26. Kap./3 * Somnambule Offenbarungen

Bis heute gehen die Meinungen über den Gesundheits- bzw. Krankheitszustand der „Seherin von Prevorst“ auseinander. Diesbezügliche „Diagnosen“, die in erster Linie von Psychiatern stammen, las­sen sich in drei Gruppen aufteilen: (1) Neurose bzw. Hysterie: So sprach der eine von einer „neurotischen Entwicklung mit Auftreten von schweren hysteri­schen Symptomen und Dämmerzuständen“.[1] Für den anderen war die Seherin „schwer hysterisch“.[2] (2) Geisteskrankheit bzw. Wahnsinn: In der ersten und bislang umfang­reichsten psychiatrischen Beurteilung der Seherin von Prevorst durch Ernst Albert Zeller wurde diese als „somnambule Wahnsinnige“ bezeichnet.[3] Denn: „Eine ganze fixe Ideenwelt ist nur im Gehirne eines Wahnsinnigen.“[4]Die heutige Diagnose wäre vermutlich „Schizophrenie“. (3) Mediale Veranlagung: In dieser Sicht erschien die Sehergabe der Friederike Hauffe nicht als Krankheitssymptom, sondern als paranor­male Fähigkeit eines überragenden „Mediums“. Diese Auffassung vertrat der Psychiater Joachim Bodamer: Es sei zu zeigen, „daß Friederike Hauffe weder eine phantastische Schwindlerin, noch eine Hysterikerin oder Neurotikerin, am wenigsten eine Schizophrene gewesen sein kann, wohl aber eine mit paranormalen Eigenschaften hochbegabte, einzigartige mediale Gestalt, deren Deutung allein einer wissenschaftli­chen Parapsychologie zusteht.“[5]Als Sonderfall sei noch die Vermutung erwähnt, die Seherin habe an einem Lymphom oder einer Leukämie gelitten.[6]

Die Tiefenpsychologie bzw. Psychoanalyse haben sich nur vereinzelt und recht bruchstückhaft mit der „Seherin“ befaßt. Während sich Freud gänzlich über Kerner ausschwieg, setzte sich C. G. Jung bereits in seiner Dissertation bei Eugen Bleuler intensiv mit den Phänomenen des Somnambulismus auseinander, und erwähnte auch mehrfach die Kerners „Seherin von Prevorst“, ohne jedoch tiefer in die Krankengeschichte einzudringen.[7] Auch in späterer Zeit äußerte er sich mit Respekt über den „ver­dienstvollen Justinus Kerner und seine Seherin von Prevorst“.[8] Einzig der Psychoanalytiker Herbert Silberer ging näher auf die Welt der Seherin ein und interpre­tierte sie als ein Beispiel für eine „seherische Entrückung“, „die bildlich empfunden werden und somit Gegenstand einer funktionalen Schwel­lensymbolik werden kann“.[9] Er deutete die von der Seherin gezeichne­ten Kreise als halluzinatorisch erlebte Symbole, ohne näher auf die Krankengeschichte einzugehen. Eine Auseinandersetzung der Psycho­analyse mit dieser Geschichte steht meines Wissens nach wie vor aus und auch die pathographische Studie des niederländischen Hermetismus-Forschers Wouter Hanegraaff blieb letztlich im Referieren von Kerners Krankengeschichte stecken.[10]

Der „Nervenstimmer“ war als Produkt der somnambulen Offenbarung ein Apparat zur Selbstbehandlung. Im Folgenden wollen wir weitere Phänomene herausstellen, die um das Problem der Arzt-Patien­ten-Beziehung kreisen. Insbesondere interessieren hier die Vorstellun­gen von einer Selbstheilungskraft im Organismus, die selbsttherapeuti­schen Praktiken und die Heilversuche an anderen. Das „magnetische Leben“ der Seherin wurde von Kerner als ein gegenläufiger Prozeß charakterisiert: einerseits als ein „Zurückziehen ins Innere“, andererseits als eine Entbindung des „Nervengeistes“ im „äußeren Nervensystem“. Je tiefer die Somnambule ins Innere ihrer „magnetischen Kreise“ vordrang, so Kerner, umso stärker verband sich ihr „Nervengeist“ mit der gesamten Natur, der Körper- und der Geisterwelt. Diese gegenläufige Exkursionsbewegung läßt sich an folgenden Zitaten ablesen: Zum einen werde im magnetischen Leben „der Nervengeist leicht entbunden, und alle Eigenschaften und Kräfte, die in den Natursubstanzen liegen und dem im wachen Leben gebundenen Nervengeiste unfühlbar bleiben, werden nun dem frei gewordenen Nervengeiste im Augenblick offenbar und bringen Erschütterungen im Nervensystem hervor, die den ihnen innewohnenden Eigenschaften entsprechen.“[11] Zum anderen: „Schleier und Scheidewand, die im gewöhnlichen Leben zwischen uns und der Welt der Geister stehen, sind jenem [magnetischen Men­schen] schon mehr oder weniger niedergefallen, die Isolierung ist mehr oder weniger aufgehoben. […] Und so siehst du [der Leser] den magnetischen Menschen, während er noch immer an den Körper und somit an die Welt der Sinne gebunden ist, mit verlängerten Fühlsfäden hinaus in eine Welt der Geister ragen und von dieser dir ein Zeuge sein.“[12]

Das „Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere“, wie der der zweite Band der „Seherin von Prevorst“ im Untertitel anzeigt, wurde zum Stein des Anstoßes, während die Dimension der sympathetischen Wechselwirkung mit der inneren und äußeren Natur, wie sie im ersten Band dargelegt wurde, sogar von einem vehementen Kritiker wie dem Psychiater Ernst Albert Zeller anerkannt worden war.[13] Wie systematisch Kerner selbst diese beiden Dimensionen auseinander­hielt, dokumentiert die entsprechende Aufteilung der Krankenge­schichte in zwei Bände.

