15. Kap./3 * Innere Natur dienstbar machen

Bernheim war primär an der ärztlichen Psychotherapie interessiert. Die Fremdsuggestion des Arztes sollte sich in die Autosuggestion des Patienten verwandeln und dadurch die heilsamen, korrigierenden Impulse freisetzen. Dass der Patient sein eigener Arzt wird, indem er sich selbst suggeriert, dass also gewissermaßen Fremd- und Autosuggestionen in ein und derselben Person zusammenfallen können, stand für ihn als Klinikarzt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Dieser Ansatz der suggestiven Selbsttherapie wurde erst eine Generation nach ihm populär. Der Apotheker Émile Coué aus Nancy, der bei Liébeault und Bernheim in die Schule gegangen war, begründete um 1912 seine Methode der autosuggestiven Selbstbehandlung. Sein katechismusartiges Büchlein „Selbstbemeisterung durch bewußte Autosuggesionen“ wurde weltweit zu einem Bestseller.[1] In ihm stützte er sich ganz auf Bernheims Definition von Suggestion und Autosuggestion.[2] Seine Position ist für unsere Thematik deshalb interessant, weil er die Autosuggestion als eine mächtige Naturkraft im Unbewussten des Menschen auffasste. Die Magie der Natur, so könnte man sagen, erschien ihm als Macht des Unbewussten, der Einbildungskraft, die bei jedem Menschen wirksam werden könne. Diese sei wild, unberechenbar, fortreißend wie „ein Gießbach oder ein wildes Pferd“, könne aber gezähmt werden. Coué veranschaulichte dies mit der beliebten Metapher von Ross und Reiter. Die Einbildungskraft sei als wildes Pferd „ohne Zaum noch Zügel“ zu denken. „Was bliebe da einem Reiter übrig als sich dahin tragen zu lassen, wohin es dem Pferde beliebt? Und wenn dieses durchgeht, wird der Ritt leicht im Graben enden. Gelingt es aber dem Reiter, seinem Tiere Zügel anzulegen, so sind die Rollen gleich vertauscht. Mit dem freien Herumschweifen des Pferdes ist’s vorbei: der Reiter lenkt es jetzt.“ [3]

Die Metaphorik von Ross und Reiter hat ihre ideengeschichtliche Wurzel in Platons „Phaidros“, wo die Seele als ein geflügelter Wagen dargestellt wird, der von einem gutwilligen und einem widerborstigen Pferd gezogen und von einem Wagenlenker gelenkt wird. Es sei für diesen deshalb sehr mühsam und verdrießlich, die Zügel zu halten.[4] Platons Metaphorik ist also etwas komplizierter als bei Coué und auch bei Sigmund Freud, der das Verhältnis von Ich und Es mit dem Reiter verglich, „der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, dass der Reiter dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten“.[5] Möglicherweise hatte Freud, der die französische Fachliteratur und insbesondere die Publikationen der Schule von Nancy bestens kannte, das Gleichnis von Ross und Reiter von Coué übernommen. Der Bonner Philosoph und Kulturanthropologe Erich Rothacker, der auffallenderweise sowohl Platon als auch die moderne psychodynamische bzw. psychoanalytische Literatur von Bernheim und Coué bis Sigmund Freud mit keinem Wort in seiner grundlegenden Monographie „Die Schichten der Persönlichkeit“ (Erstauflage 1938) erwähnte, bemühte dieselbe Metapher: „Das Ich ist mit einem Reiter zu vergleichen, der auf dem ‚Es‘ wie auf einem Pferd reitet. Er läßt, soweit er zum Reittier Vertrauen hat, dieses mit losem oder leicht gespanntem Zügel gehen, bis es gilt, aufzuwachen und aufzupassen. Die Wendung der Alltagssprache sagt hier plastisch: Ich muß mich, d. h. mich mitsamt dem Pferd, ‚zusammennehmen’.“[6] Auch an anderer Stelle griff Rothacker dieses „Bild vom Reiter und Pferd“ wieder auf, um die Verschmelzung von animalischem und ichhaftem Sein in der Gesamtpersönlichkeit zu illustrieren. Die Kraft liegt freilich beim Pferd, dem „Es“: Auch wenn der Reiter noch so bewusst und kunstvoll das Pferd lenkt, „dann ist es trotzdem noch das Pferd das weiterläuft.“[7]  

