28. Kap./3 * Der baquet als Akkumulator

Hier sei eine persönliche Anmerkung eingeschoben. Im Anschluss an Mesmers Geburtstag im Jahre 1984 habe ich an verschiedenen Orten medizinhistorische Ausstellungen zur Geschichte des Mesmerismus organisiert und hierbei auch selbst gebaute „magnetische Kübel“ ausgestellt, die eine gewisse Faszination auf die Ausstellungsbesucher ausübten. Einige meinten sogar, in seiner Nähe Strahlen zu verspüren, obwohl er selbstverständlich keine physikalisch wirkenden Strahlungsgeräte enthielt − vielleicht ein Beispiel für die „Magie der der Pseudomaschine“, wie sie der Parapsychologe und Physiker Walter von Ludcadou beschrieben hat.[1]  Mesmer bezeichnete seinen „magnetischen Kübel“ von Anfang an als „le baquet magnétique“ oder kurz: „baquet“. Dem Französischen folgend, werde ich das Wort im Deutschen als Maskulinum behandeln, obwohl es Anfang des 19. Jahrhunderts im Deutschen zumeist als Neutrum („das baquet“) benutzt wurde. Originale baquets sind heute äußerst seltene Museumsstücke. Außer dem „Nervenstimmer“ von Justinus Kerners „Seherin von Prevorst“ und dem Baquet seines Sohnes Theobald im Kernerhaus in Weinsberg (Kap. 26) sind nur noch zwei weitere Apparate erhalten. Der eine befindet sich in Rouen, der andere in Lyon. Der baquet des Musée d’Histoire de la Médecine in Lyon stammt tatsächlich aus der Glanzzeit Mesmers um 1784. (Abb. [i]) Er wurde von seinen Anhängern benutzt, die sich vergeblich darum bemühten, ihn auch im Krankenhaus zur Anwendung bringen zu dürfen. In einem solchen Apparat sollte nach Mesmer das „Fluidum“ gesammelt werden, das dann als eine Art universel­le Heilkraft den kranken Organen zugeführt werden konnte. Der Bauplan zeigt die verschiedenen Systeme, die im Innern des Gehäuses vereinigt sind: Eisenmagnete (aimants), ein elektrisches System mit einer Leidener Flasche im Zentrum (bouteille de Leyde et ses armatures) − von Mesmer ursprünglich nicht vorgesehen − sowie organische Substanzen (couches vegetables) und Flaschen als Isolatoren (flacons isolants). (Abb. [ii])

Dieser magnetische Kübel wurde nach Mesmers Anweisung 1784 in Paris gebaut und von einem seiner Schüler, dem Apotheker J.-B. Lanoix, nach Lyon gebracht. Da er jedoch im praktischen Gebrauch keine Wirkung zeigte, fügte dieser Magnetiseur eigenhändig ein „elek­trisches System“ ein, wodurch der baquet bei den magnetischen Kuren angeblich hervorragende Wirkung zeigte. Bei einem Besuch 1784 in Lyon prüfte Mesmer diesen Apparat und lobte ausdrücklich die vorge­nommene Veränderung.[2] Die wesentlichen Wirkkräfte dieses Konglo­merats waren jedoch nach Auffassung Mesmers nicht magnetischer oder elektrischer Natur, sondern entsprangen einer viel feineren Sub­stanz, nämlich dem „thierischen Magnetismus“, dem magnetischen „Fluidum“.

Der baquet bildete das Zentrum der magnetischen Gruppenbehand­lung. Die Kranken versammelten sich um ihn wie um eine Heilquelle: Aus den Eisenleitern und Wollseilen schien die Kraft überzuströmen. Die Szene auf einem zeitgenossischen Kupferstich zeigt eine magnetische Kur an Mesmers baquet magnétique im vorrevolutionären Paris, als Mesmer auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt war. (Abb. [iii]) Ein „Leiter“ ist auf das „Hypochondrium“ („Herzgrube“) einer Dame gerichtet, die gleichzeitig von Mesmer magnetisiert („manipuliert“) wird. Die Spiegel an der Wand sollten die Wirkung des tierischen Magnetismus verstärken. Es existiert eine große Anzahl von zeitgenössischen Darstellungen solcher Baquet-Szenen, zumeist in Form von witzigen bis boshaften Karikaturen, die schon lange in medizinhistorischen Standardwerken Beachtung gefunden haben und auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden soll.[3]

Mesmer merkte hierzu an: „Dieses Behältniß stellt ein großes Gefäß oder eine Wanne mit verschiedenen magnetisirten Körpern und Stoffen angefüllt vor: wie Wasser, Sand, Stein, Glasflaschen mit Wasser gefüllt. Es ist ein gemeinschaftlicher Brennpunkt, worin sich der Magnetismus konzentrirt befindet, und aus welchem eine Anzahl Leiter gehen, die aus gekrümmten etwas spitzig zulaufenden Eisenstäben bestehen, deren eines Ende in das Behältniß taucht, indeß das andere an den kranken Theil gebracht werden kann. Diese Zurichtung läßt sich für eine Menge von Kranken gebrauchen, welche, damit sie hier die zu ihrer Heilung nöthigen Krisen bereiten, umhersitzen.“[4] Mesmer schrieb keinen exakten Bauplan vor und überließ es den Magnetiseuren selbst, wie sie sich ihren Apparat konstruieren wollten. So entstanden in der Folgezeit recht verschiedene Konstruktionen. Es kam hierüber zu einem intensiven Gedankenaustausch zwischen Mesmer und seinen erfinderischen Anhängern, der teilweise veröffentlicht wurde.[5] Er belegt, wie offen und undogmatisch Mesmer mit den technischen Apparaturen umging. Im Gegensatz zu vielen Protagonisten der Naturheilkunde bestand er nicht auf einem exakten Bauplan, den er als Patent hätte verkaufen können.

Drei Konstruktionen seien hier kurz vorgestellt, die Mesmer zur Beurteilung zugesandt wurden. Der „Baquet-Octogone“, der „l’Homme-Baquet“ und der „Baquet-Moral“. Der „Baquet-Octogone“ bestand aus einem großen achteckigen Bottich, an dessen Ecken jeweils ein kleiner achteckiger Bottich über ein kurze Wasserleitung mit Hahn angeschlossen war. (Abb. [iv]) Der Apparat war (auf der Zeichnung) mit einer Magnetnadel mit einer Ecke nach Norden ausgerichtet, sodass jeder kleine Bottich einer Himmelsrichtung entsprach und zur Heilung einer bestimmten Krankheit diente. So sollte der Bottich nach Osten gegen plötzlichen Tod schützen und der gegen Südosten gegen Paralyse. Konkrete Berichte über entsprechende Heilungen sollte die Wirksamkeit des Apparats demonstrieren.[6] Ein einzigartgie Modifikation des „Baquet-Octogone“ war der „l’Homme-Baquet“. (Abb. [v]) Eine vergleichbare andere Konstruktion ist mir nicht bekannt. Hier wurde ein menschliche Figur, etwa acht Fuß (d’environ huit pieds) hoch in des Baquet-Octogone gestellt. Das Modell war aus verschiedenen Materialien hergestellt, die großen Körperorgane aus Glas. Die  magnetischen Ströme (courans magnétiques) sollten durch die auf den Kopf ausgerichteten Flaschenhälse das Modell aufladen. Die Kranken konnten sich dann mit einem gebogenen Eisenstab die heilsame Fluidum auf die betroffenen Körperteil ableiten, indem sie das runde Ende des Stabes auf den analogen Körperteil des Modells richteten.[7] Auch durch diesen Apparat sei es zu großartigen Heilwirkungen gekommen. Der „l’Homme-Baquet“ wurde nun weiter modifiziert zum „Baquet-Moral“. (Abb. [vi]) Dieser Apparat sollte auf die Seele einwirken, mit deren Heilung man nun ebenso vertraut sei, wie mit der Heilung physischer Übel.[8] Der linke baquet sollte angeblich die Eigenschaft haben, Laster zu erkennen und auszutreiben  und wurde deshalb „le Baquet-Vice“ genannt, der rechte sollte die entgegengesetzte Tugend stärken und hieß dem gemäß „Baquet-Vertu“. Ersterer Apparat arbeitete am effektivsten bei Vollmond, letzterer bei aufgehender Sonne.[9] Vier Laster waren vier entgegengesetzten Tugenden in den kleinen Bottichen auf der gegenüberliegenden Seite zugeordnet. So gehörte zum Nord-Bottich der Geiz (avarice), zum Süd-Bottich die Freiheit (liberté).[10]

Bildliche und literarische Darstellungen zeigen, wie stark diese baquets auf die Menschen wirkten, die sich damals um sie wie um eine Heilquelle gruppierten. Während Mesmer wie gesagt keine strikte Anweisung zum Bau eines baquet gab und ihn mehr oder weniger der Intuition der jeweiligen Magnetiseure überlassen wollte, entbrannte gerade bei den deutschen Mesmer-Anhängern in der Romantik ein Streit über die richtige Bauweise und Wartung des Geräts. Die große Frage war, auf welche Weise das Fluidum, diese wunderbare Heilkraft der Natur, in diesem Apparat am besten gesammelt werden konnte. Der seit 1812 in Jena lehrende Medizinprofessor Dietrich Georg Kieser und spätere Präsident der Leopoldina setzte sich als Mitherausgeber des „Archivs für den Thierischen Magnetismus“ besonders intensiv mit dem baquet auseinander. Er habe sich „von der bisher angenommenen mesmerschen Theorie der Wirkung des Baquets völlig frei gemacht“.[11] Mesmers Angaben seien zu kompliziert und undeutlich. Deshalb wolle er eine eigene Konstruktion empfehlen. Er beschrieb einen viereckigen Holzkasten, in der er einen weiteren Kasten „aus stark verzinntem Eisenblech“ setzte. (Abb. [vii]) Diesen füllte er mit Eisenschlacken, Hammerschlag [schwarzes Eixenoxid], Eisenspänen und Brunnenwasser. Durch den baquet verlief eine senkrechte Stange, die aus der Mitte des Deckels ragte und mit einem Öhr versehen war, an dem unterschiedliche Seile befestigt waren. Zudem ragen bewegliche Eisenstangen mit unterschiedlicher Höhe aus dem Deckel, um sie „bei den Kranken anbringen zu können.“[12]

Im Gegensatz zu Mesmer und Wolfart, die meinten, dass der baquet magnetisiert werden müsse, hielt Kieser ihn von sich aus für magnetisch. „Wie, wenn das Magnetisiren das [des] Baquet ganz gleichgültig zur Wirkung desselben wäre, und die Substanz des Baquets nicht durch vorherige Mittheilung oder Erregung der magnetischen Kraft, sondern aus eigner Kraft und selbstständig magnetisch einwirkten [sic]?“[13] So empfahl er das „Nichtmagnetisieren des Baquets“, was dieselben Wirkungen hervorbringe, wie dessen Magnetisieren. Das beweise die „Unhaltbarkeit der mesmerischen Theorie“.[14] Die Vorstellung, dass ein solcher baquet durch körperliche Berührung seiner Bestandteile beim Bau „auch unwissend magnetisiert sey“, wies er als absurd zurück. Denn dann müssten ja „alle Umgebungen des Menschen am Ende zum Baquet“ werden und die „Errichtung eines besonderen Baquets“ wäre überflüssig und bloße Scharlatanerie.[15]

Es ist aufschlussreich, wie Kieser seine „Anwendungsweise des Baquets“ im Einzelnen darstellte: „Der zu magnetisirende Kranke setzt sich auf einen gewöhnlichen, nicht isolirten Stuhl vor demselben [Baquet]; umwindet den kranken Theil seines Körpers […] mit dem von der mittleren Eisenstange augehenden Seile oder Schnur, und bringt eine oder mehrere der übrigen, gebogenen Eisenstangen in die Magengegend, so daß das stumpfe Ende derselben die Magengegend berührt. So mit dem Baquet auf doppelte Weise in Berührung gebracht, ergreift er nun mit der linken Hand die zur Magengegend führende Eisenstange, reibt dieselbe mit der rechten Hand der Länge nach, gleich als wenn er dieselbe mit der Hand poliren wollte, und bleibt in dieser Verbindung mit dem Baquet ½-1 Stunde lang.“[16] Dies Verfahren, merkte Kieser an, entspreche dem von Mesmer vorgeschriebenen: Das magnetische Fluidum sollte durch die Schnur aus dem baquet in den Körper einströmen und durch die Eisenstange wieder ausströmen. Ein wichtiger Unterschied zeigte sich jedoch in der Einschätzung der Gruppenbehandlung: Für Mesmer waren die Gruppe um den baquet und insbesondere das Bilden einer Menschenkette wichtige Momente, um das Zirkulieren des Fluidums zu verstärkten. Kieser dagegen stellte fest, dass „mehrere Personen am Baquet störend auf einander einwirken“ und die magnetischen Erscheinungen auch dann aufträten, wenn der Kranke auf andere Weise „sich mit dem Baquet in Berührung setzt“, ja, es sogar nicht einmal berühre.[17] Die Behandlung in der Gruppe wird Kieser nach Möglichkeit wohl eher vermieden haben.

