49. Kap./1* Magia sexualis [+ Audio Podcast]

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In der Mitte des 19. Jahrhunderts initiierte der US-amerikanische Arzt und Okkultist Paschal Beverly Randolph eine magia sexualis, die auch als „rote Magie“ bezeichnet wurde. Randolph hatte bereits 1858 eine Bruderschaft der Rosenkreuzer (Fraternitas Rosae Crucis; FRC) gegründet, die – historisch unhaltbar – von sich behauptete, mit den Rosenkreuzern des frühen 17. Jahrhunderts identisch zu sein (Kap. 35).[1] Er war eine zentrale Figur des US-amerikanischen Okkultismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zahlreiche geheime Gesellschaften gründete, so die Hermetische Bruderschaft von Luxor und die Bruderschaft von Eulis. Somit übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die Lehren führender magischer Orden des 20. Jahrhunderts aus, etwa die Ordo Templi Orientalis (O. T. O.) und die Fraternitas Saturnis.[2] Randolph propagierte die Gleichberechtigung der Frau, die „freie Liebe“ und die selbstexperimentelle Praxis „im Dienste der Weiterentwicklung zu persönlicher Vervollkommnung.“[3] Um 1850 ließ er sich als Barbier in Neuengland nieder, war vom aufkommenden Spiritismus („Hydesville Rappings“) fasziniert und betätigte sich wahrscheinlich auch selbst als Medium. Er studierte Mesmers Schriften und entwickelte magnetische Apparaturen, die er „Volte“ und „Fluidkondensatoren“ nannte.[4] 1854 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Boston, wo er auch ein selbst hergestelltes Mittel zur Stärkung der Lebenskraft verkaufte, das er Proto-Ozon (Protozon) nannte. Daneben studierte er die Vodoo-Kulturen der Afroamerikaner. Sein Hauptinteresse galt der Theorie und Praxis der Sexualmagie. Er wurde deswegen inhaftiert, angeklagt und schließlich freigesprochen. Zwischen ihm und der russischen Okkultistin Helena Petrowna Blavatsky entzündete sich ein „magischer Krieg“: Während Letztere einen „moralisch reinen“ Spiritismus vertrat, wollte Randolph die Sexualmagie wissenschaftlich erforschen. Er starb 1875 unter mysteriösen Umständen − im selben Jahr, als Helena Blavatsky die Theosophische Gesellschaft gründete.[5]

Randolph verfasste seine sexualmagischen Schriften zwischen 1870 und 1872. Sie zirkulierten in geringer Auflage zum persönlichen Gebrauch für ausgewählte Studenten der Bruderschaft von Eulis und wurden erst 1931 in französischer Sprache unter dem Titel Magia Sexualis veröffentlicht. Die Schrift wurde von der nach Paris emigrierten russischen Aristokratin Maria de Naglowska zusammengestellt und übersetzt, worauf die hier zitierte deutsche Übersetzung beruht. Madame de Naglowska ernannte sich zur „Groß-Priesterin der Liebe“ und unterhielt in den 1930er Jahren einen „magischen Zirkel von zweifelhaftem Ruf“ in Paris, in dem sexualmagische Riten praktiziert wurden.[6] Sie beschrieb den Geschlechtsverkehr als ein satanisches Ritual, in dem der Mann selbst zur unbegrenzten Macht der Negation werde und sich dem blitzartigen Eindringen des weiblichen Lichtes hingebe – im sublimen Moment der „heiligen Hochzeit“, für die sich die Geliebte bereithält („à l’instant sublime du coït sacré, pour lequel l’Amante n’est pas endormie“).[7] Durch diese hohe magische Operation (Haute Magie d’Or) würde Satan – die kosmische Vernunft, die verneint und zweifelt – in die Unterwelt stürzen, das heißt: in die Sexualorgane des Mannes. Das bewirke eine Umwälzung, die sich nach einiger Zeit beruhige und ein neues Gleichgewicht finde: Ein neuer Mann (un homme nouveau) erscheine, dem man die Würde eines Ehrenwerten Ritters des Goldenen Zweiges (Guerrier Vénérable de la Flèche d’Or) verleihe. Doch zurück zu Randolphs „Sexualmagie“.

Randolph sah den Geschlechtsverkehr als ein gemeinsames Gebet an, eine Vereinigung der Seelen, die Selbstbeherrschung und Unterwerfung der Leidenschaften unter den Willen voraussetzte. „Wie jedes Gebet, so ist auch dieses immer erschöpfend. Es ist jedoch notwendig, daß das Ziel des Gebets, der Wunsch oder das Begehren klar formuliert und kräftig imaginiert wird.“[8] Das Ziel solle gemeinsam imaginiert werden, doch könne das Gebet auch nur in einer der beiden Seelen wirksam sein, „da sie [die Seele] in der Ekstase des Orgasmus die schöpferische Kraft des anderen mit sich reißt.“ Er nannte diese geistige Vereinigung „blending“ (Vermischung, Verschmelzung) und hielt sie für den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums und die Kraftquelle schlechthin: „Thus it happens that a loving couple grow [sic] youthful in soul, because in their union they strike out this divine spark, replenish themselves with the essence of life, grow stronger and less brutal, and draw down to them the divine fire from the aereal spaces.“[9]  Der geschlechtlich imaginierte Verkehr mit den kosmischen Geistern war die höchste Stufe, die Randolph „Sleep of Sialam“ nannte, und die das Einziehen, Einatmen des „Aeth“, der feinen spirituellen, göttlichen Essenz ermögliche.[10] Diese Atemmethode sollte himmlische Kräfte inkorporieren und während des Sexualaktes deren Samen in den menschlichen Fötus einpflanzen, um ein höherwertiges Kind zu schaffen. Randolph spann diesen Gedanken der mentalen Durchdringung während des Sexualaktes bis zur letzten Konsequenz aus: dem Geschlechtsverkehr mit dem Geist einer verstorbenen Person![11]

Randolph führte eine Reihe von Verhaltensregeln an, um sein sexualmagisches Ziel, das „Glück der Seele“, zu erreichen, damit der sexuelle Akt „zu einer Quelle spiritueller und materieller Kraft […], zum Urquell von Gesundheit, Heiterkeit und Frieden“ wird.[12] Hierzu gehörten vor allem hygienische und diätetische Ratschläge: Körperpflege, Schweigen, kühles Schlafzimmer, frühes Zubettgehen. Die geistige Einstellung im Augenblick der Zeugung sei entscheidend: „Wenn der Mann zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluß fleischlicher Lust oder tierischer Instinkte steht“, so sei das Kind, „das er zeugt, […] ein elendes Wesen und zum Mörder oder geistigen Krüppel bestimmt.“[13] Dagegen sei ein „in der Harmonie gegenseitiger Liebe“ gezeugtes Kind „ein Kind höherer Kräfte“.[14]

