49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

49. Kap./6* Sexual magnetism [+ Audio]

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Im Gegensatz zur pragmatischen Ausrichtung der Oneida Community, die religiöse und säkulare Motive miteinander verband, agierte Noyes’ Landsmann Thomas Lake Harris, ein Spiritualist und Swedenborgianer. Er gründete 1859 in England eine christliche Kommune „Brotherhood of the New Life“ und ließ sich 1861 in den USA mit seiner Gruppe in dem Dorf Brocton (US-Bundesstaat New York) nieder. Darüber hinaus gründete er eine Niederlassung in Kalifornien, wohin er und der innere Zirkel seiner „Brotherhood“ übersiedelte. Die Kooperative betrieb Landwirtschaft und produzierte Waren, wobei Harris selbst auch Wein anbaute, der angeblich mit göttlichem Atem (divine breath) angereichert war und alle schädlichen Stoffe neutralisierte.[1] Er hatte in den USA und Großbritannien zeitweilig bis zu 2000 Anhänger.  Harris schöpfte aus älteren esoterischen Quellen, insbesondere dem Swedenborgianismus, der in den USA seinerzeit Konjunktur hatte. In geringerem Umfang bezog er sich auch auf die christliche Theosophie in der Tradition Jakob Böhmes. Heutigen Betrachtern erscheint sein Ansatz eher fremd und, verglichen mit Noyes, weniger zugänglich.[2] Angeblich empfing er in seinen Visionen direkt Swedenborgs Segen und erreichte höhere Stufen der Offenbarung (revelation). Die theosophischen Ideen der Himmlischen Hochzeit und der Brautmystik waren für Harris entscheidend: Die innere geistige Hochzeit mit einem himmlischen Partner ließ die irdische Ehe und Sexualität in den Hintergrund treten. So führte Harris mit seiner zweiten Frau vorsätzlich über drei Jahrzehnte hinweg mit deren Einverständnis eine zölibatäre Ehe.[3] Denn die geistige Vermählung mit einer himmlischen Macht, die der Idee der „ehelichen“ Liebe bei Swedenborg entsprach, als dessen Nachfolger er sich ansah, stand für ihn im Mittelpunkt.[4] Diese Macht bezeichnete er als himmlische „Lily Queen“, in Anspielung auf Böhmes Prophezeiung einer bevorstehenden “Lilienzeit“ und dessen mystische Vorstellung einer Hochzeit der Seele mit Sophia. (Kap. 45).

Harris schöpfte offenbar ausschließlich aus den Quellen der westlichen esoterischen Tradition. So war seine Empfehlung des „inneren Atmens“ (internal respiration), die an buddhistische Meditationstechniken erinnert, von Swedenborgs „respiratio interna“ abgeleitet und die Idee einer Vereinigung mit einem himmlischen „counterpart“, die an den asiatischen Tantrismus denken lässt, wurzelte in der christlichen Theosophie. Trotz dieser spiritualisierten Transformation sexueller Gefühle spielten diese in der Gemeinschaft durchaus eine manifeste Rolle. Interessant sind die anonym verfassten Briefe einer „Sister in the New Life“ aus dem Jahr 1881. Die Briefschreiberin berichtete von vibrierenden Empfindungen in den Armen, die sich auf den ganzen Körper ausbreiteten. Beim ersten Mal seien diese wohl durch die Geschlechtsorgane in den Körper gekommen, „and with it came the thought, this is like sexual intercourse, only infinitely more so, in that every atom of your frame enters into union with another atom to the furthest extremity of your body.”[5]Sie fühlte sich daraufhin voller Dankbarkeit unendlich ruhig und friedlich. Einige Tage später fühlte sie ihren “counterpart” in sich, ihren “inner husband or angel”, und spürte mit Ehrfurcht den „Tempel der Mutter“ (the Mother’s temple) in sich selbst und dass die Gebärmutter (womb) und Leben spendenden Organe sehr heilig sein müssten. Sie kultivierte diese ekstatischen Sensationen und fühlte die Lebensströme durch sich hindurchfließen.[6] Mit der Frauenärztin Alic Bunker Stockham und ihrem Konzept der Karezza werden wir gegenüber Noyes und Harris auf einen weiteren Typ sexueller Spiritualität stoßen, den Versluis zutreffend als „a more secular sexual mysticism of human creativity“ bezeichnet hat (siehe unten).[7]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der Mesmerismus in den USA eine spezifische Blüte, die eine einzigartige Melange aus dem Streben nach Gesundheit, persönlichem Glück, sozialer Harmonie und religiösem Heil darstellte.[8] Auch die Probleme der Sexualität schienen nach dem Vorbild des Mesmerismus lösbar zu sein. Es ist zu vermuten, dass er in der „grauen Literatur“ der Gesundheitsratgeber und Erbauungsbroschüren eine herausragende Bedeutung hatte. Vor allem spielte er eine Rolle in sozialutopischen Reformansätzen, in denen biologisches, sozialreformerisches, medizinisches und religiöses Denken miteinander verwoben war. Beispielhaft kann hier der US-amerikanische Schriftsteller und Sozialutopist Albert Chavannes genannt werden, der als Farmer in Knoxville, Tennessee, lebte und in den 1880er und 1890er Jahren eine Reihe von Schriften veröffentlichte, darunter auch – inspiriert von Edward Bellamys seinerzeit berühmtem Roman „Looking Backward“ (1888) – zwei utopische Romane. Er vertrat einen „naiven Marxismus“ und versuchte, die darwinistische Evolutionstheorie mit einer dynamischen Soziologie zu verbinden. In der von ihm angestrebten wissenschaftlich begründeten neuen Gesellschaft sollten sich Individualismus und Kommunismus optimal ergänzen.[9] Sein Büchlein „Vital Force and Magnetic Exchange“ erschien 1888. Es ist heute bibliothekarisch nur noch ein Exemplar in der U. S. National Library of Medicine nachweisbar.[10] Chavannes verknüpfte in dieser Schrift mesmeristische mit neurophysiologischen Ideen zu einer Lehre vom „sexuellen Magnetismus“ als Grundlage für eine humane Gesellschaft. Zentrales Reservoir für die Gesundheit, für das perfekte Arbeiten aller Teile der Körpermaschine (machine), sei die Lebenskraft (vital force).[11] Lebenskraft, Elektrizität und Magnetismus seien alle Manifestationen einer spirituellen Substanz und unterschieden sich nur hinsichtlich ihrer Funktionen.[12] Die Lebenskraft werde nicht nur für die je eigenen Bedürfnisse benötigt, sondern auch für den Austausch (exchange) mit anderen. Für diesen magnetischen Austausch müssten alle Hindernisse für den magnetischen Strom (flow of magnetism) beseitigt, alle Kanäle (channels) geöffnet werden, was eine kontinuierliche Praxis zur Voraussetzung habe.[13] Chavannes setzte diese interpersonellen Austauschverhältnisse in Analogie mit den Verhältnissen der technischen Zivilisation. Genauso, wie eine zivilisierte Nation Kapitalakkumulationen, Eisenbahn, Dampfschiffe, Banken und Geschäfte zum freien Warenaustausch benötige, würden gesunde, aktive Menschen einen großen Vorrat an Lebenskraft akkumulieren, ihr gesamtes System zu einem höheren Wirkungsgrad der Transferleistung trainieren und gegen alle Hindernisse eines freien Austauschs ankämpfen.

Chavannes unterschied drei Speicher (storehouses) der Lebenskraft: Im Gehirn sei der „intellectual magnetism“, im „sympathischen Nerv“, einem Nervenzentrum, das hinter dem Herzen liege, sei der „emotional magnetism“ und in den Genitalien sei der „sexual magnetism“ gespeichert. Was Mesmer als „Magnetisieren“, als Übertragung des Fluidums oder als „Mitteilung des Lebensfeuers“ bezeichnete, schilderte nun Chavannes als „Überfluss dieser Lebenskraft“ (overflow of this vitality), die von einem auf den anderen übertragen (transferring) werden könne.[14] Der „sexuelle Magnetismus“ sei jene Lebenskraft (vital force), wodurch sich die Geschlechter anziehen. So würde der Magnet Eisen anziehen und der magnetische Strom die Muskeln kontrahieren – und dieselbe Kraft würde auch die Individuen zusammenziehen.[15] Der Antrieb zum Geschlechtsverkehr (coition) entspringe nicht dem Wunsch nach Reproduktion, sondern vielmehr dem Bestreben, den sexuellen Magnetismus zu übertragen (transfer of sexual magnetism).[16] Chavannes benutzte hier die Metapher der Batterie, um die Dynamik der Kraftübertragung zu illustrieren: „A manly man und a womanly woman, in good health and in the strength of life, are sexual magnetic batteries, always loaded, and always ready to give off their magnetism. Through the eye, through the voice the exchange is often carried on, and can be made very effectively through kisses, holding of hands and caresses.”