Alle Heilungsvorgänge wurden von der soeben skizzierten gegenläufigen Bewegung abgeleitet, wobei es in der Tat schwerfällt, eine Grenze zwischen Kerners Aussagen und denen der Seherin zu ziehen.[14] Im Kapitel „Krankheit und Heilbestrebungen im Innern“ wurde die Selbstheilungs­tendenz der Kranken hervorgehoben: der „innere Arzt“, der aus der Seherin spricht, das „Bestreben der Naturheilkraft“. Die Erklärung ihrer Krankheit erinnert an Reils Lehre von der „Lebenskraft“: Durch das Zurückziehen ins Innere „mußte sich aber nothwendig eine Unord­nung im Nervensysteme erzeugen und eine Armuth an organischer Kraft, welche Kraft sich durch stärkern Verbrauch im Gefühlsleben verminderte, was nun die eigentliche Krankheit der Frau H. war.“[15] Alle Heilversuche dieser Kranken, so Kerner, zielten darauf ab, „Binde­mittel des so lose gewordenen Nervengeistes“ zu finden und Lebens­stoff aus den Dingen an sich zu ziehen. Dieser Vorgang erinnert uns an Vampiris­mus, der in Anlehnung an Reichenbachs Lehre vom „Od“ (Kap. 28), die in der Mitte des 19. Jahrhunderts Aufsehen erregte, gelegentlich auch „Od-Vampirismus“ genannt wurde (siehe unten). So bemerkte Kerner in diesem Kontext: „Hauptsächlich sog sie [den ‚Nervengeist’] aus Augen und Fingerspitzen anderer stärkerer Menschen, von diesen oft nicht gefühlt, auch oft sehr gefühlt, ein Pabulum vitae [Lebensmittel] in sich. Gleiches erhielt sie durch magnetisches Einwirken, Handauflegen, wirkliches Magnetisieren u.s.w.“ In launigen Bemerkungen erinnerte sich Jahrzehnte später Sohn Theobald an die Seherin, die er als Junge im Auftrag seines Vaters mitzubetreuen hatte: „Ich mußte mich ruhig an ihr Bett setzen, sie ergriff fest meine Hand, und ich mußte unbewegt ausharren, bis sie das [vom Vater] mir anvertraute Fluidum aufgesogen hatte, ihre Augen sich schlossen, ihre Hände sich lockerten; dann stand ich leise auf, schlüpfte zur Tür hinaus und ließ mich womöglich den ganzen Tag nicht mehr bei der an meiner Nervenkraft saugenden Spinne sehen.”[16]

Der deutsche Okkultist und Erforscher der Runen-Magie Karl Spiesberger, der die esoterischen und magischen Momente in der “Seherin von Prevorst” analysierte, sah in der geheimwissenschaftlichen Literatur Hinweise auf “sogenannte Od-Vampire”, also Menschen, die “ihrer Umwelt systematisch Od entziehen. So ein ‘Od-Vampir’ – freilich nicht in vorgenanntem, schwarzmagischen Sinne – war auch unsere Seherin. ” [17] Um ihren „Nervengeist“ fester an die Nerven zu binden und diese neu aufzuladen, habe sie kräftigen, „ihr sympathisch gesinnten Menschen odische Fluidalstoffe“ entzogen, insbesondere aus Augen und Fingerspitzen, durchaus fühlbar für Betroffene wie den jungen Theobald Kerner. Spiesberger merkte hierzu an, dass es „genug analoge Fälle in unserer Zeit“ gebe und verwies auf einen „Beweis“ aus seinem „Forschungszirkel“: „Eine Sensitive, von Beruf Masseurin, fühlte sich abend völlig entkräftet. In meiner Nähe sitzend, merkte sie, wie ihr regelmäßig Kraft zuströmte.“ Spiesberger meinte, diesen „unbeabsichtigen Od-Vampirismus“ experimentell nachgewiesen zu haben. Als er nämlich einmal eine „stark Sensitive“ magnetisierte und die besagte „Masseurin“ neben ihm saß, habe Erstere keine magnetische Einwirkung verspürt. Seine Erklärung war einfach: „Mein od-magnetisches Fluid strömte auf die mich vampirisierende Sitznachbarin über […]. Ich bat sie zur Seite zu gehen – und sofort empfanden wir – die Behandelte und ich – das Überfließen des magnetischen Stromes.“[18] Nahm sie ihren alten Platz ein, wiederholte sich das Spiel. Auch die seit den 1920er Jahren berühmt gewordene Stigmatisierte „Therese von Konnersreuth“ wurde von Spiesberger den „Odvampiren“ zugeordnet, deren jahrelange angebliche Nahrungslosigkeit von manchen mit „dieser fludialen Kraftzufuhr aus dem Organismus der Besucher“ erklärt worden sei.

