7. Kap./3 * „Magie“ in der modernen Medizin?

Die heutige Bio- und Hightech-Medizin erhebt den Anspruch, ihre Rationalität ganz von ihren objektiven naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und mathematisch-physikalischen Berechnungen ableiten und den subjektiven Faktor, die „Macht des Geistes“, nach den Regeln der Kunst systematisch ausblenden zu können. Bei klinischen Humanexperimenten, insbesondere Arzneimittelversuchen, ist heute der englische Begriff Rationale üblich, wenn es um die Begründung und Rechtfertigung eines konkreten Studiendesigns geht. Allerdings stellt sich die Frage: Inwieweit kann die Medizin diesem Anspruch wirklich gerecht werden? Können die suggestiven Faktoren, die mit Erwartungshaltungen, technische Apparaturen, Hoffnungen und Ängsten der jeweiligen Akteure verknüpft sind, tatsächlich scharf von den objektiven Prozessen abgegrenzt werden? Je weiter die gegenwärtige Placebo- und Noceboforschung voranschreitet, umso zweifelhafter erscheint der wissenschaftliche Anspruch, „Magie“ als Wirkfaktor aus der Heilkunst ausschließen zu können, und um so dringlicher stellt sich die Frage, ob es überhaupt klug ist, diesen Faktor generell ausblenden zu wollen.

Als der Placebo-Effekt in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Begriff der wissenschaftlichen Medizin kreiert wurde, war derjenige der Magie schon längst aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Nur vereinzelt wurde in der Medizin noch von „Magie“ gesprochen. So veröffentlichte der Internist Otto Lippross 1969 sein Buch „Logik und Magie in der Medizin“, das er bereits zwischen 1938 und 1940 konzipiert hatte.[1] Er war in den 1930er Jahren Mitglied des Arbeitskreises um Louis Grote und Alfred Brauchle am Rudlof-Heß-Krankenhaus in Dresden, wo Schulmedizin und Naturheilkunde unter einem Dach vereinigt waren, deren Verhältnis vor dem Hintergrund der „Krise der Medizin“ intensiv diskutiert wurde.[2] Lippross plädierte für einen aufgeklärten Umgang mit der „Magie“, da die Reichweite der naturwissenschaftliche Medizin (noch) allzu sehr begrenzt sei: „Die Therapie, die eigentliche Heilkunst, ist nach wie vor ein Bereich, in dem Magie noch oft die Ratio ersetzen muss.“[3]

Zu den sehr wenigen Universitätsmedizinern, die am Magiebegriff festhielten, gehörte der Psychosomatiker Arthur Jores. Wahrscheinlich war er seinerzeit sogar der einzige, der immer wieder ausdrücklich auf die Aktualität der „Magie“ für die Theorie und Praxis der modernen Medizin hinwies.[4] Seine Position sei hier etwas genauer beleuchtet, da sie interessante Anregungen sowohl für klinische als auch kulturwissenschaftliche Forschungen geben kann. Religiöses und magisches Denken gehören in seiner Sicht zusammen. Es gehe darum, „arationale“ Dinge, die „mit der Ratio nicht voll zu erfassen und nicht kausal-mechanistisch auflösbar“ seien, stärker zu beachten: „Hierher gehören etwa Hoffnung und Glaube, emotionale Beweggründe, Vorstellungen, aus der Kindheit übernommen und heute noch wirksam […], aber auch Phänomene, […] wie sie im magischen Bereich vorkommen, oder das Phänomen der Synchronizität.“[5] Die Einseitigkeit der naturwissenschaftlichen „mental-rationalen“ Epoche sei zu überwinden, da sie sich als insuffizient erwiesen habe. Nun komme es darauf an, „die magischen und die mythischen Bereiche in uns mit den mentalen zu einer Einheit auf höherer Bewußtseinsebene zu verschmelzen.“[6] Das Magische sei eine Realität und eine allen Menschen innewohnende Gegebenheit, eine Möglichkeit, kranke Menschen zu heilen.[7] Auf „magischer Stufe“ seien rational nicht verstehbare Dinge möglich, „die wir einfach als eine Wirklichkeit registrieren müssen. Es geht nicht an, sie schlechthin als Aberglauben abzutun.“[8] Jores scheint sich manchmal in fragwürdigen Spekulationen zu verlieren, wenn er ziemlich naiv eine Epocheneinteilung der Menschheitsentwicklung vornimmt oder „Magie“ etymologisch von „Macht“ ableitet. Gleichwohl weisen seine Überlegungen auf einen Bereich der modernen Medizin hin, der für die Therapeutik allgemein von zentraler Bedeutung ist. Das Magische als Heilmethode, so meint er, spiele auch heute noch eine erhebliche Rolle, wenngleich nur in abgemilderter Form der Suggestion und Hypnose.[9] Diese gehörten „auch grundsätzlich in den magischen Bereich“.

Das Magische, so Jores, stecke in jedem Menschen, da ja jeder als Kind eine magische Entwicklungsperiode durchgemacht habe: „Das Magische ist also schlechthin eine menschliche Möglichkeit. Es gibt nun auch in unserer Zeit genügend Menschen, die diese magische Periode noch nicht ganz hinter sich gelassen haben.“[10] Aus seiner eigenen ärztlichen Praxis und aus der von Kollegen lieferte er hierfür Beispiele: das krankmachende Gefühl, verhext worden zu sein; die diagnostische Röntgenuntersuchung, die als heilsam empfunden wird[11]; die diagnostische Laparaskopie (Bauchspiegelung), die eine Hepatitis zur Heilung bringt; oder auch geringfügige chirurgische Eingriffe, die einen überraschenden Heileffekt haben können. Überhaupt sei der Arzt viel öfter, als er ahne, „der Initiator magisch suggestiver Vorstellungen.“[12] Die Worte des Arztes könnten auch krankmachen und würden dann wie „die Verwünschung oder der Zauber einer bösen Frau“ wirken: „Von der Mächtigkeit des Wortes hat der heutige Arzt keine Ahnung mehr. Er glaubt an die Mächtigkeit der Chemie, aber nicht mehr an die Mächtigkeit seines Wortes und weiß nichts davon, wie behutsam es oft gesetzt werden muß.“[13] Hochtechnisierte Medizin werde oft magisch erlebt, und sie müsse erkennen, „daß sie nicht nur angewandte Naturwissenschaft ist, sondern auch Geisteswissenschaft“ sei.[14] .

Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Mesmerismus bzw. Hypnotismus vereinzelt von Chirurgen zur Anästhesie eingesetzt. Der Begründer des Hypnotismus, der schottische Chirurg James Braid, war vor allem auch deshalb an einer zuverlässigen Hypnosetechnik interessiert. Auch mehr als 100 Jahre später wurde vereinzelt von chirurgischen Teams berichtet, die angeblich auch große Operationen unter Hypnose durchgeführt hätten. Bekannt wurde auch die Anwendung der Akupunktur als Methode der Anästhesie in China. Weniger spektakulär ist die Annahme von Chirurgen, die in ihrem operativen Alltag generell davon ausgehen, das „die mächtige Heilsuggestion des Eingriffs in gewissem Ausmaß“ zum Ergebnis beitrage.[15] Naturgemäß ist der Placebo-Effekt bei chirurgischen Eingriffen nicht im Doppelblindversuch nachzuweisen, kann aber bei Scheinoperationen oder bei technisch missglückten oder aus irrtümlicher Indikation vorgenommenen Eingriffen bemerkenswerte Besserungen bewirken.[16] Inzwischen liegen valide Studien zur Placebo-Wirkung von Scheinoperationen vor.[17]

Jores, der sich sehr für die praktische Bedeutung des Placebo- und Nocebo-Effekts innerhalb und außerhalb der ärztlichen Praxis interessierte, war wie gesagt fast der einzige Universitätsmediziner seiner Zeit, für den „Magie“ ein Schlüsselbegriff der aktuellen Medizin darstellte. Freilich blieb er weit entfernt davon, diesen Begriff in seiner medizin- und kulturhistorischen Dimension genauer auszuleuchten. Er machte Anleihen sowohl bei der von der Psychoanalyse inspirierten Entwicklungspsychologie, als auch bei der medizinischen Ethnologie bzw. Völkerpsychologie. Von daher war Magie nie ein völlig überwundener Zustand der Vergangenheit, sondern immer eine alles durchdringende Realität, für die sich gerade die Ärzte im Umgang mit ihren Patienten zu interessieren hätten. Jores stellte der „pragmatischen“ (naturwissenschaftlichen) Medizin die (analytische) Psychotherapie an die Seite, die eine „Entzauberung“ des magischen Denkens betreibe. In der psychotherapeutischen Begegnung befinde sich der Arzt – im Gegensatz zur magischen Begegnung – „auf derselben Stufe wie der Patient, weswegen Psychotherapie eine „Heilung in der Begegnung“ sei.[18] Wenn die pragmatische Medizin nicht mehr „in der primitiven Form der Magie auf den seelischen Grund allen Krankseins Einfluß nehmen“ wolle, bedürfe sie der Psychotherapie. An diesem Punkt zeigt sich eine grundlegende Widersprüchlichkeit in der Argumentation von Jores: Einerseits hat der Placebo-Effekt bei allen ärztlichen Handlungen seine Hand im Spiel, und insofern ist das magische Denken immer präsent; andererseits erscheint das Zusammenwirken von pragmatischer Medizin und Psychotherapie magisches Denken entzaubern und letztlich überwinden zu können. Doch wie kann es geschehen, dass sich die ärztliche Behandlung von ihrer magischen Verlötung im Behandlungsritual loslöst, wie immer das Arzt-Patienten-Verhältnis im Sinne von Aufklärung und Entzauberung ausgestaltet sein mag? Im Grunde taucht hier dasselbe Problem der „wahren“ Selbsterkenntnis auf, womit bereits die Vertreter der Suggestionslehre zu kämpfen hatten. Gibt es eine Wahrnehmung, eine Erkenntnis, die uns primär nicht von außen, von anderen Personen, einsuggeriert wurde? Die Skepsis des Suggestionstherapeuten Hippolyte Bernheim ist bemerkenswert. In letzter Konseqeunz gab es für ihn kein Entrinnen aus dem suggestiven Zirkel der sozialen Kommunikation (Kap. 19).


[1] Lippross, 1969, S. 7. [2] Grote / Brauchle, 1935. [3] Lippross, 1969, S. 106. [4] Jores, 1955; 1961. [5] Jores, 1961, S. 59. [6] A. a. O., S. 67. [7] A. a. O., S. 57. [8] A. a. O., S. 68. [9] A. a. O., S. 72. [10] A. a. O., S. 73 [11] Jores, 1955, S. 918. [12] Jores 1961, S. 75. [13] A. a. O., S. 76. [14] A. a. O., S. 91. [15] Mainzer, 1959, S. 1572. [16] Ebd. [17] M. Lindner, 2002; Berndt, 2003. [18] Jores, 1955, S. 919.

