48. Kap./3* Männerfantasien und Faschismus

Der Germanist und Schriftsteller Klaus Theweleit hat mit seinem Bestseller „Männerphantasien“ in der nach-68er Zeit wie kein anderer an Wilhelm Reich und seinen Ansatz der psychoanalytischen Faschismuskritik angeknüpft.[1] Obwohl er sich der kritischen Beurteilung von Wilhelm Reich durch die französischen Analytiker Gilles Deleuzes und Félix Guattari anschloss, bieb seine Analyse monoman auf die Produktion des faschistischen Mannes mit ihrem Höhepunkt im Nationalsozialismus gerichtet. Jene hatten in ihrem „Anti-Ödipus“ formuliert: „Er [Reich] als erster hatte es versucht, die analytische und die revolutionäre Maschine gemeinsam funktionieren zu lassen. Und am Ende hatte er nurmehr seine eigenen Wunschmaschinen, seine paranoischen, wundersamen, zölibatären Kästen mit ihren woll- und baumwollbesetzten Metallwänden.“[2] Aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten erscheint mir Theweleits Analyse − „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“, wie Rudolf Augstein 1977 in „Der Spiegel“ schrieb − zwar als eine fulminante Leistung, aber zugleich auch als ein typischer Ausdruck damals vorherrschender Klischees: Engführung psychoanalytischer Konstrukte, die zur Erklärung sozialpolitischer Verhältnisse herangezogen wurden; die Frau im Fluss, als „Menschin aus dem Wasser“, gegenüber dem Mann, der sich einen „Panzer gegen die Frau“ zugelegt hat; die absolute Fixierung auf die Ausmalung der Facetten der totalen Katastrophe ohne die utopischen Momente der Befreiung und Erleuchtung einzelner Menschen oder Menschengruppen auch in der schlimmsten Diktatur. Mit anderen Worten: Die Befangenheit im zeitgenössischen Diskurs erlaubte keinen kulturhistorisch geweiteten Blick über den ideologischen Tellerrand. Sie war seinerzeit nicht erstaunlich, da die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und seinen Folgen, konkret: mit der Generation der eigenen Eltern und insbesondere Väter, gerade erst begonnen hatte und die Blickrichtung fesselte.

Die diversen Versuche, Marx und Freud miteinander zu kombinieren, waren trotz ihrer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und Staatssozialismus nicht dazu angetan, religiöse und kulturhistorische Betrachtungen anzustellen und die eigenen Denkmodelle historisch zu relativieren. So blieben die mystischen wie mythischen Aspekte der Sexualität ebenso außer Betracht wie die frühneuzeitlichen Ideen von der Magie der Natur und der Macht des Geistes. Die 68er Vordenker mochten sich einfach nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als nur um „Männerphantasien“ à la Theweleit gehandelt haben könnte. Die nach-68er Debatte über Sexualität und Gesellschaft war von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Man wollte „Emanzipation“ und verfiel biologistischen Normvorstellungen, man wollte „Triebbefriedigung“ und sah diese an bestimmte Formen der Sexualität gebunden. Auch die professionelle Sexualwissenschaft konnte keine Lösung anbieten, wie das „Drama der Sexualität“ des Frankfurter Sexualwissenschaftlers Martin Danecker offenbart.[3] Die Abhandlung führt vor Augen, wie gut gemeintes emanzipatorisches Pathos ohne eine tiefer gehende ideengeschichtliche und kulturanthropologische Verankerung ins Leere läuft.

Inzwischen ist die von Wilhelm Reich inaugurierte Theorie von der unterdrückten Sexualität als Ursprung des faschistischen Massenmenschen, der mit seinem „Muskelpanzer“ die „emotionale Pest“ verursacht habe (siehe oben), widerlegt. Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog kritisierte in ihrer Studie zur Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die These der Neuen Linken bzw. der Studentenbewegung um 1968, dass die sexuelle Repression „nicht nur ein Charakteristikum dieser Bewegung [des Faschismus], sondern ihre Ursache“ gewesen sei.[4] Noch unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei es die Meinung der Zeitgenossen gewesen, „die Nationalsozialisten hätten im Gegenteil sexuelle Freizügigkeit gefördert und diese sexuelle ‚Unmoral’ sei sogar untrennbar mit dem barbarischen Völkermord verbunden gewesen.“ Aus diesem Blickwinkel sei die sexual-konservative Nachkriegskultur keine Fortführung des angeblich sexuell repressiven Faschismus gewesen, sondern habe sich „zumindest teilweise als Gegenreaktion zum Nationalsozialismus“ entwickelt: „gerade die von NS-Seite betriebene Ermunterung zu vor- und außerehelichen heterosexuellen Kontakten – nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern auch zur Lustbefriedigung – wurde in der Nachkriegszeit geflissentlich vergessen.“[5] Herzog hat für dieses Verhalten eine plausible Erklärung: Angesichts des NS-Regimes, das eine ungeheuerliche Vernichtungspolitik betrieben hatte, schien es ratsam, „die Erinnerung an die Empfänglichkeit der Bevölkerung für die lustfördernden Aspekte des Nationalsozialismus auszulöschen.“ Die Verbindung der sexuellen Tabubrüche mit denen beim Völkermord ließ es nach Herzog aus psychologischen wie politischen Gründen opportun erscheinen, „in der Rückschau gewisse Elemente auszublenden und andere herauszustellen.“ So sei es um 1960 zu einer „Reihe von Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen“ gekommen, wonach beispielsweise im Nationalsozialismus keinerlei Mittel und Informationen zur Empfängnisverhütung zur Verfügung gestellt worden seien, um die Geburtenrate zu steigern.

