37. Kap./2 * Missgebildete unter Verdacht [+ Audio]

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Neben der dämonologischen Erklärung der Monstren existierte bereits in der Renaissance eine Art psychosomatische Theorie. Das „Versehen“ der schwangeren Frau sollte angeblich dazu führen, dass auffällige Objekte ihrer Anschauung sich unmittelbar in der Gestalt des werdenden Kindes niederschlügen. Diese Einbildungskraft (imaginatio), die sich in der Gebärmutter am werden­den Kind angeblich materialisierte, bot gerade im Bereich der gerichtlichen Medizin eine Erklärung an, um beispielsweise die Mutter vom Ehe­bruch oder der Teufelsbuhlschaft freizusprechen. Paracelsus benutzte den Begriff der „imaginatio“, um angeborene Fehlbil­dungen zu erklären. In der Tat hat diese Auffassung in der Volkskunde eine lange Tradition. Die Begriffe „Hasenscharte“ oder „Wolfsrachen“ deuten darauf hin. Von praktischer Relevanz war die Überzeugung, dass mißgebildete oder verstümmelte Personen, welche die Schwangere erblickte, als Ursache für eine spätere Missgeburt anzusehen seien. Man könnte sagen: Das Stigma des Bösen erzeugte selbst wieder ein Stigma des Bösen, es schien ansteckend zu sein. Über Jahrhunderte hinweg wurde deshalb Schwangeren empfohlen, solchen Gestalten aus dem Wege zu gehen. So verbot im Jahre 1708 der Rat der Stadt Nürnberg das Auftreten missgebildeter oder verstümmelter Menschen – es handelte sich vor allem um „Aussätzige“ – auf den Märkten, um das Versehen zu verhüten, „der schwange­ren Frauen halber“.[1] Die Abwehr des Bösen bestand hier also darin, dass die Betreffenden aus dem öffentlichen Blickfeld verbannt wurden. Der Pädiater Erich Püschel hat zu Recht darauf hingewiesen, dass das Versehen nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Entschuldigung gewesen sei: „Bei der Angabe der Mutter einer Mißgeburt, sie habe in der Schwangerschaft einen verstümmelten Bettler, einen kriegsversehrten Landsknecht oder ein mißgebildetes Tier gesehen, das genau der jetzigen Beschaffenheit ihres Kindes entspräche, handelt es sich immer wieder um das Bedürfnis des Menschen, die kausalen Zusammenhänge von der Familie (der eigenen oder der des Mannes) gewissermaßen nach außen zu verlagern.“[2]

Die rassenbiologisch begründete Ausmerze-Ideologie im Nationalsozialismus zeigte deutliche Spuren dieser ideengeschichtlich verankerten Stigmatisierung. In NS-Propagandafil­men zum Thema Erbkrankheiten wurden vor allem häßliche Missgestalten und extrem Verkrüppelte vorgeführt. Entsprechende ökonomische und erb­biologische Argumente sollten nahelegen, dass solche „Ballastexistenzen“ zum Verschwinden gebracht werden müssten. Dabei dürfte auch das Motiv eine Rolle gespielt haben, scheußliche und schreckliche Monstren aus dem öffentlichen Blickfeld zu verbannen, da sie möglicherweise das vitale Wohlbefinden der gesunden Volksgenossen belasten und negativ beeinflussen könnten. Der Feldzug der Nationalsozialisten gegen die „entartete Kunst“ war teilweise wohl ähnlich motiviert. Die Theorie des „Versehens“ löste keineswegs die Sündentheorie ab, sondern setzte sie vielmehr voraus: Die Sünde der anderen wurde zur Gefahr, sie bedrohte die Integrität der eigenen Nachkommen.