Chavannes Schlüsselbegriff für die Übertragung des „sexuellen Magnetismus“ war „magnetation“. Er hatte ihn auf Anregung des US-amerikanischen Anarchisten John William Lloyd übernommen, mit dem er offenbar in den 1880er Jahren in Kontakt stand, worauf dieser in einer Jahrzehnte später erschienenen Publikation hingewiesen hat (siehe unten).[17] Der springende Punkt war die Annahme, dass die Sexualkraft (sexual force) nicht nur auf die Nachkommen übertragen werde, sondern auch zum eigenen Wohl verwandt werden könne, um die eigene Lebenskraft zu stärken und womöglich die Lebensdauer zu verlängern. Magnetation erzeuge durch den sexuellen Magnetismus immer ein Gefühl der Anziehung. Freilich besagte der Kernsatz „Magnetation leads to procreation, but procreation kills magnetation“, dass eine magnetische Übertragung von Lebenskraft nur mit einer strikten Familienplanung gewährleistet sei.

Auch für Chavannes waren die Begriffe „Mesmerismus“ und „Hypnotismus“ Synonyme und verwiesen auf jene „wunderbare Kraft“ (wonderful power), auf die Mesmer als Erster aufmerksam gemacht habe und die nichts anderes sei, als die Lebenskraft, die in uns allen stecke und die wir zu unserem Wohle einsetzen könnten.[18] Er widmete der „magnetischen Heilweise“ (magnetic cures) ein eigenes Kapitel, wobei er hierunter auch die Geistheilung (mind cures) subsumierte. Er ging von zwei unterschiedlichen Heilmethoden aus: Die traditionelle Methode setze „chemische Kräfte“ ein und sei bei akuten Krankheiten angezeigt, die magnetische Methode, welche auf die Stärkung der „Lebenskraft“ baue, solle bei chronischen Krankheiten angewandt werden.[19] Er betonte, dass nicht der „Überfluss“ an Lebenskraft bei den magnetisierenden Ärzten (magnetic doctors) ausschlaggebend sei, da diese zumeist eine recht empfindliche Konstitution (very sensitive organizations) aufwiesen und keine Lebenskraft erübrigen könnten.[20] Vielmehr seien sie als „Medien“ (mediums) zu betrachten – „persons peculiarly organized, so as to enable them to recieve and dispense some occult – unknown – power or force which is latent in the universe.”

Chavannes vermutete, dass der Patient nur das schwächste Mitglied in einer Familie mit mangelnder Lebenskraft sei und als Sündenbock herhalten müsse. Deshalb habe der Arzt die gesamte Familie zu therapieren, gerade da, wo ein Mitglied durch Missachtung der „Gesundheitsgesetze“ (laws of health) selbst Lebenskraft vergeude und von anderen aufsauge.[21] Die Lebenskraft müsse als ein Wirkstoff (actual substance) begriffen werden, wertvoller als Gold und Silber, Grundlage allen Lebens und Glücks. Chavannes verwies auf analoge Begriffe anderer Autoren, wie z. B. „Animo-Vital Electricity“ eines gewissen Dr. Foot oder „Nervous Ether“ eines gewissen Dr. Richardson. Bei Letzterem handelte es sich wohl um Benjamin Ward Richardson, den Pionier der Anästhesiologie, der eine unsichtbare, ätherartige Substanz annahm, die sich über die Nerven verbreite, als „Band und Medium der Kommunikation“. Offenbar war auch Chavannes von der ungemein populären Theorie der „Nervenschwäche“ aufgrund zivilisatorischer Überreizung überzeugt, obwohl er explizit weder von „neurasthenia“ noch von „American nervousness“ sprach und den maßgeblichen US-amerikanischen Neurologen George Miller Beard namentlich nicht erwähnte.[22] Seine kritischen Bemerkungen zur sozialen Lage zielten jedoch in dieselbe Richtung: „The waste of vital force in this country is enormous. No people produce so much as the American people, or waste so recklessly as they. […] It fills the land with invalids, and supports a host of physicians and of medicine venders.”[23]

Es sei hier noch einmal hervorgehoben, dass gerade in den USA der Nährboden für sozialreformerische, religiöse und esoterische Bewegungen, die im 19. Jahrhundert vielfältig aufblühten, besonders fruchtbar war und bis heute seine Nachwirkungen zeigt. Spiritualismus, New Thought, Mind Cure movement und Theosophie hätten eine nachhaltige Tradition in außerkirchlicher amerikanischer Spiritualität (in unchurched American spirituality) geschaffen, wie der US-amerikanische Religionswissenschaftler Robert Fuller darstellte.[24]

Anmerkung vom 5.10.2015

Robert wies schon in den 1980er Jahren in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der „American Mesmerists“ hin. Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Ihr wichtigstes Erbe sei vielleicht gewesen, eine breite Schicht der Mittelklasse in „exotische Philosophien“ einzuführen, die östliche Religionen, Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und heidnische Lehren umfassten. „Spiritual, but not religious“ lautet Fullers Befund, um die gegenwärtige geistige Situation zu kennzeichnen. Sie wurde von Vordenkern und religiösen Revolutionären − einige von ihnen haben wir bereits ausführlich behandelt − herbeigeführt, die eine spezifische „American metaphysical religion“ schufen: „Together they have given rise to a variety of unchurched forms of American spirituality“.[25] Ohne diese Vorgeschichte sind das New Age und seine sozialen Ausdrucksformen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, von der Hippie-Bewegung bis zu den „Sannyasins“ unter der Führung von Bhagwan Shree Rajneesh kaum verständlich.[26] Die USA, insbesondere die kalifornische Westküste, war die Schaltstelle, von der solche, zum Teil durch östliche Weisheiten angereicherte spirituelle Bewegungen ins ferne Europa ausstrahlten. Die Folgen zeigen sich auf dem Esoterik-Markt und hier vor allem im Bereich der so genannten Alternativmedizin, die unter diesem schillernden Sammelbegriff alle möglichen „magischen“ Heilweisen und Gesundheitslehren anzubieten hat.


[1]http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Lake_Harris (17.04.2012). [2] Versluis, 2008, S. 336. [3] A. a. O., S. 337. [4] A. a. O., S. 338. [5] Zit. a. a. O., S. 344. [6] A. a. O., S. 345. [7] A. a. O., S. 349. [8] Fuller, 1985. [9] Roper, 1989. [10] Chavannes, 1888. [11] Ebd., S. 14. [12] A. a. O., S. 17. [13] A. a. O., S. 18. [14] A. a. O., S. 21. [15] A. a. O., S. 24. [16] A. a. O., S. 25. [17] A. a. O., S. 27; Lloyd, 1930, S. 14. [18] Chavannes, 1888, S. 42. [19] A. a. O., S. 39. [20] A. a. O., S. 40. [21] A. a. O., S. 41. [22] Beard, 1869; 1881. [23] Chavannes, 1888, S. 45. [24] Fuller, 2001, S. 11. [25] Fuller, 2004,  S. 149. [26] http://de.wikipedia.org/wiki/Neo-Sannyas (19.05.2012).

49. Kap./4* Tantra im Westen

Die westliche Aneignung des Tantra war also in erster Linie den Fantasien westlicher Orientalisten und den sexuellen Obsessionen (sexual obsessions) der modernen westlichen Gesellschaft geschuldet.[1] In dieser Perspektive erscheint heute Tantra in der populären US-amerikanischen Literatur als Methode des „spiritual sex“ im Dienste der „sexual liberation“.[2] In der New Age-Bewegung erwachte in den 1980er Jahren von Neuem das Interesse an esoterischen Sexualpraktiken. Der schillernde Begriff „Tantra“ bot sich als Projektionsfläche der verschiedenen Sehnsüchte und Bedürfnisse an. Man wollte sich in diversen Zirkeln, die sich häufig um einen bestimmten (zumeist indischen) „Guru“ scharten, vom technisch-rationalen Denken des Westens lösen und wandte sich den religiösen Lebensweisheiten des Ostens und seinen Ritualen zu, insbesondere hinduistischen und buddhistischen Traditionen. Besonders faszinierend für die westlichen Sucher waren die im Westen höchst ungewöhnlichen Sexualpraktiken, die den Geschlechtsverkehr willkürlich lenken sollten, um körperliche Lust zu verstetigen und zugleich spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Dies widersprach dem biologistischen Verständnis des Sexualakts im Westen, der nach dem Modell triebhafter Entspannung im Orgasmus als „Höhepunkt“ zu gipfeln hatte. Doch analog zum Import der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder des indischen Ayurveda nahm der Westen eine typische Anverwandlung vor: Die philosophischen und religiösen Inhalte wurden ausgeblendet und die praktischen Rituale in einer Form operationalisiert, die dem eigenen Denken und Handeln entsprach. Tantra wurde für den westlichen Menschen zu einer bestimmten Sexualtechnik zurechtgestutzt, die von jedem erlernt werden konnte, der nur entsprechende Ratgeber las und praktische Kurse besuchte. Seriöse und allgemeinverständliche Darstellungen des Tantra für den westlichen Laien, die die sprachlichen Quellen des Sanskrit, den ideen- und religionsgeschichtlichen Hintergrund und die rituelle Vielfalt berücksichtigen, sind eher die Ausnahme.[3]