Um die Sexualität im Dritten Reich zu verstehen, zog Herzog den Begriff der repressiven Entsublimierung heran, den der Vordenker der 68er Studentenbewegung Herbert Marcuse in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ geprägt hatte.[6] Sie würdigte dessen Verdienst: Er habe als einer der Ersten dargelegt, „dass und auf welche Weise der überhebliche NS-Rassismus untrennbar mit dem Bemühen des Regimes verbunden war, das Sexualleben seiner Bürger neu zu organisieren; von welch zentraler Bedeutung die Politisierung des vormals eher privaten Bereichs der Sexualität für die politische Tagesordnung der Nationalsozialisten war “.[7] Dass die „repressive Entsublimierung“ für diverse „sexuelle Revolutionen“ im 20. Jahrhundert einschließlich ihrer sexualwissenschaftlichen Begleitung ein Grundproblem markiert, ist augenfällig.

Es ist bemerkenswert, dass auch im „Dritten Reich“ das Motiv der Natura, wie wir es vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jugendstil um 1900 verfolgt haben, in Illustrationen immer wieder auftaucht. Der naturphilosophisch-religiöse Hintergrund tritt zurück, wird gleichsam über dem ideologischen und propagandistischen Alltagsgeschäft vergessen. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen. Im Kampfblatt der SS „Das Schwarze Korps“ wurden im Oktober 1938 unter der Überschrift „SCHÖN UND REIN“ eine Serie von Fotografien abgebildet, die eine junge, schöne, nackte Frau in einer natürlichen Umgebung („Strandlandschaft“) zeigen. (Abb. [i]) Ihre göttliche Unnahbarkeit und Unschuld wird demonstriert, was an klassische Darstellungen der Natura erinnert. In der antisemitischen Wochenzeitung “Der Stürmer” wurde im April 1929 eine Karikatur mit der Legende „Nieder mit der Wahrheit!!!“ veröffentlicht. (Abb. [ii]) Sie zeigt eine nackte Frau, die gerade von Staatsanwalt und Polizei gefesselt wird und „die Wahrheit“ des Nationalsozialismus symbolisieren sollte, die von der staatlichen Gewalt niedergehalten wurde. Die Aufforderung an den Betrachter ist eindeutig: Diese gefesselte Wahrheit ist zu befreien, zu entfesseln. Interessant ist der angedeutete Heiligenschein der blonden Frau mit germanischen Gesichtszügen, der mit der Inschrift „Die Wahrheit“ versehen ist. Dies erinnert an „La Nature“, der man in der Französischen Revolution ein Monument errichtete und die man mit der raison und damit implizit mit der vérité identifizierte (Kap. 11) Dieses Motiv der gefesselten Wahrheit wurde noch einmal vom Stürmer“ im Februar 1930 mit unüberbietbarer religiöser Symbolik verschärft. Die Karikatur „Die Wahrheit am Kreuz“ zeigt anstelle von Christus eine nackte Frau mit Lendenschurz, deren Mund verbunden ist und die von „jüdischen Dunkelmännern“ lüstern angestarrt wird. (Abb. [iii]) Die antisemitische Hetze bediente sich hier des christlichen Antijudaismus, der sich traditionell an dem Umstand festmachte, dass Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen worden war.

Nach der „Machtergreifung“ trat dann die „Wahrheit“ als strahlende Göttin auf. (Abb. [iv]) Unter der Überschrift „Seltsame Auswirkung“ erschien im „Stürmer“ im Januar 1935 eine vielsagende Karikatur. Die übergroße stattliche nackte Frau mit langem blondem Haar hält in ihrer rechten Hand einen Spiegel, der ein Lichtbündel nach unten reflektiert, wo entsetzte jüdische „Untermenschen“ stehen, denen der Satz in den Mund gelegt wird: „Das haben mer nu davon, mit unserm Geschrei machen mer bloß Reklame für die Wahrheit“. Mit der Rechten zieht die „Wahrheit“ einen Vorhang beiseite und enthüllt damit ein antisemitisches Schriftrelief an der Wand.

Anmerkung vom 16.01.2016

Die „Wahrheit“ als nackte Frau, umgeben von Dunkelmännern, ist auch in zwei Gemälden von Ferdinand Hodler zu sehen. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Auch hier bediente sich – wahrscheinlich den Machern selbst nicht bewusst – die Hetzpropaganda kulturhistorischer Versatzstücke. Die Frau personifiziert hier Isis-Natura, wobei der Spiegel an die göttliches Licht vermittelnde Natura in der frühneuzeitlichen Emblematik und der zurückgezogene Vorhang an die sich enthüllende Isis erinnert. Das viel besagte „kulturelle Gedächtnis“ war also im Nationalsozialismus keineswegs ausgeschaltet – im Gegenteil: Es wurde zu spezifischen Zwecken aktiviert.