Wie bereits erwähnt, wurde Monstren und „Wechselbälgen“ die Seele abgesprochen. Sie erschienen als ein „Stück Fleisch“ (massa carnis), wie Martin Luther einmal sagte (siehe oben). Wurde den missgestalte­ten Menschen eine Seele zugesprochen, was in den weniger krassen Fällen sicher die Regel war, so schien die Seele dieser Menschen jedoch ebenfalls missgestaltet. Nach der Signaturenlehre und ihrem Grundsatz – das Äußere entspricht dem Inneren – wies körperliche Deformität auf eine unsicht­bare seelische Deformität hin. So schien der Bucklige mit einer üblen „Buckelseele“ behaftet. In einem 1826 erschienenen Büchlein „Buckeliana oder Hand-, Trost- und Hülfsbuch für Verwachsene beiderlei Geschlechts“ wurden negative Aussprüche über die „Buckelseele“ aus der Sicht eines Betroffenen zusam­mengetragen.[3] Der Autor, ein „Friedrich M….r“ aus Halle an der Saale gab sich selbst als Verwachsener im Vorwort zu erkennen: „Durch einen Fall vom Arme der Wärterin unter die Verwachsenen versetzt, war auch ich den gewöhnlichen Verhöhnungen, Neckereien und Zurücksetzungen Preis gegeben.“[4] Und er setzte unter Verwendung des Sinnbilds der Orthopädie (eines an einen Pfahl angebundenen krummen Baumes)[5] den frommen Wunsch hinzu: „Möchte es mir doch gelingen, gleich so manchem krummen Baume, auch Früchte zu tragen.“[6] Der Autor ging auf alle möglichen Dimensionen des Buckligen ein: Er erwähnte die betreffenden orthopädischen Anstalten und Therapiemethoden und referierte Vorurteile gegen Bucklige aus der Literatur als „humoristische Miszellen“. Unter anderem zitierte er Della Porta: „Alle verkrüppelte Menschen sind bös, und die schlimmsten unter ihnen die Buckligen“ sowie Duns Scotus: „Ein Buckel vorn auf der Brust zeigt einen zweideutigen und mehr einfältigen als gescheuten Menschen an.“[7]

Der Autor der „Buckeliana“ erstrebte so etwas wie eine soziale Rehabilitation der „Verwachsenen“ und verwies auf herausragende „merkwürdige Buckelige“. In die „Ehrenreihe ausgezeichneter und gezeichneter Menschen […] gehört auch Moses Mendelssohn zu Berlin, vornehmster jüdischer Philosoph, erster Denker seiner Nation, trefflicher Ästhetiker. Er war der Freund aller seiner gelehrten Zeitgenossen. So schön sein Geist war, so mißgestaltet sein Körper.“[8] Der „ausgezeichnetste Buecklige“ sei ohne Zweifel der griechische Fabeldichter Aesopus gewesen. Schließlich sollte die Predigt „des Hrn. Oberhofpredigers Dr. Reinhard am 23. Aug. 1801“ zum Trost dienen, die – vermutlich in einer Kirche in Halle – durch einen „Geschwindschreiber“ festgehalten wurde.[9] Das Jenseits sollte gewissermaßen für die Kränkung im Diesseits entschädigen: „Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Alles nachholen, wo ihr euch frei und glücklich zu größerer Vollkommenheit empor schwingen werdet. Denn sich verwandeln, sich umbilden und zu einem bessern himmlischen Körper werden, soll diese zerbrechliche Hütte. […] Es soll gesäet werden in Schwachheit, und auferstehen in Herrlichkeit.“[10]

