41.Kap./3 * Irdische Elementargeister

Im „Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteribus spiritibus“ entwickelte Paracelsus seine bekannte Lehre von den Elementargeistern, jenen Naturgeistern, die in den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde hausten. Im Feuer lebten demnach die Salamander oder Vulcani, im Wasser die Nymphen oder Undinen, in der Luft die Sylphen oder Sylvestres und in der Erde die Pygmäen oder Gnomen. Das „chaos“ − der etymologische Vorläfer von „Gas“ − sei das Lebenselement dieser Geister, so sei das Wasser für die Undinen soviel wie die Luft für den Menschen zum Atmen. Gerade über „Wassserleute“ und „Meerjungfrauen“ existierten schon lange vor Paracelsus volkstümliche Sagen. Eine mythische Gestalt war Melusine, ein Sagenstoff, der bereits in der Überlieferung des 12. Jahrhunderts auftauchte und bei dem es um Übertretung von Gott gesetzter Grenzen durch Magie ging.[1] Wir werden sehen, dass Paracelsus nicht nur Pygmäen und Gnomen als Erdgeister begriff, sondern auch sog. „ertmenlein“, „bergmennlein» oder „bergleut“. Er führte hierzu aus: „die erden ist ir luft und ist ir chaos. dan im chaos lebt ein ieglichs ding, das ist ein ietlich ding wonet im chaos get und stet dorin. nun ist die erden nicht mer als alein chaos den bergmennlein. dan sie gent durch ganz mauren, durch felsn, durch stein, wie ein geist; drumb so seind inen die ding all nur chaos, das ist nicht.“[2]

Diese Erd- oder Bergmännlein wurden als Zwerge vorgestellt, die in ihrem Lebensbereich wirkungsvoll arbeiten. „Die bergleut sind im bergchaos und do machen sie ir geheus in. dorumb man oft fint, das estrich, gewelb und der gleichen in der erden gefunden werden in höhe eines elnbogens und dergleichen, die selbigen sind von disen leuten gehauen worden, inen zu einer enthaltung und wonung.“[3] Die Elementargeister seien nicht ewig, sie besäßen keine Seele wie der Mensch. Nur wenn sie sich mit dem Menschen verbänden, also z. B. eine Undine einen Mann heirate, „entpfahen sie die sêl und ir kinder auch.“[4] Im Gegensatz zu den Wasserleuten und den Waldleuten, also Nymphen und Sylphen, würden die Bergmännlein und Erdmännlein „doch selten gegen den menschen verheirat […], sonder alein mit diensten verpflicht.“ Die besondere Kunst dieser Erdgeister, dieser Bergmännlein bestehe darin, das sie Geld herbeizaubern könnten: „dan die bergleut haben gelt, ursach sie münzens selbs. ein geist, was er wünscht das ers hett, das hat er, und ir wünsche, begeren, das ist also: als ein bergmenlein wünschti oder begerti eine summ gelts und aber noturft erforderts, so hat ers und ist gut gelt, also geben sie vil leuten gelt in den kröcken der bergen, das sie wider hinweg gangen; kaufen die leut hinweg.“[5]

Wie die Riesen von den Waldleuten, den Luftleuten (Sylphen) abstammen würden, so die Zwerge von den Erdmännlein, Bergleuten (Pygmäen). Riesen und Zwerge seien monstra“, die als Exempel Gottes Möglichkeit demonstrieren sollen, auch Lebewesen zu machen, ohne ihnen eine Seele einzugießen.[6] So würden die Zwerge „aus den ertmenlein geboren von den bergen, drumb so werden sie nit so lang als die risen, sonder haben so viel weniger in der proporz, sovil und die ertmenlein an der kürzi haben weniger dan die waltleut und sind auch monstra wie die risen und ein weg in irer geburt zu versten.“ In diesem Zusammenhang wird die innere Verbindung von Erde, Bergwelt, Bodenschätzen (Metallen), Geld, Berggeistern und Zwergen deutlich. Ja, die Elementargeister der Erde werden sogar als von Gott eingesetzte Hüter der Natur verstanden, „also verhüten die gnomi, pygmaei, mani [dem Mond zugeordnete Zwerge der nordischen Mythologie], die schez der erden, das ist, die metallen und der gleichen, dan wo sie sind, do sind mechtige schez und gewaltig häufen, durch solche leut werden sie verhüt und abgewent und verborgen, das sie nit an tag körnen […].“[7] Analog hierzu fungierten die Undinen als Hüter der Wasserschätze.

