# 47. Kap. Sexualmedizin: Normierung der Sexualität

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.[1] Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften.[2] Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.[3] Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.


[1] Beier / Bosinski / Loewit, 2008, S. 30. [2] A. a. O., S. 31 f. [3] Kaden (Hg.), 1980, S. 15 [„Einleitung“; R. Kaden].

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44. Kap./6 * „Einsame Lust“ mit Zuschauer

Thomas Laqueur hat die soeben skizzierte Onanie-Debatte in seine global angelegte „Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung“ eingeordnet, die er mit dem Erscheinen des Buches „Onania“ um 1712 beginnen lässt (siehe oben). Alle früheren Darstellungen und Anspielungen rechnete er zur Vorgeschichte der Selbstbefriedigung, die er bis zu den Anfängen der Kulturgeschichte zurückverfolgte. Er warf die zentrale Frage auf, warum die Selbstbefriedigung ab dem 18. Jahrhundert zu einem Problem geworden sei. Seine Antwort ist einfach: Weil die Einsamkeit zum Ort der ursprünglichen Reinheit geworden sei, „wo wir uns nach einer verlorenen Unschuld und Unabhängigkeit sehnen“. Selbstbefriediger würden lernen, dass sie potenziell autarke Wesen seien „und sie nehmen dieses schmutzige Geheimnis in ihre Einsamkeit mit, an jenen Ort der angeblichen Reinheit, den sie auf diese Weise beflecken. Ihre Welt ist die auf den Kopf gestellte richtige Welt.“[1] So werde der Onanist in der Morgenröte der Aufklärung „zum Alter ego, zum ungezogenen bösen Bruder oder zur bösen Schwester des modernen Selbst und ist das bis heute geblieben.“ Interessant ist die Bilderserie, mit der Laqueur sein Buch illustrierte, von Tizians „Venus von Urbino“ über erotische Darstellungen im 18. Jahrhundert bis hin zu einer rezenten Fotografie „Annie Sprinkle with Cigarette and Clitoris“, auf der die bekannte US-amerikanische Performance-Künstlerin und Porno-Darstellerin ihren Unterleib präsentiert.[2]

Auf einer lasziven Karikatur zur 1848er Revolution, die Klaus Theweleit in „Männerphantasien“ reproduzierte, zeigt sich eine nackte Frau in onanistischer Gebärde vier Herren, die an vier Ecken stehen und durch ihre Attribute erkenntlich „Republik“, „Communismus“, „Parlament“ und Priestertum („Ruh“) symbolisieren. Die Unterschrift lautet: „Ihr seid Narren alle vier / was ihr wollt, das findt ihr hier.“ (Abb. [i]) In diesem Zusammenhang bedeutet  Onanie jedoch nicht einsame Lust, sondern öffentliche Prostitution. Die Frau desavouiert die diversen Ideale der Männerwelt als närrisch und unterstellt ihr ein gemeinsames geheimes Motiv: den Sexualverkehr mit ihr. (Dies erinnert an die spätere psychoanalytische Ableitung der „Neurose“ aus dem verdrängten Sexualtrieb.) Sie erscheint jedoch nicht als Hure – entsprechende Attribute fehlen –, sondern als Natur-Frau: einen Fuß im Wasser, lässig an eine Böschung angelehnt, eingerahmt von schilfartigem Gras; die natürliche Umgebung der Frau weist ihrerseits gewisse Züge einer Vulva auf.

Anmerkung vom 14.02.2017

In einem Gemälde von Markus Schinwald erinnert ein riesiger Wandteppich oder -vorhang an eine Vulva, vor der eine nackte Frau posiert. Näheres sie mein Supplementary Blog.

Offenbar sind wir hier mit einer kryptischen Natura-Darstellung konfrontiert, die vordergründig von einer sinnlich-sexuellen Pose überlagert wird, womit die Akteure der 1848er Revolution verspottet werden.

Illustrationen aus dem 18. Jahrhundert betreffen fast ausschließlich die weibliche Masturbation in Kombination mit Buch- bzw. Romanlektüre. Laqueur interpretierte sie als Beispiele „einsamer Lust“. Sie sind aus meiner Sicht zunächst Beispiele für den männlichen Voyeurismus, von dem sich offenbar auch Laqueur anstecken ließ. Zumindest die tendenziösen Legenden, die kaum Raum für anderweitige Interpretationen lassen, wollen sozusagen mit einem desavouierenden Augenzwinkern die sexuelle Bedeutung des Dargestellten demonstrieren. Bei dem „Schlaf der Philosophie“ (1777) von Jean-Michel Moreau d. J., dem Kupferstecher und Buchillustrator des französischen Rokoko, wird diese Engführung deutlich. (Abb. [ii]) Im Folgenden soll das Bild aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden. Der „matt-zufriedene Blick“, den Laqueur ausmachen will, ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Die Frau hat die Augen geschlossen, sie träumt, ihr Gesicht strahlt eine Innerlichkeit aus, die keineswegs „matt-zufrieden“ ist. Ihre Umhüllung erinnert an den Schleier der Isis. Das Schoßhündchen muss keineswegs einzig und allein als „Punzenlecker“ gedeutet werden. Er taucht in der Kunstgeschichte auch als Symbol des Schutzes und der Heilkraft auf und begleitet manche Götter und Heilige. So könnte hier die Philosophie als Personifikation der Natura erscheinen, die in Schlaf und Traum mit ihrer göttlichen Quelle vereint ist. Nur handelt es sich hier nicht um eine göttlich erhabene Natura, wie etwa bei Robert Fludd, sondern um eine irdische junge Frau. Der Künstler ahnte gewissermaßen den um 1800 viel diskutierten Somnambulismus voraus, der vor allem bei Frauen spontan auftrat oder durch magnetische Manipulationen hervorgerufen wurde. Die Frauen schienen im Kontext der Romantik die verborgene Natur par excellence zu verkörpern. (Kap. 26) Laqueurs thematische Engführung der Selbstbefriedigung verfehlt andere Deutungsperspektiven, die im historischen Kontext mindestens ebenso naheliegen.