Randolph ging von der „Polarität der Geschlechter“ als einem Gesetz aus, „das den Schleier der Isis“ lüftet.[15] Er unterschied fünf grundlegende Positionen des Geschlechtsverkehrs, „die das Paar bei der Durchführung von sexualmagischen Operationen zum Gebet der Liebe einnehmen kann.“[16] Er symbolisierte sie mit Strichzeichnungen, wobei dem Mann negative Ladung (Minus-Zeichen im Kopfkreis) und der Frau positive Ladung (Plus-Zeichen im Kopfkreis) zugesprochen wurde. Randolph glaubte voller Naivität daran, das Geschlecht eines Kindes beim Zeugungsakt magisch bestimmen zu können: „Zum Zeitpunkt der Vereinigung erzeugt die Frau in der mentalen Sphäre das Bild eines Mannes, während der Mann das Bild einer Frau erzeugt. Gemäß der Tendenz, die überwiegt, wird das Kind entweder männlich oder weiblich.“[17] Nach diesem „Gesetz“ sei es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen vorherzusagen, indem man untersuche, welcher der beiden Elternteile die stärkere Vorstellungskraft besitze. In der Praxis sei es jedoch schwer, die Vorstellungskraft zu variieren und deshalb riet Randolph, bestimmte Regeln zu beachten. Hier griff er auf altbekannte geschlechtsspezifische Korrespondenzen der magia naturalis sowie die Imaginationslehre zurück: Um einen Knaben zu zeugen, solle man den Raum „mit dem Parfum des Mars“ parfümieren und in rotem Licht arbeiten, um ein Mädchen zu zeugen, solle man das „Parfum der Venus“ in grünem Licht anwenden. Außerdem sei es hilfreich, das Bild eines Mannes oder einer Frau aufzustellen, je nachdem, „ob die Zeugung eines Knaben oder eines Mädchens gewünscht wird.“[18]

Nach Randolph hatten die sexualmagischen Praktiken sieben Ziele: Aufladung von fluidalen Kondensatoren wie z. B. Amuletten; magnetische Beeinflussung des Partners; Realisierung eines bestimmten Vorhabens; die Geschlechtsdetermination des Kindes bei der Empfängnis; Verfeinerung der Sinne; Erneuerung der Lebensenergie; Hervorrufen übermenschlicher Visionen.[19] Der französische Arzt und Homöopath Adrien Péladan[20] nahm zwischen den heterosexuellen Geschlechtspartner eine umgekehrte Polarität an: Bei der Frau sei der Kopf positiv, die Geschlechtsorgane negativ geladen, beim Manne verhalte es sich umgekehrt. Deshalb befruchte der Mann die Frau psychisch, die Frau dagegen den Mann spirituell. „Sous la projection de la pensée de la femme, le cerveau féminin de l’homme se met à concevoir.[21]Daran anknüpfend entwickelte die russische Okkultistin Maria de Naglowska die Idee einer moralischen Befruchtung des Mannes durch „Priesterinnen der Liebe“ (prêtresses d’amours). Sie gründete 1932 die Confrérie de la  flèche d’or mit dem Ziel, das Zeitalter des Paternalismus durch die Herrschaft der Mutter abzulösen. Das Böse sollte mit religiösen Geschlechtsakten, die von heiligen Prostituierten angeleitet wurden, überwunden werden.[22]

„Sexualmagie“ wurde im frühen 20. Jahrhundert mit nordischer, arischer Ideologie und unverhohlenem Nationalismus verknüpft und erschien als Methode der Rassenhygiene. In einem einschlägigen Buch wurde der „Saeming“ (die Besamung) als „Sexual-Magie der Zukunft“ vorgestellt.[23] Das betreffende Frontispiz von Fidus zeigt die Besamung als von Spermien strahlenförmig umgebene Eizelle, in die von oben ein sonnenhaftes Spermium mit Gesicht (eine Art Sonnengott) eindringt. (Abb. [i]) Im Ei sieht man die Oberkörper eines sich umarmenden Paares. In dieser Programmschrift findet sich ein völkisches Plädoyer für „deutsche Kunst“, die „aus der Tiefe des nationalen Volkslebens […], aus seiner Natur, aus seiner Geschichte und vor allem aus seiner Sage“ zu schöpfen sei.[24] Sie zielte auf die „Menschenzüchtung“, die im Anhang zusammenfassend dargestellt wurde.[25] Die Züchtung habe schon in der Schwangerschaft zu beginnen, wie das Beispiel Mozarts zeige: „die Mutter Mozarts beschäftigte sich in den ersten Jahren ihrer Ehe leidenschaftlich mit Musik und gebar Wolfgang. Später gab sie diese Beschäftigung auf – und ihr zweiter Sohn war ohne jegliches Talent für Musik.“[26]

Künstler und Schriftsteller interessierten sich im frühen 20. Jahrhundert besonders für Ethnologie, Psychoanalyse, Anthroposophie und Parapsychologie („Okkultismus“), wobei auch sexualmagische Ideen und Praktiken eine gewisse Rolle spielten. Rudolf Steiners Beziehung zu Reuß und die Frage, inwieweit dessen sexualmagische Techniken (siehe oben) in seine maurerischen Praktiken Eingang fanden, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.[27] Aus diesem Umfeld wäre der Architekt und Kulturtheoretiker Heinrich Goesch zu nennen, ursprünglich ein Steiner-Anhänger, der sich aber dann von der Anthroposophie lossagte. Er war mit dem umstrittenen Psychoanalytiker Otto Groß befreundet und experimentierte offenbar auch auf sexuellem Gebiet, was ihn „zu einer polygamen Praxis mit sexualmagischen Zügen führte.“[28]Seine Frau Gerdrud, eine Cousine von Käthe Kollwitz, „musste sich als Trägerin dieser Ideen ihren Möglichkeiten unterwerfen. Doch waren ihre Nerven solchen Erschütterungen wohl schlecht gewachsen.“[29] In seiner Intimbeziehung mit Hannah Tillich, der Frau des Theologen Paul Tillich, versuchte er, vermutlich von der Theosophie angeregt, Reinkarnationserinnerungen zu wecken. Wie der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Zander dargelegt hat, ist auf diesem nebulösen Feld „das Verhältnis von Theorie und Praxis kaum zu bestimmen“.[30]