Für Kieser waren die praktischen Erfolge, die er mit seinem unmagnetisierten baquet erzielte, überzeugend. So stützte er sich auf eine Fallgeschichte, die „Geschichte eines durch das unmagnetisirte Baquet allein erzeugten Somnambulismus und hiedurch geheilter Epilepsie“.[18] Für ihn eröffneten sich damit neue Möglichkeiten des „thierischen Magnetismus“, da die „magnetische Manipulation“ und auch eine besondere Fähigkeit oder Kenntnis beim Bau eines baquet seiner Meinung nach nicht erforderlich war. Er bezeichnete den Apparat als „anorganischen Magnetiseur“, der gegenüber dem „organischen oder psychischen Magnetiseur“ wichtige Vorteile aufweise.[19] Insbesondere könne er nicht an „psychischen und physischen Verstimmungen“ leiden, die auf den Kranken übertragen werden könnten. Er sei zuverlässig und können nicht krank werden und damit die Kur gefährden, kurzum: Für Kieser sprach die „Sicherheit der Behandlung“ unzweifelhaft für den baquet. Auch die Selbstbehandlung sei möglich: „In einigen Fällen habe ich daher  kein Bedenken getragen, meine Kranken ganz allein zum Baquet gehen zu lassen“, ohne eine Änderung des Erfolges und der Wirkung. Noch weitere Vorteile wusste er zu benennen. Die Befürchtungen im Hinblick auf die Geschlechterkonstellation (männlicher Magnetiseur, weiblicher Patient) wie überhaupt die Angst des kranken Menschen vor einem Überwältigtwerden durch den Magnetiseur würden mit der baquet-Behandlung hinfällig. Denn „der besondere Rapport des Weibes mit einem Manne [dem Magnetiseur], so rein das Verhältniß auch in geschlechtlicher Hinsicht seyn mag und beim Magnetisiren gehalten wird, [hat] im Gefühle des Weibes, wie in der Meinung der Menschen immer etwas gegen sich“.[20] Der baquet trat nun gleichsam als Distanzierungsmittel zwischen Magnetiseur und magnetisierter Person, von einem „sympathetischen Rapport“ könne nun keine Rede mehr sein, „da der Magnetiseur bei der Anwendung des Baquets in keiner näheren Beziehung zu dem Kranken steht, als jeder Arzt zu dem sich ihm anvertrauenden Kranken“.[21] Der Arzt dirigiert zwar dieses „höhere organische Heilmittel“, ohne jedoch selbst in dessen „Kreis der Wirkung“ zu treten.

Kieser versuchte, klare Indikationen bzw. Kontraindikationen für die baquet-Behandlung aufzustellen. Sie komme nicht in schnell verlaufenden Krankheiten in Frage, auch nicht bei solchen, „wo eine kräftige Depotenziirung [sic] auf directem Wege, z. B. durch Aderlässe, Abführungsmittel etc. nöthig ist“.[22] Vorzugsweise sei der baquet bei den „sogenannten chronischen Nervenkrankheiten“ anzuwenden. Überhaupt hielt Kieser jede Krankheit, die durch „dynamische Heilmittel“ heilbar sei, unter bestimmten Voraussetzungen „für durchs Baquet vollkommen heilbar“, ja, viele solcher Krankheiten seien damit „leichter, gründlicher und sicherer zu heilen […], als die bisher gewöhnlichen Mittel.“[23] Kieser sang ein Loblied auf die zunehmenden Erkenntnisse über den thierischen Magnetismus, den er in seinem späteren Hauptwerk „Tellurismus“ taufte.[24] Das Bild von der Enthüllung der Isis als Symbol für die Entdeckung der Geheimnisse der Natur, auf das wir an anderem Ort hingewiesen haben (Kap. 11), wurde von Kieser mit einer unüberbietbaren Erotik ausgemalt: Der „Schleier der Isis“ werde „immer durchsichtiger und verklärter, und im gleichen Maße, wie wir mit treuer Liebe und mit regem Eifer […] uns der Natur hingeben, nicht um unseres niederen persönlichen Interesses, sondern um der Natur selbst willen, kommt sie uns immer mehr mit verklärtem Angesichte entgegen und nimmt die sie Liebenden in ihre liebenden Arme auf.“[25] Die zu entdeckenden inneren Gesetze der Natur stellten sich ihm letztlich als Offenbarungen der „über alles waltenden […] ewigen Gottheit“ dar.

Im Hinblick auf die von Mesmer geübte Gruppenbehandlung äußerte sich Kieser, wie bereits erwähnt, skeptisch. Sie habe den Nachteil, dass die „mit besonders gesteigerter Empfindlichkeit der Nerven versehenen Somnambulen“ durch die Nähe anderer Kranker „sympathetisch“ in Mitleidenschaft gezogen würden.[26] Kieser warnte vor „Ansteckung“: Wenn am baquet mehrere leidende Personen somnambul würden, könne es zu einer gegenseitige Steigerung der Krankheit kommen und die Krankheit „durch organisch-psychische Ansteckung“ übertragen werden. Seine Kranken, so Kieser, fühlten sich unwohl durch die Gegenwart Anderer. Man soll dem „innern Gefühl der Kranken, der leise tönenden Stimme der Natur“ folgen.[27] Und er fügte in einer Art naturmystischem Überschwang hinzu: „Wo uns noch alle sichere Theorie fehlt, können wir nur der Natur selbst uns hingeben, wenn diese mahnend zu uns spricht.“ Die Ärzte sollten, so seine Empfehlung, nicht zu viele Kranke in Behandlung nehmen und wenn man doch viele zu behandeln habe, seien in verschiedenen Zimmern mehrere baquets aufzustellen.[28]

Kieser folgte Mesmers Idee von der „heilsamen Krise“, die er nicht nur naturphilosophisch, sondern auch theologisch interpretierte. Sie sei das Heilmittel selbst, welches „die autocratisch handelnde Natur […] instinctmäßig hervorruft“ oder durch den Mund des zum „hellsehenden Somnambulismus erwachenden Kranken“ befiehlt. Diesem „Befehl des Göttlichen“ entgegenzuhandeln würde „die nothwendige Strafe“ nachfolgen.[29] In seiner Abhandlung über den baquet ging es ihm erklärtermaßen um die „anorganische Sphäre“, weshalb er – aus Gründen der Forschung – meinte, dass magnetische Manipulationen nicht mit der baquet-Behandlung kombiniert werden sollten. Zugleich betonte er, dass die „psychische und organische Sphäre“ gleichermaßen wichtig seien. Der Mesmerismus bewege sich gewissermaßen in verschiedenen „Welten“.[30] Auch pharmazeutische Mittel sollten nicht gegeben werden. In derselben Zeit, wo man die Kranken mit dem „aus dem innersten Heiligthume der Natur quillenden Heilmittel“, dem „ewigen Lebensäther“, behandle, könne man doch nicht „irdische Arznei neben dieser göttlichen“ anwenden wollen.[31] Wie die Anziehungskraft der Himmelskörper von ihrer Größe und die Wirkung von Bodenschätzen auf Rhabdomanten (Wünschelrutengänger) von ihrer Stärke abhängig seien, so hänge die Wirkung des baquet von seiner Größe ab. Kieser spekulierte über die drastischen Wirkungen eines übergroßen baquet. Er könne einerseits das kräftigste Heilmittel, „was unsere medicina magica aufzuweisen vermöchte“, darstellen und selbst Tote wieder erwecken,  andererseits aber „den hellsten Verstand des gesundesten Menschen der Herrschaft der finstern Erdgeister“ unterwerfen.[32] Überhaupt sprach Kieser die allgemeine Warnung aus, vorsichtig bei der magnetischen Behandlung vorzugehen: „eine ewige Nemesis wacht über jeden Frevel an dem Heiligen und Göttlichen“. Jeder, der mit dem baquet Versuche anstelle, müsse acht geben, dass es ihm nicht wie dem Zauberlehrling ergehe, der den hervorgerufenen Zauber nicht wieder bannen konnte. Und er schloss mit Schillers Vers: „Und der Mensch versuche die Götter nicht “.[33]

Ab 1812 setzte der Berliner Arzt und Mesmer-Anhänger Karl Christian Wolfart ein baquet ein, das als Gegenmodell zu dem von Kieser angesehen werden kann.[34] Er enthielt in seinem Inneren einen Eisenkasten mit „Glastafeln und Glasflaschen, Wolle, vegetabilischen Substanzen, Samen, aromati­schen Krautern, Eisenschlacken, zerstoßenem Glas, Eisenfeile, Queck­silber, Stahlspänen und Wasser, welche,,einzeln magnetisirt, in polarischer Ordnung gelegt werden.“[35] Wolfart lieferte eine ausführliche Beschreibung und Gebrauchsanweisung.[36] Für ihn war ent­scheidend, daß die einzelnen Bestandteile beim Zusammenbau des Apparates durch „Striche“ eines Magnetiseurs magnetisiert wurden. Ebenso musste der fertige Baquet von Zeit zu Zeit magnetisiert, d.h. wieder aufgeladen werden. An diesem Punkte entzündete sich Kiesers Kritik an Wolfarts baquet. Dieser sei „eine willkürliche Mischung von siderisch und nicht siderisch“ wirkenden Stoffen.[37] Die anhaltende Kraft der verschiedenen baquets, so Kieser, sei nicht „durch die mitgetheilte magnetische Kraft“ zu erklä­ren, sondern durch die „selbständige siderische Wirkung der im Baquet enthaltenen siderischen [eisenhaltigen] Substanzen“.[38] Joseph Ennemoser resümierte schließlich in seiner voluminösen „Anleitung zur mesmerischen Praxis“ die veschiedenen Modellvarianten des baquet, die offenbar noch um die Jahrhundertmitte in Gebrauch waren.[39] Dabei erwähnte er auch „eine Art Blas- oder Sprachrohr“ (sarbacane), das von französischen Magnetiseuren „zum Anblasen oder Anhauchen auf örtliche Stellen“ angewandt werde.[40] Es handelte sich um „hohle Röhren von 1 – 2 Fuß Länge“, die ein Anblasen von delikaten Körperstellen „beim andern Geschlecht“ erlaubten, „ou la décence ou le dégoût s’oppose“, wie Ennemoser kryptisch-verschämt anmerkte. Möglicherweise wurde hier am Unterleib, wahrscheinlich auch an der Vulva, im Sinne der magnetischen Kur „angeblasen“.

Es sei hier angemerkt, dass die mesmeristische Technik des Anhauchens von dem französischen Magnetiseurs Hector Durville noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Überschrift „Die Strahlung des Atems“ beschrieben wurde.[41] Ausgehend von dem biblischen „Odem des Lebens“ (Gen. 2,7) unterschied er das „kalte“ und das „warme Anhauchen“. Ersteres rufe aus einer Entfernung von 15 bis 20 cm gemäß seiner Vorstellung von der „Polarität des menschlichen Körpers“ bei bestimmten Körperstellen entgegengesetzte Reaktionen hervor: So versetze das „[kalte]Anhauchen auf den Hinterkopf (Kleinhirn) […] das Medium in Schlaf; auf die Stirne (Grosshirn) erweckt es dagegen.“[42] Das „warme Anhauchen“ dagegen erziele gegenläufige Wirkungen: Es wecke das Kleinhirn und schläfere das Großhirn ein. Durvilles Schlussfolgerung lautete daher: „Der warme Atemhauch ist demnach positiv, der kalte negativ“. Dem entsprechend erhalte Wasser durch kalte Anhauchung für „Sensitive“ (im Sinne Karl von Reichenbachs) einen „lauwidrigen Geschmack“, während die warme Anhauchung dem Wasser zu einem „erfrischenden Geschmack“ verhelfe.[43] Letzteres wertete Durville als „Beweis, dass nicht die Wärmewirkung die Ursache der Empfindungen des Mediums unter dem Atemhauch war, sondern dessen Animismus“. Denn obwohl der warme Hauch die Wassertemperatur etwas erhöhen würde, empfinde der Sensitive das „mit ihm geladene Wasser im Gegenteil erfrischend.“

Mesmeristische baquets als Heilappara­te hatten zahlreiche historische Vorläufer bzw. Analoga, vor allem Eisen­magnete und elektrische Apparate, aber auch Amulette jeder Art. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden dann „elektro-galvanische“ bzw. „elektro-magnetische“ Apparate sowie Instrumente der Metallotherapie („Metalloskopie“) entwickelt, die ihrerseits Anleihen bei mesmeristischen Techniken machten (Kap. 19).[44] Als rezentes Beispiel wäre hier noch der „Orgon-Akkumulator“ zu erwähnen, der von dem umstrittenen Psychoanalytiker und SexualforscherWilhelm Reich in den 1940er Jahren auf der Grundlage seiner Orgon-Theorie entwickelt wurde und in der „Paramedizin“ gelegentlich auch heute noch in Gebrauch ist und kommerziell angeboten wird.[45] Es handelt sich um eine Gehäuse, dessen Mantel nach Reichs Angaben aus zwei Schichten besteht: außen Holz (oder „Celotex“), innen Metall (Eisen), dazwischen eine Schicht Baumwolle oder Glaswolle.[46] Es ähnelt in seinen Dimensionen, gerade auch mit seinem kleinen Fenster, einem traditionellen frei stehenden Toilettenhäuschen, wobei sich an der Stelle eines herzförmigen Loches in der Tür ein viereckiges findet. Der Kontrast zwischen beiden Heilapparaten springt sofort ins Auge: Während der baquet um 1800 für eine Gruppe von Menschen den Brennpunkt darstellte und insofern eine gesellige, solidarische Gemeinschaft stiftete, isolierte der „Orgon-Akkumulator“ um 1950 das Individuum wie in einem „Brutkasten“.


