49. Kap./8* „Magnetation“ durch Karezza [+ Audio]

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Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“[5] Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Anmerkung vom 22.05.2015:

William Lloyd ist heute weitgehend unbekannt. Immerhin wird er in Gesundheitsratgebern, die sich positiv mit „Karezza“ berassen, zitiert, wie etwa von Carmen Reiss (in „Orgasmus I“).

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an.[6] Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet.[7] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden.[8] Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“[9] Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“[10] Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde.[11] Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“.[12] Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“[13] Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“.[14] Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“.[15] Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben.[16] Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen,was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte.[17] Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“[18] Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“[19] Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“.[20] Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“[21] Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“.[22] Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife.[23] Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“.[24] Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.[25]

Anmerkung vom 27.11.2014:

Der Begriff „Koitus sublimatus“ taucht äußerst selten auf. Nach meiner Recherche im Internet kann man nur wenige voneinander unabhängige Quellen ausfindig machen. Die wichtigste ist Margriet de Moors Roman „Der Virtuose“.

Näheres in meinem Supplementary News Blog:

https://heinzgustavdotcom2.wordpress.com/2014/11/27/anmkerunge-zu-49-kap-8-magnetation-durch-karezza-koitus-sublimatus-in-einem-roman/

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“[26] Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“.[27] Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“[28] Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“[29] Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren.[30] Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.   


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012). [2] Lloyd, 1931. [3] Lloyd, 1930. [4] Ebd., S. 8 [Vorwort des Herausgebers]. [5] A. a. O., S. 9 [Vorwort des Herausgebers]. [6] A. a. O., S. 13. [7] A. a. O., S. 14. [8] A. a. O., S. 19. [9] A. a. O., S. 22. [10] A. a. O., S. 42. [11] A. a. O., S. 23. [12] A. a. O., S. 24 f. [13] A. a. O., S. 26. [14] A. a. O., S. 27. [15] A. a. O., S. 28. [16] A. a. O., S. 33. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 45. [19] A. a. O., S. 35. [20] A. a. O., S. 54. [21] A. a. O., S. 58. [22] A. a. O., S. 126. [23] A. a. O., S. 130. [24] A. a. O., S. 131. [25] A. a. O., S. 132. [26] A. a. O., S. 137. [27] A. a. O., S. 139-141. [28] Kraig, 1988. S. 523-540. [29] A. a. O., S. 427. [30] A. a. O., S. 428.

48. Kap./4* „Neosexualitäten“ auf dem Vormarsch

Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch prägte in den 1990er Jahren den Begriff der neosexuellen Revolution. Er konstatierte drei sexuelle Revolutionen, die sich gegenwärtig als „Strukturschichten der Sexualität“ gleichzeitig bemerkbar machten: (1) Die mit Freuds Sexualtheorien einhergehende Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts; (2) die mit der 68er „Studentenrevolte“ verbundene sexuelle Emanzipation, die durch die „Antibabypille“ ermöglicht wurde − die „sexuelle Revolution“ im üblichen Sprachgebrauch; und schließlich (3) die in den späten 1970er Jahren schleichend einsetzende „neosexuelle Revolution“, die eine lean sexuality, eine Auflösung und Fragmentierung der Einheit Sexualität zur Folge gehabt habe.[1] Die „sexuelle Revolution“ der „68er“ war noch existenziell aufgeladen. Sie ging einher mit innerfamiliären Zerwürfnissen, Experimenten mit psychedelischen Drogen, libertären Wohngemeinschaften. Die Erfahrungen schlugen sich nicht zuletzt in diversen literarischen und künstlerischen Zeugnissen nieder, etwa in Gedichtbänden mit Illustrationen wie „Orgasme à cœur ouvert“.[2] Nach Sigusch führte die weitere Entwicklung zum „Self-sex“, d. h. zur Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung der Individuen.[3] So gelangte Sigusch zu seinem Begriff der Neosexualität(en), mit dem er vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels die vielfältigen Formen der Sexualität in der Gegenwart analysieren und zugleich die Gesellschaft kritisch durchleuchten wollte.[4] Die Neosexualität der jungen Leute, die eher Wohllust als Wollust anstrebten, stellte er dem „Hohen Lied der Liebe“ gegenüber. Die Liebe throne über allem und sei „stabiler als alle Sexualformen, wiedersteht im neosexuellen Prozess weitgehend dem Zwang zur Vielfalt, beweist, dass es nicht nur um Wandel geht, sondern ebenso um Kontinuität.“[5] Die Neosexualität lasse den kulturellen Stellenwert der Sexualität geringer als früher erscheinen, „selbstverständlicher, ja banaler“: „Weil sie nicht mehr die große Überschreitung ist, kann sie auch unterbleiben.“[6]

Sigusch plädierte für die Akzeptanz der Gleichwertigkeit der Geschlechter, für ein Ende der „Zurücksetzung und Herabsetzung des weiblichen Geschlechts“ und erblickte im Kapitalismus unserer Tage ein großes Paradox im Hinblick auf das Sexualleben: „Je brutaler und allumfassender der Kapitalismus wird, desto größer werden die Freiräume für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten. Das Geheimnis: ‚dem’ Kapital ist vollkommen wurscht, was die Gesellschaftsmitglieder außerhalb der Selbstbewegungs- und Profitsphäre tun, solang das, was sie dort tun, nicht mit dieser Sphäre interferiert.“[7] Ein weiteres Paradox fiel ihm auf: Durch die kulturelle Inszenierung, beinahe lückenlose Kommerzialisierung und elektronische Zerstreuung würde heutzutage sexuelle Lust wirksamer ausgetrieben, als durch die alte Unterdrückung durch Verbote. Früher seien die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung Ziel von Reformbestrebungen gewesen, heute seien die egoistischen und unsozialen Ausprägungen von Selfsex und Selfgender zu beklagen.

Es bleibt zu fragen, ob die drei oben genannten „sexuellen Revolutionen“ auch von unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern motiviert waren und ob die „neosexuelle Revolution“ unserer Tage wirklich eine nie da gewesene Banalisierung des Sexuallebens bedeutet. Die Begrenzung der historischen Betrachtung auf die letzten hundert Jahre, die in sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zu Medizin und Gesundheitswesen häufig anzutreffen ist, ignoriert vormoderne Perspektiven, die im 20. Jahrhundert keineswegs spurlos verschwanden, etwa religiöse, lebensreformerische oder romantische Thematisierungen von Liebe und Sexualität. So ist Sigusch demselben Zeithorizont verhaftet wie die anderen Historiker der Sexualwissenschaft, wenngleich er mit seiner marxistisch grundierten Gesellschaftskritik über diese hinausgeht und mit gewissem Recht die „Furie des Somatischen, die die heutige Sexualmedizin wieder so sehr fasziniert“, schon vor geraumer Zeit heftig attackierte.[8]