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7. Kap./1 * Alternative Heilverfahren unter Verdacht

Als der Placebo-Begriff in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Medizin avancierte, schien plötzlich die gesamte Medizingeschichte durchsichtig zu werden. Denn mit einem Schlag war scheinbar die Formel für alle vormodernen Heilweisen gefunden: „all medications until recently were placebos“, wie der US-amerikanische Psychiater Arthur K. Shapiro selbstbewusst formulierte.[1] Aus diesem Blickwinkel ließen sich nun Akzeptanz und Ansehen aller möglichen Prozeduren von der Antike bis in die Neuzeit mit dem Placebo-Effekt erklären. Süffisant listete Shapiro die obsoleten Verfahren auf: Einhorn, Bezoar-Steine, Mandragora, The Royal Touch (Handauflegen der Könige), ägyptische Mumie sowie andere Mittel der „Heilsamen Dreck-Apotheke“, wie der Titel eines um 1700 mehrfach aufgelegten Arzneibuches lautete.[2] Somit erschienen vormoderne Verfahren als „medizinischer Irrsinn“, über die man heute nur noch den Kopf schütteln könne.[3] Aber auch ein Klassiker wie Hippokrates machte in dieser Sicht keine Ausnahme: „No treatments of specific value are found in all pages of Hippocrates.“[4] Diese Argumentation denunziert die Vergangenheit vollständig im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts, der den therapeutischen Forschritt zur Folge gehabt habe. Sie hat eine fatale Konsequenz: Wenn die vormoderne Geschichte der Medizin lediglich eine Ära des Placebos darstellt, erscheint es kaum mehr lohnend, ja widersinning, sich ernsthaft mit längst überholten Heilkonzepten und ihren kulturellen Kontexten auseinanderzusetzen.

So erschien einzig die Geschichte spezifisch wirkender Arzneimittel von Interesse, da sie sich als Fortschrittsgeschichte plausibel erzählen ließ. Diese konnte man dann mit dem Nachweis des „englischen Hippokrates“ Thomas Sydenham[5] im ausgehenden 17. Jahrhundert beginnen lassen, dass Chinarinde als spezifisches fiebersenkendes Mittel bei Malaria wirksam sei, und dieses Ereignis als Ende des Galenismus und Anfang der wissenschaftlichen Pharmakologie feiern.[6] Weitere „Nonplacebos“ als historische Meilensteine sind zu feiern: Die wirksame Bekämpfung der Skorbut mit Zitrusfrüchten durch den schottischen Schiffsarztes James Lind (veröffentlicht 1753), die Behandlung kardial bedingter Ödeme mit Rotem Fingerhut (Digitalis purpurea) durch den englischen Arzt und Botaniker William Withering (veröffentlicht 1785) und die Einführung der Kuhpocken-Schutzimpfung (Vakzination) durch den englischen Landarzt Edward Jenner (veröffentlicht 1796).[7]

Diese Depotenzierung historischer Therapiekonzepte, die alle gleichermaßen zu Placebos erklärt werden, hat noch eine weitere Konsequenz: Sie ebnet nicht nur die historischen Tatbestände unterschiedslos ein, sondern auch die aktuellen alternativen oder komplementären Heilverfahren. Das entsprechende Verdikt lautet dann analog: All diese Verfahren wirken „nur“ über den Placebo-Effekt. Jedermann könne sich seine positive Wirkung zunutze machen. Dadurch seien Betrug, Glauben, Täuschung und Moden Tür und Tor geöffnet: „Fraud, Faith, Fallacies, and Fads“, wie der englische Stabreim mit den „vier F“ lautet.[8] Ähnlich wie zuvor alle historischen Konzepte, so landen nun auch alle alternativen Heilweisen im Sammelbecken „Placebo“: nämlich Scharlatanerie (fraud), Geistheilung (faith), ganzheitliche bzw. alternative Verfahren (fallacies) oder meditative Immunotherapie (fads). Demnach kann also jede Therapiemethode, die keinen nachweisbar „wahren“ Wirkstoff anwendet, einem dieser „vier F“ zugeordnet werden. Gerade die Psychotherapie, die ja keine stofflichen Arzneimittel oder körperlich an- oder eingreifende Verfahren anwendet, erscheint dann als ein zwielichtiger Therapieansatz. Wie sind ihre Heileffekte zu interpretieren? Aus Sicht der Placebo-Forschung überwiegen die unspezifischen Faktoren die von den einzelnen Schulen behaupteten spezifischen Wirkungen ihrer jeweiligen Methode. Offenbar konnte die Forschung bislang keine signifikanten Unterschiede der Wirksamkeit zwischen den unterschiedlichen psychotherapeutischen Methoden feststellen. So liegt die Frage nahe: „is psychotherapy more than placebo?“[9]

Übrigens sehen vehemente Kritiker in der Freudschen Psychoanalyse jenseits der Placebo-Problematik hinausgehend eine gefährliche Ersatzreligion; sie stehe nicht nur außerhalb der wissenschaftlichen Medizin, wie es der österreichische Psychiater und Psychotherapeut Heinz Prokop einmal formulierte: „Die Psychoanalyse läßt sich nicht einmal der alternativen Medizin im heutigen Sinne zuordnen. Auch ein alternativer Mediziner kann auf die objektive, naturwissenschaftliche Grundlage der Medizin keinesfalls verzichten.“[10] Sehr viel differenzierter und philosophisch gehaltvoller kritisierte der deutsche Psychiater und Philosoph Karl Jaspers die ideologische Engführung der Psychoanalyse. Seine Ablehung blieb grundsätzlich konstant und wurde im Laufe der Zeit eher schärfer, wie sich an den einzelnen Auflagen seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ ablesen lässt. Letztendlich attestierte er Freud eine „Sektenstiftung“: „Der Freudianismus ist eine Glaubensbewegung geworden – im Gewande der Wissenschaft.“[11] Dieses Urteil, das Jaspers bereits in der vierten Auflage der „Allgemeinen Psychopathologie“ von 1946 fällte, hat er bis zur letzten Auflage seines Werkes nicht mehr geändert. Eine wissenschaftlich und philosophisch haltbare Psychotherapie dürfe sich nicht, mahnte er, von einer solchen „Sektenbildung“ verführen lassen, die „am Ende existentiell ruinös“ wirke. Ähnliches formulierten die Gutachten, welche die Kandidatur Freuds für den Nobelpreis betrafen; er war einmal für den Literatur- und mehrfach für den Medizin-Nobelpreis nominiert worden. So lehnte ein Gutachter 1929 rundweg eine weiterführende Untersuchung von Freuds Arbeiten ab, da ihr wissenschaftlicher Wert nicht nachweisbar sei.[12] Die psychoanalytische Lehre sei „größtenteils eine hypothetische Lehre, zu der sich ihre Anhänger fanatisch und fast religiös bekennnen.“ Ein anderer Gutachter wies 1933 nochmals auf das Problem hin, dass Freuds Lehren „immer noch unbewiesen seien – die Verleihung eines Nobelpreises setzte aber voraus, dass die zu belohnende Entdeckung völlig gesichert sei.“

Die Homöopathie ist dasjenige alternative Heilverfahren, dessen Wirkung am häufigsten und am eindeutigsten mit dem Placebo-Effekt erklärt und häufig sogar als dessen Synonym gebraucht wird. Sie wird u. a. auch als „Placebo-Königsweg“, „Superplacebo“ oder auch „Pseudoplacebo“ bezeichnet, da die Therapeuten meist fest von der Verum-Qualität ihres Präparats ausgehen.[13] Die Homöopathie ist zugleich ein herausragendes Beispiel für den pejorativen Gebrauch des Placebo-Begriffs, der in den einschlägigen Debatten und Polemiken über „Außenseitermethoden“ oder „Wunderheiler“ häufig mit der Psychopathologie von Gesundheitsaposteln, mit der Unwissenschaftlichkeit ihrer Lehren, mit der Ausnutzung bzw. Ausbeutung von Heilsuchenden und letztlich mit der Kriminalität von Scharlatanen assoziiert wird. Die ersten beiden Einwände gegen die Psychoanalyse (Psychopathologie, Unwissenschaftlichkeit) betreffen auch die Kritik an der Homöopathie, während die beiden letztgenannten (Ausbeutung, Kriminalität) wegen der relativen Transparenz der ärztlich-homöopathischen Behandlung eher mit nicht-ärztlichen Heilern in Verbindung gebracht werden. Allerdings wäre hier ein selbstkritischer Blick der wissenschaftlich anerkannten Medizin angebracht, der bei den vehementen Kritikern der Alternativmedizin in der Regel fehlt. Sie sind gewissermaßen auf einem Auge blind: Selbst unter der Annahme, dass die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin psychisch „normal“ sind und ganz auf wissenschaftlich gesichertem Boden operieren, so ist damit keineswegs ausgeschlossen, dass sie nicht die Hoffnungen ihrer Patienten für ihre finanziellen oder anderweitigen Zwecke ausnutzen – bis hin zur finanziellen Ausbeutung oder kriminellen Fehlbehandlung.

Die Homöopathie steht seit eh und je im Visier der Skeptiker, die Okkultismus und „Parawissenschaften“ in der Medizin den Kampf angesagt haben. Der nächstliegende Schritt besteht darin, die zu bekämpfenden Konzepte als psychopathische Ausgeburten ihrer jeweiligen Begründer zu brandmarken. So diagnostizierte etwa der Psychiater Wolfgang Treher, Verfasser eine Reihe von Psychopathographien: „Hinter Hahnemanns Hochpotenzen steht keine therapeutische Konzeption, sondern Hahnemanns chronische Schizophrenie.“[14] Dieselbe Diagnose stellte er übrigens auch beim Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner, den er – in direktem Vergleich mit Adolf Hitler – ebenfalls als eine schizophrene Person begriff.[15] Häufiger als eine solche Psychiatrisierung missliebiger Lehren ist freilich ihre Diffamierung als wissenschaftlicher Unsinn. Jeder mäßig begabte Laie könne erkennen, so zwei prominente Kritiker, dass alle Thesen der Homöopathie „von der Naturwissenschaft und auch von der Logik her nicht nur Nonsens, sondern kompletter Nonsens“ seien.[16] In dieser Sicht erscheinen Homöopathika als „Pseudo-Placebos“[17] und die „Hochpotenzen“, bei denen rein rechnerisch keine Moleküle des Wirkstoffs mehr im Präparat vorhanden sind, gelten als Musterbeispiel für ein Placebo.[18] Deshalb beruhe die Homöopathie auf einer „Irrlehre, die mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften unvereinbar ist.“[19] Offenbar konnte bislang – zumindest mit den anerkannten Methoden der Arzneimittelforschung – weltweit keine über Placebo-Effekte hinausgehende Wirksamkeit homöopathischer Therapie festgestellt werden.[20] So waren die Ergebnisse einer doppelt verblindeten Crossover-Studie zur Prüfung homöopathischer Arzneimittel wenig aussagekräftig.[21] Freilich ist die Frage berechtigt, ob die angewandte Forschungsmethodik, die einem hierarchischen Modell folgt, das betreffende Behandlungsverfahren überhaupt adäquat erfassen kann und nicht besser durch eine Vielzal von Methoden mit unterschiedlichen Forschungsdesigns ersetzt werden sollte (siehe unten).[22]