[1] Lucadou, 2002. [2] Génard, 1982, S. 43 ff. [3] Hollaender, 1905. [4] Mesmer, 1814, S. 116. [5] Mesmer, 1785. [6] Ebd., S. 19-30. [7] A. a. O., S. 46 f. [8] A. a. O., S. 86. [9] A. a. O., S. 93 f. [10] A. a. O., S. 95. [11] Kieser, 1818, S. 44. [12] A. a. O., S. 46. [13] A. a. O., S. 21. [14] A. a. O., S. 47.. [15] A. a. O., S. 48. [16] A. a. O., S. 49. [17] A. a. O., S. 50: Fußn. [18] A. a. O., S. 50-151. [19] A. a. O., S. 161. [20] A. a. O., S. 162. [21] A. a. O., S. 163. [22] A. a. O., S. 164. [23] A. a. O., S. 165. [24] Kieser, 1822; 1826. [25] Kieser, 1818, S. 167. [26] A. a. O., S. 168. [27] A. a. O., S.  169. [28] A. a. O., S. 171. [29] A. a. O., S. 175. [30] A. a. O., S. 176. [31] A. a. O., S. 177. [32] A. a. O., S. 179. [33] A. a. O., S. 180. [34] Artel, 1965. [35] Kieser, 1826, S. 188. [36] Wolfart 1818; 1819. [37] Kieser, 1826, S. 188. [38] A. a. O., S. 189. [39] J. Ennemoser, 1852, S. 209-223. [40] Ebd., S. 222. [41] Hector Durville, 1912, S. 101-104. [42] Ebd., S. 102 f. [43] A. a. O., S. 104.[44] Harrington, 1985. [45]http://www.orgonakkumulator.de/info.htm (5.01.2011). [46] Reich [1948], 1971, S. 132.

 

[i] Génard, 1982, S. 53 ff.; H. Schott, 1986 [b], S. 77; → Abb. Mesmers Baquet [ii] Génard, 1982, S. 53 ff.; H. Schott, 1986 [b], S. 78; → Abb. Mesmers Baquet Konstruktionsskizze [iii] H. Schott, 1984 [c], S. 111; H. Schott, 1986 [b], S. 80; Le Mesmérisme, 1842, S. 277 : nach einem Druck von 1784, unbekannter Autor; → Abb. Baquet-Szene [iv] Mesmer, 1785, nach S. 16; →Abb. baquet octogone  [v] Mesmer, 1785, nach S. 46; → Abb. l’homme-baquet  [vi] Mesmer, 1785, nach S. 8; → Abb. baquet morale [vii] Kieser, 1818, nach S. 180; → Abb. Kieser 1818 Baquet 

 

17. Kap./6 * „Lucider Schlaf“

Freilich war auch Braid nicht „der Erste“, der die Quelle der magnetischen Phänomene nicht im Magnetiseur und seiner Fluidum-Übertragung erblickte, sondern im Magnetisierten selbst. Bereits Jahrzehnte vor ihm hatte der aus dem indisch-portugiesischen Goa stammende Priester José Custódio de Faria („Abbé Faria“; portugiesisch: Abade Faria)  die moderne Erklärung der magnetischen Phänomene im Sinne der Neurophysiologie und Suggestionslehre antizipiert, wahrscheinlich beeinflusst vom indischen Brahmanismus, den er in Goa kennengelernt hatte.[1] Für Bernheim war mit Farias Demonstrationen in Paris ab 1815 „die Lehre von der Suggestion in’s Leben getreten“, ein interessanter Aspekt in der Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse.[2] Farias Schlüsselbegriff war der „luzide Schlaf“ (sommeil lucide), worüber er 1819 eine Monographie veröffentlichte, der er ein Sendschreiben an den von ihm verehrten Marquis de Chastenet de Puységur voranstellte.[3] Er hoffte trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen auf dessen öffentliche Unterstüztung. Der Somnambulismus stelle dasselbe Phänomen wie der luzide Schlaf dar. Dieser sei aber kunstvoll entwickelt, klug gelenkt und umsichtig kultiviert, vergleichbar einer Pflanze in einem kultivierten Garten im Verhältnis zu einer Pflanze in der Wildnis.[4] Seine Hauptkritik an der Doktrin des Mesmerismus richtete sich gegen die widersinnige Annahme (l’absurdité), dass ein „äußerer Wille“ (volonté externe) den luziden Schlaf hervorrufen könne. Die heftigen Gegenangriffe eines Mesmeristen wertete er als Ausdruck eines Magnétismomane.[5] Niemand werde zum Somnambulen – Faria benutzte hierfür die griechische Bezeichnung épopte –ohne natürliche Anlage (épopte naturel). Faria bezog sich hier auf die Tradition der Eleusinischen Mysterien, bei denen die völlig Eingeweihten als „Epópten“, Schauende oder Seher bezeichnet wurden.[6] Kein Magnetiseur der ganzen Welt könne jemanden einschläfern, ohne dass dieser die erforderlichen Dispositionen dazu habe. Er spielte die einzelnen Szenarien durch um zu beweisen, dass kein äußerer Wille den luziden Schlaf bewirken könne. Aus der Tatsache, dass Somnambule (époptes) ohne Willensbekundung des Magnetiseurs – Faria bezeichnete diesen auch als concentrateur – durch dicke Wände und über weite Distanzen erfolgreich magnetisiert werden könnten und einschliefen, habe man voreilig ohne genauere Beweisführung geschlossen, dass der luzide Traum allgemein von einem äußeren Willen verursacht werde[7]. So sei der berühmte Spruch „Croyez et veuillez“ (Puyeségur) beim Studium des luziden Schlafs für allein zutreffend gehalten worden. Allerdings zeige die Erfahrung, dass man die époptes, die sich weit entfernt von ihren concentrateurs befinden, mit und ohne deren Willen, ja, sogar gegen ihn, sofern er nicht ausgedrückt werde, einschläfern könne.[8] Denn die époptes würden den Ideen folgen und nicht der unwirksamen Aktion eines äußeren Willens (volonté externe).

Faria formulierte eine Theorie der Überredung (persuasion). Diese sei nur ein Anhängen des Geistes an den Glauben (adhésion de l’esprit à sa foi). Auf keinen Fall beruhe dieses Anhängen auf einem inneren Zwang. Es folge nur den Gepflogenheiten und Vereinbarungen. Keine äußere Aktion könne jemals den Menschen seiner inneren Freiheit berauben, sondern nur der natürlichen Grundlagen (causes naturelles).[9] Die Seele herrsche souverän in ihrem Bereich, könne aber niemals außerhalb des Körpers ohne den Körper agieren.[10] Wie könne also ein äußerer Wille nicht nur den luziden Schlafe, sondern auch noch die entsprechenden Bewegungen der Somnambulen verursachen? Wie könne ein Magnetiseur diese beherrschen, ohne seine eigenen kontrollieren zu können? Oder wie könne er wissen, was bei den Antipoden passiere, wenn er nicht einmal wisse, was sich hinter seinem Rücken befinde? Faria bezweifelte, dass der menschliche Wille über die Entfernungen hinweg in der gleichen Weise wirken kann wie die Elektrizität, die (magnetische) Anziehung und der Galvanismus.[11] Er argumentierte bisweilen sophistisch, um die direkte Wirksamkeit des äußeren Willens zu widerlegen. Dieser sei nichts anderes als eine absolute Macht gegenüber einem anderen ohne dessen Wissen und trotz seines ganzen Widerstands (dépit de toute sa résistance). Wenn man aber unterstelle, dass dieser Tyrann nur mit Einverständnis des Patienten herrschen könne, negiere man ihn als wirksame Ursache.[12] Farias Urteil war apodiktisch: Die Aktion eines äußeren Willens ist ebenso befremdlich, wie die Landwirtschaft im Hinblick auf die Kriegskunst. Die Quelle des luziden Schlafs sei einzig und allein in den Somnambulen selbst (les époptes mêmes) zu suchen.[13] Die Magnetiseure hätten nicht die Macht einzuschläfern, wenn die Betreffenden es nicht wollten: „L’ordre des concternateurs n’est donc qu’une cause occasionelle et non efficiente.[14] Diese Idee, durch die Wirkung eines äußeren Willens den luziden Schlaf zu induzieren, schien ihm völlig absurd zu sein. So fielen Klienten bereits beim Betreten seinen Salons in Schlaf, wenn sie ihn nur sähen, bevor er sie überhaupt bemerkt habe.[15] Auch während seiner Vorlesungen seien zahlreiche Personen nur wegen seiner Anwesenheit in Schlaf gefallen, während er andere eingeschläfert habe.

Faria diskutierte auch telekinetische Experimente. So habe la baronne de Staël von Versuchen in Deutschland berichtet, den Willen oder die Seele auf Metalle einwirken zu lassen, etwa auf einen aufgehängten Goldring, um ihn in eine gewollte Richtung zu bewegen.[16] Da die Seele aber nicht außerhalb des Körpers wirken könne, sondern nur durch einen Mittelköprer (intermédiaire), kämen wohl nur Luftbewegungen durch Stimmen oder Gesten in Frage. Dies hätte absolut nichts zu tun mit dem Einschläfern auf Distanz und durch alle Hindernisse hindurch. Wenn Frauen regelmäßig beim Anblick von Mäusen, Spinnen oder Reptilien in Ohmmacht fielen oder Personen beiderlei Geschlechts angesichts der Todesstrafe durch Köpfen sich verkrampften, so würden die widerwärtigen Emfindugen doch auch nicht durch den Willen der Mäuse, Spinnen, Reptilien oder der hingerichteten Verbrecher hervorgerufen.[17]

Faria wies auch die Annahme eines „magnetischen Fludiums“ (la supposition d’un fluide magnétique) als widersinnig zurück.[18] Ein Fluidum sei ein flüssiger Körper, der sich gleichmäßig über der Erdoberfläche verteile. Magnete und Elektrisiermaschine produzierten Effekte, die sich als besondere Emanationen zu erkennen gäben, aber keineswegs Flüssigkeiten (fluides) seien. Die Magnetiseure propagierten mit ihrem magnetischen Fluidum eine gigantische Idee, nämlich die eines Ozeans, der aus dem Universum entspringe. Sie behaupteten, dieses Fluidum, das die Kraft zum Einschläfern habe, durch ihren Willen lenken zu können. Wie aber, so fragte Faria, kann der menschliche Wille eine Flüssigkeit (fluide) lenken, die ohnehin schon alles untertaucht, das existiert? « L’eau, qui a la vertu de mouillir, mouille tout ce qui s’y plonge sans aide d’aucune action externe. »[19]Wenn also das magnetische Fluidum alles, was eingeschläfert werden kann, umschließt – wie kann dann ein äußerer Wille nach Belieben auf jemanden wirken, der ohnehin schon durch das Fluidum mit jedermann verbunden ist?[20] Die Beobachtung, dass das magnetische Fludium sehr unterschiedlich auf die Menschen wirkt, wurde von den Magnetiseuren damit erklärt, dass es nur auf Kranke Einfluss habe. Dem widersprach Faria, denn unter seinen èpoptes befanden sich auch solche in gesundem Zustand und unter denen, die sich nicht Einschläfern ließen, waren Kranke, die an Verstopfung litten. Faria zog daraus einen radikalen Schluss: Wenn das magnetische Fluidum, durch den äußeren Willen lenkbar, nicht gleichermaßen auf alle wirke, so nicht deshalb, weil es nicht die geeigneten Subjekte finde, sondern weil es in der Natur (dans la nature) gar nicht existiere.[21] Der common sense lehne es ab, dass Emanationen aus dem Körper und Gedankenlesen – was durchaus möglich sei – Schlaf bei anderen induzieren könne, wie die Magnetiseure behaupteten.[22]