Diese Lehre von den Elementargeistern wurde später vor allem von den Romantikern aufgegriffen, entsprach sie doch ihrem begeisterten Naturgefühl und ihrer Rückbesinnung auf uralte volkstümliche und naturmagische Stoffe in Märchen und Sagen. In seinem Essay „Elementargeister“ (1837) verwies Heinrich Heine auf verschiedene Überlieferungen sowie auch zeitgenössische Stimmen, die von der Realität der Elementargeister überzeugt waren. Seine Schrift gibt einen hervorragenden Überblick über deren kulturgeschichtliche Bedeutung. Vor allem ging Heine auf Paracelsus ein und nahm ihn vor dem Missverständnis in Schutz, er habe sich in abergläubischer Phantasterei verirrt: „Er [Paracelsus] ist ein Naturphilosoph in der heutigsten Bedeutung des Ausdrucks. Man muß seine Terminologie nicht immer in ihrem tradizionellen Sinne verstehen. In seiner Lehre von den Elementargeistern gebraucht er die Namen Nymphen, Undinen, Silvanen, Salamander, aber nur deßhalb weil diese Namen dem Publikum schon geläufig sind, nicht weil sie ganz dasjenige bezeichnen, wovon er reden will. Anstatt neue Worte willkürlich zu schaffen, hat er es vorgezogen für seine Ideen alte Ausdrücke zu suchen, die bisher etwas Aehnliches bezeichneten. Daher ist er vielfach mißverstanden worden, und manche haben ihn der Spötterey, manche sogar des Unglaubens bezüchtigt. Die Einen meinten er beabsichtige alte Kindermährchen aus Scherz in ein System zu bringen, die Anderen tadelten, daß er, abweichend von der kristlichen Ansicht, jene Elementargeister nicht für lauter Teufel erklären wollte. Wir haben keine Gründe anzunehmen sagt er irgendwo, daß diese Wesen dem Teufel gehören; und was der Teufel selbst ist, das wissen wir auch noch nicht.“[8]

Eine der heute bekanntesten Schriften des Paracelsus soll hier nur kurz gestreift werden: „von der bergsucht und anderen bergkrankheiten“.[9] Diese Schrift wurde und wird in der Paracelsus-Rezeption uni sono als erste Darstellung einer Berufskrankheit gewür­digt.[10] Paracelsus erscheint hier als ein Wegbereiter oder gar Begründer der Arbeitsmedizin bzw. Gewerbehygiene, indem er die Bergsucht korrekt beschrieben und ätio­logisch gedeutet habe.[11] An keiner Stelle seines Buches über die Bergkrankheiten ging Paracelsus jedoch über seine bekannten naturphilosophischen Formeln hinaus. Wie die „lungsucht“ auf der Erde von den Sternen, dem äußeren Himmel der Erde, hervorgerufen werde, so die „bergsucht“ in der Erde von den Mineralien, dem inneren Himmel der Erde.[12] Denn: „die mineralia, so in der erden ligen, seind das firmament des himels. aus disem element der erden entpringt das feur, das der erden ein chaos macht, zu gleicher weis wie das chaos ist zwischen himel und erden.“[13] Anders formuliert: „die erden hat iren himel in ir selbs und sein astrum seind die mineralia.“[14]

Paracelsus griff nun auf seine Lehre von den Elementargeistern zurück, um seine Theorie der Bergkrankheiten zu begründen. Daß der Mensch unter Tage, im Bergwerk, in ein fremdes „chaos“, in dem Erd- oder Bergmännlein gedeihen, eintauche und doch auf sein eigenes angewiesen bleibe, sei eine entscheidender Auslöser der Bergkrankheit, „so die menschen sich inwoner machen in den bergen und doch nit der erden leut [d. h. keine Elementargeister der Erde] seind, so folgt heraus das der menschlich chaos mit inen in die berg muß gefürt werden; dan aus irem chaos, das ist dem menschlichen chaos, wird ir lung erhalten.“[15] Da es nun im Berg zu einer Vermischung der beiden „chaos“ – „wie eine ehe“ – kommte, werde der Mensch anfällig für die „astra“ der Erde und die Bergsucht nehme ihren Anfang.

Die Therapie zielte auf die Abwehr der infizierenden „berg- und erzgeisten“, die den Bergmann mit ihrer Influenz bzw. Impression krankmachen würden.[16] Somit werde die Ursache der Krankheit bekämpft, die in der Erde selbst liege, dem „ander [zweiten] himel“: Ursache der Bergsucht ist „nit der außer ober himel, sonder der himel der die erden selb ist.“[17] Die Argumentation wird somit durchsichtig. Der Begriff der Erde erhielt zwei Dimensionen: zum einen die Erde als Erdoberfläche, Lebensraum des Menschen, die zusammen mit dem äußeren Himmel, dem Gestirn, den normalen Makrokosmos ausmacht, zum anderen das Erdinnere, der Lebensraum der Erd- und Berggeister, in dem die Mineralia als innerer Himmel, irdische „astra“, regieren. Begeben sich die Bergleute (d. h. die Knappen) in diesen fremden Lebensraum, so liefern sie sich dem inneren Himmel, dem Einfluss der Mineralia, der Erzgeister, aus. Andererseits erschien die Erde als Angelpunkt der Heilkunde. So schrieb Paracelsus im „Opus Paramirum“ (1531), der Arzt solle „die arznei aus der erden nemen, so muß die erden der arzt sein und nit der mensch, so muß er auch aus der erden sein ler nemen, das er das weiß zu gebrauchen, das die erden das gibt, dahin es gehört, so er das nit pflegt und weißt, so ist sein schreiben und fürnemen alein ein verfürung dem arzt und seinen kranken.“[18]