Coué formulierte ein Modell, wonach die innere Natur des Menschen, sein „wildes“ Unbewusstes, durch die Autosuggestion, die ihrerseits eine Naturkraft darstelle, bewusst gelenkt werden könne: „dieser Naturkraft […] wohnt eine unerhörte Macht inne, deren Schranken bisher noch gar nicht aufgezeigt sind. […] Die geistige Beherrschung dieser inneren Gewalten bringt uns allen entschiedenen Vorteil; geradezu unentbehrlich ist solche Einsicht in das Wesen der Suggestion jedem Arzte, Richter, Anwalt oder Jugendbildner.“[8] Trotz aller methodischen Unterschiede entsprach dieses Modell der Selbstbeherrschung durchaus Freuds Verständnis von der Bändigung und Sublimierung des Es durch das Ich. Coué begriff die Einbildungskraft als „eine Seite des Unbewußten“, aus der alle menschlichen Handlungen flössen. Sie sei auf jeden Fall stärker als der Wille, was er an einem eindrucksvollen Beispiel veranschaulichte. Man stelle sich vor, über ein zehn Meter langes und 25 cm breites Brett zu laufen: einmal, wenn es auf dem Boden liegt, ein andermal, wenn es zwei Türme eines Domes überbrückt. In letzterem Fall könne niemand darüber gehen, da man sich einbilde, „man könne es nicht“. „Dachdecker und Zimmerleute bringen jenes Schreiten auf schmalen Planken nur darum zuwege, weil sie sich eben einbilden es zu können.“[9] Auch wenn Trunkenbolde und Gewohnheitsverbrecher angeblich gegen ihren Willen gezwungen würden zu handeln, wertete er dies „als deutlichsten Beleg für die gewaltige Macht der Einbidlungskraft, anders gesagt des Unbewußten, im Kampfe mit dem Willen.“[10]

Nur eine Marionette der Einbildungskraft zu sein, war für Coué das Hauptproblem, das er mit der Einführung der bewussten Autosuggestion lösen wollte: „Da pochen wir in stolzem Hochgefühl auf unsere Willensfreiheit […] und sind doch armselige Drahtpuppen, die nur von Gnaden der Einbildungskraft sich bewegen dürfen. Aber wir hören auf, uns wie erbärmliche Marionetten zu verhalten, sobald wir es verstehen, unsere Einbildungskraft bewußt zu lenken.“[11] Wie dies zu bewerkstelligen sei, wollte Coué möglichst einfach und für jedermann praktikabel darstellen. Im Grund handelte es sich bei der bewussten Autosuggestion um eine Art Selbsthypnose, die er folgendermaßen beschrieb: „Zunächst erwägt man sorgfältig, ob irgendeine Sache Gegenstand der vorzunehmenden Autosuggestion werden soll oder nicht; je nachdem diese vernunftgemäße Ueberlegung ausfällt, wiederholt man bei sich mehrere Male, ohne an anderes zu denken: ‚Dies oder jenes wird eintreten oder geschehen; das und das wird sein oder wird nicht sein’ usw. Hat das Unbewußte eine solche Suggestion angenommen, das heißt, in eine Autosuggestion umgewandelt, so wird sich das suggestiv Vorgestellte Punkt für Punkt verwirklichen. In dieser Auslegung fällt die Autosuggestion einfach mit dem zusammen, was ich unter Hypnotismus verstehe; ich definiere diesen mit den einfachen Worte: Einwirkung der Einbildungskraft auf das Seelische und das Körperliche des Menschen.[12]

Die Bedeutung der Autosuggestion für den Gesundheitszustand eines Menschen war selbstverständlich unter anderer Begrifflichkeit schon immer Diskussionsgegenstand innerhalb wie außerhalb der Medizin. Man sprach von „Gottvertrauen“, „Imagination“ oder „Einbildungskraft“. Es gibt unzählige Beispiel in der Literatur. So verfasste der englische Dichter Charles Churchill in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Strophe:

“The surest road to health, say what they will,

Is never to suppose we shall be ill;

Most of those evils we poor mortals know

From doctors and imagination flow.”[13]

Doch erst mit Coués Idee der „Selbstbemeisterung“ durch „Autosuggestion“ wurde diese Art von psychologischer Selbstkonditionierung im frühen 20. Jahrhundert in einer Penetranz verbreitet, die zuvor kaum denkbar war.

