must develop it in himself, whence it will not fail to be transmitted to the phantasmic mechanism of his victim.”  Stimme und Sperma seien die einzigen Modalitäten, durch die der Geist den Körper in einer beobachtbaren Weise verlasse. Couliano stützt seine Interpretation auf Allison Coudert, die sich mit Mercurius van Helmonts  Lehre von der „natürlichen Sprache“ auseinandersetzte und auf dessen Rückgriff auf die in der Renaissance gängige medizinische Theorie hinwies, wonach die Ejakulation von Samen wie das Sprechen mit der Aussendung von geistiger Kraft (spiritus) einhergehe.[30] Wenn demnach der Samen nicht ausgestoßen wird, verwandelt er sich in eine geistige Kraft, die ihrerseits die reproduktive Kraft des Samens bewahrt und den Atem beim Sprechen belebt. Ein übermäßiger Verlust von Samen wird nicht nur die Stimme, sondern auch die geistigen Kräfte des Subjekts betreffen, Ähnliches trifft auf übermäßiges Reden zu. Van Helmont zeigte dies am krassen Beispiel eines Gefolterten, „welcher / wenn er sehr schreiet / so entkräfftet wird / dass er alles bekennen muss“.[31] So erscheint sexuelle Enthaltsamkeit als ein Mittel, um dem Verlust von pneuma oder spiritus entgegenzuwirken und sie zu akkumulieren. Nach van Helmont hängen Sprache und Fortpflanzungsfähigkeit zusammen. Denn um zu sprechen, seien die „sacht-verfliessenden / süss-schmeckenden / weissen schleimichten feuchtigkeiten“ nötig, die er mit dem Samen identifizierte. So erschienen ihm die Stimme und Wörter wie Kinder, wie der Ausfluss von Geistern (spiritus) und Engel. Deshalb müsse sich der Mensch Rechenschaft über seine Worte ebenso ablegen, wie über seine Taten und Gedanken.

Doch zurück zu Bruno. Der Manipulator muss zwei gegensätzliche Aktionen zuwege bringen: Er muss selbst immun gegen Liebe sein; und er muss selbst beträchtliche (sterile, abgespaltene) Leidenschaften entfachen. „For there is no way to bewitch other than by experimenting in himself with what he wishes to produce in his victim.”[32]Couliano wollte die Magie als eine allgemeine Psychosoziologie (general psychosociology) begreifen.[33] Die Existenz eines Individuums liege in einer Sphäre natürlicher Magie. Alle Beziehungen zwischen den Individuen würden von – im weitesten Sinne – erotischen Kriterien der menschlichen Gesellschaft kontrolliert und auf all ihren Ebenen sei Magie am Werk, an der alle beteiligt seien.[34] Es sei eben ein Irrtum der Historiker, dass die Magie mit der Entwicklung der „quantitativen Wissenschaft“ verschwunden sei. Letztere diente einfach als Ersatz für einen Teil der Magie, indem sie mit technologischen Mitteln deren Träume und Ziele ausdehnte. „Technology, it can be said, is a democratic magic that allows everyone to enjoy the extraordinary capabilities of which the magician used to boast.”[35]Couliano sympathisierte mit dem anarchischen Charakter der Magie, indem er dem Polizeistaat, den er in Form des Ceauşescu-Regimes in seinem Herkunftsland Rumänien vor Augen hatte, den “Magierstaat” (magician state) gegenüberstellte. Die magischen Ressourcen seien so reichhaltig, dass sie die verrottete Polizei-Ideologie überwinden könnten.[36] Die gewaltsame Machtausübung habe sich dem subtilen Prozess der Magie zu ergeben, „science of the past, of the present and of the future.”[37]


[1] Anton, 1992. [2] Couliano, 2001. [3] Couliano, 1984. [4] Couliano, 1987. [5] Ebd., S. 87. [6] A. a. O., S. 106 f. [7] Bruno, 1962 [b]: Bruno, 1999 [b]. [8] Couliano, 1987, S. 89. [9] A. a. O., S. 90. [10] Bruno, 1962 [a], S. 491 (dt. Übers. H. S.). [11] Bruno, 1962 [b], S. 669; Bruno 1999 [b], S. 101. [12] Bruno, 1999 [a], S. 58. [13] Couliano, 1987, S. 92. [14] Bruno, 1999 [a], S. 54. [15] Bruno, 1962 [b], S. 654; Bruno, 1999 [b], S. 84. [16] Couliano, 1987, S. 93. [17] Bruno, 1999 [a], S. 58 f. [18] Bruno, 1962 [a], S. 490 (dt. Übersetzung H. S.); Couliano, 1987, S. 93. [19] Couliano, 1987, S. 94. [20] A. a. O., S. 95. [21] A. a. O., S. 94 f. [22] A. a. O., S. 97. [23] Bruno, 1962 [b], S. 682; Couliano, 1987, S. 98. [24] Bruno, 1962 [a], S. 117 f. [25] Bruno, 1962 [b], S. 644; Couliano, 1987, S. 99. [26] Bruno, 1962 [b], S. 645; Couliano, 1987, S. 100. [27] Bruno, 1962 [b], S. 663. [28] Couliano, 1987, S. 100. [29] Zit. a. a. O., S. 101. [30] Coudert, 1978, S. 63. [31] Zit. a. a. O., S. 64. [32] Couliano, 1987, S. 102. [33] A. a. O., S. 102-106. [34] A. a. O., S. 103. [35] A. a. O., S. 104. [36] A. a. O., S. 105. [37] A. a. O., S. 106.