In seinem umfassenden Alterswerk „Geschichte der Sexualwissenschaft“ spiegelt sich seine ideologische Engführung wider, die vormoderne und außereuropäische Konzepte außer Acht lässt.[9] Alternative Sexualpraktiken wie etwa Karezza und mentale erotische Erfahrungen (die durchaus körperlich waren) wie etwa die „Brautmystik“ liegen außerhalb seines Horizonts. Es fällt besonders auf, dass er die reichhaltige Literatur des Mesmerismus und seiner Folgen gänzlich ignoriert und mesmeristische Spekulationen, die ja Sexualität und Erotik intensiv berühren, nur an einer einzigen Stelle streift, nämlich dort, wo Karl Heinrich Ulrichs, ein Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen, von einem entsprechenden Erlebnis berichtete: einem „glänzenden Funken“ auf seiner Eichel.[10] Die Lichtmetaphorik im Kontext des Mesmerismus haben wir an anderer Stelle abgehandelt (Kap. 28). Sigusch will die Geschichte der Sexualwissenschaft nicht wie üblich mit Iwan Bloch und Richard Krafft-Ebing um 1900 beginnen lassen, sondern hebt auf zwei Pioniere ab, die zwischen 1850 und 1870 die Weichen in Richtung auf eine „Wissenschaft von der Wonne und von der Liebe“ gestellt hätten: den katholischen Norditaliener Paolo Mantegazza und den soeben erwähnten protestantischen Norddeutschen Karl Heinrich Ulrichs. „Gemeinsam ist beiden Kulturkritikern der Kampf für eine breite Aufklärung. Zugleich aber glaubten sie an die befreiende Wirkung der aufkommenden, angeblich rationalen Wissenschaften.“[11]

Eine Geschichte der Sexualwissenschaft hätte freilich den ideengeschichtlichen Impakt der „Magie der Natur“ zu berücksichtigen, wenn sie den Begriff der Sexualität und den der sexuellen Revolution des 20. Jahrhunderts darstellen will. Wer mit seiner Analyse erst im ausgehenden 19. Jahrhundert einsetzt, blendet die kulturhistorischen Aufladungen von Sexualität und Erotik aus, die unterschwellig weitergewirkt haben und als Kontrastfolie für die gegenwärtige (insbesondere biologistische) Eindimensionalität heuristisch hilfreich wären.


[1]http://de.wikipedia.org/wiki/Neosexuelle_Revolution#Drei_sexuelle_Revolutionen (11.09.2009). [2] Galizot, 1970. [3] Sigusch, 1998. [4] Sigusch, 2005[a]. [5] Ebd., S. 8. [6] A. a. O., S. 22. [7] A. a. O., S. 169. [8] Sigusch, 1991. [9] Sigusch, 2008. [10] Ebd., S. 156. [11] A. a. O., S. 11 f.

48. Kap./2* „Orgasmusreflex“ und „Christusmord“

Um 1900 gab es ein enges ideologisches Beziehungsgeflecht zwischen Darwinismus, Monismus und Lebensreform sowie völkischen und sozialistischen Bewegungen, die für eine radikale Umwandlung der Gesellschaft eintraten. Der Diskurs über die Bedeutung der Sexualität hatte hierbei einen hohen Stellenwert. Im Fahrwasser von Biologismus und Naturalismus kristallisierte sich nämlich die populäre Auffassung heraus, dass es von Natur aus eine ursprüngliche, quasi unschuldige Sexualität gegeben habe, die zu einem paradiesischen Urzustand gehörte, den der Kulturmensch verloren habe. Aber die Sexualität war nicht auf den Menschen beschränkt. Biologen beschrieben die Sexualität von Pflanzen und Tieren, Ethnologen die der sogenannten „Wilden“. Gleichzeitig wurde die Unterdrückung und Deformierung der natürlichen Sexualität des Menschen durch kulturelle Normen problematisiert und für krankhafte Folgen verantwortlich gemacht. Sigmund Freud war mit seiner Problematisierung der kulturellen Unterdrückung des Sexualtriebs beim Menschen keineswegs singulär. Gerade in der Lebensreformbewegung gab es um 1900 beachtliche Ansätze, welche die sexuelle Emanzipation anstrebten und keineswegs nur eine „Ehereform“ im Sinne hatten. Die Popularität eugenischer Ideen beflügelte zusätzlich die Fantasie. Nicht eheliche Lebensgemeinschaften zu zweit oder in der Gruppe wurden denkbar und auch in die Praxis umgesetzt. Die Bildung von Sekten bzw. religiösen Lebensgemeinschaften in den USA sind ein eigenes Kapitel. Die Oneida-Sekte, die eine eigene Methode der promiskuitiven Sexualpraxis propagierte, wird an anderer Stelle ausführlicher abgehandelt (Kap. 49).

Wilhelm Reichs Ansatz zeigte in einzigartiger Weise, wie der Mythos vom paradiesischen biologischen Urzustand und das Dogma von der kulturellen Unterdrückung dieses Zustands zwangsläufig zur Idee einer „sexuellen Revolution“ führten, die gänzlich dem zeitgenössischen Biologismus verhaftet war. Reich versuchte als Arzt und Freud-Schüler Psychoanalyse und Marxismus in seiner sozialpolitischen Arbeit praktisch zu vereinen, wurde jedoch wegen seiner Eigenwilligkeiten sowohl aus den psychoanalytischen Fachgesellschaften als auch aus der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) ausgeschlossen. Es wird neuerdings behauptet, dass sein Ausschluss aus der Deutschen Psychoanalytischen  Gesellschaft und der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft im Jahr 1934 ein opportunistischer Akt der Psychoanalytiker gegenüber dem Nazi-Regime gewesen sei, das er mit seiner „Sex-Pol-Bewegung“ und seiner Kampfschrift „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) provoziert habe und das man nicht noch mehr gegen die Psychoanalyse habe aufbringen wollen.[1] Einiges mag für diese These sprechen. Tatsache ist jedenfalls, dass Reich als entschiedenster Kämpfer gegen den Nationalsozialismus eine Sonderstellung unter den Psychoanalytikern einnahm. Er hatte Malinowskis Werk „Das Sexualleben der Wilden“, das 1930 erschien, wie viele andere Gesellschaftskritiker mit Begeisterung gelesen und berief sich auf dessen Einsichten. Das freie Sexualverhalten der Kinder bei den Trobriandern erschien ihm als Voraussetzung der sexuellen Freiheit, die er bei diesem Südseevolk gegeben sah. Das Fazit lautete kurz und bündig: „Die Primitiven haben ihre volle genitale Erlebnisfähigkeit, die ‚Zivilisierten’ können zu keiner Genitalbefriedigung gelangen, weil ihre Sexualstruktur durch die infolge der Erziehung erworbenen moralischen Hemmungen neurotisch zersetzt ist.“[2] Seine Kritik der „sexuellen Misere“ richtete sich insbesondere gegen die „Rücksichten auf dauermonogame Zwangsehe“, die das Geschlechtsleben bestimmen würden.[3]

Im Zentrum von Reichs Lehre stand das Problem der Orgasmusfähigkeit. Bereits in den 1920er Jahren hatte er es in seiner Schrift „Die Funktion des Orgasmus“ thematisiert und sich dabei ganz auf die betreffenden physiologischen Abläufe und ihre möglichen pathologischen Abweichungen konzentriert.[4] Interessant sind dabei die Veranschaulichungen der Vorgänge anhand von „Erregungskurven“, wie sie auch anderweitig in der Physiologie und klinischen Medizin − van de Veldes Koitus-Kurven haben wir oben vorgestellt − verwendet wurden und die den naturgesetzlichen Ablauf in seiner Objektivität nach dem Vorbild der „Fieberkurve“ demonstrieren sollten.  Deren Einführung in die klinische Medizin im 19. Jahrhundert diente zur objektiven Dokumentation eines Krankheitsverlaufs bzw. zur Krankheitsdiagnostik.[5] Ihre Popularität ist im Kontext der naturwissenschaftlichen Medizin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verstehen, für deren Methodik die grafische Darstellung von Messergebnissen eine wichtige Innovation darstellte.