Im Begriff der Erde brachte Paracelsus theologische, naturphilo­sophische, mantische, dämonologische und alchemistische Momente ins Spiel, die keineswegs hierarchisch geordnet und logisch miteinander verknüpft waren. Diese Momente seien hier noch einmal hervorgehoben. Die Erde erschien zunächst als vergängliche Materie, als irdischer Gegenspieler und Widerpart des himmlischen Geistes. Hierbei wird die theologische Tradition offenbar, der sich Paracelsus durchweg verpflichtet fühlte. Die Erde, gerade auch als Menschenleib, war dem Vergänglichen, dem „Tödlichen“ geweiht und erschien in der Wertehierarchie dieses Weltbildes unten, als dunkle Unterwelt gegenüber dem ewig strahlenden göttlichen Himmel. Zugleich erschien die Erde als matrix, als fruchtbare Lebensquelle, Grundlage allen Lebens Hier zeigte sich das Besondere der paracelsischen Naturphilosophie: Denn „Erde“ wurde als diejenige dynamische Instanz begriffen, die später, insbesondere in der Romantik, mit der „Nachtseite der Natur“, dem Unbewußten, identifiziert wurde. Sie erschien als lebendiger Organismus, dessen Äußerungen z. B. in Form von Erdbeben die Bedeutung von Orakeln hatte. Sie war Inbegriff der Natur, die als Magierin dem Menschen Wunderwerke vorführte, vorzauberte, die zu entschlüssseln eine Aufgabe der wissenschaftlichen Mantik oder Weissagekunst war.

Darüber hinaus erschien die Erde als Lebenselement von Geistern, als Aufenthaltsort von Erdgeistern oder Bergmännlein. Hier wird die dämonologische Komponente der Paracelsischen Naturphilosophie besonders deutlich, eine Dämonologie freilich, die jenseits des Teufelsglaubens primär wertneutrale Naturgeister zuließ, die verschiedene Funktionen ausfüllen und dabei für den Menschen − wie im Falle der Zwerge oder Bergmännlein − auch nützlich sein konnten. Die Schätze des Erdinneren wurden beim Bergbau zum Gegenstand menschlicher Arbeit, die zu Krankheiten führen konnte. Gerade bei der Metallgewinnung ging es um die praktische Konsequenz der alchemistischen Naturforschung und Natureroberung, insbesondere um die großen Gefahren für menschliche Gesundheit. Der Kultur- und Literaturhistoriker Hartmut Böhme hat das „Symbolfeld der Bergbaus zwischen Sozialgeschichte und Psychohistorie“ von seinen alchemistisch-naturphilosophsichen und industrieillen Wurzeln bis hin zu seiner Literarisierung in der Romantik untersucht, wobei er auffälligerweise Paracelsus aussparte.[19] Im Hinblick auf die „matrix“, die Mutter Erde, argumentierte Paracelsus also mehrdimensional. Er oszillierte zwischen der Attitüde des Predigers und des Geheimwissenschaftlers, des Naturforschers und des Naturmystikers, des spekulierenden Philosophen und des zupackenden Arztes. Gerade in seiner widersprüchlichen Radikalität war Paracelsus typisch für die Epoche der Reformation, wo Prophetie und Naturforschung, religiöse Erleuchtung und analytische Laborarbeit oft eng miteinander verquickt waren.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Melusine (1.08.2012); Scholz Williams, 1991. [2] A. a. O., Bd. 14, S. 125. [3] A. a. O., S. 129. [4] A. a. O., S. 134. [5] A. a. O., S. 136. [6] A. a. O., S. 147. [7] A. a. O., S. 148. [8] http://gutenberg.spiegel.de/buch/380/1  (9.04.2012). [9] A. a. O, Bd. 9, S. 463-544. [10] Pagel, 1982, S. 26. [11] Weimann, 1963, S.91; Pagel, 1962, S. 29. [12] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 9, S. 466. [13] A. a. O., S. 468. [14] A. a. O., S. 522. [15] A. a. O., S. 469. [16] A. a. O., S. 484. [17] A. a. O., s. 486. [18] A. a. O., S. 228. [19] H. Böhme, 1988 [b]. 

 