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Sexualmagie“ im Umfeld esoterischer Selbstverwirklichungsstrategien auf. Er war nun nicht mehr auf rassenbiologische, sondern auf esoterische und zugleich sexualbiologische Ziele ausgerichtet, wie dies das „Handbuch der Sexualmagie“ eines gewissen „Frater V:., D:.“ zeigt. Der Autor sei angeblich in Heliopolis/Ägypten geboren, sei schon als Kind zur Esoterik gelangt und habe Sprachen und Literatur an den Universitäten Bonn und Lissabon studiert. Er sei als freier Schriftsteller tätig und „Begründer der pragmatischen Magie“ bekannt. Medizinhistorisch interessant ist die geschilderte „Praxis der Energieübertragung zwecks Heilung und Kräftigung eines Partners“.[31] Der Autor gab eine Methode der Energiespende an, die der traditionellen „Gerokomik“ entspricht: Atemsynchronisation, unbekleidetes Nebeneinanderliegen. Der Energie spendende Partner solle keine eigene Energie abgeben. „Sie machen sich also zum Kanal für diese Energie, behalten Ihre eigene Energie aber für sich. Alles andere wäre der reinste Selbstmord!“ Woher sind aber nun die Heilenergien zu beziehen? „Sie können sich mit Runenübungen energetisieren, Energie aus der Sonne oder von der Erde nehmen, von den vier Elementen, von Bäumen, Tieren, Steinen usw. Entsprechende Techniken haben sie teils schon geübt“. Der „Energievampirismus“ sei zu vermeiden, wenn man „um seine eigene Energieaufladung weiß und es auch versteht, die also gespeicherte Energie an den anderen weiterzugeben“.

Die Ausführungen dieses geheimnisvollen Autors stellten eine perfekte Mischung aus handfesten Gebrauchsanweisungen und höchst esoterischen Spekulationen dar. So verkündete er beispielsweise: „Sollten Sie einen Tal- oder Ganzkörperorgasmus erfahren, wird der Astralaustritt zu einem Kinderspiel. Wenn Sie Ihre Sexualmagie entsprechend beherrschen, können Sie plötzlich astral aus dem physischen Körper herausschießen wie eine Rakete!“[32] Dementsprechend sei auch der Verkehr mit dem imaginierten Partner möglich, wenngleich es sich um eine „autoerotische Praktik“ handele: „doch wenn der Partner hinreichend kraftvoll imaginiert wird, wird der – sofern er generell dazu geeignet und willens ist – an diesem Astral- bzw. Mentalverkehr aufs intensivste teilhaben.“ Viele Liebende würden diesen ohnehin erfahren, rein zufällig, während ihn der Magier „wie willentlich und kontrolliert herbeizuführen“ verstehe. Im Rückgriff auf Rosenkreuzer, Kabbala und Alchemie sollte nun die „praktische Sexualmystik“ ermöglicht werden: „Unio mystica und Chymische Hochzeit“.[33] Der Leser erhält hier eine handfeste Gebrauchsanleitung für das sexualmystische Ritual, in dem es u. a. heißt: „Gott und Göttin steigern ihre Ekstase immer weiter, suchen dabei aber nicht bewusst nach dem Gipfelorgasmus. Der Gott erkennt in der Göttin sich selbst in seinem weiblichen Aspekt, die Göttin erkennt sich in ihrem männlichen Aspekt im Gott. Ein eventuell eintretender sexueller Höhepunkt sollte diese Ekstase so weit steigern, bis das Bewußtsein gänzlich ausgeschaltet ist und nur noch die reine Energie strömt.“[34] Die „chymische Hochzeit“ erfahre ihre höchste Stufe „durch die autoerotische Arbeit“.[35] „Die Chymische Hochzeit des Magiers mit sich selbst“ gleiche der „Chymischen Hochzeit“ für Paare, „nur dass der Magier eben beide Rollen wahrnimmt“: „Der Magier empfindet sich zunehmend als Verkörperung der männlichen und weiblichen Energie. Schon diese Erkenntnis allein wird ihn in Ekstase versetzen.“[36]

„Magie“ ist heute ein wichtiges Thema der praktischen Lebenshilfe. Es macht einen erheblichen Teil der Ratgeberliteratur zur Selbsthilfe (Do it yourself) aus. Als Beispiel sei hier das Buch „Magie für den Alltag“ (Everyday Magic) des englisch-australischen Schriftstellers Nevill Drury genannt, der zahlreiche Publikationen zur westlichen Magie verfasste.[37] Er gab eine Reihe von Gebrauchsanweisungen für Zaubereien in verschiedenen Lebenslagen. So beschrieb er einen Liebeszauber mit Hilfe von Blumen, die man sich liebevoll über Kopf und Gesicht streichen solle: „Öffnen Sie sich ganz der Liebesenergie der Blume und spüren Sie, wie sich eine solche Offenheit und die von der Blume verströmte Liebe anfühlen.“[38] Dann halte man die Hand mit Blume über verschiedene Körperregionen und spreche einen bestimmten Spruch: „Ich atme Liebe“, „Ich halte Liebe in der Hand, „Ich spüre Liebe“ etc. „Und dann lassen Sie sich überraschen, was in Ihrem Leben vielleicht so alles geschehen wird.“[39] Im Kapitel „Die Magie der Liebe und Sexualität“ bezog er sich auf die Idee der Heiligen Hochzeit und bemühte vor allem Wicca und Tantra, um die praktischen Übungen zu begründen.[40] Der große Ritus im Wicca-Kult schließe mit der Initiation „in der heiligen sexuellen Vereinigung zwischen Hohepriesterin und dem Hohepriester“ ab. „In diesem Ritual rufen die Hohepriesterin und der Hohepriester den Gott und die Göttin in den Körper des jeweils anderen herab, so dass ihre Vereinigung nicht die von zwei individuellen, sich liebenden Menschen ist, sondern von zwei zu Einem vereinten Gottheiten. Ihre sexuelle Vereinigung findet gleichzeitig auf physischer und auf spiritueller Ebene statt; sie wird zu einer heiligen Handlung, die die Schöpfung und die universale Lebenskraft an sich symbolisieren.“

In einem „Handbuch zur Sexualmagie für Fortgeschrittene“ werden die „Rituale des Baumes der Ekstase“ in einer Mischung von kulturhistorischen Versatzstücken und praktischen Ratschlägen präsentiert. Vorbild ist der kabbalistische „Baum des Lebens“, der Sephirot-Baum.[41] Die britische Autorin Dolores Ashcroft-Nowicki ist angeblich Anhängerin der „Servants of light“ (SOL), einer „Schule der okkulten Wissenschaft“.[42] Die tantrische Kundalini-Übung sollte die „Macht der Schlange“, der Schlangengöttin, hervorrufen: „Der Hauptzweck des Tantra besteht bei Männern darin, die Energie der Samenflüssigkeit umzukehren und ins Gehirn zu lenken. Bei Frauen liegt diese Energie im Menstrualblut. Kundalini, die Schlangengöttin, ruht bei den meisten Menschen an der Basis der Wirbelsäule. Wenn sie aufgeweckt wird, beginnt sie ihren Aufstieg zur Erleuchtung.“[43] Die Gebrauchsanleitung für diverse „Rituale“ wird mitgeliefert. Man benötige folgende Dinge: „zehn Kerzen, fünf dunkelgrüne und fünf goldfarbene; Räuchermittel; Körperöle; eine Schale Kräuter und zerquetschte Blätter, zwei Tontassen [etc. etc.]“.[44]  Das Unverfrorene und Ärgerliche an solchen Ratgebern ist, dass hier höchste und tiefste Geheimnisse mystischer Erfahrungen, die sich nur einem lebenslang ernsthaft Geschulten erschließen können, als verfügbare Ware vorgegaukelt werden, die jedermann rasch und problemlos erwerben kann. In Anlehnung an die „Neosexualitäten“ (Sigusch) (Kap. 48) könnte man hier von einer „Neo-Magie“ sprechen.