Gerade vor dem Hintergrund der „Krise der Medizin“ (Kap. 4) und ihrer Diskussion im deutschen Sprachraum wurde die therapeutische Potenz der Coué’schen Autosuggestion stark beachtet. So setzte sich der Anhänger der Wandervogelbewegung Hans Blüher intensiv mit Coué auseinander. In seinem „Traktat über die Heilkunde“, dessen Erstauflage 1926 erschien, bezog er sich vor allem auf den Chirurgen August Bier, der sich damals in öffentlicher Rede ausdrücklich auf Paracelsus und die Homöopathie berufen hatte.[14] Blühers deutschnationale Gesinnung zeigte sich u. a. in spitzfindigen Begriffsdefinitionen wie seiner Differenzierung zwischen „Einbildung durch Intellekt“ und „Einbildung von der Natur“: „Das französische Wort ‚imagination’ berührt diese Schicht [Natur] nicht. So weit also wären wir in der deutsch-französischen Verständigung gekommen.“[15] Dies entsprach dem weit verbreiteten Klischee von der intellektullen Oberflächlichkeit romanischer („welscher“) Völker im Kontrast zur seelenvollen, naturnahen Tiefe der deutschen Seele. Dementsprechend kritisierte Bühler den Franzosen Émile Coué, der im Sinne der „Neuen Schule von Nancy“ die Autosuggestion als Hebel der „Selbstbemeisterung“ propagierte. Coué, „der vergnügte Leugner der Erbsünde aus Nancy“, habe die beiden Bedeutungen von „Einbildung“ durcheinander geworfen. Es sei frevelhaft, unwahren Suggestionen zu folgen und auch die Autosuggestion sei immer Heterosuggestion, also fremdbestimmt.[16] „[…] mag ich noch so sehr die willkommene Überzeugung annehmen, ich könnte seiltanzen, es bleibt eine gewöhnliche Suggestion, wenn es nicht die Wahrheit ist. Und wenn es nicht die Wahrheit ist, so werde ich früher oder später erwachen, und ich werde abstürzen. Etwas anderes gibt es nicht.“[17] Die gewöhnliche Suggestion erschien Blüher als naturwidrig. So sei Jeanne d’Arc nicht der Einbildung, sondern der Wahrheit gefolgt: „Wäre sie ein Hysterika gewesen, so hätte sie wohl auch manchen Erfolg gehabt, aber früher oder später wäre bei ihr und bei der französischen Nation genau das gleiche Erwachen eingetreten, wie bei einem suggerierten Nichtseiltänzer, der über die Kirchturmbretter läuft, dem Gesetze der Natur zuwider.“[18] Hypnose sei Lähmung, Autosuggestion „Selbstlähmung“ des psychischen Systems. Die „Kraft der Wahrheit“ sei etwas ganz anderes: „Die Wahrheit allein bewirkt historische Größe und Heilung der Krankheiten.“

„Wahrheit“ war für Blüher religiös aufgeladen und angesichts des Todes unausweichlich mit dem „Gesetz von Schuld und Sühne“ verknüpft.[19] Die pia fraus, der fromme Betrug à la Coué mochte durchaus nützlich bei vielen sein, nicht aber bei allen. Das medizinische Äquivalent für die Krankheit laute nicht „Ich bin nicht krank“ oder Coués Abwandlung „Mit jedem Tag…“, sondern „Deine Sünden sind dir vergeben“: „Wer einen solchen Satz von der Tiefe her verstehen und daran glauben kann […], der ist allerdings gerettet, steht auf und wandelt“. Auch die Gegenüberstellung von protestantischem und katholischem Weg, wie Blüher sie formulierte, entsprach der deutschnationalen Sichtweise. Während auf ersterem Weg das „Finden der wahrhaftigen Sühne“ auf der Tagesordnung stehe, werde auf letzterem die Lösung in die Hände der Priesterschaft gelegt. „Genau so nun, wie die katholische Kirche dem Menschen die Verantwortung für die Wahl der Sühne abnimmt, genau so die Methode Coué dem Kranken die Verantwortung für seine Krankheiten; denn auch sie müssen gesühnt werden, wenn man sich überhaupt entschließt [sic] den geistigen Weg der Therapie zu gehen.“[20] Blüher billigte Coués autosuggestiver Formel „ça passe“ (es geht vorüber) bei Schmerzzuständen eine magische Potenz zu.[21] Das „Zauberwort“ solle schnell heruntergebetet werden und einen „insektenartigen Ton“ ergeben. Aber nur im Französischen sei dies der Falle: „die Formel [ça passe] ruft einen alttestamentarischen Vorgang (Vorübergang) herauf: […] klingt genau so wie – ‚Passah’ in dauernder Widerholung. Das Fest des Vorüberganges. Man probiert das exercitium magicum an eigner Person.“ Ein wenig mitleidig äußerte sich Blüher zu Couè als einem „Pazifisten der Medizin“. Der „Weltfriedensfreund“ denke: „wenn alle Menschen so vernünftig über den Krieg dächten, wie ich, so gäbe es bald keinen mehr.“[22] Aber gegen die „Erbsünde“ komme man so nicht an. „Die Krankheit eines Menschen ist die Erbsünde, gesetzt unter das principium individuationis. Wer es durchschaut, besinnt sich, ob er zu einem Arzte geht, oder lieber sein Leid auf sich nimmt. Aber wer es durchschaut, ist auch schon geheilt.“