Die Forderung bestimmter Gesundheitspolitiker im Sommer 2010, dass die gesetzlichen Krankenkassen keine Kosten mehr für homöopathische Behandlungen erstatten dürften, knüpfte an die übliche Ablehung der Homöopathie mit den bekannten Standardargumenten an: kein Molekül der Ausgangssubstanz im Präparat, kein valider Wirksamkeitsnachweis, zudem potentziell gefährlich, da eine adäquate Behandlung verzögert oder verhindert werden könne. „Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen“, ließ der gesundheitspolitische Sprecher der SPD Karl Lauterbach verlauten.[23] Angesichts von 30 Milliarden Euro Ausgaben der Gesetzlichen Kankenversicherung für (allopathische) Medikamente und 170 Milliarden Euro Gesamgtausgaben machen die 9 Millionen Euro für homöopathische Mittel freilich einen lächerlich geringen Betrag aus.[24] Eine persönliche Anekdote sei hier eingefügt, welche die feindselige Einstellung von engstirnigen Naturwissenschaftlern, die dogmatisch dem Objektivismus huldigen, gegenüber „unwissenschaftlichen“ Heilkonzepten offenbart. Eine Doktorarbeit, die sich explizit mit einem quellenmäßig fundierten Thema zur Geschichte der Homöopathie auseinandersetzte, wurde von einem Professor der Pharmazie an einer deutschen Universität im Jahre 2009 deshalb radikal abgelehnt, weil die Homöopathie nach seinem Verständnis eine reine Placebo-Therapie sei, objektiv also Scharlatanerie. Auch nur über die Geschichte einer solchen Irrlehre zu forschen, sei völlig überflüssig und sinnlos, meinte er und empfahl nachdrücklich, die Arbeit zurückzuziehen. Die Promotion wurde dann ohne Probleme zeitnah an einer anderen Universität erfolgreich abgeschlossen.[25]

Die Erwartung des Patienten, seine Hoffnung auf Linderung des Leidens oder gar auf Heilung, sind wichtige Faktoren des Therapieerfolgs. Kritiker alternativer Heilmethoden werfen den betreffenden Ärzten bzw. Heilern in der Regel ein „Geschäft mit der Krankheit“ vor: Sie würden die „Gläubigkeit und Religiosität“ der Menschen für ihre Zwecke ausnützen[26] und ihre Klientel finanziell ausbeuten.[27] Damit sind wir mit dem traditionellen Problem der Scharlatanerie und Quacksalberei konfrontiert, welches die Medizingeschichte schon immer begleitet hat, es sei nur an die „Beutelschneider“ und Marktschreier früherer Jahrhunderte erinnert. Trickreiche Manipulationen gepaart mit Geschäftstüchtigkeit bzw. Betrug sind aber auch bei heutigen „Geistheilern“ zu beobachten, etwa philippinischen Behandlern, die „psychische Operationen“ (psychic surgery) anbieten, was besonders in den 1980er Jahren öffentliches Aufsehen erregte.[28] Die Übergänge zur Kriminalität sind dabei fließend und hängen von den jeweiligen kulturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Auf das Problem, dass die juristische Zuschreibung von Kriminalität häufig auch ein Akt der Kriminalisierung darstellt, die auf Seiten des Betroffenen als Willkür und Gewalt empfunden wird, soll hier nicht eingegangen werden.

Dem deutschen Arzt Ryke Geerd Hamer, dem Begründer der „Germanischen Neuen Medizin“, wurde 1986 durch Gerichtsentscheid die Approbation als Arzt entzogen. In der Folgezeit musste er u. a. wegen Betrugs und illegaler Ausübung eines medizinischen Berufs diverse Haftstrafen verbüßen. Hamer hält seine Lehre nach wie vor „für jeden normal intelligenten Menschen gut verständlich und nachvollziehbar, weil sie sich den naturwissenschaftlichen Gesetzen der kausalen Logik verpflichtet fühlt. […] Zwar gibt es viele Dinge in der Natur, die wir nicht verstehen und deshalb metaphysisch nennen statt metagnoisch (= über unser Verständnis hinweg), in Wirklichkeit hatten und haben wir für die meisten vermeintlich metaphysischen Phänomene nur noch keinen Verständnisschlüssel.“[29] Fast alle Krebskranken könnten durch seine Methode geheilt werden, behauptet er. Wie Hamers Beispiel zeigt, versteht sich eine solche „alternative“ Heilmethode heute zumeist nicht mehr als historisch begründeter Gegenentwurf zum naturwissenschaftlichen Menschenbild und Krankheitsverständnis, beispielsweise im Sinne der klassischen Naturheilkunde des 19. Jahrhunderts, sondern beansprucht für sich selbst naturwissenschaftliche Evidenz. Ihre Vertreter spielen sich gerne als „Pioniere einer wissenschaftlichen Avantgarde“ [30] auf, was bei dem soeben erwähnten Krebsheiler der Fall ist.


[1] Shapiro, 1960, S. 111. [2] Shapiro, 1959, S. 300; Paullini, 1696. [3] Bethge, 2009. [4] Shapiro, 1959, S. 299. [5] http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Sydenham (14.09.2010) [6] A. a. O., S. 114. [7] Shapiro / Shapiro, 1997, S. 19. [8] A. a. O., S. 24. [9] A. a. O., S. 23 f. [10] Prokop, H., 1999, S. 387. [11] Jaspers [1959], 1973, S. 647. 12] Wiklund, 2007. [13] http://www.mraz.de/Qualitatszirkel/placebo_Mestel.pdf (11.08.2011) [14] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 102. [15] Treher, 1990. [16] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 103. [17] Gauler / Weihrauch, 1997, S. 138. [18] Jordan, 1987, S. 4. [19] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 122. [20] Lambeck / Oepen, 1999, S. 131. [21] Walach, 1992. [22] Walach et al., 2006. [23] Zit. n. Meißner, 2010; Homöopathie in der Kritik, 2010. [24] Meißner, 2010; Homöopathie, 2010. [25] Gypser, 2011. [26] Prokop, O. / L. Prokop, 1999, S. 104. [27] Oepen / Scheidt, 1989, S. 8 f. [28] Oepen, 1989, S. 37-45; http://en.wikipedia.org/wiki/Psychic_surgery (19.02.2009) [29] ttp://www.pilhar.com/Hamer/NeuMed/nm.htm (19.02.2009) [30] Heyll, 2000, S. 124.

4. Kap./4 * Die „Krise der Medizin“

Der „Okkultismus“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der naturwissenschaftlichen Medizin zu einem Sammelbegriff für all jene Ansätze und Bewegungen, die nicht auf dem Boden der herrschenden neuen Ideologie standen. Er wurde allgemein assoziiert mit abergläubischen Lehren, obskuren Geheimwissenschaften und Geheimgesellschaften, Mystizismus, Scharlatanerie und Kurpfuscherei, kurzum: mit einem Bereich, der mit der modernen medizinischen Wissenschaft nichts mehr gemein haben sollte. Der Begriff „Okkultismus“ sollte somit eine Trennungslinie zwischen seriöser Wissenschaft und inakzeptabler Pseudo-Wissenschaft ziehen. Es lag nahe, dass man die Volksmedizin und namentlich die magische Heilkunde und ihre Ableger dem für irrational gehaltenen „Okkultismus“ zurechnete. Gleichwohl hatte der Okkultismus von Agrippa von Nettesheim bis hin zu den modernen Okkultisten und „Parapsychologen“ seinem Selbstverständnis nach die rationale Absicht, „das Mystische dem Wissen zuzuführen und es darin zu erhalten.“ [1] Inzwischen ist offenbar die Einsicht gereift, dass der Okkultismus „eine der großen geistigen Bewegung der Neuzeit“ darstellt, die sich für Museumsausstellungen eignet.[2]

Allerdings machte sich im frühen 20. Jahrhundert ein Unbehagen in der naturwissenschaftlichen Medizin breit, da sie psychologische und soziale Dimensionen aus ihrem wissenschaftlichen Blickfeld weitgehend ausgeklammert hatte. Verstärkt durch die laien- und volksmedizinischen Impulse, die in der Naturheil- und Lebensreformbewegung höchst wirksame Akzente setzten, kam es zu einer scharfen Kritik an der herrschenden Medizin. Nach dem katastrophalen Ende des Ersten Weltkriegs tauchte die „Krise der Medizin“ als Topos auf. Gerade die Vertreter der Naturheilkunde, wie etwa der sächsiche Kolonialwarenhändler Friedrich Eduard Bilz, wollten eine neue Gesellschafts- und Staatsordnung, welche eine natürliche und gesunde Lebensweise gewährleisten sollten. Zur Debatte stand eine generelle Lebensreform, worüber an anderer Stelle ausführlich zu berichten ist (Kap. 10). [3]

Eine besonders eigenwillige Position vertrat der Philosoph und praktizierende Psychologe Hans Blüher, ein nahmhafter Anhänger der jugendlichen Wanderbewegung „Wandervogel“. Er war zwischen den geistigen und politischen Welten angesiedelt, weder Demokrat noch Nazi, schillernd in seiner Einschätzung des Judentums.[4] In seinem 1949 erschienenen Werk „Die Achse der Natur“ fasste er noch einmal in einem großen philosophiegeschichtlichen Bogen seine Kritik des modernen naturwissenschaftlichen Denkens zusammen. Für unsere Thematik interessant ist seine naturphilosophische Position bei der Beschreibung der verschiedenen „Arten von Entdeckung“: empirische Entdeckung, Entdeckung von Naturgesetzen, kosmologische Entdeckung.[5] So enthalte der „Entdeckungsakt“ von Röntgen, Koch und Siemens „keinerlei geniale Elemente“, im Gegensatz zur „genialen Konzeption“ eines Kopernikus, Galilei, Newton.[6] Bei genialen Entdeckern spiele nämlich die Natur mit: „sie drückt gewissermaßen auf ein auserwähltes Individuum, dem sie den Ball zuwirft. […] im Genius trifft [sic] ein Entdeckungsakt (vom Subjekte her) und ein Offenbarungsakt (vom Objekte her) zusammen und bringt die jedesmal durchaus neue Erkenntnis zum Aufleuchten. Die Stromrichtung ist dabei allemal vom Objekt zum Subjekt und niemals umgekehrt.“ Damit ist eine Rangordnung festgelegt: Der Genius steht höher als der Gelehrte. Blüher unterschied drei Arten der kosmologlischen Entdeckung: die der Erde, der Welt und der Natur. Die Hellenen hätten sich gegen die Vorstellung, dass die Erde eine Kugel sei und sich um eine Achse drehe, gesträubt. Analog hierzu, meinte Blüher, sträube sich die moderne Naturwissenschaft gegen die „Achse der Natur“.

Er lehnte eine pantheistische Naturvorstellung ab, wie sie sich etwa bei Goethe oder Spinoza finde. „Natur ist ein transcendentales Kontinuum. Sie hat eine Achse, im deren einer Pol im transcendentalen Subjekt verankert liegt, der andere im transcendentalen Objekt. Ihr Inhalt heißt das archetypische Potential.“[7] Die Naturwissenschaft habe es aber nur mit der „Leiche von Natur“ zu tun: „Je heller es also auf den Teilgebieten der Naturwissenschaft wird, um so dunkler wird es mit der Erkenntnis der Natur selber, die schließlich in vollkommene und rätselhafte Finsternis zu liegen kommt. Und die Finsternis im Menschen entspricht ihr, denn der Mensch ist ‚Anrainer der Naturachse’ […].“[8] Die Erkenntnis gehe über den Genius „unter Auslassung des Gelehrten“, denn nur in ihm offenbart sich die Natur.[9] So wandte er sich auch gegen die liberale Theologie (Adolf von Harnack). Jesus sei eben „nicht ‚Einer von uns’“ gewesen. Denn der „Menschensohn“ war „mit Naturnotwendigkeit kosmologische Person“.[10]

Dieser religiöse Aufzug in Verbindung mit der Aufwertung der Naturphilosophie war auch bei jenen ärztlichen Autoren spürbar, die sich mit der „Krise der Medizin“ auseinandersetzten und sich dabei nicht so explizit theologisch äußerten wie Blüher. Die betreffende Diskussion fand vor allem zur Zeit der Weimarer Republik statt. Ein wortgewaltiger Ankläger der naturwissenschaftlichen Medizin war der Danziger Arzt Erwin Liek, dessen auflagenstarken Bücher großen Eindruck auf Laien und Ärzten machten. Er wollte die traditionelle Rolle des heilenden und helfenden Arztes, der weder Magier noch Mechaniker sein solle, wiederbeleben und „weder dem Aberglauben längst überwundener Zeiten noch moderner Mystik“ das Wort reden.[11] Das Arzt-Patientenverhältnis sei von Glauben und Vertrauen getragen, die er als „die besten Arzneien“ bezeichnete. In dieser „Zeit der Mechanisierung und Bürokratisierung“ hätten die Ärzte die „Zaubermacht eines guten Wortes“ allzu sehr vergessen.“[12] Diese mache im Sinne paracelsischen Ausspruchs „Der Arzt geht aus Gott!“ das „Wunder in der Heilkunde“ aus, wie der betreffende Titel seines Buches lautete.