[1] Theweleit [1977/78], 1980. [2] Zit. ebd., S. 405. [3] Dannecker, 1987. [4] Herzog, 2005, S. 10. [5] A. a. O., S. 80. [6] Marcuse, 1967, S. 76; Reiche, 1968, S. 45. [7] Marcuse, 1967, S. 26.


[i] Herzog, 1945, S. 48; → Abb. Schön und Rein 1938 [ii] Herzog, 1945, S. 29; → Abb. Nieder mit der Wahrheit 1929 [iii] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Wahrheit am Kreuz 1930 [iv] Herzog, 1945, S. 52; → Abb. Seltsame Auswirkung 1935

12. Kap./5 * Melange von Magie und Technik

Die These von den okkulten Quellen des Nationalsozialismus ist verbreitet, die „braune Magie“ scheint eine faszinierende Erklärung des unfassbaren Geschehens zu bieten.[1] Freilich kann sie die „Banalität des Bösen“ nicht begreifen, die gerade nicht besonderen okkulten Strömungen, sondern dem unspektakulären Alltagsleben entsprungen ist.[2] Der englische Esoterik-Forscher Nicholas Goodrick-Clarke hat in seiner klassischen Studie „Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus“ die Bedeutung der „Ariosophie“ für die NS-Ideologie höchst präzise erforscht.[3] Er widersprach der verbreiteten These, dass die Nationalsozialisten im Sinne des aggressiven Antisemitismus und seiner Verschwörungstheorien primär von okkultistischen Strömungen gelenkt worden seien. Wenngleich es in Deutschland der 1920er und 1930er Jahre „einen okkulten Boom“ gegeben habe, sei es ein Trugschluss, so der österreichische Autor Hans Thomas Hakl, dass Hitler und der Nationalsozialismuis „ebenso okkulte Ursprünge“ gehabt haben müssten.[4] Hakl setzte sich kritisch mit der „Okkultisierung“ Hitlers auseinander, der sich einer „dämonischen Magie“ ausgeliefert habe.[5] Vor allem die okkultistische Literatur in Frankreich ließ sich um 1940 über das „okkulte Wirken Adolf Hitlers“ aus, der nach der Art der alten „barbarischen“  Magier als „Liebhaber der Wälder und Wasser, leidenschaftlichr Anbeter des unerbittlichen Gottes: Wodan“ gehandelt habe, wie es Edouard Saby damals in seinem Buch „Hitler et les Forces Occultes“ (1939) formuliert hatte.[6] Demnach erschien Hitler als „Medium“, „Magier und Eingeweihter“.[7] In einer anderen Publikation wurde sogar darüber spekuliert, dass er sich einem magischen Ritual unterzogen habe, das Vegetarismus und absolute Keuschheit voraussetze, um nach indischem und tibetischem Vorbild sexuelle Energie in okkulte umzuformen.[8] Inwiefern die alliierte Kriegspropaganda an der Entstehung solcher Gerüchte beteiligt war, sei dahingestellt.[9]

Es ist wohl plausibler, die unerhörte Explosivkraft des Nationalsozialismus damit zu erklären, dass Wirtschaft und Technik in ihrer völkischen Zielsetzung von einem magischen Denken begleitet und durchdringen wurden.[10] Der „reaktionäre Modernismus“ stellt eine weitere Erklärungsformel dar. Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf wandte gegen „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno ein, dass nicht zu viel, sondern zu wenig Aufklärung zur Katastrophe geführt habe. Nicht die Aufklärung, sondern ihre inadäquate und bruchstückhafte Inkorporation in die deutsche Gesellschaft sei die Ursache des Unglücks gewesen: „Hitler‘s  Germany was never more than partly and woefully inadequately enlightened. Auschwitz remains a monument to the deficit and not the excess of reason in Hitler’s Reich.”[11]Gleichwohl kann man gerade bei der nationalsozialistischen Ideologie von einem Exzess einer (scheinbaren) Rationalität sprechen, der zur radikalen Perversion führte. Die Verabsolutierung biologischer Natur- und ökonomischer Leistungsgesetze, die von den einzelnen Menschen eine bedingungslose Unterwerfung unter ihre vorgebliche Rationalität verlangten, war eine fundamentale Voraussetzung der verbrecherischen NS-Politik.

Inwiefern spielte demgegenüber die „Magie der Natur“ im Nationalsozialismus eine Rolle? Wenn wir die besondere Paracelsus-Verehrung beachten, die Wertschätzung der Volksheilkunde und das Interesse an den naturgemäßen Heilweisen, so wird deutlich, wie sehr man auf die traditionelle Idee von der Heilkraft der Natur als maßgeblicher Gesundheitsquelle zurückgriff. Entscheidend war wohl die Erhebung der (vermeintlichen) biologischen Naturgesetze zu quasi göttlichen Geboten. Hier kam es bei den verschiedenen Kampagnen und Maßnahmen zu einer ständigen Beschwörung der Natur als einer magischen Urquelle der Weisheit. Die Explosivkraft des Nationalsozialismus rührte aber keineswegs alleine von einer Radikalisierung lebensreformerischer Ideen her, einer biologistisch-rassistischen Ersatzreligion, sondern von deren Kombination mit effizienter Technologie und rationeller Organisation einer Leistungsgesellschaft.