Ein Beispiel für die Reduktion des Tantra auf eine reine Technik der Lustmaximierung lieferte der in Ceylon geborene Ashley Thirleby, Sohn eines englischen Teeplantagen-Betreibers. Sein Buch „Tantra. The Key to Sexual Power“ erschien 1978 und fand große internationale Verbreitung. Eine weitere Schrift, „The Tantra Circle“, erschien unter dem deutschen Titel „Tantra-Reigen der vollkommenen Lust“.[4] Solche Buchtitel sind bezeichnend. Sie verweisen auf das Hauptanliegen: Tantra soll als sexuelle Kraft- und Lustquelle genutzt werden. Wie das in Praxis geschehen kann, wird in einer detaillierten  Gebrauchsanleitung vermittelt. Im „Tantra-Reigen“ werden die „Sieben Nächte des Chakrapuja“ dargestellt, ein bis in die Einzelheiten festgelegtes sexuelles Ritual, an dem mehrere Paare teilnehmen, die „die Freuden himmlischer und zugleich sehr irdischer Liebe“ miteinander teilen, wie der Werbetext auf dem hinteren Buchdeckel verheißt. Das Buch ist garniert mit einer Serie von erotischen Illustrationen zum Geschlechtsverkehr aus der indischen Tradition, die nicht genauer nachgewiesen werden und keinen inhaltlichen Bezug zum Text haben. Sie sollen wohl dessen kulturhistorische Dignität belegen. „Chakrapuja“ bedeutete ursprünglich ein „Treffen der Meister und Schüler“: „Versammelt waren die tantrischen Meister, die Tantriker (die Tantra geübt und ausgeführt, es aber noch nicht gemeistert hatten) und jene Anfänger, für die die Rituale, ihre Bedeutungen und Ergebnisse noch neu waren.“[5] In der westlichen Welt könne man aber kaum einen tantrischen Meister in einem Tempel auftreiben, der „klassische Chakrapujas“ abhalte.[6] Dem wollte Thirleby abhelfen: „’Der Kreis’ ist eine moderne Deutung der klassischen Rituale des Chakrapuja, die angepaßt und abgestimmt wurden auf den Menschen von heute.“ Der Autor versprach, die „Lust und Kräfte, die im Chakrapuja wohnen“, ungeachtet aller Neugestaltung zu erhalten und sie dem modernen (westlichen) Menschen erlebbar zu machen. „An die Stelle des Tempels ist das Center getreten, an die Stelle des Meisters der ‚Führer’“.[7]

Die Vorschriften für jede kleinste Berührung und Fingerbewegung, das Sprechen bestimmter Mantras, das „Farbprogramm“ für die einzelnen Zeremonien und die zu reichenden Speisen und Getränke sind in ihrer Stringenz frappierend. Sie versprechen den Teilnehmern bei ihrer Befolgung vollen Erfolg, etwa wie eine Bauanleitung einem Bastler die Herstellung eines Möbelstücks verspricht. Der „indische Weg“ fasziniert offenbar den westlichen Menschen und die als Sex- oder Esoterikratgeber angepriesenen Schriften zum Tantra füllen eine Marktlücke. Sie verkünden eine Doppelbotschaft: Einerseits sei der im Osten praktizierte „Original-Tantra“ dem westlichen Menschen verschlossen und für ihn ungeeignet, andererseits aber gebe es für ihn „geeignete tantrische Rituale“, die praktikabel seien − im „rechtshändigen Tantra“ die symbolische, im „linkshändigen Tantra“ die geschlechtliche Vereinigung der Gottheiten Shiva und Shakti.[8]

Im Gegensatz zur westlichen Tantra-Rezeption spielten in der asiatischen Tradition die manifesten Sexualakte, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle und standen keineswegs im Mittelpunkt der Rituale und geistigen Übungen, wie etwa bei Randolph, der nur im gemeinsamen Orgasmus eine Möglichkeit sah, sich mit göttlicher Kraft (the breath of God) aufzutanken und magische Operationen durchzuführen.[9] Durch die Verschmelzung westlicher und östlicher Esoterik sollte nach der Vorstellung der Protagonisten des O.T.O. die alte westliche Welt des Christentums mit ihrer viktorianischen Prüderie niedergerissen werden und eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anbrechen. So hat sich nach Urbans Einschätzung Tantra auf seinem Weg in den Westen von einer ursprünglich äußerst esoterischen und konservativen Form in eine der machtvollsten Symbole sinnlichen Vergnügens und sexueller Befreiung verwandelt.[10] Die „Fetischisierung des Tantra“ durch Reuss habe die „sexuelle Revolution“ der 1960er Jahre antizipiert und den Weg für die neo-freudianischen Sexualtheorien wie die von Wilhelm Reich oder Herbert Marcuse geebnet (Kap. 48).[11] Es ist sicher zutreffend, Tantra in seiner heutigen westlichen Form als „life-affirming technique of self-improvement“ zu begreifen, die recht gut in die Konsumwelt des kapitalistischen Markts passt. Es fällt auf, dass Urban in seiner umfassenden Darstellung der Magia sexualis der Moderne mit keinem Wort auf die Oneida Community, Karezza und Alice Bunker Stockham (siehe unten) eingeht, jenen sexualreformerischen Ansatz, der Tantra zwar nicht erwähnte, aber seiner ursprünglichen Idee vielleicht näher kam, als die skandalumwitterte „Sexualmagie“ à la Randoph, Reuss oder Crowley.

Angeblich tantrische Sexualpraktiken stellten ein Begleitphänomen der sexuellen Revolution in den 1960er Jahren dar und erschienen als die sanftere Art, den Geschlechtsverkehr auszuüben. Der religiöse Zauber trug sicher zum Nimbus bei, nicht zuletzt die Faszination des tibetischen Buddhismus, wie er vom Dalai Lama personifiziert wird. Manch ein Kritiker sieht allerdings in der tantrischen Sexualmagie weniger die geistige Emanzipation vom biologischen Geschlechtstrieb, als vielmehr eine frauenverachtende Praxis. Denn die Frau sei in der traditionellen Auffassung des Buddhismus minderwertig und nur Mittel zum Zweck der Erleuchtung des Mannes: „Das Weibliche wird vom Yogi absorbiert und manipuliert, um dann in männliche Energie umgewandelt zu werden.“[12] Der Vorwurf eines „sexuellen Vamipirismus“ liegt nahe. Der Mann müsse seinen Samenerguss verhindern und sogar „den ‚Samen’ der Frau im Sexualakt ‚aufsaugen’. Es findet also kein gegenseitiger oder gleichwertiger Austausch sexueller Energien statt. Vielmehr begegnet uns hier eine Art ‚sexueller Vampirismus’.“[13] Insofern gehe es also nicht um eine „Harmonisierung männlicher und weiblicher Teile innerhalb der eigenen Persönlichkeit“, als vielmehr „um die Überwindung und Unterjochung des weiblichen Prinzips unter das männliche.“[14]

Es sei dahingestellt, ob diese vor allem von Mythologie und alten Lehrtexten abgeleitete Kritik des Tantrismus die tatsächliche Sexualpraktik von heute trifft. Auf jeden Fall wurde mit der Kunst des Samen-Aufsaugens ein Leitbild der Sexualität vorgegeben, das der westlichen Tradition, in ihrer sexualfeindlichen Version ebenso wie in ihrer libertinären, fremd blieb. Freilich gibt es einen interessanten Berührungspunkt zwischen tantrischer Sexualpraktik und traditioneller westlicher Medizin: nämlich die Auffassung, dass vor allem im männlichen Samen Lebenskraft stecke, die nicht vergeudet werden dürfe. Von daher wird verständlich, dass auch im Westen, wenn auch nur marginal und ohne spirituelle Zielsetzung, die Vorstellung artikuliert wurde, die „Wiedereinsaugung des Samens“, wie Hufeland es ausdrückte, sei gesund und kräftigend.[15] Das bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichende strikte Onanieverbot wurde damit begründet, dass ein übermäßiger Samenverlust das Rückenmark schädige und im Sinne der Humoralpathologie alle möglichen gesundheitlichen Übel verursachen könne (Kap. 44). Die tantrische Idee dagegen wollte eine Sublimierung, eine Vergeistigung erreichen. Hier stand aber weniger die Angst vor einem krank machenden Verlust an Lebenskraft im Vordergrund, als vielmehr die Hoffnung auf geistige Erleuchtung.