Die Titelvignette „Hymne auf den Kuss“ (Hymne au Baiser) eines 1770 publizierten Buches zeigt eine Dame in lässiger Haltung halb bekleidet auf einem Himmelbett. (Abb. [iii]) Sie hält mit der einen Hand ein Buch, in das sie aufmerksam schaut, die andere Hand liegt auf ihrem vom Hemd bedeckten Schoß. Für Laqueur ist es „offensichtlich“, wo das hinführt: zur „einsamen Lust“. Beachten wir jedoch die naturphilosophischen und wissenschaftshistorischen Implikationen, so können wir dem Bild – gewissermaßen „nebenbei“ – auch noch andere Bedeutungen abgewinnen. Immerhin schwebt ein geflügeltes Wesen, höchstwahrscheinlich Eros persönlich, am lichten Himmel, zudem ist das Bild von einer Blumengirlande eingerahmt und das Bett befindet sich, von den Säulen zu schließen, in einer großen Tempelanlage, einem sakralen öffentlichen Raum, der so gar nicht zur Einsamkeit der sich selbst Befleckenden passt. Vor allem aber weist der Hymnus selbst auf den intensivsten zwischenmenschlichen Kontakt hin, nämlich den Kuss. Dieser wird als „himmlisches Geschenk“, „süßer Stachel der Natur“, bezeichnet, als „Blitz, der alles brennt, was er berührt, durch ein glückliches Signal des Mundes“. Es geht hier um jenen Vorgang, der in den zeitgenössischen Schauexperimenten als „elektrischer Kuss“ vorgeführt und später im Mesmerismus als „Mitteilung des Lebensfeuers“ begriffen wurde. So hat das Bild durchaus etwas mit Sexualität zu tun, aber auf eine noch ganz andere Weise, als Laqueur vermutet.

Der Kupferstich „Eine Nonne erkundet sich“ aus einem mehrbändigen französischen Roman, der in den 1760er Jahren erschien, ist für Laqueur wiederum ein klarer Fall. (Abb. [iv]) Aber die Nonne, die ihr Habit in die Höhe hebt und sich ihren nackten Unterleib im Spiegel betrachtet, der auf dem Boden liegt, ist nicht in masturbatorischer Aktion dargestellt. Vielmehr betrachtet sie sich selbst. Auf dem Tisch liegt ein größeres aufgeschlagenes Buch. Möglicherweise will sie das, was sie dort gelesen hat, bei sich selbst erkunden. Was das ist, geht aus dem Bild selbst nicht hervor. So können wir die Nonne auch als Naturforscherin verstehen, welche die kirchlich verhüllte Wahrheit an sich selbst entschleiern will – ob sie dabei onaniert oder nicht, erscheint dann nebensächlich. Auf dem Bild tut sie es jedenfalls nicht. Schließlich sei noch das Bild „La Dormeuse“ von Jean Michel Moreau erwähnt, einer Illustration aus einem 1764 erschienenen Buch. (Abb. [v]) Laqueur deutet die herabgefallenen Bücher und die Körperhaltung der Schlafenden dahin gehend, dass sie ihre Befriedigung alleine gefunden habe. Diese Vermutung zeugt von der Onanie-Brille des Autors, seinem erkenntnisleitenden Interesse, die Onanie dingfest zu machen. Indes deutet nichts auf Selbstbefriedigung hin, weder die entspannte Körperhaltung der Schlafenden noch ihr ordentlich auf den Boden fallendes und bis zu den Fußknöcheln reichendes Kleid. So erscheint die Schlafende als die natürliche Unschuld in Person, während der sich nähernde Galan diese Szene der Reinheit mit seiner Gestik der Geilheit gewissermaßen befleckt. Das ist jedenfalls das, was zu sehen ist. Laqueur aber spekuliert auf das, was nicht zu sehen ist, aber doch, wie er meint, zu vermuten sei: die Onanie, die diesen entspannten Schlaf erst ermöglicht habe.

Noch krasser ist seine Deutung der ersten Illustration aus dem dreibändigen pornografischen Werk von André Nerciat „Le diable au corps“. (Abb. [vi]) Hier lässt sich die „Marquise“ von ihrem Schoßhündchen Médor mit gespreizten Beinen ihre Vulva lecken. Es sei dahingestellt, inwieweit animalsex oder bestiality, wie heute der Geschlechtsverkehr mit Tieren international bezeichnet wird, überhaupt der Onanie zugeordnet werden kann. Jedenfalls berichtet die Geschichte nur davon, dass die Marquise erwache, den Bettvorhang wegziehe und ihren Schoßhund seine „Aufwartung“ machen lasse, bevor sie der Kammerdienerin schelle.[3] Es ist also keine Rede von Romanlektüre und Masturbation, wie Laqueur insinuiert, stattdessen in der französischen Originalausgabe von „gamahucher“, oralem Sex, in diesem Falle mit einem Schoßhund. In welchem Kontext steht nun das besprochene Bild? Nerciats Sittengemälde zum ancien régime ist mit einer eindrucksvollen Serie von pornografischen Abbildungen ausgestattet, auf denen Gruppensex, Sex mit Tieren (Hund und Esel) sowie verschiedene andere Praktiken des Geschlechtsverkehrs vorgestellt werden. Es handelt sich um ein buntes geselliges Treiben, das Gegenteil von „einsamer Lust“! Folgerichtig ist diese selbst auf keiner einzigen Illustration zu sehen. Man wird hier unwillkürlich an den Aphorismus von Karl Kraus erinnert, den er im Hinblick auf die Psychoanalyse prägte: „Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohne weiteres in seine Lage zu versetzen“. Der Aphorismus ließe sich vielleicht dahin gehend abwandeln: „Ein guter Kulturhistoriker ist imstande, den befremdlichen Gegenstand ohne Weiteres in seine eigene Welt zu übertragen.“ Eine ganz andere Art der „kognitiven Verzerrung“ (cognitive bias) ist bei der deutschen Übersetzung von Nerciats Buch zu beobachten, die in der Endphase der DDR neu herausgegeben wurde. Sie liefert ein bemerkenswertes Beispiel für editorische Manipulation. Sie entstellt nicht nur die originäre Vulgärsprache (etwa „Röslein pflücken“ statt „gamahucher“, „die Fotze lecken“), sondern unterschlägt auch – ohne editorischen Hinweis – die zahlreichen pornografischen Darstellungen, die man im Jahr 1986 offenbar dem Volk noch nicht zumuten wollte.