Im Grunde lief das Magnetisieren der Seherin durch Justinus Kerner und seine Familienangehörigen auf ein Selbstmagnetisieren hinaus, denn diese verordnete sich in der Regel selbst Art, Umfang und Zeitpunkt der „magnetischen Manipulationen“.[19] Später wurde sie so magnetisiert, wie es ihr „Schutzgeist“ vorexerziert hatte. Die Botschaft der verstorbenen Großmutter lautete dabei: „Also wie du hier magnetisiert wurdest, soll dich dein Arzt ferner magnetisieren.“[20]Wenn nun die Seherin angab, sie fühle im magnetischen Zustand ein „Denken auf der Herzgrube“, „als schlafe ihr Gehirn ein“, so lehnte sie sich auch hier an die medizinisch verbreitete Vorstellung von einer Polarität zwischen Gehirn und „Herzgrube“ – Cerebral- und Gangliensystem – an.[21] Das Selbstheilungsbestre­ben zielte wie Mesmers Kur darauf ab, durch heftige Krämpfe eine „wohlthätige Krise“ auszulösen.[22] Das „Hauptbestreben des Innern“ wurde von der Seherin auf die angestrebte Krise hingelenkt, indem sie sich selbst durch den „Nervenstimmer“ magnetisierte, um den richtigen „Rhythmus“ in den magne­tischen Krämpfen zu erreichen. Im Allgemeinen wurden diese durch Handauflegen von Kerner oder dessen Frau, manchmal aber auch von Sohn Theobald, in ihrer Abwesenheit ersatzweise durch ein „magnetisirtes Tuch oder durch magnetisirten Schwamm“ gestillt, oder auch durch einen „Ton mit einer Mundharmo­nika“ (Maultrommel).[23]

Die angegriffene Gesundheit der Friederike Hauffe habe nur wenige Heilversuche an anderen zugelassen, bemerkte Kerner. Wie die Erfahrung gelehrt habe, seien die Heilmittel der Seherin auf einen „gleichen somnambulen Zustand“ berechnet gewesen: „Nur in solchen Zustän­den des entbundenen Nervengeistes, im magnetischen Leben, kann das einfachste Mittel die ihm eingepflanzte Eigenschaft äußern und Wun­der wirken.“ „Fester Glaube“ sei dafür Bedingung.[24] Im Schlafwachen „erfühlte“ die Seherin nun bestimmte Heilmittel, insbesondere das Johanniskraut, die sie als Amulett oder Aufguss sich selbst verordnete oder anderen Kranken empfahl. So konnte sie angeblich einen jungen Mann, „der zur Melancholie geneigt war“, mit Johannis­kraut heilen. Gewöhnlich aber benutzte sie bei ihren Amuletten das geschriebene Wort, „hauptsächlich in ihrer Sprache des Innern.“[25] Dabei gebrauchte sie bestimmte Formeln in ihrer „inneren Schrift“. Die medi­zinische Annahme einer Polarität zwischen Gehirn und „Herzgrube“ (Cerebral- und Gangliensystem) schlug sich auch in der Anwendungs­form dieser Amulette nieder. Ging die Krankheit vom Gehirn und Rückenmark aus, ließ die Seherin das Amulett auf dem Rücken, ging sie „mehr vom sympathischen Systeme“ aus, ließ sie es auf der „Herz­grube“ (Oberbauch) anbringen.[26]

Darüberhinaus konnte die Seherin die Krankheitsgefühle anderer Menschen mitfühlen, also am eigenen Leibe eine intuitive Diagnose bei anderen stellen: „Das Physische ging auf ihren Leib, das Psychische auf ihre Seele über.“ Auch diese Fähigkeit wurde auf den „so lose geworde­nen Nervengeist“ der Seherin zurückgeführt.[27] So berührte sie angeblich den Unterleib einer Frau, die – ohne Wissen der Seherin – an einem Bandwurm litt. Sie fühlte dann „von ihrer Hand aus durch den Arm in den Magen und von da in den Bauch eine sonderbare […] widrige Empfindung strömen“.[28] Das größte Aufsehen erregte jedoch die Fernheilung der Gräfin von Maldeghem, die der Psychoanalytiker Herbert Silberer als „Energiekur“ im Sinne einer gelungenen analytischen Psychotherapie bezeichnete.[29] Diese von Kerner mitgeteilte Heilung soll etwas genauer beleuchtet werden.

Am 28. März 1828 kam der Ehemann der kranken Gräfin zum ersten Male zu Kerner und überbrachte ihm die vom behandelnden Arzt aufgezeichnete Kranken­geschichte seiner Frau. Dieser Bericht wurde dann durch die mündli­chen Mitteilungen des Grafen ergänzt. Der Gemütszustand der Gräfin wurde als ein wachendes Traumleben“ beschrieben, das um drei „fixe Ideen“ kreise: (a) Zweifel an der Persönlichkeit ihres Mannes und ihrer Kinder, die ihr nur als Abbilder der Wirklichkeit erschienen; (b) Erwar­tung und „heiße Sehnsucht“ nach einer Umwandlung ihres Wesens mit Hilfe ihres Mannes; und (c) Erwartung einer überirdischen Erscheinung, durch welche diese „Verwandlung“ bewirkt werden könne.[30] Für Kerner schien das Leiden der Gräfin „zwischen magnetischem Traumzustand und Manie zu stehen“, die Seherin glaubte ihrerseits die Gräfin „mehr in einem regellosen magnetischen Zustand als in wirkli­chem Wahnsinn befangen“.[31] Sie verordnete ihr täglich ein Amulett mit dreimal drei Lorbeerblättern, dreimal drei Eßlöffel „Johannisthee“ und dreimaliges Magnetisieren durch den Grafen. Insgesamt sollte die Behandlung neun Tage dauern. Der Graf sollte erstmals um neun Uhr morgens magnetisieren: „Um dieselbe Minute, wo du ihr die Hände auflegst, schlafe ich hier ein […] – ich bete für sie.“ Am sechsten Tage der Behandlung sah die Seherin einen Lichtstrahl und spürte, daß eine Veränderung mit der Kranken vorgegangen sein müsse.