[1] A. a. O., S. 405. [2] A. a. O., S. 406. [3] Mookerjee / Khanna (1987). [4] Thirleby, 1986. [5] Ebd., S. 19. [6] A. a. O., S. 20. [7] A. a. O., S. 21. [8] King, 1987, S. 185-199. [9] Urban, 2008, S. 417 f.   [10] A. a. O., S. 437. [11] A. a. O., S. 439. [12] Waldvogel-Frei, 2002, S. 21. [13] A. a. O., S. 22. [14] A. a. O., S. 27. [15] Hufeland, 1797, S. 522.

 

49. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten [+ Audio]

Dieser Beitrag ist auch gleichzeitig als Audio bzw. Video von Youtube abrufbar. Das dort zu sehende Foto blühender Wildrosen wurde von mir am 6. Juni 2015, dem Todestag meiner Mutter Ruth Schott (gestorben in Kirchheimbolanden/Pfalz), auf der Insel Borkum aufgenommen, nachdem ich von Ihrem Tod informiert worden war. Kurz zuvor hatte ich am selben Tag den Text diktiert. 

Siehe auch meinen Beitrag am Tag ihres 93. Geburtstags am 22. August 2015.

Sie auch meinen Beitrag zum ersten Jahrestag des Todes meiner Mutter am 6. Juni 2016 im Heinz Schott’s Reminiscenses Blog.

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.[2]

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. [i]) Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans (Kap. 36). Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[3] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben.[4] Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau.[5] Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen.[6] Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen.[7] In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. [8] Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[9] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[10] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex).[11] Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“.[12] Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“[13] Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force).[14] Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen.[15] Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“[16] Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula).[17] Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.[18]

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[19] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“.[20] Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe.[21] In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.


[1] White (Hg.), 2000, S. 16 [„Introduction“]. [2] A. a. O., S. 17 [„Introduction“]. [3] Varenne, 1977, S. 131. [4] Varenne, 1977, S. 129-138. [5] Ebd., S. 134. [6] A. a. O., S. 135. [7] A. a. O., S. 136. [8] A. a. O., s. 137. [9] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012). [10] Mookerjee, 1971. [11] Ebd., S. 35. [12] A. a. O., S. 36. [13] A. a. O., S. 37. [14] A. a. O., S. 61. [15] A. a. O., S. 62. [16] A. a. O., S. 61. [17] A. a. O., S. 62. [18] A. a. O., S. 65. [19] Urban, 2008, S. 402. [20] Urban, 2006, S. 127. [21] Urban, 2008, S. 404.


[i] Varenne, 1977: Frontispiz; → Abb. Khajuraho Cunnilingus

49. Kap./2* Sexualmagische Orden

Der schillernde englische Okkultist und Abenteurer Aleister Crowley lieferte skandalumwitterte Beiträge zur Sexualmagie. Er führte orgiastische Zeremonien in einem „weißen“ und „scharzen Tempel“ in seiner Wohnung in Schottland in der Nähe von Loch Ness durch. Er heiratete das Medium Rose Edith Kelly, durch deren Mund ihm angeblich Geistwesen das „Buch des Gesetzes“ diktierten. [1] Crowley interessierte sich stark für die Sexualmagie, die er als Magick bezeichnete, wobei das „k“ für das griechische Wort ktéis (Vagina) stehe. 1929 zog er die Summe seiner Philosophie in seinem Buch „Magick in Theory and Practice“, das sehr viel später auch in deutscher Übersetzung erschien.[2] Wir begegnen hier einem Sammelsurium von alten magischen Zauberformeln und -tricks, unterlegt mit kosmologischen und hermetischen bzw. kabbalistischen Ausführungen, ohne erkennbare Systematik und ohne Angabe von Quellen. Die magia sexualis wird nicht explizit erwähnt, auch von sexuellen Praktiken ist nirgends direkt die Rede. Crowley berief sich auf den Kerngedanken der magia naturalis, wie er im „Clavicula Salomonis“, dem sogenannten „Legemoton“ des Königs Salomon, einem anonym erschienenen Zauberbuch des 17. Jahrhunderts, formuliert wurde. Dort heißt es im ersten Teil, der „Goetia“: „Magie ist die Höchste, Unumschränkteste und Göttlichste Kenntnis der Naturphilosophie, fortschrittlich in ihren Arbeiten und wundervollen Operationen […]. Daher sind Magier gründliche und fleißige Erforscher der Natur; wegen ihres erlernten Geschicks verstehen sie es, wie eine Wirkung vorhergewußt werden kann, was dem gewöhnlichen Menschen wie ein Wunder erscheinen soll.“[3] Zugleich berief sich Crowley auf J. G. Frazers „Der goldene Zweig“, in dem die Analogie von magischen und wissenschaftlichen Konzeptionen der Welt hervorgehoben wurde. „In beiden ist die Abfolge der Ereignisse vollkommen regelmäßig und sicher, indem sie durch unwandelbare Gesetze bestimmt wird, deren Operation präzise vorhergesehen und berechnet werden kann.“[4]

Nachdem sich Crowley seinem „Großen Werk“ geweiht hatte, um „ein spirituelles Wesen zu werden“, wählte er – in Abgrenzung zu „Theosophie“, „Okkultismus“ und „Mystizismus“ – einen neuen Namen für seine Arbeit: nämlich „Magick“.[5] Wille, Gewalt, Selbstbehauptung und Selbsterkenntnis waren deren Kennzeichen. So heißt es in einem „Theorem“: „Magick ist die Wissenschaft, sich selbst und seine Bedingung zu verstehen. Sie ist die Kunst, dieses Verstehen in Handlung anzuwenden.“[6] Ziel war es, den richtigen, vom Schicksal vorgesehen Ort in der Welt zu finden. Wie die Ordnung der Natur „für jeden Stern eine Bahn“ vorsehe, so habe der Mensch standhaft „seine wahre Bahn“ einzuhalten.[7] Crowley wollte letztlich alle Menschen im Sinne seiner Magick verwandeln, sie durch seine praktische Methode befähigen, „sich selbst zu einem Magier zu machen.“[8] In diesem Zusammenhang kritisierte er die Freud‘sche Psychoanalyse, die das Leben missinterpretiere und das menschliche Wesen als „ein antisoziales, kriminelles und wahnsinniges Tier“ aufgefasst habe. Zentral war die Mikrokosmos-Makrokosmos-Theorie, wonach nicht nur die Aura des Naturforschers ein „magischer Spiegel des Universums“ sei, „sondern auch das Universum […] ein magischer Spiegel seiner Aura“.[9] Dementsprechend formulierte er die Zielsetzung des „magischen Rituals“: die Vereinigung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. „Das höchste und vollständige Ritual ist daher die Invokation des Heiligen Schutzengels; oder in der Sprache des Mystizismus, Einheit mit Gott.“[10] Da Gott über der Geschlechtlichkeit stehe, müsse der menschliche Mangel kompensiert, die „Balance wiederhergestellt“ werden, d. h.: Der männliche Magier habe jene weiblichen Tugenden zu kultivieren, an denen es ihm mangele. „Es wird dann für einen Magier rechtmäßig sein, Isis zu invozieren und sich mit ihr zu identifizieren“. „Invokation“ und „Evokation“ beschrieben traditionelle Techniken der magischen Rituale, der „Geisterbeschwörung“, auf die Crowley in eigenwilliger Diktion rekurrierte: „In der Invokation flutet der Makrokosmos die Bewußtheit. In der Evokation erschafft der Magier, zum Makrokosmos geworden, einen Mikrokosmos.“[11]

Der österreichische Experte für moderne esoterische Gruppierungen Ernst Thomas Hakl analysierte deren sexualmagische Praktiken. Er untersuchte vier Vereinigungen: die deutsche Bruderschaft Fraternitas Saturni, die von Eugen Grosche gegründet wurde; die Confraternita Terapeutica e Magica di Myriam und den Ordine Osirideo Egizio, die der italienische Okkultist Giuliano Kremmerz organisierte; die Gruppo di UR des italienischen faschistisch orientierten Esoterikers Julius Evola; und die Confrérie de la Flèche d’Or der in Paris wirkenden Russin Maria de Naglowska (siehe oben).[12] Wir wollen uns im Folgenden lediglich mit Eugen Grosche befassen, der sich 1925 von der Ordo Templi Orientis (O.T.O.) und damit von Aleister Crowley (siehe oben) lossagte und die Fraternitas Saturni gründete. Er war Buchhändler mit einem politisch sehr bewegten Leben: Als Kommunist floh er vor den Nazis in die Schweiz, wurde ausgeliefert, kam in Schutzhaft, wurde wieder freigelassen, trat der KPD bei, floh 1950 von Ost- nach Westberlin, weil er wegen seiner esoterischen Ansichten unter Druck geriet und baute dort die Fraternitas Saturni wieder auf, die er bis zu seinem Tod 1964 leitete.[13] In den 1920er Jahren publizierte er unter seinem Ordensnamen Gregor A. Gregorius „Magische Briefe“. Der „Achte Brief“ handelte von „Sexual-Magie“, der einen ausgezeichneten Einblick die spezifischen Sexualpraktiken gewährt.[14] Sicherlich kann aus dieser Schilderung noch nicht auf das Ausmaß der sexualmagischen Praxis der Fraternitas Saturni geschlossen werden. Hakl hat darauf hingewiesen, dass diese „Bruderschaft“ primär kein sexualmagischer Zirkel gewesen sei und im Unterschied zur O.T.O. Sexualrituale nur eine marginale Rolle gespielt hätten.[15]

Anmerkung vom 4.07.2016

Ein neue umfangreiche Studie zur Fraternitas Saturni ist kürzlich erschienen, Näheres siehe mein Supplementaries News Blog.