Bei Liek kann man mustergültig studieren, wie unmittelbar sich seinerzeit ärztliches Ethos mit völkischem Pathos paaren konnte. Soziale Versicherungen mit der kassenärztlichen Versorgung waren ihm Ausdruck einer sozialen Krankheit, die nur an Symptomen kuriere.[13] Im Sinne der „Volksgemeinschaft“ plädierte er für eine „geistige Wandlung“, die gesunde Arbeiter hervorbringe anstelle von Fürsorgeempfängern.[14] Folgerichtig begrüßte er die Erfolge der nationalsozialistischen „Revolution von 1933“ mit überschwänglichen Worten: „Abwehr und Vernichtung des Marxismus, Verneinung des Gleichheitswahns, Beseitigung der Parteien, Kaltstellung der Schwatzparlamente, Einigung des deutschen Volkes, Abbau der Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr.“[15] Die „geistig-seelische Haltung“ sei im Leben der Völker das Ausschlaggebende, nicht der materialistische „Forschritt“. Dabei spiele der (deutsche) Arzt eine besondere (geistige) Rolle: „Die Erneuerung der Heilkunde kommt aus dem Geist, nicht aus der Materie. Führer der neuen deutschen Heilkunst wird nicht der Mediziner sein, sondern der Arzt!“[16] Es wäre eine völlige Verkennung der ideologischen Gemengelage des Nationalsozialismus, wenn man dessen Ideologie mit Fortschrittsskeptikern à la Liek identifizieren würde. Solche romantisch-völkischen Schwärmereien wurden letztlich von den technokratischen Machern der nationalsozialistischen Eroberungsmaschinerie dominiert und, wenn es darauf ankam, ins Abseits gestellt.

1928 veröffentliche der 1938 in die USA emigrierte Wiener Gynäkologe Bernhard Aschner, der Begründer der humoralpathologischen Konstitutionstherapie, sein programmatisches Buch „Krise der Medizin“.[17] Es erlebte bis 1934 sechs Auflagen und erschien zuletzt noch einmal 1953 mit einem Vorwort des nun in New York lebenden Autors.[18] Er verwies darin wie auch später immer wieder auf die Konstitutionstherapie als „Ausweg“ aus der Beschränktheit der Universitätsmedizin.[19] An anderer Stelle schrieb er: „Es ist leicht zu behaupten, die Abwanderung des Publikums zur inoffiziellen Medizin sei ein Problem, sie hänge mit Suggestion, Wunderglauben und dergleichen zusammen. Das ist Vogel-Strauß-Politik. Die wahre Wunde, auf welche ich den Finger gelegt und deren Heilung ich angegeben habe, [ist] nämlich die Einseitigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit der heutigen Universitätsmedizin … Man muss auch die zahlreichen heute inoffiziellen Richtungen auf ihren guten Kern hin untersuchen und das Gute übernehmen … ganz anders [als die Universitätskliniker] stellen sich die praktischen Aerzte dazu ein. Sie greifen begierig und wie ausgehungert nach allem, was ihre Heilresultate verbessern kann, und tun es, wenn sie überhaupt erst einmal soweit sind, mit überraschendem Erfolg.“[20] In erster Linie ging es ihm um die Revitalisierung von „konstitutsiontherapeutischen bzw. humoralpathologischen Methoden“, welche die Konstitution durch „Säftebehandlung“ beeinflussen sollten: von den diversen Ableitungsmethoden nach dem Modell des Aderlasses, über blutreinigende und konstitutionsumstimmende Verfahren sowie Reizkörpertherapie bis hin zu psychischen Heilmethoden.[21] Darüber hinaus wollte Aschner aber auch „inoffizielle Heilmethoden“ einbeziehen, die den „Gesamtorganismus“ beeinflussen könnten. Explizit nannte er Homöopathie und Magnetopathie (Mesmerismus) sowie eine Reihe weiterer Verfahren, die Konstitutionstherapie im Gegensatz zur „Spezialistenmedizin“ betreiben würden. Er nannte unter anderem theosophische und anthroposophische Medizin, das „Hutersche System“ (Kap. 10) und die Naturheilkunde.

Den aus verschiedenen Richtungen argumentierenden Kritikern einer dogmatischen naturwissenschaftlichen Medizin wie Erwin Liek, Eugen Bleuler und Viktor von Weizsäcker (Kap. 5) ging es in der Regel nicht um eine Re-Mystifizierung, die Wiedereinführung magischer oder okkulter Heilpraktiken in die aktuelle Schulmedizin, als vielmehr um die Frage, wie die Ärzte ein an die „Zauberer“ verloren gegangenes Terrain zurückerobern könnten. So meinte Erwin Liek in seinem Buch „Der Arzt und seine Sendung“: „Der Kranke sucht im Arzt die Persönlichkeit, den Seltenheitswert, heute noch, kann man sagen, den Zauberer. Auf Zauber ist ein großer Teil unserer Heilerfolge, selbst in der Chirurgie zurückzuführen.“[22] Der Diskurs über diesen Zauber-Faktor der Medizin, der später den Namen „Placebo-Effekt“ erhalten sollte, erhitzte die Gemüter.

In dieser Sicht erschienen nun Behandlungsformen der Volksmedizin, Laienmedizin oder esoterische Medizin nicht als Firlefanz, sondern als Heilrituale, die tatsächliche Wirkungen zeigten. Diese Einstellung war von einer gewissen wissenschaftlichen Neugierde geprägt und kannte kaum Berührungsängste, wie das Beispiel der Zürcher Psychiaters Eugen Bleuler belegt. In seiner programmatischen und provozierenden Schrift „Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung“ heißt es: „Warum konnte der Pfuscher durch Suggestion soviel ausrichten, lange bevor es die Mehrzahl der Ärzte vermochte, und warum kann er jetzt noch seine ganze Praxis darauf gründen? Weil er eben ein geborener Psychologe ist, und weil die gelehrte Medizin die Psychologie verschmäht und sich aktiv vom Leibe gehalten hat […] und die Moral dieser Blamage der Medizin ist eben die: Wir sollen den Pfuscher nicht fürchten und nicht hassen und auch nicht unsere Augen vor ihm schließen, sondern wir sollen ihn studieren, so wie der Naturforscher die Wolfsmilch und die Rose erforscht, und wir sollen von ihm lernen, teils wie man es machen könnte, teils wie man es nicht machen soll.“[23]  In neo-romantischem Ton schrieb der Frankfurter Medizinhistoriker Richard Koch im Hinblick auf die Heilquellen über die wunderbare Wirkung des „Magischen“ als einem Prinzip der Heilkunde schlechthin. Er betonte, „dass es in der Medizin nicht nur eine Magie der Mineralquellen gibt, dass alle Medizin heute noch von magischen Kräften unterströmt ist, wie das immer so war.“[24]

Die Reduktion der Medizin auf ihre naturwissenschaftlich-organische Grundlage erforderte nach Auffassung der Kritiker eine psychologisch-geistige Ergänzung. So schlug Liek etwa die Rückkehr zum „Priesterarzt“ vor, bekämpfte als vermeintliche Ursache der Krise der Medizin energisch das Sozialversicherungssystem, das angeblich die Verweichlichung des Volkes und das Simulantentum fördere und die Ärzte zur Massenabfertigung von Patienten zwinge. Zugleich forderte er ein Wiederaufleben der Volksmedizin und der Naturheilkunde. Wie sehr Okkultismus und völkisch-nationale Ansätze zusammenpassten, insbesondere durch die Indienstnahme bestimmter naturphilosophischer Traditionen, offenbarte die „Neue Deutsche Heilkunde“, wie sie im NS-Staat – freilich auch hier nicht auf Dauer erfolgreich – installiert wurde.[25] Auf das entsprechende Leitbild von der gesunden Natur, die als Ikone hochgehalten wurde, ist später zurückzukommen (Kap. 8 und 13).

Der Terminus „Krise der Medizin“ tauchte, wie bereits angemerkt, nach dem Ersten Weltkrieg auf, hier je nach Standpunkt mit naturheilkundlicher, sozialreformerischer oder völkischer Akzentuierung. Als Ideal galt der gesunde Volksgenosse in der gesunden Volksgemeinschaft. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Terminus eine Rolle, nun aber als Ausdruck der „Krise des Abendlandes“ verstanden, wie etwa bei dem Arztschriftsteller Max Kibler.[26] Dieser griff zwar den Begriff „Krise der Medizin“ als Reaktion auf die Katastrophe des „Dritten Reichs“ auf, erwähnte jedoch die ebenso bezeichnete Debatte in der Weimarer Republik mit keinem Wort. Er suchte wie viele andere Zeitgenosen nach einem neuen Menschenbild angesichts der nach wie vor herrschenden naturwissenschaftlichen Medizin. Im „Zeitalter der Vermassung“ gerade in der Heilkunde breche sich die neue und zugleich alte Erkenntnis Bahn, dass es nicht um Krankheiten, sondern um einzelne kranke Menschen gehe. Er nannte zwei durchaus unterschiedliche Internisten, die für den „Einbruch des Subjekts in der Medizin“ plädiert hätten: Paul Martini und Viktor von Weizsäcker, der den kranken Menschen, der ärztliche Hilfe benötigt, als „Urphänomen“ bezeichnet hatte.[27] So unterschiedliche ärztliche Autoren wie Peter Bamm (Curt Emmrich) und Albert Schweitzer imponierten nun als Exponenten einer humanen Medizin. Psychoanalyse und Psychosomatik wurden als psychologische Ergänzungen der Körpermedizin willkommen geheißen. Nach den Erfahrungen im Nationalsozialismus stand aber nicht mehr das Interesse der Gemeinschaft („Volk und Staat“) im Vordergrund, sondern die Beachtung der individuellen Menschenwürde.