Der Wandel, der sich im 20. Jahrhundert vollzog, sozusagen der Übergang von Tissot und Rousseau zu Freud und der (nur relativ) liberalen Sexualwissenschaft, machte nach Laqueur die Selbstbefriedigung, von deren körperlichen Unschädlichkeit man nun ausging, zur „totipotente[n] erotische[n] Stammzelle, aus der sich alles Spätere entwickelt. Im neuen Jahrhundert sollten statt blankem Terror nun die richtige Ernährung, Maßhalteappelle, Sublimierung und vor allem die Erziehung sicherstellen, dass die Selbstbefriedigung auch wirklich in die geeigneten Bahnen gelenkt wurde, um ins gesellschaftliche Ideal gesunden Erwachsenenseins zu münden.“[4] Diese Neuausrichtung des Diskurses über die Selbstbefriedigung zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde durch das Internet an dessen Ende radikal verändert: Die Masturbation, so Laqueur, sei im Zeitalter des Internet „nicht nur zu einer Quelle der individuellen Selbsterfahrung geworden, sondern auch zur Basis einer neuen Form der sexuellen Geselligkeit.“ Im neuen „Alternativuniversum der Geselligkeit“ organisieren sich in der Tat virtuelle Gemeinschaften der Onanisten, wie zum Beispiel Jackinworld, The Ultimate Male Masturbation Resource.[5]

Was bedeutet diese irritierende „potenziell autarke, einsame Geschlechtslust“?[6] Manche Kultur- und Wissenschaftshistoriker haben sich einen Tunnelblick auferlegt, der im Grunde den Voyeurismus noch einmal wiederholt, den unzählige Künstler – von der Malerei in der Renaissance bis hin zur Produktion von pornografischen Filmen in unserer Zeit – ins Bild gesetzt haben. Offenbar handelt es sich hierbei vorwiegend um ein männliches Vergnügen, um „Männerphantasien“, wie der Titel des einschlägigen Bestsellers im Geiste der „68er“ lautete.[7] Denn wie im 18. Jahrhundert interessiert auf den heutigen Webseiten vor allem die masturbierende Frau, wie sie von Männern gerne heimlich ausgespäht und belauscht wird. Dieser Tunnelblick durchs Schlüsselloch (peephole) ist sogar in Echtzeit ohne Wissen der Ausgespähten mit Hilfe von spycams im Internet jedermann möglich.[8] Er hat jedoch einen entscheidenden Fehler: Er blendet synchrone Phänomene des kulturellen Umfeldes ebenso aus, wie diachrone intellektuelle Strömungen, in denen das jeweils aktuelle Geschehen eingebettet ist. Wie stand es einst mit der einsamen Lust der Liebespaare, die sich nur heimlich treffen konnten? Was ist von der Unio mystica zu halten, die äußerlich, vom Körpergeschehen und seinem Ort her betrachtet, möglicherweise von der Selbstbefriedigung kaum unterscheidbar ist? Welche Rolle spielt die „Liebe“, insbesondere das Verhältnis von „Selbstliebe“ und „Nächstenliebe“, bei diesem Geschäft? Vor allem eines fällt auf: Die historischen Analysen des „Anti-Onanie-Diskurses“ bedienen sich eines Schlagworts (Onanie, Masturbation, Selbstbefriedigung), das vermeintlich völlig klar und selbstverständlich ist. Es scheint, wie das sexualmedizinische Verständnis von „Orgasmus“ (Kap. 47), vollständig aus der Biologie abgeleitet und objektiv definiert werden zu können. Doch wie sich die Qualität eines „Koitus“ von Fall zu Fall himmelweit voneinander unterscheiden mag, so auch die Qualität der „Selbstbefriedigung“.

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[1] Laqueur, 2008, S. 346. [2] A. a. O., S. 404. [3] Nerciat, 1986, S. 43. [4] Laqueur, 2008, S. 349. [5] http://www.jackinworld.com/ (10.11.2009). [6] Laqueur, 2008, S. 416. [7] Theweleit [1977/78], 1980. [8] http://www.peepholecam.com/peepholecam.html (10.05.2011).

[i] Theweleit, Bd. 1, 1977, S. 79; → Abb. Ihr seid Narren [aus Buch gescannt; keine nähere Quellenanabe, nicht im Netz gefunden] [ii] Laqueur, 2008, S. 333; → Abb. Moreau Schlaf der Philosophie. [iii] Laqueur, 2008, S. 340; → Abb. Dorat 1770. [iv] Laqueur, 2008, S. 341; → Abb. Nougaret Eine Nonne erkundet sich. [v] Laqueur, 2008, S. 339; → Abb. Moreau La Dormeuse. [vi] Nerciat, 1803/1980, vor S. 1; hier: Laqueur, 2008, Abb. 5.14; → Abb. Nerciat 1803/1980 Schoßhund.