[1] Coué, 1925. [2] Bernheim, 1884, S. 16 f. [3] Ebd., S. 16. [4] Platon, 1940, S. 436. [5] Freud, 1923, S. 253. [6] Rothacker [1938], 1941, S. 15 f. [7] A. a. O., S. 42 f. [8] Coué, 1925, S. 5. [9] A. a. O., S. 9f. [10] A. a. O., S. 15. [11] Ebd. [12] A. a. O., S. 18. [13] Zit. n. Tuke, 1872, S. 384. [14] Blüher [1926], 1950, S. 9. [15] A. a. O., S. 124 f. [16] A. a. O., S. 127. [17] A. a. O., S. 128. [18] A. a. O., S. 129. [19] A. a. O., S. 130. [20] A. a. O., S. 133. [21] A. a. O., S. 135. [22] A. a. O., S. 136.

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4. Kap./4 * Die „Krise der Medizin“

Der „Okkultismus“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der naturwissenschaftlichen Medizin zu einem Sammelbegriff für all jene Ansätze und Bewegungen, die nicht auf dem Boden der herrschenden neuen Ideologie standen. Er wurde allgemein assoziiert mit abergläubischen Lehren, obskuren Geheimwissenschaften und Geheimgesellschaften, Mystizismus, Scharlatanerie und Kurpfuscherei, kurzum: mit einem Bereich, der mit der modernen medizinischen Wissenschaft nichts mehr gemein haben sollte. Der Begriff „Okkultismus“ sollte somit eine Trennungslinie zwischen seriöser Wissenschaft und inakzeptabler Pseudo-Wissenschaft ziehen. Es lag nahe, dass man die Volksmedizin und namentlich die magische Heilkunde und ihre Ableger dem für irrational gehaltenen „Okkultismus“ zurechnete. Gleichwohl hatte der Okkultismus von Agrippa von Nettesheim bis hin zu den modernen Okkultisten und „Parapsychologen“ seinem Selbstverständnis nach die rationale Absicht, „das Mystische dem Wissen zuzuführen und es darin zu erhalten.“ [1] Inzwischen ist offenbar die Einsicht gereift, dass der Okkultismus „eine der großen geistigen Bewegung der Neuzeit“ darstellt, die sich für Museumsausstellungen eignet.[2]

Allerdings machte sich im frühen 20. Jahrhundert ein Unbehagen in der naturwissenschaftlichen Medizin breit, da sie psychologische und soziale Dimensionen aus ihrem wissenschaftlichen Blickfeld weitgehend ausgeklammert hatte. Verstärkt durch die laien- und volksmedizinischen Impulse, die in der Naturheil- und Lebensreformbewegung höchst wirksame Akzente setzten, kam es zu einer scharfen Kritik an der herrschenden Medizin. Nach dem katastrophalen Ende des Ersten Weltkriegs tauchte die „Krise der Medizin“ als Topos auf. Gerade die Vertreter der Naturheilkunde, wie etwa der sächsiche Kolonialwarenhändler Friedrich Eduard Bilz, wollten eine neue Gesellschafts- und Staatsordnung, welche eine natürliche und gesunde Lebensweise gewährleisten sollten. Zur Debatte stand eine generelle Lebensreform, worüber an anderer Stelle ausführlich zu berichten ist (Kap. 10). [3]