Später stellte sich heraus, daß die weit entfernt wohnende Gräfin zum selben Zeitpunkt „aufs Innigste“ an die Seherin habe denken müssen und von da an „wie gezwungen“ gewesen sei, „dem Grafen zu sagen, was sie eigentlich in diesen Zustand gebracht, was sie noch keiner Seele gesagt und was auch dem Grafen unbekannt war“.[32] Wir erfahren ihr Geheimnis nicht, aber nach ihrer Beichte kehrte sie allmäh­lich aus ihrer Traumwelt in die Wirklichkeit zurück. Sie besuchte häufig die Seherin in Weinsberg und wurde von dieser gleichsam nachbehan­delt. Die Seherin betete mit der Gräfin sieben Tage lang, während ihre weiteren Verordnungen (Magnetisieren, Amulett, Tee) pünktlich befolgt wurden. Schließlich war „auch die letzte Wolke in ihr“ ver­schwunden, und die Gräfin war völlig genesen: „wie durch einen Zauberschlag“.[33]

In dieser Episode können wir alle Elemente der somnambulen „Heil­kunde“ auffinden, die man heute als „mediales“ oder „geistiges Heilen“ bezeichnen würde: das intuitive Erfassen der Krankheit (Diagnose), die somnambule Verordnung (die Anweisung des „inneren Arztes“), die sympathetische Fernwirkung (Fernheilung) und die unmittelbare Kur im Sinne einer „Geistheilung“ durch gemeinsame Gebete und be­stimmte Manipulationen. Als psychotherapeutische Momente sind hier der Zwang zur kathartischen Aussprache der Gräfin und das Ertragenler­nen peinlicher Gedanken, als paramedizinische Momente die Fernheilung und die magnetische Kur, und als religiöse Momente das Beten und die Glaubensstärkung zu nennen. Die Vorstellung einer sympathetischen Ein­wirkung durch bestimmte Gegenstände (z. B. Amulette) oder durch das gesprochene oder gedachte Wort (z. B. Gebete), insbesondere über eine größere Entfernung hinweg, war schon zu Kerners Zeit recht umstrit­ten und wurde zunächst von der naturwissenschaftlichen Medizin, später aber auch von der aufkommenden medizinischen Psychologie und Psychotherapie abgelehnt. Im Kontext von New Age und „Alternativmedizin“ im ausgehenden 20. Jahrhundert wurde das Interesse an „Geistheilung“ (spiritual healing) bzw. „Fernheilung“ (distant healing) erneut geweckt, insbesondere durch das Autreteten charismatischer Heiler wie Harry Edwards in England.[34] Die „Seherin von Prevorst“ wurde 1845 ins Englische übersetzt und faszinierte natürlich Spiritisten im angelsächsischen Sprachraum – offenbar bis in unsere Zeit.[35] Erst kürzlich widmete ihr ein US-amerikanischer Spiritismusforscher eine Monographie. [36] Er stellte die Person der „Seherin“ als leuchtendes Beispiel für die Offenbarungen von spiritistischen Medien dar und ordnete sie als positiven Meilenstein in die Geschichte des Spiritismus und Okkultismus ein. Ein gewisser Martin W. Stuart, ehemaliger Professor für Musikwissenschaft am Grossmont College, San Diego, pries dieses Buch sogar auf der Schmutztitelseite als „a spiritual eye-opener to many, many people“. Es ist allerdings fraglich, ob man daraus schon auf eine Renaissance der „Seherin von Prevorst“ in den USA schließen kann.


[1] Glaus, 1957, S. 87. [2] Baerwald, 1925, S. 29. [3] E. A. Zeller, 1830, S. 159. [4] A. a. O., S. 155. [5] Bodamer, 1958, S. 17 f. [6] Brugsch, 1964, S. 730. [7] Jung [1902], 1971. S. 30, 38 f. 49. [8] Jung [1921/1950], 1960, S. 591 f. [9] Zit. n. Schott, 1986 [b], S. 89; Silberer,  1912, S. 653. [10] Hanegraaff, 1999/2000. [11] J. Kerner [1829], 1974, 4. Teil, S. 63. [12] J. Kerner [1829], 1974, 5. Teil, S. 16. [13] E. A. Zeller, 1830. [14] Jennings, 1966, S. 81. [15] Kerner, 1829, 1. Theil, S. 181. [16] T. Kerner, 1894, S. 94. [17] Spiesberger, 1953, S. 64. [18] A. a. O., S. 65. [19] J. Kerner, 1829, 1. Theil, S. 181. [20] J. Kerner [1829], 1974, 4. Teil,  S. 122. [21] J. Kerner, 1829, 1. Theil, S. 182 f. [22] Mesmer, 1814, S. 119. [23] J. Kerner, 1829, 1. Theil, S. 186. [24] A. a. O., S. 193 f. [25] A. a. O., S. 177 f. [26] A. a. O., S. 180. [27] A. a. O., S. 195. [28] A. a. O., S. 196. [29] Silberer, 1911. [30] J. Kerner, 1829, 1. Theil, S. 199. [31] A. a. O., S. 201 f. [32] A. a. O., S. 203 f. [33] A. a. O., S. 207. [34]  Edwards, 1960. [35] J. Kerner [1829], 1845. [36] DeSalvo, 2008.