Nur die straffe Leistungsmaximierung mit dem Ziel der Weltherrschaft verlieh dem magischen Denken seine ungeheure Durchschlagskraft. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ war die Zauberformel, mit der ein Gesamtorganismus zusammengeschweißt werden sollte. Dieses Geschehen wurde von Kritikern immer wieder massenpsychologische erklärt: als Ausdruck einer einer Art Massenhypnose, in der sich, wie Sigmund Freud meinte, das Ich der einzelnen Personen mit dem gemeinsamen Ich-Ideal identifiziert.[12] Aber ebenso wichtig waren sicher die mentalen und ideologischen Voraussetzungen, die Naturverehrung und ihre magischen Praktiken, wie sie vor allem in der Lebensreform praktiziert worden waren und die als obersten Wert die Reinheit der Natur erstrebten. Die Nähe mancher NS-Größen zu okkulten und esoterischen Strömungen ist bekannt, so etwa die Vorliebe von Rudolf Heß, dem „Stellvertreter des Führers“, für Naturheilkunde und Ganzheitsmedizin. Dennoch hatten solche Strömungen im Allgemeinen keine stärkere Affinität zum NS-Regime als der Berufsstand der Ärzte. Im Gegenteil: Manche Gesundheitsapostel und ihre Anhänger waren nicht integrierbar und wurden deshalb vom NS-Regime ausgegrenzt und verfolgt, wie etwa Carl Huter (Kap. 10).

1935 wurde in Nürnberg die „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ unter Leitung des Vertreters der „Ganzheitsmedizin“ Karl Kötschau gegründet. In ihr waren insbesondere Vereinigungen der Naturheilkunde einschließlich der Homöopathie vereinigt. Das Projekt scheiterte letztlich am Widerstand der „Schulmedizin“ und wurde bereits nach knapp zwei Jahren ihres Bestehens wieder aufgelöst. Auch das Rudolf-Heß-Krankenhaus in Dresden, das Schul- und alternative Medizin integrieren sollte und an dem u. a. die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel erforscht wurde, konnte keine längerfristigen Erfolge vorweisen. So zeigte sich ein bemerkenswerter Trend: Obwohl die Vorstellungen der „natürlichen“ Heilweisen der die Kräfte der Natur verherrlichenden NS-Ideologie („Blut und Boden“) entgegenkamen, unterlagen die betreffenden Berufsgruppen der Macht der ärztlichen Standesvertretungen. So setzte sich beispielsweise wegen des Drucks der Frauenärzte auch nicht die Hausgeburt gegenüber der Entbindung in der Klinik durch, wie sie vom „Hilfswerk Mutter und Kind“ – zusammen mit einer Aufwertung der Hebammen – propagiert worden war.[13] Die von der NS-Ideologie gepflegte romantisch erscheinende Naturheilkunde wurde – vermittelt über berufsständische Konflikte –vom naturwissenschaftlich-technokratischen Leistungsdenken in Schach gehalten und teilweise sogar unterdrückt.


[1] Freund, 1995. [2] Stockhammer, 1996, S. 175. [3] Goodrick-Clarke [1997], 2004. [4] Hakl [1997], 2004, S. 217. [5] A. a. O., s. 211. [6] Zit. a. a. O., S. 212. [7] Zit. a. a. O., S. 213. [8] A. a. O., S. 214. [9] A. a. O., s. 216. [10] Stockhammer, 1996, S. 176. [11] Herf, 1984, S. 234. [12] Freud [1921], GW, Bd. 13, S. 71-161. [13] H. Schott, 1993, S. 452.

12. Kap./4 * Idol der „deutschen Mutter“

Nirgends lassen sich die religiösen Implikationen des Nationalsozialismus besser studieren, als an seinem Kult um die „deutsche Mutter“ als Bestandteil einer Art „NS-Religion“, wie die Soziologin und Frauenforscherin Irmgard Weyrather in ihrer Studie „Muttertag und Mutterkreuz“ dargelegt hat.[1] Doch die kultur- und wissenschaftshistorischen Wurzeln dieser Religion, ihre mentale Schubkraft bleiben bei dieser Studie im Dunkeln, da der Blick der Autorin aufs 20. Jahrhundert fixiert ist und somit die kulturell verankerten Personifikationen der Gottesmutter (Maria) und der „Mutter Natur“ (Natura) außer Betracht bleiben. Den ideologischen Rahmen dieses Kults bildeten vor allem Eugenik und Antisemitismus. Die Mutterschaft wurde als heilige Handlung begriffen und stellte ein Kernstück des Religionsersatzes im Nationalsozialismus dar: „Die Mütterehrungsfeiern waren Teil der nationalsozialistischen Religionsimitation, die Mutterschaft, d. h. das Gebären von ‚arischen’ und ‚erbgesunden’ Kindern wurde als eine Art heilige oder göttliche Handlung verstanden. […] Mutterschaft war keine private oder persönliche Angelegenheit mehr, sondern Staatsaufgabe und religiöse Handlung zugleich.“[2] Die Rollenteilung der Geschlechter im Nationalsozialismus zwischen Mutterkult und Totenkult bildete nach Weyrather keinen Widerspruch, sondern ergänzte sich perfekt: Die Männer bzw. Söhne sollten in den Krieg ziehen und sich für das „Mutterland“ aufopfern, entsandt von den Frauen als „Quell allen Lebens“, „Retterinnen des deutschen Volks“.[3] So sollten die Männer militärisch und die Frauen biologisch – durch Gebären von „erbgesunden“, „arischen“ Kindern – die Weltherrschaft erringen.