Eine besonders eigenwillige Position vertrat der Philosoph und praktizierende Psychologe Hans Blüher, ein nahmhafter Anhänger der jugendlichen Wanderbewegung „Wandervogel“. Er war zwischen den geistigen und politischen Welten angesiedelt, weder Demokrat noch Nazi, schillernd in seiner Einschätzung des Judentums.[4] In seinem 1949 erschienenen Werk „Die Achse der Natur“ fasste er noch einmal in einem großen philosophiegeschichtlichen Bogen seine Kritik des modernen naturwissenschaftlichen Denkens zusammen. Für unsere Thematik interessant ist seine naturphilosophische Position bei der Beschreibung der verschiedenen „Arten von Entdeckung“: empirische Entdeckung, Entdeckung von Naturgesetzen, kosmologische Entdeckung.[5] So enthalte der „Entdeckungsakt“ von Röntgen, Koch und Siemens „keinerlei geniale Elemente“, im Gegensatz zur „genialen Konzeption“ eines Kopernikus, Galilei, Newton.[6] Bei genialen Entdeckern spiele nämlich die Natur mit: „sie drückt gewissermaßen auf ein auserwähltes Individuum, dem sie den Ball zuwirft. […] im Genius trifft [sic] ein Entdeckungsakt (vom Subjekte her) und ein Offenbarungsakt (vom Objekte her) zusammen und bringt die jedesmal durchaus neue Erkenntnis zum Aufleuchten. Die Stromrichtung ist dabei allemal vom Objekt zum Subjekt und niemals umgekehrt.“ Damit ist eine Rangordnung festgelegt: Der Genius steht höher als der Gelehrte. Blüher unterschied drei Arten der kosmologlischen Entdeckung: die der Erde, der Welt und der Natur. Die Hellenen hätten sich gegen die Vorstellung, dass die Erde eine Kugel sei und sich um eine Achse drehe, gesträubt. Analog hierzu, meinte Blüher, sträube sich die moderne Naturwissenschaft gegen die „Achse der Natur“.

Er lehnte eine pantheistische Naturvorstellung ab, wie sie sich etwa bei Goethe oder Spinoza finde. „Natur ist ein transcendentales Kontinuum. Sie hat eine Achse, im deren einer Pol im transcendentalen Subjekt verankert liegt, der andere im transcendentalen Objekt. Ihr Inhalt heißt das archetypische Potential.“[7] Die Naturwissenschaft habe es aber nur mit der „Leiche von Natur“ zu tun: „Je heller es also auf den Teilgebieten der Naturwissenschaft wird, um so dunkler wird es mit der Erkenntnis der Natur selber, die schließlich in vollkommene und rätselhafte Finsternis zu liegen kommt. Und die Finsternis im Menschen entspricht ihr, denn der Mensch ist ‚Anrainer der Naturachse’ […].“[8] Die Erkenntnis gehe über den Genius „unter Auslassung des Gelehrten“, denn nur in ihm offenbart sich die Natur.[9] So wandte er sich auch gegen die liberale Theologie (Adolf von Harnack). Jesus sei eben „nicht ‚Einer von uns’“ gewesen. Denn der „Menschensohn“ war „mit Naturnotwendigkeit kosmologische Person“.[10]

Dieser religiöse Aufzug in Verbindung mit der Aufwertung der Naturphilosophie war auch bei jenen ärztlichen Autoren spürbar, die sich mit der „Krise der Medizin“ auseinandersetzten und sich dabei nicht so explizit theologisch äußerten wie Blüher. Die betreffende Diskussion fand vor allem zur Zeit der Weimarer Republik statt. Ein wortgewaltiger Ankläger der naturwissenschaftlichen Medizin war der Danziger Arzt Erwin Liek, dessen auflagenstarken Bücher großen Eindruck auf Laien und Ärzten machten. Er wollte die traditionelle Rolle des heilenden und helfenden Arztes, der weder Magier noch Mechaniker sein solle, wiederbeleben und „weder dem Aberglauben längst überwundener Zeiten noch moderner Mystik“ das Wort reden.[11] Das Arzt-Patientenverhältnis sei von Glauben und Vertrauen getragen, die er als „die besten Arzneien“ bezeichnete. In dieser „Zeit der Mechanisierung und Bürokratisierung“ hätten die Ärzte die „Zaubermacht eines guten Wortes“ allzu sehr vergessen.“[12] Diese mache im Sinne paracelsischen Ausspruchs „Der Arzt geht aus Gott!“ das „Wunder in der Heilkunde“ aus, wie der betreffende Titel seines Buches lautete.