Wilhelm Reich skizzierte den Verlauf der „typischen Phasen des Geschlechtsaktes mit orgastischer Potenz bei beiden Geschlechtern“ als die Kontur eines Bergs, der auf einer Zeitachse stand. (Abb. [i]) Der flachere Anstieg war links vom Gipfel, der steilere Abfall rechts. Beim Anstieg verläuft die Erregungslinie stufenförmig nach oben (in 12 oder 13 Stufen an der Zahl), was wohl die stimulierende Wirkung der einzelnen Koitus-Bewegungen symbolisieren soll und an das Bild eines Treppenaufstiegs erinnert. In den 1920er Jahren war Reich über Freud hinausgehend zum Schluss gelangt, dass die seelische Erkrankung nicht eine sexuelle Störung im weiteren Sinne, sondern die Folge der Störung der „genitalen Funktion, im strengen Sinne der orgastischen Impotenz“ sei.[6] Er reduzierte die sexuelle Problematik auf den „sexualökonomischen Energieverlauf“ beim Geschlechtsverkehr und gelangte so zu einer idealtypischen Abstraktion der Erregungskurve. Die Phase der Spannung und die der Entspannung wurden als einfache Linien gezeichnet, die auf einen Gipfelpunkt hin- bzw. von ihm weglaufen. Eine Hemmung der Entspannung entsprach dann einer „gestörten Sexualökonomie“ oder „Stauung“. (Abb. [ii]) Die betreffende Zeichnung erinnert an einen Reflexbogen, wie er als ein Grundmodell der Neurophysiologie schon im 19. Jahrhundert etabliert worden war. Interessanterweise nimmt der Orgasmus, der von Reich als als „Akme“ bezeichnet wurde, formal die Stelle des Reflexzentrums ein, die Stelle also, an die das Seelische − nach Descartes in der Zirbeldrüse − angekoppelt ist.

Auch Freud konzipierte den „psychischen Apparat“ als einen Reflexbogen. Die „Traumdeutung“ enthält eine Grafik, die den Erregungsverlauf vom Wahrnehmungs- zum Motilitätsende aufzeigt. Doch Freud brach diesen Reflexbogen gewissermaßen auf und fügte das (unbewusste) Seelenleben ein. Der Clou der „Metapsychologie“ in der „Traumdeutung“ war, dass der Traum durch eine rückläufige Erregung, durch eine Verkehrung des normalen Reflexvorgangs erklärt wurde. (Abb. [iii]) Reichs Reflexmodell dagegen kannte keine systemische Unterbrechung, das Unbewusste spielte bei ihm keine Rolle. Er kannte nur eine pathologische Stauung durch Hemmung der Orgasmusfunktion, was er grafisch durch ein Abweichen von der „normalen Orgasmuskurve“ darstellte und dabei „typische Genitalstörungen beider Geschlechter“ voneinander unterschied. (Abb. [iv]) Konsequenterweise begriff er alle Sexualstörungen als Normabweichung von der idealen Kurve, die er entsprechend einzeichnete, etwa als „Erregungskurve bei frühzeitigem Samenerguß“. (Abb. [v]) Damit glaubte er, den „Schlüssel zum Verständnis der Ökonomie der Neurosen“ in Händen zu halten. Solche Erregungskurven werden auch heute noch in sexualwissenschaftlichen Abhandlungen und insbesondere in sexualkundlichen Gesundheitsratgebern gezeigt, wie das Beispiel des schweizerischen Online-Beratungsportals „lilli“ zeigt. (Abb. [vi])

Auf die bizarre Lebensgeschichte von Wilhelm Reich in politisch bedrohlichen Zeiten und die Wandlungen seiner Konzepte soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Seine Begrifflichkeit war jedenfalls für die Ideologie der „sexuellen Revolution“ ab den 1960er Jahren von großer Bedeutung. Er prägte für seine „Orgonomie“, die er als wissenschaftliche Disziplin ansah, klar definierte Termini: „Orgasmusreflex“, „orgastische Potenz“ bzw. „Impotenz“, „Panzerung“ „Sexualökonomie“ und „Stauung.“[7]  Charakteristisch hierfür war seine Definition des „Orgasmusreflexes“, die sein strikt biologistisches Denken offenbarte: „Die einheitliche, unwillkürliche Konvulsion des Gesamtorganismus in der Akme der genitalen Umarmungen. Wegen der unwillkürlichen Natur dieses Reflexes und wegen der weitverbreiteten Orgasmusangst ist der Reflex bei den meisten Menschen blockiert, die in Gesellschaften aufgewachsen sind, die die Genitalität des Kleinkindes und des Jugendlichen unterdrücken.“[8]

Reich glaubte am Ende seines Lebens, mit der „Funktion der orgastischen Plasmazuckung“ eine Naturentdeckung gemacht zu haben, die so einzigartig wie die des Kolumbus sei, allerdings mit einem Unterschied: „Die Orgonenergie funktioniert in jedem Menschen und vor aller Augen. Amerika musste erst aufgefunden werden.“[9] Diese Wahnvorstellung, der absolut erste und einzige zu sein, der die Wahrheit erkannt habe, ist gerade in der Geschichte der Heilkunde häufig bei Gründern von eigenständigen Heilsystemen, insbesondere bei Esoterikern, Sektengründern und Gesundheitsaposteln zu beobachten. Reich konnte sein „Orgon“ experimentell nicht nachweisen. Seine Versuchsergebnisse, welche er als Beweis für seine Orgontheorie interpretierte, wurden von keinem geringeren als Albert Einstein als nicht stichhaltig entlarvt. Reichs These entsprach fast wörtlich Mesmers Vorstellung vom „Fluidum“: „Das Orgon ist eine von Elektrizität und Magnetismus grundverschiedene und vor allem neuartige Energieform.“[10] Dass die entsprechende Vorstellung einer kosmischen Kraft oder Energie schon unzählige Male in unterschiedlicher Formulierung in Medizin- und Kulturgeschichte vorgebracht wurde, ignorierte er bewusst oder unbewusst. Er war eben in seinem Selbstverständnis der erste und einzige Entdecker, gleichsam der Kolumbus der Medizin.