Eine weitere Wende in dieser Krisengeschichte der Medizin bahnte sich in den 1970er Jahren an, als mit dem wissenschaftlich-technologischen und dem gesellschaftspolitischen Wandel innerhalb wie außerhalb der Medizin nach Auswegen aus der kritisierten Situation gesucht wurde. Im Gefolge der 68er Studentenbewegung kam es zu einer mehr oder weniger radikalen Kritik an der „herrschenden“ Medizin, die manche Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen beförderte. So wurden für die Medizin bedeutsame sozialpolitische Reformprojekte angestoßen, beispielsweise auf dem Gebiet der psychiatrischen Versorgung, die gemäß der so genannten Psychiatrie-Enquête von Grund auf reformiert wurde.[28] Die „Psychofächer“ Psychosomatik, Psychotherapie und Psychoanalyse, wurden verstärkt in die Universitätsmedizin einbezogen. Damit sollte die naturwissenschaftliche Medizin im Sinne einer „zukünftigen ganzheitlichen Medizin“ erweitert werden.[29] Der Leib-Seele-Dualismus, die zu einer „Dichotomie“ der Medizin in eine somatische und eine psychische Sichtweise geführt habe, sei zu überwinden. So plädierten die Ulmer Psychosomatiker Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiack für eine Ablösung der Trennung von Subjekt und Objekt durch das Modell des „Situationskreises“, in Anlehnung an den biologischen „Funktionskreis“ Jakob von Uexkülls.[30] Mit dem Siegeszug der molekularen Biomedizin und der Neurowissenschaften um die Jahrtausendwende schlug das Pendel der medizinischen Ideologie wieder in die andere Richtung aus.


[1] Steinfeld, 2012. [2] L’Europe des esprits […], 2011. [3] Bilz, 1918. [4]http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Bl%C3%BCher(9.08.2011) [5] Blüher, 1952, S. 5. [6] A. a. O., S. 6. [7] A. a. O., S. 9. [8] A. a. O., S. 10. [9] A. a. O., S. 11. [10] A. a.O., S. 13. [11] Liek, 1930, S. 10. [12] A. a. O., S. 200. [13] Liek, 1927. [14] A. a. O., S. 84. [15] Liek, 1933, S. 239. [16] A. a. O., S. 242. [17] Aschner, 1928. [18] Aschner [1928], 1953. [19] Aschner, 1933. [20] Aschner, 1933; zit. n. H. Schott, 2000, S. 78. [21] Aschner [1928] 1931, S. 61. [22] Liek, 1926, S. 106. [23] Bleuler, 1922, S. 150 f. [24] Koch, 1933, S. 71. [25] Karrasch, 1998. [26] Kibler, 1955, S. 8. [27] A. a. O., S. 25. [28] Schott / Tölle, 2006, S. 312 f. [29] Wesiack, 1994. [30] Uexküll / Wesiack, 1988; Präetorius, 1990.

4. Kap./3 * Vormoderne Heilweisen nur Placebos?

Der Topos von der wahren, d. h. wirksamen Arznei ist so alt wie die Medizingeschichte. Zu allen Zeiten haben sich die Vertreter unterschiedlichster Heilkonzepte auf ihn berufen. Eine besondere Rolle spielt dieser Topos in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Placebo-Effekt. Das Erstaunen, ja Erschrecken darüber ist groß, dass aus heutiger Sicht wenig hilfreiche, ja unsinnig erscheinende Medikationen – von den Ägyptern und Griechen bis hin zu frühneuzeitlichen Rezepturen aus der „Dreckapotheke“ – trotzdem ihre therapeutische Wirkung entfalten konnten und dessen ungeachtet das Ansehen der Ärzte zu allen Zeiten relativ groß war. Die Erklärung liegt für morderne Betrachter auf der Hand: Bei den Behandlungserfolgen könne es sich nur um einen psychologischen Mechanismus, nur um die Folge des Placebo-Effekts handeln. So behauptete der US-amerikanische Psychiater Arthur K. Shapiro in seinem einschlägigen Sammelreferat, dass fast alle Medikationen bis vor kurzem (until recently) nur Placebos gewesen seien.[1]

Diese pauschale Einschätzung der Medizingeschichte vor der Ära der modernen Naturwissenschaften entspricht durchaus dem Selbstverständnis der modernen Medizin, dass nur mit der (natur)wissenschaftlichen Aufdeckung der Wahrheit reale Fortschritte erzielt werden können. Folglich scheinen alle vormodernen Therapieangebote der Ärzte, die ja offenkundig von vielen Patienten als hilfreich erfahren wurden, „nur“ auf dem Placebo-Effekt beruht zu haben. Die Ärzte und ihre Patienten waren demnach blind für das „wahre“ Arzneimittel, das Verum, wie es in der klinischen Arzneimittelforschung genannt wird. Dementsprechend ist in der zeitgenössischen Debatte über das Placebo-Problem von der „Wahrheitsfindung“ die Rede, der eine unabhängige Wissenschaft und Rechtsprechung verpflichtet sei. Und hierfür müsse man „auf den Busch klopfen“, d. h. Versuche anstellen: „Die Natur läßt sich aber nicht alles abschauen, wenn man im Lehnsessel des passiven Beobachters sitzt […]. Auf den Busch klopfen, Eingreifen und Handeln, also Experimente, sind in vielen Fällen der einzige Weg, die Wahrheit zu finden.“ [2] Wer in dieser Absicht auf den Busch klopft, hofft darauf, das darin verborgene Wild, die versteckte Wahrheit, aufscheuchen und erlegen zu können. Der Naturforscher wird hier zum Wahrheitsjäger. Dieses Motiv kommt bereits in der griechischen Mythologie vor, wo nach Ovid der Heros Aktaion die Göttin Diana beim Baden überrascht, von ihr in einen Hirsch verwandelt und dann von den eigenen Hunden zerfleischt wird. Auf Giordano Brunos Verwendung dieser Sage in den „Heroischen Leidenschaften“ kommen wir an anderem Ort zurück (Kap. 46)

Aus dem Blickwinkel der Placebo-Forschung, wie ihn Shapiro und viele nachfolgende Autoren einnahmen, ergab sich eine sehr simple Fortschrittsgeschichte der Medizin. Der alles entscheidende Fortschritt wurde demnach Ende des 19. Jahrhunderts mit den neuen Naturwissenschaften gemacht, bis dahin hätten wir es mit einem diffusen Brei medizinischer Behandlungsformen zu tun, die wissenschaftlich nicht begründet waren. Diese positivistische Einstellung wurde von einem US-amerikanischen Autor 1938 in einem eindrucksvollen Gleichnis zum Ausdruck gebracht: Die Seiten der Medizingeschichte glichen einem Tagebuch einer altmodischen Ozeanreise, in das Tag für Tag die Vorkommnisse eingetragen würden: ein Wasser speiender Wal, ein fliegender Fisch oder ein Stück Treibholz, während das vorherrschende Faktum, das ständig und fast ausschließlich vor Augen war, unerwähnt bleibe, nämlich die endlos öde Wassermasse. Diesem Ozean gleiche der Placebo-Effekt.[3] Diese Metaphorik wurde als Instrument eingesetzt, um die vormoderne Medizingeschichte insgesamt als eine blinde Fahrt zu denunzieren und demgegenüber den eigenen Standort als wissenschaftlich fortgeschritten auszuweisen.

Es ist bemerkenswert, dass auch die professionelle Medizingeschichtsschreibung selbst weithin noch der Ideologie des wissenschaftlichen Fortschritts anhängt. Dies zeigt sich am augenfälligsten bei den chronologischen Einteilungen von Übersichtswerken, die in der Regel von der „archaischen“ bzw. „primitiven Medizin“ ausgehen und über verschiedene Zwischenstufen wie „magische“ und „religiöse Heilkunde“ den Bogen zur neuzeitlichen „(natur)wissenschaftlichen Medizin“ schlagen. Der Gedanke der „Höherentwicklung“ ist dabei maßgebend. Er entspricht einer auf die Geschichte übertragene Evolutionslehre im Sinne ovon Charles Darwin. Den Autoren der frühen Neuzeit war diese Auffassung fremd, sie sammelten historische Zeugnisse, eigene Beobachtungen und nach Möglichkeit gegenständliche Objekte der Natur, die ihnen gleichermaßen aussagekräftig zu sein schienen. Die medizinische Fachliteratur des 17. Jahrhunderts beispielsweise präsentierte in vielen arzneikundlichen Büchern alle erreichbaren Referenzen zu einem Arzneimittel gleichermaßen, ohne dass das historische Alter der Zeugnisse ihre Aussagekraft für den zeitgenössischen Gelehrten beeinträchtigt hätte. Die Idee einer diachronen „Entwicklung“ war in jener Zeit noch nicht vorherrschend.[4] Ähnlich wurden die Schätze der Natur als „Wunderkammern“ aufgefasst, die ein Ensemble diverser Dinge enthielten und in Form barocker Naturalienkabinette ausgestellt wurden.  

Die Geschichte der Medizin als Entdeckungsgeschichte der wissenschaftlichen Wahrheit, die Ende des 19. Jahrhunderts in der naturwissenschaftlichen Medizin gipfelte, hatte eine umwälzende Nebenwirkung, produzierte einen empfindlichen Kollateralschaden: nämlich die Reduktion der „Natur“ als Organismus, als das lebendige Eine, auf allgemeine, objektive Naturgesetze. Dies hatte eine Neubestimmung des Menschenbildes und des Lebensbegriffs zur Folge. Der menschliche Organismus erschien nun als ein von der übrigen Welt isoliertes und isolierbares Ensemble von zellulär aufgebauten Geweben und sich selbst steuernden Funktionskreisen. Der Begriff der Lebenskraft wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts obsolet und mit ihm der naturphilosophisch und religiös aufgeladene Begriff des Lebens überhaupt, der ursprünglich auch nicht-menschlichen Lebewesen und die übrigen Naturdinge umfasst hatte. Insofern können wir aus historischer Sicht von einer Naturvergessenheit und einer Lebensverleugnung sprechen, was aber bereits im frühen 20. Jahrhundert von namhaften Ärzten beklagt und in aller Öffentlichkeit als „Krise der Medizin“ thematisiert wurde. Dieser wollen wir uns nun zuwenden.


[1] Shapiro, 1960, S. 110 f. [2] Überla, 1986. [3] Shapiro, 1960, S. 114; Houston, 1938, S. 1416. [4] H. Schott, 2008 [a].

2. Kap./3 * Tabuverletzung als Todesursache

Im Gegensatz zum Begriff der Magie fand der des „Tabu“ erst im 20. Jahrhundert Eingang in die Wissenschaftssprache, worüber bereits Sigmund Freud in seiner berühmten Abhandlung „Totem und Tabu“ (1913) ausführlich referierte.[1] Zwar hatte schon der englische Seefahrer James Cook 1777 im Hinblick auf die Bewohner der Tonga-Inseln den Terminus „tabu“ benutzt, aber im wissenschaftlichen Diskurs tauchte dieser erst in ethnographischen Studien zum sozialen Leben der Polynesier im frühen 20. Jahrhundert auf. Der gängige Tabubegriff wurde in der soeben erwähnten Schrift durch Freud folgendermaßen definiert: „Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen.“[2] Die Problematik von Tabuverboten war, auch wenn man den betreffenden Begriff noch nicht benutzte, in der abendländischen Religions- und Kulturgeschichte durchaus präsent. Man denke etwa an volkstümliche Totenrituale oder („abergläubische“) Praktiken der Schadensabwehr, des Abwehr- und Heilzaubers, deren Rationalität zumeist im Dunklen bleiben, weithin unbewusst sind und gleichwohl bestimmtes Verhalten zwingend vorschreiben.