Bei Liek kann man mustergültig studieren, wie unmittelbar sich seinerzeit ärztliches Ethos mit völkischem Pathos paaren konnte. Soziale Versicherungen mit der kassenärztlichen Versorgung waren ihm Ausdruck einer sozialen Krankheit, die nur an Symptomen kuriere.[13] Im Sinne der „Volksgemeinschaft“ plädierte er für eine „geistige Wandlung“, die gesunde Arbeiter hervorbringe anstelle von Fürsorgeempfängern.[14] Folgerichtig begrüßte er die Erfolge der nationalsozialistischen „Revolution von 1933“ mit überschwänglichen Worten: „Abwehr und Vernichtung des Marxismus, Verneinung des Gleichheitswahns, Beseitigung der Parteien, Kaltstellung der Schwatzparlamente, Einigung des deutschen Volkes, Abbau der Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr.“[15] Die „geistig-seelische Haltung“ sei im Leben der Völker das Ausschlaggebende, nicht der materialistische „Forschritt“. Dabei spiele der (deutsche) Arzt eine besondere (geistige) Rolle: „Die Erneuerung der Heilkunde kommt aus dem Geist, nicht aus der Materie. Führer der neuen deutschen Heilkunst wird nicht der Mediziner sein, sondern der Arzt!“[16] Es wäre eine völlige Verkennung der ideologischen Gemengelage des Nationalsozialismus, wenn man dessen Ideologie mit Fortschrittsskeptikern à la Liek identifizieren würde. Solche romantisch-völkischen Schwärmereien wurden letztlich von den technokratischen Machern der nationalsozialistischen Eroberungsmaschinerie dominiert und, wenn es darauf ankam, ins Abseits gestellt.

1928 veröffentliche der 1938 in die USA emigrierte Wiener Gynäkologe Bernhard Aschner, der Begründer der humoralpathologischen Konstitutionstherapie, sein programmatisches Buch „Krise der Medizin“.[17] Es erlebte bis 1934 sechs Auflagen und erschien zuletzt noch einmal 1953 mit einem Vorwort des nun in New York lebenden Autors.[18] Er verwies darin wie auch später immer wieder auf die Konstitutionstherapie als „Ausweg“ aus der Beschränktheit der Universitätsmedizin.[19] An anderer Stelle schrieb er: „Es ist leicht zu behaupten, die Abwanderung des Publikums zur inoffiziellen Medizin sei ein Problem, sie hänge mit Suggestion, Wunderglauben und dergleichen zusammen. Das ist Vogel-Strauß-Politik. Die wahre Wunde, auf welche ich den Finger gelegt und deren Heilung ich angegeben habe, [ist] nämlich die Einseitigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit der heutigen Universitätsmedizin … Man muss auch die zahlreichen heute inoffiziellen Richtungen auf ihren guten Kern hin untersuchen und das Gute übernehmen … ganz anders [als die Universitätskliniker] stellen sich die praktischen Aerzte dazu ein. Sie greifen begierig und wie ausgehungert nach allem, was ihre Heilresultate verbessern kann, und tun es, wenn sie überhaupt erst einmal soweit sind, mit überraschendem Erfolg.“[20] In erster Linie ging es ihm um die Revitalisierung von „konstitutsiontherapeutischen bzw. humoralpathologischen Methoden“, welche die Konstitution durch „Säftebehandlung“ beeinflussen sollten: von den diversen Ableitungsmethoden nach dem Modell des Aderlasses, über blutreinigende und konstitutionsumstimmende Verfahren sowie Reizkörpertherapie bis hin zu psychischen Heilmethoden.[21] Darüber hinaus wollte Aschner aber auch „inoffizielle Heilmethoden“ einbeziehen, die den „Gesamtorganismus“ beeinflussen könnten. Explizit nannte er Homöopathie und Magnetopathie (Mesmerismus) sowie eine Reihe weiterer Verfahren, die Konstitutionstherapie im Gegensatz zur „Spezialistenmedizin“ betreiben würden. Er nannte unter anderem theosophische und anthroposophische Medizin, das „Hutersche System“ (Kap. 10) und die Naturheilkunde.