Der in der Weimarer Republik sehr bekannte „Krüppelpädagoge“ Hans Würtz sprach vom „Streben der Buckelkrüppel, durch Mehrleistungen ihr Minderwertigkeitsbewußtsein vom Körper zu kompensieren“.[11] Diese Auffassung entsprach der Theorie von Alfred Adlers Individualpsychologie, wonach eine „Organminderwertigkeit“ durch das „Min­derwertigkeitsgefühl“ und seine „Überkompensation“ („Minderwertigkeitskomplex“) den Kranken oder Behinderten zu Höchstleistungen anstachele.[12] In dieser Perspektive erschienen Krüppel besonders raffiniert, berechnend, hinterhältig, aber auch geistreich und sensibel zu sein. Natürlich lehnte die Rehabilitationspsychologie nach dem Zweiten Weltkrieg diese Minderwertigkeitstheorie ab, von einer für eine Behinderung spezifischen abnormen seelischen Haltung ist heute nicht mehr die Rede, wie dies in der ersten Jahrhunderthälfte der Fall war, obwohl auch hier bereits beachtliche Kritik an dieser Theorie laut wurde. So wies der katholische Geistliche und „Krüppelpädagoge“ Josef Briefs, ein namhafter Vertreter der katholischen Heilpädagogik in den 1920er und 1930er Jahren, das Adler’sche Erklärungsmodell zurück.[13] Die Lehre von der „Überkompensation“ der „Organminderwertigen“ unter dem Vorzeichen des „Willens zur Macht“ sei eine materialistische, mechanistische Weltanschauung – unvereinbar mit der katholischen. Das unüberwindliche Hindernis sei „die naturalistische Unterbauung des Systems“.[14] Für die Gebrechlichen kämen die Adler’schen Lehren „einem moralischen und gesellschaftlichen Todesurteil“ gleich.[15] Tatsächlich sprächen alle Erfahrungen dafür, dass eine bei den Gebrechlichen vorhandene Kompensationstendenz sich „meist im Rahmen des Normalen“ bewege und die „von Adler behauptete krankhafte, psychotische Tendenz der Ueberkompensation des Organdefekts“ nicht bestätigt werden könne.[16] Briefs wehrte sich gegen die „uneingeschränkte Verallgemeinerung“ der Adler’schen Lehre: „das Verhalten der großen Mehrheit der Durchschnittskrüppel ist die förmliche Widerlegung der Adler’schen Theorie.“[17] Die „nach Adler angeblich zwangsläufige Entwicklung“ könne durch pädagogische Maßnahmen vermieden werden.[18]

Der böse Giftzwerg, das kinderfressende Monstrum, der wütende Riese sind Figuren der Volkskunde, die äußerliche Missgestalt und innerliche Bosheit miteinander identifizieren. In dieser Perspektive erscheinen Behinderte nicht nur als Gezeichnete, als Opfer bösartiger Machenschaften, sondern selbst als Quellen geistiger Bösartigkeit. Diese Auffassung folgt der Denkfigur, wonach das entstellte Opfer Rache nehmen will an den normalen Menschen. In der schöngeistigen Literatur wurde diese Problematik eindrücklich dargestellt. Zu erinnern wäre hier an den querschnittsgelähmten Sir Clifford in dem Roman „Lady Chatterly“, der im Verlauf des Romangeschehens als immer boshafterer Krüppel beschrieben wird. Der englische Schrift­steller Louis Battye, der selbst an einer angeborenen neuromuskulären Erkrankung litt, sprach hier vom „Chatterly-Syndrome“, wonach Behinderten eine boshafte „Krüppelseele“ zugeschrieben werde.[19]