Die Kunstproduktion im „Dritten Reich“ bietet interessante Beispiele für die religiöse Imprägnierung von NS-Ideologie und NS-Kult. Ein besonderes Bildmotiv war „Mutter und Kind“, das sich ikonographisch an die Madonna mit Jesuskind anlehnte. Dies sei an einigen  Beispielen aufgezeigt. Das Plakat zur Untersützung des nationalsozialstischen Hilfswerks „Mutter und Kind“ von Joachim Schich unterstreicht durch den sonnenartigen Heiligenschein der (deutschen) Mutter den religiösen Subtext. (Abb. [i]) Etwas anders ist das Gemälde „Mutter und Kind“ des Malers Karl Diebitsch angelegt, der den Reichsführer-SS Heinrich Himmler in „künstlerischen Fragen“ beriet.[4] (Abb. [ii]) Es existiert in verschiedenen Ausführungen und zeigt die Mutter weniger in der Rolle der Heiligen (Madonna) als vielmehr in der Rolle der idealisierten Nährmutter (Alma mater, Natura), die mitten in der Natur sitzt, umrahmt von Ähren. Die Mutterschaft unter Ähren lasse mehr an „Mutter Erde“ als an ein realistisches Bild einer Bäuerin denken, heißt es in einem Ausstellungskatalog. [5] Das Gemälde „Sonniges Lebens“ oder „Muttertum“ von Richard Heymann erinnert unwillkürlich an das ikonographische Motiv „Maria mit Jesus und Johannes“. (Abb. [iii]) Auch das Gemälde „Kämpfendes Volk“ des westfälischen Bauernmalers Hans Schmitz-Wiedenbrück impliziert religiöse Inhalte und macht Anleihen „aus dem Bereich gegenreformatorisch-jesuitischer Illusionsmalerei“: Das ergriffene „Volk“ ist um „eine Mutter, die genau dem traditionellen Typus der Madonna entspricht, gruppiert.“ (Abb. [iv])

Der nationalsozialistische Mutterkult und die entsprechende magisch-religiöse Überhöhung der „Natur“ der Frau verleiten heute manche Interpreten dazu, die Ausgrenzungen der Frau aus dem öffentlichen Raum, insbesondere aus der Arbeitswelt, schlicht dem „Faschismus“ oder „Nationalsozialismus“ zuzuordnen, ohne die nachhaltig wirksamen historischen Traditionen zu berücksichtigen.[6] Insbesondere psychoanalytische Theoreme werden bemüht, um das psychologische Triebschicksal des Nationalsozialismus als einer Ersatzreligion zu erklären. So wird etwa die Narzissmustheorie herangezogen, um die „deutsche“ Religion des infantilen deutschen Volksgenossen zu erklären, der wie ein Säugling mit der als „Germania“ erscheinenden Mutter Natur verschmolzen erscheint. Der Rassismus imponiert dabei als eine „Alltagsreligion der Reinheit“.[7]

Ethnische Auseinandersetzungen und daraus entspringende Kriege können als Folgen eines Reinheitswahns verstanden werden, der in bestimmten Regionen Nordafrikas als „Integrismus“ bezeichnet wird, wie dies der französsiche Publizist Bernard-Henri Lévy speziell für Algien herausgestellt hat.[8] Aber auch die Reinheitsbesessenheit der Nazis kann als Integrismus verstanden werden. Sie bediente sich vor allem dreier Metaphern, womit die  die Juden als größte Krankheitsgefahr dargestellt wurden: (1) die Bazillen, (2) die damit verursachte Infektion und (3) die Entstehung einer Epidemie, der Ausbruch einer „Pest“.[9] Die Natur sei für die Integristen, so Lévy, schlechthin der Ort der Reinheit, weswegen sie auch auf die Rückkehr zu dieser Natur abzielten. So komme es zu zwei widersprüchlichen Bewegungen: „Rückkehr nach hinten und Rückkehr nach vorn. Ablehnung und Akzeptanz der Geschichte. […] Deshalb wird übrigens der Integrismus niemals aufhören zwischen beiden Berufungen zu balancieren: dem äußersten Archaismus und dem zügellosesten Fortschrittsglauben; die Ablehnung der Moderne und ihre enthusiastische Akzeptanz.“ [10] Die Frage, wie die das Böse erzeugende Unreinheit in die Welt gekommen ist, könne auf dreierlei Weise beantwortet werden: Erstens durch zwei gegensätzliche Gottheiten wie im Manichäismus, von denen die eine die Reinheit, das Gute, und die andere die Unreinheit, das Böse, hervorgebracht habe[11]; zweitens durch eine Theorie der Abweichung, wonach zufällig das Programm ab einem bestimmten Zeitpunkt schief gelaufen ist[12]; und drittens durch eine Verdorbenheit, bei der ein heimtückischer Bazillus schreckliche Verheerungen angerichtet habe.[13] Eine solche Gemeinschaft im Kriegszustand träume nur von Einheit als ihrem letzten Paradies.[14]