44. Kap./5 * Versuche der Enttabuisierung

Der schweizerische Psychiater Auguste Forel, der seine biologische Darstellung der Sexualität mit normativen Vorstellungen des Sexuallebens verknüpfte (siehe oben), stellte allerdings die Onanie als schreckliche Krankheitsquelle in Frage. Man habe Ursache und Wirkung miteinander verwechselt: „Weil willensschwache Menschen leichter Onanisten werden, glaubt man, die Onanie sei die Ursache ihrer Willenschwäche!“[1] In den meisten Fällen handele es sich ohnehin – in Ermangelung der Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr – um eine „Notonanie“, sodass man nicht von einer „eigentlichen Abnormität“ sprechen könne. Sein Hauptargument gegen die aus dem 18. Jahrhundert stammende medizinische Verteufelung der Onanie beruhte auf der besagten Verwechslung der Ursache mit der Wirkung: „Die sexuelle Hypochondrie ist keineswegs die Folge der Onanie, sondern sie geht ihr voraus und ist mit ihre Ursache.“[2] Zwar hielt auch Forel an der traditionellen Lehre vom grundsätzlich schädigenden Samenverlust („Säfteverlust“) bei onanierenden Männern fest, stellte aber die oft beschriebenen direkten körperlichen Auswirkungen in Frage. Denn „Parforce-Onanisten“ müssten keineswegs ein Jammerbild abgeben, sondern könnten „ebenso schneidige und körperlich gewandte Leute sein wie andere, und sich zu allen Streichen und Tollheiten bereit finden.“ Zu einem ähnlich widersprüchlichen Ergebnis gelangte Forel bei onanierenden Frauen. Wenn auch der „Samenerguß“ und der entsprechende „Säfteverlust“ bei ihnen fehle, „so ist dafür die Wiederholung und Intensität des Nervenreizes stärker und diese schadet im ganzen mehr, als der Säfteverlust.“[3] Dies könne man nicht damit erklären, „daß onanierende Frauen moralisch minderwertigere Geschöpfe seien“. Ihre hohe Reizbarkeit des Geschlechtstriebes habe mit ihren sonstigen Charaktereigenschaften nichts zu tun, ja sie könnte sogar „mit höherer Begabung in ethischer, ästhetischer und intellektueller Beziehung“ einhergehen. Forel enttabuisierte damit als einer der ersten Mediziner von Rang die verteufelte Onanie.

Einen besonderen Beitrag zur Onaniedebatte im frühen 20. Jahrhundert leistete die Psychoanalyse. Freud „enttabuisierte“ keineswegs die Selbstbefriedigung schlechthin, sondern sah sie als Ausdruck eines anomalen und pathogenen Sexuallebens an. In zahlreichen seiner Schriften ging er auf die Problematik der Masturbation ein, so auch in der 1908 publizierten Abhandlung „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität“.[4] Seine zwiespältige Haltung ist typisch für die Einschätzung des Verhältnisses von Kultur und Sexualität. Die Masturbation und ähnliche Befriedigungen, „die an die autoerotischen Sexualtätigkeiten der frühen Kindheit anknüpfen“, seien „als Ersatzmittel zur sexuellen Befriedigung keineswegs harmlos; sie disponieren zu den zahlreichen Fromen von Neurosen und Psychosen, für welche die Rückbildung des Sexuallebens zu seinen infantilen Formen die Bedingung ist.“[5] Zugleich widerspreche die Masturbation der „kulturellen Sexualmoral“ und führe deshalb die jungen Menschen in dieselben Konflikte mit dem „Erziehungsideale“, denen sie durch die Abstinenz entgehen wollten. Interessanterweise legte Freud hier den Akzent aber weniger auf die Unterdrückung der Sexualität durch kulturelle Normen und deren krankmachendes Potenzial, als vielmehr auf die Gefahren der Masturbation für die Entwicklung des (heterosexuell und genital orientierten) Sexuallebens. Denn die Masturbation verderbe „den Charakter durch Verwöhnung auf mehr als eine Weise, erstens indem sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt durch energische Kraftanstrengung erreichen lehrt, also nach dem Prinzip der sexuellen Vorbildlichkeit, und zweitens, indem sie in den die Befriedigung begleitenden Phantasien das Sexualobjekt zu einer Vorzüglichkeit erhebt, die in der Realität nicht leicht wiedergefunden werden kann.“[6] 

Freuds Dogmatik der Sexualität gründete auf einer vom Darwinismus geprägten biologischen Entwicklungslehre, wie er sie bereits 1906 in den „Drei Abhandlunden zur Sexualtheorie“ dargelegt hatte.[7] Die so genannten Entwicklungsphasen der genitalen Organisation waren naturgesetzlich vorgegeben. Die erste „prägenitale Sexualorganisation ist die orale, oder wenn wir wollen, kannibalische. […] Die zweite prägenitale Phase ist die der sadistischanalen Organsiation.“[8] In der Pubertät komme es dann zum „Primat der Genitalzone“, dem sich die „erogenen Zonen“ unterzuordnen hätten.[9] Vor dem Hintergrund dieser Evolutionstheorie der Sexualität konnte Freud eine besondere Pointe anbringen: Das „Weibwerden des kleinen Mädchens“ sei nur dadurch möglich, dass es die „Klitorissexualität“, die der phallischen Phase entspreche, verdränge und damit „ein Stück männlichen Sexuallebens“.[10] Auf den diesbezüglichen Begriff des Penisneids wollen wir hier nicht eingehen. Es geht also um die „Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den Scheideneingang, die „gleichsam die infantile Männlichkeit beseite schafft“. In diesem Geschehen  lägen „die Hauptbedingungen für die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie.“[11] Damit glaubte Freud das „Wesen der Weiblichkeit“ erkannt zu haben. Damit war jedoch eine normative Setzung gegeben: Die Orgasmus des Weibes hatte sich in der Vagina und nicht an der Klitoris zu entzünden.