„Schaukrüppel“ und „Krüppel-Virtuosen“ wurden in der Neuzeit auf Jahrmärkten und im Zirkus zur Schau gestellt. Eigentümlicherweise war gerade im viktorianischen Zeitalter, der Epoche des Darwinismus, die Vorliebe für solche Kuriositäten und Abnormitäten besonders groß. Manche Missgebildete erschienen geradezu als das „missing link“ zwischen dem Tierreich und dem Menschen. Neugier, Sensationslust und biologistische Weltanschauung trieben erstaunliche Blüten. Der US-amerikanische Zirkusunternehmer Phineas Taylor Barnum war der Erfinder der „side show“. Sie spielte in einem eigenen Zirkuszelt. „Bamum nahm in sie nur jedes denk­bare ‚missing link’ auf: Meerjungfrauen, Löwenmenschen, die direkten Nachfahren der Azteken, Männer von einem wilden Stamm aus Borneo usw. Barnum verfügte über das Talent, den Geschmack und die mentalen Kapazitäten seines Publikums richtig einzuschätzen. Seine ‚missing links’ und seine ‚freaks’ (Schlangenmenschen, Hungerkünstler, Haar- und Bart­menschen, siamesische Zwillinge, Riesen und Zwerge usw.) zogen das damalige Publikum in Massen an.“[20] Der US-amerikanische Horrorfilm „Freaks“ des Regisseurs Tod Browning von 1932 stellte diese für die Missgestalteten erniedrigende Situation dar.[21] In einer dramatischen Filmhandlung wird die Bösartigkeit der „Normalen“ und „Schönen“ problematisiert, welche die freaks zu  solidarischer Gegenwehr und Rache herausfordern. Der deutsche Komponist Moritz Eggert schuf aus diesem Stoff die Oper „Freax“. Sie sollte 2007 an der Bonner Oper unter der Regie von Christoph Schlingensieff uraufgeführt werden, was aber daran scheiterte, dass sie mit mit dessen „Family“ von Kleinwüchsigen und Behinderten nicht realisierbar war  und deshalb konzertant aufgeführt wurde.[22]  


[1] Wahl, 1974, S. 47. [2] Zit. n. Wahl, 1974, S. 49. [3] Buckeliana, 1826. [4] Ebd., S. III. [5] Andry [1741], 1744. [6] Buckeliana, 1826, S. VI. [7] Zit. a. a. O., S. 68. [8] A. a. O., S. 87. [9] A. a. O., S. 111-136. [10] Ebd., S. 134. [11] A. a. O., S. 51. [12] Adler [1912], 1977. [13]http://www.100-jahre-dvfr.de/themen-und-personen/persoenlichkeiten/briefs/ (21.06.2011) [14] Briefs, 1936, S. 122. [15] A. a. O., S. 123. [16] A. a. O., S. 125. [17] A. a. O., S. 129. [18] A. a. O., S. 130. [19] H. Schott, 1974, S. 188 f. [20] Kunze / Nippert, 1986, S. 13. [21] http://de.wikipedia.org/wiki/Freaks (15.07.2012) [22] http://de.wikipedia.org /wiki/Freax_%28Oper%29 (25.01.2013)

37. Kap./1 * Stigmen des Bösen

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Wie wir an früherer Stelle im Kontext der Signaturenlehre bemerkten, bildeten die Stigmen des Bösen in der modernen physiognomischen und rassenbiologischen Lehre ein wichtiges Moment (Kap. 9). Als Zeichen der „Entartung“ oder „Degeneration“ wurden sie schließlich um 1900 zu einem diagnostischen Kriterium in der Psychiatrie und insbesondere in der Kriminalanthropologie. Wir wollen nun auf die Bedeutung der „Monstren“ in der frühen Neuzeit näher eingehen. In dieser Lehre traten individuelle Verfehlungen zurück, die ja im medizinischen Diskurs eher im Vordergrund standen. Nun ging es vor allem um die Kollektivschuld und ihre drohende Bestrafung nach dem biblischen Vorbild von „Sodom und Gomorra“, die Gott den sündigen Menschen durch die Monstren anzeigen wollte.

Die Auseinandersetzung mit den oft phantastisch-bizarr dargestellten Monstren, mißgestalteten Lebewesen, an denen wir heute zum Teil angeborene Fehlbildungen diagnostizieren können, etwa einen Hydrocephalus („Wasserkopf“), ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Die Monstren (lat. monstra) sollten einen sonst verborgenen Tatbestand offenbaren. Im Folgenden seien einzelne Deutungsmuster vorgestellt, die die moderne Wissenschaft als „Aberglauben“ verworfen hat, die jedoch hintergründig im Seelenleben der Menschen weiter wirken. Die Frage, in­wieweit solche irrationalen Muster auch unsere wissenschaftliche Rationalität durchsetzen, ja, inwieweit diese selbst wiederum nur ein solches irrationales Muster darstellt, wird seit geraumer Zeit auch im Diskurs der Naturwissenschaften aufgeworfen: Angesichts der Massenmedien, welche den modernen Aberglau­ben als wissenschaftlich bewiesen millionenfach weitergeben würden, stünden wir sogar in der Gefahr, „die abergläubischste Bevölkerung aller Zeiten“ zu werden, meinte der austro-amerikanische Pädiater und Teratologe Joseph Warkany.[1]