Magie und Tabu rühren in der menschlichen Phantasie an heilige Sphären im religiösen Sinne. Sie stellen nämlich eine numinose Kommunikation mit dem Unaussprechlichen, Unsichtbaren, Göttlichen dar. Durch die gesamte Kulturgeschichte zieht sich der Leitgedanke, dass der Mensch durch angemessenes, „richtiges“ Verhalten Anschluss an das Göttliche erhalten könne, ja, zu einer mystischen Vereinigung (unio mystica) mit ihm imstande sei. Freilich kann dies auch scheitern und die Verbindung zum Göttlichen abreißen und zerstört werden, wenn Magie zum Blendwerk oder ein Tabu verletzt wird. So ist es nur konsequent, wenn die Tabuverletzung wie Schwarze Magie als ungeheurer Frevel empfunden wird.

Insbesondere in den 1920er Jahren setzten sich Ethnologen und Kulturanthropologen mit dem Phänomen des psychogenen Todes auseinander, der bei den neuseeländischen Maori und den polynesischen Ureinwohndern zu beobachten war und als Folge einer „kollektiven Suggestion“ interpretiert wurde. Der französische Soziologe Marcel Mauss, ein Schüler und Neffe von Émile Durkheim, wies auf die erstaunliche Tatsache hin, dass bei den Maori die physische Widerstandskraft in starkem Gegensatz zu ihrer „Schwäche gegenüber Krankheiten, die durch Sünde oder durch Zauberei […] verursacht werden“, stünden.[3] Er thematisierte also die außerordentlich fatalen Wirkungen, die von Tabubruch und Schadenszauber ausgingen. Sie erschienen als wichtigste Todesursache, demgegenüber andere – Tod durch Kampf, durch natürlichen Verfall, Unfall oder Selbstmord – weniger ins Gewicht fielen. Die Bezeichnung „Todsünde“, die von den Maori abstamme, erhielt nach Mauss hier seine buchstäbliche Bedeutung. [4] Auf diese klassischen Befunde der Ethnologie wird in der Regel verwiesen, wenn heute vom psychogenen Tod die Rede ist.

Ein besonders illustres Phänomen ist der psychogene Tod als Begleiterscheinung von Massenbewegungen, wie er sich bei der „perniziösen Katatonie“ in Österreich 1938 ereignete.[5] Die statistischen Analyse der Todesfälle durch akute Katatonie an der Wiener Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ aus den Jahren 1935 bis 1947 ergab nämlich für den März 1938, dem Zeiptunkt des Anschlusses Osterreichs an das nationalsozialistische Deutschland, „einen epidemischen Ausbruch der tödlichen Katatonie; dieser Vorgang kann als Reaktion auf eine kollektive Todesdrohung verstanden weren, ähnlich der Reaktion eines Individuums auf den Todeswunsch eines Zauberers.“[6] Im Gegensatz zu solchen kollektiven Krankheitsphänomenen handelt es sich bei einem kollektiven Selbstmord etwa einer Sekte wohl um eine ganz andere Art von „psychogenem Tod“, da hier eine Kollektivhandlung, die von der Überzeugung einer religiösen Erlösung oder Rettung motiviert ist, eine Gruppe von Menschen in den Tod führt (Kap. 20). 


[1] Freud, 1913, S. 26-30. [2] Ebd., S. 27. [3] Mauss [1926], 1989, S. 189. [4] A. a. O., S. 190. [5] Schmid, 2000, S. 230 f. [6] A. a. O., S. 100.

2. Kap./2 * Nocebo als Gegenspieler des Heilens [+ Audio Podcast]

Magic of Nature Lecture 2 K 2 auf Youtube

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Die Problematik des plötzlichen psychogenen Tods wurde in der Medizin vor allem durch die Arbeit des US-amerikanischen Physiologen Walter B. Cannon bekannt. In seinem Artikel „’Voodoo’ Death“ (1942) referierte er anthropologische bzw. ethnomedizinische Beobachtungen an Eingeborenen in Südamerika, Afrika, Australien, Neuseeland und den Pazifischen Inseln.[1] Das unwissentliche Übertreten eines Tabus konnte, so lautete ein Untersuchungsergebnis, bei nachträglicher Aufklärung zum Tod innerhalb von zwei Tagen führen. Ähnliches war bei dem „Schützengrabenschock“ (shell shock) von Soldaten im Ersten Weltkrieg zu beobachten, die ohne schwere Verletzungen kurz nach dem erschreckenden Ereignis verstarben. Cannon, der die für die Physiologie bedeutsame Homöostase-Lehre begründete, erklärte dieses fatale Geschehen mit einem Circulus vitiosus, der durch schweren emotionalen Stress − ausgelöst durch einen ausweglos erscheinenden Schrecken − hervorgerufen werde. Die sympathico-adrenale Reaktion führe dann zu einem Schockzustand und zum Tod. Damit war für ihn eindeutig klar, dass extreme Angst einen Menschen töten kann. Anknüpfend an Cannons Studie kamen spätere Untersucher, die experimentelle Studien an Ratten mit den ethnologischen Befunden des „Voodoo“ Death in Beziehung setzten, zu dem Ergebnis, dass nicht die Angst, sondern die Hoffnungslosigkeit (hopelessness) – primär einhergehend mit einer Überaktivität des parasympathischen Systems – das dramatische Geschehen hervorrufe.[2] Daran anschließend bezeichnete der Psychosomatiker Arthur Jores den Kampf des Kranken mit dem Tod als „Kampf um die Hoffnungslosigkeit“: „Viele Krankheit [sic] würde nur dadurch tödlich werden, daß sie die Möglichkeiten des Menschen immer weiter und weiter einengt und ihn in den Zustand der Hoffnungslosigkeit versetzt.“[3] Derselbe Autor untersuchte in einer statistischen Studie den „Pensionierungstod“ an Tausenden von Hamburger Beamten und kam u. a. zu dem Ergebnis, dass unverhältnismäßig viele Beamte, die aus politischen Gründen 1945/46 vorzeitig entlassen worden waren, kurz nach ihrer Entlassung verstarben.[4] Offenbar sei hier nicht nur die Sinnhaftigkeit des Lebens, sondern auch das Sozialprestige von Bedeutung. Interessant an dieser Diskussion war die Rückbeziehung magischer Realitäten bei Eingeborenen („Voodoo“ Death) zum einen auf klinisch beobachtbare Tatbestände beim „zivilisierten Menschen“, zum anderen auf Ergebnisse von Tierversuchen.

Seit der Jahrtausendwende werden die erstaunlichen Wirkungen des Placebo-Effekts in der medizinischen Fachliteratur stärker als zuvor beachtet. Demgegenüber ist die Beschäftigung mit dem Nocebo-Effekt offensichtlich dürftig. So verzeichnet die Datenbank PubMed der US-amerikanischen National Library of Medicine (NLM) derzeit rund Tausend mal so viele Treffer zum Stichwort „Placebo“ als zum Stichwort „Nocebo“.[5] Gleichwohl wird die fatale Bedeutung des Nocebo-Effekts von der Fachwelt allmählich wahrgenommen.[6] Die chronischen Rückenschmerzen, die inzwischen die Dimension einer Volkskrankheit angenommen haben, wären hierfür ein Beispiel. Schmerzforscher weisen darauf hin, dass die Fixierung auf die Bildgebung und die häufige Bildbetrachtung ein Kunstfehler darstellen: „Je mehr radiologische Aufnahmen der Patient mitbringt, desto wahrscheinlicher ist es, dass seine Rückenschmerzen chronisch werden – einfach weil er die Bilder nicht mehr aus dem kopf bekommt.“[7] Die Psychosomatische Medizin weiß um die Bedeutung der Gesprächsführung in der ärztlichen Praxis und um die fatalen Folgen unsensibler Mitteilungen durch den Arzt. So wird neuerdings das ethischen Dilemma des Aufklärungsgesprächs thematisiert. Einschlägige Studien belegen, „dass Noceboantworten durch ein Aufklärungsgespräch induziert werden können.“[8] So seien ein Teil der unerwünschten Wirkungen von Medikamenten („Nebenwirkungen“) auf  Noceboeffekte zurückzuführen.[9] Es gelte, in der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung für die „Macht der Worte“ des Arztes zu sensibilisieren.[10]

Die Gefährlichkeit des Noceboeffekts wird durch ein gut dokumentiertes Fallbeispiel aus der klinischen Arzneimittelprüfung besonders deutlich. Ein junger Mann, den seine Freundin verlassen hatte, erlitt eine depressive Verstimmung und nahm an einer Arzneimittelstudie zu einem Antidepressivum teil, ohne zu wissen, ob er das Verum oder ein Placebo einnahm. Nach einem Monat fühlte er sich besser, schluckte jedoch nach einem Streit mit seiner Freundin zu Beginn des zweiten Versuchsmonats alle 29 Kapseln, die in der Arzneiflasche waren. Er erlebte Angstanfälle, sein Blutdruck sackte ab, sein schlechter Gesundheitszustand konnte auch nicht auf der Intenisvstation einer Klinik stabilisiert werden. Als er über den herbeigerufenen Prüfarzt erfuhr, dass er nur ein Placebo-Präparat eingenommen hatte, ging es ihm rasch besser und er wurde gesund.[11] Das Beispiel zeigt, wie eng Placebo und Nocebo beieinander liegen und ineinander umschlagen können. Jores formulierte dementsprechend: „Wenn Hoffnungslosigkeit Tod bedeutet, so bedeutet Hoffnung Leben“.[12] In diesem Sinne meinte der Ulmer Psychosomatiker Horst Kächele: „Der psychogene Tod tritt ein, wenn man sich von allen schützenden Mächten verlassen fühlt.“[13]

Der Terminus „Nocebo“ tauchte erstmals in den 1960er Jahren in der medizinischen Fachsprache auf. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass in dieser Zeit klinische Versuche mit den gerade neu entwickelten Psychopharmaka angestellt wurden, die offensichtlich einen „negativen Placebo-Effekt“ oder eine „Nebenwirkung“ hatten. Schon damals wurde beklagt, dass bislang noch keine Studie über die Psychogenese des Nocebos durchgeführt worden sei, deren Ursache in der subjektiven Persönlichkeit liege.[14] Die krankmachende oder gar Tod bringende Macht der Suggestion bzw. Autosuggestion war aber bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert eingehend thematisiert worden (Kap. 16). Es ist erstaunlich, wie sehr heutige Autoren die entsprechende Theoriebildung ignorieren. Stattdessen zitieren sie anekdotische Fallbeispiele aus der Medizingeschichte und verweisen auf den ethnologischen Tatbestand des „Voodoo“-Tods und des Tabubruchs und seine pathophysiologische, tierexperimentell nachvollziehbare Erklärung. So gelten die einschlägigen Studien des australischen Anthropologen Herbert Basedow und des oben erwähnten Physiologen Walter B. Cannon als die klassischen Vorläufer der Nocebo-Forschung.[15] Sehr eindrucksvoll ist Basedows Schilderung des Todeszaubers bei australischen Ureinwohnern, der mit einem knöchernen Zeigestab ausgeführt wird und den somit angezeigten „boned man“ tödlich erkranken lässt, wenn nicht rechtzeitg der Gegenzauber eines Medizinmanns einsetzt.[16]