Das Problem der Masturbation kam in der Wiener Psychoanaltischen Vereinigung durchaus zur Sprache, wie die „Protokolle der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft bei Prof. Freud“ belegen. So referierte am 15. Januar 1908 ein gewisser „Dr. Urbantschitsch“ zum Thema „Meine Entwicklungsjahre bis zur Ehe“.[12] Aus der Reaktion der Diskutanten lässt sich schließen, dass der Referent von einer gesundmachenden Wirkung der Onanie bei sich selbst berichtete. So meinte Wilhelm Stekel, das Referat habe seine eigene Auffassung von der „Unschädlichkeit der Onanie bestätigt.“ Freud widersprach laut Protokoll: „Entgegen der Meinung Stekels sei er von der Harmlosikeit der Onanie keineswegs überzeugt.“[13] Rudolf Urban von Urbantschitsch, dessen Namen in verschiedenen Versionen auftaucht, gehörte zu Freuds Umfeld und musste als Jude in die USA emigrieren, wo er als praktizierender Analytiker die Psychoanalyse popularisierte. Bereits 1928 war sein Buch „Psychoanalysis for All“ erschienen, eine überarbeitete und übersetzte Fassung seines wenige Jahr zuvor in der Urania in Wien gehaltenen Vortrags  mit dem Haupttitel „Psychoanalyse“.[14] Seine 1949 in New York erschienene Schrift „Sex Perfection and Marital Happiness“ behandelte eingehend „Das Problem der Masturbation“.[15] 

Für Urbantschitsch war die Masturbation des Kindes eine physiologisch gänzlich ungefährliche Angelegenheit, sie werde „von 90 Prozent aller Kinder auf der ganzen Welt“ ausgeübt.[16] Die restlichen 10 Prozent, die „niemals masturbiert haben, entwickeln sich später zu Neurotikern, Pervertierten oder leiden an Impotenz oder Frigidität.“ Alle Drohungen und Bestrafungen zur Bekämpfung der Masturbation seien nicht nur wirkungslos, sondern regelrecht krank machend. Denn die Schädigung entstehe nicht durch die unmittelbare Handlung, sondern durch die Furcht, die man im Kind erwecke, „indem man ihm die angeblich schrecklichen Folgen seiner Tat vor Augen hält.“[17] Wie bereits Jahrzehnte zuvor in der „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ (siehe oben) vertrat hier der Autor einen klaren Standpunkt. Allerdings folgte er dem Meister Freud in einem Punkt: Die sexuelle Reifung der Frau erfordere die Verlegung des Lustzentrums von der Klitoris zur Vagina. Mit Blick auf die seinerzeit idealisierte Sexualmoral der Trobriander auf den „Melanesischen Inseln“ schrieb er: „Ein Mädchen, das unfähig ist, beim Sexualakt einen starken erlösenden Orgasmus zu erreichen, oder nicht gelernt hat, ihre unreifen Empfindungen in der Clitoris zugunsten der reifen, erwachten Gefühle in der Scheide aufzugeben, müßte alle Hoffnung auf eine Ehe verlieren, denn sie würde als minderwertig angesehen werden.“ In einer Fußnote schob er gegen etwaige Einwände eine physiologische Begründung nach: „Wenn auch ein Clitoris-Orgasmus ebenso stark sein kann wie ein vaginaler, so macht doch die lokale Clitoris-Entspannung beim Sexualakt die viel wirkungsvollere Entspannung des Gesamtorganismus unmöglich“.  

Die biologische Gefährlichkeit der Onanie stand bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gerade bei nichtärztlichen Autoren weiterhin außer Frage. Freilich gab es vereinzelt auch Stimmen, die sozusagen den Spieß der biologistischen Argumentation umdrehten und die Onanie mit Hinweis auf das Tierreich zu einer natürlichen, gesunden Betätigung erklärten. Die unter dem Pseudonym P. N. Teulon veröffentlichte Schrift eines englischen „Naturwissenschaftlers, Psychologen und Erziehers“ wäre hier zu erwähnen, der auch über eine fragwürdige Methode der „sexuellen Heilbehandlung“ an einem eigenen Fallbeispiel berichtete (Kap. 47).[18] Gegen die überlieferten Schreckensbilder ging Teulon von der These aus, dass die Onanie weder unnatürlich noch krankhaft sei, sondern „ein sinnvolles und normales Geschehen“.[19] Dies lasse sich naturwissenschaftlich durch Tierbeobachtung bestätigen. Bei vielen Säugetierarten lasse sich beobachten, dass die Mütter die Geschlechtsteile ihres Nachwuchses mit der Zunge leckten. Das Belecken und Kratzen von kranken oder verletzten Körperstellen werde von Lustgefühlen begleitet und stelle zugleich eine „heilende Handlung“ dar.[20] Das Reiben bedeute der Natur eine Unterstützung des Heilprozess, und analog sei die Selbsbefriedigung zu betrachten. Sie könne dazu dienen, „in jungen Jahren den Blutumlauf in den betreffenden Organen zu erhöhen und ihre Entwicklung zu ermutigen, sowie in reiferem Alter ihre Tätigkeit zu verlängern und zu vertiefen.“[21] Die Natur wird als scharfsinnige Agentin gesehen, die ihre Wesen durch „Lustprämien“ dazu verlocke, die „Riesenarbeit der Arterhaltung“ letztendlich auf sich zu nehmen.[22] Das Belecken der äußeren Geschlechtsteile erscheint in dieser Perspektive als vernünftige Natureinrichtung. Beim cunnilingus gehe es im Wesentlichen um die „Schlüpfrigmachung der Scheide“ und der Zweck der fellatio bestehe „fast rein in einer Unterstützung der männlichen Reinheitspflege [!]“.[23] Teulons Legitimierung der „Masturbation“, die er hier nur als gegenseitige sexuelle Stimulierung ohne Koitus verstand, stützte sich letztlich auf das Argument, dass der natürliche Zweck die masturbatorischen Mittel heilige.  