Gegen Ende seines Lebens vollzog Wilhelm Reich eine beachtliche religiöse Wende. Zwischen Juni und August 1951 schrieb er „The Murder of Christ“. Die deutsche Übersetzung erschien 1978 unter dem Titel „Christusmord“.[11] In dieser umfangreichen Monografie identifizierte er sich voll und ganz mit Christus und seiner Verfolgung bis hin zur Kreuzigung, indem er Christus als die Lichtgestalt eines sexuell freien, göttlichen Menschen darstellte. Dabei projizierte er seine Lehre vom Idealtypus des „genitalen Charakters“ mit „orgastischer Potenz“ auf Christus. So schrieb er im Vorwort von 1952: „’Gott’ ist die Natur, und Christus ist die Verwirklichung des Naturgesetzes. Gott (Natur) hat die Genitalien bei allen Lebewesen geschaffen […], damit diese nach natürlichen, göttlichen Gesetzen funktionieren. Deshalb ist es weder Sakrileg noch Blasphemie, dem Verkünder Gottes auf Erden ein natürliches, göttliches Liebesleben zuzuschreiben.“[12] Kursiv steht an einer Stelle geschrieben: „Er liebt Frauen“.[13] Reich hatte sein Ideal in Christus gefunden: „Für den orgonomischen Charakterologen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Christus alle Eigenschaften des genitalen Charakters.“[14] Und wie Christus wollte Reich die Menschen von ihrem Elend erlösen, das er in erster Linie von einer naturwidrigen Unterdrückung der Sexualität ableitete. „Der Neue Führer“ sollte ein neues Menschengeschlecht hervorbringen.[15] Ohne Frage sah sich Reich selbst in dieser Rolle. Dieser „Neue Führer“ à la Reich sei aber nur das positive Gegenbild zu den „Hitlers und Stalins“, merkten Kritiker an: „die Ähnlichkeit zu den Utopien von Kommunisten und Faschisten [ist] verblüffend, und verblüffender noch, daß Reich sie nicht bemerkt − oder nicht bemerken will.“[16] In seiner Dogmatik sei Reich „den von ihm gegeißelten Führern zum Verwechseln ähnlich“.[17] Die gegenwärtige Theologie würde in ihrer Christologie natürlich nicht so weit wie Wilhelm Reich gehen, aber Christus – im Gegensatz zu Paulus – doch eine gewisse intime Nähe zu und große Wertschätzung von Frauen zubilligen und ihn insofern mit der modernen Idee der Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau in Verbindung bringen.[18]

Es sei hier erwähnt, dass in christlich-esoterischen Sekten, die im 19. Jahrhundert vor allem in den USA eine Blütezeit erlebten, ein widersprüchliches Christusbild gepflegt wurde. Die einen verehrten ihn als Seelenbräutigam im Sinne der Theosophie, die anderen als Vorbild für polygamen Geschlechtsverkehr. So merkte der Spiritist und Lebensreformer Andrew Jackson Davis an, dass der „Nazarenische Reformator“ gegen die Ehe gewesen sei.[19] Christus habe sich „der leiblichen Ehe und äusseren Vaterschaft“ enthalten. Die Mormonen dagegen nähmen an, „dass Jesus wirklich selbst Bräutigam auf der Hochzeit zu Kanaan war, dass er ehelich geliebt wurde von den ihm ergebenen Frauen, welche ihm nachfolgten“. Es ist denkbar, dass Reich von diesem spezifisch amerikanischen Diskurs Impulse erhalten hat, die ihn zu seinem „Christusmord“ anregten. Es sei hier nur angefügt, dass das Einwanderungsland USA ein günstiger Nährboden für alle möglichen alternativen und esoterischen Konzepte und Ideen war, die in deren europäischen Herkunftsländern oft ihren Zenit schon längst überschritten hatten, wie etwa Mesmerismus, Homöopathie und Phrenologie, die sich aber in der „Neuen Welt“ mit religiösen und sozialreformerischen Bewegungen wirkungsvoll verbinden konnten.[20]

Reichs Gesellschaftskritik zielte zentral auf den „Faschismus“, dessen Ursache er in der unterdrückten Sexualität und dem daraus resultierenden „Muskelpanzer“ der zur Masse erstarrten Individuen erblickte. Seine therapeutischen Vorstellungen waren entsprechend eindeutig. Es sei klar, so formulierte er bereits 1933, „daß die sexualökonomische Massenhygiene schließlich in die allgemeinen gesellschaftlichen Freiheitsbestrebungen einmünden muß.“[21] Ende der 1920er Jahre versuchte er, Psychoanalyse und Marxismus theoretisch und praktisch zu vereinen. Er trat 1930 in Berlin der KPD bei und gründete 1931 den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, der als „Sexpol“ versuchte, vor allem jugendliche Massen zu agitieren. Die „sexuelle Revolution“ à la Reich sollte die „emotionelle Pest“ des Faschismus wie auch des Bolschewismus bekämpfen, die er in den 1930er Jahren massenpsychologisch miteinander gleichsetzte.[22] Freilich war und blieb seine „Sexualökonomie“ wie seine spätere „Orgonomie“ ein biologistisches Konstrukt, aus dem er weitreichende normative Ansprüche ableitete. Oberste Richtschnur war, dass der heterosexuelle „Geschlechtsverkehr der Puberilen [sic]“ rechtzeitig mit entsprechender Orgasmus-Entladung aufgenommen wurde. Was dem entgegenstand, schien die Gesundheit zu gefährden und den faschistischen „Muskelpanzer“ zu generieren. Insofern hegte auch Reich ein Ressentiment gegen die Onanie: „Als frisch, tüchtig und rege erweisen sich immer die, welche im richtigen Augenblick den Schritt von der Onanie zum Geschlechtsverkehr zu machen wagten. Auf die Dauer schwächt ja die Onanie auch die Beziehungen zur Wirklichkeit; die Leichtigkeit, mit der die Befriedigung zu erzielen ist, macht oft unfähig, den belebenden Kampf um einen Partner zu führen.“[23] Man spürt hier den Vergleich mit dem „natürlichen“ Verhalten der Tiere, etwa gemäß dem Topos vom „Kampf ums Weibchen“.


[1] Peglau, 2013. [2] W. Reich, 1972, S. 46. [3] A. a. O., S. 158.  [4] W. Reich, 1927; 1969. [5] Hess, 2000. [6] W. Reich, 1969, S. 100. [7] W. Reich,1976, S. 19-22 [„Glossar“]. [8] Ebd., S. 20. [9] A. a. O., S. 28. [10] Zit. n. Demisch, 1979, S. 345. [11] Reich, 1978. [12] Ebd., S. 27. [13] A. a. O., S. 63. [14] A. a. O., S. 81. [15] Reich, 1978, S. 359-391. [16] Gäng / Hausmann, 1997, S. 41. [17] A. a. O., S. 42. [18] Prause, 1981. [19] Davis [1867], 1874, S. 94 f. [20] Fuller, 1985; 2001; 2004; 2006. [21] Reich [1933], 1974, S. 179. [22] A. a. O., S. 238. [23] Reich [1936], 1979, S. 122 f.