Den aus verschiedenen Richtungen argumentierenden Kritikern einer dogmatischen naturwissenschaftlichen Medizin wie Erwin Liek, Eugen Bleuler und Viktor von Weizsäcker (Kap. 5) ging es in der Regel nicht um eine Re-Mystifizierung, die Wiedereinführung magischer oder okkulter Heilpraktiken in die aktuelle Schulmedizin, als vielmehr um die Frage, wie die Ärzte ein an die „Zauberer“ verloren gegangenes Terrain zurückerobern könnten. So meinte Erwin Liek in seinem Buch „Der Arzt und seine Sendung“: „Der Kranke sucht im Arzt die Persönlichkeit, den Seltenheitswert, heute noch, kann man sagen, den Zauberer. Auf Zauber ist ein großer Teil unserer Heilerfolge, selbst in der Chirurgie zurückzuführen.“[22] Der Diskurs über diesen Zauber-Faktor der Medizin, der später den Namen „Placebo-Effekt“ erhalten sollte, erhitzte die Gemüter.

In dieser Sicht erschienen nun Behandlungsformen der Volksmedizin, Laienmedizin oder esoterische Medizin nicht als Firlefanz, sondern als Heilrituale, die tatsächliche Wirkungen zeigten. Diese Einstellung war von einer gewissen wissenschaftlichen Neugierde geprägt und kannte kaum Berührungsängste, wie das Beispiel der Zürcher Psychiaters Eugen Bleuler belegt. In seiner programmatischen und provozierenden Schrift „Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung“ heißt es: „Warum konnte der Pfuscher durch Suggestion soviel ausrichten, lange bevor es die Mehrzahl der Ärzte vermochte, und warum kann er jetzt noch seine ganze Praxis darauf gründen? Weil er eben ein geborener Psychologe ist, und weil die gelehrte Medizin die Psychologie verschmäht und sich aktiv vom Leibe gehalten hat […] und die Moral dieser Blamage der Medizin ist eben die: Wir sollen den Pfuscher nicht fürchten und nicht hassen und auch nicht unsere Augen vor ihm schließen, sondern wir sollen ihn studieren, so wie der Naturforscher die Wolfsmilch und die Rose erforscht, und wir sollen von ihm lernen, teils wie man es machen könnte, teils wie man es nicht machen soll.“[23]  In neo-romantischem Ton schrieb der Frankfurter Medizinhistoriker Richard Koch im Hinblick auf die Heilquellen über die wunderbare Wirkung des „Magischen“ als einem Prinzip der Heilkunde schlechthin. Er betonte, „dass es in der Medizin nicht nur eine Magie der Mineralquellen gibt, dass alle Medizin heute noch von magischen Kräften unterströmt ist, wie das immer so war.“[24]

Die Reduktion der Medizin auf ihre naturwissenschaftlich-organische Grundlage erforderte nach Auffassung der Kritiker eine psychologisch-geistige Ergänzung. So schlug Liek etwa die Rückkehr zum „Priesterarzt“ vor, bekämpfte als vermeintliche Ursache der Krise der Medizin energisch das Sozialversicherungssystem, das angeblich die Verweichlichung des Volkes und das Simulantentum fördere und die Ärzte zur Massenabfertigung von Patienten zwinge. Zugleich forderte er ein Wiederaufleben der Volksmedizin und der Naturheilkunde. Wie sehr Okkultismus und völkisch-nationale Ansätze zusammenpassten, insbesondere durch die Indienstnahme bestimmter naturphilosophischer Traditionen, offenbarte die „Neue Deutsche Heilkunde“, wie sie im NS-Staat – freilich auch hier nicht auf Dauer erfolgreich – installiert wurde.[25] Auf das entsprechende Leitbild von der gesunden Natur, die als Ikone hochgehalten wurde, ist später zurückzukommen (Kap. 8 und 13).