37. Kap./4 * Dämonologie in der Medizin

In Renaissance und früher Neuzeit hatten Alchemie, Astrologie und natürliche Magie im Diskurs der gelehrten Medizin Konjunktur. Wir wollen uns noch einmal Paracelsus zuwenden, der das dämonologische Denken vom Gebiet der Religion auf das Feld der Naturforschung übertrug – oder anders gesagt: keine Grenzlinie zwischen beiden Territorien zog – und damit die Grundlage für den sogenannten ontologischen Krankheitsbegriff legte. Jede Krankheit hatte demnach in einem spezifischen Krankheitssamen seinen Ursprung, von dem aus die Krankheit sich wie ein eigener Organismus, ein Parasit, entfaltete. Es ist bemerkenswert, dass zwischen religiösen und dämonologischen Vorstellungen einerseits und empirisch-rationalen Theorien der Medizin andererseits kein klarer Trennungsstrich gezogen wurde. Paracelsus hatte nicht den geringsten Zweifel an der Realität des Teufels. Der Aberglaube erschien ihm deshalb so gefährlich, weil er den Menschen einem teuflischen Einfluss aussetzte. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum von Wissenschaftshistorikern, dass die „natürliche Magie“ (magia naturalis) die Dämonologie abgelöst, entmystifiziert, in Naturphilosophie aufgelöst habe. Gerade dort, wo Paracelsus auf Hexen und Besessene einging, zeigte sich seine geistige Verankerung in der volkstümlichen, kirchlich kultivierten Dämonologie. Seine Ausführungen in dem einschlägigen Text „De sagis et earum operibus, fragmentum“ lesen sich buchstäblich wie Kommentare zum „Hexenhammer“.[1] Die „unholdischen Aszendenten“ als „aufsteigend zeichen der bosheit“ übernähmen die Rolle des Teufels, sie prädisponierten das Kind bei der Geburt zur Hexe: „Also wachsen auch die hexen in der geburt, so der geist, der hexenvater und mutter nit ausgetriben wird, so wurzlet es in der hexen so lang, bis er sie underricht.“[2] Die „erbare erzihung“ des Kindes bedeutete für ihn nichts anderes, als die stetige Austreibung dieser bösen Geister, analog dem Reinigungsprozess der alchimistischen Scheidekunst.

In der Schrift De daemoniacis et obsessis griff Paracelsus auf das traditionelle Konzept der Teufelsbesessenheit zurück. [3] Er definierte den Teufel als Krankheitskeim und stellte die Frage, „wie in den menschen wachsen die teufel“:  Wie kommt der Teufel in den Körper? Er komme hinein wie andere leibliche Dinge, nur ohne Verletzung der Haut. Der „ingriff“ von „geisten“ könne nämlich folgendermaßen geschehen: „zugleicher weis wie ein man mag ein stein in sein hant nehmen und mit dem selbigen greifen in ein wasser, und den stein lassen ligen, die hant wider heraus ziehen […] und das loch, das die hant gemacht hat, gehet zu, also niemant sicht, wo man hinein griffen hat. […] also komen die menschen durch angriff, das ingriff sind, die ding so aus inen schweren und gefunden werden.[4] Wir haben es hier also buchstäblich mit einem Ein-Griff zu tun, der unmittelbar krankmacht. Es erinnert an ein seinerzeit viel diskutiertes Hexenwerk, wenn Paracelsus damit auch erklären wollte, wie ein „unholder“ Aszendent Männer impotent machen kann. Er tue einen „Griff“ in den Körper, „der erlembt die nieren, zugleicher weis wie also ein fischer in ein wasser griff und zertruckte mit seim greifen einen fisch, das er stürb und verdürb.“[5]

Nicht nur die Besessenheit, sondern auch der Aussatz war in den Augen von Paracelsus ein geistliches, d. h. teuflisches Leiden, wogegen nur die „Arznei von Christus“ helfe. Folgerichtig empfahl Paracelsus die religiöse Teufelsaustreibung nach christlichem Vorbild bei solchen Erkrankungen. Drei Methoden seien wirksam, die übrigens auch der „Hexenhammer“ anführte: Exorzismus, Beten und Fasten.[6] Im Unterschied jedoch zur religiösen Heilkunde im klerikalen Raum spielten Besessenheit und Exorzismus im Paracelsischen Werk nur eine marginale Rolle. Im Zentrum seiner Arbeit stand seine kritische Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Humoralpathologie im Sinne von Galenismus und Arabismus, die er mit astrologischen und magischen Ansätzen konfrontierte. Allerdings war die religiöse Dimension im paracelsischen Denken allgegenwärtig und die Frage des „rechten Glaubens“ bzw. des „Aberglaubens“ erschienen für den Arzt und seine Heilwirkung von größter Bedeutung. In der Volksfrömmigkeit gehörten Besessenheit und Exorzismus zum Alltagsleben. Eine Votivtafel aus Österreich zeigt das Ausfahren der Dämonen aus dem Mund eines  Mädchens, das die Himmelskönigin Maria und ihren Sohn anruft. (Abb. [i]) Man kann die Szene als Selbstexorzismus interpretieren, da die junge Frau offensichtlich ohne einen (sichtbaren) ärztlichen oder geistlichen Exorzisten auskommt.