Gegorius begann mit einer These des stetigen kulturellen Verfalls, die dem Kulturpessimismus nach dem Ersten Weltkrieg entsprach: „Der kulturellen Entwicklung der Menschheit von dem Niveau der primitiven Völker bis in unsere Jetztzeit, in die heutigen Entwicklungsphasen, geht eine Verfallserscheinung unaufhaltsam parallel: der Niedergang der Sexualität in ihrer gesamten Auswirkung. Die reinen Urquellen des köstlichsten aller menschlichen Triebe sind verschüttet oder in unreine falsche Bahnen gelenkt.“[16] Während Christus in alchemistischer Manier als Hermaphrodit, Symbol des Steins der Weisen, gelobt wurde, verfiel das klerikale Christentum harscher Kritik: Seine „fanatische, irregeleitete Priesterschar zerstörte die alten Kulte fast restlos und damit die Blüte einer sinnlich-geistigen Kultur und Hochentwicklung der Menschheit. Jesus Christus, der selbst hermaphrodit war, über dem triebhaften Geschlechtstrieb stehend, hatte die lunare Beeinflussung gänzlich überwunden, und seine geistig-sinnliche Erotik schwang nur noch in subtiler Weise in der Freundeszuneigung zu seinem Lieblingsjünger Johannis.“[17]

Gregorius ging auf die Zeugung durch magische Imagination und kabbalistische Techniken ein und berief sich dabei auf Paracelsus, der auf die „iliastrische Zeugung“ hingewiesen habe, wobei „vorher eine zeitweise sexuelle Enthaltsamkeit nötig sei.“[18] Der Coitus interruptus sei für das Nervensystem beider Geschlechtspartner schädlich. Dagegen sei der Coitus reservatus „in der Form, daß die Ejakulation während einer berächtlichen Zeit zurückgehalten wird, innerhalb derselben die Frau mehrere Male Orgasmus haben kann, keineswegs schädlich, sondern gewährt vor allen Dingen der Frau volle Befriedigung.“ [19] Diese Methode solle „sorgfältig kultiviert werden“.  Im heraufziehenden „Wassermannzeitalter“ werde die veraltete Einehe überwunden und es komme zu einer neuen Ethik: „Wer erkannt hat, daß die dauerhafte Bindung an ein Weib durch dessen lunare Kräfte in den meisten Fällen nur den geistigen logischen Aufbau des männlichen Verstandes hindert, daß besonders die frühen Heiraten der frühzeitige Ruin der gesamten Mannespersönlichkeit auf physischer und psychischer Grundlage sind, wird das Eheproblem ohne weiteres lösen durch vollständige Verneinung der bürgerlichen Ehe überhaupt.“[20]

Gregorius gab eine interessante praktische Anleitung zur sexuellen „Bannmagie“.[21] Im Unterschied zur „niederen Magie“, die sich hypnotischer und magnetischer Kräfte des Menschen bediene, „arbeitet die Bannmagie unter Zuhilfenahm [sic] reiner Willensschulung nur mit der Vorstellungskraft und mentaler Wunschkraft des Magiers“, mit einer Einstellung, „die man als mentale Ekstase bezeichnet.“[22] Nach Herstellen des „Rapport“ durch „Handübertragung“ und Angleichung des Atems soll der Magier in stehender Position nacheinander durch seine Willenskraft den „Solarplexus“ (Oberbauch) sowie das „Geschlechts- und Intuitionszentrum“ (Genital- und Stirnregion) des liegenden „Mediums“ bestrahlen. (Abb. [i]) Die Zeichnung verdeutlicht, wie die genannten Zentren „in geistigen Kontakt“ kommen sollten: „Dein Geschlechtszentrum muß das Intuitionszentrum des Mediums hemmen, der Solarplexus das gleiche, während Dein Intuitionszentrum das Geschlechtszentrum des Mediums belebt.“[23] Auf diese Weise könne man sich ein Medium „derart heranbilden, daß sie durch bestimmte Handgriffe jederzeit körperlich in Katalepsie fällt.“[24] Die Od-Ausstrahlung des Magiers mache das Medium „willen- und bewegungslos ohne eigentliche Hypnose.“[25] Die Psyche sei derart zu schulen, um eine „sexuelle Hörigkeit“ zu erzielen, insbesondere „durch sorgfältig vorher gewählte Stunden, in denen du den Koitus mit dem Medium ausführst.“[26] Beim sexuellen Verkehr habe der Magier „stets die priesterliche Weihe“ zu wahren und dürfe „nie zum begehrenden Sinnessklaven des Weibes“ herabsinken. Im heutigen Sprachgebrauch würden wir eine solche Einstellung aus dem Blickwinkel männlicher Überlegenheit als Machismo bezeichnen.

Dies wird noch deutlicher bei Ejakulation und Sperma, die für Gregorius entscheidende Bedeutung hatten. Man solle bei dem „persönlichen, nicht magischen Zwecken dienenden Liebesverkehr“ nie innerhalb der Vagina ejakulieren und das Sperma „sorgfältig unter Beeinflussungs-Denkkonzentrationen auf dem Solarplexus des Weibes“ verreiben. Auch müsse das Medium dazu angehalten werden, regelmäßig „monatlich in den Tagen ihrer Reinigung ebenfalls unter beidseitiger Gedankeneinstellung“ das Sperma zu trinken − Gregorius drückte dies, wie seinerzeit in sexualkundlichen Texten nicht unüblich, auf Lateinisch aus: „spermam tuam biberet.“ Denn dann werde das Medium „vollständig mit Deinen Influenzen und Odstrahlen durchtränkt sein und nur dir allein gehorchen, so nicht nur als Weib, sondern auch in seinen astralen Spaltungen.“ Gregorius identifizierte das Sperma mit der „Prima-Materie der Alten“, wobei es ihm auf die „Influenz des lebensfähigen Sperma“ ankam. Jedenfalls war für ihn klar, dass es „für den Magier eines der wichtigsten magischen Hilfsmittel“ sei.[27] So seien Incubi und Succubi „aus den spermatischen Fluidalkräften von im Imaginationszustande befindlichen Menschen“ entstanden. Diese könnten sich jahrhundertelang durch Vampirismus am Leben erhalten. Daraus leitete Gregorius eine eigenartige Dämonologie ab. Er rechnete auch mit „Blutdämonen“, die sich von dem Menstrualblut nährten, „solange sie noch sexuell schwingen und von dem Schweiße der Genitalien.“ Das Sperma diente beim sexualmagischen Ritual als äußerst wichtiges Zaubermittel. Es solle, wenn es die die Vagina verlässt, mit Weingeist vermischt werden: „Also vollzieht sich die mystische Vereinigung innerhalb des gebildeten Gedankenwesens. Tränke das Pergament mit dem Weingeist und dem Sperma und menge dazu drei Blutstropfen deines linken Saturnfingers, dann trockne das Pergament über dem Rächergefäß und die Zeremonie ist damit beendigt.“[28]


[1] Alexandrian, 1983, S. 378 f. [2] Crowley, 1996. [3] Zit. ebd., S. XI. [4] Zit. ebd. [5] A. a. O., S. XIII. [6] A. a. O., S. VIII. [7] A. a. O., S. XIX. [8] A. a. O., S. XXI. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 7. [11] A. a. O., S. 9. [12] Hakl, 2008. [13] http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_A._Gregorius (23.04.2012). [14] Gregorius, 1927. [15] Hakl, S. 2008, S. 447. [16] Gregorius, 1927, S. 5. [17] A. a. O., S. 6. [18] A. a. O., S. 10 f. [19] A. a. O., S. 48. [20] A. a. O., S. 60. [21] A. a. O., S. S. 69-77. [22] Ebd., S. 69. [23] A. a. O., S. 70. [24] A. a. O., S. 72. [25] A. a. O., S. 74. [26] A. a. O., S. 75. [27] A. a. O., S. 77. [28] A. a. O., S. 94.