Der Terminus „Krise der Medizin“ tauchte, wie bereits angemerkt, nach dem Ersten Weltkrieg auf, hier je nach Standpunkt mit naturheilkundlicher, sozialreformerischer oder völkischer Akzentuierung. Als Ideal galt der gesunde Volksgenosse in der gesunden Volksgemeinschaft. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Terminus eine Rolle, nun aber als Ausdruck der „Krise des Abendlandes“ verstanden, wie etwa bei dem Arztschriftsteller Max Kibler.[26] Dieser griff zwar den Begriff „Krise der Medizin“ als Reaktion auf die Katastrophe des „Dritten Reichs“ auf, erwähnte jedoch die ebenso bezeichnete Debatte in der Weimarer Republik mit keinem Wort. Er suchte wie viele andere Zeitgenosen nach einem neuen Menschenbild angesichts der nach wie vor herrschenden naturwissenschaftlichen Medizin. Im „Zeitalter der Vermassung“ gerade in der Heilkunde breche sich die neue und zugleich alte Erkenntnis Bahn, dass es nicht um Krankheiten, sondern um einzelne kranke Menschen gehe. Er nannte zwei durchaus unterschiedliche Internisten, die für den „Einbruch des Subjekts in der Medizin“ plädiert hätten: Paul Martini und Viktor von Weizsäcker, der den kranken Menschen, der ärztliche Hilfe benötigt, als „Urphänomen“ bezeichnet hatte.[27] So unterschiedliche ärztliche Autoren wie Peter Bamm (Curt Emmrich) und Albert Schweitzer imponierten nun als Exponenten einer humanen Medizin. Psychoanalyse und Psychosomatik wurden als psychologische Ergänzungen der Körpermedizin willkommen geheißen. Nach den Erfahrungen im Nationalsozialismus stand aber nicht mehr das Interesse der Gemeinschaft („Volk und Staat“) im Vordergrund, sondern die Beachtung der individuellen Menschenwürde.

Eine weitere Wende in dieser Krisengeschichte der Medizin bahnte sich in den 1970er Jahren an, als mit dem wissenschaftlich-technologischen und dem gesellschaftspolitischen Wandel innerhalb wie außerhalb der Medizin nach Auswegen aus der kritisierten Situation gesucht wurde. Im Gefolge der 68er Studentenbewegung kam es zu einer mehr oder weniger radikalen Kritik an der „herrschenden“ Medizin, die manche Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen beförderte. So wurden für die Medizin bedeutsame sozialpolitische Reformprojekte angestoßen, beispielsweise auf dem Gebiet der psychiatrischen Versorgung, die gemäß der so genannten Psychiatrie-Enquête von Grund auf reformiert wurde.[28] Die „Psychofächer“ Psychosomatik, Psychotherapie und Psychoanalyse, wurden verstärkt in die Universitätsmedizin einbezogen. Damit sollte die naturwissenschaftliche Medizin im Sinne einer „zukünftigen ganzheitlichen Medizin“ erweitert werden.[29] Der Leib-Seele-Dualismus, die zu einer „Dichotomie“ der Medizin in eine somatische und eine psychische Sichtweise geführt habe, sei zu überwinden. So plädierten die Ulmer Psychosomatiker Thure von Uexküll und Wolfgang Wesiack für eine Ablösung der Trennung von Subjekt und Objekt durch das Modell des „Situationskreises“, in Anlehnung an den biologischen „Funktionskreis“ Jakob von Uexkülls.[30] Mit dem Siegeszug der molekularen Biomedizin und der Neurowissenschaften um die Jahrtausendwende schlug das Pendel der medizinischen Ideologie wieder in die andere Richtung aus.


[1] Steinfeld, 2012. [2] L’Europe des esprits […], 2011. [3] Bilz, 1918. [4]http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Bl%C3%BCher(9.08.2011) [5] Blüher, 1952, S. 5. [6] A. a. O., S. 6. [7] A. a. O., S. 9. [8] A. a. O., S. 10. [9] A. a. O., S. 11. [10] A. a.O., S. 13. [11] Liek, 1930, S. 10. [12] A. a. O., S. 200. [13] Liek, 1927. [14] A. a. O., S. 84. [15] Liek, 1933, S. 239. [16] A. a. O., S. 242. [17] Aschner, 1928. [18] Aschner [1928], 1953. [19] Aschner, 1933. [20] Aschner, 1933; zit. n. H. Schott, 2000, S. 78. [21] Aschner [1928] 1931, S. 61. [22] Liek, 1926, S. 106. [23] Bleuler, 1922, S. 150 f. [24] Koch, 1933, S. 71. [25] Karrasch, 1998. [26] Kibler, 1955, S. 8. [27] A. a. O., S. 25. [28] Schott / Tölle, 2006, S. 312 f. [29] Wesiack, 1994. [30] Uexküll / Wesiack, 1988; Präetorius, 1990.