[1] Forel [1905], 1942, S. 201. [2] A. a. O., S. 205. [3] A. a. O., S. 206. [4] Freud, 1908. [5] Ebd., S. 162. [6] A. a. O., S. 163. [7] Freud, 1906. [8] Ebd., S. 98 f. [9] A. a. O., S. 108. [10] A. a. O., S. 122. [11] A. a. O., s. 123. [12] Nunberg / Federn (Hg.), Bd. 1 [1906-1908], 1976, S. 264. [13] A. a. O., S. 266. [14] Urbantschitsch, 1924. [15] Urbantschitsch [1949], 1951,  S. 59-89. [16] Ebd., S. 59. [17] A. a. O., S. 65. [18] Teulon, 1930 [b]; Teulon, 1930 [a], S. 5 [Vorwort des Herausgebes]. [19] Teulon, 1930 [a], S. 6. [20] A. a. O., S. 9. [21] A. a. O., S.  11 f. [22] A. a. O., S. 14. [23] A. a. O., S. 15 f.

44. Kap./3 * Onanie als Quelle allen Übels

Magic of Natur Lecture 44 K 3

Der von mir gelesene Text kann durch einen Audio Podcast angehört werden.

Das Klischee von der Leib- und Lustfeindlichkeit des Christentums wird bis heute eifrig gepflegt. Vor allem die Unterdrückung der Sexualität wird dabei beklagt, die gesundheitsschädigende Auswirkungen habe. Ab den 1950er Jahren wurden Störungen, die man der triebfeindlichen Erziehung nach rigiden Vorgaben der Kirche zuschrieb, als Symptome der „ekklesiogenen Neurose“ angesehen.[1] Ein herausragendes Zeugnis dieser Problematik stellte der autobiografische Bericht „Gottesvergiftung“ des Psychoanalytikers Tilmann Moser dar.[2] Es wird dabei allzuleicht übersehen, dass die „Triebfeindlichkeit“ seit der Aufklärung und der von ihr initiierten Medikalisierung primär nicht mehr von Religion und Kirche, sondern von Medizin und Gesundheitspolitik ausging. Die große Onanie-Debatte, die im 18. Jahrhundert in Gang kam, war in erster Linie keine Moralkampagne katholischer Priester, sondern ein Feldzug von aufgeklärten Ärzten zur Förderung der Volksgesundheit. Diese argumentierten zum einen physiologisch im Sinne der Humoralpathologie, wonach der Verlust an Samenflüssigkeit (der dem Schleim, dem phlegma im Gehirn zugordnet wurde) sowie die übermäßige Nervenreizung eine „Rückenmarksdarre“ verursachten. Zum anderen argumentierten sie psychologisch im Sinne der Imaginationslehre, wonach wollüstige Einbildungen zu Verirrungen des Geistes und des Körpers führen würden. Die Einschätzung der Onanie als krankheitsverursachendes Übel wurde letztlich erst mit der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren nach und nach aufgegeben. Kirchen- bzw. religionskritische Autoren wie Tilmann Moser traten just da auf den Plan, als die Medizin selbst sich wandelte und ihren dogmatischen Paternalismus aufgab. Aus dem Blickwinkel der Medizinhistoriographie ist es bemerkenswert, dass die Lehre von der „ekklesiogenen Neurose“, die durchaus eine gewisse Plausibilität hat, den Blick von der mindestens ebenso problematischen „iatrogenen Neurose“ ablenkte, die von einem – gerade auf sexuellem Gebiet – extrem normativen Menschenbild der Medizin ausging. Denn „Perversionen“ wurden insbesondere von der Psychiatrie unerbittlich gegeißelt und Homosexualität und Onanie oft in einem Atemzug als solche „Perversionen“ oder Kennzeichen der „Psychopathie“ gebrandmarkt.

Thomas Laqueur lässt die Onanie-Debatte über deren Schädlichkeit mit dem Jahr 1712 beginnen, als – Jahrzehnte vor Tissots Klassiker (siehe unten) – eine englische Schrift anonym unter dem Titel „Onania or the Heinous Sin of Self-Pollution“ erschien.[3] Das Buch sei „von einem Quacksalber und Pornografen aus Profitstreben verfasst“ worden, den er namentlich identifieren könne: John Marten, „der 1708 wegen Obszönität verklagte Chirurg und Quacksalber.“[4] Die deutsche Übersetzung erschien in der Erstauflage 1736 unter dem Titel „Onania oder die Sünde der Selbst-Befleckung, mit allen ihren entsetzlichen Folgen“.[5] Ihre Wirkung dieser Schrift war offenbar beachtlich, wurde sie doch bereits wenige Jahre später in dem betreffendenden Band von Zedlers „Universallexicon“ im Artikel „Selbst-Befleckung“ als eine Hauptquelle ausführlich zitiert – 17 Jahre vor dem Erscheinen von Tissots klassicher Schrift.[6] Bereits hier wurde dem großen Publikum das ganze Schreckenspanorama dieser „Sünde“ ausgemalt, die auch als „Onania“ und „Crimen onanitium“ bezeichnet wurde. Crimen war in jener Zeit ein Synonym für „Laster, Übelthat, Missethat, Verbrechen“, wobei die Onanie als ein Crimen occultum, ein „heimlich und verborgen Laster“ aufgefasst wurde.[7] Als verwerflich galt, dass sich die betreffenden Personen „in ihren Gedancken bemühen, der Natur nachzuäffen“ und sich die Empfindung selbst verschaffen, die Gott verordnet habe, um die „fleischliche Vermischung“ zum Zwecke der Fortpflanzung „angenehmer“ zu machen.[8] Mit Hinweis auf den biblischen Onan (Gen 18,9-10) wurde der zutiefst sündhafte Charakter der Onanie herausgestellt. „Die Selbst-Befleckung ist nicht nur eine Sünde wider die Natur, sondern auch eine solche Sünde, so die Natur umkehret, und gleichsam ausrottet, und wer sich deren schuldig machet, der bemühet sich um den Untergang seines Geschlechts, und suchet gleichsam der Schöpfung selbst Schaden zuzufügen.“[9]