Freilich lebte der alte Geister- und Teufelsglaube in der Neuzeit weiter und wurde selbst von gelehrten Kritikern der Dämonologie nicht gänzlich verworfen. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein blieben Hexerei und Schadenszauber ein verbreiteter Diskussionsgegenstand. So wurde noch im frühen 18. Jahrhundert die paracelsische Lehre von den „Elementargeistern“ weiter tradiert, etwa die Vorstellung von den „Bergmännlein“. In einem „curiösen Tractat“, der 1702 erschien, heißt es, sie seien „böse Engel / welche in angenommenen Leibern und sonderlich Bergmannsgestalt / durch Göttliche Zulassung in denen Schächten der Leute zu äffen / erscheinen […] man nennet sie Berg-Gespenster / Erd-Männergen / Zwerglein / Erd-Kobold / die Griechen nennen sie Erd-Teuffel / die sich unter der Erden aufhalten die Teutschen aber / die Wichtelein / Bergmännlein / Schrötlein“.[7] In der Literatur des Okkultismus und der Kabbala wurde die paracelsische Lehre von den Elementargeistern jedoch positiv aufgegriffen und als zukünftiger Stoff für Dichter avisiert, wie der anonyme Übersetzer der legendären Schrift „Comte de Gabalis“ in seiner Vorrede erklärte. Die „elementarischen Geister“ würden sich als „neue Mythologie“ bestens für den Dichter eignen, diese „Geisterlehre […] scheint für ihn gemacht.“[8] Der Autor dieser denkwürdigen Schrift sie ihm nur deshalb willkommen, „weil er die Elementengeister ganz anders, als die übrigen, die derselben gedenken, und zwar gerade auf der guten Seite vorstellet, wie sie dem Dichter am bequemsten sind.“[9] In diesem Sinne erlebten die „Elementargeister“ schließlich in der Romantik eine poetische Renaissance.

Anmerkung vom 20.07.2016

Kürzlich stieß ich auf die Graphik „Erdgeister“ von Moritz von Schwind, Näheres siehe mein Supplementary Blog

Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzten sich die aufgeklärten Köpfe durch: Hexereien hätten natürliche Ursachen, der Teufelsglaube sei abzulehnen, ebenso die eingebildete Geisterseherei, die alle dem schillernden Begriff „Aberglauben“ zugeordnet wurden.[10] Teufel und Gespenster seien letztlich nur Einbildungen. Am Anfang dieser Aufklärungstradition stand der Hallenser Philosoph Christian Thomasius − sehen wir einmal von den früheren Kämpfern gegen die Hexenverfolgung wie Johannes Weier ab. In der deutschen Übersetzung seiner Dissertation über das „Laster der Zauberey“ von 1701 präsentierte Thomasius ein bezeichnendes Frontispiz: Es zeigt im Vordergrund ein Hexenhaus von dem die Hexen durch den Schornstein auf ihren Besen ausfahren, um durch die Lüfte zum Blocksbergauf („Zauber-Berg“) im Hintergrund zu fliegen. (Abb. [ii]) Die Legende lautet:

„Mein Leser! Willst du noch den Zauber-Berg verneinen ?

Es stellt dies Blat dir solchen deutlich für /

Du siehst der Hexen-Chor auff selbigem erscheinen.

Wiewohl ich irre mich: Er steht nur auff Pappier.

Die Illustration stellte eine unmissverständliche Karikatur des Hexenwahns dar. Dass der „Zauber-Berg“ nur auf dem Papier stehe, wurde durch den Fettdruck des letzten Satzes der Legende bessonders hervorgehoben. Thomasius verurteilte die üblichen Foltermaßnahmmen: „ich fürchte / wenn man mich und dich marterte / wir würden alles aussagen / was man von uns begehrte / und wenn man uns weiter wegen der Umstände marterte / würden wir auch Umstände / und zwar solche darzu lügen / die wir wüsten / daß sie der Richter gerne hörete / und durch deren Aussage wir am ersten von der Marter abkämen; Mit einem Wort: Ich halte dafür / daß die Hexen-Proceße gar nicht taugen / und das der NB. gehörnete Teuffel mit der Pech-kelle und sein Mutter darzu ein purum inventum der  Päbstischen Pfaffen sey, derer gröstes arcanum ist / die Leute mit NB. solchen Teuffeln fürchten zu machen“.[11] Somit seien ökonomische Interessen der Behörden wie das Erpressen von Spenden maßgebend. Seine Kampfschrift beschloss Thomasius mit einem prägnannten Aphorismus über den Teufel, der nun einmal kein „Eckstein des christlichen Glaubens“ sei: „Dahmals hiesse es: Wer Christum läugnet / der läugnet GOtt. Heute heißt es: Wer den gehörneten und gemahlten Teuffel läugnet / der läugnet GOtt.“[12]

Ahnlich hatte sich bereits der Alchemist Johann Joachim Becher in seiner „Psychosophia“ von 1678 geäußert, deren zweite Auflage 1705 erschien, ein Jahr vor der soeben zitierten Ausgabe der Dissertation von Thomasius. Darin stellte sich Becher gegen den Hexenglauben und behauptete, der Teufel könne nichts gegen Lauf der Natur ausrichten, selbst wenn Zauberer oder Hexen entsprechende Geständnisse ablegen würden: „und wann gleich die Zauberer selbsten gestehen / daß sie dergleichen Sachen [ u. a. durch eine Mauer gehen] gethan haben / so ists doch nur eine Phantasey / oder vielmehr Krankheit und Verwirrung des Gehirns / oder eine Verblendung / dann die armen leute bleiben an dem Ort / so sie seyn / fallen in einen Traum / und wann sie erwachen / erzelen sie wunderliche Sachen“.[13] Übernatürliche Zauberkünste wurden somit „medikalisiert“, um es modern auszudrücken, nämlich als Krankheit, genauer: als Geisteskrankheit interpetiert. Die Phänomene der Hexerei konnten so  als subjektive, innerpsychische Prozesse aufgefasst werden, denen keine äußere Realität entsprach. Nichts anderes besagt die klassische Projektionstheorie der Psychiater, womit seit dem 19. Jahrhundert im Allgemeinen Halluzinationen und Wahnvorstellungen erklärt werden.