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paschal_Beverly_Randolph (8.05.2010). [2] Randolph, 1992, S. 7 [„Vorwort“ des Übersetzers]. [3] A. a. O., S. 8. [4] A. a. O., S. 11 [„Einleitung“ des Übersetzers]. [5] A. a. O., S. 15  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [6] A. a. O., S. 19  [„Einleitung“ des Übersetzers]. [7] Naglowska [1932], 1993, S. 137. [8] Randolph, 1992, S. 69. [9] Zit. n. Deveny, 2008, S. 360. [10] A. a. O., S. 363. [11] A. a. O., S. 364. [12] Randolph, 1992, S. 70. [13] A. a. O., S. 71. [14] A. a. O., S. 72. [15] A. a. O., S. 80. [16] A. a. O., S. 72. [17] A. a. O., S. 80. [18] A. a. O., S. 81. [19] Alexandrian, 1983, S. 376. [20]http://homeopathy.wildfalcon.com/archives/2009/01/19/adrien- peladan-1844-1885/ (8.05.2010). [21] Zit. n. Alexandrian, 1983, S. 376; Péladan, 1886. [22] Alexandrian, 1983, S. 377. [23] Herman, 1905, S. 259-512. [24] Ebd., S. 435. [25] A. a. O., S. 502-512. [26] Ebd., S. 508. [27] Zander, 2007, S. 978. [28] A. a. O., S. 1006. [29] Zit. ebd. [30] A. a. O., S. 980. [31] V., D., 1986, S. 222-223. [32] V., D., 2008, S. 247. [33] A. a. O., S. 366-375. [34]  Ebd., S. 371. [35] A. a. O., S. 372. [36] A. a. O., S. 375. [37] Drury, 2004. [38] Ebd., S. 120. [39] A. a. O., S. 121. [40] A. a. O., S. 125-151. [41] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 100. [42] A. a. O., S. 281  [Nachwort]; http://www.servantsofthelight.org/aboutSOL/bio-Dolores.html (3.8.2011). [43] Ashcroft-Nowicki, 1991, S. 91. [44] A. a. O., S. 110.


[i] Herman, 1905; → Abb. Fidus in Herman 1905 

# 45. Kap. Heilige Hochzeit: Himmlische Vermählung mit irdischem Abglanz [+ Audio]

Audio on Youtube: http://youtu.be/ME96Q3cpyfM

Die Heilige Hochzeit (griech. hierós gámos), vielfach auch als Himmlische Hochzeit bezeichnet, ist ein elementarer Bestandteil in den Zeugnissen von Mythologie und Mystik, Hermetismus und Kabbala, Alchemie und Naturphilosophie. Sie handelt von göttlicher Vermählung, unio mystica, himmlischer oder „chymischer“ Hochzeit. Hierbei geht es um eine Vereinigung von Göttern, von Göttern und Menschen oder auch von Menschen untereinander.

Anmkerung vom 28. Juli 2015:

Ein Musterbeispiel für die himmlische Hochzeit liefert die antiken Mythologie. Die  Vereinigung von Amor und Psyche wurde zu einem in unzähligen Variationen ausgearbeiteten Motiv in Literatur und Kunst, wie eine Werkskizze von Pietro Bardellino von 1780 zeigt. Näheres siehe mein Supplementary News Blog

Insofern die Natur als göttlich angesehen wurde, konnte auch die Naturmystik als Heilige Hochzeit aufgefasst werden. In der Wissenschafts- und Medizingeschichte waren solche Verschmelzungserlebnisse von Naturforschern und Ärzten mit den Naturdingen für bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse und Theoriebildungen oft von entscheidender Bedeutung. Bei keinem anderen Thema der Ideen- und Kulturgeschichte ist die Versuchung, historischen Zeugnissen das gegenwärtige, von Biologie und Psychologie geprägteMenschenbild überzustülpen, so groß wie bei der Heiligen Hochzeit. Sie wird heutzutage biologisiert, indem man sie als einen ins Kosmische projizierten Sexualakt ansieht, und sie wird psychologisiert, indem man sie zu einem innerpsychischen Prozess der Reifung oder „Individuation“ nach C. G. Jung erklärt. Der US-amerikanische Psychiater Edward F. Edinger knüpfte als Anhänger von C. G. Jung an dessen Psychologisierung der alchemistischen Symbolik an, um durch die Bildwelt der Alchemie ein „objektive Basis“ (objective basis) für Träume und andere Hervorbringungen des Unbewussten zu gewinnen.[1] Es ging ihm um das Einordnen von „psychic facts based on the method of Jung“ und so identifizierte er die „Individuation“ mit dem siebenstufigen alchemistischen Prozess, der in der „coniunctio“ gipfelt. Beide moderne Betrachtungsweisen, die biologistische wie die psychologistische Sicht, entsprechen und ergänzen sich. Erstere erblickt in der alchemistischen Symbolik verdrängte Sexualität, letztere geistig-seelische Reifung. So zwängen beide ihren Gegenstand ins Korsett ihrer jeweiligen Dogmatik. Die Thematik der Heiligen Hochzeit verleitete zu mancherlei Spekulationen. So deutete die Soziologieprofessorin Gerburg Treusch-Dieter in einer für den Leser kaum nachvollziehbaren Argumentation die Heilige Hochzeit als Totenhochzeit, und die Heilige Braut als „Totenbraut“.[2]