[i] W. Reich, 1969, S. 95; → Abb. Reich orgastische Potenz beide Geschlechter [ii] W. Reich, 1969, S. 101; → Abb. Reich sexualökonomischer Energieverlauf [iii] Freud, 1900, S. 546; → Abb. Freud psychischer Apparat [iv] W. Reich, 1969, S. 143; → Abb. Reich typische Geniatalstörungen [v] W. Reich, 1969, S. 144;  → Abb. Reich frühzeitiger Samenerguss [vi] http://www.lilli.ch/orgasmus_frau_erreichen_erregen_wie/ 14.02.2012); → Abb. Erregungskurve lilli

47. Kap./3* Das Phasenmodell der normalen Sexualfunktion

Die normale Sexualfunktion als Ausdruck der Gesundheit erscheint heute als Ideal. So ist in einem Lehrbuch zu lesen: „Für einen gesunden und jungen Menschen, Mann wie Frau, gehört die normale Funktion des Sexualsystems wohl zum wertvollsten persönlichen Gut. Die wesentlichsten biologischen Aufgaben des Menschen werden damit angesprochen. Das Verlangen nach Familienplanung und nach sexueller Befriedigung sind die Antriebskräfte für die wissenschaftliche Erforschung und ärztliche Behandlung der Reproduktions- und Kohabitationsstörungen schlechthin.“[1] Für die Sexualmedizin wurde gleichzeitig mit der „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre die Theorie der „sexuellen Reaktion“ von Masters und Johnson maßgeblich, die sich in zahlreichen wissenschaftlichen und populären Schriften niederschlug.[2] Der sogenannte sexuelle Reaktionszyklus läuft demgemäß in vier Phasen ab:  (1) Erregungsphase, (2) Plateauphase, (3) Orgasmusphase und (4) Rückbildungsphase. Dabei verlaufe trotz der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Reaktionszyklus bei Mann und Frau erstaunlich ähnlich.[3] Damit war ein quasi objektives Raster vorgegeben, das bis heute wissenschaftliche Geltung beansprucht und auch in Handbüchern der Sexualmedizin als Goldstandard gehandelt wird.

Zeitgleich zu diesem Phasenmodell des (heterosexuellen) Geschlechtsverkehrs entstand das Phasenmodell des Sterbeprozesses, das für die Thanatopsychologie ebenso bedeutsam werden sollte wie jenes für die Sexualwissenschaft. 1969 begründete nämlich die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ihre „fünf Phasen des Sterbens“.[5] Das Bedürfnis nach einer haltbaren Orientierung war in einer Umbruchzeit, welche für das Verständnis der Sexualität ebenso gravierend war wie für das des Sterbens, besonders groß. Die Idee eines gesetzmäßig ablaufenden Prozesses war gerade für Medizin und medizinische Psychologie attraktiv und gab der medizinischen Praxis einen gewissen Rückhalt. Überhaupt entstanden um 1970 grundlegende Leitideen für Theorie und Praxis der Medizin, die auch heute noch mehr oder weniger anerkannt werden: etwa das Modell der Risikofaktoren oder das Konzept der Hirntoddiagnostik. Die Lehre vom idealtypischen Verlauf der Sexualfunktion bot der professionellen Sexualtherapie eine Grundlage. Wahrscheinlich hatte die Lehre von den idealtypischen Sterbephasen eine ähnliche Bedeutung für die Begründung der professionellen Sterbegleitung. Begriff wie „Zyklus“ und „Phasen“ sind assoziativ mit biologischen und technischen Funktionsmodellen verknüpft und strahlen von daher eine gewisse wissenschaftliche Objektivität aus. Sie passen zum medizinischen Denken und Handeln. Dies wird gerade beim sexualtherapeutischen Ansatz von Masters und Johnson deutlich, der wie kein anderer die gegenwärtige Sexualwissenschaft beeinflusst hat.

Das anthropologische Verständnis folgte dem einfachen Modell von (sexuellem) Reiz und (psychosomatischer) Reaktion. Der Mensch bestehe aus zwei miteinander in Wechselwirkungen stehenden Systemen: dem „biophysischen“ und dem „psychosozialen“ Bereich. Es war nun nicht nur die Frage, wie er im jeweiligen Bereich auf sexuelle Reize reagiert, sondern auch, wie letzterer Bereich den ersteren beeinflussen kann, sodass entsprechende Reize nur geringe oder gar keine Reaktionen hervorrufen. [6] Die automatische Reaktion im biophysischen Bereich, dem biologischen Fundament der Sexualität, kann also durch den psychosozialen Bereich modifiziert bzw. unterdrückt werden. Dieses Fundament ändert sich im Laufe des Lebens, wie in einem Lehrbuch ausgeführt wird: „Beim Mann wird der Kulminationspunkt sexuellen Interesses etwa um das 21. Lebensjahr erreicht, danach geht das Interesse langsam zurück. Bei der Frau dagegen steigt, generell gesprochen, die Libidostärke bis zum 35. Lebensjahr an und fällt dann im Klimakterium und später kaum mehr ab.“[7] Solche Aussagen stützen sich auf scheinbar naturgesetzliche Gegebenheiten und zeugen vom biologischen bias des Autors. Ähnlich naiv wird in diesem Zusammenhang der Orgasmus begriffen. Bei Männern sei die Definition nicht schwierig, da er ja − objektiv fassbar − mit der Ejakulation einhergehe. Aber auch bei der Frau lasse sich der Orgasmus – wenn auch nur subjektiv – fassen. Generelles Zeichen sei „die Angabe eines Gefühls des Pulsierens und Pochens im Unterleib mit anschließend angenehm empfundenem Nachlassen einer inneren Anspannung“.[8] Es ist bemerkenswert, wie sehr das Erleben des Orgasmus, die „Angabe eines Gefühls“, vom Autor auf medizinisch objektivierbare physiologische Vorgänge reduziert wird: nämlich „Pulsieren“ und „Anspannung“.

Die Theorie vom sexuellen Reaktionszyklus erscheint als naturwissenschaftlich gesicherte Grundlage, auf der alle möglichen sexualmedizinischen Studien aufbauen. Jeder Phase des Reaktionszyklus lassen sich somit bestimmte Störungen zuordnen. So werden etwa in einer neueren Übersichtsarbeit die Sexualstörungen des Mannes „nach ihrem Auftreten im sexuellen Reaktionszyklus (Appetenz-, Erregungs-. Orgasmus- und Rückbildungsphase) unterteilt.“[9] Paradoxerweise hat gerade die Freud‘sche Psychoanalyse, welche die naturwissenschaftliche Medizin psychologisch transzendieren und anthropologisch reformieren wollte, mit dazu beigetragen, die biologistische Auffassung der Sexualität zu bekräftigen. Neu war allerdings die Aufdeckung sexueller Motivationen im kulturellen und sozialen Leben. Freud stellte kulturelle und religiöse Normen infrage, nicht aber die normativen biologischen Vorstellungen seiner Zeit über die Sexualität als Triebgeschehen. Insofern erscheinen die Lehren und Behandlungsmethoden seines fragwürdigen und tragischen Schülers Wilhelm Reich zum Teil als eine Karikatur derjenigen des Meisters (Kap. 48).