Faria war offenbar ein begnadeter Erwecker des „luziden Schlafs“. Er übte seine Kunst auf Massensitzungen aus, auf denen er viele neue èpoptes gewann. Ein einziges Wort „dormez“ oder eine einzige Geste mit der Hand genügten schon, um mehrere Personen in den luziden Schlaf zu versetzen, so dass sie fähig waren, ihre Mitteilungen (consultations) zu machen.[23] Die angeblich von einem épopte gesehenen Strahlen, die von den Fingern des concentrateur auszugehen schienen, wurden nun als Beispiel für die in der Natur zu beobachtenden elektrischen Lichterscheinungen in der Atmosphäre gedeutet, die willentlich von den concentrateurs gelenkt werden konnten.[24] Nach Faria könne man nicht, wie es der animalische Magnetismus tue, von einem fluidalen Ozean ausgehen, in den alles eingetaucht sei, sondern müsse die sehr unterschiedlich aufgeladenen Teilen berüksichtigen, die sich stärker an Gewässern konzentrierten als im Binnenland. Da das leuchtende Fluidum (fluide lumineux) allen Menschen zukomme und nur von solchen époptes wahrgenommen würde, die den einschläfernden Einfluss erwarteten, sei es weder „magnetisch“ noch „animalisch“, da es selbst bei sich aneinander reibendenden Mineralien zu beobachten sei.[25] Die Funktionen der inneren Sinne (sens internes) die auf den Gebrauch der äußeren Organe reagieren, würden auf einer innerlichen Überzeugung (conviction intime) und nicht auf einem magnetischen Fluidum beruhen.[26] Freilich seien diese inneren Sinne keineswegs organischer Natur. Sie seien auch keine Eigenschaft der menschlichen Seele, sondern gehörten zum Körper als ein Zusatz (addition), der den Gipfel der Vollkommenheit seines Aufbaus ausmache.[27] Denn sie entwickelten sich in allen Körperteilen. So zog Faria den Schluss, dass die inneren Sinne eine unumstössliche Tasache darstellten und die Annahme eines magnetischen Fludiums in jeder Hinsicht gänzlich absurd (tout-à-fait absurde) sei.[28] Gleichwohl hatte Faria doch die Vorstellung einer Art psychischen Infektion, eines contagion humaine:  Die époptes würden manchmal ihre eigenen Leiden verstärken und ihre Luzidität verlieren, wenn sie Kranke berührten. Wegen ihrer gesteigerten Sensibiltität könnte der leichteste Einfluss von äußeren Miasmen (miasmes externes) zu einem heftigen Anfall führen, da sich nichts dem Eindringen der flüchtigen Substanzen (substances volatiles) durch ihre Poren entgegenstelle.[29]

In der Wissenschaftsgeschichtsschreibung wurde Faria seit dem Aufkommen des Hypnotismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtiger Wegbereiter der modernen Psychotherapie gefeiert.[30] Hippoyle Bernheim erblickte in ihm den Ersten, der das Phänomen des Somnambulismus aus dem „Infantilismus“ der Magie und des Truges herausgelöst und das Phänomen des Hypnotismus richtig erkannt habe. Wie später Liébeault habe Faria gewusst, dass der Glaube und die psychische Beeindruckbarkeit den hypnotischen Schlaf verursachen würden. Es ist erstaunlich, wie diese Einordnung Farias in die wissenschaftliche Fortschrittsgeschichte der medizinischen Psychologie auch gegenwärtig noch anhält – ohne das Problem zu berühren, dass mit dem Hypnotismus bestimmte („parapsychologischen“) Phänomene, die der Mesmerismus ausgiebig studiert und dokumentiert hat, weitgehend aus dem Gesichtsfeld der Wissenschaft verbannt wurden. In dieser Perspektive erscheint Faria schlicht als „the sole and true founder of the doctrine of suggestion in hypnotism.”[31]


[1] Stubbe, 2000 [a]. [2] Bernheim, 1888, S. 102; Stubbe, 2000 [b]. [3] Faria, 1819. [4] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 89. [5] Faria, 1819 [Vorwort]. [6]http://www.zeno.org/Brockhaus-1911/A/Ep%F3pten (10.11.2010). [7] Faria, 1819, S. 403. [8] A. a. O., 404. [9] A. a. O., S. 406. [10] A. a. O., S. 409. [11] A. a. O., S. 410. [12] A. a. O., S. 411. [13] A. a. O., S. 413. [14] A. a. O., S. 415. [15] Faria ed. Carrer, 2004, S. 277. [16] Faria, 1819, S. 420. [17] A. a. O., S. 423. [18] A. a. O., S. 430. [19] A. a. O., S. 431. [20] A. a. O., s. 432. [21] A. a. O., S. 433. [22] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 297. [23] A. a. O., S. 436. [24] A. a. O., S. 437. [25] A. a. O., S. 439. [26] A. a. O., S. 460. [27] A. a. O., S. 461. [28] A. a. O., S. 463. [29] A. a. O., S. 451. [30] Carrer, 2004, S. 82-88. [31] Ebd., S. 87.

17. Kap./5 * Kraft von außen oder innen?

Um die paradigmatische Bedeutung von Braids „Hypnotismus“ zu ersehen, ist es hilfreich, Esdailes Verteidigung des klassischen Mesmerismus zur Kenntnis zu nehmen, auf den wir im nächsten Hauptabschnitt näher eingehen werden (Kap. 22–28). Um 1850 griff Esdaile wie kein anderer Autor in jener Zeit noch einmal Mesmers Fluidum-Theorie auf: Die mesmeristische Beeinflussung geschehe durch die physische Kraft, die ein Lebewesen auf ein anderes ausübe. Er sprach hier sogar von einer „diabolic theory“. Die Patienten wurden mit geschlossenen Augen, in einem dunklen Raum liegend und gänzlich ohne Wissen, was man mit ihnen vorhatte, mesmerisiert.[1] Er berief sich auf den berühmten französischen Anatomen Georges Cuvier, der festgestellt hatte, dass ein menschlicher Körper einen anderen in seiner Nähe direkt beeinflussen könne. Dies sei auf eine Kommunikation der beiden Nervensysteme zurückzuführen.[2] Cuvier hatte tatsächlich in seinen Leçons d’Anatomie Comparées darauf hingewiesen, dass es sehr schwierig sei, die Imagination einer Person von dem physischen Effekt (effect réel) einer anderen, die auf erstere einwirkt, zu unterscheiden. Solche Effekte seien Ausdruck einer « communication quelqonque qui s’établit entre leurs systêmes nerveux. »[3]

Esdaile führte auch Beispiele von mesmerisierten Tieren ins Feld, um seine „diabolic theory“ zu untermauern, etwa indianische Gebräuche, um verwaiste Büffelkälber oder wilde Pferde durch Pferde-Flüsterer (horse-whisperers) einzufangen. Aber seine Hauptargumente bezog er aus seiner ärztlichen Praxis und seinen zahlreichen experimentellen Erfahrungen, die systematisch darauf angelegt waren, den direkten Einfluss unter Umgehung jeder Imagination, Erwartung oder Suggestion nachzuweisen. So berichtete er, wie er aus anderen Räumen und über größere Entfernungen hinweg Patienten in Trance versetzt habe, ohne dass diese von seinem Vorhaben etwas wissen konnten. Höhepunkt seiner Experimente stellte das Mesmerisieren eines blinden Mannes dar, „to test the imagination theory“.[4] Angeblich konnte Esdaile diesen innerhalb des Krankenhauses aus jeder Entfernung in Trance versetzen. Sein erster Versuch zielte darauf ab, diesen Blinden aus einer Entfernung von 20 Yards Abstand über eine Wand hinweg zu beeinflussen, während dieser sein Abendessen einnahm: „He gradually ceased to eat, and in a quarter of an hour was profoundly entranced and cataleptic.“[5] Deshalb könne die Theorie der Suggestion, Erwartung und Imagination (suggestion, expectation, and imagination) die Phänomene nicht befriedigend erklären. Die Wirkung des magnetisierten Wassers war für ihn ein weiterer Beweis dafür, dass dem Wasser ein lebendiges Fluidum (vital fluid) zugesetzt werden könne. Ausführlich zitierte er Karl von Reichenbachs Experimente mit Sensitiven (Kap. 28).[6] Und er verwies auf den antiken Sophisten Älian, der von den „Psylli“ als Wunderheilern berichtet habe, die gegen extreme Schmerzen bei Verwundungen Wasser zu trinken gaben, das sie zuvor selbst im Mund gehalten hatten.[7]

Im Grunde behauptete Esdaile, dass er auf eine Weise beeinflussen könne, die später als Telepathie oder Mentalsuggestion bezeichnet wurde (Kap. 21). Dabei argumentierte er elektrophysiologisch und evolutionsbiologisch. Wenn der elektrische Fisch Elektrizität absondern könne, „and project it in the direction desired by the will, why should not man possess a modification ot the same power?[8] Der Mensch enthalte alle niedereren Stufen der Natur in sich, die oft latent seien, die sich aber unter außergewöhnlichen Umständen plötzlich und überraschend manifestieren könnten. Vital fluid, nervous fluid und animal electricity waren für ihn analoge, voneinander kaum abgrenzbare Kräfte – Medien, Überträgersubstanzen. Wie der göttliche Geist (Divine Mind) nur durch verschiedene Medien wirken können, wie etwa Hitze, Licht, Magnetismus und Elektrizität, so müsse man auch ein Nerven-Fluidum (nervous fluid) annehmen, durch welches das Gehirn auf den Körper einwirkte.[9] Auf diesem Boden entwickelte Esdaile sein Modell, wie ein fremder Wille von außen so verinnerlicht wird, dass er die Herrschaft über den eigenen übernimmt. Das Nerven-Fluidum könne nämlich bei fortgesetzter Willensanstrengung in einem (aktiven) Nervensystem über den eigenen Körper hinausfließen und mesmeristische Phänomene (mesmeric phenomena) bei einem anderen (passiven) Nervensystem hervorrufen.[10] Die Nervenimpulse von außen würden dann an den äußeren Nervenendigungen genauso akzeptiert, als wenn sie von den zerbralen Endigungen im eigenen Gehirn kommen würden. Die Übersendung (transmission) fremder Nervenimpulse vom Gehirn des Magnetiseurs zum Gehirn des Patienten geschehe durch das Nervensystem des letzteren. Es komme also zu einer Verkehrung (inversion) des normalen nervösen Prozesses.[11] Der magnetische Schlaf (coma) erschien somit also Folge der unnatürlichen Ausrichtung (preternatural determination) des Nerven-Fluidums zum Gehirn, „the influence of the master-will“. Dieses werde dann gleichsam überflutet. Die elektrische Telegraphie, eine zeitgenössische technische Innovation, lieferte für Esdaile das Erklärungsmodell. Das Gedanken-modifizierte Nerven-Fluidum des aktiven Gehirns werde vom passiven Gehirn des Patienten reflektiert und verstanden −„exactly as the passive end of an electric telegraph records the impulses recieved from the active extremity of the battery“.[12]

Esdaile war ein Draufgänger, der mit handgreiflichen Experimenten den Mesmerismus als Tatsache demonstrieren und therapeutisch nutzen wollte. Für ihn offenbarten sich damit die großen Geheimnisse der Natur (Nature’s great secrets), deren Gesetze es zu entdecken galt.[13] Unvoreingenommen wollte er experimentieren – wie ein Chemiker, der von der Entdeckung eines neuen Elements gehört habe und dieses nun selbst nachweisen wolle.[14] Betrug und Täuschung sollten durch wiederholte Emperimente, Anwesenheit seriöser Zeugen und genaues Protokollieren der Vorgänge ausgeschlossen werden. Sein erstes Experiment, das er als Chirurg im April 1845 an einem hinduistischen Strafgefangenen vornahm, war bezeichnend für seine Einstellung. Dieser litt an einer doppelseitigen Hycrocele und spürte starke Schmerzen nach der Operation. Esdaile magnetisierte ihn mit Handstrichen, wie er sie aus der Literatur kannte. Er erzeugte damit nach einiger Zeit eine völlige Gefühl- und Bewusstlosigkeit. Selbst auf Schmerzreize reagierte der Patient nicht mehr, etwa auf das Stechen mit der Nadel und Brennen der Haut. Die „Nadelprobe“ diente ja von den Hexenprozessen bis zur modernen Neurologie als diagnostische Methode. Nach dem Erwachen klagte der Patient mehr über schmerzhafte Folgen des Stechens und Brennens, als über seine ursprünglichen Schmerzen im Scrotum.[15] Esdaile schämte sich seiner Ungläubigkeit: “I will never put a patient to the ‚question’ in this way.”