Zumeist wird übersehen, das die Thematik der Heiligen Hochzeit auch in der Medizingeschichte höchst bedeutsam war. Zunächst zielte sie auf das „Zusammengehen“ (Coitus) ab, das Ganzwerden voneinander getrennter, komplementärer Wesen, was von Wollust und Entzücken begleitet ist. Sodann konnte dieses Zusammengehen unter bestimmten Voraussetzungen neues Leben zeugen, ein Menschenkind oder ein göttliches Kind. Die Heilige Hochzeit war aber auch Inbegriff des Heils und Heilens. Sie setzte Heilkräfte frei, erzeugte in alchemistischer Vorstellung den Stein der Weisen, die quinta essentia, als wunderbares Allheilmittel. In der christlich-abendländischen Tradition wurde die „Liebe“ zum Generalschlüssel der Heilkunde erklärt: von Jesus Christus bis zu Paracelsus. Das Gebot der Nächstenliebe war nicht in erster Linie eine abstrakte moralische Forderung, als vielmehr eine Aufforderung, dem elenden kranken Mitmenschen seine Kraft mit ganzer Hingabe zu widmen, um Wunder wirkende Heilkräfte zu mobilisieren. Die medizinische Ethik des Paracelsus zielte vor allem auf diese therapeutische Mobilisierung durch Liebe ab (Kap. 43). Wir werden, wenn wir bestimmte Konzepte der Medizin im Einzelnen betrachten, einsehen, wie gerade das Arzt-Patienten-Verhältnis immer auch eine erotisch-religiöse Komponente implizierte, die der Idee der Heiligen Hochzeit – zumeist unausgesprochen – mehr oder weniger nachempfunden war. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn wir uns klarmachen, dass jede zwischenmenschliche Begegnung und Kommunikation untergründig von einer solchen Idee der Vereinigung – körperlich wie geistig – gespeist wird. Die Begegnung von Arzt und Patient ist dabei nur ein Sonderfall zwischenmenschlicher Kommunikation.


[1] Edinger, 1985: Preface. [2] Treusch-Dieter, 1997.

35. Kap./3 * Glauben und Wissen

Die Interpretation der „Chymischen Hochzeit“ erscheint auch heute noch höchst diffizil. Eine zentrale Frage war und ist, wie sich alchemistische und christliche Symbolik in diesem Werk zueinander verhalten. „Die spekulative Alchemie hatte sich schon lange die christlichen Symbole angeeignet, um das Opus zu charaktersieren“, meinte der französische Germanist und Rosenkreuzer-Forscher Roland Edighoffer.[1] So konnte die Heilige Schrift, etwa bei der 1593 teilweise veröffentlichten „Aurora consurgens“, als Gleichnis für die Alchemie dienstbar gemacht werden. Mercurius konnte als Heiler der Materie angesehen und der Lapis philosophorum mit Christus und er Trinität verglichen werden, wie Edighoffer hervorhob: „das Gold opfert sich für die unvollkommenen Körper, er [der lapis philosophorum] ‚tingiert’ und ‚transmutiert’ sie, er verleiht ihnen das ewige Leben. Deswegen waren gewisse Alchemisten geneigt, ohne jede Gotteslästerung diesen Transsubstantiationsprozess in Form der Messe darzustellen.“ Freilich sei es bei der „Chymischen Hochzeit“ gerade umgekehrt: „Mit dem Symbolsystem der Alchemie wird nicht die Erlösung der Natur, sondern der Hierosgamos von Christus und seiner Kirche dargestellt.“[2] Insofern gehöre diese Schrift zu jener phantastischen Literatur, „die zugleich dem Bedürfnis einer Welt der Transzendenz hinter der realen Welt Genüge tut.“ Als Hauptquelle diagnostizierte Edighoffer die Gedankenwelt des Paracelsus, der Gott als den Alchemisten vorstellte, der die Reinigung und Vergeistigung der Schöpfung bewirken werde, wie er in seinem Jesaja-Kommentar formulierte: „(Gott) legt seine Hand an und reinigt das Gold von allen Schlacken (…). Das scheidet er, so er seine Hand anlegt, vom Bösen, er läßt nichts vermischt“.[3] Das paracelsische Erbe zeige sich auch darin, dass der Mensch nur die Rolle einer Hilfskraft zu spielen habe und „Christian Rosenkreuz immer unter der Obhut der Jungfrau Alchimia“ zu handeln habe.[4] Seine Medaille, die er als „Ritter vom Goldenen Stein“ erhielt, wiederholte die naturphilosophische Hierarchie Gott – Natur – Mensch (Kap. 34): „Die Kunst [der Alchemie] ist die Dienerin der Natur“ und „Die Natur ist die Tochter der Zeit“, sie ist also Gottes Dienerin, wie es auch das erste Gebot der Ritterschaft besagt. Somit hatte der Mensch im Auftrag Gottes die Natur durch Alchemie zu vollenden. Edighoffer ging der Frage nach, warum Paracelsus, der als Leitfigur in der „Fama Fraternitatis“ mehrfach erwähnt wurde, nicht in der „Chymischen Hochzeit“ explizit genannt wird. Tatsächlich versteckte Andreae dessen Namen kryptographisch in der Inschrift eines alchemistischen Kupferkessels „par une référence occulte“ und zeigte damit gleichwohl an, „quelle signification Andreae entendait donner au parrainage de Paracelse dans les Noces chymiques“.[5]

Für Literaturwissenschaftler ist gerade die Komplexität der „Chymischen Hochzeit“ eine Herausforderung. Die wunderbare Berufung Christians zum Türhüter bilde den Erzählrahmen und insofern handele es sich, so die schweizerische Literaturwissenschaftlerin Regine Frey-Jaun, um einen „Berufungsgeschichte“.[6] Gemäß der paracelsischen Unterscheidung von natürlicher und himmlischer Kunst war unter den Gästen allein Christian Rosenkreuz zu Letzterer berufen. „Die chymsche Hochzeit hat eine natürliche Bedeutung – die Gäste werden in die Praxis der Alchemie eingeführt – und eine himmlische, die nur dem Türhüter offenbart wird, die neue Geburt der Kirche aus ihrem Bräutigam Christus.“ In dieser Perspektive erfährt der Text eine heilsgeschichtliche Interpretation im Sinne der „alchemistischen Theologie“: „In der Tradition der Hoheliedauslegung und der Brautmystik, auch bei Luther, wird die physische Vereinigung des Paares [Sponsus und Sponsa] als Bild verstanden für einen spirituellen Prozeß.“[7] Durch seine Berufung gehört Christian Rosenkreuz zu den Erwählten, die auf mystischemWeg „in die Geheimnise des Himmels und der Erde“ eingeweiht und – gemäß der zeitgenössischen Vorstellung im protestantischen Millenarismus  − durch eine „Spezialoffenbarung“ darauf vorbereitet werden, „die Kirche in die Vollendung zu führen.“[8]