[1] Kaden (Hg.), 1980, S. 16 [„Einleitung“; R. Kaden]. [2] Masters / Johnson, 1967. [3] Kokott, 1980, S. 275 f. [5] Kübler-Ross, 1969. [6] Kokott, 1980, S. 272. [7] A. a. O., S. 274. [8] A. a. O., s. 275. [9] Rösing et al., 2009, S. 821.

47. Kap./2* Orgasmus, gesund machender Reflex

Die Problematik des Orgasmus spielte eine Schlüsselrolle im Diskurs von Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des 20. Jahrhunderts. War er zur Gesundheit notwendig? Welche Qualität sollte er haben? War er mehr oder weniger identisch mit der Ejakulation des Mannes? War der Orgasmus der Frau dem des Mannes analog oder grundsätzlich verschieden? Wie oft sollte der Mensch einen Orgasmus haben? Ab welcher Frequenz wirkte er schädlich? Wir werden noch in anderem Zusammenhang auf die Orgasmusfrage zurückkommen, vor allem beim sogenannten Phasenmodell der normalen Sexualfunktion (siehe unten) sowie beim Thema der sexuellen Revolution und ihrer Fixierung auf Wilhelm Reichs biologistischen Ansatz (Kap. 48). Dieser Diskurs konnte auf eine bis in die Antike zurückreichende Tradition zurückblicken. Bereits Aristoteles hatte in „De generatione animalium“ festgestellt, dass Frauen einen − im heutigen Sprachgebrauch − „Klitoris-Orgasmus“ erleben konnten, der freilich zur Empfängnis nicht nötig sei.[1] Demgegenüber gab es gerade in Renaissance und früher Neuzeit eine Reihe von Autoren, die für die Zeugung einen gleichzeitigen Orgasmus von Mann und Frau für nötig erachteten, da in diesem Augenblick der männliche und der weibliche Samen ausgestoßen würde. Dies behauptete insbesondere der französische Chirurg Ambroise Paré.[2]

Gegen die anhaltende Verteufelung der durch die überflüssige Ejakulation krank machenden Sexualität, welche durch die Onanie-Debatte seit dem 18. Jahrhundert angestoßen worden war, gab es auch sexualfreundlichere Gegenentwürfe. Sie respektierten auch die weibliche Sexualität als menschliches Bedürfnis. Hier wäre der französische Frühsozialist Charles Fourier zu nennen, der für ein kultiviertes und allseits befriedigendes Sexualleben als Menschenrecht plädierte.[3] Seine utopischen Ansichten wurden im 19. Jahrhundert in (zumeist nur kurzlebigen) US-amerikanischen Gemeinschaften zum Teil in die Tat umgesetzt, etwa in der „Experimental Community of New Harmony“, die der Waliser Industrielle und Sozialreformer Robert Owen in Southern Indiana kurzzeitig von 1825 bis 1828 etablierte.[4] Auf den Sonderfall der Oneida Community gehen wir noch ausführlich ein (Kap. 49). Der US-amerikanische Arzt und Freidenker Edward B. Foote setzte sich für die Geburtenkontrolle und eine Sexualreform ein. Er identifizierte den „sexual magnetism“ mit elektrischer Energie, die den Einzelnen auflade und aufbaue.[5] Der Sexualverkehr erschien in dieser Sicht als ein physiologisches Stärkungsmittel, das die Gesundheit fördere: „The nervous system requires sexual magnetism to preserve it in health …the sexes cannot maintain perfect health in isolation.“[6] Allerdings galt dies nur, wenn beim Sexualverkehr ein Energieaustausch stattfand und die Verausgabung nicht einseitig verlief.

Gegenüber der allgemeinen Abwertung der weiblichen Sexualität und der Verneinung des weiblichen Orgasmus fiel eine Schrift des französischen Arztes Jules Guyot völlig aus dem Rahmen: nämlich der «Bréviaire de l’amour expérimental», 1859 verfasst und 1882 posthum veröffentlicht.[7] Guyot ging davon aus, dass alle Männer und Frauen fähig seien, den Orgasmus zu erleben. Dieser sei psychisch und physisch wohltuend, da er Fröhlichkeit und Öffnung fördere. Sexualverkehr ohne orgasmische Befriedigung sah er als gefährlich an, da er zu Erschöpfung und schweren nervösen Leiden führe, insbesondere bei unbefriedigten Frauen. Guyot entdeckte lange vor der „sexuellen Revolution“ im 20. Jahrhundert sozusagen die Sexualität der Frau: ihr erotisches Verlangen, ihre Orgasmusfähigkeit und die Bedeutung der Klitoris für ihre sexuelle Befriedigung.[8]

Doch wollen wir uns nun dem 20. Jahrhundert zuwenden. Welche Auffassungen vom Orgasmus hatten Ärzte, die sich nicht explizit als „Sexualwissenschaftler“ oder „Sexualtherapeuten“ verstanden? Die 1909 publizierte Schrift „Die libidinösen Sexualausflüsse und der Orgasmus“ eines gewissen Dr. Rohleder aus Leipzig ist recht aufschlussreich für das ärztliche Verständnis jener Zeit.[9] Der Autor argumentierte auf der Grundlage der Organmedizin, insbesondere der Anatomie. So wollte er den anatomischen Sitz des Orgasmus bei Mann und Frau genau bestimmten. Er gelangte zu einer bemerkenswerten Fiktion der „Jungfräulichkeit“, die man sogar in Bezug auf erlebte Pollutionen anamnestisch diagnostizieren könne. Er ging davon aus, dass auch Frauen ein der Ejakulation gleichwertigen Sexualausfluss haben, aber nur bei direkter Reizung oder nach sexueller Erfahrung: „Fast jeder keusche Jüngling resp. Mann ist den Pollutionen unterlegen, eine keusche Jungfrau nie! Pollutionen kommen beim weiblichen Geschlecht nur dann vor, wenn früher geschlechtlicher Umgang vorhanden war, der durch irgend welche Momente Unterbrechung gefunden hat, also besonders bei Witwen, Strohwitwen, etc. hieraus folgt: Eine wirklich keusche Jungfrau kann keine Pollutionen haben, klagt sie über solche, so ist sie dringend geschlechtlicher Reizung verdächtig […], der Onanie, ja sie ist wohl sicher Onanistin.“[10] Diese Schilderung der „wirklichen Jungfrau“ folgt im Selbstverständnis des Autors wissenschaftlichen Erkenntnissen, ist aber offensichtlich eine höchst voluntaristische Konstruktion. Eine „wirkliche Virgo“ sei durch „anatomisch-physiologische Deduktionen“ beweisbar, habe keine nächtlichen Pollutionen, da der „ganze Vorgang des Uterusreflexes“ nur durch „hochgradige sexuelle Lokalreizung“ ausgelöst werden könne.[11] „Eine wirkliche Jungfrau kennt aber die durch Coitus resp. Phallus ausgelösten Gefühle nicht im bewußten Zustande“.