Der Mesmerismus war für Esdaile wie gesagt ein rein physikalisches Phänomen, eine Realität wie die Gravitation oder die Eigenschaften von Opium.[16] Für ihn stand unumstößlich fest, dass keine Imagination, keine geistige Sympathie (mental sympathy), kein Einverständnis (consent) zwischen den Beteiligten bestehen muss und die Augen des Patienten geschlossen bleiben können. Der Mesmerismus war für ihn eine natürliche Kraft des menschlichen Körpers, die Nerven und Muskeln beeinflussen, Schmerzen ausschalten, bei funktioneller Nervenschwäche helfen und auch Entzündungen besiegen kann. Er bestägte die mesmeristische Überzeugung, dass der Einfluss auch in die Ferne und durch dichte Materialien übertragen werden könne.[17]

Wir wollen nun noch einmal auf die Gegenposition von James Braid zurückkommen. Solche Spekulationen, wie sie Esdaile im Sinne des Mesmerismus bilderbuchmäßig vortrug, wollte er grundsätzlich widerlegen, wobei er manchmal ähnlich wie sein Gegenspieler, jedoch in entgegengesetzter Absicht, mit detektivischer Schläue vorging. In einer Abendgesellschaft sollte eine Dame, die angeblich versteckte Magnete an ihrer Ausstrahlung erkennen und fühlen konnte, ihre außerordentliche Fähigkeit unter Beweis stellen. Braid saß als geladener Gast neben der Dame mit einem doppelt so starken Magneten in der Tasche als derjenige, den die Dame vergeblich im Zimmer suchte, ohne dass diese etwas von Braides Magneten bemerkte – Beweis genug für ihn, dass die beeinflussende Kraft nicht von außen einstrahlte.[18] Was später als „psychische Epidemie“ diskutiert werden sollte, kannte Braid aus der medizinhistorischen Literatur. Er bezog sich vor allem auf die Darstellung der mittelalterlichen Epidemien durch den Berliner Internisten J. C. F. Hecker, der die „Tanzwut“ (Veits- und Taranteltanz) unter die „Psychopathien des Mittelalter“ rechnete und auf den „Trieb der Nachahmung“ zurückführte.[19] Braid merkte hierzu an: „Die wunderbare Macht, welche Sympathie und Nachahmungstriebe auf eine gewisse Klasse von Personen ausüben, ist jedem Arzte bekannt.“[20]

Aus heutiger Sicht mag es Braids größtes Verdienst gewesen sein, dass er am eigenen Leib Selbsthypnose und Autosuggestion einsetzte und damit die Bedeutung von Selbsterfahrung und Selbsttherapie unterstrich. So schilderte er seine bereits 1843 angegebene Methode, wie sich Patienten in vielen Fällen selbst in Schlaf versetzen könnten: „Sobald sie eine bequeme Lage im Bett eingenommen haben, schließen sie die Augenlider und geben den Augapfel [sic] eine solche Stellung, als wollten sie nach einem entfernten Objekt, etwa einem Stern sehen, der sich etwas über oder hinter der Stirn befindet. […] Noch sicherer wird bei manchen Individuen der Schlaf herbeigeführt, wenn sie in der nämlichen Richtung einen kleinen, hellen, von einer entfernten Lichtquelle beleuchteten Gegenstand mit anhaltender Aufmerksamkeit und bei etwas verhaltenem Athem fixiren.“ [21] Braid verwies unter anderem auch auf seinen schottischen Landsmann, den Physiker David Brewster, den Erfinder des Kaleidoskops, der an sich selbst erfolgreich diese Methode angewandt habe, um sich willkürlich in Schlaf zu versetzen. Die Beobachtung, dass Patienten sich gegenseitig wie beim „gewöhnlichen Mesmerisiren“ hypnotisieren können, war für Braid ein weiterer Beweis gegen die Annahme von „magnetischen Polen“ und einer Übertragung von magnetischen Kräften: „Ich habe einmal 22 Patienten sich im Halbkreis aufstellen und sich gegenseitig bei den Händen fassen lassen und sämmtliche 22 fielen rasch in Schlaf.“[22] Nach mesmeristischer Lehre, so Braid, hätten ja nur diejenigen in Schlaf versetzt werden können, in welchen sich die angebliche magnetische Kraft angehäuft hätte.

Als Wissenschaftler wollte Braid seinem Selbstverständnis nach induktiv vorgehen. Er beanspruchte für seine Lehre die Wahrheit: „Unter allen Umständen glaube ich annehmen zu können, daß meine Anschauungen einen Fortschritt bezeichnen und sich der Wahrheit mehr nähern als die Theorie der Mesmeristen und der Elektro-Biologen.“[23] Bei näherer Betrachtung der Braid’schen Lehre zeigt sich, wie scharfsichtig sie die Probleme der modernen Psychotherapie erkannte und deren Begrifflichkeit wie Suggestibilität, posthypnotischer Auftrag, Widerstand oder Autosuggestion vorwegnahm. Sie trug entscheidend dazu bei, das Menschenbild der modernen Medizin und darüber hinaus zu prägen. Der einzelne Organismus mit seinem Nervensystem als Schaltzentrale war nun die Grundeinheit, die scharf von seiner Umwelt abgrenzbar schien. Psychosomatik imponierte als bio-psychologisches Kräftespiel, das zwar von außen angestoßen wurde, aber immer im Einzelorganismus verblieb. Die Aufhebung seiner Individualität und Verschmelzung mit anderen, was für den Mesmerismus charakterisch war, schien völlig ausgeschlossen.


[1] Esdaile [1852], 1975, 222 f. [2] A. a. O., S. 223. [3] Cuvier, 1805, S. 107 f. [4] Esdaile [1852], 1975, S. 227. [5] A. a. O., S. 228: Fußn. [6] A. a. O., S. 230. [7] A. a. O., S. 231. [8] A. a. O., S. 233. [9] A. a. O., S. 234. [10] A. a. O., s. 235. [11] A. a. O., S. 236. [12] A. a. O., S. 238. [13] A. a. O., S. 35. [14] A. a. O., S. 59. [15] A. a. O., S. 54. [16] A. a. O., S. 58. [17] A. a. O., S. 271 f. [18] Braid, 1882, S. 164. [19] Hecker, 1865, S. 121. [20] Braid, 1882, S. 163. [21] A. a. O., S. 169 f. [22] A. a. O., S. 172. [23] A. a. O., S. 175.

17. Kap./4 * Mesmerismus in der Chirurgie

Ein illustres Kapitel in der Geschichte der Anästhesiologie stellte die mesmeristische Narkose zu chirurgischen Zwecken dar. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach Einführung der Inhalationsnarkose mit Äther und Chloroform, die zunächst mit erheblichen Nebenwirkungen belastet war, schien der animalische Magnetismus eine Alternative zu bieten. Größtes Aufsehen erregte der britische Arzt James Esdaile, der 1845 als Chirurg in einem kleinen Krankenhaus in Calcutta (Indien) damit begann, Patienten im magnetischen Schlaf zu operieren. Er selbst hatte weder nähere Kenntnisse von Mesmerismus und Hypnotismus, der als neues Konzept von James Braid gerade inauguriert worden war, noch entsprechende praktische Erfahrungen. In einem Brief an Braid, den dieser im Oktober 1851 erhielt, schilderte Esdaile das von ihm angewandte Verfahren. Seine Bemerkung, er habe nach Braids Methode nie mesmerisieren können, konterte dieser mit dem Argument, er habe wohl das Fixieren der Aufmerksamkeit übersehen.[1] Esdaile behauptete, er habe in den letzten sechs Jahren 300 verschiedenartige, „zum Theil sehr schwere Operationen“ an mesmerisierten Patienten ausgeführt. Die Mesmerisierung geschah freilich ohne Kenntnis der Patienten und wurde nicht von ihm selbst, sondern von seinen Gehilfen, einem “Muselmann” oder “Hindu” in einem abgedunkelten Zimmer sechs bis acht Stunden lang u. a. durch Anblasen des Körpers ausgeführt.[2] Wenn der Schlafzustand für die anstehende Operation noch nicht tief genug erschien, wurde das Mesmerisieren täglich wiederholt: „In der Regel wurde dann die Operation am 4. oder 5. Tage ausgeführt.”[3] Auch innere Krankheiten seien auf diese Weise geheilt worden. James Braid dagegen zog das Chloroform dem Mesmerisieren zur Narkose vor: „Ich selber muß allerdings auf Grund meiner Erfahrungen mich zu Gunsten des Chloroforms aussprechen, da seine Anwendung bei uns wenigstens von einem rascheren und sicheren Erfolg bei den Patienten begleitet ist.“[4]

Esdailes Erzählung hatte märchenhafte Züge. So berichtete er, dass in der „Irrenanstalt von Calcutta“ eine große Anzahl Geisteskranker in mesmeristischen Schlaf versetzt worden sei „und während desselben an einem Manne eine Operation vollzogen [wurde], der sich die Kehle durchgeschnitten hatte.“ Ebenso märchenhaft klingt Esdailes Bericht, dass es ihm gelungen sei, Patienten ohne deren Wissen durch die Wand hindurch „unempfindlich wie Statuen zu machen“.[5] Für ihn war es eine greifbare Tatsache, dass eine physische Kraft, das Fluidum, vom Experimentator auf die Versuchsperson, vom Arzt auf den Patienten übergehe. „Es war ein von mir in der Hospitalpraxis ganz gewöhnlich eingeschlagenes Verfahren die Patienten durch Trinkenlassen mesmerisirten Wassers in Schlaf zu versetzen, wenn ich ihre Rachenschleimhaut mit Salpetersäure ätzen wollte.“[6] Auch Gedankenlesen und Übertragung von Geschmacksempfindungen gehörten für Esdaile „zu den gewöhnlichsten mesmeristischen Erscheinungen höherer Ordnung“. Dies konnte er sich offenbar nur „durch Übertragung eines nervösen Fluidums vom Experimentator auf die Versuchsperson“ erklären, „so daß dem Fluidum die Gedanken und Empfindungen des Experimentators gewissermaßen eingeprägt sind.“

In seiner progammatischen Abhandlung „Mesmerism in India” stellte er “mesmeristische Tatsachen” (mesmeric facts) dar und listete die von ihm innerhalb von acht Monaten durchgeführten „schmerzlosen Operationen“ und mesmeristischen Behandlungen internistischer Fälle auf.[7] Insgesamt 73 Operationen führte er mit mesmeristischer Anästhesie durch, darunter eine Arm- und zwei Penis- sowie sieben Hydrocelenoperationen. 18 internistische Fälle wurden mesmeristich behandelt, darunter dreimal „nervöse Kopfschmerzen“ und zweimal rheumatische Lähmungen. Er verstand den Mesmerismus als Anwendung einer Naturheilkraft, die in keinem Falle schädlich sein könne. Hierbei argumentierte er physiologisch: Die mesmeristische Ruhigstellung von Gehirn und Nerven (mesmeric torpor of the brain and nerves) entstünden nicht durch Blutstauungen im Gehirn und der Zustand der Mesmerisierten unterscheide sich nicht vom normalen Schlafzustand.[8]

Esdaile war absolut von einer phykalischen Kraft überzeugt, die zum Wohle der Menschheit und insbesondere zur schmerzlosen Chirurgie eingesetzt werden könne. Unermüdlich warb er dafür, den Mesmerismus als die Naturheilkunde anzuerkennen. Die Lebenskraft unserer Körper, schrieb er, sei keinesfalls auf diesen begrenzt: „On the contrary, there is good reason to believe that the vital fluid of one person can be poured into the system of another, upon which it has various effects, according to constitutional peculiarities, the demand for it as a remedy, and the manner and extent to which it is exhibited in order to answer different purposes.“[9] Gott habe eine mitteilbare, lebensspendende Heilkraft im menschlichen Körper eingepflanzt (ingrafted). So könnte von zwei Menschen, auf sich allein gestellt, von denen der eine gesund und der andere krank sei, der Gesunde dem Kranken helfen, indem er ihm von seiner Lebenskraft etwas abgebe. Überhaupt könnten die reinen Naturkräfte der leidenden Menschheit in aller Welt Hilfe und Erleichterung bringen.[10] Sie seien wissenschaftlich, nach den anerkannten Gesetzen der Evidenz zu erforschen.[11] Freilich war Esdaile skeptisch im Hinblick auf die Einsichtsfähigkeit der professionellen Mediziner. Deshalb sollte die Öffentlichkeit mit gesundem Menschenverstand und nüchternem Urteil (common sense und sober judgment) die „Fakten“ zur Kenntnis nehmen und dann den Ärzten nahebringen.[12]