Die Rosenkreuzer-Idee war im Kern eine sozialutopische Anwendung paracelsischer Naturphilosophie und ihrer theologischen Begründung. Es ging dabei nicht nur um die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit, sondern auch und gerade um eine Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse im Lichte dieser Wahrheit. Die imaginäre Bruderschaft sollte nichts weniger als eine auf Wissen und Wissenschaft gegründete „General-Reformation“ bewirken – eine bittere Notwendigkeit angesichts der durch Reformation und Gegenreformation erzeugten Turbulenzen, die soziales Elend, Kriege und grassierender Seuchen begünstigten und schließlich in den Dreißigjährigen Krieg einmündeten. Die englische Historikerin Frances Yates beschrieb die herausragende wissenschaftshistorische Bedeutung der Rosenkreuzer meisterhaft in ihrem romanartigen Werk „The Rosecrucian Enlightenment“, das unter dem Titel „Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes“ ins Deutsche übersetzt wurde.[9] Sie begriff die Rosenkreuzer als Teil einer breiteren politischen Bewegung, die aus dem ausweglosen konfessionspolitischen Stellungskrieg mit spirituellen Mitteln herausführen wollte.[10]

Yates stellte insbesondere die Bedeutung des pfälzischen Verlegers Johann Theodor de Bry heraus, der in Oppenheim (im heutigen Rheinhessen) eine Kupferstecherei besaß und der unter anderem rosenkreuzerische Werke von Robert Fludd und Michael Maier veröffentlichte. Matthäus Merian arbeitete für ihn und heiratete seine Tochter. Yates vermutete den Ursprung des deutschen Rosenkreuzertums in England.[11] So seien das Symbol der Bruderschaft auf die Insignien des Hosenbandordens – ein rotes Kreuz mit Rosen – zurückzuführen und die alchemistische Graphik Monas hieroglyphica des englischen Gelehrten John Dee von Andreae in der „Chymischen Hochzeit“ aufgenommen worden, die den „Hierosgamos des Schöpfers mit seiner Schopfung symbolisch darstellt.“[12] Yates schilderte nun, wie Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der spätere „Winterkönig“, 1613 die englische Prinzessin Elisabeth Stuart, die Tochter König Jakob I., in London heiratete und in einem Triumphzug nach Heidelberg brachte. Im dortigen Schloss war unter protestantischem Vorzeichen ein rosenkreuzerischer Zirkel aktiv, zu dem auch Matthäus Merian gehörte, der in jenen Jahren das große Panoramabild von Heidelberg schuf (Kap. 32). Yates verstand die Rosenkreuzerschriften, wie Edighoffer herausstellte, als Frucht jener theologisch-naturphilosophischen Diskussionen, die am Hof des pfälischen Kurfürsten in Heidelberg geführt worden seien und den „mystischen background eines umfangreichen Reformprojekts“ gebildet hätten.[13] Die rosenkreuzerischen Ideen fassten in England relativ leicht Fuß, nicht zuletzt durch den englischen Arzt und Verteidiger der Rosenkreuzer Robert Fludd, der sein Werk „Utriusque Cosmi […]Historia“ zur selben Zeit wie der deutsche Arzt und Alchemist Michael Maier seine „Atalanta Fugiens“ bei dem Verleger de Bry in Oppenheim drucken ließ.[14] Gerade in England habe sich, so Edighoffer, die „Entwicklung vom Rosicrucianism zur Freemasonry“ abgezeichnet.[15] Und Frances Yates stellte allgemein fest: „In Europa war das Freimaurertum so gut wie sicher mit dem Rosenkreuzertum verbunden.“[16] Es habe „etwas wie ein Prä-Freimaurertum“ gegeben, das realiter hinter den geheimen Manifestationen gestanden habe.[17]

Die Pointe der Untersuchung von Yates bestand jedoch in einer reizvollen These von wissenschaftshistorischer Brisanz: Nach ihrer Einschätzung wurde die Gründung der Royal Society wesentlich von der Rosenkreuzer-Bewegung pfälzischer Provenienz inspiriert. Sie las aus bestimmten Dokumenten aus den Anfängen der Royal Society „eine merkwürdig pfälzische Tönung“ heraus.[18] Robert Boyle, ein prominentes Gründungsmitglied der 1660 in London gegründeten Society, bezeichnete das vorhergehende „philosophische Kollegium“ in Oxford als ein invisible college. In einem Brief an einen Freund von 1647 charakterisierte er dessen Mitglieder: „Sie sind Menschen, die die geistige Enge verschmähen, die aber eine so ausgedehnte Wohltätigkeit üben, daß sie alle erreichen, die sie Menschen nennen und die nichts Geringeres befriedigt als ein universeller guter Wille. Tatsächlich fürchten sie nichts so sehr, als nicht genug Gutes zu tun, so daß sie die ganze Menschheit in ihre Fürsorge aufnehmen.“[19] Newton kannte nachweislich die Rosenkreuzermanifeste und war von ihnen beeindruckt, wie Yates feststellte: „Newton war wie Dee ein tief religiöser Mensch, es ging ihm darum, den Einen, den einzigen Gott und die göttliche Einheit zu suchen, die sich in der Natur offenbarte. Newtons erstaunliche physikalische und mathematische Entdeckungen hatten ihn nicht ganz befriedigt. Vielleicht hegte er unbewußt oder halb bewußt die Hoffnung, daß die Alchemie der ‚Rosenkreuzer’ ihn höher leiten könnte.“[20]

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf Newton zurückkommen, dessen esoterische Kehrseite wir bereits früher erwähnt haben (Kap. 29). Sie wurde in der Newton-Biographie des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Gale E. Christianson im Lichte der Quellen genauer ausgeleuchtet.[21] Es sei irreführend wie Voltaire zu meinen, Newtons Philosophie habe sich auf die mechanischen Ursachen in der physikalischen Welt beschränkt. Vielmehr sei er überzeugt gewesen, dass die Naturwissenschaft betrieben werden solle „to demonstrate the continuing presence of the Creator in the world of nature.“ Gerade Newtons Äthertheorie beweist sein naturphilosophisches Denken im Sinne von Alchemie und magia naturalis. Er beschrieb die Natur als ein „perpetuall circulatory worker, generating fluids out of solids, and solids out of fluids, fixed things out of volatile, & volatile out of fixed […].“[22] Der Äther galt ihm als Nahrung für Sonne und Planeten, die diesen “Spirit” aus dem Weltall aufnähmen: “And that the vast aethereall Spaces between us, & the stars are for a sufficient repository for this food of the Sunn & Planets.” Newton wollte also die Grativation und andere physikalische Phänomene wie etwa Elektrizität oder Refraktion mit Hilfe der Äthertheorie erklären.

Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes erwarb 1936 auf einer Auktion einen Teil von Newtons alchemistischen und theologischen Manuskripten, von denen er fasziniert war. In seiner Rede bei der Newton Tercentenary Celebration der Royal Society im Jahre 1942 zog der die Schlussfolgerung, dass Newton weniger, wie seit dem 18. Jahrhundert angenommen, der erste und größte moderne Naturwissenschaftler gewesen sei, als vielmehr der letzte der Magier (the last of the magicians), der letzte der Babylonier und Sumerer, der die sichtbare Welt mit denselben Augen angesehen habe, wie jene, „who began to build out intellectual inheritance rather less than 10,000 years ago.”[23] Er habe das ganze Universum als ein Rätsel, ein Geheimnis angesehen, das durch bestimmte mystische Hinweise (mystic clues) entschlüsselt werden könne, die Gott in der Welt versteckt habe, um der esoterischen Bruderschaft (the  esoteric brotherhood) eine Art philosophische Schatzsuche (a sort of philosopher’s treasure hunt) zu erlauben. Diese Hinweise seien nach Newtons Auffassung nicht nur in der physikalischen Welt zu suchen, sondern auch durch bestimmte Texte und Traditionen, die in einer ununterbrochenen Kette, die bis zu den originalen babylonischen Quellen zurückreiche, von den Brüdern (brethren) überliefert worden seien. „He [Newton] regarded the universe as a cryptogramm set by the Almighty […]. By pure thought, by concentration of mind, the riddle, he believed, would be revealed to the inititate.” Bei Newton lassen sich demnach Spuren zur rosenkreuzerischen Idee einer geheimen Bruderschaft im Dienste der göttlichen Weisheit finden, die Yates wie gesagt ausführlich beleuchtet hat. Es ist bemerkenswert, dass Newton bei manchen Vertretern der Gegenaufklärung Ende des 18. Jahrhunderts und des entstehenden Okkultismus im 19. Jahrhundert als Gewährsmann galt. So zitierte der französische Okkultist Éliphas Lévi zustimmend das „größte Genie des neueren Katholizismus“, den französischen Philosophen und Freimaurer Joseph de Maistre mit den Worte: „Newton […] wird uns zu Pythagoras zurückführen. Die Glauben und Wissen verbindende Analogie muss diese früher oder später einander nähern. Die Ungeheuerlichkeit einer Welt ohne Religion kann nicht von langer Dauer sein.“[24]


[1] Edighoffer, 1995, S. 55. [2] A. a. O., S. 56. [3] Zit. ebd. [4] A. a. O., S. 57. [5] Edighoffer, 1998, S. 259. [6] Frey-Jaun, 1989, S. 161. [7] A. a. O., S. 162. [8] A. a. O., s. 164. [9] Yates [1972], 1975. [10] U. Frietsch, 2008, S. 291. [11] Edighoffer, 1995, S. 95. [12] A. a. O., S. 57. [13] A. a. O., S. 96. [14] Fludd, 1617, 1618, 1619; Maier, 1618 [a]. [15] Edighoffer, 1995, S. 96. [16] Yates [1972], 1975, S. 228. [17] A. a. O., S. 227. [18] Yates [1972], 1975, S. 192. [19] Zit. a. a. O., S. 193. [20] A. a. O., S. 211. [21] Christianson, 1984. [22] Zit. ebd., S. 189. [23] Zit. a. a. O., S. 205. [24] Lévi [1861], 1987, S. 14.

35. Kap./1 * Kosmische Begattung [+ Audio]

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Es gibt keine bessere Einführung zur „chymischen Hochzeit“ als die eindrücklichen Buchillustrationen von alchemistischen Begattungen, coniunctiones. Personifierte Planeten und ihnen analoge Metalle kopulierten als Mann und Frau, etwa Sonne (Gold) und Mond (Silber), wie der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren in Michael Maiers „Atalanta fugiens“ zeigt. (Abb. [i]) Unter der Überschrift „Im Wasserbad wirt empfangen / und in der Lufft geboren […]“ (in balneis concipitur, & in aere nascitur […]) ist im deutschen Epigramm ist zu lesen:

„IM Wasserbad geschehn ist sein Empfängnuß / aber in Lüfften

Ist er geborn und roht geht uber die Wasserklüfften /

Er wirt auch weiß in der Höhe der Berg / so der Weisen allein

Angenemmer und einig Hertzenlust pfleget zuseyn /

Es ist ein Stein / und auch nicht / welch himmlisch und edle Gaben /

Gelücklich ist / so jemand auß Gotts Geschenck wirt haben.“[1]

Auch im „Donum Dei“, einer alchemistischen Zitatensammlung aus dem 17. Jahrhundert, werden kopulierende Paare gezeigt, um einzelne Stufen der alchemistischen Operation zu veranschaulichen: So die Solutio Perfecta (Abb. [ii]) und die „Putrefactio“(Abb. [iii]) Das „Rosarium philosophorum“ mit dem „Sol und Luna“-Gedicht, das Arnald von  Villanova zugeschrieben wird und erstmals 1550 anonym im Druck erschienen ist, enthält eine Serie von 20 Holzschnitten, die die „Coniunctio“ in ihrem prozesshaften Ablauf darstellt. Seiner psychologischer Deutung von C. G. Jung widersprach der Germanist und Paracelsismusforscher Joachim Telle, der diese Engführung angesichts des mangelhaften Wissens um die naturkundlich-handwerkliche Verankerung des Textes kritisierte.[2] Die Vereinigung von Sol und Luna wird auf dem fünften Holzschnitt gezeigt. (Abb. [iv]) Die unten liegende Luna sagt zu Sol: „O Sol / du bist über alle liecht zu erkennen / So bedarffstu doch mein als der han der hennen.“[3] Dass Sol und Luna einander begehren wie Hahn und Henne machte auch Michael Maier, der von der Bildwelt des „Rosarium“ beeindruckt war, in seiner „Atalanta fugiens“ deutlich. Im Emblem XXX, das wie die übrigen von Matthäus Merian getochen wurde, sind zu Füßen der beiden Himmelsgestalten Hahn und Henne unter der Überschrift „Sol indiget lunâ, ut gallus gallinâ“ (die Sonne braucht den Mond wie der Hahn die Henne) leibhaftig zu sehen. (Abb. [v])

Die eingehendste Interpretation dieses Bildmotivs der coninuctio lieferte Telle, der wohl als erster dessen literatur- und alchemiegeschichtlichen Zusammenhänge und Hintergründe systematisch aufdeckte und die entsprechenden Bilderserien im Anhang seines Werkes zusammenstellte.[4] Solche Darstellungen der coniunctio oder „chymischen Hochzeit“ vermittelte als Akt der Vereinigung eine wichtige Botschaft: Sie sollte den Stein der Weisen hervorbringen, die „rote Rose“ (rosa rubea), die höchste Form der Geistigkeit, und eine neue harmonische Ordnung als Vorzeichen einer neue Weltharmonie (harmonia mundi) stiften.