Die Mantik (Weissagung) in der Antike war eine hoch­differenzierte Wissenschaft, die eine lange Ausbildung und zumeist die Zugehörigkeit zur Priesterkaste voraussetzte. Nicht nur Himmelskörper und Vogelflug, auch Tiereingeweide − insbesondere die Leber − und Träume waren wichtige Gegenstände der Deutungskunst. Die „Miss­geburt“ forderte schon früh die Deutungsarbeit der Mantiker heraus. Zu den frühesten Schriftzeugnissen der Menschheit gehören Tontafeln, die in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (7. Jahrhundert v. Chr.) in Ninive (Mesopotamien) aufbewahrt wurden. Die Keilschrifttexte berichten von Fehlbildungen der verschiedensten Art, die nach strengen Regeln zu interpretieren waren. „Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dessen rechtes Ohr klein ist, so wird das Haus, in dem es geboren wurde, zerstört werden. / Wenn ein Kind keine Füße hat, werden die Wasserstraßen des Landes unter­brochen und das Haus zerstört. / Wenn das Kind sechs Zehen an jedem Fuß hat, so werden die Menschen der Welt in Unglück gestürzt.“[2]

Die Monstren waren also Zeichen des herannahenden Unheils. Dieser Glau­be erblühte noch einmal in der Renaissance. Wenngleich Monstren auch auf glückliche Umstände verweisen konnten und ihnen sogar der Sinn zuge­schrieben wurde, die unbewohnteren Gebiete der Erde und Meere zu schmücken, so herrschte gerade bei den Medizinern doch ihre Be­deutung als böses Omen vor.[3]Ein illusteres Beispiel für die satirische Deutung einer Mißgeburt als ein göttliches Mahnzeichen finden wir in dem Cranach-Luther’schen Flugblatt „Papstesel zu Rom“, das ähnlich wie Luthers „Mönchskalb“ ein Phantasieprodukt war, um gegen Papst- und Mönchtum zu polemisieren.

Die Vorstellung, wonach die Götter den Menschen für einen begangenen Frevel mit Krankheit bestrafen, geht ebenfalls auf die Antike zurück. Damit wurde vor allem der Ausbruch von Seuchen erklärt. Das Christentum verschärfte diese Sündentheorie: Die „Erbsünde“ sei auch für die Missgeburten verantwortlich. So schrieb der Gelehrte Konrad von Megenberg im 14. Jahrhundert: „Die geseelten Wundermenschen nenne ich, die eine menschliche Seele haben und die doch Gebrechen haben […] und die kommen […] von Adam und seinen Sünden.“[4]Auch für Paracelsus waren Missbildungen Zeichen des Bösen. „Und als zu gleicher weis, wie der henker zeichnet seine kinder mit lesterlichen zeichen, desgleichen die bösen ascendenten ire kinder mit unnatürlichen lesterlichen zeichen bezeichnen, auf das man sich vor inen zuhüten wiß wie vor den henkermeßigen leuten “.[5] Missbildungen zeigten also Charaktereigen­schaften ihrer Träger an, verrieten deren moralischen Defekte oder die ihrer Verfahren. Insofern waren die Stigmen der Mißbildung zugleich Signaturen des Bösen. So cha­rakterisierte der französische Wundarzt Ambroise Paré im 16. Jahrhundert die Monstren als Zeichen der Strafe für Unzucht, Ausschweifung und Maßlosigkeit. Nicht nur die Gottlosigkeit der Eltern offenbare sich somit, sondern zugleich auch die Verworfenheit der monströsen Kinder selbst.