Mit dem Kinsey-Report und der sich anbahnenden „sexuellen Revolution“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückte der Orgasmus der Frau verstärkt in den Blickpunkt von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die tradierten Rollenzuweisungen im Sexualleben erzeugten weithin ein Unbehagen, wie es beispielweise der US-amerikanische Psychologe Seymour Fisher in seinem einschlägigen Standardwerk äußerte.[12] Er berichtete über das Orgasmuserleben von Frauen aus seiner Praxis und stellte eine große Vielfalt unterschiedlichen individuellen Erlebens fest. Freilich blieben seine theoretischen Reflexionen jenseits der praktischen Fallgeschichten recht oberflächlich und blass. Sein kritisches Fazit lautete, dass der westliche Kulturkreis gegenüber dem Orgasmus der Frau „Klischeevorstellungen anstelle eines der Wirklichkeit entsprechenden Modells der Weiblichkeit“ geschaffen habe.[13] Die Besorgnis, dass viele Frauen nicht beständig zum Orgasmus gelangen, „resultiert aus Fakten, die belegen, daß unser Kulturbereich antiweiblich strukturiert ist. Das Leben der Frauen wird dadurch ungewöhnlich erschwert.“ Ihm schwebte eine utopische Lösung des Orgasmusproblems vor: „Das sogenannte Orgasmusproblem würde verblassen, wenn Frauen in einem Kulturbereich aufwachsen könnten, in dem sie nicht durch die Drohung möglicher Vereinsamung zum Gehorsam gezwungen sind.“[14]

Ein Schüler von Wilhelm Reich, der US-amerikanische Arzt und Psychotherapeut (Körpertherapeut) Alexander Lowen prägte ab den 1960er Jahren nachhaltig den Begriff des Orgasmus in seiner gegenwärtigen Bedeutung. Mit seinem Buch „Liebe und Orgasmus“ wollte er einen „Weg zu menschlicher Reife und sexueller Erfüllung“ aufweisen.[15] Er wandte sich in leicht verständlicher Sprache an eine breite Öffentlichkeit, wobei er sich auf langjährige ärztliche Erfahrungen stützte. Zugleich wollte Lowen den Lesern eine Lebensberatung anbieten, wie es auf dem Buchdeckel heißt: „Dieses Buch bietet allen, die zu reifer Sexualität gelangen wollen, Hilfe an.“ Im Mittelpunkt des therapeutischen Bemühens stand die „orgastische Impotenz“ bei beiden Geschlechtern.

Lowen betonte, dass nur „die Beteiligung des ganzen Körpers an den unwillkürlichen lustvollen Bewegungen der sexuellen Entladung“ zu einem befriedigenden Orgasmuserlebnis führe. Damit stand für ihn fest, dass dies nur im heterosexuellen Geschlechtsakt möglich sei, da der homosexuelle „sich auf die Genitalien beschränkt“.[16] Mit peinlicher Genauigkeit beschrieb er den idealtypisch verlaufenden heterosexuellen Geschlechtsakt, der im Wesentlichen dem „sexuellen Reaktionstyp“ nach Masters und Johnson entsprach (siehe unten), wobei er psychoanalytische Versatzstücke einstreute, wie: „Wenn der Mann nicht den Drang zur Penetration verspürt, kann das ein Hinweis auf eine Furcht vor der Vagina sein.“[17] Er erwähnte auch die Theorie des Psychoanalytikers Sandór Ferenczi, dass der Geschlechtsakt für den Mann „eine symbolische Rückkehr in den Mutterleib, seine ursprüngliche Heimat“, sei.[18] Entscheidend für den Ganzkörperorgasmus waren die „unwillkürlichen Bewegungen“ des Beckens, die „voll und frei“ ausgeführt werden müssten.[19]

Lowens mechanistisch-biologistische Normierung des idealen (selbstverständlich heterosexuellen) Geschlechtsakts war frappierend. „Das Becken sollte sich mit der Geschmeidigkeit einer gut geölten Türangel bewegen […]. Beim Mann kommt der Bewegungsstoß von den Beinen und ist völlig vom Ich beherrscht. Während der Mann durch seine Beine ‚geerdet’ ist, ist die Frau in der Rückenlage durch den Kontakt zwischen ihren Beinen und dem Körper des Mannes an ihm ‚geerdet’. Dadurch können sich ihre Bewegungen mit den seinen synchronisieren.“ Damit erhob Lowen die klassische „Missionarsstellung“ zur Norm, die eine Hierarchie der Geschlechter definierte: Der Mann schien direkt an der Erde, die Frau direkt am Mann „geerdet“. Somit war klar, wer wen missionierte. Als Gegenstück zur Ejakulation erschien bei der Frau „die Kontraktion der glatten Muskulatur, die die Vagina umgibt.“[20] Das „Endziel“ der Liebe war das Verschwinden des „Selbst“ im Orgasmus, die „Verschmelzung mit dem Liebesobjekt“, was für Wilhelm Reichs Vorstellung spreche, „im Orgasmus finde der Mensch seine Identifikation mit kosmischen Prozessen.“

Die Metaphorik, womit Lowen den Orgasmus veranschaulichte, war bezeichnend und entsprach der Auffassung seines Lehrmeisters. Zum einen benutzte er das bekannte Gleichnis von Ross und Reiter, das wir in anderem Zusammenhang schon vorgestellt haben (Kap. 15):  Auf der Funktionsebene der unwillkürlichen Sexualbewegungen „ist der Reiter Teil des Pferdes. Beim Orgasmus verschwindet das Ich und wird vom Es absorbiert.“[21] Sodann benutzte er die elektrotechnische Metapher der „vollständigen Entladung“, der „Schlussentladung“: „Der volle Orgasmus, wie Reich ihn definiert hat, ist das Ergebnis der unwillkürlichen Kontraktion des Organismus und der vollständigen Entladung der Erregung“. Schließlich verglich er den Geschlechtsakt mit Pfeil und Bogen, die schon in alten Zeiten als „Symbol der Liebe“ verwendet worden seien: „Der Pfeil repräsentiert das männliche Geschlechtsorgan; der Bogen entspricht dem Körper des Menschen [d. h. in diesem Kontext: des Mannes] . […] je stärker der Bogen gespannt wird, desto weiter fliegt der Pfeil“.[22]