Als besondere Ursachen – abgesehen den „Ursachen der Unreinigkeit überhaupt“ wie „ärgerliche Bücher, böse Gesellschaft, […] unzüchtige Gespräche“ – wurden drei genannt: (1) die Unwissenenheit über die „Erschrecklichkeit des Lasters“, seine gesundheitsruinierende Folgen; (2) die „Heimlichkeit dieser Sünde“, die ohne Zeugen begangen wird; und (3) die „fälschlich eingebildete Straflosigkeit“, da die das Laster nicht, wie die Hurerei, Geld koste und eine Ansteckungsgefahr mit sich bringe. Der Katalog der „erschrecklichen Folgen und Plagen“ ist lang und betrifft beide Geschlechter. Es sei hier nur eine Auswahl von Stichwörtern wiedergegeben: Verhinderung des Wachstums bei beiden Geschlechtern; bei Männern und Knaben werden u. a. Phimosen, Strangurien, Priapismus, Gonorrhöen, Ohnmachten, Fallsucht, Schwindsucht, körperliche Abzehrung, Penisschwäche, Unfruchtbarkeit, kränkliche und schwache Kinder genannt; bei Frauenzimmern führe die Onanie zum Ausfluss, zu bleichem bzw. schwarzgelbem und bleifarbenem Aussehen, hysterischem Paroxysmus, „Mutter-Beschwerung“, Abzehrung des Leibes und Unfruchtbarkeit. Der Artikel in Zedlers „Universallexicon“, der mit einer religiösen Brandmarkung des Lasters begonnen hat, greift diese im Schlussteil noch einmal auf und verstärkt sie: Dieses Laster, die „Gewohnheit der Unreingkeit durch die Selbst-Befleckung“, sei besonders gefährlich, da sie den anderen, wie Ehebruch und Hurerei, den Weg bahne. Im Grunde können auch alle andern Laster von der „ersten Schooß-Sünde“ hervorgerufen werden, wie Lügen, Schwören, „ja vielleicht Mord und Todtschlag.“[10] Es erscheint auf den ersten Blick paradox und absurd, dass die Onanie just im Zeitalter der Aufklärung ihre intensivste und penetranteste Unterdrückung erfuhr. Die tatsächliche Durchschlagskraft des Onanie-Verbots verdankte sich wie gesagt weniger theologischen Verdikten, als vielmehr der strikt medizinischen Argumentation, welche die schrecklichen Folgen der Sünde für Leib und Leben im Diesseits höchst dramatisch auf der öffentlichen Bühne darzustellen wusste und diese performance im Namen der Wissenschaft mit religiöser Sündenrhetorik einrahmte.

Der schweizerische Arzt und medizinische Schriftsteller Samuel Auguste Tissot veröffentlichte schließlich 1860 seine berühmte Abhandlung „L’Onanisme“[11]. Im selben Jahr erschien bereits die erste Ausgabe der deutschen Übersetzung.[12] Auf der Rückseite des Titelblatts sind folgende bedrohlich klingenden Verse des Friedrich Rudolph Ludwig Freiherrn von Canitz zu lesen, die in der französischen Ausgabe fehlen und von der originalen Fassung abweichen:

Wenn schnöde Wollust dich erfüllt,

So werde durch ein Schrökenbild

Verdorrter Todenknochen

Der Küzel unterbrochen.

 Bei dem 1699 gestorbenen Diplomaten und Lyriker von Canitz lautet der erste Vers (aus den „Geistlichen Gedichten“ entnommen): „Wenn schnöde Wollust mich erfüllt“. [13] Das reuevolle In-Sich-Gehen wurde vom Tissot-Übersetzer zur pädagogischen Ermahnung anderer umgemünzt. Diese Verse erschienen auch in leicht veränderter Schreibweise als Legende zu einem Kupferstich, der in einer 1787 erschienenen Abhandlung gegen die Onanie als Frontispiz vorangestellt wurde.[14] (Abb. [i]) Es zeigt einen Erzieher, der seinen Zögling offenbar vor einem Skelett schwören lässt. Ein solches setting, das an den Einsatz von Skeletten zur Abschreckung in der Irrenheilkunde erinnert, war im ausgehenden 18. Jahrhundert offenbar recht bekannt. So schrieb der Pietist Georg Sarganeck: „Ich kenne einen Freund, der ein Sceleton oder Todtengerippe von einem Weibsbilde, so ihrer Unzucht und Kindsmordes wegen am Leben erst vor 5 Jahren bestraft worden, besitzet und selbiges zu dergleichen Vorstellungen für sich und ander gebrauchet.“[15] Mit diesem Bild illustrieren übrigens heutige Autoren im Bereich der Kulturwisseschaften gerne ihre Studien zur Geschichte der Sexualität.[16]