Was Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Schlüsselbegriff der Suggestion erklärt werden konnte, ließ sich Ende des 18. Jahrhunderts mit der „Einbildung“ bewerkstelligen: Alle Geistererscheinungen, alles Hexenwerk, alle psychischen Verirrungen und Geisteszerrüttungen, die bisher dämonologisch erklärt worden waren, wurden nun psychologisch entzaubert. So heißt es in einer Aufklärungsschrift „Dämonologie, oder Systematische Abhandlung von der Natur und Macht des Teufels“: „Die Furcht erwecket nur unsere Seelenkraft zu erdichten, daß sie zu diesem Bilde noch schrecklichere Sachen hinzudichtet und solche vergrößert. […] Ist man einmal dieser Wohltat [der Aufklärung] theilhaftig geworden, so wird man alle die Räthseln von Hexen und Gespenstern, von Geistern und Vampyren, u. s. w. aufgelöst finden […]. Auf dieser Weise werden die Geister und Gespenster sammt den Truten und Hexen gewiß entweder gar verschwinden, oder doch unendlich vermindert werden.“[14]


[1] Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 14, S. 5–27. [2] Ebd., S. 9. [3] A. a. O., S. 29–43. [4] A. a. O., S. 21. [5] A. a. O., S. 21 f. [6] A. a. O., S. 38 f. [7]Rumpel, 1702, S. 8 (§§ 7 u. 8); http://www.zeno.org/nid/2000555442X (22.02.2012); Schott / Tölle, 2006, S. 27. [8] Montfaucon de Villars, 1764, S. A2 f. [Vorrede]. [9] A. a. O., S. A4[v] [Vorrede]. [10] N. Freytag, 1996, S. 105. [11] Thomasius, 1703, S. 96. [12] A. a. O., S. 97. [13] Becher, 1705, S. 300. [14] Einzinger, 1775, S. 59 f.


[i] Daxelmüller, 2009, S. 287; → Abb. Votivtafel Dämonenaustreibung [ii] Thomasius, 1706: Frontispiz; → Abb. Thomasius Hexen-Karikatur

13. Kap./3 * Neuheidnische Naturmagie

Mit dem Aufkommen von New Age und ökologischer Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts blühten bestimmte Formen der Naturreligion auf, die sich bewusst auf vor- und außerchristliche Traditionen beriefen und heidnische Bräuche zelebrierten. So wurden in Westeuropa keltische und germanische Kulte wieder belebt, deren Akteure sich explizit als Neuheiden definierten. Es ist bemerkenswert, dass sie auch Elemente der „natürlichen Magie“ integrierten, die in Renaissance und früher Neuzeit Konjunktur hatten.[1] In der zweiten Hälfte des 20. Jarhunderts vollzog sich in der naturreligiösen Bewegung und ihrem Hexenkult eine Wende: von einem esoterischen Fruchtbarkeitskult, wie ihn Gerald Gardner, der englische Okkultist und Begründer der Hexenreligion Wicca, in den 1950er Jahren entwickelte, hin zu einer umfassenden Naturreligion zur Erhaltung und Rettung der Umwelt.[2] Gegenwärtig ist Wicca eine bedeutende Richtung der modernen Esoterik, die sich implizit oder explizit an traditionelle magische Praktiken anlehnt und bei magnetisch-sympathetischen Kuren der frühen Neuzeit Anleihen macht (Kap. 32). So weist Wicca mit ihrem besonderen Naturbezug „eine Mischung von Animismus und Pantheismus“ auf, ohne sich jemals „aus dem abendländisch geprägten Kontext“ zu entfernen.[3]

Die einschlägigen Schriften haben häufig das Format von Nachschlagewerken und Anleitungen für den alltäglichen Hausgebrauch. So enthält das „Handbuch der Natur- und Elementarmagie“ eines Wicca-Vertreters praktische Ratschläge ohne weiterführende Literaturangaben. Der Leser ist mit einem bunten Sammelsurium traditioneller magischer Rituale konfrontiert. So werden zum Beispiel unter „Meeresmagie“ folgende Ratschläge gegeben: „Wenn du mal eine besondere Muschel finden solltest, dann kannst du aus ihr ein Schutz- oder Glücksamulett herstellen.“ [4] Oder: „Wenn du eine kleinen Stein in das Loch des Hühnergottes steckst, so dass es fest darin verankert ist, und ihn dann ins Meer wirfts, wird die Liebe dich finden.“ [5] Natürlich darf die Magnet-Magie nicht fehlen, die u. a. zur Angstabwehr empfohlen wird: Man soll zu einem Wasser gehen und einen Magneten in der Krafthand halten und alle Angst und Furcht in ihn einfließen lasssen. „Wenn der Magnet schier zu platzen droht vor Energie, wirf ihn ins Wasser. In dem Moment, wo du ihn loslässt, lassen auch all die Energien los, mit denen du deine Angst genährt hast. Du wirst dich besser fühlen. Wenn nötig, wiederhole das Ritual.“[6]