Neben dieser Lehre vom sexuellen (genitalen) Orgasmus als einer vollständigen „Entladung“ ist noch eine weitere biologistische Leitidee zu erwähnen. Sie geht auf die Wiener Ärztin und Psychoanalytikerin Helene Deutsch zurück, die in ihrer Schrift „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen“ von 1925 Geschlechtsverkehr und Gebären als zwei Phasen eines einzigen Prozesses ansah: „So wie der erste Akt (im Orgasmus) Elemente des zweiten enthält, ist dementsprechend auch der zweite mit Lustmechanismen des ersten durchtränkt. Ich nehme sogar an, daß der Geburtsakt die Akme (den Gipfelpunkt) der sexuellen Lust darstellt“. Sie sah insofern den Geburtsakt als Analogon zur Ejakulation an. Auch Stillen sei laut Deutsch „ein sexuelles Genießen, in dessen Zentrum die Mamille [Brustwarze] als erogene Zone steht.“[23] Diese Deutung des Geburtsvorgangs als ein orgasmisches Geschehen für die Mutter fand im Zusammenhang mit einer wichtigen Neuerung in der Geburtshilfe der 1970er Jahre von Neuem Beachtung, als der französische Arzt Frederick Leboyer die „sanfte Geburt“, insbesondere die Unterwassergeburt, propagierte.[24] Dessen Schüler Michel Odent gründete 1987 das Primal Health Research Centre in London.[25] Seine jüngste Monografie „Die Natur des Orgasmus“ zeigt die für die heutige Medizin typische Kombination von biologischen, ökologischen und psychologischen Gesichtspunkten.[26] Die „komplexen Interaktionen zwischen verschiedenen Hormonen“, der „Sturzbach der Hormone“ seien von grundlegender Bedeutung, wenn es etwa um die Auslösung des „Fötus-Ejektions-Reflexes“ gehe.[27] Dieser Reflex löse „orgasmische Zustände“ aus, die durch „die kulturelle Reglementierung des Gebärens“ allerdings nur noch außerordentlich selten vorkämen.[28]

Odent zielte darauf ab, Wilhelm Reichs Orgasmustheorie, die nur die genitale Sexualität im Blick hatte, substanziell zu erweitern. Er sah – vor allem in Anlehnung an Helene Deutsch (siehe oben) – im ungehemmten ekstatischen, dem Orgasmus ähnlichen Erleben des Geburtsvorgangs den springenden Punkt: das Gebären als höchste Stufe des Orgasmus. So ist die Metapher der „Geburtsleiter“ und ihrer „obersten Sprossen“ aufschlussreich. „Im Moment der Geburt ist es nicht mehr weit zum höchsten Punkt der Leiter. Der eigentliche Höhepunkt wird erst ein wenig später erreicht, wenn die Mutter, die sich immer noch gleichsam auf einem anderen Planeten befindet, ihr neugeborenes Kind entdeckt. Dies ist ein weiterer Grund, warum die meisten Kulturen bis vor Kurzem dem an die Geburt gekoppelten orgasmisch-ekstatischen Zustand keine Beachtung schenkten.“[29] Die kulturelle Unterdrückung des orgasmischen Gebärens, d. h. die Hemmung eines physiologischen Vorgangs im „Säugetier Frau“ ist für Odent die Quelle des Übels, denn: „Neuere Forschungsdaten und anekdotische Berichte über Geburten, die unter den außerordentlich selten gegebenen Bedingungen der Ungestörtheit und Geborgenheit ablaufen, stützen die Vorstellung, dass das Säugetier Frau darauf programmiert ist, Kinder in einem ekstatisch-orgasmischen Zustand zur Welt zu bringen, und dass die Ausschüttung des ‚scheuen Hormons’ Oxytozin in hohem Maße von Umweltfaktoren abhängig ist.“[30]

Odent unternahm unter der Überschrift „legendäre Orgasmen“ einen recht spekulativen Ausflug in die Mythologie und Religionsgeschichte.[31] Die „wundersamen Empfängnisse und Geburten mythischer Gestalten“ wie die Empfängnis der Aphrodite, Buddhas, Jesu oder des Heilgottes Asklepios und ihre angebliche „orgasmische Geburt“ dienten ihm als Belege für seine Theorie. Er verstehe sie als „Botschaften zur Natur des Menschen […], bis wir genügend Wissen zusammengetragen haben, um ihren Sinn entschlüsseln zu können.“ Seine Entmythologisierung bedeute „wissenschaftliche Erforschung der Liebe“. Diese versucht, der „Natur“ wieder zu ihrem Recht zu verhelfen – mit biologistischen Modellvorstellungen wie dem „Sturzbach der Hormone.“

Selbstverständlich fand die physiologische Wertschätzung des Orgasmus auch in alltäglichen Programmen von Wellness und Fitness ihren Niederschlag. So wurde in einem US-amerikanischen Gesundheitsratgeber der  „Beauty Orgasm“ als eine Körperübung empfohlen, der Furchen im Gesicht glätten und hohle Wangen wieder füllen könne: „During the Plateau Phase to orgams (phase 2) the facial muscles tighten up. This is a natural isometric exercise“.[32] Auch der verlängerte Geschlechtsverkehr, wie er im Orient jahrhundertelang praktiziert worden sei, sei ein Mittel der Gesundheits- und Schönheitskur: „it prolongs the period of isometric exercise for your entire body, and the time of increased blood circulation, which is necessary for the optimum health and maximum beauty of your skin, hair, and nails.“[33] Der Sexualverkehr erscheint hier primär als gezieltes Fitness-Training, als eine besondere Art des body building.


[1] Buch I, 19, 727b bzw. 20, 728a; Reinisch / Kaufman, 1991, S. 254 f. [2] Reinisch / Kaufman, 1991, S. 255. [3] A. a. O., S. 257. [4] A. a. O., S. 258; http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Owen  (10.05.2012). [5] A. a. O., S. 262. [6] Zit. ebd. [7] A. a. O., S. 259; Guyot, 1882. [8] A. a. O., S. 260. [9] Rohleder, 1909. [10] Ebd., S. 6. [11] A. a. O., S. 12. [12] Fisher, 1973. [13] Ebd., S. 205.[14] A. a. O., S. 206. [15] Lowen [1965], 1980. [16] Ebd., S. 247. [17] A. a. O., S. 248. [18] A. a. O., S. 249. [19] A. a. O., S. 250 f.[20] A. a. O., S. 253. [21] A. a. O., S. 255. [22] A. a. O., S. 256. [23] Zit. n. Odent, 2010, S. 10; Deutsch, 1925, S. 66 f. bzw. 89. [24] H. Schott, 1993 [a], S. 554. [25] http://en.wikipedia.org/wiki/Michel_Odent (10.08.2011). [26] Odent, 2010. [27] Ebd.,  S. 20. [28] A. a. O., S. 105. [29] A. a. O., S. 23 f. [30] A. a. O., S. 25. [31] A. a. O., S. 104-106. [32] Baker / Gale, 1977, S. 189. [33] A. a. O., S. 190.

# 47. Kap. Sexualmedizin: Normierung der Sexualität

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.[1] Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften.[2] Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.[3] Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.


[1] Beier / Bosinski / Loewit, 2008, S. 30. [2] A. a. O., S. 31 f. [3] Kaden (Hg.), 1980, S. 15 [„Einleitung“; R. Kaden].