Die Erklärung der Krankheit als Folge einer Sünde spielte bis weit in die Neuzeit hinein eine wichtige Rolle in der Krankheitslehre der Medizin. So wurde noch im frühen 19. Jahrhundert, der Entstehungszeit der modernen Psychiatrie als medizinisches Fach, die „Geisteszerrüttung“ von einem Teil der „Irrenärzte“ auf die Sünde des betreffenden Menschen zurückgeführt. Die „Psychiker“ unter den Psychiatern sahen hierin nämlich den Hauptgrund für die Geisteskrankheiten ihrer Patienten. Freilich unterschieden sich ihre Behandlungsmethoden kaum von denen der „Somatiker“. [6] Gerade in der Psychosomatik und Psychotherapie des 20. Jahrhunderts lebt dieser Gedanke in säkularisierter Form bis heute weiter. Vor allem die Neurosenlehre unter dem Vorzeichen der Psychoana­lyse erblickt in der Verdrängung bzw. Abwehr unbewußter Impulse eine Art seelische Selbstunterdrückung, welche die Krankheit erzeuge. Letztlich war der Betroffene gewissermaßen selbst an seinen Symptomen schuld. Die Bedeu­tung der Sinn- und Schuldfrage in der Theoriebildung der Psychosomatik und Psychotherapie unserer Zeit ist bislang noch nicht hinreichend aufge­deckt worden. Im Übrigen finden wir auch in der modernen „Organmedizin“ Reste dieser alten Sündentheorie. So wird das Bronchialkarzinom („Raucherkrebs“) gewissermaßen als Folge der Sünde des Kettenrauchers angesehen, der für sein Fehlverhal­ten mit Krankheit und Tod bestraft wird. Es liegt nahe, ein solches Fehlverhal­ten sozial zu ächten und womöglich durch höhere Krankenkassenprämien zu bestrafen.

In der Renaissance blühte – im Kontext von Signaturenlehre, Astrologie und Hexenwahn – der Glaube auf, Missgeburten und „Kretine“ (franz. crétins) stamm­ten direkt vom Teufel ab. Für Paracelsus und seine Zeitgenossen wie Martin Luther war es selbstverständlich, dass Mißgeburten aus der Ver­bindung von Teufeln und Hexen zustande kommen können: „Nun ist […] versamlung aller hexen und unholden zusamen […] dieweil die geist mit den hexen in gestalt succubi und incubi zu hantlen und zu schaffen haben, und gleich als ob sie schwanger seien anzusehen und auch schwanger mit den seltsamen monstris“.[7] Im 16. Jahrhundert entspann sich eine Kontroverse, ob solche Mißgebilde­ten getötet werden durften oder nicht. Paracelsus sprach sich – im Gegensatz zu Martin Luther (siehe unten) – gegen eine Tötung aus, er wollte sie als Geschöpfe Gottes bestehen lassen: „drumb so laß ich sie sten als tiere.“[8] Der „Hexenhammer“ dagegen, das Handbuch der Inquisition, erblickte in Monstren, insbesondere in den „Wechselbälgen“ oder „Wechselkindern“ Dämonen- und Hexenwerk. Folgerichtig ging es  dann um die „Ausrottung der Hexen“ gemäß dem Bibelspruch: „Die Zauberer sollst du nicht leben lassen.“[9] Auch ihre vermeintliche Brut sollte tendenziell vernichtet werden: Im Zuge der Hexenverfolgung wurden selbst einjährige Kinder gefoltert und umgebracht.[10]