Im Kontext der zeitgenössischen Esoterik wird der Begriff der Magie und insbesondere der Naturmagie inflationär gebraucht. Es gibt abschreckende Beispiele für oberflächliche, falsche und verschwommene Darstellungen, die den Modebegriff ohne jeden historischen oder philosophischen Tiefgang abhandeln.[7] Die Heil(s)versprechen einschlägiger Publikation um 2000 erinnern an diejenigen der Naturheilkunde um 1900, wenngleich die mystische Komponente mit ihrem kosmischen Anspruch im Sinn der Wicca heute wahrscheinlich noch stärker in Erscheinung tritt. Besondere Orte haben eine herausragende Bedeutung, insbesondere Glastonbury, das von englischen Okkultisten als „Herzchakra“ der Erde gepriesen wird, „denn an diesem heiligen Ort wurden in alter Zeit die wichtigsten Einweihungen vollzogen. Jede Manipulation an diesem Ort, im Guten wie auch im Bösen, wirkt sich auf die Gesundheit und das Wohl der Menschheit aus, wirkt auf das Herzchakra jedes Menschen, da wir alle über die Erdenseele miteinander und mit der Erde verbunden sind.“[8] Mineralien und Pflanzen sollen als lebendige Naturdinge empfunden werden, zu denen man geistigen Kontakt aufnehmen könne. Der Ratschlag, wie man kranke Bäume stärken, ihnen „Energie schenken“ könne, erinnert an das Magnetisieren oder Eletkrisieren von Bäumen im Sinne von Mesmerismus oder und „l’électro-culture“ um 1800 (Kap. 28): „Legen Sie Ihre Hände an den Stamm des kranken Baumes, öffnen Sie Ihr Herz, und stellen Sie sich vor, wie grünes heilendes Licht durch Ihre Hände in den Stamm einfließt und sich von dort wohltuend im ganzen Baum verteilt.“[9]

Vivianne Crowley, eine jungianische Psychologin und Hohe Priesterin der Wicca-Religion aus London, publizierte 1989 ihre umfassende und sehr beachtete Studie „Wicca: The Old Religion in the New Age“. In einer populären Kurzdarstellung warb sie in der breiten Öffentlichkeit um Verständnis für die neue Religion: „Hexenkunst ist nicht bloß Magie. Wicca ist eine heidnische Mysterienreligion von Göttin und Gott. Außerdem ist es auch eine Naturreligion.“[10] Sie stellt uns eine weitgespannte synkretische Religion vor: „Die Geschichte des Wicca ist die Geschichte der Naturmagie, heidnischer Mysterienschulen wie der von Ägypten und Eleusis und der keltischen Spiritualität. Wicca greift zurück auf Mystik, Astrologie, Runen, Tarot und heute auch auf Erkenntnisse aus der Psychologie.“[11] Die magischen Methoden erscheinen ebenso synkretistisch zusammengestellt: Visualisierung, Konzentration, Trance, ätherische Energie in den körpereigenen Energiezentren („Chakras“).[12] Selbstverständlich ist für die Magie auch der Mond wichtig: „Der Mond beeinflusst viele Körperrhythmen. […] Bei Vollmond sieht man einfach besser. Außerdem beeinflusst der Mond die außersinnlichen Fähigkeiten. […] auf jeden Fall ist Magie bei Vollmond viel einfacher.“[13] Göttin und Gott sind gleichberechtigt in dieser Lehre, die sich explizit auf C. G. Jungs Psychologie beruft.  So gibt es zum Thema „Magie“ außerhalb der scientific community seit einigen Jahrzehnten eine Flut von mehr oder weniger esoterischen Publikationen. Sie sind zum Teil als populärwissenschaftliche Enzyklopädien aufgemacht.[14] Magie in der Medizin findet natürlich besondere Beachtung.[15] Zwei Richtungen der Magie haben sich angeblich herausgebildet: die „naturmagische“ Richtung mit modernem Hexentum (Wicca-Bewegung) und Neo-Schamanismus sowie die „technocybermagische“ Richtung, die sich in ihrer eigenen Welt „heilige Bilder“ neu schaffe.[16]