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26. Kap./2 * Die „Seherin von Prevorst“

Vor allem die „Seherin von Prevorst“, die herausragende zweibändige Dokumentation einer Krankengeschichte, trug Kerner den Ruf des Okkultisten ein.[1] Dieses Buch zeige, wie es ein Medizinhistori­ker recht salopp und irreführend formulierte, Kerners „konsequente Weiterentwicklung vom Magnetisten zum Spiritisten“.[2] Aber worin besteht der Unterschied zwi­schen einem „Magnetisten“ und einem „Spiritisten“? Genauer gefragt: Worin unterschied sich Kerner als Mesmer-Anhänger und praktizie­render Magnetiseur vom Beobachter und Schilderer somnambuler „Eröffnungen“ und Erscheinungen der „Geisterwelt“? Zunächst müssen wir feststellen, daß beide Funktionen in der Tradition des Mesmerismus wurzelten, die zum Zeitpunkt der Krankenbehandlung der Seherin immerhin schon ein halbes Jahrhundert alt war. Denn Magnetisieren, Übertragen der fluidalen Kraft durch die „Manipulation“ des Arztes einerseits und intensives Wahrnehmen des eigenen Leibes und Fühlen in die Ferne bis hin zur Geisterwelt andererseits waren nur zwei Seiten ein und derselben Medaille. Unter dem Einfluss von pietistischer Erweckungsbewegung und romantischen Naturphilosohie wurde um 1800 die Geisterwelt zu einem viel beachteten Thema. Man interessierte sich vor allem für eine mögliche Kommunikation mit den Geistern Verstorbener und antizipierte ein Stück weit den Spiritismus, freilich ohne dessen naturwissenschaftliches Glaubensbekenntnis, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich werden sollte. So veröffentlichte der Augenarzt und pietistische Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling ab 1795 „Scenen aus dem Geisterreiche“ in mehreren Bänden und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling verfasste als Reaktion auf den frühen Tod seiner Frau Caroline im Jahr 1809 die dialogische Schrift „Clara. Oder Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt“.[3]

Bei Mesmer überwog der erstere (aktive) Aspekt: die Applikation des Magnetismus als Naturheilmittel, die Geisterwelt war ihm eher fremd und suspekt. Bei Kerner überwog im Hinblick auf die „Seherin“ der letztere (passive) Aspekt: die Exploration der somnam­bulen Patientin, die Erforschung der „Nachtseite“ des Seelenlebens. Mesmer konnte sich mit mechanistisch-physikalistischen Begriffen und Modellen begnügen, da es ihm in seinem Selbstverständnis auf die objektive Begründung des „thierischen Magnetismus“ als einer wissen­schaftlich begründeten Medizin ankam. Die Patienten hatten die Rolle der Emp­fänger der magnetischen Heilkraft zu spielen, ihre jeweiligen Wahrnehmungen und Äußerungen erschienen Mesmer und seinen frühen Anhängern nebensäch­lich. Bei Kerner und seinen romantischen Kollegen rückte dagegen der „Somnambulismus“ in den Mittelpunkt des Interesses: die Mitteilungen und Eröffnungen der „Somnambulen“, ihr subjektives Erleben. So spielte die kranke Seherin Friederike Hauffe die aktive Rolle: Sie sah, sprach, roch, fühlte, zeichnete, schrieb. Der Arzt dagegen übernahm die Rolle des teilnehmenden Beobachters und Protokollanten. Sicherlich war Kerner auch weiterhin als „manipulierender“ Arzt, als Magnetiseur, tätig. Aber er tat dies um der subjektiven Mitteilungen der Patientin willen – einerseits, um diese überhaupt hervorzulocken, andererseits, um den gegebenen Anweisungen seiner Patientin Folge zu leisten zu können. Entscheidend war, daß auch in dieser Form des Umgangs die Lehre des „thierischen Magnetis­mus“ verbindlich blieb und als objektive Leitlinie Denken und Handeln der Hauptakteure bestimmte: nicht nur die Verhaltensweisen von Ker­ner, sondern, wie wir noch am Beispiel des „Nervenstimmers“ sehen werden, auch die seiner Patientin

Dieser Wechsel in der Blickrichtung der mesmeristischen Ärzte ging einher mit einem Wandel ihrer therapeutischen Zielsetzung. Dies läßt sich an der Gegen­überstellung zweier berühmter Fallgeschichten illustrieren: Mesmers Behandlung der „Jungfer Paradis“ im Jahre 1777 und Kerners Behand­lung der Friederike Hauffe, der „Seherin von Prevorst“, von 1825 bis 1828. Zunächst fällt eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Zum Zeitpunkt der Behandlung waren beide Patientinnen etwa gleich alt (zwischen 25 und 30 Jahre), ebenso ihre Ärzte (um 40 Jahre). Damit war eine in der Geschichte der Psychotherapie typische Konstellation erreicht: der Arzt im mittleren Lebensalter behandelte eine deutlich jüngere Patientin. Beide Behandlungen fanden über einen längeren Zeitraum im häuslichen Milieu der Ärzte statt, inmitten ihres Familienlebens. In beiden Fällen kam es zu einer öffentlichen Kontroverse, allerdings mit unterschiedlichem Ausgang; Mesmer verließ als skandalumwitterte Gestalt Wien und wurde dann in Paris weltberühmt; Kerner blieb seinem Heimatort Weinsberg treu, wurde als der Autor der „Seherin von Prevorst“ sehr bekannt und war bis zu seinem Lebensende eine allseits respektierte Persönlichkeit.

