11. Kap./1 * ProfaneTempel

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lag es nahe, die Naturidylle als profanen Tempelbezirk zu stilisieren und die „Wirklichkeit der Götter“ zu imaginieren. Der deutsche Altphilologe Walter F. Otto schilderte in einem posthum veröffentlichten Fragment aus dem Jahr 1953 eindringlich, wie die göttliche Gegenwart nur von denen wahrgenommen werden könne, die „im eigenen Innern etwas Göttlich-Verwandtes“ tragen. [1] Dies gelte auch für die Erzählungen von der Begegnung „mit Waldgeistern oder gar einer Göttin, wie Artemis“. Es ist bemerkenswert, dass der Bildhauer Arno Breker nach dem Zweiten Weltkrieg eine relativ zierliche Bronze-Skulptur für eine Lichtungswiese im neu erbauten Bonner Stadtviertel „Venusberg“ schuf: die „Artemis vom Venusberg“, auch „Diana mit dem Speer“ genannt. Sie wurde am 30. Juni 1955 enthüllt.[2] Diese Statue der Diana-Artemis erlebte nach Verkauf von staatlich geförderten Wohnungen an einen privaten Investor in den 1990er Jahren eine wechselvolle Geschichte. Der Immobilienhändler, der sie als sein Eigentum betrachtete, entführte sie 1997 zunächst in eine süddeutsche Stadt. Sie wurde dann von ortsansässigen Bürgern öffentlich zurückverlangt und tatsächlich im Jahr 2000 zurückgegeben, durfte aber wegen Brekers künstlerischem Engagement für das NS-Regime – er war bekanntlich im „Dritten Reich“ zum „Staatsbildhauer“ im Dienste Hitlers avanciert[3] – auf Anordnung der zuständigen städtischen Behörde nicht an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren. Sie fand schließlich, nachdem man sie im Frauenmuseum Bonn zwischenzeitlich ausgestellt hatte,[4] unter einer Trauerweide versteckt im hintersten Winkel im Garten des Bonner „Hauses der Geschichte“ ihre (vorläufig letzte) Heimstatt. (Abb. [i])

Anmerkung vom 16.08.2015

Anders als Brekers „Diana“, die versteckt und verschmutzt im Abseits steht, ergeht es Felderhoffs „Diana“. Ich habe sie bei einem Berlin-Besuch am 24. Juli 2015 im Kolonnadenhof der Mueumsinsel entdeckt und fotografiert. Näheres siehe Supplementary News Blog.

Doch zurück zur Wissenschaftsgeschichte. Der Begriff des Tempels eignete sich vorzüglich zur Absteckung eines sakralen Raumes im säkularen Selbstverständnis der Akteure. Deshalb war er im 18. und 19. Jahrhundert durchaus beliebt: der Makrokosmos als „Tempel der Natur“, das Laboratorium als „Tempel der Wissenschaft“ und schließlich auch der menschliche Leib selbst als „Tempel des Heiligen Geistes“. Eine zynische Bedeutung bekam die Tempelmetapher bei „armen Leuten im Krankenhaus“, wie der Titel einer Aufklärungsschrift gegen unethische Menschenversuche in Kliniken um 1900 lautete.[5] Darin wurde ein Assistent am „kgl. Institut für Infektionskrankheiten“ in Berlin namens Dr. Kolle zitiert, der selbst fragwürdige Menschenversuche mit Pestbazillen unternommen hatte: „Der Tempel der ärztlichen Wissenschaft“, schrieb er, „sollte überhaupt von Laien nicht unnötigerweise betreten werden, vor Allem nicht, um ihn zu profanieren.“ Diese Auffassung erinnere „vollständig an die Ansprüche des orthodoxen Kirchentums und seiner Priesterkaste“, merkte der Herausgeber Ludwig Quidde an, der als Pazifist 1927 den Friedensnobelpreis erhielt (Kap. 5)