Eine besondere Form des Teufelswerks war der „Wechselbalg“. Im Volk herschte der Glaube, dass kurze Zeit nach der Geburt der Teufel oder ein anderer böser Dämon das neugeborene Kind mit einem Teufelskind vertauschen könne. Diese vertauschten Kinder zeigten alle Zeichen des Bösen und „sie sollen insgemein erschrecklich gefreßig, faul und ungestalt seyn.“[11] In der Geschichte der europäischen Volkskunde konnten „Wechselbälge“ aber auch gutartige Züge aufweisen. Sie konnten als Elfenkinder erscheinen, die von Fabelwesen („guten Leuten“) den Menschen untergeschoben wurden, um so als Säugling einer menschlichen Mutter doch noch eine Seele zu erhalten. Diese Bedeutungsverschiebung von „Wechselbalg“ im Rahmen der christlichen Dämonologie war beachtlich, wie der Basler Kinder- und Jugendpsychiater Carl Haffter herausgestellt hat.[12] Durch die schlechte Behandlung des Wechselbalges sollte die Rückgabe des wahren Kindes erzwungen werden. Die übelste Kindsmißhandlung wurde hier als legitimes Druck­mittel empfohlen. Sogar die Tötung schien erlaubt, wie Martin Luther im Jahre 1541 in einer seiner Tischreden vorbrachte. Er meinte, „dass solche wechselkinder nur ein stück fleisch, eine massa carnis seien, da keine seele innen ist, denn solches könne der teufel wol machen, wie er sonst die menschen, so Vernunft, ja leib und seele haben, verderbt, wenn er sie leiblich besitzet, dass sie weder hören, sehen noch etwas fühlen, er machet sie stumm, taub, blind. Da ist denn der teufel in solchen wechselbälgen als ihre seele.“[13]

Aus den soeben zitierten Einstellungen können wir erahnen, wie breit das Spektrum der kindlichen Behinderungen war, das als Teufelswerk angesehen und damit der potenziellen Vernichtung preisgegeben wurde. Es ist erstaunlich, daß diese historische Tatsache ver­glichen mit der Hexenverfolgung bislang weniger beachtet wurde. Wie die früheren Hexen und Teufelsbesesse­nen wurden auch die Monstren und Wechselbälge erst im 18. Jahrhundert endgültig als Problematik der akademischen Medizin aufgefasst und somit „medikalisiert“. Es sei hier an eine medizinische Dissertation unter dem Chirurgen Lorenz Heister von 1725 aus Helmstedt erinnert, in der die „Wechselbälge“ als rachitische Kinder identifiziert wurden.[14] Erst im Zeitalter der Aufklärung konnten die Eltern durch die medizinischen Befunde gewissermaßen „entschuldigt“ werden. Die kindliche Behinderung erschien nun nicht mehr als Strafe für eine begangene Sünde der Eltern bzw. für deren Unaufmerksamkeit im Falle der Wechselbälge, sondern als eine natürlich zu erklärende Krankheit. Es sei angemerkt, daß auch diese naturwissenschaftliche Erklärung in der Antike wurzelte, vor allem in der Lehre des Aristoteles.[15] Mit der Französischen Revolution kam es erstmals zu praktischen Ver­suchen, den Behinderten medizinisch zu helfen. Die Irren, Blinden und Taubstummen wurden nun einem medizinisch-pädagogischen Regime unter­worfen. Die Ausgrenzung und Abwehr der Abnormen verkehrte sich zu dem Versuch ihrer Anpassung an die Normalität. Dies betraf im besonderen Maße das behinderte Kind, vom Rachitiker bis hin zum Taubstummen.[16]


[1] Warkany, 1972, S. 14. [2] Zit. n. Püschel, 1970, S. 1 f. [3] Wahl, 1974, S. 10. [4] Zit. n. Wahl, 1974, S. 19. [5] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 11, S. 376. [6] Schott / Tölle, 2006, S. 53-56. [7] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 26 f. [8] A. a. O., S. 145. [9] Ex 22,18; Kramer [1487], 2000, S. 596. [10] Wahl, 1974, S. 38. [11] Zedler, Bd. 53, 1747, Sp. 1079. [12] Haffter, 1968. [13] Zit. n. Wahl, 1974, S. 40. [14] Broke, 1725; Haffter, 1968, S. 60. [15] Michler, 1964. [16] Weiner, 1977.