Daneben geistert allerhand Anekdotisches durch die Literatur, häufig ohne exakte Quellenangabe. Dies betrifft insbesondere Berichte über Scheinhinrichtungen, bei denen Menschen plötzlich starben. Die Vorstellung, etwa durch Enthauptung oder Aderlass hingerichtet zu werden, kann tödlich wirken, wie manche legendären Berichte vor Augen führen. Etwas anders gelagtert war der vom österreichischen Komponisten Joseph Haydn notierte Fall eines Geistlichen, der beim Anhören eines von ihm gespielten Andante in tiefste Melancholie verfallen sei und die Gesellschaft sofort verlassen habe. Er sei dann gestorben. Er hatte in der Nacht zuvor von einem solchen Andante geträumt, das seinen Tod angekündigt habe.[17] Der österreichische Arzt Erich Menninger von Lerchenthal unterschied beim psychogenen Tod zwischen dem Tod durch Hysterie (psychotische hysterische Imagination) und dem durch Suggestion.[18] In beiden Fällen begriff er das Nervensystem als eine Straße, die von den psychischen zu den somatischen Organen führe und die tödlichen Impulse transportiere. Damit erklärte er die Vorhersage des eigenen Todes und die Wirksamkeit von Scheinhinrichtungen bis hin zur Annahme eines „psychogenen Selbstmords“.[19]

Im gegenwärtigen Verständnis des Placebo- und Nocebo-Effekts werden drei Komponenten voneinander unterschieden, zu denen es jeweils beeindruckende Fallbeispiele gibt: (1) die mehr oder weniger gläubige Erwartungshaltung von Seiten des Patienten, (2) diejenige von Seiten des Arztes und schließlich (3) die besondere Qualität des Arzt-Patientenverhältnisses.[20] Darüberhinaus spielen aber auch die Art der Krankheit, Geschlecht und Alter eine Rolle.[21] Dabei sind Placebo-Nebenwirkungen nicht mit dem Nocebo-Effekt zu verwechseln, der als Folge negativer Erwartungen zu begreifen ist.[22] In der medizinischen Fachliteratur werden vier Quellen voneinander unterschieden, von denen solche negativen Erwartungen ausgehen. (1) Die innere mentale Welt von Patienten, etwa ihre depressive Einstellung, erhöht die Mortalität bei bestimmten Erkrankungen, wie etwa der koronaren Herzerkrankung, und stellt eine allgemeine Form des Nocebo-Phänomens dar. (2) Die Furcht, von einer bestimmten Krankheit befallen zu werden, erhöht das Risiko, an dieser Erkrankung zu sterben, wie es im Falle der koronaren Herzerkrankung statistisch zu belegen ist. (3) Offenbar gibt es bei der „Massenhysterie“ eine Art epidemische Ansteckung bestimmter psychosomatischer Symptome, die auch als (unbewusste) Nachahmung zu verstehen ist. (4) Schließlich können eine Krankheit bzw. deren Symptome dadurch hervorgerufen werden, dass zum Beispiel Asthmatikern beim Inhalieren einer zerstäubten unschädlichen Salzlösung mitgeteilt wird, in dieser befänden sich Allergene.

Nicht der Inhalt eines verabreichten Arzneimittels entscheidet also darüber, ob es als Placebo oder Nocebo wirkt, sondern die positive oder negative Erwartung des Konsumenten. Die sozialmedizinischen Auswirkungen des Nocebo-Effekts sind bei kritischer Betrachtung unseres Gesundheitssystems enorm und können als „eine Nebenwirkung der menschlichen Kultur“ aufgefasst werden. Sie konfrontieren uns mit der paradoxen Situation, dass ein kulturelles System, dem man im Allgemeinen eine gesundheitsfördernde Absicht zuschreibt, durch den Nocebo-Effekt das Gegenteil davon bewirken kann, nämlich gerade die Krankheiten erzeugt, die sie zu heilen beabsichtigt. Die praktische Konsequenz ist klar: Die Mitteilung von Gesundheitsrisiken und krankhaften Befunden kann negative Erwartungen erzeugen und dadurch regelrecht Krankheitsprozesse verstärken.[23] Insofern können auch die iatrogenen Krankheiten als Sonderform des Nocebo-Effekts verstanden werden.

Aus biomedizinischer Sicht ist der Nocebo-Effekt folgendermaßen in die „therapeutische Gleichung“ einzusetzen:

“Treatment benefit = Therapeutic gain + Natural history of illness – Nocebo effect.”[24]      

Ist demnach der Nocebo-Effekt größer als der therapeutische Gewinn und der natürliche Verlauf der Krankheit zusammen, ergibt sich daraus eine Verschlimmerung des Krankheitszustands. Die negative Reaktion eines Kranken auf einen bestimmten Heiler kann die therapeutische Beziehung zerstören und den angestrebten Behandlungserfolg ins Gegenteil verkehren. Das Verhalten des Arztes kann erschreckend sein und sein „böser Blick“ (evil eye) kann dann bei ängstlicher Erwartung Schaden stiften.[25]


[1] Cannon, 1942/1957. [2] Richter, 1957, S. 197. [3] Jores, 1959, S. 241. [4] Jores / Puchta, 1959, S. 1164. [5] 148.043 gegenüber 147 im Juli 2011; siehe  http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/gquery (24.07.2011) [6] Heier, 2009. [7] Zit. ebd. [8] Häuer / Hansen / Enck, 2012, S. 464. [9] A. a. O., S. 465. [10] A. a. O., S. 459. [11] Reeves et al. (2007). [12] Jores, 1959, S. 241. [13] Zit. n. Berndt, 2008. [14] Herzhaft, 1969, S. 495. [15] Benson, 1997, S. 613; R. A. Hahn, 1997, S. 607. [16] Basedow, 1925, S. 179. [17] Menninger, 1948, S. 32. [18] A. a. O., S. 33. [19] Menninger-Lerchenthal, 1931, S. 391. [20] Benson, 1997. S. 612. [21] Herzhaft, 1969. [22] Hahn, 1997, S. 607. [23] A. a. O., S. 610. [24] Thompson, 2005, S. 71. [25] A. a. O., S. 78.

2. Kap./1 * Krankmachende Medizin

Die Klage über Ärzte, die ihre Patienten kränker machten als sie ohnehin schon seien, die gar Gesunde krank machen und Menschen umbringen würden, ist wohl so alt wie die Medizingeschichte. An der Schwelle zur Neuzeit wurde sie noch einmal mit lauter Stimme von dem Arzt und Naturphilosophen Theophrastus von Hohenheim (Paracelsus) erhoben. Die „Humoristensäue“, wie er die Galenisten unter anderem schimpfte, waren für ihn vor allem deshalb so verwerflich, weil sie seiner Meinung nach die Natur, genauer gesagt: die Magie der Natur, missachteten und in ihrem akademischen Hochmut bei der Behandlung der Kranken eigenmächtig vorgingen. Gegenüber dieser primären Verfehlung schienen Geldgier und bewusster Betrug von sekundärer Bedeutung zu sein. Das Argumentationsmuster ist bis heute grundsätzlich dasselbe geblieben und wird in der Auseinandersetzung über Scharlatanerie und Kurpfuschertum gerne eingesetzt. Akademisch ausgebildete Ärzte werfen Laienheilern vor, dass sie die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin ignorieren und deshalb die Kranken schädigen würden, während diese jene wiederum anklagen, durch ihre Heilmethoden und Arzneimittel die Naturheilkräfte zu missachten und zu unterdrücken. Auf beiden Seiten wird das Wissen um „die Natur“, ihre wahre Erkenntnis und angemessene Nutzung, als  entscheidendes Kriterium ins Feld gedführt.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in der Zeit der „Krise der Medizin“, waren sich kritische Ärzte durchaus der Problematik einer krankmachenden Medizin, einer vom Arzt verursachten („iatrogenen“) Krankheit bewusst. Der populäre Arztschrifststeller Erwin Liek setzte sich mit ihr in seinem Artikel „Der Arzt als Gefahrenquelle“ von 1931 in der ihm eigenen drastischen Redeweise auseinander.[1] Er beleuchtete darin konzise und eindrucksvoll die gesundheitliche Bedrohung des Patienten, die von seinem Arzt ausgehen kann. Die Ausgangsfrage lautete: „Kann auch der wissenschaftlich durchgebildete und verantwortungsbewußte Arzt seinem Kranken schaden – trotz gegenteiliger bester Absicht?“[2] Liek war sich über die weitreichende Bedeutung des Placebo-Effekts im Klaren, wobei dieser Terminus seinerzeit freilich noch nicht etabliert war. Der größte Teil der Arzneien hätten „eine rein oder hauptsächlich suggestive Wirkung“ und auch in der Chirurgie sei der Erfolg bei einer Anzahl von Eingriffen „suggestiv bedingt“.[3] Liek kämpfte gegen die „entseelte Heilkunde“, bei der der Arzt nur noch Techniker sei. Doch bei allen wissenschaftlichen Fortschritten vor allem in der Diagnostik sei die „Heilkraft der Natur“, die „Heilkraft des ‚inneren Schöpfers’ […] so ungeheur groß und so vielseitig, daß wir Ärzte uns immer wieder fragen müssen: Hat die von uns gefundene Abweichung überhaupt etwas zu bedeuten, ist sie im vorliegenden Falle für die Beschwerden verantwortlich zu machen?“[4] Fallbeispiele aus der Praxis offenbarten Fehldiagnosen, etwa bei „angeblich neurasthenischen oder hysterischen Frauen, die in Wirklichkeit Gallensteine, Nierensteine haben oder an Blinddarmentzündung, Eileiterschwangerschaft usw. leiden!“[5] Liek schilderte prägnant das Problem der pathogenen Suggestion des Arztes: „Ein unvorsichtiges Wort, wie ‚Lungenspitzenkatarrh’, ‚schwaches Herz’, und der Kranke kann für sein ganzes Leben ein seelisches Trauma davontragen. Es sind Fälle bekannt, wo auf eine voreilige und später als falsch erkannte Diagnose, sagen wir auf Syphilis oder auf Krebs, Selbstmord des Kranken erfolgte.“ Für Liek war die Überschätzung von Krankheitssymptomen durch den Arzt ebenso eine Gefahrenquelle, wie dessen Unterschätzung der Abwehrkräfte des Körpers.