Eine Besonderheit der Esdaile’schen Methode bestand darin, dass er seine Assistenten das Magnetisieren lehrte und ihnen dann die Aufgabe übertrug, die zu operierenden Kranken damit zu anästhesieren. Um die Patienten ins „coma“ zu versetzen, wurden manchmal mehrere Stunden benötigt und es waren bis zu 14 Versuche nötig. Seine Verehrung der Natur hatte religiöse Untertöne: Sie würde ihre „geheimen Schätze“ nur jenen offenbaren, „who courts her with earnestness, sincerity, and resolution.“[13] Die physischen und moralischen Qualitäten eines „natürlichen Magnetiseurs“ (natural mesmeriser) waren für Esdaile klar und eindeutig: ein aktives Nerven- und Herzkreislauf-System, Willensstärke und Entschlossenheit, Wahrheits- und Menschenliebe. Gesunde junge Personen könnten das Mesmerisieren ohne allzu große Mühe erlernen. Offenbar hatte Esdaile gute Erfahrungen gemacht, als er unter seinen Mitarbietern im Krankenhaus ein Dutzend junger „Hindoos and Mahomedans“ zu Magnetiseuren ausbildete.[14] Die mesmeristische Kraft sei eine allgemeinere Naturgabe, als bisher angenommen, lautete seine optimistische Botschaft: „Mesmerism is the ‚Medicine of Nature’; and she [Nature] refuses, very wisely, to take it when it is not needed“.[15] Dem entsprechend lehnte Esdaile das Mesmerisieren von Gesunden zu Demonstrationszwecken kategorisch ab.


[1] Braid [1852], 1882, S. 157. [2]http://en.wikipedia.org/wiki/James_Esdaile (16.03.2010). [3] Braid [1852], 1882, S. 158. [4] A. a. O., S. 160. [5] A. a. O., S. 158. [6] A. a. O., S. 150. [7] Esdaile, 1846, S. XXII f. [8]A. a. O., S. XXV. [9] A. a. O., S. 3. [10] A. a. O., S. 4. [11] A. a. O., S. 6. [12] A. a. O., S. 9. [13] A. a. O., S. 10. [14] A. a. O., S. 12. [15] A. a. O., S. 13.

17. Kap./3 * „Die Macht des Geistes über den Körper“

Der Topos von der Macht des Geistes über den Körper, der bei James Braid, wie wir sogleich sehen werden, eine wichtige Rolle spielte, wurzelte im Magiebegriff, der in der romantischen Naturphilosophie eine letzte akademische Blüte erlebte. So formulierte der Hallenser Medizinprofessor Ludwig Hermann Friedlaender 1839: „Magie ist die reinste Herrschaft des Geistes über die Natur, welche der am erhabensten und wunderbarsten ausübt, dessen Gedanke die Welt aus dem Nichts hervorrief und sie fort und fort beseelt. Gott ist der höchste Magus, der aber auch einen Theil seiner magischen Kraft den Menschen zuwendet, wenn sie rein und sündlos durch Glauben und Andacht mit ihm eins sind.“[1] Daneben gebe es aber auch „eine Magie der Natur“, deren „bewusstlos thätige, geheim bildende und entbildende Kraft, in deren wunderbares Walten einzudringen und dasselbe sich anzueignen der Mensch besonders dann versucht, wenn er nicht mehr das Bewusstseyn der göttlichen Magie besitzt.“[2] So sei die ursprüngliche Heilkunde „eine Tochter der Religion und eine magische Kunst, die durch die Heilkraft des Geistes sich die Natur unterwarf.“[3] Wir werden nun die psychophysiologische Engführung dieses naturphilosophisch definierten Topos’ in der Lehre des Hypnotismus genauer beleuchten.

Wenden wir uns nun der „Lieblingsarbeit“ von James Braid zu, die für ihn einen wichtigen Bezugspunkt für seine späteren Studien darstellte.[4] 1846 erschien sein Artikel On the Power of the Mind over the Body“ in drei Folgen in der FachzeitschriftThe Medical Times“ mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „June 1846“.[5] Kurze Zeit später erschien dieser Artikel unter Weglassung des „on“ im Titel in The Edinburgh Medical and Surgical Journal“ mit einigen zusätzlichen Fußnoten mit dem vom Verfasser angegebenen Datum „August 18, 1846“.[6] Letztere Version wurde Jahrzehnte später vom oben erwähnten Jenaer Physiologen Wilhelm Preyer unter Weglasssung einiger Anmerkungen zusammen mit einer Reihe anderer Schriften von Braid ins Deutsche übersetzt.[7] Braid kritisierte vor allem die mesmeristischen Spekulationen des Chemikers Karl von Reichenbach (Kap. 28) auf Grund eigener Beobachtungen „an hypnotischen Patienten“: Der Freiherr habe „einen irreleitenden Factor entweder garnicht gekannt oder völlig übersehen“, nämlich den Einfluss eines „geistigen“ Teils beim Vorgang seiner Experimente.[8] Braid berichtete, wie er sich zu deren Wiederholung entschlossen habe und zu Schlüssen gelangt sei, „die denen des Freiherrn von Reichenbach schnurstracks entgegenlaufen.“ Während Reichenbach von der „Existenz einer neuen Naturkraft“ überzeugt war, die freilich nur durch eine kleine Zahl „hochsensitiver und nervöser Personen“ empfunden werden konnte, hatte Braid entdeckt, dass bei solchen Menschen „ein anhaltendes Richten der Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Körpertheil“ bereits genügte, um bei ihnen eine Funktionsänderung zu bewirken.[9] So könne eine „innere oder geistige Ursachen jede Art von Empfindung“ hervorrufen, unter anderem auch „Visionen jeder Form und Farbe“. Der menschliche Nerv sei eben ein zweifelhafter Prüfstein für die Einwirkung äußerer Kräfte, „da die nämlichen Erscheinungen in gleicher Weise durch einen inneren oder geistigen Einfluss“ (internal or mental influence) ohne Mithilfe eines „äußeren Anstoßes“ (external agency) hervorgebracht werden könnten.

Braid berief sich auf seine für ihn eindeutigen Versuchsergebnisse. Es lohnt sich, seine Experimente näher zu betrachten, die er häufig mit detektivischer List und Lust durchführte. So strich er bei Patienten im nervösen Schlaf, die in diesem Zustand nicht sehen konnten, einen Magneten über die Hand oder einen anderen Körperteil, ohne diesen zu berühren. Dies zeigte keine Wirkung bei ihnen. Nur wenn der Magnet so nahe an die Körperoberfläche herangeführt wurde, dass er ein Kältegefühl erzeugte, „machte der Schlafende ein zeichen des Mißbehagens“.[10] Damit war angeblich Reichenbachs Behauptung einer Anziehung durch den Magneten bei sensitiven Menschen widerlegt; diese rühre „allein von einem ‚geistigen Einfluß’“ her. Braid referierte ausführlich die von Reichbach durchgeführten Versuche mit Sensitiven, die verschiedenartige Lichtwahrnehmungen im Sinne der Od-Lehre im Dunkeln hatten, und schloss daraus: „Alle erwarteten vermuthlich etwas Leuchtendes zu sehen und sahen in Folge dessen Licht oder Flammen.“[11] Dabei stellte Braid fest, dass die „angeblich physischen Thatsachen“, die Formen und Farben der Emanationen, die von den einzelnen Personen wahrgenommen wurden, stark voneinander abwichen. „Wärend diese Flammen und Farben in Wahrheit physisch vorhanden, so würden die Widersprüche nicht vorkommen können“.[12] Für ihn waren Karl von Reichenbachs Od-Phänomene ein Beweis für „die wunderbare Kraft des Geistes [the wonderful power of the human mind] […], vermöge welcher sensitive Personen, wenn sie ihre gespannteste Aufmerksamkeit ausschließlich auf einen Theil ihres Körpers richten, eine Veränderung der Funktionen desselben hervorrufen können, die sie leicht einer äußeren Einwirkung zuschreiben, während sie doch lediglich aus einer inneren oder geistigen Ursache entsteht.“[13]

Braid stellte in seinen Experimenten fest, dass die „Patienten“ – ob es sich um hypnotisierte oder nicht-hypnotisierte kranke oder gesunde Versuchspersonen handelte – keinerlei Lichtwahrnehmungen hatten, „wenn sie nicht zuvor auf derartige Ideen gebracht oder durch Fragen zu solchen Vorstellungen angeregt waren.“[14] In einer Versuchsreihe führte er nacheinander einen Magneten und einen anderen Gegenstand von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen, wobei die Versuchspersonen zusahen und anschließend über die verschiedenen (vermeintlichen) Wirkungen berichteten. „Forderte man sie auf, den Blick abzuwenden oder sich durch das Aufstellen eines Schirmes die Möglichkeit einer Beobachtung der Vorgänge nehmen zu lassen und sodann die Empfindungen anzugeben, die ihnen die Wiederaufnahme der Prozeduren verursache, so behaupteten sie selbst dann ähnliche Erscheinungen wahrzunehmen, wenn man sie nur ansah und ihre Aussagen protokollierte, sonst aber nicht das Mindeste that.“ Da sie glaubten, der vorherige Versuch werde wiederholt, hätten sie ihre Aufmerksamkeit so auf die betreffende Körperstelle gerichtet und sei infolgedessen deren „physische Thätigkeit“ so erregt worden, „dass sie ihre Empfindungen durch äußere Einwirkungen [external impression] hervorgerufen glaubten“.[15]

Die Macht des Geistes verändere die physische Thätigkeit und nicht ein von außen kommender Einfluss. Braid demonstrierte seine These mit immer neuen Experimenten, die alle auf dasselbe hinausliefen: zu zeigen, dass magnetische oder mesmeristische Einwirkungen aller Art einer Täuschung bzw. Selbsttäuschung unterliegen. Nicht der äußere Einfluss, sondern die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit, eben die „Macht des Geistes“, sei Ursache der hervorgerufenen Empfindungen. Der „von innen heraus kommende geistige Einfluß“ genüge.[16] Braid benutzte hin und wieder den Begriff der Einbildungskraft (imagination) und zitierte Virgils Ausspruch „Possunt, quia posse videntur“ (Sie können, weil sie es zu können glauben).[17] Es ist bemerkenswert, dass Braid in diesem Zusammenhang von „suggested ideas and concentration of consciousness“ sprach, was umständlich und nicht ganz zutreffend mit „Einimpfen gewisser Ideen und das Richten ihrer Aufmerksamkeit auf einen Punkt“ übersetzt wurde.[18] (Obwohl Braid hier von „suggested ideas“ und auch an anderer Stelle einmal von „to suggest to the mind the idea“ sprach und damit psychodynamische Vorgänge beschreiben wollte, kann von einem Suggestionsbegriff bei ihm keine Red sein.)[19] Die Versuchsergebnisse seien lediglich „jener merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Geist und Körper zuzuschreiben“ [attributable to the remarkable reciprocal actions of the mind and body on each other].[20]

Braid überprüfte experimentell auch die angebliche Fähigkeit der Sensitiven, durch Magnete, Bestreichen oder Anhauchen magnetisiertes Wasser von nicht magnetisiertem zu unterscheiden. Keiner der im Wachzustand und im nervösen Schlaf geprüften Patienten sei imstande gewesen, einen solchen Unterschied festzustellen. Freilich könnten durch Anhauchen und Bestreichen scheinbare Erfolge erzielt werden, „weil höchstempfindliche Patienten die Athem- oder Hautdünste sehr leicht riechen oder wahrscheinlich auch schmecken.“[21] Auch sei ihm noch niemals „ein Beispiel von unfehlbarem Gedankenlesen vorgekommen.“ Solches beruhe auf einer Täuschung: Gedankenleser nützten nur die „sinnlich wahrnehmbaren Eindrücke“ aus. Mit großer Akribie versuchte Braid, von Reichenbachs Od-Lehre Schritt für Schritt experimentell bzw. narrativ zu widerlegen. Dies betraf die diamagnetische Eigenschaft des menschlichen Körpers, die phosphorizierenden Erscheinungen auf Friedhöfen oder den Abdruck des Magneten auf einer lichtempfindlichen Platte („Daguerreotype“).[22]