Wie der Anti-Onanie-Diskurs ab Mitte des 18. Jahrhunderts zeigte, wurden gerade unter dem Vorzeichen der Aufklärung medizinische Argumente mit theologischen verschmolzen (Kap. 44). Gerne wurde die Aussage des Paulus im 1. Korintherbrief zur Warnung vor „Unreinigkeit“ und „Unzucht“ herangezogen: „[…] wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, welchen ihr habt von Gott, und seid nicht euer selbst.“[6] Damit war klar gestellt, dass der Mensch, etwa als Arzt und Naturforscher, nicht willkürlich über die Natur in ihm und außer ihm verfügen durfte. Er sollte „rein und keusch“ sein, wie es Paracelsus im Hinblick auf das ärztliche Ethos forderte. Die wissenschaftliche Forschungsmethodik hatte in religiöser Demut höchsten, göttlichen Autoritäten zu folgen: der natürlichen Magie (magia naturalis), der wissenschaftlichen Wahrheit (vérité) und schließlich der von Gott verordneten Reinheit („Heiliger Geist“).


[1] W. F. Otto, 1963, S. 73. [2] Weingartz, 2007, S. 16. [3] Petsch, 1994, S. 39. [4] http://www.meaus.com/frauenmuseum-pitzen.htm(17.10.2010). [5] Quidde, 1900. [6] 1. Kor 6, 19 (Lutherbibel 1912) (http://www.bibel-online.net/buch/46.1-korinther/6.html#6,15; 13.11.2009).


[i] Weingartz, 2007, S. 17 [Arno Breker: „Artemis vom Venusberg“]; → Abb. Artemis vom Venusberg

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# 11. Kap. Im „Tempel der Natur“: Wissenschaft als Religion

In Naturwissenschaft und Medizin der Neuzeit charakterisierten zwei Topoi die wissenschaftliche Forschungspraxis als religiöse Handlung, als eine Art Gottesdienst. Der Topos vom Lesen in der „Bibel der Natur“ als der anderen Heiligen Schrift war vor allem in der frühen Neuzeit weit verbreitet und diente sogar dem berühmten niederländischen Naturforscher Jan Swamerdam als Buchtitel für sein monumentales Werk über die Insekten.[1] Der Topos vom Forschen im „Tempel der Natur“ trat erst um 1800 in den Vordergrund. Damit war zugleich der „Tempel der Vernunft“ und der „Tempel der Wissenschaft“ gemeint. Die Verehrung der Göttinnen Isis, Artemis oder Diana, um nur die wichtigsten zu nennen, erschöpfte sich in diesen „Tempeln“ freilich nicht in Kontemplation, sondern hatte vor allem das „Entdecken“ von Naturgesetzen, die „Enthüllung“ der objektiven Wahrheit zum Ziel. Die Metapher des Tempels war in der Naturforschung des 19. Jahrhunderts durchaus bedeutsam, von Erasmus Darwins großem Gedicht „The Temple of Nature“ (siehe unten) bis hin zu dem französischen Physiologen Claude Bernard, der vom Laboratorium als dem „wahren Heiligtume“ der Wissenschaft sprach (Kap. 5).[2] Es ist auffallend, dass alle Versuche, die herkömmliche Religion durch eine Vernunftreligion zu ersetzen, in der die göttliche Instanz gänzlich in der Natur aufging, keineswegs auf religiöse Rituale verzichteten und ihre numinosen Bezirke, ihre „Tempel“ mit entsprechendem Inventar sorgsam pflegten. Insofern hat es einen radikalen Bildersturm durch die Naturwissenschaften nie gegeben, die alten Götter und mehr noch Göttinnen hatten keineswegs gänzlich ausgedient und waren zumindest zur Dekoration brauchbar. So tauchte die Herme der ephesischen Diana noch am Denkmal des Physikers und Physiologen Hermann von Helmholtz auf, das 1899 im Vorhof der Humboldt-Universität zu Berlin errichtet wurde und heute noch dort steht. (Abb. [i] / Abb. [ii])


[1] Swammerdam, 1738/39; 1752 [2] Bernard, 1865/1961, S. 314.


[i] Goesch, 1895, S. 229; P. Bloch / Grzimek, 1978, Abb. 293; → Abb. Helmholtz Denkmal [ii] Goesch, 1895, S. 229; P. Bloch / Grzimek, 1978, Abb. 293; → Abb. Helmholtz Detail