Auch auf dem Gebiet der modernen Esoterik gab es Glaubenskonversionen, beispielsweise „von Satan zu Christus“, wie der Titel eines Interviews mit der betagten Okkultistin Ulla von Bernus (Ursula Pia Freiin von Bernus) anzeigt.[17] Sie war die Tochter des Schrifstellers und Alchemisten Alexander von Bernus und mehrfach in ihrem Leben in Skandale verwickelt, die sich um ihre schwarzmagischen Praktiken drehten und sie schließlich in den 1980er Jahren zur „bekanntesten Hexe Deutschlands“ machten.[18] Im besagten Interview berichtete sie von ihrem frühesten Erlebnis mit der weißen Magie, als sie im Alter von fünf Jahren in München Engel in ihrem Zimmer sah: „Die Engel blieben eine ganze Weile, und ich kann mich noch genau entsinnen, wie sie sich immer von links nach rechts bewegten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er auch diese Engel sehe. ‚Ja, natürlich’, sagte er damals zu mir, auch wenn er später gestanden hat, daß er nichts gesehen habe.“[19] Ulla von Bernus, die später Jahrzehnte lang als Hexe schwarzmagisch tätig war, berichtete über ihren Seitenwechsel. Vom Interviewer gefragt: „Bisher war Dein Gott Satan. Ist es jetzt Christus?“ anwortete sie: „Absolut! Es gibt nur die zwei. Das ist aber eine Ansicht, die ich auch schon vorher vertreten habe. Beide stehen sich frontal gegenüber. Das geht auch schon aus der Versuchungsgeschichte des neuen Testaments hervor, als Christus ‚Hebe dich hinweg Satanas’ ausspricht und nicht umsonst 40 Tage vorher gefastet hat, bevor er seinem Kontrahenten gegenübertreten kann.“[20] Die 82-jährige von Bernus sprach sich nun an ihrem Lebensende gegen die schwarzmagischen Praktiken wie „Experimentalmagie“ und „Zwangsmagie“ aus, die sie selbst ausgeübt hatte. Es kommt einem unheimlich vor, dass sie in Rotenburg a. d. Fulda in unmittelbarer Nachbarschaft von Armin Meiwes, dem „Kannibalen von Rotenburg“ gelebt hatte und mit dessen Mutter befreundet gewesen war − allerdings den skandalösen Fall von Kannibalismus nicht mehr erlebte, der sich einige Jahre nach ihrem Tod 1998 ereignete.[21]

Schwarze und weiße Magie lassen sich ebenso wenig trennschaft auseinanderhalten wie heidnische und christliche Naturmagie oder Hexerei und Geistheilung. Je nach Standpunkt kann ihre Bewertung auch ins Gegenteil umschlagen. Rudolf Steiners Anthroposophie bietet hierfür ein prominentes Beispiel, die wegen fragwürdiger Verwicklungen ihres Protagonisten in den Okkultismus heute zum Teil kritisch gesehen wird.[22] Auf die betreffende Kontroverse um Steiner soll hier nicht eingeganen werden. Die von dem Anthroposophen Wolfgang Weirauch herausgegebenen „Flensburger Hefte“ widmen sich diesem Grenzbereich von Magie, Naturphilosophie und Theosophie. Wer Steiners Definition von schwarzer Magie studiere, werde erkennen, so Weirauch, „daß es damit noch nicht sein Bewenden hat. Viele menschliche Eigenschaften, die wir heute schon fast als normal bezeichnen, muß man dann nämlich zum schwarzmagischen Umfeld rechnen: Hypnose, jede Beeinflussung bzw. jeder Eingriff in die Willenssphäre anderer Menschen, letzlich sogar den egoistischen Genuß auf Kosten anderer.“[23] Demgegenüber ziele die weiße Magie auf die „Vergeistigung der Erde“. Es gehe um die „Erlösung der Elementarwesen, […] indem man das Geistige hereinruft“ und dabei „immer um die Christuskräfte, die sich bereits mit der Erde verbunden haben“.[24] Ähnlich wie Wicca ist auch Steiners Anthroposophie soszusagen auf dem Mist der europäischen Ideengeschichte gewachsen. Hierzu gehören auch Spekulationen über Natur- oder Elementargeister, die neuerdings durch die isländische „Elfenbeauftragte“ Erla Stefánsdóttir auch in Deutschland öffentliche Aufmerksamkeit erregten.[25] Das einzig Überraschende ist die Tatsache, dass anachronistische Elemente unserer eigenen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte heute als sensationelle Neuheiten erscheinen und als solche verkauft werden können.


[1] Greenwood, 2005, S. x. [2] A. a. O., S. 23. [3] K. Fischer, S. 231. [4] Cunningham, 2004, S. 161. [5] A. a. O., s. 163. [6] A. a. O., S. 87. [7] Suhr / Seifert, 2009. [8] Hodapp / Rinkenbach, 2001, S. 25. [9] A. a. O., S. 115. [10] Crowley, 2001, S. 3. [11] A. a. O., S. 7. [12] A. a. O., s. 50 f. [13] A. a. O., s. 57. [14] Suhr / Seifert, 2009. [15] Silva, 1975. [16] Suhr / Seifert, 2009, S. 62 f.; Drury, 2003. [17] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 6-27. [18] http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Pia_von_Bernus (28.02.2012). [19] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 7. [20] A. a. O., s. 16. [21] http://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Meiwes (16.06.2012). [22] Zander, 2001, 2011. [23] Schwarze und weiße Magie, 1995, S. 5. [Editorial]. [24] A. a. O., S. 174. [25] Stefánsdóttir, 2011.