Der nationalsozialistische Mutterkult erhielt wesentliche Impulse von der Lebensreformbewegung mit ihrem zentralen Anliegen: der naturgemäßen Lebensführung. So erlebte die naturheilkundliche Diätetik eine Renaissance. Insbesondere der Vegetarismus ist hier zu nennen, der freilich weit mehr bedeutete als „fleischfreie Ernährung“.[15] Ursprünglich im Protestantismus verankert, tendierte er zu monistischen und biologistischen Lehren, die dem Darwinismus und Rassismus verpflichtet waren.[16] Somit ist die Einmündung des Vegetarismus in die Blut- und Bodenlehre, die schließlich im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fand, nicht verwunderlich. Die schwülstige Natur- und Fruchtbarkeitslyrik bringt die Blut- und Bodenideologie recht eindrucksvoll zum Ausdruck. So dichtete der 1907 verstorbene nationalistische Schriftsteller Julius Langbehn unter dem Titel „Hochzeitsnacht“:

Des Werdens Strom ergießt der Mann

In seines Weibes Schooß;

Und neues Leben ringt sich dann

Aus ihrem Leibe los.[17]

Allgemein wurde lange die These vertreten, der Nationalsozialismus habe die sexuelle Freizügigkeit insbesondere der Frau unterdrückt. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass dies nur auf die von den Nazis ausgegrenzten und verfemten Gruppen zutraf, wie die Zürcher Kunstwissenschaftlerin Elke Frietsch formulierte: „die sexuellen Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes richteten sich überwiegend gegen Nicht-Arier und Homosexuelle […]. Die Kunst propagierte sexuelle Freizügigkeit, die die Menschen zur Reproduktion animieren sollte“.[18] Vor allem setzte sie sich mit den Bildern des Weiblichen in der Kunst des Nationalsozialismus auseinander, die zum „Inbegriff ‚ewiger Werte’ avancierten.“[19] Das Bild des „neuen Menschen“ sollte als „Bild der Überwindung des ‚Kulturverfalls’“ erscheinen.[20] Hierbei übernahmen weibliche Allegorien die Funktion, universale Werte abzubilden: „Das Weibliche wird so zum Bild nichtpartikularer Männlichkeit.“[21] Insofern griff diese Kunst relativ ungebrochen auf die traditionelle Personifikation der Natura als Frau zurück.

Vor diesem erotisch gefärbten Hintergrund geht wohl die bis heute populäre psychosomatische „Faschismus“-Theorie von Wilhelm Reich in die Irre, die den antrainierten „Körperpanzer“ der Volksgenossen für die Entladung der unterdrückten Sexualität in Krieg und Massenmord verantwortlich machte. Dagegen formulierte die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog: „Das Ziel der Nazis war es nicht, Sexualität zu unterdrücken, sondern sie als Privileg nichtbehinderter, heterosexueller Arier zu etablieren“.[22] So wurde 1934 in einer internen Anweisung an alle BDM-Führerinnen empfohlen, die betreffenden Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu ermuntern. Das daraus resultierende Problem der illegalen Abtreibungen sollte durch die „Lebensborn“-Heime gelöst werden, die aus heutiger Sicht weniger als arische Zuchtfabriken, als vielmehr Einrichtungen zu sehen sind, in denen unverheiratete deutsche Frauen heimlich ihre Kinder zur Welt bringen konnten.[23] Auf die von Dagmar Herzog in Frage gestellte These, wonach der massenhafte Ausbruch repressiver Gewalt im Faschismus auf die unterdrückte Sexualität zurückzuführen sei und nur eine sexuelle Revolution davon befreien könne, ist gegen Ende meiner Studie noch einmal zurückzukommen (Kap. 48).


[1] Weyrather, 1993, S. 218. [2] A. a. O., S. 7. [3] A. a. O., S. 218. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Diebitsch (18.06.2012) [5] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 188. [6] Streeruwitz, 2008. [7] Rätz, 1999, S. 31 bzw. 34f. [8] Lévy, 1995, S. 64. [9] A. a. O., S. 80. [10] A. a. O., S. 95. [11] A. a. O., S. 97. [12] A. a. O., S. 98. [13] A. a. O., S. 99. [14] A. a. O., S. 101. [15] Barlösius, 1996. [16] Ebd., S. 216.[17] Langbehn 1891 [unpaginiert]. [18] Zit n. Hager / Hofer, 2008, S. 99. [19] E. Frietsch, 2006, S. 289. [20] A. a. O., s. 290. [21] A. a. O., S. 174.  [22] Zit. a. a. O., S. 100. [23] A. a. O., S. 102.


[i] Schott, 1993 [a], S. 452; → Abb. Mutter und Kind von Joachim Schich [ii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 219; → Abb. Mutter und Kind von Karl Diebitsch [iii] Kunst im 3. Reich, 1974: Bild Nr. 218; → Abb. Heymann 1939 [iv] Kunst im 3. Reich, 1974, S. 140: Bild Nr. 140; → Abb. Schmitz-Wiedenbrück Kämpfendes Volk

 