Braid hielt also die „Wirkungen eines neuentdeckten imponderabeln Agens“, wie sie Karl von Reichbach beschrieben hatte, nachweisbar für „irrig“.[23] Allerdings billigte er den Akteuren entsprechende Sinneswahrnehmungen zu. So könnten bestimmte leicht erregbare Menschen „elektrische, wärmeerzeugende und heilkräftige Eigenschaften“ an Gegenständen entdecken, „welche nicht nur von anderen, sondern auch von ihnen selbst nicht bemerkt werden, wenn sie sich in einem normalen, minder sensitiven Zustande befinden.“ Auch der Magnetiseur werde kraft der „die physische Thätigkeit veränderenden geistigen Einwirkung höchst wahrscheinlich eine Strömung in seinen Fingerspitzen wahrnehmen“. Gerade solche Sinneseindrücke würden den Glauben der Mesmer-Anhänger „an die physische Existenz des betreffenden Agens“ befestigen.[24]

Braid warf noch ein schlagendes Argument in die Waagschale. Es gebe Patienten, die sich selbst in nervösen Schlaf versetzen „und die dem Mesmerismus eigenen Erscheinungen ohne fremde Hülfe durch eigene Bemühungen erzeugen können, indem sie ihren Blick, sowie ihre ganze Geistesthätigkeit mit voller Energie unverwandt einem einzigen Punkt, z. B. ihrer Finger- oder Nasenspitze zuwenden“.[25] Wer sich selbst magnetisiere, könne mindestens ebenso große Wunder „wahrzunehmen wähnen, als die Menschen, welche unsere erfolgreichsten Magnetiseure durch Anwendung ihres vermeintlichen Fluidums behandelt haben.“ Nicht ein äußeres Fluidum erzeuge die mesmeristischen Phänomene, sondern die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Offenbar war ihm entgangen, dass die Mesmeristen sehr wohl die Methode der „Selbstmagnetisierung“ kannten und verschiedentlich diskutierten (Kap. 25). Freilich stand diese nicht im Zentrum der magnetischen Behandlungstechnik, bei der es ja primär auf die speziellen „Manipulationen“ der Magnetiseure ankam.

Wie Braid durch ein eindrucksvolles Experiment mit einer Patientin gegenüber einem ärztlichen Kollegen in London demonstierte, würde die „Überreizung der Einbildungskraft“ (vividness of […] imagination) zur Selbsttäuschung führen, sodass alle möglichen vorgespiegelten Phantasiegebilde für wirklich gehalten würden. Auch Visionen und Halluzinationen bestimmter Menschen im Wachzustand, die so genannten „vigilanten Phänomene“ (vigilant phenomena) seien kein physischer Eindruck von außen, sondern „ein von innen heraus wirkendes geistiges Blendwerk“ (a mental delusion from within), der den Verstand so weit lähme, dass die betreffenden Personen von einem anderen „unbedingt beherrscht und als bloße Marionetten [mere puppets]gehandhabt“ werden könnten.[26] Sobald man diese Patienten dahin bringen könne, „der sich äußernden Kraft eines fremden Willens die eigene Kraft selbständig entgegenzusetzen [exercise their own independent powers in opposition to], ist der Zauber [spell] behoben.“ Die dem magnetischen Fluidum zugeschriebenen physischen Veränderungen müssten „auf das geistige und körperliche Conto [resources] des Patienten und nicht etwa auf das des Experimentirenden und seiner Mittel gesetzt werden.“[27] Am Ende seiner Abhandlung unterstrich Braid die therapeutische Relevanz seiner Lehre: Die „richtige Beachtung und Beherrschung dieser Kraft des menschlichen Geistes [human mind] über seine leibliche Hülle [physical frame] und umgekehrt“ könnten zur Linderung von Leiden eingesetzt werden. Übrigens verwandte Braid Geist (mind) und Seele (soul) synonym – „soul or mind“, wie es an einer Stelle seiner „Neurypnology“ heißt –[28] wenngleich er ungleich häufiger „mind“ benutzte. Im Schlusssatz der soeben referierten Abhandlung benutzte er beide Termini in einem Atemzug: „My experiments […] beautifully prove the unity of the mind, and the remarkable power of the soul over the body.“[29]

So scharf sich die Protagonisten des Mesmerismus und des Hypnotismus (Braidismus) auch voneinander abgrenzten, so unscharf wurden beiden Konzepte in der Laienmedizin und insbesondere in deren Ratgeberliteratur miteinander vermengt, ja oftmals miteinander gleichgesetzt. Sie beeinflussten nachhaltig die in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufblühende „Neugeist-Bewegung“ (New Thought Movement) und die von dieser Strömung propagierte Geistheilung (mental healing). Im Mittelpunkt der verschiedenen Ansätze  stand die Idee, dass der Geist sozusagen Berge versetzen und vor allem heilen könne. Hierbei spielte der Begriff der Suggestion ein zentrale Rolle. So meinte Henry Wood, ein Mentor des New Thought, die ideale Suggestion sei das „Photographieren von reinen und vollkommenen Idealen direkt auf unseren Geist durch das Medium des Gesichstssinns“ (the photographing of pure and perfect ideals directly upon the mind through the medium of the sense of sight).[30] Die gebündelte Energie der Gedankenkonzentration (thought concentration) würde eine wunderbare Kraft entwickeln. Er gab im Stile eines Übungsbuches eine Reihe von insgesamt 35 „meditations and suggestions“ an, deren richtigen Gebrauch er im Einzelnen im Grußdruck durchdeklinierte: von „GOD IS HERE“ und „DIVINE LOVE FILLS ME“ bis hin zu „I AM HEALED“ und „BE YE THEREFORE PERFECT“. Die Verinnerlichung der Suggestionen könnten nur durch ständiges Üben erreicht werden. Diese Kur der „idealen Suggestion“ sei nicht magisch, sondern bedeute natürliches Wachsum (natural growth).[31] Mesmerismus und Hypnotismus boten den Heilbestrebungen der Neugeist-Bewegung einen wunderbaren Nährboden. Sie importierten magnetische und hypnotische Techniken, die primär in der Medizin entwickelt worden waren, in ihr religiöses Feld und verknüpften sie mit dessen Denkwelt. Am bekanntesten wurde die Christian Science von Mary Baker-Eddy, die von dem US-amerikanischen Mesmeristen Phineas Quimby behandelt und stark beeinflusst worden war, worauf hier nicht näher eingegangen werden soll.[32] Der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig war mit seiner Schrift „Die Heilung durch den Geist“ (1932) wohl der erste, der den medizinhistorischen Bogen von Franz Anton Mesmer zu Sigmund Freud schlug und dabei Baker-Eddys Lehre als Zwischenstufe in der Geschichte der Psychotherapie würdigte.[33] Erst mit Henri Ellenbergers „Die Entdeckung des Unbewussten“ (1970) wurde die Bedeutung des Mesmerismus für die Geschichte der „dynamischen Psychiatrie“ erkannt.[34]


[1] Fiedländer, 1839, S. 21. [2] A. a. O., S. 22. [3] A. a. O., S. 24. [4] Preyer in: Braid, 1882, S. VI. [5] Braid, 1846 [a].[6] Braid, 1846 [b]. [7] Braid [1846], 1882. [8] Ebd., S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] A. a. O., S. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 12. [14] A. a. O., S. 13. [15] A. a. O., S. 14. [16] A. a. O., S. 20. [17] A. a. O., S. 22. [18] Braid, 1846 [b], S. 300; Braid [1846], 1882, S. 23. [19] Braid, 1843, S. 147. [20] Braid [1846], 1882. S.  24; Braid 1846 [b], S. 300. [21] Braid [1846], 1882, S. 25. [22] A. a. O., S. 26-29. [23] Ebd., S. 29. [24] A. a. O., S. 30. [25] A. a. O., S. 31. [26] A. a. O., S. 34. [27] A. a. O., S. 36. [28] Braid, 1843, S. 83. [29] Braid, 1846 [a], S. 274. [30] Wood, 1893, S. 7. [31] A. a. O., S. 109. [32] http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Baker_Eddy (29.04.2012). [33] Zweig, 1932. [34] Ellenberger, 1970; 1973.

17. Kap./2 * Die Erklärung „magnetischer“ Phänomne

Braid bezog sich positiv auf die große Abhandlung über Magie und Geheimwissenschaften („History of Magic“) des schottischen religiösen Schriftstellers John Campbell Colquhoun, dessen Beispiele „ein starke Stütze“ für seine eigene Theorie bildeten.[1] Dieser Autor hatte zudem ein zweibändiges Werk über den animalischen Magnetismus unter dem vielsagenden Titel „Isis revelata“ verfasst.[2] Die kultische Verehrung der Isis als Personifizierung der Natur und der Wahrheit sowie die Metapher des Tempels als Ort der Naturforschung war auch noch im 19. Jahrhundert verbreitet (Kap. 11). Das Titelblatt zum ersten Band zeigt jedoch im Unterschied zu anderen bildlichen Darstellungen und auch zu Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ eine Göttin, die selbst den Schleier anhebt, so dass sich ihr Gesicht zeigt. (Abb. [i]) Im linken Arm hält sie einen geflügelten Stab mit zwei Schlangen, einen so genannten Hermesstab. Das Bildmotiv des Titelblatts ist nicht weiter erstaunlich, wenn wir berücksichtigen, dass der Autor in Isis eine Heilgöttin sah und vermutete, dass der „Tempelschlaf in den Heiligthümern der Isis“ wohl durch „magnetische Proceduren“ hervorgebracht worden sei.[3] Überhaupt erschienen dem Autor alle „heiligen Mysterien“ in der Religionsgeschichte, namentlich der indische Brahmaismus und die Lehren Zoroasters, die von den Griechen aufgenommen und an die Römer weitergegeben wurden, bis hin zu Athanasius Kircher sowie Pater Hell und Franz Anton Mesmer in Wien, Zeugnisse für „das hohe Alter der Doctrin vom animalen Magnetismus“.

Colquhoun erblickte im Magnetismus „die primitive, die Urheilkunst“.[4] Mesmer könne man nun „den modernen Entdecker oder Wiederentdecker des animalen Magnetismus“ nennen.[5] Unglücklicherweise habe Mesmer die von ihm hervorgerufenen Tatsachen mit einer zweifelhaften Theorie verbunden, auf welche sich die Gegner eingeschossen hätten. Colquhoun plädierte für eine wissenschaftliche vorurteilsfreie Erforschung dieses universellen Heilmittels. Sein Argument glich dem, was bereits von Vertretern der frühneuzeitlichen magia naturalis gegen alle möglichen Gegner ins Feld geführt worden war: Die empirische Forschung sollte, „nach philosophischen und psychologischen Principien, viele erstaunenswerthe Erscheinungen erklären […] können, welche früher als geheimnißvoll, als übernatürlich und daher als außerhalb des Bereiches menschlicher Speculation stehend, betrachtet wurden“.[6]

Während Colquhoun sich im Namen wissenschaftlicher Redlichkeit noch relativ offen für die mesmeristischen Spekulationen zeigte, war Braids Antwort auf alle spekulativen Anmutungen des Mesmerismus und der Magie einfach und radikal: Es handele sich bei allen Phänomenen stets um Rückwirkungen des eigenen Gemüts auf den Körper. Wie sollten auch anders die „Krampfanfälle in St. Medard“ am Grab des Abbé Pâris zu erklären sein, die angeblich von dessen Asche ausgingen?[7] Braid bezog sich hier auf das Massenspektakel um 1730, das ekstatische Frauen (convulsionaires) über Jahre hinweg auf dem Friedhof der Kirche Saint-Médard einem großen Publikum darboten. Solche „neuen Formen von Erregungszuständen“ ließen sich „ohne die Annahme der Übertragung eines verborgenen Einflusses von einem Menschen auf den anderen erklären“. [8] Hoffnung und Vertrauen, nicht Kraftübertragung seien die Ursache: „Ich glaube nicht, daß in solchen Fällen A soviel Kraft verliert, als B gewinnt.“ Die magnetischen Phänomene hätten also subjektive, keine objektive Ursachen. Seine Experimente könnten den Beweis liefern, „daß solche subjektiven Zustände allein schon hinreichen, die ersteren hervorzurufen, ohne daß ein besonderer Einfluß von einer Person auf die andere im Spiel ist. Auf der anderen Seite sind die Mesmeristen außer Stande, zu beweisen, daß solche subjektive Ursachen während der Ausübung des Mesmerisirens nicht in Wirksamkeit sind.“[9]

Braid glaubte an die objektive Wirksamkeit gewisser Arzneimittel, „ganz unabhängig von den physischen und geistigen Eigenthümlichkeiten wie von den Manieren der ordinirenden Person.“[10] Insbesondere wies er die Theorie von einem besonderen „magnetischen Temperament“ zurück, das ihm die Mesmeristen persönlich unterstellten. Die Wirksamkeit der Hypnose beruhte nach seiner Auffassung nicht auf einer Art Placebo-Effekt, wie man heute sagen würde. Aus Sicht der Mesmeristen „müßte die Wirksamkeit der angewendeten Mittel ganz und gar dem magnetischen Temperament und dem energischen Willen wie den guten Absichten der mesmerisirenden Person oder des ordinirenden Arztes zugeschrieben werden.“[11] Braid machte sich über das ihm unterstellte „magnetische Temperament“ in einer Anekdote lustig. Er habe einmal einen „Häuptling aus den Reihen der Mesmeristen“ besucht, der Braids Erfolge „dem Besitz eines ungewöhnlich wirkungsvollen magnetischen Temperaments zugeschrieben“ habe und zur Überzeugung gelangt sei, „daß ich ein großes Gehirn, eine weite, geräumige Brust und beträchtliche geistige Energie, d. h. einen determinirten Willen besitzen müsse.“ Seine Vermutungen seien beim Anblick von Braid bestätigt worden. Dieser gab zu bedenken: „Ich habe indessen meine Erfolge ganz anderen und weniger mystischen oder absonderlichen Ursachen zugeschrieben.“ Eine interessante Konstellation: Der Mesmerist erklärte den Hypnotiseur zu einem Magnetiseur, der Hypnotiseur erklärte den Magnetiseur zu einem Hypnotiseur.