Zurück zu Tissot: Er schilderte vor allem eigene Fallbeispiele für krankmachende, ja tödliche Ausschweifung bzw. Onanie, etwa die Geschichte eines älteren Mannes, der wegen zu häufigen Beischlafs mit seiner jüngeren Frau zu Tode gekommen sei: „Ich kenne einen sehr gelehrten aber dabei zärtlichen und pflegmatischen [sic] Mann / der in seinem neun und fünfzigsten Jahre eine junge und sehr geile Frau heurathete, in der dritten Woche nach der Hochzeit von wegen des allzufleißigen Beischlafs in eine plözliche und gänzliche Blindheit verfallen ist / in dem vierten Monat gieng er den Weg alles Fleisches.“[17] Die Schreckensbilder der Onanie bzw. der sexuellen Ausschweifung gleichen denen, die uns bereits in Zedlers „Universallexicon“ begegnet sind. Interessant ist Tissots Schilderung der weiblichen Onanie und seine Begründung ihres geringeren Gefahrenpotentials. Die Frauen bewegten sich sozusagen im Windschatten der Männer. Zunächst stellte er fest, „daß auch selbst das schöne Geschlecht von der Schändlichkeit der Selbstbefleckung nicht völlig frei ist“, wobei ihm die „weibliche Schändung, welche mit dem Küzler geschiehet“, besonders am Herzen lag.[18] Aber Frauen seien sowohl durch übermäßigen Geschlechtsverkehr als auch durch Onanie weniger gefährdet als Männer, was eine physiologische Ursache habe: „weil der sogenannte weibliche Samen keine belebende Kraft hat, mit weit weniger Zubereitung und Umständen abgesondert wird, und von geringerem Werth ist, als der rechte Hoden-Samen der Männer“.[19] Immerhin zählte Tissot eine Reihe von Krankheiten auf, welche durch weibliche Onanie hervorgerufen würden: „grausame Mutter Beschwerden, peinliches Zuken, die gelbe Sucht […] , grose und hartnäkige Verstopfung des Leibes, […] weisen Flus, […], die geile Wuth und dergleichen mehr.“[20] 

In diesem Zusammenhang wäre die Aufklärungsschrift des sozialmedizinisch interessierten Arztes Bernhard Christoph Faust zu erwähnen, der bis 1785 in Rotenburg an der Fulda praktizierte: „Wie der Geschlechtstrieb der Menschen in Ordnung zu bringen und die Menschen besser und glücklicher zu machen“.[21] Die Gewährsleute des Autors waren Tissot und Rousseau. Er prangerte die Selbstbefleckung als das größte Übel an und sah in ihr ein Zeichen des allgemeinen Sittenverfalls. Seit zwei Generationen seien Zucht und Ordnung angesichts von Üppigkeit, Wollust und Weichlichkeit verloren gegangen. „Ginge dies fürchterliche um sich greifende Uebel, in eben der Progression, mit der es angefangen hat, steigend fort: so würde es um das Menschengeschlecht, das schon jetzt so sehr verfallen ist, bald gänzlich gethan seyn.“[22] Er meinte, die weibliche Ordnung bzw. Unordnung würde dem männlichen Vorbild folgen. Deshalb müsse man die erste und größte Sorge auf das männliche Geschlecht verwenden: „Mit dem männlichen kommt auch das weibliche Geschlecht in Ordnung.“[23] Sein Rezept war die „Abhärtung“, das auch die Forderung nach Abschaffung der Kopfbedeckung einschloss.[24] Faust schlug eine detaillierte Kleiderordnung vor, eine „Landesordnung über künftige einförmige Kleidung der Kinder der Landleute“.[25] Der Zweck dieser Uniformierung war, die Geschlechtsteile „vorzüglich des männlichen Geschlechts, in den ersten 14 bis 15 Jahren des Lebens kühl und frei zu halten“ und die Kinder „wieder in den Stand der Kindheit einzusetzen – und so einen Anfang zur Ordnung und zum Glück im Menschengeschlechte zu machen“.[26]

Faust schickte sein Buch an zahlreiche „weise, edle Männer“ in Europa, darunter auch an den Naturforscher und Jakobiner Georg Forster und den Anatomen Samuel Thomas Sömmerring. Er legte es pathetisch vor dem „Altar der Menschheit“ nieder, was er entsprechend illustrierte – ein schönes Beispiel für die Sakralisierung profan gewordener Wissenschaft, die sich dann im 19. Jahrhundert im „Tempel der Wissenschaft“ wähnte (Kap. 4). (Abb. [ii]) Johann Heinrich Campe, ein Vertreter der Aufklärungspädagogik in Deutschland, lobte in seiner „Vorrede“ die lauteren Absichten des Autors, dem es um das Wohl der Menschheit und nicht um sich selbst gehe. Auch er machte ungünstige „Beinkleider“ der Knaben für die Sittenverderbnis verantwortlich. Campe wollte den Einwurf dagegen, dass auch frühere Zeiten solche Kleidungsstücke ohne Schaden in Gebrauch waren, entkräften: „Was das rohe, unverderbte und durch jede Art von Abhärtung gestählte Kind der Natur, ohne merklichen Schaden erträgt, das kann für den durch Kunst und Ueppigkeit verweichlichten und verkrüppelten Schwächling die gefährlichsten Folgen haben.“[27]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiogene_Neurose (22.10.2009) [2] Moser, 1976. [3] Onania [c. 1712], 1759. [4] Laqueur, 2008, S. 416 bzw. S. 33. [5] Onania, 1736. [6] Zedler, Bd. 36, 1743, Sp. 1586-1590. [7] Zedler, Bd. 6, 1733, Sp. 1645 f. [8] Zedler, Bd. 36 (1743), Sp. 1586. [9] A. a. O., Sp. 1587. [10] A. a. O., Sp. 1590. [11] Tissot, 1760 [a]. [12] Tissot, 1760 [b] [13] Canitz, 1727, S. 45. [14] Rötger, 1787: Frontispiz. [15] Zit n. K. Braun, 1995, S. 218; Sarganeck, 1740, S. 500 f. [16] Wernz, 1993 [quasi Frontispiz]; K. Braun, 1995 S. 217. [17] Tissot, 1760 [b], S. 17. [18] A. a. O., S. S. 38 f. [19] A. a. O., S. 41. [20] A. a. O., S. 42. [21] Faust, 1781. [22] Ebd., S. 1. [23] A. a. O., S. 3: Fußn. [24] A. a. O., S. 134. [25] A. a. O., S. 67-157. [26] Ebd., S. 66. [27] Campe, 1781, S. XXIII.


[i] Rötger, 1787: Frontispiz; http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10764023_00006.html [20.07.2012); → Abb. Rötger 1787  [ii] Faust, 1781, S. 226; → Abb. Faust Altar der Menschheit