Neben der coniunctio von Sol und Luna in Gestalt eines kopulierenden Menschenpaares gab es auch eine Vereinigung der beiden innerhalb eines androgynen kosmischen Wesens in Menschengestalt. Das Titelblatt von Johann Joachim Bechers „Physica subterranea“ zeigt eines solche Zusammenführung, deren Erotik sich aus dem Binnenverhältnis von Körperteilen zueinander ergibt und nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. (Abb. [vi]) Wie der griechische Subtitel „ΤΟ ΣΥΜΠΔΝ“ (das Ganze) angibt, soll diese Abbildung das alles Umfassende darstellen. Der Wissenschaftshistoriker Claus Priesner verfasste hierzu unter der Überschrift „Die Reifung der Metalle im Schoß der Erde“ folgende Legende: „Der Körper smbolisiert die Erde, der Kopf die Sonne. Am Hals ist der Mond zu sehen. Sonne, Mond, Sterne und Planeten geben allem Leben die Kraft, zu gedeihen. Im Innern der Erde reifen die Metalle wie auch die Planeten und der Mensch heran. Die Erde hält Leier und Dreieck in Händen, Zeichen für Harmonie und Symmetrie. Die Hände an den Seiten stehen für Vernunft und Erfahrung, die der Forscher verbinden muss.“[5] Darüberhinaus präsentiert die Abbildung einige erotische Momente, die kaum zu übersehen sind. Der Rumpf der Erde stellt eine nackte Frau mit Brüsten dar, in deren Innerem eine menschliche Leibesfrucht mit Nabelschnur zu sehen ist. Sie liegt in einem Uterus, der wie ein Herz im Brustbereich unterhalb des Halbmondes lokalisiert ist: ein Kind von Sonne und Mond? In der Oberbauchhöhle reifen die Pflanzen, in den Eingeweiden des Unterbauchs die Metalle. Der „Schoß der Erde“ bedeutet nicht nur die soeben beschriebenen Inhalte des Leibs der Erde, sondern auch den Rahmen, der den Blick auf die Erde freigibt. Die gespaltene Vorhang, der lappenförmig aufgehoben ist und den Blick auf die Sonne-Mond-Erd-Frau freigibt, erinnert an die Vulva, deren Schamlippen den Blick in die Vagina freigeben.

Anmerkung vom 13.01.2017

Es gibt ein zeitgenössisches Gemälde von Markus Schinwald, das man an diese Konstellation erinnert. Näheres in meinem Supplementary Blog.

Diese anatomische Assoziation passt durchaus zum Thema, da so der Zugang zur „Mutter“, d. h. Gebärmutter, sichtbar wird. Die Sonne-Mond-Erde-Frau hält in ihrer linken Hand ein Dreieck („Symetria“ [sic]) und in ihrer rechten eine Leier („Harmonia“) − Andeutungen auf die harmonia mundi (siehe unten).

Der italienische Maler und Kupferstecher Agostina Carracci schuf um 1600 erotische Radierungen, die Götter der Mythologie wie Mars und Venus oder große historische Persönlichkeiten wie den römischen Feldherrn Marcus Antonius und die ägyptische Königin Cleopatra beim Geschlechtsakt zeigen.[6] Als Beispiel sei hier der Koitus von Mars und Venus wiedergegeben. (Abb. [vii]) Nur das prachtvolle Himmelbett mag noch an die Heilige Hochzeit des römischen Götterpaares erinnern (Kap. 45). In der Alchemie, in der es auch um die Legierung von Metallen ging, symbolisierte Mars das Eisen und Venus das Kupfer.   Diese Graphiken erschienen fast 200 Jahre später als Kupferstiche unter dem Titel L’Aretin d’Augustin Carrache“.[7] Gerade im Zeitalter der französischen Aufklärung, das auch als „das erotischen Jahrhundert“ in die Kulturgeschichte einging, waren solche Illustrationen von großer Attraktivität. Man könne beobachten, so ein Kommentator, „wie sich das erotische Klima dieses erotischen Jahrhunderts in der Kunst und in der Gesellschaft entwickelt, oder sagen wir auch: im Künstlerischen wie im Privat-Menschlichen.“[8] Wir werden auf dieses „erotische Klima“ noch einmal zurückkommen (Kap. 45).


[1] Maier, 1618, S. 144; Telle, 1980, S. 3. [2] Roob, 1996, S. 449. [3] Zit. ebd. [4] Telle, 1980, S. 189-251. [5] Priesner, 2009, S. 69. [6] http://it.wikipedia.org/wiki/Agostino_Carracci (11.08.2012). [7] Carrache [1602/1798], 1985. [8] Jacobson, 1989, S. 71.


[i] Maier, 1618, S. 145 [Emblem 34]; → Abb. Michael Maier Atalanta fugiens 34. [ii] Roob, 1996, S. 443; → Abb. Solutio perfecta [iii] Roob, 1996, S. 444; → Abb. Putrefactio [iv] Roob, 1996, S. 450; → Abb. Sol und Luna  [v]Telle, 1980, S. 249: Abb. 70; Maier, 1618, S. 29: Emblem 30 [http://diglib.hab.de/drucke/196-quod-1s/start.htm?image=00131 (23.07.2012)] → Abb. Maier 1618 Emblem 30 [vi] Priesner, 2009, S. 69; Becher, 1703: Titelblatt; → Abb. Becher 1703 physica subterranea [vii] Brunn, 1989, 3. Bd., S. 23; → Mars und Venus 1798 

# 35. Kap. „Chymische Hochzeit“: Magische Vereinigung

Der Aufstieg auf der Himmelsleiter bedeutete, wie im vorigen Kapitel dargestellt, eine Reinigung und Vergeistigung auf dem Weg zum arcanum. Insofern führte dieser Weg der alchemistischen Arbeit zu einer Art Selbst-Werdung im Sinne der „Individuation“ nach C. G. Jungs. Er implizierte zugleich eine Annäherung und Vereinigung mit der göttlichen Weisheit und hatte insofern einen mystischen Grundzug. Denn es ging um eine Verbindung, Verschmelzung, Vereinigung, um eine coniugatio, coniunctio, ja um ein coniugium, eine Ehe. Gerade die Symbolik der Alchemie nutzte diese Vorstellung einer „Hochzeit“, womit etwa die Legierung von verschiedenen Metallen veranschaulicht wurde. So entstand eine naturphilosophische Erotik, welche die Idee einer „Heiligen Hochzeit“ implizierte (Kap. 45) und sich in sinnfälligen Buchillustrationen und Emblemen niederschlug, wie an einer Reihe von Beispielen aufzuzeigen ist. Alchemie, Magie und Kabbala waren eng miteinander verwoben, was nicht nur bei Paracelsus zu beobachten ist, sondern auch bei den von ihm beeinflussten Rosenkreuzern. Die „Chymische Hochzeit“, ein so genanntes Rosenkreuzer-Manifest, offenbart die subtile Bedeutung der Erotik im alchemistischen Diskurs.