Doch die epochalen Unterschiede zwischen beiden Fallgeschichten springen sofort ins Auge, wenn wir das therapeutische Vorgehen der beiden Ärzte miteinander vergleichen. Als Mesmer die blinde Pianistin Paradis im Jahre 1777 mit seinem „thierischen Magnetismus“ behandelte, war sein Ziel, die Patientin wieder sehend zu machen. Aus der Fallbe­schreibung geht hervor, dass Mesmer seine Patientin umfassend behan­delte: durch Magnetisieren, durch konsequente Schulung des Sehens und überhaupt durch eine liebevolle Auseinanderssetzung mit ihrer wechselhaften Krankheitssymptomen.[4] Die Patientin sollte das sehen lernen, was er, Mesmer, selber sah, und sollte die sichtbaren Dinge genau so benennen, wie die Normalsichtigen sie benannten. Mesmer verhielt sich hier durchaus nach dem Verhaltensmuster der Medizin der Aufklärung, welche ja die Kranken in erster Linie umerzie­hen wollte. Auf die Schwierigkeiten der Interpretation dieser berühmten Krankengeschichte sei hier nur hingewiesen, sowohl was die Diagnose der Blindheit als auch was deren Behandlung durch Mesmer betrifft, die als „der misslungene Versuch einer Heilung“ gewertet wurde.[5] Hierin den „Abbruch einer Psychotherapie“ zu vermuten, liegt aus heutiger Sicht nahe.[6] Vor kurz­schlüssigen Erklärungen ist jedoch zu warnen, etwa vor der kaum beweisbaren Formel, es habe sich hierbei „nur“ um „hysterische Blindheit“ gehandelt, die „suggestiv“ behoben worden sei. Der kürzlich erschienene Mesmer-Roman der deutschen Schriftstellerin und Malerin Alissa Walser „Am Anfang war die Nacht Musik“ widersteht einer solchen Versuchung kurzschlüssiger Deutung.[7] Obwohl oder gerade weil die Autorin Mesmeres Verhältnis zur blinden Maria Theresia zum ausschließlichen Gegenstand ihres Romans machte, gelang es ihr meisterhaft, das Erleben des magnetischen Fluidums auf sensible Art vorstellbar zu machen. Ihre Darstellung hebt sich positiv von manch anderem grobschlächtigen Mesmerbild in der Literatur ab, wie etwa dem des schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist.[8]

Die „Heilung der Blinden“ spielte in der Geschichte der religiösen Wunderheilungen eine bedeutende Rolle. Auch im Mesmerismus war häufiger davon die Rede: von Mesmer selbst, der außer der „Jungfer Paradis“ weitere Blinde „geheilt“ haben soll,[9]  bis hin zu Justinus Kerners Sohn Theobald, der „durch animalischen Magnetismus u. durch elektroma­gnetische Einflüsse […] Blinde und Schwerhörende durch manche gelungene Einwirkungen besserte u. auch völlig herstellte.“[10]Als Justinus Kerner fünfzig Jahre nach Mesmers Kur der Maria Theresia Paradis die „Seherin“ behandelte, lebte er in einer anderen Epoche. Mesmers „thierischer Magnetismus“ war inzwischen längst zum „Somnambulismus“ psychologisch verfeinert und in die romantische Naturphilosophie eingepasst worden. Wichtiger als die ärztliche Manipulation wurde nun das subjektive Erleben der „Somnambulen“ selbst: Ihre Wahrnehmungen und Mittei­lungen standen nun im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, und die ärztliche Behandlung sollte jene aktivieren. Der Normalmensch schien den Romantikern blind für die „Nachtseite“. Er war auf die Hilfe von „Seherinnen“ angewiesen, um in die tiefsten und höchsten Geheim­nisse der menschlichen Natur eingeweiht zu werden. So sollten die „Eröffnungen“ der Friederike Hauffe den Mitmenschen die Augen öffnen. Dieser Auftrag entsprang vielleicht mehr dem Wunsche Kerners und seiner Freunde als dem der Kranken. Während es bei Mesmer noch um eine harmonische Einstimmung des einzelnen in diese Welt ging, richtete sich Kerners Interesse auf ein Jenseits, wie es sich im Som­nambulismus zu offenbaren schien.

Mesmer als Arzt der „Jungfer Paradis“ war Heiler und Erzieher, der seiner Patientin beibringen wollte, sehend zu werden und selbständig leben zu lernen. Kerner als Arzt der Seherin war Protokollant, der den Äußerungen der Kranken wie Offenbarungen lauschte. Heilen könne er sie ohnehin nicht, wie er immer wieder betonte. Nirgends manifestierte sich das physikalistisch-apparative Denken Mesmers so eindrucksvoll wie beim „baquet magnetique“, dem magnetischen Kübel oder „Gesund­heitszuber“. In diesem Apparat der Heilung nahm die Idee des „Fluidums“ als einer kosmisch-physikalischen Kraft handgreifliche For­men an. Der „Nervenstimmer“ der Seherin, der heute im Kernerhaus in Weinsberg ausgestellt wird, stellt einen solchen baquet dar. Bis heute wird dieser Apparat als ein Kuriosum aufgefasst, dem allenfalls noch anekdotische Bedeutung zukommt. So wurde in der Neuausgabe der „Seherin von Prevorst“ von 1958 das Kapitel über den „Nervenstimmer“ mit den entsprechenden Zeichnungen ohne Hin­weis ausgelassen. Als Herausgeber erklärte der Psychiater Joachim Bodamer in seinem Vorwort: „Die vorliegende Neubearbeitung hatte zum Ziel, die Geschichte der ,Seherin‘ von allen [!] zeitbedingten Über­lagerungen und Spekulationen zu befreien, um so die beobachteten Tatsachen rein zur Darstellung kommen zu lassen.“30 Diese „Reini­gung“ bedeutete das Ausblenden gerade jener „Spekulationen“, die für Kerners naturphilosophischen Ansatz überaus aufschlussreich waren.