[i] Gregorius, 1927, S. 71; → Abb. Gregorius Bannmagie

49. Kap./1* Magia sexualis [+ Audio Podcast]

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In der Mitte des 19. Jahrhunderts initiierte der US-amerikanische Arzt und Okkultist Paschal Beverly Randolph eine magia sexualis, die auch als „rote Magie“ bezeichnet wurde. Randolph hatte bereits 1858 eine Bruderschaft der Rosenkreuzer (Fraternitas Rosae Crucis; FRC) gegründet, die – historisch unhaltbar – von sich behauptete, mit den Rosenkreuzern des frühen 17. Jahrhunderts identisch zu sein (Kap. 35).[1] Er war eine zentrale Figur des US-amerikanischen Okkultismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zahlreiche geheime Gesellschaften gründete, so die Hermetische Bruderschaft von Luxor und die Bruderschaft von Eulis. Somit übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die Lehren führender magischer Orden des 20. Jahrhunderts aus, etwa die Ordo Templi Orientalis (O. T. O.) und die Fraternitas Saturnis.[2] Randolph propagierte die Gleichberechtigung der Frau, die „freie Liebe“ und die selbstexperimentelle Praxis „im Dienste der Weiterentwicklung zu persönlicher Vervollkommnung.“[3] Um 1850 ließ er sich als Barbier in Neuengland nieder, war vom aufkommenden Spiritismus („Hydesville Rappings“) fasziniert und betätigte sich wahrscheinlich auch selbst als Medium. Er studierte Mesmers Schriften und entwickelte magnetische Apparaturen, die er „Volte“ und „Fluidkondensatoren“ nannte.[4] 1854 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Boston, wo er auch ein selbst hergestelltes Mittel zur Stärkung der Lebenskraft verkaufte, das er Proto-Ozon (Protozon) nannte. Daneben studierte er die Vodoo-Kulturen der Afroamerikaner. Sein Hauptinteresse galt der Theorie und Praxis der Sexualmagie. Er wurde deswegen inhaftiert, angeklagt und schließlich freigesprochen. Zwischen ihm und der russischen Okkultistin Helena Petrowna Blavatsky entzündete sich ein „magischer Krieg“: Während Letztere einen „moralisch reinen“ Spiritismus vertrat, wollte Randolph die Sexualmagie wissenschaftlich erforschen. Er starb 1875 unter mysteriösen Umständen − im selben Jahr, als Helena Blavatsky die Theosophische Gesellschaft gründete.[5]

Randolph verfasste seine sexualmagischen Schriften zwischen 1870 und 1872. Sie zirkulierten in geringer Auflage zum persönlichen Gebrauch für ausgewählte Studenten der Bruderschaft von Eulis und wurden erst 1931 in französischer Sprache unter dem Titel Magia Sexualis veröffentlicht. Die Schrift wurde von der nach Paris emigrierten russischen Aristokratin Maria de Naglowska zusammengestellt und übersetzt, worauf die hier zitierte deutsche Übersetzung beruht. Madame de Naglowska ernannte sich zur „Groß-Priesterin der Liebe“ und unterhielt in den 1930er Jahren einen „magischen Zirkel von zweifelhaftem Ruf“ in Paris, in dem sexualmagische Riten praktiziert wurden.[6] Sie beschrieb den Geschlechtsverkehr als ein satanisches Ritual, in dem der Mann selbst zur unbegrenzten Macht der Negation werde und sich dem blitzartigen Eindringen des weiblichen Lichtes hingebe – im sublimen Moment der „heiligen Hochzeit“, für die sich die Geliebte bereithält („à l’instant sublime du coït sacré, pour lequel l’Amante n’est pas endormie“).[7] Durch diese hohe magische Operation (Haute Magie d’Or) würde Satan – die kosmische Vernunft, die verneint und zweifelt – in die Unterwelt stürzen, das heißt: in die Sexualorgane des Mannes. Das bewirke eine Umwälzung, die sich nach einiger Zeit beruhige und ein neues Gleichgewicht finde: Ein neuer Mann (un homme nouveau) erscheine, dem man die Würde eines Ehrenwerten Ritters des Goldenen Zweiges (Guerrier Vénérable de la Flèche d’Or) verleihe. Doch zurück zu Randolphs „Sexualmagie“.

Randolph sah den Geschlechtsverkehr als ein gemeinsames Gebet an, eine Vereinigung der Seelen, die Selbstbeherrschung und Unterwerfung der Leidenschaften unter den Willen voraussetzte. „Wie jedes Gebet, so ist auch dieses immer erschöpfend. Es ist jedoch notwendig, daß das Ziel des Gebets, der Wunsch oder das Begehren klar formuliert und kräftig imaginiert wird.“[8] Das Ziel solle gemeinsam imaginiert werden, doch könne das Gebet auch nur in einer der beiden Seelen wirksam sein, „da sie [die Seele] in der Ekstase des Orgasmus die schöpferische Kraft des anderen mit sich reißt.“ Er nannte diese geistige Vereinigung „blending“ (Vermischung, Verschmelzung) und hielt sie für den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums und die Kraftquelle schlechthin: „Thus it happens that a loving couple grow [sic] youthful in soul, because in their union they strike out this divine spark, replenish themselves with the essence of life, grow stronger and less brutal, and draw down to them the divine fire from the aereal spaces.“[9]  Der geschlechtlich imaginierte Verkehr mit den kosmischen Geistern war die höchste Stufe, die Randolph „Sleep of Sialam“ nannte, und die das Einziehen, Einatmen des „Aeth“, der feinen spirituellen, göttlichen Essenz ermögliche.[10] Diese Atemmethode sollte himmlische Kräfte inkorporieren und während des Sexualaktes deren Samen in den menschlichen Fötus einpflanzen, um ein höherwertiges Kind zu schaffen. Randolph spann diesen Gedanken der mentalen Durchdringung während des Sexualaktes bis zur letzten Konsequenz aus: dem Geschlechtsverkehr mit dem Geist einer verstorbenen Person![11]

Randolph führte eine Reihe von Verhaltensregeln an, um sein sexualmagisches Ziel, das „Glück der Seele“, zu erreichen, damit der sexuelle Akt „zu einer Quelle spiritueller und materieller Kraft […], zum Urquell von Gesundheit, Heiterkeit und Frieden“ wird.[12] Hierzu gehörten vor allem hygienische und diätetische Ratschläge: Körperpflege, Schweigen, kühles Schlafzimmer, frühes Zubettgehen. Die geistige Einstellung im Augenblick der Zeugung sei entscheidend: „Wenn der Mann zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluß fleischlicher Lust oder tierischer Instinkte steht“, so sei das Kind, „das er zeugt, […] ein elendes Wesen und zum Mörder oder geistigen Krüppel bestimmt.“[13] Dagegen sei ein „in der Harmonie gegenseitiger Liebe“ gezeugtes Kind „ein Kind höherer Kräfte“.[14]

Randolph ging von der „Polarität der Geschlechter“ als einem Gesetz aus, „das den Schleier der Isis“ lüftet.[15] Er unterschied fünf grundlegende Positionen des Geschlechtsverkehrs, „die das Paar bei der Durchführung von sexualmagischen Operationen zum Gebet der Liebe einnehmen kann.“[16] Er symbolisierte sie mit Strichzeichnungen, wobei dem Mann negative Ladung (Minus-Zeichen im Kopfkreis) und der Frau positive Ladung (Plus-Zeichen im Kopfkreis) zugesprochen wurde. Randolph glaubte voller Naivität daran, das Geschlecht eines Kindes beim Zeugungsakt magisch bestimmen zu können: „Zum Zeitpunkt der Vereinigung erzeugt die Frau in der mentalen Sphäre das Bild eines Mannes, während der Mann das Bild einer Frau erzeugt. Gemäß der Tendenz, die überwiegt, wird das Kind entweder männlich oder weiblich.“[17] Nach diesem „Gesetz“ sei es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen vorherzusagen, indem man untersuche, welcher der beiden Elternteile die stärkere Vorstellungskraft besitze. In der Praxis sei es jedoch schwer, die Vorstellungskraft zu variieren und deshalb riet Randolph, bestimmte Regeln zu beachten. Hier griff er auf altbekannte geschlechtsspezifische Korrespondenzen der magia naturalis sowie die Imaginationslehre zurück: Um einen Knaben zu zeugen, solle man den Raum „mit dem Parfum des Mars“ parfümieren und in rotem Licht arbeiten, um ein Mädchen zu zeugen, solle man das „Parfum der Venus“ in grünem Licht anwenden. Außerdem sei es hilfreich, das Bild eines Mannes oder einer Frau aufzustellen, je nachdem, „ob die Zeugung eines Knaben oder eines Mädchens gewünscht wird.“[18]