Der Arzt kann aber nach Liek auch zur direkten Krankheitsursache werden, wenn er nämlich fragwürdige Menschenexperimente durchführt oder Krankheiten erfindet, die er dann zu heilen vorgibt. Ende der 1920er Jahre unternahm der Königsberger Hygieniker Theodor Bürgers einen Infektionsversuch, nach heutigem Verständnis einfach verblindet und mit informed consent der Versuchspersonen. Er konnte in einer großen Versuchsreihe durch Übertragen von filtriertem Nasensekret Schnupfenkranker bei Gesunden Schnupfen erzeugen, wobei auch Schnupfen dann autrat, wenn statt des Sekrets sterile Kochsalzlösung übertragen wurde.[6] Liek berichtete daran anschließend, er habe einen Arzt gekannt, der „sofort einen akuten echten Schnupfen“ bekam, als er von diesen Versuchen gelesen habe. Er zählte eine Reihe von angeblichen Krankheiten auf, die Ärzte „natürlich in bester Absicht, aber unkritisch“, geschaffen hätten: Bauchwandbruch, tiefstehender Magen, beweglicher Blinddarm, chronische Eierstocks- und Blinddarmentzündung usw. Entsprechende Operationen würden heute nicht mehr ausgeführt, dafür seien andere Organe auf dem „Altar der Wissenschaft“ zu opfern, insbesondere Mandeln und Zähne. Die „entseelte Heilkunde“, so die von Liek immer wieder erhobene Klage, habe vergessen, dass an dem kranken Organ „ein ganzer kranker Mensch“ hänge: „Der Arzt, der die seelische Kausalität nicht berücksichtigt, wird immer für seine Klienten eine Gefahrenquelle sein.“[7]

In dem Lustspiel des französischen Dichters Jules Romain « Knock ou Le triomphe de la médecine » (1923) wird die Medikalisierung einer Dorfbevölkerung dargestellt, bei der ein junger Arzt systematisch iatrogene Krankheiten produziert.[8] Dieser geht nämlich von der Annahme aus, dass es überhautp keine gesunden Menschen gebe, „die meisten Menschen wissen nur nicht, daß sie krank sind.“ Insofern der Arzt einen Gesunden durch Worte krank machen könne, meinte Liek, sei er „ein Zauberer, seine Worte [sind] Zauberformeln.“[9] Diese wirkten über das vegetative Nervensystem auf die Organe. Vorsorgeuntersuchungen und medizinische Aufklärung etwa in Vorträgen könnten bei vielen Menschen ein „schweres psychisches Trauma“ hervorrufen, ja, sogar „zu richtigen seelischen Epidemien, zu Massenwahn und Massenangst“ führen.[10] Wie der Arzt krank machen kann, hatte sich Liek als junger Arzt offenbar selbst mit eigenen Menschenversuchen vor Augen geführt, von denen er nun als lässlichen „Jugendsünden“ andeutungsweise berichtete: „Man untersucht z. B. bei einem Menschen, der wegen irgendeiner Krankheiten, sagen wir wegen eines Knöchelbruchs, im Bett liegt, mehrere Tage hintereinander die Lebergegend. Der Betreffende muß schon ein ungewöhnlich kräftiges Nervensystem haben, wenn er nicht mit Beschwerden in der Lebergegend antwortet. […] Die Beschwerden verschwinden, sobald man den Kranken aufklärt.“[11]

Die Sensibilität für psychosomatische Fragestellungen war um 1930 auf einem Höhepunkt angelangt. Unter dem Einfluss der Psychoanalyse wandte sich vor allem die Innere Medizin den Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele zu. Der Wiener Internist und Psychoanalytiker Felix Deutsch und der Heidelberger Internist und Neurologe Viktor von Weizsäcker wären hier beispielhaft als Autoren zu nennen. Die Forderung, dass die vorherrschende Körpermedizin durch eine psychologische Medizin zu ergänzen sei, wurde vielfach laut. So schrieb etwa ein Berliner Arzt in einem Buch über psychogene Organkrankheiten: „Psychogen-funktionelle Vorgänge und anatomische Organbefunde und Organveränderungen gehören trotz ihrer scheinbaren Gegensätzlichektien untrennbar zusammen.“[12] Die Anerkennung psychosomatischer Zusammenhänge bei der Krankheitsentstehnung führte auch zu einer Problematisierung des Umgangs der Ärzte mit ihren Patienten. Die Gefahr der iatrogenen Krankheit und jener schädlichen Einflüsse, die später dem Nocebo-Effekt zugeschrieben werden sollten, wurde nun in aller Schärfe erkannt.

Der Berliner Sozialpathologe Alfred Grotjahn veröffentliche 1929 die Schrift „Ärzte als Patienten“, eine Sammluing subjektiver Krankengeschichten in Selbstschilderungen von Ärzten.[13] Durch eine systematische Erforschung solcher Selbstschilderungen könnte, wie Grotjhan meinte, der ärztliche Umgang mit Kranken erheblich profitieren. Durch ihre Selbserfahrung könnten Ärzte Anamnese, natürliche Heilungstendenzen, pflegerische Maßnahmen, Schmerzbekämpfung, Einfühlung in die Psyche des Kranken und anderes mehr besser einschätzen. Grotjahn verfolgte hiermit eine Forschungsidee, die bis heute in Vergessenheit geraten ist.[14] Er hatte dabei vor allem auch den schädigenden Einfluss von Ärzten und das Problem der iatrogenen Krankheit im Sinn. „Unzählige unbewußte Quälereien“ könnten so dem Kranken erspart werden: „Es sei als Beispiel hier nur auf die einfache Manipulation der Racheninspektion hingewiesen, die sich bei einiger Achtsamkeit angenehmer ausführen läßt, als das gewöhnlich zu geschehen pflegt.“[15] „Auch der durch die Behandlung angerichtete Schaden und die Kunstfehler werden viel ernster, als das heute der Fall ist, genommen werden, wenn Ärzte beschreiben, wie sie selbst das Opfer derartiger überflüssiger Verschlimmerungen, die gar nicht so besonders selten sind, geworden sind.“[16] Er zitierte den erschütternden Bericht eines Berliner Medizinprofessors, der seinem zuvor gesunden zwei Jahre alten Sohn 1896 ein Diphtherieheilserum prophylaktisch injizierte, worauf dieser in einem Schock verstarb.[17] Grotjahn berichtet auch selbst von einer interessanten Erfahrung mit der „Schutzpockenimpfung“, die ihn veranlasste, seine bedenkenlose Einstellung gegenüber dieser Impfmethode zu revidieren und den Impfzwang durch eine „Gewissensklausel“ für Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, zu relativieren. Sein 16 Monate alter Sohn erkrankte nämlich 1908, nachdem er ihn geimpft hatte, an einer Encephalitis mit halbseitigen Lähmungen.[18]

Die radikalste Kritik und umfassendste Problematisierung der iatrogenen Krankheit im 20. Jahrhundert übte wohl der aus Österreich stammende Philosoph und katholische Theologe Ivan Illich. In seinem programmatischen Buch „Medical Nemesis“ von 1975 attackierte er die moderne Medizin als Hauptgefahr für die Gesundheit.[19] Die Medikalisierung des Einzelnen und der Gesellschaft habe zu einer totalen „Enteignung der Gesundheit“ geführt, zu einer „Iatrogenesis“ – im Sinne einer umfassenden iatrogenen Pathologisierung – auf drei verschiedenen Ebenen: (1) Die „klinische Iatrogenesis“ schädigt den wehrlos gemachten Patienten; (2) die „soziale Iatrogenesis“ medikalisiert die gesamte Gesellschaft und bringt sie unter die Kontrolle der „Medizin-Mafia“; und (3) die „strukturelle Iatrogenesis“ zerstört durch Gesundheitsprogramme medizinische Kulturen, indem sie die existenzielle Erfahrung von und Auseinandersetzung mit Schmerz, Krankheit und Tod weitgehend eliminiert. „Die Auswirkungen der Medizin stellen ein der am schnellsten sich ausbreitenden Seuchen unserer Zeit dar.“[20] Einer von fünf Patienten ziehe sich während seines Klinikaufenthalts ein zusätzliches Leiden zu, einer von dreißig sterbe daran. Illich attackierte insbesondere die Medikalisierung der Prävention, die mit ihren Vorsorgeprogrammen (check-up, screening) die Menschen zu Kranken werden lasse, „ohne krank zu sein“.[21] Das „Recht auf einen natürlichen Tod“ sei als gewerkschaftlicher „Anspruch auf gleichen Konsum von medizinischen Dienstleistungen“ formuliert worden, so Illich: „Der gute Tod ist nun unwiderruflich der Tod des Normalverbrauchers an medizinischer Fürsorge.“[22] Nicht mehr der Patient, sondern der Arzt kämpfe gegen den Tod. Wenn dieser dann doch triumphiert, könne man verschiedenen Umständen, Einrichtungen, politischen Verhältnissen die Schuld geben.

Die „medizinische Nemesis“ sei mehr als alle klinische Iatrogenesis“ zusammengenommen: „Sie ist die Enteignung der Lebensfähigkeit des Menschen durch eine Instandhaltungsgewerbe, das sich an die Dienstleistungen des Industriesystems kettet.“[23] Im Grund wurzele das Übel in der „industriellen Nemesis“ der kapitalistischen Produktionsweise. Illich rief zur Umkehr, zur „Politik der Gesundung“ auf. Gerade in dieser quasi therapeutischen Wendung folgte er unausgesprochen dem dreistufigen Denkschema von Paradies – Sündenfall – Erlösung, das als Geschichtsmodell in der Geistesgeschichte von der Gnosis bis zu marxistischen Erlösungslehre maßgebend war (Kap. 10).[24] Er ging von ursprünglichen „Identität von Kultur und Gesundherhaltung“ aus, die dann einer „an unbegrenztem Fortschritt orientierten Zivilisation“ erliege und nur durch das Zurückdrängen der medizinischen Experten auf ein Minimum wiedergewonnen werden könne. Am Ende würde das Zeitalter der „optimalen und allgemeine Gesundheit“ anbrechen, in der die Medizin nur noch minimal gebraucht wird und endlich „gesunde Menschen“ auf den Plan treten: „Gesunde Menschen sind Menschen, die in gesunden Wohnungen und von einer gesunden Nahrung leben; in einem Milieu, das Geburt, Wachstum, Arbeit, Heilen und Sterben gleichermaßen begünstigt […]. Gesunde Menschen brauchen keine bürokratische Einmischung, um Gefährten zu finden, Kinder zu gebären, gemeinsam die conditio humana zu erfüllen und zu sterben.“[25] Im Klartext heißt das: Alles wird gut, wenn nur die diabolisch wirkende moderne Medizin bis auf einen notwendigen Rest überwunden werden kann. Im Grunde vertrat Ivan Illich eine utopisch-sozialreformerische Position, die gut in die Lebensreformbewegung ein Menschenalter zuvor gepasst hätte (Kap. 10).

Gegenüber der radikalen Medizinkritik von Illich, der die iatrogene Krankheit als systemimmanentes Hauptübel anprangerte, wird diese heute in Biomedizin und Bioethik lediglich als Folge eines Verstoßes gegen die Regeln der Evidenz-basierten Medizin begriffen. In „Medical Harm“, dem einschlägigen Werk über die iatrogene Krankheit, geht es um Evidenz-basierte Qualitätssicherung, wobei die Begriffe Placebo und Nocebo merkwürdigerweise unerwähnt bleiben.[26] Illichs „Medical Nemesis“ wird zwar als einflussreiche Schrift hervorgehoben, erscheint jedoch in den Augen der Autoren inhaltlich überholt. Denn iatrogene Schäden, so die Botschaft, können wissenschaftlich durch die Anwendung der Evidenz-basierten Medizin in der Praxis vermieden oder zumindest begrenzt werden: „Sound evidence may enhance the informed consent process, by making patients more aware of the risks and benefits associated with the treatment options.”[27] Die iatrogene Krankheit wird demnach zu einem Problem erklärt, das mit wissenschaftlicher Methodik lösbar ist.


[1] In: Liek, 1933, S. 73-100. [2] Ebd. , S. 74. [3] A. a. O., S. 76. [4] A. a. O., S. 79. [5] A. a. O., S. 83. [6] A. a. O.,  S. 85. [7] A. a. O., S. 88. [8] A. a. O., S. 90 ff. [9] A. a. O., S. 92. [10] A. a. O., S. 93. [11] A. a. O., S. 94. [12] Alkan, 1930, S. 11. [13] Grotjahn, 1929. [14] H. Schott, 1983. [15] Grotjahn, 1929, S. 3. [16] A. a. O., S. 265. [17] A. a. O., S. 154 f. [18] A. a. O., S. 155 f. [19] Illich, 1975. [20] Ebd., S. 19. [21] A. a. O., S. 49. [22] A. a. O., S. 154. [23] A. a. O., S. 170. [24] Topitsch, 1966, 298 ff. [25] Illich, 1975, S. 180. [26] Sharpe / Faden,  1998. [27] Ebd., S. 236.