9. Kap./5 * Stigmatisierung der Juden

Die Medizin der Neuzeit deutete die Stigmata der Juden analog den Entartungszeichen als Merkmal des Abartigen und tendenziell Gefährlichen. Auch jüdische Ärzte und Psychiater in den Jahrzehnten um 1900 attestierten, wie wir sehen werden, dem Judentum eine „nervöse Konstitution“. Der jüdische Körper wurde in der europäischen Kulturgeschichte in vielfachen Varianten immer wieder als hässlich und abstoßend vorgestellt. So wurden in Literatur und Kunst – man denke an Wilhelm Buschs einschlägige Karikatur („krumm die Nase, krumm der Stock“) – die Stigmata des Jüdischen ausgebreitet, lange bevor Rassenanthropologen „fleischige Ohrläppchen“, „große, rote Ohren“ oder hässlich gebogene „jüdische Nasen“ diagnostizierten. Der Erbbiologe und Rassenhygieniker Otmar von Verschuer, der nach dem Krieg bis 1955 einen Lehrstuhl an der Universität Münster innehatte, zählte die „körperlichen Erbmerkmale“ der europäischen Juden im Unterschied zu denen „von unserem deutschen Volk“ auf, ein Panoptikum der Stigmata. So schrieb er in seinem verbreiteten Lehrbuch von 1941: „Die mittlere Körpergröße der Juden liegt um etwa 5-9 cm unter derjenigen deutscher Vergleichsgruppen. […] Die Lippen sind häufig fleischig, oft wulstig. Vor allem fällt die vorhängende Unterlippe auf. Die ‚Judennase’ ist dadurch gekennzeichnet, daß die Nasenspitze hakenförmig nach unten gebogen ist und die Nasenflügel aufwärts gezogen sind. […] Der Knorpel der Nasenspitze ist ziemlich stark. […] Die Haut ist oft wenig durchblutet und von hellgelblich-matter Farbe, die im Verhältnis zur dunklen Haarfarbe oft besonders helle erscheint. […] Die Juden sind auch an ihren Bewegungen und Gebärden zu erkennen.“[1]

Dieses Klischee vom hässlichen Juden hielt sich auch noch Jahrzehnte nach dem Ende des „Dritten Reichs“. Aus eigener Anschauung kann der Autor dieser Studie eine denkwürdige Anekdote berichten, die er als Student während einer mündlichen Prüfung in Anatomie Sommersemester 1968 erlebte.[2] Er saß mit drei Kommilitonen in der üblichen Vierergruppe in einem Arbeitsraum mit hohen und dicht bestückten Bücherregalen. Der Anatomieprofessor fragte irgendwann während des Prüfungsgesprächs beiläufig allen Ernstes: „Woran können Sie ab welchem Monat einen Judenembryo von einem normalen deutschen unterscheiden?“ Uns Studenten verschlug es die Sprache. Auf diese Frage, die ja in keinem unserer Lehrbücher behandelt wurde, fiel uns natürlich keine Antwort ein. Triumphierend sagte der Professor: „Am Nasenknorpel, ab dem dritten Monat, das ist wissenschaftlich bewiesen.“ Er suchte in seinem Buchregal nach der entsprechenden Literatur, die dies belegen sollte, ohne sie jedoch zu finden. Das Thema ließ ihn nicht los. Und so fügte er hinzu: „Sie erkennen den Juden an seinen raffinierten, betrügerischen Handbewegungen, ich habe kürzlich einen hochintelligenten Juden mit einer ‚Eins’ aus dem Physikum geworfen, weil er unverschämt wurde und betrügen wollte.“ Wir waren baff. „Aber Herr Professor“, bemerkte ein Prüfling spitzfindig und provozierend, „man sagt doch, dass auch die Italiener wild gestikulieren und betrügen!“ „Mein lieber Herr Kommilitone“, lautete seine Antwort, „die Italiener machen es aus Spaß, den Juden ist es aber angeboren.“    

Psychiater schrieben dem jüdischen Nerven- und Seelenleben eine spezifisch psychopathische Konstitution zu. Die Juden schienen zwar auffallend immun gegen große Volksseuchen wie Tuberkulose oder Geschlechtskrankheiten zu sein und auch von anderen Krankheiten wie z. B. Krebs weniger betroffen zu werden, wie Statistiken um 1900 scheinbar belegten. Die Anfälligkeit der Juden für Geistes- und Gemütskrankheiten aber schien auf der Hand zu liegen. Diese Auffassung wurde keineswegs nur von nichtjüdischen Autoren vertreten, sondern auch von jüdischen, wie z. B. dem bereits erwähnte Psychiater Cesare Lombroso (Kap. 12) oder dem Wiener Arzt und Zionisten Martin Engländer, der – eindeutiger als Lombroso – diese Anfälligkeit als Zeichen der Degeneration jedoch nicht auf rassische, sondern auf soziale Ursachen zurückführte: nämlich die neurasthenische Zerrüttung des Nervensystems im urbanen Milieu.[3] In diesem Sinne hatte auch Sigmund Freud 1886 an seine Schwester geschrieben, dass er im Familienkreis irritierte und angespannte Nerven beobachte, die das Erbe einer alten zivilisierten Rasse und des Stadtlebens seien.[4] An der besonderen Psychopathologie der Juden bestanden also im „nervösen Zeitalter“, wo die Diagnosen „Hysterie“ und „Neurasthenie“ geläufig waren, im Allgemeinen keine Zweifel, insbesondere nicht an ihrer Vererbung. So meinte der französische Neurologe Jean-Martin Charcot, dass bei Juden Nervenkrankheiten aller Art häufiger aufträten als bei anderen Bevölkerungsgruppen, und zwar als Folge der Inzucht der Juden. Der deutsche Psychiater Richard Krafft-Ebing benutzte den Terminus „Neurastheniker“ sogar synonym mit „Jude“ und behauptete, dass der religiöse Enthusiasmus gerade der Ostjuden zu einer gesteigerten Sinnlichkeit, sexuellen Exzessen und somit zu psychischen Erkrankungen führe.