Nach Randolph hatten die sexualmagischen Praktiken sieben Ziele: Aufladung von fluidalen Kondensatoren wie z. B. Amuletten; magnetische Beeinflussung des Partners; Realisierung eines bestimmten Vorhabens; die Geschlechtsdetermination des Kindes bei der Empfängnis; Verfeinerung der Sinne; Erneuerung der Lebensenergie; Hervorrufen übermenschlicher Visionen.[19] Der französische Arzt und Homöopath Adrien Péladan[20] nahm zwischen den heterosexuellen Geschlechtspartner eine umgekehrte Polarität an: Bei der Frau sei der Kopf positiv, die Geschlechtsorgane negativ geladen, beim Manne verhalte es sich umgekehrt. Deshalb befruchte der Mann die Frau psychisch, die Frau dagegen den Mann spirituell. „Sous la projection de la pensée de la femme, le cerveau féminin de l’homme se met à concevoir.[21]Daran anknüpfend entwickelte die russische Okkultistin Maria de Naglowska die Idee einer moralischen Befruchtung des Mannes durch „Priesterinnen der Liebe“ (prêtresses d’amours). Sie gründete 1932 die Confrérie de la  flèche d’or mit dem Ziel, das Zeitalter des Paternalismus durch die Herrschaft der Mutter abzulösen. Das Böse sollte mit religiösen Geschlechtsakten, die von heiligen Prostituierten angeleitet wurden, überwunden werden.[22]

„Sexualmagie“ wurde im frühen 20. Jahrhundert mit nordischer, arischer Ideologie und unverhohlenem Nationalismus verknüpft und erschien als Methode der Rassenhygiene. In einem einschlägigen Buch wurde der „Saeming“ (die Besamung) als „Sexual-Magie der Zukunft“ vorgestellt.[23] Das betreffende Frontispiz von Fidus zeigt die Besamung als von Spermien strahlenförmig umgebene Eizelle, in die von oben ein sonnenhaftes Spermium mit Gesicht (eine Art Sonnengott) eindringt. (Abb. [i]) Im Ei sieht man die Oberkörper eines sich umarmenden Paares. In dieser Programmschrift findet sich ein völkisches Plädoyer für „deutsche Kunst“, die „aus der Tiefe des nationalen Volkslebens […], aus seiner Natur, aus seiner Geschichte und vor allem aus seiner Sage“ zu schöpfen sei.[24] Sie zielte auf die „Menschenzüchtung“, die im Anhang zusammenfassend dargestellt wurde.[25] Die Züchtung habe schon in der Schwangerschaft zu beginnen, wie das Beispiel Mozarts zeige: „die Mutter Mozarts beschäftigte sich in den ersten Jahren ihrer Ehe leidenschaftlich mit Musik und gebar Wolfgang. Später gab sie diese Beschäftigung auf – und ihr zweiter Sohn war ohne jegliches Talent für Musik.“[26]

Künstler und Schriftsteller interessierten sich im frühen 20. Jahrhundert besonders für Ethnologie, Psychoanalyse, Anthroposophie und Parapsychologie („Okkultismus“), wobei auch sexualmagische Ideen und Praktiken eine gewisse Rolle spielten. Rudolf Steiners Beziehung zu Reuß und die Frage, inwieweit dessen sexualmagische Techniken (siehe oben) in seine maurerischen Praktiken Eingang fanden, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.[27] Aus diesem Umfeld wäre der Architekt und Kulturtheoretiker Heinrich Goesch zu nennen, ursprünglich ein Steiner-Anhänger, der sich aber dann von der Anthroposophie lossagte. Er war mit dem umstrittenen Psychoanalytiker Otto Groß befreundet und experimentierte offenbar auch auf sexuellem Gebiet, was ihn „zu einer polygamen Praxis mit sexualmagischen Zügen führte.“[28]Seine Frau Gerdrud, eine Cousine von Käthe Kollwitz, „musste sich als Trägerin dieser Ideen ihren Möglichkeiten unterwerfen. Doch waren ihre Nerven solchen Erschütterungen wohl schlecht gewachsen.“[29] In seiner Intimbeziehung mit Hannah Tillich, der Frau des Theologen Paul Tillich, versuchte er, vermutlich von der Theosophie angeregt, Reinkarnationserinnerungen zu wecken. Wie der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Zander dargelegt hat, ist auf diesem nebulösen Feld „das Verhältnis von Theorie und Praxis kaum zu bestimmen“.[30]

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Sexualmagie“ im Umfeld esoterischer Selbstverwirklichungsstrategien auf. Er war nun nicht mehr auf rassenbiologische, sondern auf esoterische und zugleich sexualbiologische Ziele ausgerichtet, wie dies das „Handbuch der Sexualmagie“ eines gewissen „Frater V:., D:.“ zeigt. Der Autor sei angeblich in Heliopolis/Ägypten geboren, sei schon als Kind zur Esoterik gelangt und habe Sprachen und Literatur an den Universitäten Bonn und Lissabon studiert. Er sei als freier Schriftsteller tätig und „Begründer der pragmatischen Magie“ bekannt. Medizinhistorisch interessant ist die geschilderte „Praxis der Energieübertragung zwecks Heilung und Kräftigung eines Partners“.[31] Der Autor gab eine Methode der Energiespende an, die der traditionellen „Gerokomik“ entspricht: Atemsynchronisation, unbekleidetes Nebeneinanderliegen. Der Energie spendende Partner solle keine eigene Energie abgeben. „Sie machen sich also zum Kanal für diese Energie, behalten Ihre eigene Energie aber für sich. Alles andere wäre der reinste Selbstmord!“ Woher sind aber nun die Heilenergien zu beziehen? „Sie können sich mit Runenübungen energetisieren, Energie aus der Sonne oder von der Erde nehmen, von den vier Elementen, von Bäumen, Tieren, Steinen usw. Entsprechende Techniken haben sie teils schon geübt“. Der „Energievampirismus“ sei zu vermeiden, wenn man „um seine eigene Energieaufladung weiß und es auch versteht, die also gespeicherte Energie an den anderen weiterzugeben“.

Die Ausführungen dieses geheimnisvollen Autors stellten eine perfekte Mischung aus handfesten Gebrauchsanweisungen und höchst esoterischen Spekulationen dar. So verkündete er beispielsweise: „Sollten Sie einen Tal- oder Ganzkörperorgasmus erfahren, wird der Astralaustritt zu einem Kinderspiel. Wenn Sie Ihre Sexualmagie entsprechend beherrschen, können Sie plötzlich astral aus dem physischen Körper herausschießen wie eine Rakete!“[32] Dementsprechend sei auch der Verkehr mit dem imaginierten Partner möglich, wenngleich es sich um eine „autoerotische Praktik“ handele: „doch wenn der Partner hinreichend kraftvoll imaginiert wird, wird der – sofern er generell dazu geeignet und willens ist – an diesem Astral- bzw. Mentalverkehr aufs intensivste teilhaben.“ Viele Liebende würden diesen ohnehin erfahren, rein zufällig, während ihn der Magier „wie willentlich und kontrolliert herbeizuführen“ verstehe. Im Rückgriff auf Rosenkreuzer, Kabbala und Alchemie sollte nun die „praktische Sexualmystik“ ermöglicht werden: „Unio mystica und Chymische Hochzeit“.[33] Der Leser erhält hier eine handfeste Gebrauchsanleitung für das sexualmystische Ritual, in dem es u. a. heißt: „Gott und Göttin steigern ihre Ekstase immer weiter, suchen dabei aber nicht bewusst nach dem Gipfelorgasmus. Der Gott erkennt in der Göttin sich selbst in seinem weiblichen Aspekt, die Göttin erkennt sich in ihrem männlichen Aspekt im Gott. Ein eventuell eintretender sexueller Höhepunkt sollte diese Ekstase so weit steigern, bis das Bewußtsein gänzlich ausgeschaltet ist und nur noch die reine Energie strömt.“[34] Die „chymische Hochzeit“ erfahre ihre höchste Stufe „durch die autoerotische Arbeit“.[35] „Die Chymische Hochzeit des Magiers mit sich selbst“ gleiche der „Chymischen Hochzeit“ für Paare, „nur dass der Magier eben beide Rollen wahrnimmt“: „Der Magier empfindet sich zunehmend als Verkörperung der männlichen und weiblichen Energie. Schon diese Erkenntnis allein wird ihn in Ekstase versetzen.“[36]