Der „Nervenstimmer“, den Kerner nach den Angaben von Friederike Hauffe baute, entsprach der Tradition der magnetischen Kur, bei der zur Verstärkung der magnetischen Heilkraft auch Apparate, so genannte baquets, eingesetzt wurden – zunächst von Mesmer in Paris (ab 1778) und später von ärztlichen Magnetiseuren wie Karl Christian Wolfart und Dietrich Georg Kieser in Deutschland (Kap. 28). Solche Apparate tauchten in den verschiedensten Modellen auf, unter denen der „Nervenstimmer“ nur eines von vielen darstellte, also keinesfalls als singuläres Phantasieprodukt einer Gei­steskranken aufzufassen ist. Er war Resultat einer langjährigen Bekanntschaft der „Seherin“ mit der Welt des „thieri­schen Magnetismus“. Schon beim Ausbruch ihrer Krankheit im Jahre 1822 zeigte sie eine Vorliebe für das Magnetisieren, nachdem ihre Ärzte es vergeblich mit Aderlaß, Blutegeln und Homöopathie versucht hatten, ihre Leiden zu lindern.[11] Nach­dem ein „nur von ihr gesehener Geist“ sie sieben Abende lang um sieben Uhr magnetisiert hätte, gab sie an; „daß sie durch Magnetisieren zu erhalten sei“.[12] In jener Zeit erschien ihr im Traume ihre verstorbene Großmutter als „Schutzgeist“. Im Traume sah sie dann eine „Maschine“als „Bedingung ihres Gesundwerdens“. Schon damals habe sie diese Vision aufs Papier gezeichnet, ohne sie allerdings in die Wirklichkeit umzusetzen.

„Als nach den starken Rückfällen der Frau H. nach dem Tode ihres Vaters [am 2. Mai 1828] auch die gelindeste magnetische Manipulation zu reizend einwirkte, glaubte man, es werde die Wirkung eines magne­tischen Baquetes [sic] für ihr Nervensystem am passendsten sein“, notierte Kerner.[13] Um diese Wirkung möglichst abzumildern, wurde – ohne Eisenbestandteile – ein Holzgestell mit Behältern für eine „vegetabilische Füllung“ (Kamillen und Malven) angefertigt, wie die Seherin sie sich „im Schlafe“ verordnet hatte. Als auch die Wirkung dieses Apparates sich als zu stark erwies und die Seherin ermattete, trat in einem Träume „ihre Führerin [der Geist ihrer Großmutter] zu ihr und hielt ihr an einem ledernen Bande eine Maschine vor, während sie sprach: „Warum ließest du dieses nicht schon vor sechs Jahren machen, jetzt wärest du gesund?!“[14] Am nächsten Morgen zeichnete die Seherin den Bauplan des Apparats auf, den Kerner in seinem Buch abbildete (Abb. [i]) Die Anwendungsmethode laut Bildlegende implizierte jene selbst­hypnotisch wirkende Augenfixation, wie sie zwanzig Jahre später von James Braid beschrieben wurde.[15] Das starre Blicken auf die Spitze des Drei­ecks entsprach der Einleitung der Hypnose durch „Monoideismus“ (Braid), das Auflegen des Leiters mit der linken Hand auf bestimmte Körperregionen der therapeutischen Manipulation in der Hypnose à la Braid. Doch wir dürfen die medizingeschichtlichen Epochen nicht verwi­schen: Während Braids Hypnose auf einer rein neurophysiologischen Theorie gegründet war und eine Übrtragung von „Fluidum“ strikt ablehnte (Kap. 17), blieb Kerner bis zu seinem Lebensende dem mesmeristischen Denken  verhaftet, bei dem „galvanisch-magnetische Vorrichtungen“ zur Erzeugung des „Somnambulismus“ eingesetzt wurden. Es liegt auf der Hand, daß die zeitgenössi­schen Vorstellungen der Ärzte von der Funktion des baquet daran beteiligt waren, die spe­zielle Vision des „Nervenstimmers“ bei der Seherin zu provozieren Wenn Kerner ihrem Einfall bereitwillig folgte, so zeigt dies Verhalten weniger individuelle Versponnenheit als vielmehr konse­quente Verfolgung des magnetischen Heilkonzeptes. Der Traum der Seherin vom „Nervenstimmer“ nach dem Tod ihres Vaters bestätigte nur den Wunschtraum der Mesmeristen, die Heilkraft zu fassen und handhabbar zu machen.

Gegenüber den üblichen baquets wies der „Nervenstimmer“ zwei Besonderheiten auf. Zum einen wurde er von der Kranken selbst konzipiert: Sie gab die Anweisungen, ihr Arzt führte sie aus. Zum anderen war er ausschließlich zum Gebrauch einer einzigen Person bestimmt, nämlich der Selbstbe­handlung der Seherin. Im Folgenden sei die Konstruktion des „Nervenstimmers“ in Anlehnung an Kerners Beschreibung vorgestellt.[16] Er bestand aus einem gleichseitigen Dreieck aus Zwetschgenholz, durch bewegliche Stahlstifte konnte das Dreieck hin und her bewegt werden. Im Inneren des Dreiecks verlief ein wollener Leiter und kam an dessen Spitze heraus, mit einem fünf Ellen langen Ende. Ein querliegender hohler Glaszylinder an der Basis des Dreiecks war mit Kamillen und Johanniskraut gefüllt und wies sechs größere Löcher, drei an der Ober- und drei an der Unterseite, sowie 27 kleinere Löcher auf. Am Glaszylinder hingen drei Glasflaschen, die gefüllt waren mit Flusswasser, Rehleder, einem eisernen Nagel oder auch – je nach Angaben der somnambulen Patientin – mit Mineralwasser, Erde, Wasser, deren Ausdünstungen auf die Kräuter im Glaszylinder einwirken sollten. Im Holzdreieck hing Stahlkettchen, welche die magnetische Kraft von den Kräutern im Zylin­der auf den wollenen Leiter übertragen sollten. Diese Kraft wurde dann angeblich an der Spitze des Dreiecks konzentriert. Die Wirkung des Dreiecks mit Zylinder wurde verstärkt, wenn es aus dem Gestell genommen und frei an der Zimmerdecke aufgehängt wurde. Der wollene Leiter mußte nach Anweisung der „Seherin“ von Zeit zu Zeit mit 7, die Maschine mit dem Wasser in den Flaschen mit 14 „Strichen“ magnetisiert werden.