In der Moderne wurden die jüdischen Ärzte nun nicht mehr wie zu Zeiten eines Paracelsus als Quacksalber und Betrüger neben anderen angeprangert, sondern in erster Linie als Vertreter eines „volksfremden Denkens“ und einer kalten, analytischen Wissenschaftlichkeit denunziert. Im Hintergrund lauerte immer der Verdacht der Zersetzung des „gesunden Volksempfindens“, der gleichsam pestilenzialischen Zersetzung der braven völkischen Seele. Der Gobineau-Adept Ludwig Schemann versuchte, die geistesgeschichtliche Bedeutung des Judentums, die es an das Christentum abgegeben habe, strikt von der „materiell-weltgeschichtlichen“ abzugrenzen: Die „Herrschafts- und Habgier der Juden“ sei übrig geblieben, sie begründeten ihre Weltherrschaft auf „rein Materielles […], das die germanische Sage mit einem Fluch belegt hat.“[5] Er fürchtete die „Judenherrschaft“, die „Keime der Zersetzung“, die durch ein „Aufsaugen der Juden […] in unseren seelischen Organismus eingeführt würden.“[6]

In ähnlicher Weise argumentierte Walter Jaensch, der als Internist an der Charité eine Abteilung für Konstitutionsmedizin leitete und eine spezifisch nationalsozialistische Konstitutionslehre in formaler Anlehnung an Ernst Kretschmer begründen wollte. Er konstruierte einen „Gegentypus der deutschen völkischen Bewegung“, den „lytischen Typus“ oder „Auflösungstyp“, den er hinter dem „Bündnis französischer Machtentfaltung mit dem internationalen Judentum“ vermutete. Diesem Typus sei es zu verdanken,  „daß der natürliche, in seinen eigenen biologischen Bedingungen von Blut und Boden mit seinem körperlichen und geistigen Sein und auch mit seinem natürlichen Verstand verwurzelte Mensch es nicht mehr versteht, wenn die aus solchen erdachten Systemen entstandenen Mächte – wie Technik, Imperialismus, Weltkapitalismus und die Gehirnakrobatik […] – schließlich die Menschheit in ihren natürlichen und biologischen Lebensbedingungen in die Irre führten und niederhalten.“[7] Jaensch gehörte zu jener Generation von ärztlichen Autoren, die in der „Krise der Medizin“ nach dem Ersten Weltkrieg (Kap. 4) eine antimechanistische und gewissermaßen neoromantische Antwort zu geben versuchten – in seinem Falle durchaus kompatibel der antisemitischen NS-Ideologie.[8] 

Die Juden erschienen dem aggressiven Antisemitismus, der im NS-Staat kulminierte, als äußerste Spitze der Unnatur, Widernatur. Gerade die ihnen wahnhaft unterstellte Giftigkeit und Gefährlichkeit ließ es notwendig erscheinen, sie in allen Bereichen öffentlich zu brandmarken, zu stigmaisieren. So galten sie gemäß „Blutschutzgesetz“ von 1936 als „Agenten der Zersetzung und Verwesung“, welche die „Reinheit des deutschen Blutes“ und damit die Einheit des deutschen Volkskörpers bedrohten.[9] Das „Blutschutzgesetz“ der Nazis zog die „Rassengrenze“ zwischen „Deutschtum und Judentum“ unerbittlich, wobei nicht die körperlichen, sondern die seelischen Erbeigenschaften die wichtigeren seien, wie ein Kommentator anmerkte: „Denn letzten Endes beruht die Judenfrage auf dem Gegensatz zwischen deutscher und jüdischer Rassenseele“, die dem „deutschen Wesen“ fast immer zuwiderlaufe. Deutsch-jüdische Mischehen produzierten auf Grund der „Unverträglichkeit deutschen und jüdischen Erbguts […] innerlich zerrissene Menschen“.[10] Vor dem drohenden „Rassentod“ der Deutschen schien nur noch die „Ausmerze“ des „fremden Blutes“, der „bedingslos unerwünschten Rassen“, in allererster Linie der Juden, retten zu können.[11]

Anmerkung vom 22.09.2015

Die Stigmatisierung der Juden ist so alt wie die Judenverfolgung. Besonders eklatant war das vielfach verwandte Bildmotiv der „Judensau“, das bereits im Hochmittelalter auftauchte. Ein Beispiel ist dias Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.    


[1] Verschuer, 1941, S. 127. [2] Schott, 2011 [b], S. 239. [3] Gilman, 1993, S. 101. [4] A. a. O., S. 93. [5] Schemann, 1931, S. 32. [6] A. a. O., S. 33. [7] Jaensch, 1934, S. 40 f. [8] Timmermann, 2001. [9] Gütt / Linden / Maßfeller, 1936, S. 32. [10] Schäffer, 1938, S. 67. [11] Schultze, 1934, S. 12; Gütt, 1934, S. 117.