„Magie“ ist heute ein wichtiges Thema der praktischen Lebenshilfe. Es macht einen erheblichen Teil der Ratgeberliteratur zur Selbsthilfe (Do it yourself) aus. Als Beispiel sei hier das Buch „Magie für den Alltag“ (Everyday Magic) des englisch-australischen Schriftstellers Nevill Drury genannt, der zahlreiche Publikationen zur westlichen Magie verfasste.[37] Er gab eine Reihe von Gebrauchsanweisungen für Zaubereien in verschiedenen Lebenslagen. So beschrieb er einen Liebeszauber mit Hilfe von Blumen, die man sich liebevoll über Kopf und Gesicht streichen solle: „Öffnen Sie sich ganz der Liebesenergie der Blume und spüren Sie, wie sich eine solche Offenheit und die von der Blume verströmte Liebe anfühlen.“[38] Dann halte man die Hand mit Blume über verschiedene Körperregionen und spreche einen bestimmten Spruch: „Ich atme Liebe“, „Ich halte Liebe in der Hand, „Ich spüre Liebe“ etc. „Und dann lassen Sie sich überraschen, was in Ihrem Leben vielleicht so alles geschehen wird.“[39] Im Kapitel „Die Magie der Liebe und Sexualität“ bezog er sich auf die Idee der Heiligen Hochzeit und bemühte vor allem Wicca und Tantra, um die praktischen Übungen zu begründen.[40] Der große Ritus im Wicca-Kult schließe mit der Initiation „in der heiligen sexuellen Vereinigung zwischen Hohepriesterin und dem Hohepriester“ ab. „In diesem Ritual rufen die Hohepriesterin und der Hohepriester den Gott und die Göttin in den Körper des jeweils anderen herab, so dass ihre Vereinigung nicht die von zwei individuellen, sich liebenden Menschen ist, sondern von zwei zu Einem vereinten Gottheiten. Ihre sexuelle Vereinigung findet gleichzeitig auf physischer und auf spiritueller Ebene statt; sie wird zu einer heiligen Handlung, die die Schöpfung und die universale Lebenskraft an sich symbolisieren.“

In einem „Handbuch zur Sexualmagie für Fortgeschrittene“ werden die „Rituale des Baumes der Ekstase“ in einer Mischung von kulturhistorischen Versatzstücken und praktischen Ratschlägen präsentiert. Vorbild ist der kabbalistische „Baum des Lebens“, der Sephirot-Baum.[41] Die britische Autorin Dolores Ashcroft-Nowicki ist angeblich Anhängerin der „Servants of light“ (SOL), einer „Schule der okkulten Wissenschaft“.[42] Die tantrische Kundalini-Übung sollte die „Macht der Schlange“, der Schlangengöttin, hervorrufen: „Der Hauptzweck des Tantra besteht bei Männern darin, die Energie der Samenflüssigkeit umzukehren und ins Gehirn zu lenken. Bei Frauen liegt diese Energie im Menstrualblut. Kundalini, die Schlangengöttin, ruht bei den meisten Menschen an der Basis der Wirbelsäule. Wenn sie aufgeweckt wird, beginnt sie ihren Aufstieg zur Erleuchtung.“[43] Die Gebrauchsanleitung für diverse „Rituale“ wird mitgeliefert. Man benötige folgende Dinge: „zehn Kerzen, fünf dunkelgrüne und fünf goldfarbene; Räuchermittel; Körperöle; eine Schale Kräuter und zerquetschte Blätter, zwei Tontassen [etc. etc.]“.[44]  Das Unverfrorene und Ärgerliche an solchen Ratgebern ist, dass hier höchste und tiefste Geheimnisse mystischer Erfahrungen, die sich nur einem lebenslang ernsthaft Geschulten erschließen können, als verfügbare Ware vorgegaukelt werden, die jedermann rasch und problemlos erwerben kann. In Anlehnung an die „Neosexualitäten“ (Sigusch) (Kap. 48) könnte man hier von einer „Neo-Magie“ sprechen.


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paschal_Beverly_Randolph (8.05.2010). [2] Randolph, 1992, S. 7 [„Vorwort“ des Übersetzers]. [3] A. a. O., S. 8. [4] A. a. O., S. 11 [„Einleitung“ des Übersetzers]. [5] A. a. O., S. 15  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [6] A. a. O., S. 19  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [7] Naglowska [1932], 1993, S. 137. [8] Randolph, 1992, S. 69. [9] Zit. n. Deveny, 2008, S. 360. [10] A. a. O., S. 363. [11] A. a. O., S. 364. [12] Randolph, 1992, S. 70. [13] A. a. O., S. 71. [14] A. a. O., S. 72. [15] A. a. O., S. 80. [16] A. a. O., S. 72. [17] A. a. O., S. 80. [18] A. a. O., S. 81. [19] Alexandrian, 1983, S. 376. [20]http://homeopathy.wildfalcon.com/archives/2009/01/19/adrien- peladan-1844-1885/ (8.05.2010). [21] Zit. n. Alexandrian, 1983, S. 376; Péladan, 1886. [22] Alexandrian, 1983, S. 377. [23] Herman, 1905, S. 259-512. [24] Ebd., S. 435. [25] A. a. O., S. 502-512. [26] Ebd., S. 508. [27] Zander, 2007, S. 978. [28] A. a. O., S. 1006. [29] Zit. ebd. [30] A. a. O., S. 980. [31] V., D., 1986, S. 222-223. [32] V., D., 2008, S. 247. [33] A. a. O., S. 366-375. [34]  Ebd., S. 371. [35] A. a. O., S. 372. [36] A. a. O., S. 375. [37] Drury, 2004. [38] Ebd., S. 120. [39] A. a. O., S. 121. [40] A. a. O., S. 125-151. [41] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 100. [42] A. a. O., S. 281  [Nachwort]; http://www.servantsofthelight.org/aboutSOL/bio-Dolores.html (3.8.2011). [43] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 91. [44] A. a. O., S. 110.


[i] Herman, 1905; → Abb. Fidus in Herman 1905 

# 49. Kap. Erotische Magie: Konkrete Utopien vom sexuellen Paradies

Sexualität erscheint heute in zweierlei Hinsicht enttabuisiert. Zum einen wird der Mensch als biologisch fassbares Triebwesen verstanden, der auch noch im letzten seiner Gemütswinkel vom Geschlechtstrieb bedrängt wird; zum anderen wird Sexualität als Bühne der öffentlichen performance benutzt, auf der der Mensch seine Bedürfnisse endlich offen ausleben kann. Damit geraten zwei Dimensionen des Eros ins Abseits: die von der biologischen Sexualsphäre scheinbar unabhängige Macht des Geistes und die existenziell-private Erfahrung des Erotischen. In der Medizin wird, wie wir gesehen haben, Sexualität biologistisch verengt und letztlich der Sphäre des Vegetativen zugerechnet, das sich unwillkürlich jenseits des menschlichen Geisteslebens abspiele. Ähnliches geschieht aber auch mit der individuellen Erfahrung des Erotischen, die hinter statistisch erfassten äußerlichen Parametern, etwa der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, aus den wissenschaftlichen Berechnungen verschwindet. Die magia naturalis implizierte jedoch, wie wir gesehen haben, durchaus erotische Momente, insbesondere in ihrer alchemistischen Variante. Der Naturforscher, der mehr oder weniger aus den Brüsten der Natura Milch saugte, oder die Konjunktion von Sonne und Mond bzw. Gold und Silber, die als kopulierendes Paar dargestellt wurde, sind Beispiele hierfür. Die sinnlich-erotischen Annäherungen an die vorgestellte Gottnatur geschahen am intensivsten in der mystischen Verschmelzung (unio mystica). Vor allem im Ausgang von altindischen religiösen Lehren entfaltete sich eine Tradition der Sexualmagie (magia sexualis), in der kosmisches Vereinigungserleben mit bestimmten Sexualpraktiken erreicht werden sollte. Die Zurückhaltung des Samens spielte hierbei eine zentrale Rolle.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie „magische“ Sexualpraktiken in einer Zeit propagiert und auch in die Tat umgesetzt wurden, als biologistisches Denken auch den Begriff der Sexualität beherrschte. Insbesondere soll die Technik der Karezza vorgestellt werden, die in der Lebensreformbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – wenn auch nur am Rande der Debatte über Sexualität – eine gewisse Bedeutung erlangte. Magia naturalis und magia sexualis sind kaum voneinander zu trennen. Letztere kann als die intensivste Stufe der Ersteren aufgefasst werden. In der Sexualität soll jene „Heilige Hochzeit“ (Kap. 45) aufscheinen, die in der unio mystica am eigenen Leib vollzogen wird. Gegenüber der herrschenden Auffassung einer biologisch fixierten Sexualität sind wir hier mit einem alternativen Ansatz des Sexuallebens konfrontiert, nämlich einem Sexualleben als einem geistigen Agieren, einem spirituellen Handeln, das nach Überzeugung der Promotoren dieser magia sexualis befreit und zugleich beglückt. Die Gratwanderung zwischen Scharlatanerie, Missbrauch und Verblendung einerseits und religiösem Wahn, Schwärmerei und Geisteskrankheit andererseits ist gerade auf dem Gebiet der Sexualität schwierig und gefährlich. Angesichts der „sexuellen Not“, die als conditio humana auch nach allen „sexuellen Revolutionen“ nicht verschwunden ist, erscheint diese Gratwanderung gleichwohl als konkrete Utopie verlockend.