Interessanterweise hat der katholische Publizist Joseph Görres in Anlehnung an den Mesmerismus den „spontanen Somnambulismus” als einen „Rapport mit sich selbst“ begriffen: ”Gibt es nämlich magische Rapporte zwischen dieser Persönlichkeit und Allem, was näher oder ferner sie umsteht und umströmt; Rapporte, die von ihr aus in mit ihren Gegenständen sich erweiternden Sphären sich aufthun; dann wird, da sie selbst, zugleich Unterwurf und Gegenwurf, sich gegenübersteht, auch ein engster Rapport zwischen dem Subjectiven und Objectiven in ihr eintreten können, indem sie sich selbst, von einem zum andern magisch bestimmt, und in außergewöhnliche Zustände sich versetzt.” Görres kam hier der Idee der Autosuggestion recht nahe, wobei er den gefährlichen, krankmachenden Rapport als ein Rapport mit dem moralisch Bösen charakterisierte, der eine „Zaubersünde“ darstelle (Kap. 19 und 27).

Es ist das Verdienst von James Braid, mit der Idee der Selbstbeeinflussung den späteren Begriff der Autosuggestion im Kern vorweggenommen zu haben. Der Erfolg hänge weder vom Willen und Vorstellen, noch von den physischen Bemühungen des Hypnotiseurs ab, „sondern lediglich von dem Einfluß […], den das Gemüth der Kranken auf ihren eigenen Körper auszuüben im Stande war“.[12] Selbstverstänlich lehnte Braid Fernwirkungen, Hellsehen und Ähnliches ab. Sie seien „lediglich das Resultat concentrirter Aufmerksamkeit, eines lebendigen Gedächtnisses und der Erregung der Sinnesorgane, verbunden mit Selbstvertrauen und sorgfältigen Erwägungen über die mögliche Gestaltung der Zukunft“.[13] Der hypnotische Schlaf zeichne sich im Gegensatz zum gewöhnlichen Schlaf durch die Fähigkeit aus, seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren.[14] Braid gab eine praktische Anleitung zur Induktion der Hypnose, die als klasisches Verfahren in die Geschichte der Psychotherapie einging: „Dem bequem sitzenden oder stehenden Kranken wird irgend ein kleiner glänzender Gegenstand [B. benutzte gewöhnlich ein Lanzettfutteral] 10-12 Zoll vor und über die Mitte der Stirn gehalten, so daß es seinerseits einer kleinen Anstrengung bedarf, um das Objekt gleichmäßig und ruhig und mit möglichst concentrirter Aufmerksamkeit zu fixieren. Gleichzeitig ermahne ich den Kranken, sobald er Neigung zum Schlaf verspürt, derselben nachzugeben.“[15] Braid antizipierte den späteren Begriff der Suggestibilität, indem er eine unterschiedliche „Empfänglichkeit gegenüber hypnotisirenden Einflüssen“ feststellte.[16]

In diesem Zusammenhang tauchte der Begriff des Widerstands auf, der sowohl für die Bernheim’sche Suggestionslehre wie für die Freud’sche Psychoanalyse, wenn auch mit unterschiedlicher Blickrichtung, von zentraler Bedeutung werden sollte – eine Tatsache, die in der Historiographie der Psychiatrie und Psychoanalyse regelmäßig übersehen wurde. Es war schließlich Ellenbergers Verdienst aufzudecken, dass die Phänomene von „Widerstand“ und „Übertragung“ den Magnetiseuren und Hypnotiseuren durchaus bekannt waren – lange vor Freud, der sie dann als therapeutisches Hauptinstrument der Analyse nutzte.[17] Die hypnotische Behandlung, so Braid, könne nur gelingen, wenn der Widerstand des Patienten überwunden werden könne: „Es ist daher, wenn die Patienten sehr widerstandsfähig sind, immer wünschenswerth, den Einfluss von Sympathie und Nachahmungstrieb, wie den von Einflüsterungen und von Erregung der Erwartung zur Geltung zu bringen, wobei der Arzt Zuversichtlichkeit im Ton und ihm Benehmen zur Schau tragen und dem Patienten so nachdrücklich als möglich die Überzeugung aufdrängen muß, daß er außer Stande ist, diesen Einflüssen Widerstand zu leisten.“[18] Für den Erfolg sei es günstig, wenn der Patient sich der Manipulation „gerne unterzogen oder […] wenigstens keinen Widerstand entgegengebracht hat.“

Doch wie finden äußere Einwirkungen Anklang im Subjekt? Braid griff auf die gängige Metaphorik der Sympathie zurück, nämlich die Resonanz von Saiten, um sich sogleich von dem romantischen Modell intersubjektiver Wechselwirkungen zu distanzieren: “Die Perception äußerer Einwirkungen und das Vermögen, dieselben durch Bildung gleichartiger Vorstellungen zu beantworten, sind außerordentlich geschärft. Jede Saite, die durch den Inhalt der gesprochenen Worte, wie durch den Ton, in welchem sie geäußert werden, angeschlagen wird, findet sofort in einer so überraschenden Weise Anklang, daß viele darin die Wirkung einer Art Intuition oder Inspiration zu erkennen glauben.“[19] Braids Erklärung der mesmeristischen Striche („ des tractim tangere der Römer“), etwa beim Handauflegen zur Schmerzlinderung, war eindeutig. Die Wirkung gehe nicht von einer Person auf die andere über. Sie entstehe vielmehr „dadurch, daß ein ausgedehnter Eindruck auf die Sinnesnerven der Körperoberfläche gemacht und damit die Aufmerksamkeit von der verletzten Stelle abgelenkt oder vertheilt wird. Auf diesem Wege erkläre ich mir die Wirksamkeit des tractim tangere oder der sanften Reibungen und Berührungen mittelst der menschlichen Hand.“[20]

Braid sprach vom „doppelten Bewußtsein“, das er auch als „zweites“ oder „sekundäres Bewußtsein“ bezeichnete, lange vor der Diskussion über die multiple personality. „Alles was in dem geeigneten Stadium des Schlafs der Seele eingeprägt worden ist, vertieft sich zu Vortheil oder Nachtheil des Betreffenden und kann bei empfänglichen Naturen (nach dem Gesetz des doppelten Bewußtsein) wieder in das Gedächtniß zurückgerufen werden, sobald sie später wieder in das gleiche Stadium des Schlafs versetzt werden.“[21] Patienten, die in das „Stadium des tiefen Schlafs mit doppeltem Bewußtsein“ übergehen, könnten am wirksamsten beeinflusst werden. Die Hypnose mit ihrer gezielten Verfahrensweise sei dem Mesmerismus überlegen, da die Mesmeristen das besondere Schlafstadium übersehen und sich allzu sehr „auf die Wirksamkeit ihres vermeintlichen magnetischen oder odartigen Fluidums“ verlassen würden.[22]

Braid vertrat einen sensualistischen Standpunkt, um den Mechanismus der Hypnose zu erklären. Die Eindrücke müssten auf die Sinnesorgange oder sensiblen Nerven derart einwirken, dass bestimmte Ideen „dadurch auf dem Wege der Association geweckt werden.“[23] Deshalb sei der Einfluss auf beträchtliche Entfernungen hin wahrscheinlich eine Täuschung. Auch andere Beobachtungen der Mesmeristen stellte Braid in Abrede. So konnte er bei Hypnotisierten nie beobachten, dass diese durch die Annährung fremder Personen gestört worden seien („Gegenmesmerismus“).[24] Auch beim Voraussehen oder intuitiven Erkennen handele es sich um eine Täuschung. Sie komme durch Mitteilung anderer zustande oder durch Ideen, „welche lange Zeit in uns schlummerten und spontan während des Schlafs auftauchen, wenn gleichgestimmte Saiten des geistigen Lebens in Schwingungen versetzt werden.“ Auch hier benutzte Braid wieder die Metapher der musikalischen Resonanz. Er deutete an einer Stelle die Möglichkeit des später so genannten posthypnotischen Auftrags an, nämlich das Bedürfnis, „den stattgehabten Beeinflussungen gemäß zur entsprechenden Zeit zu handeln.“[25]


[1] Braid [1852], 1882, S. 120; Colquhoun, 1851 / [1853], 1971. [2] Colquhoun, 1836. [3] Colquhoun [1853], 1971, S. 518. [4] A. a. O., S. 519. [5] A. a. O., S. 520. [6] A. a.O., S. 524 f. [7] Braid [1852], 1882, S. 120. [8] A. a. O., S. 121. [9] A. a. O., S. 129 f. [10] A. a. O., S. 130. [11] A. a. O., S. 131. [12] A. a. O., S. 135. [13] A. a. O., S. 136. [14] A. a. O., S. 138. [15] A. a. O., S. 139. [16] A. a. O., S. 140. [17] Ellenberger, 1970, S. 490. [18] Braid [1852], 1882, S. 141. [19] A. a. O., S. 142. [20] A. a. O., S. 144 f. [21] A. a. O., S. 145. [22] A. a. O., S. 146. [23] A. a. O., S. 151. [24] A. a. O., S. 152 f. [25] A. a. O., S. 155.


[i] Colquhoun, 1836, vo. 2.: Titelblatt; → Abb. Isis revelata 1836

# 17. Kap. Hypnose: Widerlegung von Magie und Magnetismus

Der Schlüsselbegriff der Suggestion entstand auf dem Boden des so genannten Hypnotismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als therapeutisches Konzept und Gegenstand psychologischer Forschung in Erscheinung trat. Er verstand sich nicht als Gegenentwurf zur naturwissenschaftlichen Medizin, sondern als deren psychologische Ergänzung. Es ist bemerkenswert, dass mit dem naturwissenschaftlichen Umbruch der Medizin in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Hypnotismus als neues „Paradigma“ begründet wurde. Die Definition des „nervösen Schlafs“ durch den schottischen Chirurgen James Braid und sein programmatischer Buchtitel „Neurypnology; or, the rationale of nervous sleep considered in realtion with animal magnetism“ legten die Grundlage für eine mit der naturwissenschaftlichen Medizin kompatible Psychotherapie.[1] Freilich haftete der Hypnose in der öffentlichen Wahrnehmung über Jahrzehnte hinweg etwas Zwielichtiges und Gefährliches an, provoziert durch dubiose Schauhypnosen auf öffentlicher Bühne sowie durch spiritistische bzw. parapsychologische Experimente im Halbdunkel abgeschirmter Séancen. Gleichwohl wurde der Hypnotismus zum Nährboden der modernen Psychotherapie, die der kanadische Psychiater und Medizinhistortiker Henri F. Ellenberger in seinem epochemachenden Werk „Die Entdeckung des Unbewußten“ als „dynamische Psychiatrie“ (dynamic psychiatry) bezeichnet hat.[2]


[1] Braid, 1843. [2] Ellenberger, 1970.