Beim Gebrauche des Geräts, so führte Kerner aus, nahm Friederike Hauffe den wollenen Leiter „in die linke Hand, der nach ihrem Gefühle auch bald an diesen, bald an jenen Theil ihres Körpers gebracht wurde, während sie immer auf die Spitze des Dreiecks unverwandt hinsah. Dann erhielt sie jedesmal sichtbare Erschütterungen wie von einem galvanischen Apparate, worauf mehr oder weniger heftige Krämpfe an ihr ausbrachen, nach denen sie sich immer wieder stärker fühlte. Sie sagte: ,Ich fühle jedesmal nach dem Gebrauche dieser Maschine meine Nerven wieder wie geladen.’ Sie gebrauchte sie täglich drei- bis fünfmal, aber nur wenige Minuten lang bis zum Ausbruch von Krämpfen. Sie nannte diese Maschine Nervenstimmer.“

Die Verordnung von baquets durch Somnambule war seinerzeit keine Seltenheit. Kerner gab selbst weitere Beispiele an, die ihn offenbar zur Nachahmung ermutigten.[17] So meinte der Verfechter des animalischen Magnetismus Joseph Ennemoser, der 1819 als Medizinprofessor an die Universität Bonn berufen wurde, zum baquet, „jede eigentümliche Krankheit würde eine eigenthümliche Maschine erfordern“. Er empfahl zu diesem Zwecke sogar die Ausbildung von Hellsehenden. Ennemoser sprach aus eigener Erfahrung: „So behandle ich z. B. jetzt eine Kranke, die in Erfindung und Angabe solcher Maschinen für verschiedene Kranke gewiß alle anderen übertrifft.“[18] Allerdings lässt sich heute keine solche „Maschine“ aus dem Bonner Umfeld Ennmemosers mehr austreiben, auch entsprechende Baupläne und Gebrauchsanleitungen fehlen.

Einige Parallelen deuten darauf hin, daß Kerner durch eine 1821 publizierte Krankengeschichte mit dem Titel „Ausführliche historische Darstellung einer höchst merkwürdigen Somnambule“ zum Verfassen seiner umfassenden Krankengeschichte inspiriert wurde.[19] Der Vater der betreffenden „Somnambule“, als „rechtschaffen, gewissenhaft und ehrlich“ bezeichnet, protokollierte nämlich den gesamten Krankheitsverlauf der Tochter, teilweise in Gegenwart des behandelnden Arztes.[20] Die Aufzeichnungen wurden jeweils der Patientin vorgelesen und von dieser, falls nötig, korrigiert. Wir können hier auf diese Krankengeschichte nicht näher eingehen und wollen lediglich erwähnen, daß die Entwicklung einer „Magnetisir-Maschine“ (also eines baquet) eine zentrale Rolle spielte, die der Vater nach den Angaben der Tochter zu bauen hatte. Es handelte sich hierbei um einen Apparat, der entsprechend seiner umfangreichen Beschreibung viel komplizierter aufgebaut war als der „Nervenstimmer“.[21] Die fünf graphischen Darstellungen des Apparates zeigen ein wesentlich komplexeres Gebilde als die beiden entsprechenden Zeichnungen des „Nervenstim­mers“. Die selbsttherapeutischen Versuche der Kranken und ihre Verordnun­gen für andere Kranke erinnern an Kerners „Seherin“ und lassen erah­nen, wie sehr solche „Somnambulen“ in ihre Zeit passten. Ein systematischer Vergleich beider Krankengeschichten wäre sicher­lich interessant. Auch die Deutung des Somnambulismus als Folge einer „Entwicklungskrankheit“, bei der das Gangliensystem das Gehirn kräfte­mäßig überwiege, finden wir explizit in Kerners „Geschichte zweyer Somnambulen“ wieder.[22]


[1] J. Kerner, 1829. [2] G. Rath, 1962, S. 88. [3] F.W.J. Schelling [1810], 1842; 1948. [4] Mesmer, 1781, S. 56-64 [Anhang: „Vom Herrn Paradis selbst aufgesetzte Kranken-  eschichte seiner Tocher“]. [5] Fürst, 2005, S. 37-50. [6] Siefert, 1985; Ullrich, 1961/62. [7] Walser, 2010. [8] Enquist [1964], 2002. [9] Deslon, 1781, S. 35, 49, 53. [10] Zit. n. H. Schott, 1986 [b], S. 76. [11] Kerner [1829], 1974, Teil 4, S. 44. [12] A. a. O., S.47. [13] Kerner, 1829, 1. Theil, S. 186. [14] A. a. O., S. 187. [15] Braid, 1843, S. 27 f. [16] Kerner, 1829, 1. Teil, S. 186 ff. [17] A. a. O., S. 192. [18] J. Ennemoser, 1819, S. 72. [19] Römer, 1821. [20] Ebd., S. 4. [21] A. a. O., S. 126-138. [22] A. a. O., S. 8; J. Kerner, 1824, S. 347.


[i] Kerner, 1829, 1. Theil; → Abb. Nervenstimmer